gesagt, bis auf das Jahr 1853 geheim, und alle Mormonen mit denen wir
in den Vereinigten Staaten über den der Secte gemachten Vorwurf der
Vielweiberei zu sprechen Gelegenheit hatten, stellten denselben mit
Entrüstung in Abrede. Einige gewiß mit Recht, da sie, uneingeweiht in
die Mysterien der Priesterschaft und Hunderte von Meilen entfernt von
dem Centralsitze derselben, nicht wissen konnten, was sich dort
vorbereitete und zum Theil schon geübt wurde; Andere mit weniger
Recht deshalb, weil ihnen die Polygamie in Deseret nur als Gebrauch,
noch nicht als kirchliche Lehre bekannt war. Gegenwärtig wird kein
Mormone mehr die Stirn haben, die Sache zu leugnen. Ja man rühmt sich
sogar der Vielweiberei, betrachtet sie als heiliges Institut und
stellt das, was, aus der Befriedigung gemeiner Sinnenlust
hervorgegangen, in jener Offenbarung Smiths mehr als Zulassung
Gottes, mehr als ein Vorrecht der Priester erscheint, als religiöse
Pflicht dar, deren Umgehung Sünde sei.
Hören wir die Beweise, welche Orson Pratt für diese Behauptung
vorbringt. Sie sind, wenn auch keine Beweise, doch sehr lehrreich für
Den, der sich über die Art, wie die Vertheidiger der Secte denken und
schließen, zu unterrichten wünscht, und so mag ein etwas
ausführlicher Auszug aus der betreffenden Abhandlung im »Seer«
willkommen sein.
Pratt beginnt damit, daß er zeigt, wie vier Fünftel der Erdbewohner
der Vielweiberei huldigen, und weist dann nach, daß die Verfassung
der Vereinigten Staaten der Centralgewalt das Recht nicht gebe, gegen
die Polygamie in Deseret, die eine Gewissenssache sei, irgendwie
einzuschreiten. Sie sei den Mormonen aber eine Gewissenssache
zunächst schon darum, weil Gott sie durch jene Offenbarung vom 12.
Juli 1843 eingesetzt habe, und die Bibel nirgends ein Verbot
derselben enthalte, ja sogar an vielen Stellen sie ausdrücklich
billige und als göttliches Institut auffasse. Dahin wird zuvörderst
der Umstand gezählt, daß Abraham, obwohl er mehrere Frauen gehabt,
des nähern Umgangs mit dem Herrn gewürdigt worden sei. Sodann wird
angeführt, daß Gott thatsächlich mitgewirkt habe, als David, der
bereits mit mehreren Frauen Vermählte, auch noch die Weiber Sauls
sich angeeignet. Dann geht der Vertheidiger der Sache auf den Zweck
der Ehe zurück, den er in dem Gottesgeheiße: »Seid fruchtbar und
mehret euch« findet.
»Der oberste Zweck also,« fährt Pratt fort, »war die Erfüllung der
Schöpfung mit Myriaden intelligenter und mit Willen begabter Wesen,
nach seinem Bilde geschaffen, beschenkt mit Gottähnlichkeit und
fähig, fortzuschreiten auf der großen Leiter der Erkenntniß und des
Glücks bis zur Vollkommenheit, wo sie wie Gott werden, eins mit ihm
an Macht, Herrlichkeit und Herrschaft. Hierdurch werden die Reiche
des Allmächtigen vermehrt, indem neue Welten hinzukommen, bewohnt von
Wesen seiner Gestalt und Art; und hierdurch wächst die Freude und
Seligkeit im Busen des Schöpfers zur Vollkommenheit.« -- Wenn also
die Vermehrung menschlicher Wesen die Herrschaft des Allmächtigen
vergrößert, seinen Namen verherrlicht und seine Seligkeit erhöht, so
müssen wir vernünftiger Weise annehmen, daß er einen so wichtigen
Gegenstand durch ein Gesetz geregelt haben wird. Dies ist in der That
geschehen. Aller willkürliche Verkehr der Geschlechter mit einander
ist untersagt, und die Ehe ist eingesetzt als alleiniges Mittel,
durch welches die Menschheit sich mehren und die Erde füllen kann.
Daher die vielfachen Verbote, welche die Bibel sowohl als das Buch
Mormon in Betreff der Unzucht und des Ehebruchs enthalten, Verbote,
welche vom Herrn auch in neuern Offenbarungen an Joseph Smith
mehrmals wieder eingeschärft worden sind. Hieraus ist zu ersehen, daß
die Latterday-Saints noch mehr Ursache als andere Menschen haben,
sich aller fleischlichen Lust, aller unreinen, untugendsamen
Begehren, aller unerlaubten Befriedigung ihrer Sinnlichkeit zu
enthalten. Sie sind gewarnt durch die heilige Schrift, durch die
alten Propheten Amerikas und durch jenen großen Propheten und
Offenbarer der Neuzeit Joseph Smith. Und sie sind diesen Warnungen
und Verboten gehorsam gewesen, wie ein Blick auf das Gebiet zeigt, wo
die Kirche dermalen ihren Hauptsitz hat. Es giebt dort keine
unehelichen Kinder, kein Haus von üblem Rufe, keine Klage wegen
Verführung vor den Gerichten und keinen Fall von Ehebruch.
»Aber« -- heißt es in der Abhandlung Pratts weiter, »haben nicht
einige der Heiligen in Utah mehr Weiber als wir? Ja wohl, und sie
nehmen sie auch wohl in Acht und lehren ihnen und ihren Kindern die
großen Grundsätze der Tugend und Heiligkeit durch ihr Beispiel sowohl
wie durch ihr Wort. Aber ist es nicht Sünde, wenn Jemand mehr Frauen
auf einmal hat als wir? Wofern es Sünde ist, hat uns die Bibel nichts
davon gesagt. Aber ist es nicht gegen die christliche Religion?
Wofern es dagegen ist, so hat die christliche Religion nichts davon
offenbart. Aber glaubt ihr denn wirklich nicht, daß es dem Willen
Gottes zuwider ist, wenn ein Mann in diesen Tagen mehrere Frauen
nimmt? Ja es ist ihm zuwider, es wäre denn, Gott gäbe sie ihm
vermittelst einer Offenbarung durch einen heiligen Propheten. Glaubt
ihr, daß das Buch Mormon eine göttliche Offenbarung ist? Ja. Lehrt
dieses Buch die Vielweiberei? Nein; denn der Herr verbietet sogar den
alten Nephyten mehr als eine Frau zu haben, wie dies vor Alters
geschehen. Er verbot dies aber allerdings nur in Betracht der
Umstände, indem zu dieser Zeit die Zahl der Männer und Frauen unter
diesem Volke gleich war (nicht wie gegenwärtig das weibliche
Geschlecht beträchtlich überwog); indem ferner damals keine Aussicht
auf eine Veränderung dieses Verhältnisses stattfand, und indem
endlich der Eine ebenso gut im Stande war, eine Familie in
gottwohlgefälliger Weise zu erziehen als der Andere. Und der Herr
setzt hinzu: Wenn ich mir Samen erwecken will, so werde ich meinem
Volke Befehl dazu geben, wo nicht, so sollen sie diesen Dingen
gehorsam sein.«
Hieraus ersehen wir, daß das Buch Mormon sogar genauer in diesem
Punkte ist als die Bibel, und daß es den Heiligen der letzten Tage
streng verboten ist, mehr als eine Frau zu nehmen, es sei denn, daß
Gott es durch einen unmittelbaren Befehl anders anordnete.
Nun gab der Herr in der ersten Zeit dieser Kirche keinem seiner
Knechte einen derartigen Befehl, sondern hieß sie im Gegentheil sich
an das halten, was im Buche Mormon verordnet sei. Dreizehn Jahre
jedoch nach der Stiftung der Kirche ertheilte er jenen Befehl an
Joseph Smith. Aber selbst dadurch wurde für das Allgemeine nichts
geändert, und die Latterday-Saints sind noch jetzt auf _eine_ Frau
beschränkt, wofern es der Herr nicht für einzelne Fälle anders
verfügt. »Niemand in Utah, welcher bereits eine Frau hat und welcher
den Wunsch hegt, eine andere zu nehmen, ist berechtigt, einer Dame
Heirathsanträge zu machen, bevor er nicht den Präsidenten um Rath
gefragt und durch ihn eine Offenbarung von Gott empfangen hat, ob es
in seinen Augen wohlgefällig ist. Wird es ihm durch die Offenbarung
untersagt, so ist die Sache zu Ende. Wird es ihm erlaubt, so hat er
noch immer kein Recht, sich über die Gefühle der jungen Dame
Gewißheit zu verschaffen, sondern muß erst die Einwilligung der
Aeltern einholen, vorausgesetzt, daß diese in Utah leben; kann ihre
Zustimmung nicht erlangt werden, so ist die Sache damit zu Ende.
Zeigen Aeltern oder Vormünder sich bereitwillig, so darf er endlich
der Dame Heirathsvorschläge machen. Lehnt sie dieselben ab, so ist
damit die Sache zu Ende; geht sie aber auf den Antrag ein, so wird
ein Tag für die Ceremonie der Trauung festgesetzt. Ueberdem ist zu
bemerken, daß ein Jeder, der sich eine zweite Gattin zu nehmen
beabsichtigt, bevor er den ersten Schritt zur Ausführung seines
Wunsches thut, die Pflicht hat, die Einwilligung der Frau, die er
schon hat, zu erlangen.«
Ist der Tag gekommen, der für die Trauung bestimmt worden, so
versammeln sich der Bräutigam, die Frau und die Braut nebst ihren
Angehörigen und den übrigen Hochzeitsgästen an dem Orte, welcher dazu
ausgesucht worden ist. Der Schreiber nimmt die Namen, das Alter, den
Geburtsort, die Grafschaft, den Staat und das Vaterland der zu
Verheirathenden auf und trägt sie sorgfältig in ein Buch ein. Der
Präsident, welcher der Prophet, Seher und Offenbarer über die ganze
Kirche in aller Welt ist, und welcher allein die Schlüssel der Macht
in Betreff dieser göttlichen Anordnung hat, gebietet dem Bräutigam,
seiner Frau und der Braut, sich zu erheben und ihm gegenüberzutreten.
Die Frau steht zur Linken ihres Mannes, die Braut ihr zur Linken. Der
Präsident legt dann der Frau die Frage vor: »Sind Sie Willens, dieses
Weib Ihrem Ehemanne zu geben, auf daß sie sein gesetzlich vermähltes
Eheweib sei für Zeit und Ewigkeit? Wofern Sie dazu gewillt sind, so
wollen Sie es dadurch kundgeben, daß Sie deren rechte Hand in die
rechte Hand Ihres Ehemannes legen.« Sind beide Hände, die des
Bräutigams und der Braut in dieser Weise mit einander verbunden, so
nimmt die Frau den linken Arm ihres Mannes, wie wenn sie mit ihm
einen Gang machen wollte. Dann fährt der Präsident fort, indem er den
Bräutigam fragt: »Nehmen Sie, Bruder N. N. Schwester N. N. (die
Braut) bei der rechten Hand, um sie zu Ihrem gesetzlichen Eheweibe zu
nehmen und ihr gesetzlicher Ehemann zu sein für Zeit und Ewigkeit,
und versprechen Sie Ihrerseits, daß Sie alle Gesetze, Gebräuche und
Anordnungen, die zu dieser heiligen Ehe in diesem neuen und ewigen
Bunde gehören, zu erfüllen, indem Sie dies in Gegenwart Gottes, der
Engel und dieser Zeugen Ihrem eignen freien Willen und Ihrer Wahl
nach thun?« Der Bräutigam antwortet mit: Ja. Der Präsident legt dann
dieselbe Frage, den Verhältnissen der Braut angepaßt, der letzteren
vor, welche gleichfalls mit Ja zu antworten hat. Der Präsident sagt
dann: »Nun so verkünde ich im Namen des Herrn Jesu Christi und kraft
des Amts des heiligen Priesterthums Euch als gesetzlich verbundene
Ehegatten für Zeit und Ewigkeit, und ich siegle auf Euch die
Segnungen der heiligen Auferstehung mit der Macht, am Morgen der
ersten Auferstehung, bekleidet mit Herrlichkeit, Unsterblichkeit und
ewigem Leben hervorzugehen. Und ich siegle auf Euch die Segnungen der
Throne und Herrschaften und Fürstenthümer und Gewalten und
Erhöhungen, zugleich mit dem Segen Abrahams, Isaaks und Jakobs, und
sage zu Euch: seid fruchtbar und mehret Euch und füllt die Erde, auf
daß Ihr Freude und Jubel durch Eure Nachkommenschaft habt in den
Tagen des Herrn Jesus. Alle diese Segnungen und gleichermaßen alle
andern Segnungen, die zu dem neuen und ewigen Bunde gehören, siegle
ich auf Eure Häupter durch Eure Treue bis ans Ende, kraft des
heiligen Priesterthums im Namen des Vaters und des Sohnes und des
heiligen Geistes. Amen.«
Der Schreiber trägt dann in sein Buch Ort und Datum der Trauung und
einige von den Namen der Zeugen ein. »Lehrt ein Mann seiner Frau das
Gesetz Gottes, wie es von den alten Patriarchen gehalten und durch
neuere Offenbarung bestätigt worden ist, und verweigert sie ihm ihre
Einwilligung zur Verheirathung mit einer zweiten, so muß sie vor dem
Präsidenten die Gründe für ihre Weigerung angeben. Erscheinen
dieselben genügend und wird der Mann schuldig befunden, so erhält er
die Erlaubniß zur zweiten Ehe nicht. Kann die Frau aber keinen
vernünftigen Grund vorbringen, weshalb sie sich dem Gesetze, das
einst Sarah gegeben worden, wiedersetzt, so kann der Mann, wenn ihm
auf dem Wege der Offenbarung durch den Propheten Erlaubniß wird,
andere Frauen auch ohne Zustimmung der ersten nehmen, und diese wird
sich die Verdammniß zuziehen, weil sie ihm jene nicht gab, wie Sarah
dem Abraham die Hagar und wie Rahel und Leah ihrem Manne Jakob die
Bilha und die Zilpah gaben.«
»Es ist aber die Pflicht des Mannes, der eine zweite Frau nimmt, für
ihre Wohlfahrt und ihr Glück zu sorgen und ihr das Leben so behaglich
zu machen, als der ersten, wie dies die Schrift 2. Mose 21, 10.
gebietet. Ueber den Aufenthaltsort der verschiedenen Zweige einer
Familie ist keine besondere Regel festgestellt. Bisweilen baut der
Gatte für seine Frauen verschiedene Wohnungen, wie Jakob für seine
vier Weiber verschiedene Zelte aufstellte. Es ist jedoch sehr häufig
der Fall, daß sie alle in demselben Hause wohnen und vereint und mit
der größten Heiterkeit sich der Geschäfte der Haushaltung widmen, an
demselben Tische essen und sich gegenseitig Alles zu Gefallen thun,
während der holdeste Friede und die herzlichste Eintracht Jahr auf
Jahr unter ihnen herrschen. Ihre Kinder spielen mit einander in Liebe
als Brüder und Schwestern, während jede Mutter für die Kinder der
Andern so viel liebreiches Wesen und zärtliche Aufmerksamkeit an den
Tag legt, als für ihre eigenen. Und Morgens und Abends, wenn der
Gatte seine Familie zusammenruft, um dem Herrn zu dienen und seinen
Namen anzurufen, so beugen sie alle gemeinsam ihre Kniee und bringen
dem Allerhöchsten das Opfer ihrer Andacht dar.«
Zu dieser idyllisch anmuthigen Schilderung der Folgen, welche die
Vielweiberei in Deseret gehabt haben soll, paßt schon der Nachsatz:
»Wo alle Weiber gleich glaubenstreu sind, bestrebt sich der Mann
gemeiniglich, sie alle gleich gut zu behandeln« nicht recht, indem es
darnach scheint, daß dieses Bestreben nicht überall vorhanden und
nicht überall mit Erfolg gekrönt ist. Noch weniger aber stimmt es
damit überein, wenn der Ingenieur Gunnison, der mehrere Monate in
Deseret lebte und sonst nichts weniger als ungünstig über die
dortigen Heiligen urtheilt, die Fälle, wo die Frauen nach der Art der
vier Weiber Jakobs »in verschiedenen Zelten« untergebracht werden
müssen, als die gewöhnlicheren bezeichnet und hinzusetzt, dieselben
müßten durch Nähen und andere weibliche Arbeiten selbst für ihren
Unterhalt sorgen.
»Gewiß ist,« fährt Gunnison fort, »daß die Weiber das Verhältniß
häufig unbehaglich und lästig finden, wenn auch gewöhnlich die
Oberfläche der Gesellschaft eine lächelnde Miene trägt und das Joch
für alle, die aus Pflichtgefühl und Schwärmerei einwilligen, ein
leichtes ist. Wenn solche Frauen sich auflehnen, so verfährt man sehr
summarisch mit ihnen, und die öffentliche Meinung nimmt gegen sie zu
Gunsten des Mannes Partei. Eine sehr achtungswerthe Dame im »Thale«
gilt, weil sie den ihr Versiegelten (der, mit der einen Frau nicht
zufrieden, eine zweite genommen) verlassen und einen Andern
geheirathet hat, als Ehebrecherin und wird deshalb nicht in
Gesellschaft geladen.
Ein Beispiel summarischen Verfahrens erlebten wir am Bärenflusse. Ein
aus Monsieur Cabets Gemeinde in Nauvoo ausgewanderter Socialist hatte
den Winter in der Salzseestadt zugebracht, und war im Frühjahr weiter
nach Californien aufgebrochen. Er hatte eine Frau mit einem ungefähr
zwei Jahre alten Kinde bei sich, die ihn gebeten hatte, sie mit nach
dem Goldlande zu nehmen, indem sie ihm vorgestellt, wie der
geistliche Würdenträger, mit dem sie »versiegelt« worden, ihr drei
Jahre lang weder einen Besuch gemacht, noch etwas zu ihrem Unterhalte
beigetragen habe; daß ferner ein junger Mann, dem sie sich verlobt,
jetzt in Californien sei, und daß sie sich, wenn sie zu ihm gelangen
könnte, nach den Gesetzen des Landes heirathen wollten. Das Herz des
Socialisten war dadurch gerührt worden und er hatte ihr freundlich
die Mittel zur Reise angeboten. So hatten sie etwa hundert Meilen
zurückgelegt, als eine Schaar von Häschern aus Neujerusalem sie
einholte und an sie die Forderung stellte, die junge Frau solle zu
ihrem gesetzlichen oder angesiegelten Gemahl zurückkehren. Der
Socialist fragte uns um Rath, was zu thun sei; aber die Uebermacht
verbot jede Weigerung, und so mußte die Dame mit Widerstreben ihre
Schritte zurücklenken.
Mehrmals wurden uns ähnliche Fälle bekannt, und so müssen wir den
Schluß ziehen, daß die Regelung des neuen »Pluralitätsgesetzes« noch
nicht vollendet ist, und daß die Tugenden, die man ihm zuschreibt,
noch nicht in voller Blüthe stehen. Wir können indeß hinzusetzen, daß
die Gemeinde durchaus den Anschein guter Sitten hat, so daß in den
Vereinigten Staaten eine gleiche Anzahl Menschen schwerlich das
Decorum besser bewahrt.«
Wir haben aber den Vorkämpfer der Vielweiberei in Deseret, den
streitfertigen Pratt noch bei Weitem nicht alle Wendungen und
Finten machen sehen, mit denen er, fortwährend die Bibel als
Schild vorhaltend, die Angriffe auf seinen Glauben zu pariren und
zu entkräften bestrebt ist. Wir müssen darum noch auf einen
Augenblick zu ihm zurückkehren. Er stellt nach jener Idylle zur
Vervollständigung des Bildes zunächst in Abrede, daß man unter
den Mormonen wisse, was Eifersucht sei, und hält dann die
patriarchalische Unschuld und Reinheit derselben mit der
furchtbaren Sittenverderbniß in den großen Städten Amerikas
zusammen, wobei er findet, daß die »heidnischen Nationen«, wenn
sie glauben, daß den Heiligen mit der »=celestial marriage=« ein
Splitter in's Auge gerathen sei, besser thun würden, an den Balken
zu denken, der durch einen Blick auf die Hunderte von liederlichen
Häusern in Neuyork und auf die neunzigtausend Prostituirten in
London sehr deutlich in ihrem Auge sichtbar würde. Dann kommt er
auf die Bedeutung der Heirath als einen Bund für alle Ewigkeit
zurück, und weist mit einer geschickten Verdrehung des Spruchs,
nach welchem die Auferstandenen weder freien, noch sich freien
lassen, nach, daß diejenigen, welche sich nicht auf Erden auf die
rechte Weise, d. h. durch den allein damit beauftragten Seher der
Mormonen für den Himmel versiegeln lassen, im Jenseits selbst dann
allein und einsam, ohne die geliebte Gefährtin leben werden, wenn
sie durch ein frommes Leben sich einen gewissen Grad von Seligkeit
verdienen. Alle Heirathen sind, wofern sie nicht von einer
inspirirten Person eingesegnet sind, vor Gott ungiltig, alle aus
solchen Ehen hervorgegangenen Kinder Bastarde, gleichviel ob die
bürgerlichen Gesetze sie so ansehen oder nicht.
Wahrhaft classisch ist es, wie Pratt daraus, daß Jemand die
Vermählung der Gatten für die Ewigkeit zugiebt, die Folgerung zieht,
er müsse dann auch die Vielweiberei gestatten. Er sagt: »Gesetzt den
Fall, Herr A. heirathet Fräulein B. für Zeit und Ewigkeit. Nun stirbt
im Laufe der Zeit seine Frau, geborne B., indem sie verschiedene
Kinder hinterläßt. Der Witwer A. heirathet nun ein Fräulein C. Frage:
Wie will seine Braut C. einen Mann für alle Ewigkeit bekommen? Es
liegt auf der Hand, daß sie in Zukunft entweder allein existiren oder
mit Herrn A. sowohl für die Ewigkeit als für die Zeit verheirathet
werden muß. Entschiede sie sich für das Letztere, so würde Herr A. am
Morgen der Auferstehung zwei Weiber haben. Nun kann es aber
geschehen, daß Herr A. so unglücklich ist, auch seine zweite Frau,
geborne C., durch den Tod zu verlieren, und daß Verhältnisse ihn
nöthigen, eine dritte Heirath mit Fräulein D. einzugehen. Er würde
dann nicht weniger als drei Frauen haben. Möglich aber auch, daß Herr
A. vor seiner Frau, geborne B. stirbt, und daß seine Witwe einen
jungen Mann Namens C. blos für dieses Leben heirathet, da sie mit
ihrem verstorbenen Gatten A. für alle Ewigkeit verbunden ist. Frage:
Wenn Herr A. seine Frau nach der Auferstehung beansprucht, wie wird
Herr C. dann zu einer Frau gelangen? Antwort: Er muß sich entweder
ohne eine solche behelfen, oder schon in diesem Leben sich mit einer
andern, die keine Verpflichtung für die Ewigkeit hat, verheirathen.
In diesem Falle aber würde er schon während dieses Lebens zwei Frauen
haben müssen.«
In der That, bei dieser Art Sophistik wird dem Leser zu Muthe, als ob
in den Mormonen nicht blos die Zeiten der Erzväter, sondern auch die
Tage wiedergekommen wären, wo man in Paris die tiefsinnigen Fragen
zur Entscheidung zu bringen bemüht war, ob Christus die Welt auch in
Gestalt eines Kürbis hätte erlösen können? Wie dann der Kürbis
gepredigt haben müßte? Wie er am Kreuze ausgesehen haben und wie er
gen Himmel gefahren sein würde.
Hören wir indeß unsern mormonischen Scholastiker weiter.
»Es ist häufig der Fall, daß weiblichen Wesen niemals ein
Heirathsantrag von jungen Männern gemacht wird, denen sie so viel
Vertrauen erweisen, daß sie sich mit ihnen für alle Ewigkeit
verbinden möchten. Frage: Müssen diese Mädchen in der Ewigkeit ohne
Gatten bleiben? Würde es nicht weit besser für jede einzelne von
ihnen sein, wenn sie mit einem frommen, obgleich schon verheiratheten
Manne wie Abraham vermählt wäre, als wenn sie für die ganze Ewigkeit
vereinsamt bliebe? Würde es nicht eine bei Weitem größere Seligkeit
für sie in sich schließen, die zweite, dritte oder vierte Frau, und
dadurch in der Lage zu sein, eine endlose Nachkommenschaft zu
gewinnen und sich mit ihrem Gatten aller der Herrlichkeit und Glorie
seiner wachsenden himmlischen Königreiche zu erfreuen, als alle
Ewigkeit hindurch in Gestalt eines bloßen Engels oder einer bloßen
Magd, ohne Nachkommenschaft verharren zu müssen?
Und wiederum giebt es viele Witwen, deren Männer in Unglauben
sterben. Diese Witwen können möglicherweise keinen Antrag auf Heirath
von einzeln lebenden Männern erhalten. Soll für sie nicht Fürsorge
getroffen werden? Und welches tugendhafte Weib würde es nicht
vorziehen, die sechste oder siebente Frau eines Gläubigen zu werden,
als in der zukünftigen Welt in alle Ewigkeit ohne die Segnungen der
Ehe zu leben?
Und weiter: wenn (in diesen letzten Tagen vor dem Beginne des
tausendjährigen Reichs) Volk gegen Volk und Reich gegen Reich sich
erhebt und das Schwert vertilgend von einem Ende der Erde zum andern
daherfährt, so werden viele Millionen von Vätern und Brüdern auf der
Wahlstatt fallen, während die Mütter, Schwestern und Töchter
zurückbleiben werden, um ihren Verlust zu betrauern. Was wird aus
diesen Frauen werden? Antwort: Das Evangelium wird ihnen gepredigt
werden und sie werden aus allen Völkern fliehen und zu den Heiligen
Zions versammelt werden. Dann wird die Zahl der Frauen bei Weitem
größer sein als die der Männer. Aber wie werden dann alle mit Männern
für die Ewigkeit zu versorgen sein? Wir wollen diese Frage mit den
Worten Jesaias beantworten. In jenen Tagen werden sieben Weiber einen
Mann ergreifen und sagen: Wir wollen unser eigen Brot essen und uns
von unserm Eignen kleiden, nur laß uns deinen Namen tragen, auf daß
unsere Schande hinweg genommen werde. So sehen wir denn, daß die
Schande, keinen Mann zu haben, größer sein wird, als die Schande von
sieben Weibern, die zusammen einen Mann haben. Ja das letztere wird
überhaupt kein Vorwurf, vielmehr ein Mittel sein, einem Vorwurfe zu
entgehen. Als göttliche Einrichtung wird es mit Begier gesucht
werden, gesucht sogar auf die Gefahr hin, daß die Frauen selbst für
ihre Nahrung und Kleidung sorgen müssen.
Wie aber Ehelosigkeit für jedes weibliche Wesen eine Schande ist, so
gereicht es auch einer Frau zum Vorwurfe, kinderlos zu sein. Auf alle
Fälle ist es ein Unglück, da auf diese Art der Zweck der Ehe, das
Menschengeschlecht zu mehren, nicht erreicht wird. Unfruchtbare
Frauen aber können ihrer Unvollkommenheit abhelfen, wenn sie dem
Beispiele der ebenfalls verschlossenen Leah folgen, welche Jakob ihre
Magd Zilpah zum Weibe gab, worauf der Herr ihr Gebet erhörte und ihr
einen Sohn schenkte. Ganz so wird der Herr auch noch heute thun den
Frauen, die seinem Gesetze gehorchen.«