DER TEE.

Martiniz und der Hofrat traten ein. War es Emils hoher, kräftiger

Tannenwuchs, war es die ungezwungene Grazie seiner würdigen Haltung,

war es das Geistvolle seines sprechenden Auges, war es der wehmütige

Ernst, der auf diesem schönen Gesichte lag und ihm einen so

unendlichen Liebreiz gab, waren die Träume der Ballnacht wieder

aufgestiegen, um süße Erinnerungen zu flüstern?--Ida stand

versteinert, als sie den Grafen erblickte. Ach, sie hätte viel darum

gegeben, in diesem Augenblicke nicht die Hausfrau machen zu dürfen!

Sie hätte ganz von ferne ihn betrachten und selig sein wollen. Hofrat

Berner stellte ihn mit einem vielsagenden Blicke seiner Ida vor; aber

diese hätte sich in diesem wichtigen Moment selbst Schläge geben

mögen; so links, meinte sie, so albern hatte sie sich noch nie

benommen. Was mußte er nur von ihr denken? War sie doch gerade

aus der Residenz gekommen, wo ihre Erziehung nach allen Regeln

vollendet worden war, hatte sich in allen Zirkeln, in den feinsten

Salons ohne Ängstlichkeit bewegt, und hier stand sie errötend, mit

niedergeschlagenen Augen--und stammelte recht kleinstädtisch "von der

Ehre, die Seine Exzellenz ihrem Hause erzeige".

Aber bei dem feinfühlenden Manne, der schon früher ihren Anstand,

ihre Würde, ihre Erhabenheit über jedes Verlegenwerden bewundert

hatte, erhöhte gerade diese süße Verlegenheit den Wert des Mädchens.

Mit unendlicher Gewandtheit wußte er sie aus der peinlichen

Verlegenheit dieser ersten Minuten herauszuführen; in wenigen

Augenblicken war sie wieder das frohe, unbefangen scheinende Mädchen

wie früher und konnte die Albernheit ihrer Cousine beobachten. Diese

war, als die Flügeltüre aufging, dagestanden wie Frau von Loth bei

Sodom, als sie in Steinsalz verwandelt wurde, starr, steif, atemlos,

nur die beiden ungeheuern Fleischmassen ihres aufgepreßten Busens

arbeiteten, von dem rasenden Schnellwalzer in Aufruhr gebracht, noch

immer fort. Als ihr Martiniz vorgestellt wurde, war sie noch nicht zu

Atem gekommen; sie ließ also nur einen Liebesblick auf ihn

hinüberspazieren und verneigte sich hin und wieder. Als sie aber

wieder Atem geschöpft hatte, fing sie in ihrer naivsten Manier an zu

kichern und erzählte, daß sie für ihr Leben gern tanze und daß es ihr

und dem kleinen Herzenscousinchen unwiderstehlich in die Füße

gekommen sei. Sie plapperte fort und fort, aber leider schien ihr nur

der Hofrat zuzuhören; denn Martiniz, der neben Ida Platz genommen

hatte, war mit dieser schon in so tiefem Gespräch, daß er auf das

Geschnatter der Dicken nicht hören konnte. Sich so vernachlässigt zu

sehen, konnte das fünfundzwanzigjährige Kind nicht dulden; sie erhob

also ihre Stimme noch lauter und wurde sogar witzig; aber der Graf,

dachte sie, nein, einen so verschämten Anbeter hatte sie noch nicht

gehabt, nicht einmal die Augen wagte er zu ihr aufzuschlagen; aber

der Graf, denken wir, _wie_ konnte sie auch nur verlangen, daß

er zu ihr aufsehe? Hatte er denn jetzt nicht gerade alle Augen nötig,

um die unnachahmliche Grazie zu sehen, mit welcher das Engelskind Ida

ihren Tee machte? Wie appetitlich sah es aus, wenn sie in die Tassen

warmes Wasser strömen ließ, um sie in dem Gümpchen zu reinigen; wie

allerliebst drehte sie den Hahn in der Maschine auf und zu, wie

verbindlich wußte sie die Tasse zu reichen; ach, er hätte sich auch

die Butterbrötchen, den Zucker, den Arrak und alle andren Bedürfnisse

viel lieber von ihr reichen lassen als von den fünf reich galonierten

Dienern, die solches umherboten! Mit welchen Augen hing er an ihr, an

allen ihren Bewegungen! Und Ida hätte nicht das pfiffige Mädchen sein

müssen, wenn sie nicht in diesem sprechenden Auge das Gefühl bemerkt

hätte, das für sie in seiner Brust lebte.

Die Gesellschaft war nach und nach größer geworden; der Präsident

hatte einige seiner jungen Assessoren und Räte mitgebracht, einige

junge Damen von Idas Bekanntschaft hatten sich eingefunden, und die

Freilinger mußten sich alle, mit Ausnahme der Sorben, die sich

schrecklich ennuyierte, gestehen, daß sie selten einen so geselligen,

interessanten Abend verlebt hatten. Es kam dies wohl daher, daß der

Präsident, der Hofrat und Idchen alles aufboten, um ihren neuen Gast

zu erheitern; dadurch werde das Gespräch allgemein und anziehend. Es

ist eine alte Erfahrung, daß der allgemein anerkannte Wert des

Geliebten ihn in den Augen seines Mädchens noch unendlich reizender

macht, ihm noch eine erhabenere Stellung in ihrem Herzen gibt; so

ging es auch Ida. Der Umfang des Wissens, den Martiniz im Gespräch

mit den Männern an den Tag legte, seine interessanten Mitteilungen

von seinem Vaterlande, von den vielen Reisen, die er gemacht hatte,

seine feine Gewandtheit, womit er auch die Damen in das Gespräch zog,

die verbindliche Artigkeit, womit er jeder zuhörte und ihr Urteil

weiter auszuführen und unbemerkt so zu drehen wußte, daß es wie etwas

Bedeutendes klang, sein glänzender, lebhafter Witz, den ihm das immer

rascher fortrollende Gespräch entriß--dies alles gewann ihm die

Achtung der Männer, riß die Herzen der Damen zu dem glänzenden

Fremden hin.

Und Ida--sie war ganz weg! Seine Reden hatten allen, seine

Feuerblicke nur ihr gegolten; ihr Herzchen pochte stolz und froh; wo

die Sorben und die andern Freilingerinnen seinen kühnen Ideen nicht

mehr folgen konnten, da fing für sie erst die rechte Straße an, sie

plauderte, wie ihr das Rosenschnäbelchen gewachsen war, lachte,

scherzte in Witz und Schwank, daß dem Präsidenten vor Freuden das

Herz aufging, wie gebildet, wie gesellschaftlich sein Kind geworden

war. Er nahm sich in seinem Entzücken vor, gleich morgen ein

Belobungsschreiben an Madame La Truiaire zu schreiben, die ihm eine

so glänzende Weltdame mit ungetrübter Unschuld und Natürlichkeit

erzogen habe. Die gute Madame La Truiaire aber hatte _dieses_

Wunder nicht bewirkt; zwar galt Ida von Sanden in den ersten Häusern

der Residenz für eine sehr feine und anständig erzogene junge Dame;

doch war sie dort ernst, zurückhaltend, so daß, wer sie nicht näher

kannte, über ihren Geist wenig oder gar nicht urteilen konnte; nein,

eine andere Lehrmeisterin, die reine Seligkeit der ersten erwiderten

Liebe, hatte sie so freudig, so selig gemacht, hatte alle Pforten

ihres tiefen Herzens aufgeschlossen und den Reichtum ihres Geistes

ans Licht gelockt.

Der Hofrat war ein feiner Menschenkenner; von Anfang, als das

Gespräch noch nicht recht fortwollte, hatte er alles getan, um es ins

rechte Geleis zu bringen. Nachher aber hatte er sich zurückgezogen

und nur beobachtet. Da entging ihm denn nicht, daß der Graf, je

länger er mit dem süßen Zauberkind sprach, je tiefer er ihm in das

geistvolle Veilchenauge sah, je mehr sich vor ihm diese zarte

Mädchenhaftigkeit, dieser reiche Geist, diese hohe Herzensgüte

entfaltete, immer mächtiger zu ihr hingezogen wurde; wie gestern, als

er ihm von des Mädchens gebildetem Geist, seinen stillen Tugenden

erzählte, so verschwand auch jetzt nach und nach die Wehmut aus

seinen Zügen; eine rosige Laune, die diesem Gesicht unendlichen Reiz

gab, ging an ihm auf; er konnte, was der Hofrat bei diesem

Unglücklichen nicht für möglich gehalten hätte, sogar recht herzlich

lachen; er konnte--Nein, der alte Mann war selbst verliebt in ihn, er

sah ja vor Seligkeit und Liebe aus wie ein verklärter Cherub.

Kam übrigens der Graf dem Hofrat wie ein Cherub vor, so sah in ihm

die Sorben den leibhaftigen Satan. Hatte sie sich doch alle

erdenkliche Mühe gegeben, ihm ihre Neigung zu ihm zu zeigen. Hatte

sie nicht die kleinen Kalmuckenaugen aufgerissen, daß ihr das Wasser

daran aufstieg, nur um ihm das Feuer zu zeigen, das für ihn strahle?

Hatte sie nicht alle naiven Künste aufgeboten, um seine

Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen? Aber jetzt sah sie klar: die

kleine, unzeitige Kokette, ihre Cousine, hatte ihr den herrlichen

Mann weggeschnappt. Sie warf allen Haß auf diese; hatte sie sich doch

vorhin so kindisch gestellt, als könnte sie nicht fünfe zählen. Sie

selbst--o, sie hätte sich können auf den Mund schlagen für die

Dummheit--ja, sie selbst hatte offenbar das Mädchen, das eigentlich

noch ein Backfisch war, dazu aufgereizt, den Grafen zu fangen. Wäre

sie mit ihrer Anleitung zur Routine zurückgeblieben, das Kind hätte

nie daran gedacht, ihr Auge zu dem schönen Fremden zu erheben. So

dachte die Sorben.

Ihr pomeranzenfarbiger Teint rötete sich vor Zorn, sich so

hintangesetzt zu sehen; hatte ja doch, wenn sie recht darüber

nachdachte, der Graf sogar ihrer gespottet, als sie glaubte, etwas

recht Witziges gesagt zu haben. Es war davon die Rede gewesen, daß

jetzt alles Fräulein heiße, was man sonst wohl auch schlechthin

Mamsell genannt habe. Man sprach her und hin darüber, und um Ida

einen Stich zu geben, die zwar von väterlicher Seite von altem Adel

war, aber eine Bürgerliche zur Mutter gehabt hatte, warf sie die

witzige Bemerkung ein: Die Fräulein kommen ihr gerade vor wie die

Spitzen. Es heiße alles Spitzen, und doch sei ein so großer

Unterschied zwischen den echten und unechten, daß jedes Kind die

Feinheit der echten von den gröberen unterscheiden könne. Sie hatte

triumphierend über ihr Bonmot im Kreise umhergesehen; die Antwort des

Grafen machte sie aber stutzen. "Sie haben recht, gnädiges Fräulein,"

hatte er gesagt, "und die echten unterscheiden sich, wenn ich nicht

irre, hie und da auch durch ihre Farbe von den unechten; wenigstens

habe ich mir sagen lassen, daß die ganz echten gelblichbraun

aussehen." Hatte er auf ihre bräunliche Haut anspielen wollen? Die

Herren, und namentlich der Hofrat, hatten so höhnisch dabei

ausgesehen. Das Betragen des Grafen, der sie über Ida gänzlich zu

ignorieren schien, bestätigte die Meinung. Sie kochte Rache in ihrer

Brust und schwur sich mit den fürchterlichsten Eiden, daß der

Backfisch seine Eroberungen nicht weiter fortsetzen solle. Sie war

auch die erste, welche aufstand, und weil es schon ziemlich spät war,

folgten die übrigen. Nein, es war ihr unerträglich! An der Türe

noch mußte sie mit ansehen, wie der Graf, welcher sich auch

verabschiedete, mit seinen Blicken Ida beinahe verzehren wollte. Sie

mußte hören, wie er versprach, recht oft herüberzukommen.

Verachtungsvoll wandte sie ihrer Cousine, die ihre Freundinnen zum

Abschied küßte, den Rücken, stürmte die Treppe hinab und setzte sich,

mit der ganzen Welt zerfallen, in ihren Wagen.

"Herrlicher Mensch, der Martiniz," sagte der Präsident, als die

Gesellschaft auseinander gegangen war, zu Ida und dem Hofrat, die

noch bei ihm saßen; "scharmanter Mensch! Wie gewandt, wie fein!

Schade nur, daß er sich nicht aufs diplomatische Fach gelegt hat! Wie

er alles so artig zu geben weiß; wie er allem, auch dem Trivialsten,

was unsere Damen sagten, mit einer Engelsgeduld zuhörte und gutmütig

ein glänzendes Mäntelchen umhing, wenn sie etwas Dummes plapperten.

Er wäre eine wahre Zierde des Landes, wenn er sich bei uns ankaufte.

Die Gräfin Aarstein mag ich ihm auch ganz wohl gönnen, möchte

übrigens wissen, wie weit er mit ihr steht--"

Ida, die dem Lob des Geliebten mit niedergeschlagenen Augen und

fliegender Brust zugehört hatte, fühlte bei den letzten Worten nicht

nur einen Stich ins Herz, sondern auch einen leisen Druck auf ihr

Füßchen. Sie merkte gleich, woher dies kam, und begegnete dem

listigen Auge des Hofrats, der ihr Trost zuwinkte und den alten Papa

über seine Fehlschüsse auszulachen schien. Ja, es stieg reiner, süßer

Trost in ihr auf. Zwar sie hatte schon von der hohen Verstellungsgabe

der Männer gehört und gelesen; sie wußte das Sprichwort solcher

Reisenden: "Ein ander Städtchen, ein ander Mädchen". Sie erinnerte

sich an die üppigen Reize der Aarstein, an ihre Verführungskunst, die

schon so manches junge unerfahrene Männerherz betörte, an ihre

wichtigen Verbindungen mit dem Hof, an ihre eigene, nicht ganz streng

stiftsfähige Geburt. Aber was wollte sie denn? Sie wollte ja gar

nicht an das Glück denken, Hand in Hand mit diesem Manne durchs Leben

zu gehen, sie wollte ja nur geliebt sein, und daß sie es war, sagte

ihr scharfes Auge, ihr Herz, das jeden Ton der Liebe verstanden

hatte. Aber konnte dieses alles nicht dennoch Verstellung sein? Wer

sagte ihr, daß dieser fremde Mann sie nicht betr--

Nein, betrügen konnte dieses edle, reine Gesicht nicht, die Glut

dieser Augen konnte nicht täuschen! Froh dieser Überzeugung, die sie

während des Auskleidens gewann, hüpfte sie in ihr Schlafzimmer und

machte dort vor dem Spiegel einen komischen Knix. "Habe die Ehre,

mich zu empfehlen, Frau Exzellenz, Gräfin von Aarstein," sprach die

Mutwillige, "hier steht eine junge Dame, die sich mit Ihnen in den

Kampf um den schönen Polacken einlassen will, welchen Eure Exzellenz

als Sattelpferd an Ihren Triumphwagen spannen möchten. Ich bin zwar

weder so dick, noch so geschminkt als Sie; aber dennoch wagt es meine

Wenigkeit, gegen Höchstdieselben zu streiten." Noch einen Knicks und

dann Unterröckchen und Strümpfchen herunter und mit einem Satz in das

weiche Bettchen! Dort streckte sie das Engelsköpfchen noch einmal aus

der Decke hervor, warf ein Kußhändchen nach dem Goldenen Mond hinüber

und flüsterte: "Gute Nacht, mein armer Emil, schlafe sanft und träume

süß, träume auch ein ganz klein wenig von Ida!" Sie schloß selig die

Augen und legte sich zurecht, wollte eben hinüberwandern in das

unbekannte Land der Träume; da schüttelte sie ein jäher Schrecken

wieder auf und jagte sie aus dem Bette.--

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Der Mann im Mond Oder der Zug des Herzens ist des Schicksals Stimme, nebst der Kontrovers-Predigt über H. Clauren und den Mann im Mond · 第 25 / 76 题