Wir übergehen die Beweise, die für diese Wahrheit aus der Bibel

beigebracht werden, ebenso die Ausführung des Satzes, daß es Weibern

nicht erlaubt ist, ihrerseits mehrere Männer zu haben, ebenso einige

andere Behauptungen, die nur für den überaus gründlichen Pratt von

Wichtigkeit sind, und kommen wieder auf den Text zurück, wo unser

Dogmatiker nach weitläufiger Untersuchung der Leviratsehe, aus der

ihm unwiderlegliche, aber bekanntlich unnöthige Beweise für das

häufige Vorkommen der Vielweiberei unter den Juden hervorgehen,

seinen Scharfsinn an der nicht weniger überflüssigen Frage übt, ob

die ersten Christen nicht ebenfalls Polygamisten gewesen wären. Er

zeigt, daß dem so gewesen, an einer Fülle von Sprüchen aus den

Briefen Pauli, namentlich an dem, wo der Apostel dem Timotheus

schreibt, ein Bischof müsse _eines_ Weibes Mann sein. Wo dies nur von

Bischöfen gefordert wurde, raisonnirt Pratt, war es den Laien und

niederen Kirchendienern gestattet, mehrere Frauen zu haben. Den

Bischöfen aber war es damals nur untersagt, weil die Zeitumstände

nicht günstig dazu waren, und weil die Vorsteher der Kirche möglichst

befreit sein mußten von der Sorge für eine starke Familie; durchaus

nicht deshalb, weil es Sünde gewesen wäre, in Vielweiberei zu leben.

»Aber warum ist der Gebrauch, mehrere Frauen zu nehmen, von der

christlichen Kirche nicht beibehalten worden?« fragt Pratt. »Wir

antworten, es giebt kaum einen einzigen Zug des Urchristenthums, der

die dunkle Zeit der Verderbniß überdauert und sich bis auf den

heutigen Tag erhalten hat. Wo sind jetzt die vom heiligen Geiste

erfüllten Apostel der alten Christenheit? Wo ist die Fülle von

Propheten hin, die einst so zahlreich in der christlichen Kirche

aufstanden? Wo sind die Visionen, Offenbarungen, Weissagungen, die

Erscheinungen dienender Engel, die Heilungen, die Wunder und die

göttliche Gewalt hin, die ehemals die Kirche Christi auf Erden so

verherrlichten? Ja, wo ist diese Kirche Christi selbst hin gerathen?

Sie ist seit Jahrhunderten schon nirgends mehr auf der Erde zu

finden. Und wenn alle die großen und glorreichen Grundzüge der

christlichen Religion abhanden gekommen sind, wenn die Kirche selbst

nicht bis auf unsere Tage fortgepflanzt worden, sondern in eine Menge

von Secten zerfahren ist, von denen keine mehr Berechtigung zur

Existenz hat, als die götzendienerischen Hindus, wie wäre da zu

erwarten, daß das Gesetz der Vielweiberei, das in jener Urkirche

galt, sich erhalten haben sollte. Kein Wunder, daß, wenn die

wichtigsten Aemter, Gnadengaben und Segnungen des Evangeliums

verschwunden sind, auch die Gebräuche der alten Christen untergingen!

Dieser Abfall vom echten Christenthume begann schon bei Lebzeiten

der Apostel und äußerte sich unter Anderm in dem Verbote des

Heirathens, einer der wirksamsten Lehren, welche der Teufel erfinden

konnte, um die Grundlagen der Gesellschaft zu entwurzeln, das Volk

Gottes ihres verheißenen Erbtheils an Kindern zu berauben, die

Absichten des Allmächtigen auf Bevölkerung der Erde mit ihrem vollen

Maße von Bewohnern zu hindern und die Menschheit in dieselbe

traurige Lage wie die gefallenen Engel selbst zu bringen, welche

nicht die Macht haben, ihre Herrschaft durch Vermehrung ihrer Art zu

vergrößern. Dieser arglistige Versucher und seine Engel wissen sehr

wohl, was sie durch ihren einstigen Ungehorsam verscherzt haben, und

könnten sie die Menschen, die sie im Besitze des Verlorenen sehen,

zum Verbote des Heirathens verführen, so würde es ihnen zu großer

Genugthuung gereichen; denn wir würden dann, weiblos und kinderlos

wie sie, und der Mittel beraubt werden, uns Königreiche im Himmel zu

gründen. So versuchten sie alles Mögliche, die Menschheit zur

Abschaffung der Ehe zu bereden, und es gelang ihnen nur zu wohl,

wenn auch nicht vollständig. Da sie nicht die ganze Kirche zur

Aufgebung des Heirathens gewinnen konnten, so wendeten sie sich an

die abgefallene Priesterschaft und bestrebten sich, sie zur

Ehelosigkeit zu nöthigen. Dies gelang, und ein Gesetz wurde

erlassen, welches allen Priestern das Cölibat zur Pflicht machte.

Desgleichen wurden Nonnenklöster erbaut, in denen weibliche Wesen

für ihre ganze Lebenszeit eingeschlossen und dadurch verhindert

wurden, das große und älteste Gebot der Mehrung ihres Geschlechts zu

befolgen. Der nächste Schritt, den der Teufel that, war die

Vereinigung dieser abgefallenen Kirche und Priesterschaft mit der

weltlichen Gewalt. Auch dies brachte er bald zu Stande, und er sah

sich jetzt mit doppelten Kräften bewaffnet. Was er früher mit den

geistlichen Gerichtshöfen nicht völlig durchsetzen konnte, das

erreichte er nunmehr mit dem Arme der bürgerlichen Obrigkeit. Hatte

er zuerst den Priestern und Nonnen das Recht, sich zu vermählen

genommen, so entriß er jetzt allen Mitgliedern der Kirche das

Privilegium, mehr als eine Frau zu besitzen, und zerstörte dadurch

eine göttliche Einrichtung, die in allen vorhergehenden Weltaltern

unter heiligen Patriarchen, Propheten und Gottesmännern so

erfolgreich gewesen war, das Volk Gottes zu mehren und zahlreich zu

machen wie der Sand am Meere. Hätte er die Ehe ganz ausrotten

können, so würde seine Rachgier volle Sättigung gefunden haben; denn

(hier nähert sich die Naivität des guten Orson Pratt dem Gipfel der

Komik) er entsann sich gar wohl, wie viel Schaden Abraham, Jakob,

Moses, Gideon mit seinen zweiundsiebzig Söhnen, Elkanah, David und

zahlreiche andere alte Polygamisten (unter denen man sich in dieser

Beziehung wohl auch die zeugungskräftigen Götter des indischen

Himmels, denen diese Theorie abgelauscht zu sein scheint, den

Weiberfreund Zeus und den rüstigen Bewältiger der fünfzig Töchter

des Thespios denken darf) ihm angerichtet hatten. Er entsann sich,

wie Gott sich einen Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs genannt und den

Kindern ihrer zahlreichen Weiber seinen Segen verheißen und

versprochen hatte, sie zu vermehren wie den Staub auf Erden. Er

entsann sich endlich, wie Christo, dem größten Feinde, den der

Teufel besaß, diese göttliche Einrichtung so wohlgefallen hatte, daß

er durch das Weib, von dem er sich gebären ließ, als Glied in eine

lange Reihenfolge jüdischer Polygamisten eintrat.[6] Der Teufel

gedachte darum sein Müthchen an dieser heiligen Einrichtung zu

kühlen und sie wo möglich ganz auszutilgen. Die Völker, die dem

entarteten Christenthum anhingen, standen ihm in diesem boshaften

Beginnen bei und erließen Verordnungen, welche die Vielweiberei in

ihrer Mitte untersagten. So wurde das Gesetz Gottes, durch welches

die zwölf Stämme Israels begründet wurden, und nach dem der Messias

seine Erscheinung im Fleische bewerkstelligte, jenes Gesetz, welches

den auserwählten Samen wie die Sterne am Himmel mehrte, und in

welchem alle Nationen gesegnet werden sollten, jenes Gesetz, durch

das dem kinderlos Verstorbenen sein Name durch endlose Geschlechter

hindurch verewigt werden konnte -- so wurde dieses heilige,

göttliche Gesetz durch menschliche Maßregeln und Satzungen

umgestoßen und abgeschafft. Möge das entartete Christenthum erröthen

über seine tempelschänderischen Thaten, möge es sich in die Seele

hineinschämen über seine engherzigen bigotten Gesetze!«

[6] Nach anderen Mormonen, z. B. Orson Hyde, einem der zwölf Apostel,

huldigte Jesus der »=divine institution=« sogar durch die That,

indem er sich bei der Hochzeit von Kana mit nicht weniger als drei

Frauen auf einmal, mit den beiden Schwestern des Lazarus, Martha

und Maria, und der andern Maria vermählte.

Mit dieser Apostrophe möge unser Auszug aus Pratts wunderlicher

Vertheidigungsschrift beschlossen sein, und wir haben nur noch

einiges Thatsächliche aus anderen Quellen nachzutragen, um den

Gegenstand, so weit es uns erforderlich scheint, zu erschöpfen.

Daß es den Bürgern Deserets religiöse Pflicht für jeden Mann ist,

wenigstens einmal zu heirathen, geht aus dem soeben Mitgetheilten

hervor. Der Grund wird auch so ausgedrückt, daß es einer Frau ohne

Mann überhaupt nicht möglich sei, Eintritt ins Himmelreich zu

erlangen. Nun sollen aber vorsichtigen Mormoninnen hin und wieder

Zweifel beigekommen sein, ob ihre Eheherren überhaupt selbst Aussicht

auf den Himmel hätten, und die Folge war, wie böse Zungen behaupten,

daß sie nach dem Rockzipfel eines Hohenpriesters oder Apostels

haschten, der natürlich bestimmtere Aussichten hatte, im Jenseits als

König aufzuerstehen. Wir bezweifeln indeß vorläufig die Wahrheit

dieser Gerüchte, da fast alle Nachrichten darin übereinstimmen, daß

fleischliche Vergehungen mit außergewöhnlich strengen Strafen bedroht

sind, da man ferner, wenn das Territorium zum Staate gereift sein

wird, jeden Ehebruch durch Enthauptung der Schuldigen zu ahnden

gedenkt, und da man es schon jetzt für vollkommen gerechtfertigt, ja

für Erfüllung einer Pflicht hält, wenn ein Mann, dem die Gattin,

Schwester oder Tochter verführt worden ist, den Verführer tödtet. Man

nennt das »=common mountain law=« und begründet es aus dem mosaischen

Gesetze, und kein Gericht würde es wagen, den Mann, der auf diese Art

die Ehre seiner weiblichen Verwandten rächte, auch nur zur

leichtesten Strafe zu verurtheilen. Ein Beweis dafür war der Proceß

des Mormonen Egan, welcher im Jahre 1851 in der Salzseestadt zur

Verhandlung kam. Derselbe war angeklagt, einen gewissen Morgan, der

ihm die Frau während seiner Abwesenheit zur Untreue verleitet, mit

kaltem Blute ermordet zu haben. Das Geschwornengericht sprach ihn

frei, und der vorsitzende Richter erklärte, als er das Urtheil

verkündigte: »daß Geldstrafen für solche Vergehungen lediglich

Zeichen der Verfaultheit anderer Regierungen seien, und daß der

oberste Grundsatz, welcher durch das Herz aller Einwohner dieses

Territoriums pulsire, einfach dahin laute: Der Mann, der seines

Nächsten Weib verführt, muß sterben, und ihr nächster Anverwandter

muß ihn tödten.«

In Betreff der »Versiegelungen«, wie die Antrauungen zweiter und

dritter Frauen genannt werden, ist zu bemerken, daß der Seher sie

nicht persönlich zu vollziehen braucht, sondern Andere mit der

Ceremonie beauftragen kann. Ferner ist nachzutragen, das jedes

unverheirathete Frauenzimmer das Recht hat, sich beim Präsidium einen

Ehemann auszubitten, und derselbe darf ihr nicht verweigert werden,

da ja ihre einstige Seligkeit davon abhängt. Der Präsident ist

gehalten, auf Empfang einer derartigen Petition hin dem Ersten

Besten, der ihm tauglich scheint, Befehl zu ertheilen, die Einsame zu

seiner Frau zu nehmen. Er kann sie aber auch sich selbst

»versiegeln«, d. h. ohne Euphemismus: in sein Harem aufnehmen. Hat

der Betreffende keine Neigung zu dem ihm angesonnenen Ehebunde, so

muß er triftige Verhinderungsgründe angeben, sonst geräth er in

Gefahr, vor den hohen Rath gefordert und wegen Widersetzlichkeit

gestraft zu werden. Mitunter geschieht es auch, daß Young Einspruch

gegen die Absicht auf eine Versiegelung thut, die aus unwürdigen

Beweggründen hervorgegangen ist.

»Diese Einmischungen in die Regierung Cupido's,« sagt Gunnison,

»erfordern überhaupt große Vorsicht. Denn die Richtersprüche mögen

hier noch so sehr vom Verstande dictirt sein, die Leidenschaft wird

immer etwas daran auszusetzen finden. Allein wie der Präsident der

Kirche die Macht zu binden hat, so ist ihm auch die Macht zu lösen

verliehen. Er kann die Verheiratheten oder Versiegelten trennen,

nachdem er sie zur Eintracht und Geduld ermahnt und ihnen eine

Probezeit gesetzt hat, sie aber dabei die Unmöglichkeit eingesehen zu

haben glauben, mit einander zu existiren. Aus dieser Gewalt zu binden

und zu lösen, erwächst ihm ein ungemeines Ansehen und eine genaue

Kenntniß der gesammten häuslichen Verhältnisse der Colonie. Das

Vertrauen, daß man ihm in solchen delicaten Angelegenheiten zu

erweisen genöthigt ist, erzeugt Ehrerbietung und Furcht, und wo das

Ehebündniß zum Guten ausschlägt, Liebe und Dankbarkeit gegen den

Berather und Freund, und da der Frieden in der Gemeinde wesentlich

auf dem der Familie beruht, so wacht Young mit eifersüchtiger

Sorgfalt über seine Prärogative und nöthigt die Betheiligten, soviel

an ihm ist, ihren Verpflichtungen nachzukommen.

Daß auch die Leviratsehe in Deseret eingeführt ist, scheint aus

folgender Anekdote bei Gunnison hervorzugehen.

»Bischof J. fügte seinem ziemlich geräumigen Hause noch ein

Seitengemach an, und da er keine starke Familie besaß, so fragten wir

verwundert nach dem Grunde dieser Vergrößerung seines Domicils.

>Ach!< war die Antwort, >wissen Sie denn nicht, daß er seines Bruders

Witwe zur Frau nehmen muß, und daß die Zeit dazu nahe ist?< Wir

besannen uns auf die Geschichte des jüdischen Weibes, das sieben

Brüder nach einander heirathete, doch da wir nur unwissende Laien

waren, so getrauten wir uns nicht, uns genauer nach den Absichten und

Ansichten eines Priesters der Ordnung Melchisedeks zu erkundigen.«

Daß die höhere Priesterschaft der Mormonen die ihnen im Punkte des

Heirathens auferlegte Pflicht in einer ihrer Vorbilder, der Erzväter,

vollkommen würdigen Weise erfüllt und zahlreiche Weiber und Kinder

hat, ist bekannt.

Eine andere Methode, vermöge welcher die Häupter der Kirche ihren

Haushalt mehren, ist die Annahme mehrerer Personen an Kindesstatt.

Sehr häufig nämlich geschieht es, daß Apostel oder Hohepriester ganze

Familien als Glieder der ihrigen einverleiben. Die Häupter dieser

Familie finden eine Ehre darin »Kinder des Sehers« oder »angenommene

Söhne des Präsidenten« zu heißen. Sie wohnen entweder bei ihrem

Adoptivvater oder doch in seiner Nähe, arbeiten für ihn, empfangen

Nahrung und Kleidung von ihm, und verhalten sich überhaupt, obwohl

sie häufig schon Männer reiferen Alters sind, vollständig als Kinder

gegen ihn. Der eigentliche Zweck dieser Einrichtung, die etwas nach

Sclaverei aussieht, mag wohl der gewesen sein, daß die Führer der

Secte sich durch Heranbildung einer starken, durch Dankbarkeit an ihr

Interesse gefesselten Clientel für alle Fälle ihre Macht zu sichern

bestrebt waren. Sie haben aber diesen Zweck, der so wenig mit der

Liebe zur Unabhängigkeit und allen damit zusammenhängenden

Reminiscenzen eines Amerikaners und Engländers übereinstimmt, gut

verborgen, dem Ganzen einen patriarchalischen Anstrich verliehen und

demselben dadurch, daß sie lehren, das Verhältniß werde sich in jener

Welt fortsetzen, eine religiöse Weihe zu geben verstanden, über

welcher der Fanatismus ihrer Anhänger wie so manches Andere auch

seine Liebe zur Freiheit und Gleichheit vergißt.

Das gesellschaftliche Leben in Deseret scheint nach den Schilderungen

aller Berichterstatter ebenso herzlicher als lustiger Art zu sein.

»Die heiteren, zufriedenen Mienen,« sagt Gunnison, »die herzliche

Anrede mit Bruder und Schwester, die Gesänge Zions, die einem aus dem

Munde der mit ihrer Hausarbeit beschäftigten Frauen entgegenschallen,

machen den Eindruck, als ob man in den Thälern Deserets sich eines

nicht gewöhnlichen Wohlbefindens erfreue.« Alle Reisende rühmen die

Gastfreundschaft der Mormonen, die nur durch ihre noch immer

beschränkten Räumlichkeiten begrenzt ist. Die Auswanderer nach

Californien haben sich vielfacher Gefälligkeiten von ihnen zu

erfreuen gehabt, und mancher kranke und in seinen Mitteln erschöpfte

Goldsucher hat hier barmherzige Samariter gefunden, wo er sie nicht

erwarten konnte, wenn er an die Vergangenheit der Jünger Joseph

Smiths sich erinnerte.

Daß die Latterday-Saints nichts weniger als finstere, sauertöpfische

Fromme sind, ist schon wiederholentlich angedeutet. Nirgends wird

unter gleichen Verhältnissen so viel musicirt, getanzt und gescherzt,

als im neuen Zion, und wenn viele sich des Genusses geistiger

Getränke enthalten, so geschieht dies nicht, weil man von dem

Trifolium Wein, Weib, Gesang dem ersten Blatte gram wäre, sondern

weil es in den Thälern der Felsengebirge schwer zu beschaffen und

darum sehr theuer ist. Die »Evening-Parties« der Heiligen am Salzsee

sind, allen Beschreibungen zufolge, außerordentlich heiter. Häufig

werden sie durch die Anwesenheit der obersten geistlichen

Würdenträger beehrt, die sie mit einem Gebete eröffnen, in welchem

der Segen des Allmächtigen auf das Vergnügen seiner Kinder

herabgefleht wird. Hat man sich aber dieser Pflicht entledigt, so

spielt die Musik unverzüglich zu einem Walzer oder Galopp auf, an

welchem sich Alle ohne Ausnahme vom Apostel und Hohenpriester bis zum

niedrigsten Laien herab mit gleichem Eifer betheiligen.

Ein komischer Anblick ohne Zweifel, hier einen verehrungswürdigen

Patriarchen nach dem Tacte eines Hopsers sich im Wirbel drehen zu

sehen und dort ein anderes Kirchenlicht zu gewahren, welches

mit schmunzelndem Munde in den Figuren eines Contretanzes

herumirrlichtelirt oder den besser eingeübten »Doubleshuffle«

exercirt. Noch komischer aber dürfte deutschen Oberkirchenräthen die

verbürgte Nachricht erscheinen, daß diese Bälle einst, wenn der große

Tempel vollendet ist, einen integrirenden Theil des mormonischen

Gottesdienstes bilden sollen. Wir an unserm Theile finden dies auch

komisch, aber nicht erstaunlich, da wir uns an Davids Tanz vor der

Bundeslade erinnern, und da wir die Shaker, Amerikas Derwische zu

wiederholten Malen nicht blos mit Zunge und Kehle, sondern auch durch

taktmäßige Bewegung der Füße und planetarische Rotation der Leiber

die Ehre geben sahen.

Achtes Kapitel.

Die letzten Dinge. -- Die vier Zeugen der Wahrheit. -- Der Beginn des

tausendjährigen Reichs in der alten und neuen Welt zugleich. -- Die

Wiederkehr der verlorenen zehn Stämme Israels. -- Die Wiedervermählung

der durch das Meer getrennten Erdtheile. -- Der jüngste Tag.

Alles, was im Vorhergehenden von den Lehren und Gewohnheiten der

Mormonen mitgetheilt worden ist, kann in Kurzem nicht mehr ihre Lehre

und nicht mehr ihre Gewohnheit sein. Wie oben gezeigt, ist ihr Glaube

eine stete Revolution, ein Proteus, der heute dies und morgen das

stricte Gegentheil davon ist, eine unaufhörliche Accomodation an die

Umstände oder an das Belieben der Führer. Was jetzt nur Vorrecht ist,

mag übers Jahr ein Gebotenes und aber übers Jahr ein Verbotenes sein,

wenn es die Verhältnisse fordern. Daß sich Gemüther finden, die an

solch einer Chamäleonsreligion Gefallen finden, ist nach den

einleitenden Bemerkungen des ersten Kapitels wohl begreiflich, und so

sollte es uns selbst nicht Wunder nehmen, wenn nächstens Young eine

Offenbarung empfinge, durch welche die Gläubigen erführen, daß die

Polygamie, nachdem sie ihren Zweck erfüllt, wieder aufgehoben sei,

und daß man sich, um Jehovah zu gefallen, fürderhin mit einer

einzigen Frau zu begnügen habe.

Ein Punkt ihrer Glaubenslehre indessen, der nämlich, nach welchem sie

sich Latterday-Saints nennen, steht fest. Sie wissen, daß sie den

Grundstamm des heiligen Volkes bilden werden, über welches der Herr

»in diesen letzten Tagen«, nach seiner Wiederkunft zur Aufrichtung

des tausendjährigen Reichs herrschen wird. Sie leben der

unerschütterlichen Ueberzeugung, daß sie die Sendung haben, die Welt

zu revolutioniren, und daß diese Sendung sich sehr bald im größten

Maßstabe bestätigen wird. Sie führen förmlich Buch und Rechnung über

die Verbrechen und Thorheiten, die eigenthümlichen Naturerscheinungen

und die Aufstände und Umwälzungen in der Welt, die ihnen als

Anzeichen der Wiederkunft Christi, als »Wehen des Messias« gelten,

und die sie sorgfältig in ihren Archiven aufbewahren. So haben sie

die Geschichte der Cholera, die Umwälzung von 1848, den Streit der

Secten und Kirchen aufmerksam verfolgt und gewissenhaft verzeichnet.

So dringen ihre Emissäre in die schmuzigsten Schlupfwinkel des

Lasters in großen Städten, um die Statistik der Verbrechen kennen zu

lernen. So beobachten sie, soweit sie vermögen, die Praktiken

unredlicher Gesetzgeber und Gesetzvollstrecker, namentlich in

Amerika, und so spüren sie den Schwächen und Sünden der Geistlichkeit

mit allen Mitteln nach. Die Bücher, welche sie über die Ergebnisse

dieser Forschungen führen, werden einst am Tage des Gerichts zu denen

gelegt werden, in welche die Engel Gottes die Thaten der Menschen

verzeichnen und gleiche Geltung mit diesen haben.

Ist nun die Zeit erfüllet und das Evangelium »Bruder Josephs« allen

Völkern und Zungen gepredigt, so hebt eine Zeit großer Wunder und

Schrecken an. Dann erscheinen zunächst bei den Mormonen die »vier

Zeugen der Wahrheit,« die nimmer den Tod geschmeckt haben: Sankt

Johannes, der Evangelist, dem es gestattet wurde zu bleiben bis zur

Wiederkunft des Herrn, und drei nephitische Heilige der Kirche, die

Christus nach dem Buche Mormon in Amerika gestiftet hat. Diese

wandern gegenwärtig in Gestalt von Männern mittlern Alters über die

Erde, nehmen die Tracht und Sprache der Länder an, in denen sie

zufällig sich befinden, und sind schon zu wiederholten Malen

Einzelnen von den Brüdern erschienen. In der Zeiten Erfüllung aber

werden sie ihr Incognito ablegen und den Latterday-Saints von der

Kanzel herab verkünden, was sie zu thun haben. Ferner aber werden die

verlorenen zehn Stämme Israels auf ihrem Durchzuge nach Palästina den

Heiligen in Amerika einen Besuch abstatten. Diese Langvermißten

wohnen jetzt auf einer noch unentdeckten Insel, oder, wie Andere zu

wissen glauben, in einem geheimnißvollen Nordlande, welches als eine

Art Planet für sich jenseit des Polareises mit der Erde um die Sonne

kreist. Ihr Erscheinen wird das Signal zur plötzlichen allgemeinen

Bekehrung der Lamaniten, d. h. der Ureinwohner Amerika's, »dieses

Restes vom Samen Josephs« sein. »Der verachtete Sohn des Waldes,«

sagt eine hierauf bezügliche Proclamation der zwölf Apostel des

Propheten, die kurz nach dessen Ermordung erschien, -- »der

verachtete Sohn des Waldes, der seither in Kummer und Elend die

Wildniß durchwanderte, wird dann seine Maske fallen lassen und mit

männlicher Würde den Heiden zurufen: Ich bin Joseph, lebt mein Vater

noch? Er wird dann geweiht und gewaschen und mit heiligem Oele

gesalbt und in feine Linnen, nämlich in die schönen Kleider der

Priesterschaft nach der Ordnung des Sohnes Gottes gehüllt werden.

Herabsenken wird sich auf ihn der Geist des Herrn, gleich dem Thau,

der aufs Gebirge Hermon fällt, und gleich erfrischenden Regengüssen,

die auf die Blumen des Paradieses strömen, und wiedererhalten wird

der Enterbte das ihm einst verheißene Theil.«

Und nun werden die Kriege des Herrn anheben. Viele Heiden werden sich

bekehren, viele im Unglauben verharren. Beide Massen werden sich zum

Kampfe rüsten, die einen unter dem Panier des Papstes von Rom, die

anderen unter der »Fahne aller Nationen.« Die Heerschaar der Heiligen

wird, von ihrem Seher geführt, der den von Joseph Smith im Hügel

Cumorah gefundenen Brustharnisch trägt und das Schwert Labans

schwingt, gegen die der Ungläubigen heranstürmen und sie in der

großen Schlacht darniederwerfen, welche in der Schrift mystisch die

Schlacht Gogs und Magogs genannt wird. Der Herr wird sein Volk

dadurch unterstützen, daß er die Gegner mit Feuerregen, Pestilenz und

Hungersnoth heimsucht. Sie werden vollständig ausgerottet werden, und

ihre Ländereien und sonstigen Besitzthümer den Siegern zufallen, die

inzwischen Jackson County, im Staate Missouri, das rechte und letzte

Zion erbaut haben. Dieses Zion, von dem Joseph, der Prophet, gleich

zu Anfang seiner Laufbahn so Ueberschwängliches weissagte, wird die

Hauptstadt des westlichen Festlandes sein. Es wird mit seinem

gewaltigen Tempel und seiner Priesterschaft wie eine Standarte sein,

deren Aufrichtung allen Spaltungen religiöser und politischer Art ein

schleuniges Ende machen und alle Republiken, Königreiche, Provinzen,

Völker, Stämme und Sprachen Nord- und Südamerika's zu einem großen

Bunde umgestalten wird.

Die Mormonen, ihr Prophet, ihr Staat und ihr Glaube · 第 10 / 12 段