nichts weniger als erbauliches Lied zu singen. Er lag eines Abends im
Bette und schlief, als ihn plötzlich eine so gewaltige Hand beim
Genick packte und schüttelte, daß er sofort inne wurde, wie er es mit
keiner irdischen Gewalt zu thun habe. Es war kein Geringerer, als
Seine höllische Majestät. Aber nicht zufrieden damit, den unseligen
Rigdon so unsanft geweckt zu haben, machte er sich nun daran, seinem
Opfer die Bettdecke wegzuziehen und es auf das Abscheulichste
durchzuprügeln. Dann ergriff er Ehren Rigdon bei den Füßen, schleppte
ihn aus der Kammer und, unbekümmert darum, daß das graue Haupt aufs
Jämmerlichste auf jede Stufe aufschlug, die Treppe hinab vor das
Haus, wo er ihn in den Rinnstein warf und sodann »wie ein Dampf«
verschwand. In dieser Weise mishandelte er Rigdon zwei Nächte
hindurch. Böse Zungen zwar wollten behaupten, es könnte eine
menschliche Hand im Spiele gewesen sein, etwa ein Schabernack
liebender Mormonenjüngling. Aber diese Vermuthung wurde mit
spöttischem Lächeln als ungereimt abgewiesen. Hatte man sich doch
nach dem ersten Male genau nach der Farbe der Haare, den
Gesichtszügen und anderen Erkennungszeichen, an denen Smith seine
Jünger den bösen Feind zu entdecken gelehrt, erkundigt, und stimmte
doch Rigdons Beschreibung bis in die geringsten Einzelheiten.
Der Körper der Auferstandenen wird vollkommen derselbe sein, den sie
im Leben hatten. Nur das Blut wird fehlen, wie es im Körper des
auferstandenen Christus fehlte, welcher das Vorbild aller Menschen
ist. Aber ganz so wie der Mensch gehen auch die Thiere und Pflanzen
einer Auferstehung und Erhebung in die himmlische Herrlichkeit
entgegen. »Wenn die Welt erlöst wird, so ist die Pflanzen- und
Thierschöpfung in diesen Vorgang eingeschlossen; denn auch sie hatten
ja eine geistige Existenz vor der leiblichen auf Erden. Wenn die
Pflanze in den himmlischen Boden gesenkt wird, so zieht sie ihre
Nahrung aus demselben, und das Fluidum, das sie auf diese Art
einsaugt, circulirt durch die Poren und Zellen des Pflanzenleibes,
bewahrt denselben vor Verwitterung und Fäulniß und erzeugt einen
geistigen Samen, welcher gepflanzt zu einem geistigen Halme, Strauche
oder Baume erwächst, der sich darin von der väterlichen Pflanze
unterscheidet, daß er keinen Leib hat. Diese geistigen Pflanzen oder
diese Pflanzengeister werden aus dem Himmel auf die Erde geschickt,
wo sie Leiblichkeit gewinnen und gleich den Thieren zu Nahrung für
einen Theil der animalischen Schöpfung werden. So sind denn« --
schließt Orson Pratt diese treffliche Beweisführung -- »die Geister
sowohl der Pflanzen als der Thiere Sprößlinge männlicher und
weiblicher Aeltern, welche von den Todten auferweckt und mit der
Welt, auf der sie wohnten, aus einem gefallnen Zustande erlöst worden
sind.«
Hiermit möge unsere Blumenlese aus der Metaphysik der Mormonen
beschlossen sein. Ein Urtheil darüber ist unnöthig, und wir können
uns sofort zu begreiflicheren und näherliegenden Dingen wenden.
Die Gnadengaben, in deren Besitz die Latterday-Saints zu sein sich
rühmen, und deren Vorhandensein sie als eine Art Zeugniß Gottes für
die Wahrheit ihrer Lehre und die Echtheit ihrer Kirche ansehen,
bestehen, wie bereits bemerkt, in der Gabe der Weissagung (die indes
auf den Seher und Offenbarer beschränkt ist), in Heilungen durch
Handauflegung, Austreibungen von bösen Geistern aus Besessenen, von
denen namentlich in Wales ganze Rudel -- beinahe so viele wie in
Weinsberg -- spukten, im Reden in Zungen und in der Deutung dieser
modernen Glossolalie. Diese Erscheinung, welche sich über alle
Heiligen erstreckt, während die übrigen sich auf die Priester
beschränken, und welche auch bei anderen Secten Amerikas bisweilen
vorkommt, ist, wenn man die Erzählung vom Pfingstwunder in der
Apostelgeschichte wörtlich nimmt, nicht dieselbe, welche die Jünger
befähigte, der vor ihrem Hause versammelten vielzüngigen Menge in
verschiedenen Sprachen den Wahn zu benehmen, sie seien voll süßen
Weines. Es ist vielmehr im besten Falle eine Art Stammeln,
Lallen oder Gurgeln ohne Sinn und Verstand, hervorgegangen aus
krankhafter Gemüthsaufregung, zuweilen ähnlich dem Phantasiren von
Fieberkranken, mitunter eine Folge unzusammenhängender englischer
oder indianischer Worte, häufiger aber ein bloßes Ausstoßen
willkürlich zusammengeworfener Vocale und Consonanten. Der in Zungen
Redende selbst weiß nicht, was für Ideen er damit ausgesprochen hat.
Aber Andere wissen es um so genauer, und oft erfährt die erstaunte
Zuhörerschaft durch diese Dolmetscher die wundersamsten Dinge. Wie
man aber zu zweifeln Grund hat, daß die Theologen der Secte in ihren
Schriften und Predigten immer ehrliche Phantasten gewesen sind und
nicht auch manchmal, ja häufiger absichtlich und zweckbewußt den
Unsinn zusammengehäuft haben, den wir bei ihnen finden, so wird auch
mit dem Reden in Zungen mancherlei Täuschung getrieben werden. Smith
liebte es, seine Predigten damit zu schmücken, und das Folgende
klingt fast wie eine Anweisung zum Betrügen. »Wenn Jemand sich zum
Sprechen in der Gemeinde gedrungen fühlt« -- sagt der Prophet --
»aber keine Worte findet, die Gedanken seines Herzens auszudrücken,
so muß er sich getrost auf seine Füße erheben, sich im Glauben an
Christum anlehnen, seine Lippen öffnen und in irgend einer
beliebigen Tonart und Weise einen Gesang hören lassen. Der Geist des
Herrn wird es dann zur Rede machen und einen Dolmetscher dazu
schaffen.«
Diese Verheißung erfüllte sich bei der folgenden Anekdote, wenn auch
der Dolmetscher, den der Herr schaffte, nicht ganz genau das Rechte
getroffen haben dürfte. In einer ihrer Versammlungen sprang ein vom
heiligen Geiste ergriffnes Weiblein auf, sprach in Zungen und schrie:
»Melai, Melei, Meli!« Dies wurde von einem jungen Manne, der in sich
die Gabe des Dolmetschers empfand, sofort mit: »=My leg, my tigh, my
knee=« (Mein Bein, mein Schenkel, mein Knie) übersetzt. Man forderte
ihn vor den hohen Rath und klagte ihn der Sünde wider den heiligen
Geist an. Er blieb aber hartnäckig bei seiner Behauptung, daß seine
Deutung die richtige sei, und so mußte man ihn ohne Strafe lassen.
Man ermahnte ihn indeß, auf der Hut zu sein, daß der Satan ihn nicht
in seinen Schlingen fange.
Von den Gnadenmitteln oder Sacramenten kennen die Mormonen nur Taufe
und Abendmahl. Die erstere muß durch Untertauchung des Täuflings
vollzogen und durch Handauflegung vollendet werden, sonst ist sie
eine leere Ceremonie. Sie hat ferner zu dem Zwecke der Vergebung der
Sünden stattzufinden, ein Zweck, der bei der Handlung zu nennen ist.
Sodann hat nur die aus der Hand von Mormonenpriestern der Ordnung
Melchisedek empfangene Taufe die Wirkung eines Sacraments. Die
Kindertaufe wird verworfen. Man nimmt an, daß der Mensch im achten
Lebensjahre zurechnungsfähig werde. Dann müssen die Eltern das Kind
taufen lassen.
Ein seltsames Seitenstück zu den Seelenmessen der katholischen Kirche
ist das mormonische Institut der »Taufe für die Verstorbenen.« Die
Berechtigung zu dieser Ceremonie entnehmen sie aus einer Bibelstelle,
wo der Apostel nach der Auffassung der Mormonen die Frage aufwirft:
»Was anders sollen die thun, welche für die Todten getauft sind,
wofern die Todten nicht auferstehen? Warum dann sind sie für die
Todten getauft?« Joseph Smith behauptet darauf hin: »Jedermann, der
einen Freund in der ewigen Welt hat, kann ihn erlösen, es wäre denn,
daß er die eine Sünde begangen hätte, die nicht vergeben wird. So
könnt Ihr sehen, wiefern Ihr Erlöser sein könnt: denn der Apostel
sagt: Sie ohne uns vermögen nicht zur Vollkommenheit zu gelangen.«
Das Nähere der Sache aber ist Folgendes: Die Mormonen glauben, daß
Niemand ohne in gebührender Weise getauft zu sein, in's Himmelreich
eingehen könne. Nun kann aber ein Heiliger den Wunsch hegen, auch
diejenigen seiner Freunde und Verwandten einst bei sich zu sehen,
welche entweder durch Ungunst der Umstände oder weil sie das
Sacrament misachteten, ohne echte und wahre Taufe aus der Welt
gegangen sind. Dies wird dadurch erreicht, daß sie sich
stellvertretend für jene taufen lassen. Die Jenseitigen befinden sich
in einem Prüfungszustande, ähnlich dem Fegefeuer der Katholiken. Sie
haben bereut und Buße gethan und sehnen sich nach dem unerläßlichen
Ritus der Untertauchung in Wasser zur Vergebung der Sünden. Daher
erwächst die Pflicht ihrer Verwandten auf Erden, sich dieser
Ceremonie für sie zu unterziehen. Sie befriedigen damit den Wunsch
der Abgeschiedenen und erwerben sich zugleich das Verdienst, Mehrer
des Reichs Gottes zu sein. So geschieht es, daß Einzelne wohl ein
Dutzend Mal getauft sind, einmal für den Vater, dann für die Mutter,
dann für die Großältern, dann für die unbekannten Vorfahren bis
hinauf zu dem Urahn, von dem man annimmt, daß er noch in heiliger
priesterlicher Zeit gelebt habe. Andere wieder werden dabei von dem
Hinblicke auf die Macht geleitet, welche sie sich dadurch erwerben,
und so lassen sie sich auch für Todte taufen, welche nicht zu ihrem
Geschlechte gehört haben. Es heißt nämlich, daß alle die, welche von
dem Stellvertretend-Getauften auf diese Weise erlöst worden sind,
künftig bei der Auferstehung zu dem Haushalte und Gefolge desselben
gehören werden. Derselbe, der auch als »Pathe« (=sponsor=) bezeichnet
wird, wird zuerst aus seinem Grabe steigen und dann thun wie Christus
vor der Gruft des Lazarus that, d. h. er wird jene aus dem
Todesschlafe rufen. Dann aber wird er als der Vornehmste unter ihnen
über sie als Patriarch herrschen, und sein Rang unter den Göttern und
königlichen Heiligen wird sich nach der Zahl derer richten, welche er
erlöst hat.
Das heilige Abendmahl wird »zur Erinnerung an den Leib und das Blut
des Sohnes« genossen, auf das die Heiligen »allezeit seiner eingedenk
seien und seine Gebote halten, und damit sie stets seinen Geist bei
sich haben.« So wenigstens drückt sich das Buch Mormons aus. Brot und
Wein sind als Symbole zu gebrauchen wie in der reformirten Kirche.
Durch eine Offenbarung jedoch wurde es verboten, sich des von den
»Heiden« gebauten und gekelterten Weines zu bedienen (dies geschah
aber erst in Deseret und zwar zu einer Zeit, wo Wein, wie alle
anderen Luxusartikel, selbst Kaffee und Zucker, kaum zu bekommen war,
und die »Offenbarung« war nur ein Hilfsmittel, gewissenhafte Leute,
die es mit der Form der kirchlichen Ceremonien bis aufs Pünktchen
genau zu nehmen gewohnt waren, zu beschwichtigen), und so trinken die
Mormonen »bis sie sich Wein von selbstgebauten Reben verschaffen
können,« Wasser statt des Saftes der Traube. Denn »es ist
gleichgiltig, was ihr essen und was ihr trinken werdet, wenn ihr das
Sacrament genießet; wenn ihr es nur so genießet, daß ihr die Augen
blos auf meine Herrlichkeit richtet; darum so sollt ihr keinen Wein
trinken, es sei denn, er wäre von euch selbst gekeltert«, sagt jene
Offenbarung. Man feiert in Folge dessen die Communion in der Art, daß
die Bischöfe unter den Sonntags im Bethause Versammelten mit Brot und
einem Wasserkruge, woran ein Glas oder Blechbecher hängt, herumgehen
und Jedem auf seinem Sitze das Sacrament anbieten. Es ist Sitte,
dieses Anerbieten nicht abzulehnen, und so genießen die Mormonen das
Abendmahl alle Sonntage.
Nachdem hinreichende Zeit verflossen ist, um den Tempel in Zion zu
vollenden, können Taufen für die Todten nur noch hier und in
Jerusalem (dem in Palästina) stattfinden. Im Hause des Herrn wird ein
gewaltiges Taufbecken aufgestellt werden; »denn diese Taufe wurde vor
der Erschaffung der Welt eingesetzt, und anderswo, sagt der Lord
unser Gott, kann sie mir nicht wohlgefällig sein; denn in ihr sind
die Schlüssel des heiligen Priesterthums verordnet, auf daß ihr
empfanget Ehre und Herrlichkeit« (=Book of Doctrine and Covenants=).
Der Tempel hat überhaupt in gewisser Beziehung sacramentale
Bedeutung, ja man kann nach der gewöhnlichen Definition des Begriffs
Sacrament selbst das Wohnen in Deseret als eine Art Sacrament
betrachten. Die sechste allgemeine Epistel der Präsidentschaft an die
Heiligen in aller Welt fordert dieselben auf das Dringendste zur
Einwanderung nach ihrer wahren Heimat, zur Entrichtung des Zehnten
und zum Baue des Tempels auf. Es heißt darin: »Um für einen
himmlischen Himmel vorbereitet zu sein, bedürfen sie eines irdischen
Himmels, und wenn Einige die Gnadenmittel sich verschaffen, ohne alle
die gebührenden Zehnten entrichtet zu haben, so wird ihnen Jesus
einst erklären, daß sie Diebe und Räuber sind, die einen anderen als
den verordneten Weg herangestiegen sind. Die Errichtung des Tempels
ist so nothwendig für das allgemeine Heil, als die Taufe für das Heil
des Einzelnen nothwendig ist. Die Stimme des guten Hirten aber ruft
fortwährend: Kommt heim, alle ihr Heiligen!«
Die Offenbarungen, welche der »Seher« von Gott durch seine Engel
empfängt, betreffen gegenwärtig nur die allgemeinen Angelegenheiten,
beziehen sich aber auf Weltliches sowohl wie auf Geistliches. Sie
werden aufgezeichnet, um im rechten Augenblicke der Kirche verkündet
zu werden, wenn die Brüder fähig sind, sie zu ertragen; denn »Viele
würden sich verletzt fühlen und der Wahrheit den Rücken kehren, wenn
sie ihnen plötzlich auf ein Mal mitgetheilt würde.« Einzelne
empfangen Offenbarungen in Bezug auf ihre Privatangelegenheiten.
Diese sind durch »Gebet in mächtigem Glauben« zu erlangen, jedoch nur
»wenn natürlicher Scharfsinn, verstärkt durch Fleiß und Nachdenken
nicht im Stande gewesen ist, die erforderliche Auskunft zu gewinnen;
denn wo Gott auf natürlichem Wege wirken kann, thut er kein Wunder.«
Die Art, wie die Mormonen des Sonntags ihren Gottesdienst abhalten,
unterscheidet sich nicht sehr von der Weise der übrigen Secten
Amerikas. Man findet sich zu bestimmter Stunde im Bethause ein. Der
vorsitzende Priester -- in Deseret gewöhnlich der Seher -- eröffnet
die Feier mit einem Segensspruche über die Versammlung und ihr
frommes Beginnen. Dann wird ein Lied aus ihrem Hymnenbuche, und zwar
meist nach einer sehr lebhaften und heitern Melodie, gesungen. Dann
spricht irgend ein Priester ein Gebet, worauf wieder ein Gesang
folgt. Sodann predigt einer von den Priestern, der vorher damit
beauftragt worden ist, und hierauf lassen gewöhnlich das eine und das
andere Gemeindeglied, »vom Geiste zum Reden angeregt«, allerlei
kürzere Ermahnungen und Belehrungen hören. Den Schluß bilden
Vorlesungen von Verordnungen und Ankündigungen allgemein
interessanter Anordnungen in Betreff der öffentlichen Bauten, der
Steuerzahlungen, der Militairübungen u. a. m., welche der Schreiber
des hohen Raths vorträgt, wornach die Versammlung mit einem
Segensspruche entlassen wird.
Während die Gemeinde sich versammelt und ebenso während sie das
Gotteshaus verläßt, spielt das Musikchor, welches sehr zahlreich und,
wie es heißt, sehr gut eingeübt ist, allerlei lustige Weisen, Märsche
und Tänze, wodurch alle düsteren Gedanken vertrieben und die Gemüther
heiter gestimmt werden. Da in Deseret sehr viele Waliser sind, von
denen die meisten nur unvollkommen, einige gar nicht englisch
verstehen, so wird die Hauptrede gemeiniglich von einem Dolmetscher
in wälscher Sprache wiederholt; auch erheitert in der Regel ein
wälsches Chor die Versammlung durch den Vortrag einer ihrer
wildromantischen seltsamen Melodien.
Daß es bei ihren gottesdienstlichen Zusammenkünften nicht immer
vollkommen geordnet zugeht, darf uns nicht Wunder nehmen. Das Reden
in Zungen läßt sich nun einmal nicht zurückdrängen, und nicht selten
wird der Prediger durch ein derartiges verzücktes Geplapper
unterbrochen. Aehnliches kommt jedoch auch bei anderen Secten,
namentlich bei den Methodisten häufig vor. Daß die Redner meist sehr
lange, nur bisweilen gut, höchst selten gewählt sprechen, muß man
ihrer Bildungsstufe (die meisten waren ursprünglich Bauern oder
Handwerker) zu Gute halten. Eines aber verdient mit Recht Tadel --
die Mormonenprediger fluchen und verdammen von der Kanzel herab wie
die Landsknechte, und selbst Brigham Young würzt seine Reden, wenn er
in's Feuer geräth, mit den gewaltigsten Flüchen und Schwüren.
Die Gemeinden außerhalb Deseret halten ihren Gottesdienst, wie sich
von selbst versteht in einfacherer Weise, auch kommen die kleineren
von ihnen selten regelmäßig zu Gebet und Predigt zusammen. In
Cincinnati, wo sich im Jahre 1851 eine Mormonengemeinde von etwa
zwölf Familien befand, wurde in den Monaten October bis December nur
drei Mal Gottesdienst gehalten, und die Zweiggemeinde in Dayton, aus
zwei Männern und drei Frauen bestehend, war bei unserem Besuche seit
einem halben Jahre nicht versammelt gewesen. Dieser unser Besuch aber
wurde für den Vorsteher, den wackeren Schuster Winthrop Graves,
Veranlassung, seine Heerde wieder einmal zusammenzurufen und auf die
himmlische Weide zu führen.
Wir trafen uns im Hause eines der Gläubigen. Derselbe war Pächter
einer Farm und wohnte am Rande des Waldes in einem großen,
schwarzverräucherten Ziegelgebäude, das mit einem unordentlichen
moosbewachsenen Zaune umgeben war. Die alten Eichen und Ahornbäume,
welche das Haus umstanden und deren entlaubte Zweige fortwährend aufs
Kläglichste im Winde ächzten, die Verfallenheit des Dachs und der
Mauern, der Charakter der Leere und Kälte, den das Innere dieser
einsamen Wohnung trug, machten einen trübseligen, unbehaglichen, fast
unheimlichen Eindruck. Dem ärmlichen, düsteren, grämlichen Wesen des
Hauses entsprach das Wesen seiner Bewohner. Der Mann war eine jener
hagern, schlotterigen Gestalten, wie sie in den Hinterwäldern häufig
sind. Die Frau schien am Fieber zu leiden. Die Tochter, ein Mädchen
in den Jahren, wo Frauen sich in ihren Geburtstagen zu verrechnen
anfangen, schaute mit ihren gelben verwelkten Wangen und ihren
graugrünen Augen so theilnahmlos und so sauertöpfisch in die Welt,
als habe sie Holzäpfel gefrühstückt. Die einzige freundliche
Erscheinung war eine junge Witwe, die mit ihren feinen Manieren und
ihrer schönen Stimme einen eigenthümlichen Gegensatz zu dem
Geschilderten bildete. Wir hielten den Gottesdienst in der Küche,
die, wie beim gemeinen Mann in Amerika gewöhnlich, zugleich Wohnstube
war. Der Schuhmacher schlug das Buch Mormon auf, legte es auf ein
Tischchen vor sich, sprach ein Gebet und hielt hierauf aus dem
Stegreif eine Rede, in welcher er die Grundzüge des Glaubens der
Latterday-Saints auseinandersetzte, und die so wohlgefügt und an
einzelnen Stellen so schwungreich war, daß mancher unsrer Pastoren
dabei hätte lernen können. Die verdrießlichen Mienen der vorhin
beschriebenen Drei begannen einen anderen Ausdruck zu gewinnen. Der
Mann schien seine Sorgen, die Frau ihr Fieber vergessen zu haben. Die
grünen Augen der Tochter blitzten von einem seltsamen Feuer, und als
nun ein Lied -- zu unserm Erstaunen nach der altbekannten Melodie:
»Du, Du liegst mir am Herzen« -- gesungen wurde, welches den Tod des
Propheten beklagte und die Leiden der Brüder in der Wüste schilderte,
hatte sich der ganzen Versammlung eine Aufregung bemächtigt, mit der
sie wie umgewandelt schien.
»=Weep, weep not for me, Zion,
Rejoice now and sing ye aloud.
Pray, pray, that Judahs fierce lion
May quickly descend in a cloud.
Haste, haste, o quickly descend in a cloud!=
=To smite with a rod of his power,
To lay Zions enemies low,
While frowns on his countenance lower,
They sink to perdition and woe.
Yes, yes to perdition and woe!=«[4]
[4] D. h. Weine, weine nicht um mich, o Zion; juble nun und singe
laut. Bete, bete, daß Judas grimmer Leue herabsteige in einer
Wolke. Eile, eile, o steig rasch herab in einer Wolke! Daß er sie
mit der Ruthe seiner Gewalt schlage, daß er Zions Feinde
darniederlege. Während sein Antlitz finsterblickend zürnt, sinken
sie hinab in Verderben und Weh. Ja, sinken sie hinab in Verderben
und Weh.
So sangen die Mormonen. Und immer höher steigerte sich die Inbrunst.
Die Wangen der Frauen rötheten sich, die Blicke der Männer wurden
stolz und fröhlich und immer fröhlicher und stolzer, je mehr sie sich
durch die weitern Verse des Liedes an die glorreiche Geschichte der
Kirche erinnert fanden. Die junge Witwe sank auf die Knie und sprach
ein Gebet, welches unter anderen Umständen selbst auf uns eine
ergreifende Wirkung gehabt haben würde. Der Farmer folgte ihr in
rauherer, aber nicht weniger aufrichtiger Weise. Wir erwarteten ein
Reden in Zungen von der Tochter, aber die Witwe schnitt ihr die
Gelegenheit dazu ab, indem sie, glühend von schwärmerischem Feuer,
aufsprang und, dem Leiter des Meetings vorgreifend, mit wohltönender
Stimme in ein Triumphlied ausbrach, in welches alle Anwesenden nach
Kräften einstimmten. Sie sangen:
»=The spirit of God like a fire is burning
The latter day glory begins to come forth,
The visions and blessings of old are returning,
The angels are coming to visit the earth.
We'll sing and we'll shout with the armies of heaven:
Hosannah, Hosannah to God and the Lamb!
Let glory to them in the highest be given.
Henceforth and forever. Amen and Amen!=«[5]
[5] D. h. Der Geist Gottes brennt wie ein Feuer, die Herrlichkeit des
tausendjährigen Reichs beginnt offenbar zu werden, die Gesichte
und Segnungen von ehedem kehren wieder, die Engel kommen, die Erde
zu besuchen. Wir wollen singen und jauchzen, mit den Heeren des
Himmels: Hosiannah, Hosiannah Gott und dem Lamme! Gebt ihnen die
Ehre. Ehre sei ihnen in der Höhe fortan und in Ewigkeit. Amen,
Amen.
Den Schluß bildete der Segen, von dem Schuhmacher gesprochen. Dann
aßen die Brüder und Schwestern mit einander, und wir entsinnen uns
nicht, während unsers Aufenthalts in Amerika fröhlichere Gesichter
beisammen gesehen und ein liebevolleres Benehmen beobachtet zu haben,
als bei diesem einfachen Mahle. So verklärt und adelt das, was in den
Religionen die Religion ist, selbst den sinnlosesten Wahn, und so
geht neben der Truglist der Führer stets die redlichste Einfalt der
Massen her.
Den Schluß dieses Abschnitts möge ein Ueberblick über die
_Kirchenverfassung des Mormonismus_ bilden. Dieselbe beruht im
Wesentlichen auf einer eigenthümlichen Ansicht vom Priesterthume.
Die Priesterschaft ist nach Joseph Smith und anderen Dogmatikern,
wie Peter Parley Pratt, Spencer und Orson Pratt, unbedingt
nothwendig zu einer Kirche, welche Anspruch darauf erhebt, die wahre
zu sein. Sie ist unmittelbar von Gott eingesetzt und zerfällt, wie
schon beiläufig erwähnt wurde, in zwei Ordnungen, deren erste nach
dem geheimnißvollen Freunde Abraham's, dem Priesterkönige
Melchisedek benannt ist, während die zweite nach dem ersten
Hohenpriester Israels, Aaron, die aaronische, oder auch die
levitische heißt.
Das Priesterthum der ersten Classe wurde nach dem Book of Doctrine
and Covenants im Anfange der Zeiten an Adam verliehen und von diesem
(man sieht, wir haben hier ein Anklingen an die katholische Lehre von
der Pneuma-Mittheilung vor uns) auf Noah, Abraham, David, Salomo
u. s. w. fortgepflanzt. Ihr Amt und ihre Gewalt ist mystischer Natur.
Sie hat »die Schlüssel zu allen geistlichen Segnungen« in Händen und
besitzt das Vorrecht, die Geheimnisse des Himmels zu empfangen, sich
das Jenseits öffnen zu lassen, und sich mit Gott dem Vater und Jesus
dem Mittler in Verbindung zu setzen.
Die Priesterschaft des aaronischen Ordens dagegen hat auf so hohe
Dinge keinen Anspruch; sie ist nur mit Besorgung der weltlichen
Angelegenheiten der Kirche betraut. Ursprünglich hieß es
(wahrscheinlich um die Juden zum Eintritte in die Gemeinschaft der
Latterday-Saints geneigt zu machen), die Mitglieder dieser Classe
müßten vom Stamme Levi sein. Da sich jedoch keine echten Leviten
finden wollten, so begnügte man sich bis auf Weiteres mit Besetzung
der Stellen durch Nichtjuden. Wenn der Tempel fertig ist, werden aber
zahlreiche Leviten den Mormonen beitreten, und dann werden dieselben
außer den jetzt von der aaronischen Priesterschaft besorgten
Geschäften wieder Auftrag erhalten, für die täglichen Sünden des
Volkes Thieropfer zu bringen.