Es schlug ein Uhr, als der Fremde und sein Diener von dem Münster
zurück über den Marktplatz gingen. An den Fenstern des erleuchteten
Museums drängten sich Gestalten an Gestalten geschäftig hin und her,
verworrenes Gemurmel vieler Stimmen tönte herab auf den stillen
Platz, hie und da zeigten laute Ausbrüche der Fröhlichkeit, mit
Trompeten vermischt, daß eine Gesundheit oder ein Toast ausgebracht
worden sei.
"Robert!" begann der Graf, "ich will noch einmal hinaufgehen; die
süßen Töne der Flöten, die klagenden Klänge der Hörner haben etwas
Beruhigendes für mich, und mitten im Gewühl der fröhlichen Menge
vergesse ich vielleicht auf Augenblicke, daß ich unter den
Glücklichen der einzige Unglückliche bin."
Umsonst bat der alte Robert seinen Herrn, er möchte doch seine
Gesundheit bedenken und sich jetzt zur Ruhe legen; er schien es gar
nicht zu hören, schweigend warf er in der Haustüre den Mantel ab, gab
ihn dem Alten und eilte die Treppe hinan. Kopfschüttelnd folgte ihm
der Diener; hatte er doch seit einer langen, traurigen Zeit nicht
bemerkt, daß sein armer Herr Freude an rauschender Lustbarkeit hatte;
es mußte etwas Eigenes sein, das ihn noch einmal dahinauf zog; denn
wenn er sich sonst auch in das fröhlichste Gewühl gestürzt hatte, so
war er doch immer nach einem halben Stündchen wieder zurückgekommen.
Und heute hatte er ihn sogar an die Stunde mahnen müssen; heute ging
er zu einer Zeit, wo er sonst, erschöpft von Kummer und Unglück, dem
Schlaf in die Arme geeilt war, noch einmal auf den Tanzboden. "Gott
gebe, daß es zu seinem Heil ist!" schloß der treue Diener seine
Betrachtungen und wischte sich die Augen.
Der Saal war noch leer, als Emil oben eintrat, nur die Musikanten
stimmten ihre Geigen, probierten ihre Hörner und ließen die Schlegel
dumpf auf die Pauken fallen, um zu sondieren, ob das tiefe C recht
scharf anspreche; mittendurch netzten sie auch ihre Kehlen mit
manchem Viertel; denn ein ellenlanger Kotillon sollte den Ball
beschließen. Löffel- und Messergeklirr, das Jauchzen der Anstoßenden
tönte aus dem Speisesaal. Ein schwermütiges Lächeln zog über Emils
blasses Gesicht; denn er gedachte der Zeiten, wo auch er keiner
fröhlichen Nacht ausgewichen war, wo auch er unter frohen, guten
Menschen den Becher der Freude geleert und, wenn kein liebes Weib,
doch treue Freunde geküßt hatte und mit fröhlichem Jubel in das
allgemeine Millionenhallo und Welthurra der Freude eingestimmt hatte;
unter diesen Gedanken trat er in den Speisesaal. In bunten Reihen
saßen die fröhlichen Gäste die lange Tafel herab; man hatte soeben
die hunderterlei Sorten von Geflügel und Braten abgetragen und
stellte jetzt das Dessert auf. Gewiß, man konnte nichts Schöneres
sehen, als die Präzision, mit welcher die Kellner ihr Dessert
auftrugen; die Bewegungen auf die Flanken und ins Zentrum gingen wie
am Schnürchen, die schweren Zwölfpfünder der Torten und Kuchen, das
kleinere Geschütz der französischen Bonbons und Gelees werde mit
Blitzesschnelle aufgefahren; in prachtvoller Schlachtordnung, vom
Glanz der Kristallüsters bestrahlt, standen die Guß-, Johannisbeeren-,
Punsch-, Rosinentorten, die Apfelsinen, Ananas, Pomeranzen, die
silbernen Platten mit Trauben und Melonen. Aber Hofrat Berner hatte
sie auch eingeübt, und den ungeschicktesten Kellnerrekruten schwur er
hoch und teuer, in acht Tagen so weit bringen zu wollen, daß er,
einen bis an den Rand gefüllten Champagnerkelch auf eine
spiegelglatte silberne Platte gesetzt, die Treppe heraufspringen
könne, ohne einen Tropfen zu verschütten, was in der Geschichte des
Servierens einzig in seiner Art ist. Wenn die Festins, die er zu
arrangieren hatte, herannahten, hielt er auf folgende Art völlige
Übungen und Manoeuvres: Er setzte sich in den Salon, wo gespeist
werden sollte, ließ eine Tafel zu dreißig bis vierzig Kuverts decken,
und wie den Rekruten ein fingierter Feind mit allen möglichen
Bewegungen gegeben wird, so zeigte er ihnen auch Präsidenten,
Justizräte, Kollegiendirektoren, Regierungsräte und Assessoren mit
Weib und Tochter, Kind und Kegel und mahnte sie, bald diesem ein
Stück Braten, jener eine Sauciere zu servieren, bald einem Dritten
und Vierten einzuschenken und dem Fünften eine andere Sorte
vorzusetzen; da sprangen und liefen die Kellner sich beinahe die
Beine ab; aber--probatem est--wenn der Tag des Festes herannahte,
durfte er auch gewiß sein zu siegen. Wie jener große Sieger, der nur
mit feierlichem Ernst die Worte sprach: "Heute ist der Tag von
Friedland!" oder "Sehet die Sonne von Austerlitz!" so bedurfte es von
seinem Munde auch nur einiger ermahnenden, tröstlichen Hindeutungen
auf frühere Bravouren und gelungene Affären, und er konnte darauf
rechnen, daß keiner der zwanzig Kellnergeister über den andern
stolperte oder ihm die Aalpastete anstieß, aber daß sie mit Sauce und
Salat einander anrannten, purzelten und auf den Boden die ganze
Bescherung servierten.
Mit dieser Präzision war also auch heute die Tafel serviert worden;
der Nachtisch war aufgetragen, die schweren Sorten, als da sind
Laubenheimer, Nierensteiner, Markobrunner, Hochheimer, Volnay, feiner
Nuits, Chambertin, beste Sorten von Bordeaux, Roussillon würden
weggenommen und der zungenbelebende Champagner aufgesetzt. Hatte
schon der aromatische Rheinwein die Zungen gelöst und das
schwärzliche Rot des Burgunders den Liliensammet der jungfräulichen
Wangen und die Nasen der Herren gerötet, so war es jetzt, als die
Pfröpfe flogen und die Damen nicht wußten, wohin sie ihre Köpfe
wenden sollten, um den schrecklichen Explosionen zu entgehen, als die
Lilienkelche, bis an den Rand mit milchweißem Gischt gefüllt,
kredenzt würden, wie auf einem Basar im asiatischen Rußland, wo alle
Nationen untereinander plappern und maulen, gurren und schnurren,
zwitschern und näseln, plärren und jodeln, brummen und rasaunen, so
schwirrte in betäubendem Gemurmel, Gesurre und Brausen in den
höchsten Fisteltönen bis herab zum tiefsten, dreimalgestrichenen C
der menschlichen Brust das Gespräch um die Tafel.
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