Das dicke Wasser

Im Ruderklub »Clia« herrschte brausender Jubel. Rudi, genannt der

Sulzfisch, der zweite »Bug«, hatte sich überreden lassen und sein

Mitwirken zugesagt. -- Nun war der »Achter« komplett. -- Gott sei Dank.

Und Pepi Staudacher, der berühmte Steuermann, hielt eine schwungvolle

Rede über das Geheimnis des englischen Schlages und toastierte auf den

blauen Donaustrand und den alten Stefansturm (duliö, duliö). Dann

schritt er feierlich von einem Ruderer zum andern, jedem das

Trainingsehrenwort -- vorerst das kleine -- abzunehmen.

Was da alles verboten wurde, es war zum staunen! Staudacher, für den als

Steuermann all dies keinerlei Geltung hatte, wußte es auswendig:

»Erstens nicht rauchen, zweitens nicht trinken, drittens keinen Kaffee,

viertens keinen Pfeffer, fünftens kein Salz, sechstens -- -- siebentens

-- -- -- achtens -- -- --, und vor allem keine Liebe -- hören Sie --

keine Liebe! -- weder praktische noch theoretische -- -- -- --!«

Die anwesenden Klubjungfrauen sanken um einen halben Kopf zusammen, weil

sie die Beine ausstrecken mußten, um ihren Freundinnen #vis-à-vis#

bedeutungsvolle Fußtritte unter dem Tisch zu versetzen. Der schöne Rudi

schwellte die Heldenbrust und stieß drei schwere Seufzer aus, die

anderen schrien wild nach Bier, der kommenden schrecklichen Tage

gedenkend.

»Eine Stunde noch, meine Herren, heute ausnahmsweise, dann ins Bett, und

von morgen an schläft die Mannschaft im Bootshause.«

»Mhm,« brummte bestätigend der Schlagmann, trank aus und ging. »Ja, ja,

der nimmt's ernst,« sagten alle bewundernd. --

Spät in der Nacht traf ihn die heimkehrende Mannschaft zwar Arm in Arm

mit einer auffallend gekleideten Dame in der Bretzelgasse, aber es

konnte ja gerade so gut seine Schwester sein. -- Wer kann denn in der

Dunkelheit eine anständige Dame von einer Infektioneuse unterscheiden!

* * *

Der »Achter« kam dahergesaust, die Rollsitze schnarchten, die schweren

Ruderschläge dröhnten über das grüne, klare Wasser.

»Jetzt kommt der Endspurt, da schauen S', da schauen S'!«

»Eins, zwei, drei, vier, fünf -- -- -- -- -- -- aha -- ein

Vierundvierziger!«

Staudachers Kommandogeheul ertönte: »Achtung, stopp. Achter, Sechster:

zum streichen! Einser, Dreier: fort. -- Ha--alt!«

Die Mannschaft stieg aus, keuchend, schweißbedeckt.

»Da schauen S' den Nummer drei, die Pratzen! Wie junge Reisetaschen,

was? Überhaupt die Steuerbordseiten is gut beisamm'. -- Der beste Mann

im Boot ist halt doch Nummer sieben. -- Ja, ja unser Siebener. Gelt,

Wastl, ha, ha.«

»No, und die Haxen von Nummer acht san gar nix, was?«

»Wissen S', wievüll mür heut g'fahren san, Herr von Borgenheld?« wandte

sich Sebastian Kurzweil, der zweite Schlagmann, an den Vizeobmann, der

verständnislos dem Herausheben des vierzehn Meter langen, einem Haifisch

gleichenden Achtriemers zusah.

»Dreimal,« riet der Vizeobmann.

»Wievüll, sag' ich,« brüllte Kurzweil.

»Fünfmal,« stotterte erschreckt Herr von Borgenheld.

»Himmelsakra!« -- der Ruderer schüttelte den Arm.

»Er meint: -- >wie lang<,« warf ein Junior ein, der schüchtern dabei

stand und einen schmutzigen Fetzen in der Hand hielt.

»Ach so! -- Fünf Kilometer!«

Die Mannschaft machte Miene, sich auf Herrn von Borgenheld zu stürzen.

Sie hätten ihn zerrissen, da rief sie eine Serie rätselhafter Kommandos

wieder an das Boot: »Mann an Rigger -- aufff -- auf mich (prschsch -- da

lief das Wasser aus dem umgewendeten Boot) -- schwen--ken -- fort!«

Und acht rot-weiß und spärlich bekleidete Gestalten, ohne Strümpfe und

mit phantastischem Schuhwerk hantierten an dem Boot herum und schleppten

es mit tiefem Ernst in den Schuppen.

»No, raten Sie jetzt!« und der Steuermann schwenkte eine silberne

Taschenuhr an einem roten Strick hin und her. »Also wieviel?« -- Der

Vizeobmann aber mochte nicht mehr. Staudacher zündete sich eine

Virginia an, denn ein echter Steuermann muß gewissenhaft alles tun, was

gesundheitsschädlich ist, um leichter zu werden.

»Also raten Sie, Herr #Dr.# Hecht!«

»Füglich -- äh -- füglich -- soll man die >Zeit< geheim halten,« näselte

dieser fachgewandt und zwinkerte nervös mit den Augenlidern.

»No, dann schauen Sie selbst,« sagte Staudacher. Alle beugten sich vor.

»5 Minuten 32 Sekunden,« kreischte der Junior und schwenkte den

schmutzigen Fetzen über dem Kopf.

»Jawohl 5: 32! -- Wissen Sie, was das heißt, meine Herren, 5: 32 für

2000 Meter -- stehendes Wasser, ich bitte!«

»Fünfi zwoadreiß'g, fünfi zwoadreiß'g,« brüllte Kurzweil, der jetzt

splitternackt auf der Terrasse des Bootshauses stand, wie ein Stier

herunter.

Eine wilde Begeisterung ergriff alle Mitglieder.

5: 32!!

Sogar der Obmann Schön machte einen dicken Hals und meinte, daß man

selbst seinerzeit in Zürich, im Seeklub, keine bessere Zeit gefahren

sei.

»Jawohl 5: 32! Und kennen Sie auch den Hamburger Rekord im Training?«

fuhr Staudacher fort. -- -- »6 Minuten 2 Sekunden!! bei Windstille -- --

mir hat es ein Freund telegraphiert. -- -- 6: 2! -- -- -- und wissen Sie

auch, was 30 Sekunden Differenz sind? 11 Längen -- klare Längen --

jawohl!«

»Sie, Ihre Zeit kann absolut nich stimm',« wandte sich ein Berliner

Ruderer, der als Gast zugegen war, an Staudacher, »sehen Se mal, der

englische Professionalrekord is 5: 55, da wären Sie ja um 23 Sekunden

besser. Nu, hören Se mal! -- Überhaupt die Wiener >Zeiten< sind

verflucht verdächtig, -- vielleicht jehen Ihre Stoppuhren falsch!«

»Schauen S', daß S' weiter kommen, Sö -- fünfifünfafufz'g Sö, -- setzen

S' ös in d'Lotterie dö fünfifünfafufz'g. Haben S' überhaupt an Idee --

bereits -- -- was mür Weana für a Kraft hab'n,« höhnte Kurzweil von der

Terrasse, dann hob er die Arme und brüllte, wie weiland Ares im

Trojanischen Krieg, daß es durch die Erlenwäldchen an den Ufern des

Donaukanals gellte.

»Hören Se doch nu endlich mit dem Jebrülle auf -- Sie da oben -- oder

wollen Se vielleicht 'n dreibänd'jes Buch über planloses Jeschrei

herausjeben!« rief der Berliner ärgerlich.

»Pst, pst -- nur keinen Streit,« besänftigte Staudacher. -- »Übrigens,

meine Herren, -- ich nehme heute schon die Glückwünsche zu unserem

künftigen großen Siege in Hamburg entgegen. -- Meine Herren, auf diesen

Sieg --, meine Herren -- hip -- hip -- --«

Die harmonischen Töne einer Drehorgel schnitten ihm die Worte ab --

einen Augenblick Totenstille, dann rhythmisches Trampeln im Ankleideraum

der Mannschaft und alle stimmten begeistert mit ein in das Lied:

»Dös is wos für 'n Weana,

Für a wean'risches Bluat,

Wos a wean'rischer Walzer

An 'm Weana all's tuat.«

* * *

Der Ausschuß des Klubs war auf dem Bahnhof versammelt und wartete auf

die aus Hamburg heimkehrende Mannschaft in größter Erregung, denn in den

Morgenblättern war ein schreckliches Telegramm abgedruckt gewesen:

»Hamburg -- Achterrennen um den Staatspreis. Resultate: Favorit

Hammonia, Hamburg -- erste: 6 Min. 2 Sek.; Ruderklub »Clia«,

Wien -- letzte: 6 Min. 32 Sek.

Interessantes Rennen zwischen Favorit Hammonia, Hamburg, und

Berliner Ruderklub. Wien unter acht Booten achtes, kam nie

ernstlich in Betracht. Die Arbeit der Österreicher saft- und

kraftlos und auffallend marionettenhaft.«

»Sehen Se wohl, was hab ich jesagt,« höhnte der Berliner, der schon eine

Stunde auf dem Perron wartete, »jerade ne janze Minute schlechtere Zeit

als anjeblich hier im Training.«

»Ja, es ist schrecklich fatal,« lispelte der Obmann, »und wir haben

schon gestern Einladungen zum Siegesfest verschickt und das Bootshaus

beflaggt und mit Reisig geschmückt.«

»Es muß rein etwas passiert sein,« meinte zögernd ein alter Herr -- dann

schrien plötzlich alle durcheinander: »Der Nummer zwei is schuld -- --

der Sulzfisch, der zieht ja nicht einmal das Gewicht seiner Kappe -- der

ganze Kerl ist schwabberig wie Hektographenmasse.«

»Was denn Nummer zwei! Die ganze Backbordseite ist keinen Schuß Pulver

wert.«

Ȇberhaupt der >Einsatz< fehlt. #Catch the water!# -- verstehen Sie

mich, -- verstehen Sie Englisch? #Catch the water.# Schauen Sie her,

so! #catch#, #catch#, #catch#!«

»Meine Herren, meine Herren, was nutzt das alles: #catch#,

#catch#, #catch#, wenn man >Swivels< hat, wie wollen Sie da

>einsetzen<. Hab' ich nicht immer gesagt: feste Dollen, was, Herr von

Schwamm? -- Ja, feste Dollen, haha, zu meiner Zeit: rum -- bum -- rum

bum --«

»Hätt' alles nicht g'schadt, aber natürlich knapp vorm Training bei der

Nacht mit Weibern rumlaufen, daran liegt's. Haben S' damals unsern

>Stroke< g'segn in der Bretzelgass'n? Wissen S', wer die Frauensperson

war? Die blonde Sportmirzl, wann Sö's no nöt kenna!«

Ein gellender Pfiff. Der Zug fährt ein.

Aus verschiedenen Coupés steigen die »Clianesen« aus. Ärgerliche

Gesichter, müde, abgespannte Mienen: -- -- -- »Träger! Träger! --

Himmelsakra, sind denn keine Träger da!«

»Erzählt's doch, was ist denn g'schehn? Letzte, immer letzte?«

»Der >Sulzfisch<,« murmelt Kurzweil ingrimmig.

Der schöne Rudi hat es gehört und tritt mit geschwellter Heldenbrust an

ihn heran: »Mein Herr, ich bin Reserveleutnant im Artillerieregiment Nr.

23, verstehen Sie mich?« Und er zwinkert mit entzündeten Lidern, und

sein Gesicht ist klebrig und rußgeschwärzt, als ob er auf einem

Stempelkissen geschlafen hätte.

»Ruhe, meine Herren, Ruhe!« Staudacher ist es, der eine Flasche in der

Hand hält.

»Erzählen, Staudacher, erzählen!« -- Alles umdrängt ihn. Der kleine

Steuermann hebt die Flasche in die Höhe, »Hier ist des Rätsels Lösung,

-- wissen Sie, was da drin ist? -- Alsterwasser, Hamburger Alsterwasser!

-- -- Und da drin soll unsereins rudern, wo wir an unser dünnes klares

>Kaiserwasser< gewöhnt sind -- net wahr, Kurzweil? Wissen S', daß dieses

Alsterwasser bereits um ein Fünftel dicker ist als wie das unsrige? --

[ja, wirklich, m'r siecht's] -- Ich hab's selbst mit dem Aräometer

g'messen, und unsere Zeit ist trotzdem nur um ein Sechstel schlechter!

-- Nur um ein Sechstel -- meine Herren! -- Hä? Hab'n S' an Idee, wie wir

hier g'wonnen hätten! -- Da wären die Hamburger gar net mitkommen.«

Alle waren voll Bewunderung: »Nein, wirklich, alles was recht ist, unser

Staudacher ist ein findiger Kopf, so einen sollen S' uns zeigen, die,

die... die deutschen Brüder aus dem >Reich< -- --«

»Ja, ja! -- 's gibt nur a Kaiserstadt, 's gibt nur a Wean!«

Der violette Tod, und andere Novellen · 第 13 / 30 题