"Aber sagen Sie, Idchen," fragte der Hofrat, als er sie wieder an
ihren Platz geführt hatte, "ist das etwa ein Cousin oder dergleichen,
der da mit Ihnen kam?"
"Ich kam mit Papa," antwortete die Gefragte, "und sonst war niemand
dabei. Wen meinen Sie denn?"
"Nun, der Bleiche dort kam ja doch wohl mit Ihnen; es kennt ihn
niemand im Saal, und mit Ihnen trat er herein, sonst müßte er ja--Sie
wissen, daß das Museum geschlossene Gesellschaft ist--sonst müßte er
ja eingeführt sein. Sehen Sie, der dort!" Er zeigte hin. An eine
Säule gelehnt, stand unbeweglich mit übergeschlagenen Armen eine
schlanke Gestalt. Noch konnte Ida das Gesicht nicht sehen, nur die
glänzenden schwarzen Locken des Haares fielen ihr auf; sie wollte
sich eben besinnen, wo sie schon solche gesehen habe, da wandte jener
sich um, und unwillkürlich schrak Ida zusammen. Gespensterhafte
Blässe lag auf diesem feinen, schönen Gesicht, geheimer Gram oder
verschlossenes Kämpfen mit finsterem Leiden schien das muntere,
jugendliche Leben aus diesen tiefen, im schönsten Ebenmaß geformten
Zügen hinweggewischt zu haben, und ein gemischtes Gefühl drängte sich
bei seinem Anblick auf, neugieriges Mitleid schien sich mit
zweifelhafter Furcht streiten zu wollen.
Kaum hatte des Fremden glühendschwarzes Auge Ida getroffen, als sie
ihren Blick abwandte. Überraschung und Verlegenheit machten sie stumm
auf einige Augenblicke; von dem Diadem auf der schönen Stirne, über
den Liliensamt der blühenden Wange bis herab auf den jungfräulichen
Alabasterbusen flog ein brennendes Rot, das der Hofrat nicht
unbemerkt ließ. Er wollte sie eben mit dem pfiffigsten Gesicht nach
der Ursache ihres Rotwerdens fragen; aber eine Unzahl Herren drängte
sich zu, um sie um einen Tanz zu bitten; Vettern und Basen freuten
sich, sie wiederzusehen, und gafften das Wunderkind an. Der Hofrat
aber, welchem daran lag, die Spur, die er aufgefunden zu haben
meinte, zu verfolgen, machte seine Bewegungen wie ein geübter
Feldherr; er fragte sie so laut als möglich, ob es ihr jetzt, wie sie
gewünscht, gefällig sei, zu ihrem Herrn Vater zu gehen, der im
dritten Zimmer sich zu einem Whistchen gesetzt habe, und
Pfiffköpfchen verstand gleich, wo der gute Alte hinaus wollte; sie
beurlaubte sich also mit großer Hast von dem ungeheuern
Kometenschweif, in welchem sie als Kern gesessen, und ging mit Berner
durch den Saal.
Und jetzt nahm sie Berner ins Gebet; zuerst setzte er die
Daumenschrauben des Spottes an, dann untersuchte er die vermeintliche
Herzenswunde seines Gold-Idchens mit der langen Sonde des väterlichen
Ernstes, indem er ihr vorwarf, sehr unklug getan zu haben, ihre
Residenzliebhaber mit nach Freilingen zu nehmen. Sie aber lachte dem
Ratgeber, welcher meinte, seine Sache recht gut gemacht und sie ganz
im Netz zu haben, ins Gesicht und witschte ihm aus.
"Sie geben sich vergeblich Mühe, Hofrätchen," kicherte das lose Ding,
"ganz vergebliche Mühe; ich habe diesen Menschen in meinem ganzen
Leben, auf Ehre, noch nie gesprochen; doch gesehen"--setzte sie
ernster werdend hinzu--"gesehen habe ich ihn, und deswegen kam ich
auch vorhin etwas in Verlegenheit."
"Was da! Zwischen sehen und sehen ist ein großer Unterschied",
antwortete Berner mit einem völlig ungläubigen Kopfschütteln. "Da
müssen Sie ihm doch ein wenig gar scharf in die Augen gesehen haben?"
"So hören Sie mich doch, Sie böser Mann!" unterbrach ihn Ida. "Wer
wird denn auch gleich auf den Schein hin verdammen? Ich sage noch
einmal, ich weiß nicht, wer er ist; aber das innigste Mitleid habe
ich mit ihm. Als wir gestern durch den Lanzinger Wald kamen, fuhren
wir einer Equipage vor, die ganz langsam im Schritt hinging. Es war
ein prachtvoller Landau mit einem großen Bock, worauf ein alter
Diener in reicher Livree saß; am Wagen zogen vier Postpferde; das
Dach war zurückgeschlagen, und es saß niemand darin als ein großer
Hund. Sie wissen, wie man auf der Reise ist, man interessiert sich um
die Mitreisenden, besonders wenn man glaubt, auf einerlei Station mit
ihnen zu wohnen oder zu speisen. So dachte ich mir jetzt, die
Reisenden, denen der Wagen gehört, seien vorausgegangen und lassen
ihn langsam nachfahren. Ich sah daher alle Augenblicke aus unserem
Wagen, ob ich noch keine reisenden Engländerinnen oder Französinnen
gewahr werden könnte; aber immer vergebens. Endlich, als wir um eine
Waldecke bogen, sah ich auf einmal einen Mann, der unter einer Eiche
saß und zu dem Wagen gehören mußte."
"Und war es derselbe, der dort an der Säule steht?" fragte der
Hofrat.
"Derselbe; er war auch ganz schwarz gekleidet wie jetzt, sein Hut lag
neben ihm im Gras, seinen Kopf stützte er in die hohle Hand. Das
Geräusch unseres Wagens, der jetzt, weil es bergauf ging, auch
langsam fuhr, schien ihn aufzuschrecken; ohne aufzusehen, ging er mit
gesenktem Haupt bis an unsere Wagentüre. Da richtete er sich auf, und
Sie können sich meinen Schrecken denken, Hofrat, als ich das nämliche
geisterbleiche Gesicht sah, das auch Ihnen aufgefallen ist. Er mußte
heftig geweint haben; denn Tränen hingen in den langen schwarzen
Wimpern und gaben dem glühendschwarzen, sinnigen Auge einen ganz
eigenen Reiz."
"So, so? Einen ganz eigenen Reiz!" antwortete lächelnd der Hofrat.
"Wer hat denn meinem Mädchen erlaubt, über Männeraugen Betrachtungen
anzustellen? Hat sie das auch bei Madame La Truiaire in der Residenz
gelernt?"
Das lustige Amorettenköpfchen, das sich da, es wußte nicht wie,
verbebbert hatte, schlug die Augen nieder und sagte: "Legen Sie nicht
alles so bös aus, Bernerchen! Sie verstanden ja doch sonst Ihre Ida
nicht immer falsch.
"Sehen Sie, was die Augen betrifft, da habe ich nun einmal meinen
eigenen Geschmack. Schöne blaue oder schwarze Augen, mitunter auch
recht glänzendbraune, sehe ich an jedermann gern. Daher sind mir auch
alle jungen Herren so zuwider, weil sie selten schöne Augen haben;
sie haben ihnen durch die Lorgnetten, Brillen und Gott weiß, durch
was sonst, den schönsten Glanz benommen und stieren uns an wie
gestochene Böcke; desto mehr freue ich mich, wenn ich einmal eine
solche Ausnahme treffe. Eine ganz eigene Freude macht mir auch das
Aufschlagen der Augen, das man unter Tausenden kaum einmal so recht
anmutig, sinnig und wie man es gern haben möchte, trifft. Beides sah
ich nun an dem Fremden; darum hat er mir auch so ge--"
Da hatte sich das schnelle Schnäbelchen schon wieder verplappert! Der
Hofrat horchte noch immer; aber Idchen blieb still, biß die Lippen
zusammen und spielte mit dem Amethystkreuz am Kollier, das unter dem
Tanzen sich zwischen den Schneehügeln hinabgeschoben hatte und ganz
glühend heiß geworden war.
"Ei, ei!" warnte der Hofrat, "ich habe da in zwei Minuten Dinge
gehört, wovor einem die Haut schaudern könnte; nimm dich um Gottes
willen in acht, Kind, wenn du deine Augenbeobachtungen anstellst! Ich
weiß es aus meiner Jugend, daß in gewissen Augen Häkchen sitzen, die
uns, wenn man allzu tief schaut, festhalten, daß an kein Entrinnen zu
denken ist. Hast du nie etwas von der Augensprache gehört?"
"Doch," entgegnete der kleine Übermut; "ich glaube sie auch zur Not
zu verstehen."--
"Ist gar nicht vonnöten; man spricht sie zwar vom Rhein bis zum
Mississippi, vom Don bis zum Ohio; lerne aber nie mehr als etwas
kauderwelsch parlieren! Denn wer sich so gar geläufig ausdrückt und
mit zwanzig zumal in dieser Sprache spricht, gilt nicht mit Unrecht
für eine Erzgeneralkokette."
"Nun, für eine solche werden Sie mich doch nicht halten?" sagte Ida
etwas empfindlich.
"Dazu kenne ich mein süßes Mädchen zu gut," entgegnete der Hofrat
traulich und drückte ihr das weiche Samthändchen; "was aber den
bleichen Patron dort drüben betrifft, so kann er über allerlei
geweint haben; er kann zum Beispiel seine Mutter, seine Schwester
oder gar sein Mädchen verloren haben."
"Mei--nen Sie?" antwortete Ida gedehnt und unmutig. "Doch nein, da
würde er ja nicht auf den Ball gehen," setzte sie freudig hinzu; "da
würde er zu Haus trauern und nicht die Freude aufsuchen."
"Oder," fuhr jener fort, "es gingen ihm vielleicht seine Wechsel aus,
und er hat im Augenblick kein Geld, um seine Reise weiter
fortzusetzen."
"Nicht doch," fiel sie ein, "wie mögen Sie nur diesem interessanten
Gesicht einen so gemeinen Kummer andichten. Sieht er nicht nobler aus
als alle unsere Assessoren, Leutnants und so weiter zusammen? Und er
sollte mit vier Postpferden in einem herrlichen Landau fahren und
weinen, weil er kein Geld hat? Pfui!"
"Ei, wie sich der kleine Advokat vereifert und verdisputiert! Das
Mäulchen geht ja, als sollte es einen Prozeß vor den Assisen führen!
Übrigens wollen wir bald sehen, wer der Patron ist; habe ich doch den
Ball arrangiert und daher auch das Recht, Fremden, die sich
eindrängen, auf den Zahn zu fühlen."
"Nun ja, tun Sie das, liebes Hofrätchen; aber ja recht artig und
delikat," setzte das errötende Mädchen mit den süßesten
Schmeichelworten hinzu; "wer so tiefen Kummer hat, wie jener zu haben
scheint, muß unter Fremden wie unter Freunden zart behandelt werden!"
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