DER POLNISCHE GARDIST.

Dies alles hatte die Wirtin dem Hofrat erzählt, der sich in dem

schönen Speisesaal wohl eine Stunde früher als die übrigen Gäste zur

Abendtafel eingefunden hatte, um so allerlei Nachrichten, die ihm

dienen konnten, einzuziehen. Er hatte sie ganz aussprechen lassen und

nur hie und da seinen Graukopf ein wenig geschüttelt; als sie zu Ende

war, dankte er für die Nachrichten. "Und ihn selbst, Ihren

wunderlichen Gast, haben Sie noch nicht gesprochen oder beobachtet?

Ich kenne Ihren Scharfblick; Sie wissen nach der ersten Stunde

gleich, was an diesem oder jenem ist, und auch über Leben und Treiben

fangen Sie hie und da ein Wörtchen weg, aus dem sich viel schließen

läßt."

Die Geschmeichelte lächelte und sprach: "Es ist wahr, ich betrachte

meine Gäste gern, und wenn man so seine acht oder zehn Jährchen auf

einer Wirtschaft ist, kennt man die Leute bald von außen und innen.

Aber aus dem da droben in der Beletage werde ein anderer klug. Mein

Mann, der sich sonst auch nicht übel auf Gesichter versteht, sagt:

'Wenn es nicht ein Polack wäre, so mußte er mir ein Engländer sein,

der den Spleen hat.' Aber nein, wir hatten auch schon Engländer, die

den Spleen faustdick hatten, tage-, wochenlang bei uns; aber die

seien griesgrämig, unzufrieden in die Welt hinein; aber die Frauen,

nehmen Sie nicht übel, Herr Hofrat, haben darin einen feinern Takt

als mancher Professor. Der Graf sieht nicht spleenigt und griesgrämig

aus, nein, da wette ich, der hat wirkliches Unglück; denn die Wehmut

schaut ihm ja aus seinen schwarzen Guckfenstern ganz deutlich heraus.

Denke ich den Nachmittag, du gehst einmal hinauf und sprichst mit

ihm, vielleicht, daß man da etwas mehr erfährt als von dem alten

Burrewisl. Im Teezimmer sitzt mein stiller Graf am Fenster, die

Stirne in die hohle Hand gelegt, daß ich meine, er schläft oder hat

Kopfweh. Drüben spielte gerade die Fräulein Ida auf dem Flügel so

wunderschön und rührend, daß es eine Freude war. Dem Grafen mußte es

aber nicht so vorkommen; denn die hellen Perlen standen ihm in dem

dunklen Auge, als er sich nach mir umsah."

"Wann war denn dies?" fragte der Hofrat.

"So gegen vier Uhr ungefähr; wie ich nun so vor ihm stehe und er mich

mit seinem sinnenden Auge maß, da muß ich feuerrot geworden sein;

denn da fiel mir ein, daß doch nicht so leicht mit vornehmen Leuten

umzugehen sei, wie man sich sonst wohl einbildet; er ist auch nicht

so ein Herr Obenhinaus und Nirgendan wie unsere jungen Herren, mit

denen man kurzen Prozeß macht; nein, er sah gar zu vornehm aus. 'Ich

wollte nur gefälligst fragen, ob Ew. Exzellenz mit Ihrem Logis

zufrieden seien?' hub ich an.

"Er stand auf, fragte mich, ob ich Madame wäre, holte mir,--denken

Sie sich, so artig, als wäre ich eine polnische Prinzeß,--einen Stuhl

und lud mich zum Sitzen ein. Es ist erstaunend, was der Herr

freundlich sein kann; aber man sieht ihm doch an, daß es nicht so

recht von Herzen gehen will.

"An dem Logis hatte er gar nichts auszusetzen, und auch die Straße

gefiel ihm. Das Gespräch kam auf die Nachbarschaft und auch auf

Präsidents Haus; ich erzählte ihm von dem wunderschönen Fräulein, die

erst aus der Pension gekommen, und wie sie so gut und liebenswürdig

sei, von dem alten Herrn drüben, und daß die gnädige Frau schon lange

tot sei, und ich hatte mich so ins Erzählen vertieft, daß ich gar

nicht merkte, wo die Zeit hinging, und statt ihn auszufragen, hatte

ich die Gelegenheit so dumm verplaudert!"

"Schade! Jammerschade!" lachte Berner über die sprachselige Wirtin.

"Und wie gut der Herr ist! Denken Sie sich nur, hinten im Garten, wo

es nun freilich zu jetziger Jahreszeit nicht mehr schön ist, sitzt

mein Luischen,--das Dingelchen ist jetzt acht Jahre und schon recht

vernünftig,--sitzt es im Garten und weiß nicht, daß ein so vornehmer

Herr hinter ihm steht. Ich war in der Küche und sah alles mit an;

mein Luischen kann allerhand schnackische Lieder, auch ein

schwäbisches, ich weiß nicht, wer sie es gelehrt hat; wie nun der

Graf hinter ihr steht, fängt der Unband an zu singen:

"''n bissel schwarz und 'n bissel weiß,

'n bissel polnisch und 'n bissel deutsch,

'n bissel weiß und 'n bissel schwarz,

'n bissel falsch ist mei Schatz!'

"Ich glaube, ich muß vor Scham in den Wurstkessel springen, daß mein

Kind so ungebildetes Zeug singt; was mußte nur der Graf von meiner

Erziehung denken! Ihm aber schoß das helle, klare Schmerzenswasser in

die Augen; er bog sich nieder, nahm das Dingelchen auf den Arm,

herzte und küßte es; daß mir brühsiedheiß wurde, und fragte, wo sie

das Liedchen her habe.

"Das Kind weiß vor Schrecken gar nicht zu antworten; mein Herr Graf

aber langt in die Tasche, kriegt einen blanken Taler heraus und

verspricht, wenn es das Verschen noch einmal deutlich sage und

zweimal singe, so bekomme es den Taler. Ich hätte ihm befehlen mögen,

wie ich hätte mögen, es hätte nicht gesungen. Der Taler aber tat

seine Wirkung; sie sagte ihr Sprüchlein ganz mir nichts dir nichts

auf und sang nachher das 'bissel polnisch und 'n bissel deutsch', wie

wenn es so sein müßte. Den Taler bekam es richtig; er liegt in der

Sparbüchse, in ein Papier geschlagen, und darauf steht deutlich, daß

sie es in zwölf Jahren noch lesen und einmal ihren Kindern noch

zeigen kann: _Den 12. November 1825 bekommen vom polnischen

Gardeoffizier, Grafen von Martiniz._"

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Der Mann im Mond Oder der Zug des Herzens ist des Schicksals Stimme, nebst der Kontrovers-Predigt über H. Clauren und den Mann im Mond · 第 20 / 76 题