Die Urne von St. Gingolph

Von St. Gingolph eine halbe Wegstunde -- hinter den Hügeln -- liegt ein

uralter Park, verwildert und einsam -- auf keiner Karte vermerkt.

Vor Jahrhunderten schon mag das Schloß, das einst in seiner Mitte stand,

zerfallen sein; Reste weißer Grundmauern -- kaum bis zur Kniehöhe eines

Mannes -- ragen verloren aus dem wilden, tiefen Gras wie gebleichte

gigantische Zahnstümpfe eines Ungeheuers der Vorzeit.

Alles hat achtlos die Erde verscharrt und der Wind vertragen, Namen und

Wappen, Tor und Tür.

Und auf Türme und Giebel hat die Sonne gestarrt, bis alles langsam und

unmerklich in Atome zerfiel -- um dann als toter Staub mit dem Dunste

des Tales emporzuwandern.

So ruft die zehrende Sonne die Dinge dieser Erde.

Eine verwitterte steinerne Urne, tief im Schatten von Zypressen, hat

sich der Park noch bewahrt aus der Zeit eines vergessenen Lebens; die

dunklen Äste haben sie verborgen vor den Ungewittern.

Neben dieser Urne warf ich mich einst ins Gras, habe auf das verdrossene

Treiben der Krähen da oben in den Wipfeln gehorcht -- und gesehen, wie

die Blumen ernst wurden, wenn über die Sonne die Wolken ihre Hände

legten; -- und als schlössen sich traurig tausend Augen um mich her, war

mir dann, wenn das Licht des Himmels erlosch.

Lange lag ich so und rührte mich kaum.

Die drohenden Zypressen hielten finster Wache bei der Urne, die auf mich

herniedersah mit ihrem verwitterten Steingesicht wie ein Wesen ohne Atem

und Herz -- grau und empfindungslos.

Und meine Gedanken glitten leise in ein versunkenes Reich hinab -- voll

Märchenlaut und dem heimlichen Klingen metallener Saiten; -- ich dachte,

geschmückte Kinder müßten kommen und auf den Zehenspitzen stehend mit

kleinen Händen Kieselsteine und dürres Laub in die Urne werfen.

Dann grübelte ich lange nach, warum ein schwerer Deckel auf dieser Urne

lag wie eine steinerne trotzige Hirnschale, und mir wurde so eigen

seltsam bei dem Gedanken, daß der Luftraum in ihr und die armseligen

paar vermoderten Dinge, die sie bergen mochte, vom Herzschlag des Lebens

so zwecklos und geheimnisvoll wohl für immer geschieden seien.

Ich wollte mich bewegen und fühlte, wie meine Glieder fest im Schlafe

lagen und wie die farbigen Bilder der Welt langsam verblaßten.

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Und ich träumte, die Zypressen seien jung geworden, und unmerklich

schwankten sie in leisem Windhauch.

Auf der Urne schimmerte das Licht der Sterne, und der Schatten eines

nackten riesigen Kreuzes, das stumm und gespenstisch aus der Erde ragte,

lag wie der Eingang in einen finsteren Schacht auf dem weißen

nächtlichen Glanz der Wiese.

Die Stunden schlichen, und hie und da für eine Spanne Zeit flossen

leuchtende Kreise auf das Gras und über die glitzernden Dolden des

wilden Fenchel, der dann zauberhaft erglühte gleich farbigem

Metall -- -- Funken, die der Mond durch die Stämme des Waldes warf,

wie er über die Hügelkämme zog.

Der Park wartete auf etwas oder auf jemand, der kommen sollte, und als

vom Wege -- vom Schlosse her, das in tiefer Dunkelheit versunken lag,

der Kies unter Schritten leise klirrte und die Luft das Rauschen eines

Kleides herübertrug, schien es mir, als streckten sich die Bäume und

wollten sich vorneigen, dem Ankömmling warnende Worte zuzuraunen.

Es waren die Schritte einer jungen Mutter gewesen, die aus dem Schlosse

kam, sich vor dem Kreuze niederzuwerfen, und jetzt den Fuß des Holzes

verzweifelt umschlang.

Es stand aber ein Mensch im Schatten des Kreuzes, den sie nicht sah und

dessen Hiersein sie nicht ahnte. Er, der ihr schlummerndes Kind in der

Dämmerung aus der Wiege gestohlen hatte und hier auf ihr Kommen wartete,

Stunde um Stunde -- ihr Gatte, von nagendem Argwohn und quälenden

Träumen aus der Ferne heimgetrieben.

Er hielt sein Gesicht an das Holz des Kreuzes gepreßt und lauschte mit

angehaltenem Atem den geflüsterten Worten ihres Gebetes.

Er kannte die Seele seines Weibes und die verborgenen Triebfedern der

inneren Natur und hatte gewußt, sie würde kommen. Zu diesem Kreuz. So

hatte er es auch im Traume gesehen. -- Sie mußte kommen, ihr Kind hier

zu suchen.

Wie das Eisen zum Magnetstein muß, wie der Instinkt die Hündin ihr

verlorenes Junge finden läßt, so wird dieselbe dunkle rätselhafte Kraft

-- und wäre es im Schlafe -- auch den Fuß einer Mutter lenken -- -- --

Der Betenden zur Warnung rauschten die Blätter und Zweige, und der Tau

der Nacht fiel auf ihre Hände. Sie aber hielt die Augen gesenkt, und

ihre Sinne waren blind in Sorge und Gram um ihr verschwundenes Kind.

Darum fühlte sie nicht, daß das Kreuz nackt war und den nicht trug, zu

dem sie rief, und der da gesagt hatte: Gehe hin und sündige hinfort

nicht mehr.

Der aber statt Seiner die Worte ihrer Pein hörte, wollte ihr ein

Beichtiger ohne Erbarmen sein.

Und sie betete und betete, und immer deutlicher formte sich ihr Flehen

zu dem Geständnis -- -- -- Siehe, Herr, nicht an meine Schuld, und wie

du vergabst jener Ehebrecherin... -- -- da stöhnten die alten Äste laut

auf in Qual und Angst und griffen wild nach dem Horcher hinter dem

Kreuze und faßten seinen Mantel -- -- -- ein Windstoß raste durch den

Park.

Die letzten verräterischen Worte riß sein Sausen fort, ein haßerfülltes

Ohr aber täuscht auch der Sturm nicht, und blitzartig reift zur

Gewißheit, was als Argwohn lange gekeimt.

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Wieder Todesstille ringsumher.

Die Beterin am Kreuz war zusammengesunken -- regungslos wie in tiefem

Schlafe gefangen.

Da drehte sich leise, leise der steinerne Deckel, und die Hände des

Mannes leuchteten weiß aus der Dunkelheit, wie sie langsam und

geräuschlos gleich großen furchtbaren Spinnen um den Rand der Urne

krochen.

Kein Laut im ganzen Park. -- Lähmendes Entsetzen schlich durch die

Finsternis.

Linie um Linie senkten sich und schwanden die steinernen Schraubengänge.

Da traf durch das Dickicht ein winziger Mondstrahl ein Ornament der Urne

und schuf auf dem geschliffenen Knauf ein glühendes, gräßliches Auge,

das mit glotzendem, tückischem Blick weit aufgerissen in das Gesicht des

Mannes starrte.

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Von Grauen und Furcht gehetzte Füße flohen durch das Gehölz, und das

Prasseln des Reisigs schreckte die junge Mutter auf.

Das Geräusch wurde schwächer, verlor sich in der Ferne und erstarb.

Sie aber achtete nicht darauf und lauschte in die Dunkelheit mit

stockendem Pulse einem unmerklichen, kaum hörbaren Laut nach, der wie

aus der Luft entstanden ihr Ohr getroffen hatte.

War das nicht ein leises Weinen gewesen? Ganz dicht bei ihr?

Unbeweglich stand sie und horchte und horchte mit verbissenen Lippen;

ihr Ohr wurde scharf wie das Ohr eines Tieres -- sie hemmte den Atem bis

zum Ersticken und hörte dennoch den Hauch aus ihrem Munde wie das

Rauschen des Sturmwindes; -- das Herz dröhnte, und ihr Blut brauste in

den Adern gleich tausend unterirdischen Quellen.

Sie hörte das Scharren der Larven in der Rinde der Bäume und die

unmerkbaren Regungen der Halme.

Und die rätselhaften Stimmen der keimenden ungeborenen Gedanken des

Innern, die das Schicksal des Menschen bestimmen, seinen Willen in

unsichtbare Fesseln zu schlagen, und doch leiser, viel viel leiser sind

als der Atem der wachsenden Pflanzen, schlugen fremdartig und dumpf an

ihr Ohr.

Dazwischen ein Weinen, ein schmerzliches Weinen, das sie ganz umhüllte,

das über ihr und unter ihr ertönte -- in der Luft -- in der Erde.

Ihr Kind weinte -- -- irgendwo -- da -- dort -- -- ihre Finger krampften

sich in Todesangst -- -- Gott würde es sie wiederfinden lassen.

Ganz, ganz nahe bei ihr mußte es sein -- Gott wollte sie nur prüfen --

gewiß.

Jetzt klingt das Weinen näher -- -- und lauter; -- der Wahnsinn schwingt

seine schwarzen Fittiche, die den Himmel verfinstern werden -- -- ihr

ganzes Gehirn ist ein einziger schmerzender Hörnerv.

Einen, nur einen Augenblick Erbarmen noch, o Gott, bis ihr Kind

wiedergefunden ist. -- Verzweifelt will sie suchend vorwärts stürmen,

doch schon verschlingt das Geräusch des ersten Schrittes den feinen

Laut, verwirrt das Ohr und bannt ihren Fuß an die alte Stelle.

Und hilflos muß sie stehenbleiben -- regungslos wie ein Stein, um nicht

jede Spur zu verlieren.

Wieder hört sie ihr Kind -- jetzt schreit es nach ihr, da bricht das

Mondlicht durch den Park und fließt von den Wipfeln in schimmernden

Strömen; -- und die Zieraten der Urne leuchten wie nasses Perlmutter.

Die Schlagschatten der Zypressen deuten: Hier, hier ist dein Kind

gefangen, den Stein zertrümmere. Schnell, schnell, eh' es erstickt; --

doch die Mutter hört und sieht nicht.

Ein Lichtschein hat sie betrogen, besinnungslos hat sie sich in das

Dickicht gestürzt, reißt sich blutig an den Dornen und zerwühlt das

Strauchwerk wie ein rasendes Tier.

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Grausig gellt ihr Schreien durch den Park.

Und weiße Gestalten kommen aus dem Schloß und schluchzen und halten ihre

Hände und tragen sie mitleidig fort.

Der Wahnsinn hat seinen Mantel über sie gebreitet, und sie starb in

derselben Nacht.

Ihr Kind ist erstickt, und niemand hat den kleinen Leichnam gefunden; --

die Urne hat ihn gehütet -- bis er in Staub zerfiel.

Die alten Bäume haben gekrankt seit jener Nacht und sind langsam

verdorrt.

Nur die Zypressen halten Leichenwacht bis zum heutigen Tag.

Nie sprachen sie ein Wort mehr und sind vor Gram starr und regungslos

geworden.

Das Holzkreuz aber haben sie stumm verflucht, bis der Nordsturm kam --

der riß es aus und warf es aufs Gesicht.

Die Urne wollte er zerschmettern in seiner Wut, doch das hat Gott

verboten; ein Stein ist immer gerecht, und dieser da war nicht härter

gewesen als ein Menschenherz.

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Schwer lastet es auf meiner Brust und macht mich erwachen.

Ich sehe um mich, und der Raum unter dem Himmel ist erfüllt mit

gebrochenem Licht.

Die Luft heiß und giftig.

Ängstlich scheinen die Berge zusammengerückt; -- und schreckhaft

deutlich jeder Baum. -- Einzelne weiße Schaumstreifen jagen über das

Wasser, von einer rätselhaften Kraft gehetzt; -- der See ist schwarz; --

wie der geöffnete Rachen eines tollen Riesenhundes liegt er unter mir.

Eine langgestreckte violette Wolke, wie ich sie noch niemals gesehen,

schwebt in furchteinflößender Unbeweglichkeit hoch über dem Sturm und

greift -- ein gespenstischer Arm -- über den Himmel.

Noch liegt wie ein Alp der Traum von der Urne auf mir, und ich fühle,

das ist der Arm des Föhn -- da oben -- und seine ferne unsichtbare Hand

tastet und sucht auf Erden nach jenem Herzen, das härter gewesen ist als

Stein.

Der violette Tod, und andere Novellen · 第 14 / 30 题