Aenderungen erleiden. Niemand aber darf sie im bildlichen Sinne
auffassen. Der Inhalt ist allenthalben buchstäblich zu nehmen; denn
»Gott ist ehrlich, wenn er mit den Menschen redet und fern von aller
Wortspielerei und Doppelsinnigkeit.« Allein das Wort Gottes findet
sich nach der Meinung der Mormonen nicht blos in der Bibel, sondern
unter andern heiligen Schriften vornehmlich auch im Buche Mormon und
dem Buche der Lehre und der Bündnisse, welches letztere aus einer
Abhandlung über den Begriff Glauben von Sidney Rigdon und einer
Anzahl sogenannter Offenbarungen Gottes an Joseph Smith besteht.
Diese Bücher bilden mit der Bibel eine »dreifache Schnur« der
Kundgebungen Gottes auf Erden, eine Schnur, die noch fortgesponnen
wird, indem Smiths Nachfolger im Mittleramte noch von Tage zu Tage je
nach dem Bedürfnisse der Kirche Belehrungen und Gebote vom Himmel
empfängt. Dies ist nach der Behauptung der Mormonen die Ursache, daß
sie der »heidnischen« Welt so weit an Kenntniß und Verständniß der
göttlichen Dinge voraus sind. Eure Professoren und Doctoren, sagen
sie, können Euch nichts Neues von Bedeutung mehr lehren, uns dagegen
leitet der Herr durch seinen Offenbarer unaufhörlich zu höherer
Erkenntniß. So kann man als unterscheidendes Merkmal ihrer Kirche das
setzen, daß ihre Dogmatik stets eine nur provisorische, daß ihr
Princip, wenn das Wort hier überhaupt eine Stelle hat, ein stetes
Imaginiren ins Blaue hinein, und daß der »Fels, auf den Joseph Smith
seine Kirche gebaut,« jene angebliche Offenbarungsthätigkeit Gottes
ist, die unaufhörlich neue Sinnlosigkeit an die Stelle der alten
schiebt. Daß dabei von einem Felsen nicht die Rede sein kann, und daß
die Offenbarungen sich häufig widersprechen, ficht sie nicht an,
indem es sich ihnen aus den verschiedenen Umständen erklärt, unter
welchen der Herr zu den Seinen redet.
Einem solchen Proteus läßt sich nun schwer die rechte Gestalt
ablauschen, und daraus mag es sich der Leser erklären, wenn im
Folgenden Manches schwankt und in verschiedenen Farben schillert.
Wir betrachten zuvörderst die _Lehre der Mormonen von Gott_. Die
Gottheit ist nach den uns vorliegenden Quellen eine Dreieinigkeit
oder richtiger eine Einheit von zwei Personen. »Gott Vater ist ein
vollkommener Mensch, aber in den Attributen seiner Natur, seinem
Glauben, seinem Wissen und seiner Kraft in Vergleich mit uns so
erhaben, daß man ihn den Unendlichen nennen kann.« Die Philosophen
unter den Mormonen wissen aber noch mehr. Sie kennen seinen Anfang,
und zwar nennen sie diesen Urgrund alles Seins »das ewige
Evangelium.« Die Art ihres Speculirens klingt hier bald an die
Schelling'sche Identitätsphilosophie, bald an die Aeonenlehre der
Gnostiker an. Vor dem Anfang aller Dinge, sagen sie, gab es zwei
durch sich selbst existirende Principien: Verstand und Grundstoff,
Intelligenz und Leiblichkeit. Das Zusammenwirken derselben war »das
Gesetz«, durch welches die Urgötter entstanden. Wie der Obergott
wurde, läßt der Prophet selbst dahingestellt. Er sagt darüber blos,
daß er sich nicht selbst habe schaffen können. Seine Nachfolger
drücken sich über diesen schwierigen Punkt dahin aus, daß in der
fernen Ewigkeit »zwei Grundtheilchen der Materie ihre Intelligenz mit
einander verglichen und dann ein drittes Atom zur Berathung riefen,
worauf sie zu Einem Willen zusammengingen, der die erste Kraft war.
Als solche vereinigten sie mehr und mehr Atome mit einander, und
daraus erwuchs eine Fülle von Kraft, die alle andern Atome in ihr
Gesetz zwang. Aus dieser Intelligenz (wir übersetzen die betreffende
Stelle wörtlich) wurde nach dem Gesetze ein Gott erzeugt, nicht
gemacht, und die übrigen Götter gingen aus ihm als Kinder hervor.
Durch das Gesetz der allgemeinen Ordnung wurde die Geschlechtlichkeit
als gleich ewig mit allem sittlichen Dasein und Leben gesetzt, und so
entstanden nicht nur Könige des Himmels, sondern auch Königinnen.
Letztere wurden, mit den ersteren vermählt, die Mütter anderer Götter
und Geister, von denen jeder seine bestimmte Sphäre im Universum
hat.« Ein solcher Gott ist nun auch der, den wir zunächst verehren.
Die zweite Person der Gottheit ist der Sohn, Jesus Christus, geboren
von der Jungfrau Maria. »Der ewige Vater stieg auf die Erde herab,
freiete sie durch seinen Heroldsengel Gabriel, Bräutigam und Braut
trafen sich auf den Gefilden von Palästina, und das heilige Kind,
welches geboren wurde, war der Leibestempel (=tabernacle=) für den
geistigen Sohn, und daraus wurde ein Gott.« Der heilige Geist ist
»der einig gehende Wille von Vater und Sohn, welcher allgemeine
Harmonie des Gedankens, Wissens und Seins durch ihr ganzes Reich
wirkt. Er unterscheidet sich von Gott dem Vater und Gott dem Sohne
dadurch, daß er nur eine geistige Existenz hat, nie leiblich geworden
ist wie die anderen Götter.«
Wir könnten dieses Thema hiermit erledigt zu haben glauben, wenn das
Weitere nicht in genauem Zusammenhange mit den übrigen Lehren der
Secte stünde, und wenn diese Lehren nicht dadurch an Wichtigkeit
gewännen, daß sich bereits Hunderttausende zu ihnen bekennen. So
fahren wir denn in der peinlichen Aufgabe möglichster Sichtung dieses
Wustes von Hirngespinnsten fort.
Wir haben gesehen, daß es mehrere Götter giebt, und daß jeder
derselben vermählt ist und Kinder ebenfalls göttlicher Art besitzt.
Wir haben ebenfalls gesehen, daß jedem Gotte eine bestimmte Sphäre im
Universum angewiesen ist. Hat derselbe nun diese Sphäre, oder um
deutlicher zu sprechen, diesen Weltkörper mit seinen Kindern in dem
Grade bevölkert, daß sein himmlisches Erbtheil zu klein wird, um sie
alle zu bewegen und zu nähren, so schafft er, um den Ueberschuß
unterzubringen, einen neuen Stern, nach welchem die Geister der
jungen Götter als Bewohner gesendet werden. Diese verehren dann ihren
Vater als Gott, gerade sowie dieser mit seinen Brüdern im Universum
seinen Vater als Gott ehrt, und so fort zurück bis zum Ur- und
Hauptgotte, der im Centrum der Welt auf seinem Sterne Kolob thront.
So ist der Gott, den wir zunächst verehren, der Vater unserer Geister.
Um diese Materie oder vielmehr, um die Art, wie die Mormonen über
diese Materie phantasiren, deutlicher zu machen, müssen wir dem Leser
zumuthen, dem folgenden Auszuge aus Orson Pratts Abhandlung über die
Präexistenz des Menschen seine Aufmerksamkeit zu schenken. Es heißt
da:
»Die Zahl der Söhne und Töchter Gottes, welche vor der Schöpfung
dieser Erde im Himmel geboren wurden, ist uns nicht bekannt. Sie muß
indeß außerordentlich groß gewesen sein, wenn wir die ungeheure Menge
von Menschen betrachten, welche während der vergangenen sechs- oder
siebentausend Jahre vom Himmel gekommen sind, um unsern Planeten zu
bevölkern. Nehmen wir an, daß während eines Jahrhunderts etwa tausend
Millionen Menschen auf Erden geboren werden und sterben, so würde das
in sieben Jahrtausenden siebzigtausend Millionen geben. In der Urzeit
gab es nun zwar bedeutend weniger Menschen, während des
tausendjährigen Reiches aber werden unzweifelhaft weit mehr als
gegenwärtig die Erde bewohnen. Siebzigtausend Millionen wäre demnach
ungefähr die Zahl der Söhne und Töchter Gottes, welche im Himmel
geboren und, weil sie sich in reinem Zustande erhielten, vom Vater
würdig erfunden wurden, eine neue Welt zu bewohnen und dort, in
fleischlichen Leibestempeln, in einen zweiten Zustand einzugehen. Man
muß jedoch wissen, daß diese siebzigtausend Millionen nur zwei
Drittel der großen gotterzeugten Geisterfamilie sind. Das letzte
Drittel verblieb nicht im Stande der Unschuld, sondern lehnte sich
auf und ward aus dem Familienkreise verstoßen. Sie blieben aber
immerhin Gottes Kinder, und so beläuft sich die Gesammtmenge der
letztern auf nicht weniger als hundertundfünftausend Millionen.
Die Zeit, welche zur Erziehung dieser Geister nöthig war, muß
jedenfalls eine sehr lange gewesen sein. Einige der ältesten müssen
Millionen von Jahren in ihrem Urzustande gewesen sein, ehe sie in das
Erdenleben eingingen. Während dieser Periode haben sie unzweifelhaft
Gelegenheit gefunden, über alle Gesetze des geistigen Daseins sich
aufs Gründlichste zu unterrichten. Indem sie bei ihrem Vater wohnten
und durch ihn in die Gemeinschaft der anderen Götter, seiner Brüder,
eingeführt wurden, mußte es ihnen leicht werden, sich die
gediegensten Kenntnisse anzueignen. Auf dieser Hochschule des Himmels
lernten sie wahrscheinlich vor Allem, woraus Welten geschaffen, wie
ihre Grundstoffe zusammengesetzt und wie sie regiert werden müßten.
So viel sie aber auch Weisheit sammeln mochten, gab es doch etwas,
worüber sie keine Belehrung empfangen konnten: sie konnten die
Gefühle und Empfindungen sich nicht aneignen, welche Geister haben,
wenn sie in Leibestempeln wohnen. Keine Sprache konnte ihnen davon
auch nur die entfernteste Vorstellung geben. Es wäre gerade, wie wenn
man von einem Menschen, der in einem dunklen Kerker geboren und
erzogen worden, verlangen wollte, zu wissen, was das Sehen, was
Licht, was Grün, Blau, Roth oder Gelb sei. Diese Empfindungen konnten
die Geister nur durch Erfahrung kennen lernen. So können Geister in
einigen Dingen den höchsten Grad des Wissens erreichen, während sie
in andern vollkommen unwissend bleiben. Nun giebt es aber viele nur
durch sinnliche Wahrnehmung und Erfahrung zu erreichende Wahrheiten,
ohne deren Besitz ein intelligentes Wesen nicht vollkommen glücklich
sein kann, und daher ist es nothwendig, daß jene Geister Fleisch und
Gebein anziehen und ein Menschenleben führen. Diejenigen, welche sich
in ihrem ersten Zustande gehorsam bewiesen haben, bekommen Erlaubniß
dazu; die, welche die Gesetze ihres Urzustandes verletzt haben,
müssen in der Unvollkommenheit bleiben.
Mit jener Rebellion im Himmel aber verhielt es sich folgendermaßen.
Im Anfang der Zeiten hielten die Götter unter dem Vorsitze ihres
Vaters einen Rath im Himmel. In demselben kam die Schöpfung der Erde
zur Sprache, und da Gott den Sündenfall der Menschen voraussah, so
fragte er im Kreise seiner Söhne unter denen sich die beiden ältesten
Christus und Lucifer, der Sohn des Morgens, befanden, wie dieselben
zu retten und zu erlösen sein würden. Lucifer antwortete: »Siehe,
sende mich hinab, ich will als Dein Sohn erscheinen und alle Menschen
erlösen, sodaß keine Seele verloren sein soll; darum gieb mir deine
Ehre!« Christus aber, der Eingeborene und von Anfang Erwählte,
erwiderte: »Vater, Dein Wille geschehe, und Dein sei die Herrlichkeit
in Ewigkeit«[3]. Gott der Vater beauftragte darauf Christum mit dem
Erlösungswerke, und dies verdroß den Sohn des Morgens so sehr, daß er
in offener Empörung gegen den göttlichen Willen ausbrach. Dabei riß
er ein Drittel der Söhne und Töchter Gottes mit sich fort. Die andern
zwei Drittel aber kämpften unter der Anführung Michaels des Erzengels
mit ihm und seinen Schaaren, und das Ende dieses Kriegs im Himmel
war, daß Satan, wie Lucifer jetzt hieß, auf die inzwischen »von den
Göttern« geschaffene Erde hinabgeworfen wurde.
[3] Nach einer andern Version versprach Lucifer den Menschen _in_
seinen Sünden zu erlösen, während Christus ihn _von_ seinen Sünden
erlösen wollte.
»Unter den Zurückbleibenden waren viele, die während des Kampfes sich
parteilos verhalten und vielleicht sogar zu Satans Partei hingeneigt
hatten, deren Sünden jedoch von der Art waren, daß sie durch Glauben
an das zukünftige Leiden des Eingeborenen des Vaters und durch
aufrichtige Reue und Besserung Vergebung erlangen konnten. Wären alle
Zurückgebliebenen gleich treu und tapfer gewesen, woher sollte denn
der Unterschied zwischen den Menschen, in die sie später verwandelt
wurden, kommen? Alle Geister sind, wenn sie auf Erden anlangen, um
einen Leibestempel zu beziehen, unschuldig, das heißt, wenn sie im
vorherigen Leben Sünde begangen haben, so haben sie dafür Buße gethan
und im Glauben an das Leiden des Lamms Vergebung erlangt. Was also
ihre Seelenreinheit anbetrifft, so betreten sie diese Welt völlig
gleich. Aber sie betreten sie unter verschiedenen Umständen. Die eine
Classe kommt in die Leiblichkeit, wenn das Priesterthum und Reich
Gottes auf Erden herrscht, und hat deshalb Gelegenheit das Evangelium
zu hören und anzunehmen; Andere gelangen in Zeitaltern der Finsterniß
in die Welt und werden in allerlei irrthümlichen Meinungen erzogen.
Einige Geister nehmen Leiber in Geschlechtern des auserwählten Samens
an, durch den das Priesterthum fortgepflanzt wird; andere fahren in
die Leiber afrikanischer Neger oder in das Geschlecht Kanaans, dessen
Nachkommen der Fluch traf, nie unter die Priesterschaft aufgenommen
werden zu können. Wie kommt dies? Woher diese Ungleichheit, bei
welcher die Einen Lichter und Herrscher der Kirche werden und die
Fülle der himmlischen Herrlichkeit erreichen, während die Andern in
aller Art von Ruchlosigkeit und Aberglauben erzogen werden, nicht
eher als im Gefängnisse nach dem Tode das Evangelium hören und es
nach der Auferstehung nicht zu himmlischer, sondern nur zu irdischer
Glorie bringen? Die Antwort ist, daß die verschiedenen Umstände,
unter welchen die Geister diese Erde betreten, ein Ergebniß des
verschiedenen Verhaltens derselben im Urzustande vor diesem Leben
ist, ganz ebenso wie unser Zustand nach diesem Leben nach dem
Verhalten auf Erden bemessen sein wird.«
Kehren wir aber in die Zeit vor und während der Schöpfung der Erde
zurück, so war, nachdem Satan mit seinen Engeln besiegt und die Klage
um ihr »Wehe, er ist gefallen, er ist gefallen, der Sohn des Morgens«
verhallt war, das erste große Werk der Götter, die Geister auf die
neue Erde in Leiber von Fleisch und Gebein zu pflanzen, wo sie eine
zweite Reihe von Prüfungen durchmachen und sich durch erfolgreiche
Bekämpfung des Bösen zu gleicher Herrlichkeit mit dem Vater
emporschwingen konnten. Der erste Leibestempel wurde aus dem Staube
des Erdbodens geschaffen, der erste Geist, der in einem Leibe wohnte,
war derjenige, welcher die Heerschaaren der Kinder Gottes gegen Satan
und die abgefallenen Geister angeführt hatte und von der Schrift
»Michael, der Alte der Tage mit Haaren wie Wolle« genannt wird. Er
hieß als Mensch Adam. »Drei Jahre vor dem Tode Adams,« sagt eine
Offenbarung Smiths, »rief derselbe Seth, Enos, Kainan, Mahalaleel,
Jared, Enoch und Methuselah zu sich, welche Hohepriester waren, um
ihnen seinen letzten Segen zu ertheilen. Dies war im Thale
Adam-On-Diahman. Und der Herr erschien ihm und nannte ihn Michael,
den Fürsten, den Erzengel. Und der Herr sprach Adam Trost zu und
sagte zu ihm: Ich habe Dich als das Haupt der Menschen gesetzt, eine
große Zahl von Völkern soll aus Dir hervorgehen, und Du sollst ihr
Fürst sein ewiglich.«
Die Uebersetzung der Bibel, die wir gebrauchen, ist nach Smiths
Erklärung ungenau. Erstens wurden Pflanzen und Thiere in der
Schöpfungsperiode der sechs Tage nicht geschaffen, sondern nur
vorbereitet oder wie die Mormonen sich ausdrücken, »geistig
geschaffen.« Zweitens ruhte Gott am siebenten Tage nicht, sondern
schuf den Menschen leiblich, dann Eva und die Thiere. Drittens sind
unter den Tagen nicht unsere vierundzwanzigstündigen, sondern
Gottestage, die nach den Umdrehungen des Planeten Kolob gemessen
waren und tausend Jahre umfaßten, zu verstehen. Als die Erde, die
Thiere und Pflanzen und alle Dinge vollendet waren, nannte der Herr
das Ganze »sehr gut.« Und so war es in der That. Das trockene Land
war eine einzige ungeheure Insel inmitten eines einzigen ungeheuren
Meeres. Es war eine schöne Ebene mit sanft anschwellenden Hügeln und
lieblichen Thälern. Der Wechsel von Hitze und Kälte, Trockenheit und
Nässe war regelmäßig und durchaus angenehm. Auf blumigen Auen
schwebte ein süßer Duft und die ganze Schöpfung hauchte Gesundheit,
Frieden und Freude. Der Mensch sprach Angesicht zu Angesicht mit Gott
und kannte gleich allen Thieren den Tod nicht. Ein Fluidum strömte
wie jetzt das Blut durch seine Adern, wodurch sein Leib vor dem
Vergehen bewahrt wurde.
Nun wuchs aber im Garten Eden ein Baum, dessen Früchte die
Eigenschaft hatten, dieses Fluidum zu verderben, es in sterbliches
Blut zu verwandeln. Adam, der bei seinem Eingehen ins Fleisch alles
sein früheres Wissen von Gut und Böse verloren hatte, ließ sich vom
Satan verführen, von dieser giftigen Frucht zu essen, und so verlor
er die Unsterblichkeit, tauschte aber durch seinen Fall ein Wissen
für den Verlust ein, das Wissen nämlich von Schmerz, Leiden und Tod,
welches zu seiner Vollkommenheit nothwendig war, sodaß man sagen
kann, der Fall sei zugleich ein Steigen, der Verlust zugleich ein
Gewinn gewesen. Die Folgen allerdings waren zunächst trauriger Art,
und zwar nicht blos für den Menschen, sondern auch für die Erde.
Dieselbe seufzte mit dem ungehorsamen Paare unter ihrer Bürde von
Disteln und Dornen, und die Sünde zeugte andere Sünde, bis der Herr
als Rächer und Reiniger auftrat, und allen Unrath mit Wasser von der
Erde schwemmte. Als Merk- und Denkmal dieser Katastrophe blieb die
Erde nach der noahischen Fluth in verschiedene Theile zerrissen,
zwischen die sich der Ocean drängte. Durch Christus wurde ein Versuch
gemacht, die Menschen und die Erde in ihre Ursprünglichkeit
zurückzuführen. Das verlorene Priesterthum wurde wiederhergestellt
und zwar zunächst auf dem östlichen und hiernach auf dem westlichen
Continente. Eine Fülle göttlicher Kräfte ward ausgegossen über die
Menschheit. Allein dieser gottselige Zustand erhielt sich weder hier
noch dort. In Amerika kamen große Strafgerichte, Erdbeben, Pestilenz
und Krieg über die Abtrünnigen. In Asien und Europa gingen wenigstens
alle Charismata der urchristlichen Zeit verloren. Da endlich, im
Jahre 1827 erbarmte es den Herrn, und er verlieh dem von ihm
erweckten Propheten das Priesterthum der Ordnung Melchisedek aufs
Neue und beauftragte ihn, die rechte Kirche wieder aufzurichten und
die Welt dadurch vorzubereiten auf die Wiederkehr Jesu Christi und
sein tausendjähriges Reich, dessen Eintritt nahe bevorsteht.
Sechstes Kapitel.
Noch ein Wort über die Natur des Menschen. -- Seelenwanderung und
Auferstehung. -- Die Gnadengaben und Gnadenmittel der erneuerten Kirche.
-- Die Art des Gottesdienstes in Deseret. -- Ein Mormonenconventikel in
Dayton. -- Die Priesterschaft Aarons und Melchisedeks.
Wir sind im Vorhergehenden vorzüglich den Abhandlungen Orson Pratts
gefolgt, der als Hauptdogmatiker der Secte gilt und in der That nicht
ohne eine gewisse Begabung ist, auch ziemlich gute Kenntnisse in
verschiedenen Zweigen des Wissens zu besitzen scheint. Das schließt
indeß nicht aus, daß hin und wieder andere Mormonen abweichenden
Meinungen huldigen. So heißt es denn z. B. in der letzten Predigt
Smiths, daß der Mensch nicht geschaffen, sondern erzeugt sei, daß
jeder Einzelne als Geist oder Gott im Himmel die Wahl habe, auf die
Erde herabzusteigen und durch Annahme eines Leibes sich größere
Herrlichkeit zu erwerben, als die himmlische. Wenn der Geist Besitz
von seinem Leibestempel nimmt, so entsteht ein Mensch oder eine
lebendige Seele. Diese ist eine Dualität, zusammengesetzt aus
gröberer Materie oder Leiblichkeit, und feinerer oder Geist.
Letzterer durchdringt und belebt die erstere. Er ist sterblichen
Augen nur durch ein Wunder sichtbar, der Schwerkraft nicht
unterworfen, und dennoch Materie. Er geht durch den Körper wie das
elektrische Fluidum durch die Erde. Er ist trotz seiner feineren
Natur doch substantieller und dauerhafter als der Leib, ja er ist
unsterblich wie Gott selbst. Der Tod »scheidet ihn vom Körper nur zu
einem nützlichen Zwecke; dann aber wacht der Geist über jedes
Theilchen seines geliebten einstigen Wohnsitzes, bis das Werde der
Auferstehung ertönt, den Geist wieder mit dem Leibe bekleidet und den
Menschen auf diese Weise zum Gotte erhebt.« Diese Götter, in welche
die auferstandenen Frommen verwandelt werden, haben die Macht, für
sich einen neuen Planeten zu schaffen und denselben zu bevölkern.
Dies wird als »die Gewalt endloser Lebensspendung« bezeichnet. Die
Ungehorsamen und Ungläubigen dagegen werden im Himmel »nur einer
geringen Herrlichkeit theilhaft werden,« sie werden den himmlischen
Königinnen die Schleppe tragen, Holzhacker, Schuhputzer, Küchenjungen
u. s. w. sein; denn die zukünftige Welt ist nur die verklärte
Wiederholung der jetzigen.
Ferner heißt es im Widerspruche mit dem Obigen, Adam sei nach einer
Voraussehung Gottes oder nach einer nothwendigen Bestimmung der
Heilsökonomie gefallen und habe den Apfel mit vollem Bewußtsein der
daraus sich ergebenden Folgen gegessen. Es soll dies geschehen sein,
auf daß künftighin sterbliche Leiber von Weibern geboren würden, um
Wohnungen für die Geister zu sein. Entspricht ein solcher vom Himmel
gestiegener Geist seiner Bestimmung nicht, kommt er den von ihm
gehegten Erwartungen nicht nach, besteht er die Prüfungszeit nicht,
verscherzt er, wie der Kunstausdruck lautet, sein Erbe durch üble
Aufführung, so wird ihm nach seinem Ableben ein geringerer
Leibestempel und eine niedrigere Daseinsstufe angewiesen. Ist er auch
auf dieser nicht gehorsam, so verbannt ihn Gott auf eine noch
niedrigere, und so fort, bis er sich fügt und zur Unterwerfung unter
das Gebot des Herrn zurückkehrt, worauf ihm gestattet wird, Grad für
Grad wieder emporzuwachsen in die Herrlichkeit der Kinder Gottes.
Ein Beispiel dazu bildet die Geschichte, die einst mit einem ihrer
größten Heiligen sich ereignete. Er war in Zweifel verfallen und
dachte bereits an den Austritt aus der Kirche. Da erschien eines
Tages ein Bote aus der Höhe vor ihm und warnte ihn vor der Gefahr,
die ihm drohte. Es stehe ihm nämlich, sagte der Engel, nichts
Geringeres bevor, als ein baldiger Tod und nach diesem die Verbannung
seines Geistes in einen Negerkörper. Nur durch sofortige Umkehr auf
den rechten Weg könne er sich davor schützen. Der fromme Mann
erschrak und ging in sich; denn ein Schwarzer kann nach ihrer Lehre,
wie erwähnt, nicht zum Priester geweiht werden, muß allerwärts, auch
jenseits eine dienende Stellung einnehmen und hat im Himmel nur auf
einen geringen Theil von Seligkeit und Herrlichkeit Anspruch. Er
stellt die tiefste Stufe der Menschheit dar. Bedeutend höher steht
die kupferfarbene Race. Die Rothhäute sind nur auf Zeit zu der
unschönen Farbe verdammt, und der Tag wird kommen, wo sie, in ihre
Rechte wieder eingesetzt, würdig sein werden ihrer Abkunft vom Samen
Abrahams. Sind diese Stufen der Erniedrigung nicht hinreichend, den
rebellischen Geist zur Umkehr zu veranlassen, so wird er in ein Thier
verwiesen, und so mag es nicht ungehörig sein, wenn ein tückisches
Pferd, ein bissiger Hund oder eine zornige Otter Einem zu Leibe geht,
sich zu erinnern, ob in der Bestie nicht vielleicht ein ungehorsamer
Geist seine Straf- und Prüfungszeit verbüßt.
Mit dem Satan und seinen Engeln konnte ein solcher Reinigungsproceß
nicht vorgenommen werden, da sie »nicht in der Leiblichkeit
sündigten.« Der einstige Sohn des Morgens ist nach den Mormonen
überhaupt nicht so schlimm, als er gemeiniglich angesehen wird. Er
besitzt noch gar manche seiner früheren nobeln Eigenschaften und ist
noch immer Miltons: »=Archangel ruined and a perfect gentleman.=« Die
Anekdoten indeß, die unter den Heiligen über diesen »vollendeten
Gentleman« umlaufen, wollen nicht recht zu unseren Begriffen von
einer würdigen und anständigen Haltung passen, ja er beträgt sich
bisweilen recht ungezogen und rüpelhaft.