vorbereitet, ist der östliche Continent Zeuge von nicht geringeren
Umwälzungen und Neubildungen. Die zehn Stämme Israels kehren gleich
den Zerstreuten Juda's nach Jerusalem zurück und bauen dort den
Tempel wieder auf. Dann wird die gesammte alte Welt, soweit sie nicht
zu den Gläubigen gehört, sich wider sie erheben, mit Heeresmacht
gegen sie heranziehen und die heilige Stadt belagern. Der Herr aber
wird den Geist der Gnade und des Gebets über die Bewohner Jerusalems
ausgießen, und Christus, den ihre Väter gekreuzigt, wird sich an ihre
Spitze stellen. Von ihm geführt, werden sie in einer gewaltigen
Schlacht am Oelberge alle Heiden darniederlegen. Diesem Triumphe der
Juden folgt ein allgemeiner Umsturz der Dinge in Europa sowohl wie in
Asien. Christus wird König der Kinder Israel, Jerusalem seine
Hauptstadt und der Mittelpunkt der alten Welt. Die Höfe von Paris,
London, Petersburg, Rom und Wien -- die Berliner Großmacht scheint
dem Gotte, der die Offenbarung ertheilte, nicht bekannt gewesen zu
sein -- müssen sich dem Messias als Oberlehnsherrn unterwerfen.
Weigern sie sich dessen, so werden ihre Throne umgestoßen und ihre
Reiche vernichtet.
Entsprechend dieser Vereinigung der Erdenvölker wird auch eine
Vereinigung der bisher getrennten Erdtheile stattfinden. Das Meer
wird sich nach anderen Gegenden unseres Planeten zurückziehen, und
alle Inseln und Continente werden »Beulah«, d. h. auf Neuägyptisch:
»verheirathet« werden, sodaß von dem östlichen nach dem westlichen
Jerusalem (in welchem letztern Christus sein zweites großes
Heiligthum und seinen zweiten Thron haben wird) jene mächtige
Heerstraße erbaut werden kann, welche »der Löwe nicht betreten und
des Adlers Auge nicht gesehen.« Endlich werden unter Erdbeben
unzählige Heilige des Alterthums aus ihren Gräbern steigen, um an der
Glückseligkeit des Millenniums theilzunehmen.
Und am Ende des tausendjährigen Reichs »wird Denen, welche nicht
aufrichtigen Herzens und nicht gehorsam dem Willen des Herrn gewesen
sind -- den bösen Geistern nämlich -- gestattet werden, eine kurze
Zeit ihren aufrührerischen Geist unter der Anführung ihres
Feldhauptmanns Satan, des großen Drachen, zu bethätigen. Zuletzt aber
werden sie in einer ungeheuern Schlacht besiegt und hinausgeworfen
werden aus dem Reiche der Gerechten.«
Und nun erfolgt die zweite Auferstehung und das jüngste Gericht. Die
Erde aber wird, durch Feuer geläutert und zu himmlischer Schönheit
verklärt, eine Wohnung Derer werden, die demüthig und reinen Herzens
sind.
Neuntes Kapitel.
Die politischen Verhältnisse und die Zukunft des Mormonenstaates. --
Die Unwahrscheinlichkeit, daß derselbe durch Anstoß von Außen zu Grunde
gehen werde. -- Innere Ursachen des Verfalls. -- Schlußbetrachtungen.
Der vorhergehende Abschnitt hat uns in Bildern, gemalt mit dem Pinsel
der Ueberschwänglichkeit, gezeigt, welche Zukunft die Mormonen
erwarten. Der folgende soll sehen lassen, welche Zukunft aller
Wahrscheinlichkeit nach die Mormonen erwartet. Dazu bedarf es
zunächst einiger Nachträge zu dem, was wir bei Betrachtung des
Kirchenregiments der Secte über die bürgerliche Verfassung der
Gemeinde in Deseret zu bemerken hatten.
Wir sehen die Ansiedler Utahs gegenwärtig zu einem Gemeinwesen
organisirt, welches alle Erfordernisse eines geordneten Staates an
sich trägt. Die gesetzgebende, richterliche und ausübende Gewalt ist
in Behörden ausgeprägt, welche sich der Form nach in nichts von denen
unterscheiden, die in den übrigen Gliedern der nordamerikanischen
Union jene Functionen ausüben. In wenigen Jahren, vielleicht schon im
nächsten, wird das jetzt noch von Washington abhängige _Territorium
Utah_ dadurch, daß es die Zahl von sechzigtausend Einwohnern
erreicht, zum unabhängigen _Staate Deseret_ werden, und wenn die
Anerkennung solcher Souverainetät durch den Congreß dermalen noch
mangelt, so kann man sich bei dem thatsächlichen Besitze derselben,
der aus der Entfernung des Landes vom Sitze der Oberbehörde des
Staatenbundes und aus der Ungeneigtheit dieser Behörde zu strenger
Interpretation ihrer Befugnisse erwuchs, sehr wohl über das Fehlen
der Form trösten.
Das Gemeinwesen der Mormonen wird von ihnen als eine Theo-Demokratie
bezeichnet. Richtiger wäre es, zu sagen, es sei eine entschiedene
Theokratie, die sich nur nach Außen hin und mit Rücksicht auf einige
fremde Elemente im Innern bestrebt, den Schein einer demokratischen
Republik zu bewahren. Um nicht zu grün abzubrechen, hat man sich vom
Präsidenten Fillmore einen Gouverneur geben lassen, hat man
Gerichtshöfe nach dem Muster der im Osten bestehenden eingerichtet,
hat man eine gesetzgebende Versammlung gleich denen in den übrigen
Territorien gewählt. Aber die Regeln und Befehle des Herrn, die
allem, was man, nothgedrungen sich accommodirend, jetzt anerkennt,
vorausgingen, sind für alle Zeit gegeben, und sie erstrecken sich
ebensowohl über zeitliche und weltliche Dinge, als über geistliche.
Nur die, welchen Gott seinen Willen direct offenbart, können Gesetze
der Wahrheit gemäß machen, und so ist den Mormonen Brigham Young nur
darum berechtigter bürgerlicher Gouverneur, weil er der Seher des
Herrn ist. Hätte der Präsident der Union den Bewohnern des
Territoriums einen Andern gesendet, so »würde man ihn mit aller ihm
als Vertreter der Centralgewalt gebührenden Achtung und Ehrerbietung
empfangen, ihn aber in seiner Eigenschaft als Gouverneur und Leiter
der öffentlichen Angelegenheiten als nicht vorhanden betrachtet
haben.« »=He would be let severely alone=,« sagt ein Mormonenblatt in
Hinblick auf die Möglichkeit eines solchen Falles. Hätte er eine Wahl
anordnen oder eine gesetzgebende Versammlung berufen wollen, so
würden keine Augen dagewesen sein, seinen Erlaß zu lesen, und er
würde den Verdruß gehabt haben, entweder die alten Statuten ruhig
fortgelten oder eine Legislatur tagen zu sehen, die ohne seine
Mitwirkung zusammengetreten wäre und berathen hätte. Mit Einem Worte,
man würde ihm einen ähnlichen passiven Widerstand entgegengesetzt
haben, wie den, welcher im Jahre 1851 den drei nicht mormonischen
Beamten der Vereinigten Staaten gegenüber an den Tag gelegt wurde,
und »es würde ihm kein anderes Geschäft übrig gelassen worden sein,
als das freilich ziemlich mühsame, seinen Gehalt aus dem zweitausend
Meilen entfernten Schatze in Washington zu beziehen.«
Wie die Kirche, so steht auch der Staat der Latterday-Saints in allen
Beziehungen unter dem Triumvirate der Präsidentschaft, das, wie oben
gezeigt, zwar aus drei Personen zusammengesetzt ist, aber nur einen
einzigen Willen hat. Selbst die sogenannten »=Stakes of Zion=« oder
Zweiggemeinden, die über die ganze Erde verbreitet sind, haben dem
Präsidenten und Seher zu gehorchen, und zwar in geistlichen
Angelegenheiten durchaus, in weltlichen soweit, als die betreffenden
Verordnungen der mormonischen Oberbehörde den Gesetzen des Staates,
in dem die Gemeinde sich befindet, nicht widersprechen. Alle
Streitigkeiten sind von der Kirche zu entscheiden: die über
Gegenstände der Lehre vom Seher, die über Gegenstände des Rechts von
Friedensrichtern, Obergerichten und in letzter Instanz vom
Gouverneur. Allein der Friedensrichter ist der Bischof des in Frage
stehenden Stadt- oder Grafschaftsbezirks, die Herren auf der
Richterbank des Superior-Court sind ohne Ausnahme aus der Mitte der
Hohenpriester, der Siebziger oder der Apostel gewählt, und Seine
Excellenz der Gouverneur ist der Seher und Offenbarer. Selbst die
gesetzgebende Versammlung, die überdies unter dem Einflusse der
Priesterschaft gewählt ist, kann keinerlei Anordnungen treffen,
welche gegen die Aussprüche des Kirchenhaupts verstoßen. Sie hat
letztere lediglich mit den Verhältnissen in Einklang zu bringen und
dadurch anwendbar zu machen.
Die Gerechtigkeitspflege ist von der einfachsten Art. Sie ist auf den
Grundsatz allgemeiner Gleichheit basirt und lehnt sich in vielen
Punkten an die Vorschriften des mosaischen Gesetzes an, dessen
Strafen verhängt werden, so weit dies ausführbar ist. Amerikanische
Berichterstatter loben, daß bei den Untergerichten die Zeugen selten
vereidet werden, und daß man auf die Hinterpförtchen und
Schlupflöcher des Rechts, die den Sachwaltern im Osten so reichliche
Gelegenheit zu Winkelzügen und zu Hinausschleppung der Entscheidung
bieten, wenig giebt, sondern mehr dem gesunden Menschenverstande und
dem einfachen Rechtsgefühle vertraut.
Ein eigenthümlicher Zug in der Gesetzgebung von Deseret ist der, daß
die Trägheit mit Strafen bedroht ist. Die Arbeit gilt als heilig.
Faule werden von den Bischöfen notirt und zunächst vermahnt, dann
öffentlich nach dem Sonntagsgottesdienste getadelt, endlich mit dem
Fluche belegt. Es giebt in dem Bienenstocke, der das Wappenbild
Deserets ist, keine Drohnen. Wer nicht die Hände regt, muß hungern.
Der Prophet Joseph zwar wurde von Gott durch eine Offenbarung von der
Verpflichtung zu physischer Arbeit befreit, da er zu sehr vom
Regieren in Anspruch genommen war. Brigham Young dagegen beansprucht
keine solche eximirte Stellung, sondern geht, so weit es seine
anderen Geschäfte zulassen, den Brüdern mit gutem Beispiele voran,
indem er, seines Handwerks ein Zimmermann, aufs Rüstigste in seinen
Sägemühlen arbeitet. Priester und Bischöfe thun desgleichen, und die
Apostel und Oberpriester können sich ohne Ausnahme rühmen, wie Paulus
der Teppichweber ihr Brot im Schweiße ihres Angesichts zu verdienen
und an Werkeltagen durch die That zu lehren, was sie des Sonntags von
der Kanzel in Betreff der Tugend des Fleißes vorgetragen haben. Das
hat aber seine guten Folgen nach verschiedenen Seiten. Es läßt den
Unterschied zwischen Priester und Laie nicht so schroff erscheinen,
als er der Doctrin nach ist, es verschmilzt die einzelnen Classen
miteinander, es macht die Führer der Heerde mit den Wünschen und der
Denkweise der letztern bekannt, und es bereichert den öffentlichen
Schatz; denn je fleißiger die Arbeiter, desto größer die Resultate,
und je größer die Resultate, desto stärker die Zehnten. Die letzteren
gehen aber, wie oben erwähnt, nicht lediglich in den Säckel der
Priesterschaft, sondern werden auf öffentliche Unternehmungen, auf
Straßen- und Brückenbau, auf Schulen, kirchliche Anstalten, auf die
Unterhaltung der Familien von Missionairen und auf den Tempel
verwendet, sodaß sie den Steuernden wieder zu Gute kommen und das
ganze System im Grunde nur als eine Art gemäßigter Communismus
erscheint.
Criminalfälle sollen künftig nach den »Gesetzen des Herrn«
abgeurtheilt werden, einem Codex, der angeblich durch Offenbarung
erlangt, bis jetzt aber noch nicht veröffentlicht worden ist, da das
Volk Gottes als noch nicht völlig reif dazu erkannt wurde. Derselbe
soll jedoch bald in Kraft treten. Was davon verlautet, läßt an
Drakons Gesetzgebung denken. Denn unter Anderm sollen nach ihm alle
schwereren Verbrechen, zu denen der Ehebruch gezählt wird, mit
Enthauptung geahndet werden, weil »ohne Blutvergießen keine Vergebung
der Sünden ist.« Ja man sieht dies sogar als einen Act der
Barmherzigkeit gegen den Missethäter an, der, wenn er in seiner
Unklugheit oder vom Satan verlockt, durch Sünde seine Seligkeit
verscherzt hat, dadurch, daß er sein Haupt dem Beile darbietet, seine
Verschuldung sühnen und in einen Zustand eintreten kann, wo er von
Neuem eine Prüfungszeit beginnt.
Man hat die Führer der Mormonen angeklagt, sich wiederholt in
gehässiger und verächtlicher Weise über die Persönlichkeiten
ausgesprochen zu haben, welche an der Spitze der Regierung in
Washington stehen oder gestanden haben, und man hat daraus einen
baldigen Zusammenstoß mit der Centralgewalt prophezeien wollen.
Allein dergleichen Angriffe auf die Staatsmänner der Union sind in
der amerikanischen Presse und bei den Rednern der Volksversammlungen
etwas Alltägliches, und Niemandem wird es beikommen, aus dem
Umstande, daß ein abolitionistisch gesinnter Gouverneur oder Senator
von Massachusetts oder Rhode Island die Herren in Washington wegen
des Gesetzes gegen die flüchtigen Sclaven als Verräther bezeichnete,
weissagen zu wollen, der Staat Massachusetts oder Rhode Island wolle
sich von der Union losreißen. Ueberdies aber haben die Mormonen in
allen ihren Reden und Schriften auf das Geflissentlichste gegen den
Staatenbund selbst und gegen die Constitution ihre Achtung und
Anhänglichkeit an den Tag gelegt, und mag dies bei Einigen eine bloße
Kundgebung der Vorsicht, ein bloßes theatralisches Gepränge gewesen
sein, bei der Mehrzahl war es gewiß aufrichtig und ehrlich gemeint.
Nicht ohne einen gewissen Schein des Rechtes, der Leuten ohne
Kenntniß der Diplomatie leicht als das Recht selbst erscheinen
konnte, hätten sich die Ansiedler von Utah im Jahre 1848 unabhängig
vom Mutterlande erklären können. In Missouri und Illinois grausam und
ungerecht behandelt, vom Congresse und Präsidenten nicht geschützt,
wanderten sie vor ihren Verfolgern nach einer Gegend aus, die, als
ihre erste Colonne dort anlangte, mexikanisches Gebiet war. Ihre
junge Mannschaft half dieselbe erobern, ihr unermüdlicher Fleiß, ihre
Ausdauer und ihre Umsicht schuf sie aus einer nur theilweise
bewohnbaren Wüste in ein blühendes Culturland um. Schon waren sie
geraume Zeit dort angesessen, als der Friedensschluß erfolgte, durch
den Utah an die Vereinigten Staaten abgetreten wurde. Sie hätten sich
dagegen verwahren können; denn so wenig auch das Völkerrecht dies
anerkennt, würde ein solcher Protest in der Geschichte Nordamerika's
nicht ohne Beispiel gewesen sein. Allein nicht sobald hatten sie die
Kunde vernommen, die sie aus Exulanten in Bürger der Union
verwandelte, als sie die erste Gelegenheit ergriffen, ihre
Anhänglichkeit an das alte Vaterland zu erklären und dessen
Verfassung als auch für sie bindend anzuerkennen.
Daß man aber auch noch jetzt so denkt oder wenigstens so zu denken
sich den Anschein giebt, mag die folgende, aus Gunnisons Buche
entnommene Schilderung der Feier des dritten Jahrestages ihrer
Ankunft auf dem Boden Deserets zeigen. Die Feier des vierten Juli
1851, die wir nach andern Quellen an einem andern Orte beschrieben
haben,[7] stimmt damit überein, und es bleibt kein Zweifel, daß die
Mormonen Bürger der Union sein und bleiben wollen, wenn ihre
Verehrung vor der Constitution auch =cum grano salis= zu nehmen ist.
Gunnison erzählt:
[7] Im zweiten Bande der »Wanderungen zwischen Hudson und
Mississippi«, Seite 66, ff.
»Um zehn Uhr Morgens verkündete Kanonendonner der Stadt, daß die Zeit
gekommen sei, sich nach der Bowery, wo einst ihr Tempel stehen wird,
zu verfügen. Die Würdenträger der Kirche und die Beamten der von den
Vereinigten Staaten abgesendeten Vermessungs-Commission fanden sich
in dem neuen Wohnhause des Präsidenten ein, wo sie mit der
Zuvorkommenheit und Artigkeit empfangen wurden, die den Gouverneur
von Utah auszeichnet. Um elf Uhr marschirte vor dem Hause ein
starker, gutausgerüsteter Trupp Militair auf, geführt vom General
Wells und begleitet von einem Musikchore, sowie von vierundzwanzig
Bischöfen in Amtstracht, welche Fahnen trugen. Die Gäste, die
Würdenträger und die Präsidentschaft ordneten sich dann zum Zuge und
setzten sich hierauf unter dem Commando des Generals, seiner
Adjutanten und des »Marshal of the Day«, während die Musik spielte
und die Kanonen donnerten, mit wehenden Bannern nach dem großen
Platze in Bewegung, wo die Hauptfeierlichleit stattfinden sollte.
Hier waren in der musterhaftesten Ordnung und Ruhe gegen sechstausend
Personen versammelt, alle in sauberen Sonntagskleidern und mit
freudestrahlenden Gesichtern. Als der Redner, die Präsidentschaft,
die Väter oder »betagten Männer« sowie die vornehmsten Gäste auf den
zahlreichen Bänken der Erhöhung Platz genommen hatten, wo die
Rednerbühne stand, rief einer der zwölf Apostel betend den Segen des
Himmels auf die Versammlung herab. Dann las der Marshal das Programm
der Festfeier vor, und hierauf folgte ein Vortrag des Redners, in
welchem er sich mit beredten Worten an den Stolz, die Vaterlandsliebe
und das Gerechtigkeitsgefühl seiner aufmerksamen Zuhörer wendete. Er
zählte ihre vielfältigen Prüfungen und deren glorreiche Endergebnisse
auf, forderte sie auf, ihre Ehre und ihre Rechte gegen jede
Beeinträchtigung aufrecht zu erhalten und erklärte in ihrem Namen,
daß jeder Angriff, der aus diesem Grunde auf sie gemacht würde, auf
kräftigen Widerstand stoßen solle. Dann wurden Reden vom Präsidenten
und von Anderen gehalten, die alle den Zweck verfolgten, die
Aufmerksamkeit auf die Wichtigkeit der Feier zu lenken und den Hörern
klarer zum Bewußtsein zu bringen, warum und aus welchen Ursachen
dieser Tag ein denkwürdiger sei.
Hiernach kam die Hauptsache. Es war die Ueberreichung der Verfassung
der Vereinigten Staaten, sowie der von Deseret an den Gouverneur,
damit er und seine Nachfolger sie als getreue Wächter hüteten. Die
Urkunden wurden durch vierundzwanzig »Betagte«, silberhaarige Männer,
Söhne und Nachkommen der Freiheitshelden von 1776 übergeben. In
wohlgesetzter, kurzer Ansprache ermahnte ihr Sprecher den Gouverneur
zur Treue gegen die Constitution. Er sagte ihm, daß diese Väter vor
ihm bald von der Schaubühne dieses vielbewegten Lebens abtreten
würden, und daß sie, bevor sie gingen, um nicht wiederzukehren, so
lange das gegenwärtige weltliche Regiment währe, das Erbtheil, das
sie von dem vergangenen Geschlechte empfangen, in sichere Hände zu
legen wünschten, damit es ungeschmälert bewahrt werde bis zu der
Zeiten Erfüllung. Es wäre die glorreiche, die göttliche Verfassung,
die der Herr den Staatsmännern von ehedem eingegeben habe, und sie
bäten, daß dieselbe in die Archive ihres aufblühenden Staates
niedergelegt würde, als ein heiliges Kleinod, als das Palladium der
Freiheit, als die oberste Herrschermacht unter Gott, der über die
Geschicke der Vereinigten Staaten wache, als eine körperlose Gewalt,
die lediglich in der Liebe und Treue ihrer Unterthanen, freigeborener
Männer, existire. Sie müsse heilig gehalten werden, Jedermann in den
Bergen müsse durch Eidschwur zu ihrer Vertheidigung verpflichtet
werden. Denn drohende Wolken wälzen sich am östlichen Himmel empor,
und die ursprünglichen Wahrer und Unterstützer würden bald von ihrer
Treue gegen die stumme und doch so beredte Constitution lassen und,
nach dem Willen des Himmels von Sinnen gekommen, heranstürzen, um
ihre Hände mit Bruderblut zu beflecken, während droben in den Bergen
die auserwählten Hüter sich des heiligen Kleinods erfreuen und
endlich wie der Adler von seinem Horste herniederfliegen würden, um
dem bereuenden Ueberreste jenen Frieden wiederzugeben, durch den
dieses hochbegnadigte Land allein gedeihen könne; zugleich mit der
weltlichen Urkunde aber würden sie Jenen die Wahrheit bringen, die
allein freimachen könne.
Die Festlichkeit wurde durch ein glänzendes Bankett beschlossen,
welches in der Wohnung des Präsidenten für diejenigen veranstaltet
wurde, die von dem Militair und den Bischöfen nach der Bowery
geleitet worden waren. Trinksprüche, Reden, Musik und Gesang
wechselten mit einander bis zum Abend, wo die freudeberauschte Menge,
ohne daß ein Zwischenfall den Einklang der Feier gestört hätte,
auseinanderging und unzweifelhaft den Glauben mit heimnahm, daß die
Mormonen das größte Volk der Erde und ihre Regenten die weisesten
Männer unter der Sonne seien. Ihr Seher hatte ihnen gesagt, daß sie
keine irdische Macht zu fürchten hätten, und daß man entschlossen
sei, sich als Staat zu behaupten, was auch Congreß oder Präsident in
Washington reden oder thun möge, und das Volk hatte wie mit einem
Munde darauf geantwortet: Amen, so soll es sein, es ist der Wille der
himmlischen Gerechtigkeit.«
Ein Blick auf diese Reden zeigt, daß die Mormonen die Verfassung für
eine heilige, ja von Gott eingegebene Urkunde halten und daß sie
Bürger der Vereinigten Staaten sein, daß sie es aber auf ihre eigene
Weise sein wollen. Dagegen wird sich, sobald das Territorium zum
Staate geworden ist, nichts Triftiges einwenden lassen. Die
Constitution verbürgt die unbeschränkteste Gewissensfreiheit, indem
sie durch einen Zusatzartikel von 1794 bestimmt: der Congreß soll
kein Gesetz erlassen, welches sich auf die Einführung irgend einer
Religion bezieht oder die freie Ausübung einer solchen verbietet. Sie
schreibt den einzelnen Gliedern der Union in Bezug auf ihre
Verfassung nichts vor, was in dem Mormonenstaate nicht erfüllt wäre.
Sie verleiht endlich der Centralgewalt nicht das Recht, sich in die
inneren Angelegenheiten der von ihr zu einem Ganzen verknüpften
»souverainen« Republiken zu mischen.
Etwas Anderes ist es aber, so lange Utah noch Territorium ist. In
dieser Eigenschaft ist es als unmündig zu betrachten. Sein
gesetzlicher Vormund ist der Präsident in Washington, in dessen
Belieben es gestellt ist, wie viel Freiheit er -- natürlich mit
steter Rücksicht auf die Constitution -- dem Mündel gestatten, wie
viel Rücksicht er auf seine eigenthümlichen Verhältnisse nehmen
will. So möchte es den Mormonen, wenn der Präsident ihnen Beamte
gegen ihren Willen geben wollte, schwer fallen, darin einen
verfassungswidrigen Act nachzuweisen. Eine Unbilligkeit aber würden
in solchem Verfahren selbst die Gegner der Secte erkennen müssen.
Die Ansiedler von Deseret vergleichen ihre Stellung nicht unpassend
mit der Lage, in welcher sich die amerikanischen Colonien vor
Ausbruch des Unabhängigkeitskriegs befanden. Sie sehen den einzigen
Unterschied darin, daß letztere sich darüber zu beschweren hatten,
daß man ihnen Steuern zumuthete, ohne ihren Interessen Vertretung im
Parlamente des Mutterlandes zu gewähren, während sie, die Mormonen,
eine Ungerechtigkeit darin finden, wenn von auswärts gekommene
Regierungsbeamte, die ihren Glauben und ihre eigenthümlichen
Gewohnheiten nicht kennen, ihnen Gesetze aufnöthigen sollten. Bei
allem Widerwillen, den uns ihr Aberglaube und die Verkehrtheit
mancher ihrer gesellschaftlichen Einrichtungen einflößt, können wir
diese Klage und das damit zusammenhängende Verlangen, sie nach ihrer
Façon selig und auf Erden glücklich werden zu lassen, nur billigen.
Einige amerikanische Zeitungen haben andere Ansichten ausgesprochen.
Der Präsident Fillmore ist auf jenen Wunsch nur theilweise
eingegangen, indem er dem Territorium wenigstens drei nicht zu den
Latterday-Saints gehörende Beamte gab. Pierce, sein demokratischer
Nachfolger, hat eine richtigere Politik eingeschlagen und dem
Territorium in Bezug auf die Wahl seiner Beamten nichts Unliebsames
zugemuthet, ein Verfahren, wodurch der bedrohte Friede bis auf
Weiteres gesichert scheint.