Der alte Küster am Münster zu Freilingen saß in dieser Nacht nach
seiner Gewohnheit noch lange in seinem kleinen Stübchen; der
Abendsegen war schon vor einer Stunde seiner Ehehälfte vorgelesen, er
hatte sich jetzt hinter die alte Chronik gesetzt und las mit
brummender Stimme halblaut vor sich hin, wie man den herrlichen,
vierhundert Schuh hohen Münsterturm erbaut und wie solches viel Zeit
und Geld gekostet habe. Eben wollte die Alte den weiß- und
blaugestreiften Umhang der zweischläfrigen Himmelbettlade
auseinanderschlagen, um ihren Ehezärter zu ermahnen, sein gewohntes
Lager zu suchen, als man stark an den Fensterladen des niedern
Parterrestübchens pochte. "Macht auf, Meister Küster! Seid so gut und
macht auf!" rief eine tiefe, aber bescheidene Stimme draußen. "Wird
wohl ein Bote von einem Kranken sein," näselte der Küster, "der die
Sakramente noch will." Er legte die Brille ins Chronikbuch, daß die
Stelle nicht verblättere; denn er hatte von dem Kalk gelesen, den man
mit Wein angemacht habe, und hatte dabei unmutig an das Dünnbier
gedacht, das seine Ursula ihm, einem Nachkommen dieser Weinmaurer,
tagtäglich vorsetzte. Draußen schob er die mächtigen Schlösser und
Riegel der Haustür auf, und herein trat ein kleiner ältlicher Mann in
reichbordiertem Bedientenrock. "Was soll's so spät?" fragte der
Küster.
"Kamerad," antwortete der Bediente, indem er den Küster aus dem
kalten Hausgang in die wärmere Stube hineinzog, "Kamerad, wollt Ihr
mir und noch jemand einen Liebesdienst erweisen?" Zugleich legte er
einen blanken, harten Taler auf den Tisch.
Der Küster wog den Taler in der Hand, ließ ihn wieder auf den Tisch
fallen, daß es einen wohllautenden Klang gab, und sagte: "Wenn's
nichts gegen Amt und Gewissen ist, warum nicht!"
"So nehmt Eure Schlüssel," fuhr der andere fort, "und schließt die
Münsterkirche auf!"
"Jetzt in dieser Stunde?" rief der Alte mit Entsetzen. "Jetzt in
dieser stürmischen Nacht? Geht nicht, Kamerad, so wahr ich--nein, es
geht nicht, mich bringt kein Hund hinüber!"
"Beileibe," rief die Küsterin aus dem Bette und riß den Umhang
zurück, daß man das ganze Paradiesgärtlein ihres geblümten Bettes
übersehen konnte, "führe uns nicht in Versuchung! Alter, laß dich
nicht betören! Wer weiß, was draußen lauert?"
"Hätte nicht geglaubt, daß Ihr, ein so stattlicher Mann, unter dem
Weiberregimente stündet," sprach der alte Diener. "Glaubt mir, es ist
auch ein Gottesdienst, wenn Ihr mitgeht, und bringt Euch guten Lohn."
Noch einmal wog der Küster den Taler auf der Fingerspitze und schien
sich zu besinnen. "Es wird zwar gleich zwölf Uhr brummen, und da ist
es gar nicht geheuer drüben in der Kirche; denn ich weiß, was ich
weiß, und habe gesehen, was ich gesehen habe; aber weil Ihr sagt, es
sei ein Gottesdienst, so kommt!" Indem hatte er schon die Laterne
zurechtgemacht. Er hing noch einen warmen Mantel um und ergriff die
gewichtigen, wunderlich geformten Schlüssel.
"Ei du meine Güte, läßt er sich doch verblenden vom Mammon," seufzte
die Alte im Bette. Der Küster aber trat zu ihr mit dem größten seiner
Schlüssel: "Du schweigst, Ursel! Der Herr da soll sehen, daß
unsereiner nicht unterm Pantoffel steht," brummte er und verließ mit
dem Diener das Haus.
Die Nacht war grimmigkalt, der Himmel jetzt ganz rein, nur einzelne
dunkle Wölkchen tanzten im Wirbel um den Mond. Schweigend schritten
die beiden durch die Nacht der Kirche zu. Wenige Schritte, so standen
sie am Portal des Münsters. Der Küster schrak zusammen, als dort aus
dem Schatten eines Pfeilers eine hohe, in einen dunklen Mantel
gehüllte Gestalt hervortrat. Es war jener Fremde, der Idas Interesse
in so hohem Grade erregt hatte.
"Schließ auf, schließ auf," sprach Martiniz, "denn es ist hohe Zeit!"
Indem er sprach, fing es an zu surren und zu klappern, dumpf rollte
gerade über ihnen im Turme das Uhrwerk, und in tiefen, zitternden
Klängen schallte die zwölfte Stunde in die Lüfte.
"Schließ auf!" schrie Martiniz, "schnell auf! Dort kommt er schon um
die Ecke!"
Seufzend ging die hohe Türe auf; in einem Sprung war jener in der
Kirche. Der Küster schloß behutsam wieder hinter sich ab und ging
dann voraus mit der Laterne; stille folgten ihm die Fremden. In
wunderlichen Schatten und Figuren spielte das schwache Licht der
Laterne an den hohen Säulen des Doms, nur auf wenige Schritte
verbreitete es Helle und verschwebte dann in matte Dämmerung, bis es
sich in der tiefen Nacht des Gewölbes verlor. Manchmal schien es, als
schritten hohe Gestalten in weiten, schleppenden Gewändern hinter den
Säulen ihnen nach. Scheu blickte Emil von Martiniz nach allen Seiten
und ging dann schneller hinter dem Küster her. Dumpf schallten ihre
Schritte auf dem hohlen Boden, unter welchem eine alte Gruft sich
befand, und ein vielfaches Echo gab diese Töne aus allen Ecken
zurück.
So waren sie bis an den Altar gekommen. Martiniz setzte sich dort auf
die Stufen; das Gesicht, das bei dem Schein der trübe brennenden
Laterne auch viel bleicher erschien, stützte er auf die Hand, daß die
glänzend rabenschwarzen Ringellocken darüber herabfielen. Der Diener
winkte dem Küster, zog ihn auf eine Bank an der Seite zu sich nieder
und gab ihm durch Zeichen zu verstehen, daß er schweigen und sich
ganz ruhig verhalten möchte.
Tiefe Stille herrschte mehrere Minuten in den großen dunklen Hallen,
tiefe Stille draußen in der Nacht. Nur vom Altar her hörte man ein
leises Wispern; Martiniz schien zu beten. Bald aber erhob sich lauter
die Nachtluft und wehte um die Kirche. Je lauter es wurde, desto
unruhiger wurde Emil. Er seufzte, er blickte einigemal auf und
lauschte nach der Seite hin, wo der Luftzug stärker wehte.
Näher und näher heulte der Wind, die Fenster bebten, das Licht der
Laterne wehte seine Schatten her und hin, die alten verblichenen
Banner, die an der Mauer hingen, rollten sich auf und bewegten ihre
zerfetzten Bilder an der schwach beleuchteten Wand.
Jetzt brauste der Sturm auf in gewaltigen Stößen. Krachend stürzte
ein Fenster des Chors auf die breiten Quader des Bodens, daß der
Schall durch die Halle tönte und--mit fürchterlichem Lachen des
Wahnsinns fuhr der am Altar auf und sprang die Stufen hinan. Gellend
tönten diese hohlen Töne der Verzweiflung durch die Gewölbe. "Er kann
nicht herein, er kann nicht herein zu mir," schrie er, "darum hat er
die Wolken aufgezäumt, auf dem Sturmwind reitet er um die Kirche, ça
ça! Holla, Antonio--wie schäumt das Purpurblut deiner Wunde! Rase,
tobe durch die Lüfte, du kannst doch nicht herein zu meiner
Freistatt!"
Der Sturm legte sich, ferner und ferner rollte der Wind, und säuselnd
zog die Nachtluft durch die Kirche. Der Mond schien freundlich durch
die hellen Scheiben, und mit des Sturmes Toben schien auch der Sturm
in Emils Brust gewichen zu sein. "Seht Ihr," sprach er wehmütig und
zeigte an die vom Mond beschienenen Fenster hinauf, "seht Ihr, wie er
so ernst und zürnend auf mich herabsieht! Kannst du denn nicht
vergeben, Antonio?"
Immer leiser wurde seine Klage, bis er weinend am Altare niedersank.
Jetzt stand der alte Diener, dem während der schrecklichen Szene die
Tränen in den grauen Wimpern gehangen, von seinem Sitze auf und
unterstützte seinen Herrn. Er wischte ihm den kalten Schweiß von der
Stirne und die Tränen aus dem gebrochenen Auge und flößte ihm aus
einer kristallenen Phiole mildernde Tropfen ein.
Der Ohnmächtige richtete sich wieder auf, hüllte sich tiefer in
seinen Mantel und schritt durch die Kirche.
Der alte Diener aber trat zu dem Küster. "Ich danke, Alterle," sagte
er, "du hast jetzt gesehen, daß wir nichts Unrechtes in deinem
Gotteshaus gemacht haben; dafür halte aber reinen Mund! Und wenn du
niemand ein Sterbenswörtchen hören lässest von dem, was du hier
gesehen und gehört hast, so kommen wir vielleicht morgen und manche
Nacht wieder, und du sollst pflichtgemäß deinen Harten haben."
"Das kann sich unsereiner schon gefallen lassen," antwortete der
Küster im Weitergehen; "so viel merke ich, daß Euer Herr entweder
nicht richtig unter dem Hut ist, oder daß er mit dem Gottseibeiuns
hier Versteckens spielt. Nun, hier, denke ich, soll er ihn nicht
holen; kommt nur morgen nacht wieder! Was das Stillschweigen
betrifft, so seid außer Sorgen, von mir erfährt es kein Mensch, vor
allem meine Ursel nicht: denn ich denke: was sie nicht weiß, macht
sie nicht heiß."
Der alte Diener lobte den Entschluß des Küsters und nahm am Portal
mit einem Händedruck von ihm Abschied. "Ist doch schade um ein so
junges schönes Blut," brummte dieser vor sich hin, indem er seinem
Häuschen zuschritt; "so jung und hat schon Affären mit Herrn Urian.
Nun, er soll ihn immer noch ein Halbjährchen reiten; um die harten
Taler kann man zur Not so guten Wein kaufen, als die Freilinger
Maurermeister hatten, um den Kalk zu meinem Münster festzumachen."
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