Im Goldenen Mond drüben ging es hoch her. Drei Zimmer in der Beletage
vorn heraus hatte schon lange Zeit kein Fremder mehr gehabt. Die
Mondwirtin hatte daher alles aufgeboten, um diese Zimmer so anständig
als möglich zu dekorieren; das mittlere hatte sie durch einen
eleganten Armoir zum Arbeits-, durch ein großes Sofa zum
Empfangzimmer eingerichtet. Das linke nannte sie Schlafkabinett, das
rechte, weil sie ihren ganzen Vorrat überflüssiger Tassen und eine
bronzierte Maschine auf einen runden Tisch gesetzt hatte, das
Teezimmer. Auch an der _Table d'hôte_, wo sonst nur einige
Individuen der Garnison, einige Forst- und Justizassessoren,
Kreissteuereinnehmer und dergleichen, selten aber Grafen saßen, waren
bedeutende Veränderungen vorgegangen. Zum Dessert kam sogar das
feinere Porzellan mit gemalten Gegenden und die damaszierten
Straßburger Messer, die sonst nur alle hohen Festtage aufgelegt
wurden.
Daß ihr angesehener Gönner und spezieller Freund, der Hofrat Berner,
jetzt im Mond statt zu Haus essen wollte und augenscheinlich dem
Grafen zu Ehren, zog einen neuen Nimbus um die Stirne des letzteren
in den Augen der Frau Mondwirtin. Sie war ganz vernarrt in ihren
neuen Gast. Schon als er in dem herrlichen Landau mit den vier
Postpferden, den aus Leibeskräften blasenden Schwager darauf,
vorfuhr, als der reichbordierte Bediente dem jungen Mann heraushalf,
sagte sie gleich zu ihrem Ehezärter: "Gib acht, das ist was
Vornehmes."
Als sie aber dem Brktzwisl,--so nannte sich der gute alte Diener,--
die Kommoden in den drei Zimmern öffnete, ihm die Kleider und Wäsche
seines Herrn aus den Koffern nehmen, sortieren und ordnen half, da
schlug sie vor Seligkeit und Staunen die Hände zusammen. Sie hatte
doch von ihrer Mutter gewiß recht feine, sanfte Leinwand zum
Brauthemdchen bekommen; aber das war grober Zwillich gegen diese
Hemden, diese Tücher--nein, so etwas Extrafeines, Schneeweißes
konnte es auf der Erde nicht mehr geben wie dieses.
Es ist kein übles Zeichen unserer Zeit, wo der Edelmann seinen Degen
abgelegt hat und Grafen und Barone im nämlichen Gewand wie der
Bürgerliche erscheinen, daß die Frauen dem Fremden, der zu ihnen
kommt, nach dem Herzen sehen, das heißt nach seiner Wäsche. Ist sie
grob, unordentlich oder gar schmutzig, so zeigt sie, daß der Herr aus
einem Hause sein müsse, wo man entweder seine Erziehung sehr
vernachlässigte, oder selbst _malpropre_ und unordentlich war.
Wo aber der bläuliche oder milchweiße Glanz des Halstuches, die
feinen Fältchen der Busenkrause und des Hemdes ins Auge fallen, da
findet gewiß der Gast Gnade vor den Augen der Hausfrau, weil sie
immer dieses Zeichen guter Sitte ordnet und aufrecht erhält.
Auch die Freilinger Mondwirtin hatte diesen wahren Schönheitssinn,
diese angeborene Vorliebe für schönes Linnenzeug in ihrer oft
schmutzigen Wirtschaft noch nicht verloren; daher der ungemeine
Respekt vor dem Gast, als sein Diener ihr die feinen Hemden
dutzendweis, bald mit gelockten, bald mit gefältelten Busenstreifen,
bald mit, bald ohne Manschetten aus den geöffneten Koffern
hinüberreichte. Und als er vollends an die Unzahl von Hals- und
Sacktüchern kam, wovon sie jedes zum höchsten Staat in die Kirche
angezogen hätte, da vergingen ihr beinahe die Sinne. "Ach, wie
fürstlich ist der Herr ausgestattet! Das hat gewiß die gnädige Frau
Mama ihm mitgegeben?"
"Der tut schon lange kein Zahn mehr weh," gab Brktzwisl zur Antwort.
"Ist sie tot, die brave Frau, die so schöne Linnen machte?" sagte die
mitleidige Mondwirtin. "Aber die gnädigen Fräulein Schwestern haben--"
"Hat keine mehr. Vor einem Jahre starb die Gräfin Crescenz."
"Auch keine Schwester mehr? Der arme Herr! Aber auf solche exquisite
Prachtwäsche verfällt kein junger Herr von selbst. Ich kann mir
denken, der gnädige Herr Papa Exzellenz--"
"Ist schon lange verstorben," entgegnete das alte Totenregister mit
einem Ton, vor welchem der Wirtin die Haut schauderte.
"Der arme junge Herr!" rief sie, "was hat er jetzt von seinem schönen
Linnenzeug, wenn er nach Haus kommt und trifft keine Mutter mehr, die
ihn lobt, daß er alles so ordentlich gehalten, und keine Fräulein
Schwester, die ihm das Schadhafte flickt und ordnet. Jetzt kann ich
mir denken, warum der gnädige Herr immer so schwarz angezogen ist und
so bleich aussieht,--Vater tot, Mutter tot, Schwester tot, es ist
recht zum Erbarmen."
"Ja, wenn's das allein wäre!" seufzte der alte Diener und wischte
sich das Wasser aus dem Auge. Doch, als hätte er schon zu viel
gesagt, zog er murrend den zweiten Koffer, der die Kleider enthielt,
heran und schloß auf. Die Wirtin hätte für ihr Leben gerne gewußt,
was sonst noch für Unglück den bleichen Herrn verfolge, daß der
Verlust aller Verwandten klein dagegen aussehe. Aber sie wagte nicht,
den alten Brktzwisl, dessen Name ihr schon gehörig imponierte,
darüber zu befragen; auch schloß der Anblick, der sich jetzt darbot,
ihr den Mund.
Die schwarze Kleidung hatte ihr an dem ernsten, stillen Gast nicht so
recht gefallen wollen; sie hatte sich immer gedacht, ein buntes Tuch,
ein hübsches helles Kleid müßten ihn von selbst freundlicher machen.
Aber da blinkte ihr eine Uniform entgegen--nein! Sie hatte geglaubt,
doch auch Geschmack und Urteil in diesen Sachen zu haben. Sie hatte
in früherer Zeit, als sie noch bei ihrer Mutter war, die Franzosen im
Quartier gehabt, schöne Leute, hübsch und geschmackvoll gekleidet;
später, als sie schon auf den Mond geheiratet hatte, waren die Russen
und Preußen dagewesen, große stattliche Männer wie aus Gußeisen.
Freilich hatten sie nicht die lebhaften Manieren wie die früheren
Gäste; aber die knappsitzenden Spenzer und Kutkas waren denn doch
auch nicht zu verachten. Aber vor der himmlischen Pracht dieser
Uniform verblichen sie samt und sonders zu abgetragenen Landwehr- und
Bürgermilizkamisölern. Sie hob den Uniformsfrack vom Sessel auf,
wohin ihn Brktzwisl gelegt hatte, und hielt ihn gegen das Licht;
nein, es war nicht möglich, etwas Schöneres, Feineres zu sehen als
dieses Tuch, das wie Samt glänzte, das brennende Rot an den
Aufschlägen, die herrliche Posamentierarbeit an der Stickerei und den
Achselschnüren.
"Das ist die polnische Garde bei uns zu Haus in Warschau," belehrte
sie der alte Diener, dem dieser Anblick selbst das Herz zu erfreuen
schien. "Möchte man da nicht gleich selbst in die mit Seide
gefütterten Ärmel fahren und das spannende Jäckchen zuknöpfen? Und,
weiß Gott! So wie mein Herr gewachsen, war keiner unter allen! Der
Schneider wollte sich selbst nicht glauben, daß die Taille so fein
und schmal sei, gab noch einen Finger zu und brachte unter Zittern
und Zagen, es möchte zu eng sitzen, sein Kunstwerk; aber Gott weiß,
wie es zugeht, sie war zwar über seine breite Heldenbrust gerade
recht, aber hier in den Weichen viel zu weit, und dabei ist an kein
Schnüren zu denken, mein Herr verachtet diese Kunststücke. Der
Schneider machte einen Sprung in die Höhe vor Verwunderung; er konnte
es rein nicht begreifen. Die andern Herren beim Regiment ließen sich
Korsette machen mit Fischbein, schnürten sich zusammen, daß man hätte
glauben sollen, der Herzbündel wolle ihnen zerspringen, und dennoch
rissen die Knöpfe alle drei Tage, wenn sie nur ein wenig mehr als zu
viel gegessen hatten--mein Herr war immer der Fixeste, gedrechselt
wie eine Puppe, und alles ohne ein Lot Fischbein, so wahr ich lebe!"
"Es ist unbegreiflich, was es für herrliche Leute unter den Militärs
gibt," unterbrach ihn die Wirtin, andächtig staunend.
"Und dann, Madame, lassen Sie ihn erst noch die Galabeinkleider da
anlegen, den Federhut aufsetzen, seine goldenen Sporen mit den
silbernen Rädchen an den feinen Absätzchen,--denn Füßchen hat er
trotz einer Dame,--lassen Sie mich ihm den St. Wladimir in Diamanten
auf die Brust hängen, den Ehrensäbel, den sein Herr Vater vom Kaiser
bekommen und den er aus hoher Gnade als Andenken tragen darf, um den
Leib schnallen--Frauchen, wenn ich ein Mädchen wäre, ich flöge ihm an
den Hals und küßte ihm die schwarzen Locken aus der schönen Stirne.
Und dabei war er so fröhlich, die Wangen so rot, das Auge so freudig
blitzend, und alles hieß ihn nur den schönen, lustigen Martiniz. Das
alles ist jetzt vorbei," setzte der treue Brktzwisl seufzend hinzu,
indem er die Staatsuniform der Wirtin abnahm und in die Kommode
legte, "da liegt das schöne Kleid, nach dem Zehntausend die Finger
leckten; so liegt es seit drei Vierteljahren, und wie lange wird es
noch so liegen!"
"Aber sagen Sie doch, lieber Herr Wiesel,--Sein Vorderteil kann ich
nicht aussprechen,--sagen Sie doch, warum dies alles? Warum sieht
Sein Herr so bleich und traurig? Warum kleidet er sich wie ein junger
Kandidat, da er unsere ganze Garnison in den Boden glänzen könnte?
Warum denn?"
Der Alte sah sie mit einem grimmigen Blick an, als wollte er über
diesen Punkt nicht gefragt sein. Aber die junge, reinliche,
appetitliche Wirtin mochte doch dem tauben Mann zu zart für eine
derbe Antwort vorkommen. "Bassa manelka!" sagte er unfreundlich.
"Warum? Weil--ja, sehen Sie, Madame, weil, weil wir, richtig--weil
wir als Zivil reisen," und nach diesem war auch kein Sterbenswörtchen
mehr aus ihm herauszubringen.
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