DER FREMDE.

Unterdessen hatten sich mehrere Herren an Berner gewendet, um zu

erfahren, wer der Fremde sei; allen war es aufgefallen, wie er schon

seit einer Stunde sich nicht vom Platz bewegte und, an seine Säule

gelehnt, so wenig Interesse an dem glänzenden Ball zu nehmen schien.

Der Hofrat ging zu ihm hin und kehrte bald zurück. "Wer ist es? Wie

heißt er?" fragten zehn, zwanzig zumal. "Was hat er gesprochen?"

"Nichts hat er gesprochen," antwortete Berner, "sondern mir nur diese

Karte gegeben."

Die Karte ging jetzt von Hand zu Hand, es war aber nichts darauf zu

sehen als ein schön gestochenes Wappen und der Name Emile, Comte de

Martiniz. "Ein Graf also?" Die Neugierde war nur halb gestillt; die

Freilinger, denen die Erscheinung eines fremden Grafen auf ihren

Bällen etwas Seltenes sein mochte, gingen kopfschüttelnd umher; sie

hätten gar zu gerne gewußt, woher er komme, wohin er gehe, warum er

nicht tanze. Man betrachtete das fremde Wundertier von allen Seiten;

doch der Hofrat, der so viel Takt hatte, daß er in des Fremden Seele

fühlte, wie peinlich eine so kleinliche Neugierde sein müsse, gab das

Zeichen, und die Galoppade, von zwanzig Trompeten vorgetragen,

rauschte durch den Saal hin und rief zum Tanze.

Walzer um Walzer waren getanzt; noch immer stand die fremde

gebietende Gestalt unbeweglich an die Säule gelehnt. Es war, als

hätte er sich nur in Schwarz und Weiß geteilt und kenne keine andere

Farbe. Sein Haar, sein Auge war so dunkel als das feine glänzende

Tuch seines Kleides; das blendend bleiche Gesicht, wunderschöne

Wäsche, welche durch ihre Weiße, durch ihre zierlichen Fältchen den

Freilinger Damen schon von weitem Bewunderung einflößte,

kontraktierten sonderbar mit jener dunkeln Farbe; nur die feinen

Lippen schmückte ein gesundes, freundliches Rot. Er schien ganz ohne

Teilnahme in das bunte Gewühl hineinzustarren; aber dennoch begegnete

nicht leicht einer diesem scharfen Blick, ohne das eigne Auge

überrascht vor diesem furchtbaren Ernst, dieser sprühenden Glut

niederzuschlagen.

Wie es aber zu gehen pflegt, die Damen fingen nachgerade an, nicht

viel von dem Fremden zu halten, weil er nicht tanzte, die jungen

Herren machten sich über ihn lustig, und beide Teile hatten so viel

an der neuen Erscheinung der wunderlieblichen Ida zu schauen, zu

bekritteln, zu bewundern, daß man bald nicht mehr an jenen dachte.

Nur Idas Blicke streiften öfter nach jener Säule hinüber; ein Blick

zu ihm schien sie für das Geschwätz der Freilinger Stutzer, die ihr

heute unendlich fade vorkamen, zu entschädigen. Doch betrachtete sie

ihn immer nur von der Seite; denn wenn Auge auf Auge traf, so trieb

es ihr unwiderstehlich die Glut ins Gesicht, und sie war froh, daß

die Musik so laut war; denn sie meinte in solchen Momenten, man müsse

ihr siedendes, glühendes Blut an ihr Herzchen pochen hören. Waren es

die Tränen, die sie gestern in diesen dunklen Wimpern sah, war es der

wehmütige Ernst auf seinem Gesicht, was sie so rührte? Hatte der

Hofrat recht mit den Häkchen, die in gewissen Augen sitzen, und hatte

sie zu tiefe Beobachtung angestellt und war geangelt worden und gef--

Nein! lächelte sie schelmisch vor sich hin, gefangen? Da hat es keine

Not! Es ist ja nur das natürliche Mitleiden, was mich immer nach ihm

hinsehen heißt.

Elf Uhr war vorüber; es sollte noch eine Ekossaise vor dem Souper

getanzt werden. Stürmisch drängten sich die Herren um das Wunderkind;

aber Trotzköpfchen Ida blieb fest dabei, diesmal auszusetzen, und

ließ die Herren ablaufen. Der Hofrat setzte sich zu ihr, und

unwillkürlich waren sie wieder mitten im Gespräch über den Fremden.

"Ach, sehen Sie nur," sagte Ida mit der himmlischen Gutmütigkeit

ihres Engelköpfchens, "sehen Sie nur, ich meine, er wird zusehends

immer blässer; wenn er nur nicht krank wird." Der Hofrat fand ihre

Bemerkung richtig, er zeigte ihr aber, wie dieser feste, heldenmäßige

Körper nicht so leicht von einem Krankheitsanfall gestört werden

könne; aber Ida wurde immer unruhiger, sie sah, wie Martiniz die

Lippen zusammenpreßte, als wolle er einen Schmerz verbeißen; der

Ernst in seinem Gesicht wurde nach und nach zur Trauer, das

Wehmütige, der tränenschwere Trübsinn in seinem Auge wurde immer

unverkennbarer.

"O Gott, sehen Sie ihn nur an, guter Berner, ist mir doch, als sollte

ich zu ihm gehen und fragen: Was fehlt dir, daß du nicht fröhlich

bist mit den Fröhlichen? Wie gern wollte ich alles tun, dir zu

helfen."--

Der Mensch denkt's, Gott lenkt's!!!

Auch der Hofrat wurde jetzt unruhig; denn mit einem Ruck hatte sich

der bleiche Fremde aufgerafft und stand nun in seiner ganzen Größe,

in gebietender und doch graziöser Haltung da; aber sein Auge heftete

sich furchtbar starrend nach der Saaltüre. Berner wollte eben

aufstehen und zu ihm hin--

Da öffnete sich die Tür, ein alter, reichgekleideter Bedienter,

derselbe, welchen Ida gestern gesehen, trat ein, ging auf den Fremden

zu und neigte sich schweigend vor ihm. Dieser riß eine Uhr heraus,

warf einen Blick auf sie und einen zweiten voll Wehmut auf Ida

herüber und verließ langsamen Schrittes den Saal.

Ehe noch der Hofrat seiner Nachbarin seine Vermutungen über diesen

sonderbaren Abzug mitteilen konnte, war die Ekossaise zu Ende. Der

Präsident kam und führte sein liebes, holdes, wunderherziges

Töchterchen zur Tafel.

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Der Mann im Mond Oder der Zug des Herzens ist des Schicksals Stimme, nebst der Kontrovers-Predigt über H. Clauren und den Mann im Mond · 第 10 / 76 题