Auge nahezu unbegreiflich. Ein Prophet in Frack und weißer Ballweste,
der sein Evangelium mit Gassenhauern und Witzen der Straße würzt und
Reden in der Sprache der Lastträger mit Citaten aus den Classikern
durchflicht, gehört in's Reich der Möglichkeit, wird aber immerhin zu
den seltnen Erscheinungen zählen. Ein Mann, der neben den Pflichten,
die ihm sein Amt als oberster Priester, als Offenbarer göttlicher
Geheimnisse, als Pförtner an der Thür des Himmelreichs auferlegt,
auch noch Zeit findet, die Geschäfte eines Bankdirectors, eines
Bürgermeisters, eines Generals und eines Hotelwirths zu besorgen,
steht unserm Gefühle nach an der Grenze des Wahrscheinlichen und
schon eine Strecke jenseit derselben. Wenn aber Mormonen selbst die
folgenden Anekdoten von ihrem Propheten erzählen, so weiß man in der
That nicht, ob neben dem Geiste Mohamed's nicht auch ein gutes Stück
des seligen Eulenspiegel in ihm wiederaufgelebt war. Mehrmals nämlich
geschah es, daß Joseph plötzlich die Maske des Gottgesandten fallen
ließ, auf öffentlicher Straße einen Neubekehrten zum Ringkampfe
herausforderte und den verblüfften Heiligen nicht eher von dannen
ließ, bis er ihn seiner ganzen Länge nach auf den Boden hingelegt und
dadurch den Beweis geführt hatte, daß der Ruf athletischer Kraft, in
dem er stand, nicht gelogen habe. Mehrmals auch kam es vor, daß von
Neulingen, die sich bei dem Propheten meldeten, all ihr Geld als
Darlehen für den Tempelbau verlangt und dann nicht die mindeste Notiz
mehr von ihnen genommen wurde, sodaß der Arme genöthigt war, sich als
Tagelöhner mit Schaufel und Axt sein Brot zu verdienen. Hielt er
diese Prüfung seiner Treue einige Monate aus, so wurde er eines Tages
plötzlich zum Propheten berufen, und dieser verlieh ihm ein
entsprechendes Stück Land nebst den Mitteln, es sich darauf bequem zu
machen.
Die Mehrzahl der Mormonen war auf die Nachricht von Smith's Ermordung
für sofortige Eröffnung des Vertilgungskriegs gegen die »Heiden«.
Dumpf rollte die Lärmtrommel durch die Straßen, allenthalben
sammelten sich drohende Gesichter, selbst die Weiber riefen zur Rache
auf. Die Führer aber wußten das Volk für den ersten Tag zu
beschwichtigen, um ihm am nächsten, wo die Hitze sich durch
Ueberlegung gemäßigt, zu beweisen, daß man nicht stark genug sei, um
das Schwert der Strafe selbst zu schwingen, und so begnügte man sich
mit der Hoffnung, daß die Zeit nahe sei, wo Gott den Mord seines
Knechtes rächen werde. Als Gouverneur Ford sich versichert hatte, daß
die Mormonen keine Ungesetzlichkeit begehen würden, so entließ er die
Miliz, die sich rasch gesammelt hatte, und der Kriegszustand wurde
aufgehoben.
Nauvoo fuhr fort zu blühen, und die Zahl seiner Einwohner stieg bis
auf 20,000. Zwar erhoben sich Streitigkeiten über den Nachfolger
Smith's, dieselben wurden aber durch die Energie Brigham Youngs, des
Vorstehers der zwölf Apostel, sehr bald beigelegt. Rigdon, der die
letzten Jahre dem Namen nach mit Joseph und Hyrum die Präsidentschaft
über die gesammte »Kirche« getheilt, von dem Propheten aber seit
geraumer Zeit schon mit Mistrauen betrachtet und hintangesetzt worden
war, kam von Pittsburgh herbei geeilt und berief eine Versammlung, in
welcher er seine Ansprüche auf den erledigten ersten Platz geltend
machte. Er theilte zugleich eine Offenbarung mit, nach welcher die
Heiligen nach Pennsylvanien ausziehen sollten, während er sich nach
England zu begeben, dort die Königin zur Bekehrung aufzufordern und
wenn sie sich der Taufe weigerte, vom Throne zu stoßen habe. Seine
Zeit war indeß vorüber, und es gelang Young, nicht blos seine Pläne
zu vereiteln, sondern auch seine Ausstoßung aus der Gemeinde zu
bewirken. Getäuscht in seinen Erwartungen und von Young feierlich dem
Teufel und seinen Engeln überantwortet, kehrte er nach der Stadt
zurück, wo er Spaldings Roman in eine Bibel verwandelt hatte, und
dort ist er seitdem verschollen. Ein andrer Schismatiker war der
Aelteste Bishop, der ganze Bände von Gesprächen mit himmlischen
Geistern aufzuweisen hatte, aber trotz dieser Testimonia seiner
Beliebtheit bei Jehova ebenfalls beseitigt wurde. Einem dritten
Bewerber um die Stelle des Propheten, William Smith, erging es nicht
besser; auch er verschwand spurlos.
Etwas mehr Erfolg fand der Apostel Lyman Wight, welcher in Texas eine
Colonie gründete. Die bedeutendste Stelle endlich nimmt unter diesen
Abtrünnigen James Strang, ein junger Advocat aus dem Staate Neuyork,
ein, welcher, 1843 der Secte beigetreten, kraft einer besiegelten
Offenbarung, die Joseph Smith ihm kurz vor seinem Tode mitgetheilt
haben sollte, zu Voree, auf den Prairien von Wisconsin die Heiligen
als »König« um sich sammeln wollte. Auch ihn traf der Bannstrahl der
Zwölfe, er jedoch fuhr fort zu predigen und zu weissagen, und es
gelang ihm, eine ziemlich zahlreiche Gemeinde um sich zu bilden,
deren Hauptsitz gegenwärtig Beaver-Island, eine Insel des
Michigansees nicht weit von Mackinaw ist, wo die Unterthanen dieses
geistlichen Zaunkönigs im Jahre 1852 in mehrfache, zum Theil blutig
endende Conflicte mit den Nachbarn geriethen.
Die bei Weitem überwiegende Mehrheit der Latterday-Saints aber blieb
in Nauvoo, wo sie unter Brigham Young an der orthodoxen Lehre
festhielten und fleißig am Tempel fortbauten. Der neue »Prophet,
Seher und Offenbarer« war ganz der Mann dazu, das Werk, das Smith
begonnen, weiterzuführen. Er hatte durchaus keine Anlage zum
Märtyrer, aber er war ein ungemein kluger, weitschauender, durch und
durch politischer Kopf, und eines solchen bedurfte die Secte gerade
jetzt, wenn sie nicht untergehen sollte. Die Leidenschaften waren
ringsum gegen sie aufgeregt, und nur mit der größten Mäßigung und
Nachgiebigkeit waren Angriffe der Nachbarn auf Nauvoo fernzuhalten.
Auf die Dauer aber wollte auch dies nicht gelingen. Schon im Herbste
1845 fingen Feindseligkeiten an auszubrechen. Dieselben steigerten
sich, und endlich verstanden die Führer der Mormonen sich im Namen
der Gesammtheit zu dem Versprechen, im Laufe des nächsten Jahres über
die Westgrenze des angesiedelten Theils der Union auszuwandern. Im
Frühlinge 1846, besagte dieses Uebereinkommen, sollte eine
auserwählte Schaar aus der Mitte der Heiligen aufbrechen, um jenseit
der Felsengebirge eine neue Heimat für ihre Brüder zu suchen. Dagegen
machte der andere contrahirende Theil sich anheischig, die
Zurückbleibenden so lange unbehelligt in Nauvoo zu lassen, bis die
Vorausgehenden ihre Wahl getroffen und die Uebrigen Gelegenheit
gefunden hätten, ihr Eigenthum in Illinois nach seinem wahren Werthe
zu veräußern. Der Pöbel von Hancock-County respectirte jedoch den
Vertrag nicht. Bald zeigten sich Symptome eines abermaligen Sturmes,
und so mußten jene Kundschafter, unter denen sich die Häupter der
Secte befanden, schon am letzten Februar sich auf den Weg machen,
wiewohl die Kälte noch so groß war, daß den Mississippi eine Eisdecke
überzog, über welche sie mit Wagen und Pferden gehen konnten. Die
Leiden, die sie in Folge dessen erduldeten, waren unsäglich, ja um so
furchtbarer, als sie sich in der Hast nur unvollkommen mit den
Bedürfnissen zu einem Marsche durch die winterliche Wüste hatten
versehen können, und als es bald an Lebensmitteln und Futter für das
Vieh zu mangeln anfing. Nach Nauvoo umzukehren war schlechterdings
unmöglich, und so pilgerten sie weiter durch die Schneestürme der
Wildniß von Iowa, sehnsüchtig dem Frühling entgegenschauend, Trost in
den Verheißungen ihres Glaubens suchend und »die Lieder Zions
singend, während ihnen der Athem an die Augenlider gefror.«
Der ersehnte Frühling kam endlich, aber er brachte nur neue
Beschwerden. Regengüsse verwandelten den fetten Boden der Prairie in
einen unermeßlichen Morast, durch den die Karawane nur langsam
vorwärts kam, und die Winde trugen von den schlammigen Ufern des
Plattestroms und des obern Missouri Krankheitsstoffe herzu, denen die
von Mühen und Entbehrungen erschöpften Wanderer schaarenweise
erlagen. Die Lager wurden zu Spitälern, und als man das Gebiet der
Sack- und Fuchsindianer erreicht hatte, mußte Halt gemacht werden, um
sich für die weitere Reise zu erholen.
Inzwischen hatten die Feinde der Mormonen in Illinois ihre Angriffe
auf Nauvoo erneuert. Die Farmen außerhalb der Stadt mußten geräumt
werden. Im Innern aber hielt man tapfer Stand; denn noch immer stand
der Tempel unvollendet, den Gott zu bauen geboten. Dieses Werk des
Glaubens und der Liebe jedes Einzelnen mußte zu Ende geführt werden
trotz aller Bedränger und Verfolger, und es ward vollendet. Der Tag
der Einweihung war ein hohes Fest. Von allen Seiten, aus der Nähe und
aus der Ferne kamen Priester, Aelteste und Bischöfe als bestaubte
Wanderer herbei, um sich, in ihre Talare gekleidet, an der Feier zu
betheiligen. Vom Hochmittag bis tief in die Nacht hinein war ganz
Nauvoo eitel Frohlocken und Lobgesang. Da stand es, das Haus des
Herrn, der Stolz des Mississippithales. Hell blinkte auf der
Thurmspitze der goldne Engel mit der Posaune. Die innern Räume
strahlten von Lampen und Fackeln, der große Altar und die Kanzeln der
Priester waren mit Blumengewinden und Laub geschmückt. Gesänge
erschallten, Gebete und Segenssprüche stiegen empor. Dann wurden alle
Heiligthümer von beweglicher Art weggeschafft, um Tags nachher, wo
die letzten der Führer mit einer mehrere tausend Mann starken
Heersäule von Gläubigen den vorausgegangenen Brüdern folgten, nach
der neuen Heimat abgeführt zu werden.
Der Rest der Mormonen wurde einige Wochen später von dem Pöbel der
Nachbarschaft nach hartnäckiger Gegenwehr mit Waffengewalt zum Abzuge
gezwungen. Seitdem hat die Stadt der Heiligen halb wüste gelegen.
Cabets Icarier, die sich später hier niederließen, haben sie nicht
wieder zu der alten Herrlichkeit zu erheben vermocht. Der Tempel
wurde, nachdem die Jesuiten von St. Louis in Verhandlungen getreten
waren, um ihn zu einem Seminar anzukaufen, 1848 von einem
Nichtswürdigen in Brand gesteckt. Ein Tornado warf im nächsten Jahre
den größten Theil des stehengebliebenen Gemäuers um, sodaß jetzt von
dem stattlichen Baue nur die eine Wand und ein Haufen Ruinen noch
übrig ist. Der Engel mit der Posaune aber wird gegenwärtig in Barnums
Museum gezeigt, -- eine seltsame Fügung des Schicksals, welche die
Spitze dieses Triumphs des Mormonenthums in das Raritätencabinet des
»Napoleons der Windbeutelei« führte!
Kehren wir zu dem Vortrab der Auswanderer in dem Indianerlande
zurück, so treffen wir sie am obern Missouri bei Council Bluffs, wo
sie in der ersten Hälfte des Juni angelangt waren, und wo sich zwei
Monate später die Tausende des Hauptheeres allmälig mit ihnen
vereinigten. Da der Herbst sich näherte, so mußte die Weiterreise bis
zum nächsten Frühjahre aufgeschoben werden. Um diese Zeit brach der
Krieg zwischen den Vereinigten Staaten und Mexiko aus, und General
Kearney erhielt den Auftrag, unter den Mormonen ein Bataillon von 520
Mann zur Theilnahme am Kampfe zu werben. Die Regierung wußte von
ihrer Absicht, nach Californien zu ziehen und glaubte (wie die
Vertheidiger der Maßregel sagen) ihnen einen Gefallen zu thun, wenn
sie auf diese Art einen Theil der Kosten ihres Abzuges übernähme und
ihnen nebenbei Gelegenheit gäbe, sich als gute Patrioten zu zeigen.
Die Mormonen aber sahen die Sache anders an und meinten, man wolle
die waffentüchtigsten Leute von ihnen nehmen, um den Rest den
Angriffen der Indianer erliegen zu lassen. Es wäre eben nicht zu
verwundern gewesen, wenn man dem General eines Staates, der ihnen
gegen ihre Feinde niemals Recht verschafft hatte, eine abschlägige
Antwort ertheilt hätte. Aber die Vaterlandsliebe trug den Sieg über
die erlittene Unbill und über die Sorge um die Zukunft davon. Die
Aeltesten beriefen eine Versammlung, in welcher zunächst die
Unverheiratheten zu Rekruten ausgeschieden, und dann die jüngeren
Familienväter hinzugefügt wurden. Innerhalb drei Tagen war das
Bataillon vollzählig, bewaffnet, eingesegnet, und nachdem zum
Abschiede ein fröhlicher Ball stattgefunden, marschirten die Truppen
»im Namen des Herrn« aus dem Lager.
Die Zurückbleibenden rüsteten sich nun für den Winter und
verwandelten ihre Zeltlager in hölzerne Städtchen, von denen das
größte, auf den Ländereien der Pottowattamies gelegen, nach dem
Freunde und Begleiter der Mormonen während ihres Auszugs, Oberst Kane
von Philadelphia, Kanesville genannt wurde. Der Winter kam, um die
Wanderer in der Wüste von den Plagen des Sommers, Wechselfiebern und
scorbutartigen Krankheiten zu erlösen, brachte ihnen aber andere
Leiden und Beschwerden in Menge. Er war die schwerste ihrer Prüfungen
und zugleich der Wendepunkt ihres Geschicks.
Ganz früh im Jahre 1847, ehe die Prairie zu grünen begann, brach eine
Vorhut von 143 Mann mit 70 Wagen, geführt von Brigham Young und
mehreren Gliedern des hohen Rathes von den Winterquartieren im Lande
der Omaha-Indianer auf, um weiter nach Westen vorzudringen. Sie
beeilten sich so sehr, als es das schwierige Terrain gestattete,
setzten über den Loup-, den Horn-, den Platte-, den Bären- und den
Weberfluß und stiegen endlich, sehr erschöpft zwar, aber ohne einen
Mann verloren zu haben, über die wildzerklüfteten Felsenberge des
Utahlandes in das Becken des großen Salzsees hinab. Der Vortrab traf
hier am 21., die Präsidentschaft der Kirche am 24. Juli ein, und der
letztere Tag sah das Haupt der Mormonen den Boden segnen, wo nun der
Grund zu einem dritten »Neujerusalem im Westen« gelegt wurde. Er ist
in der Folge zum größten Festtage der Secte geworden, und einer der
Apostel erklärte ihn bei Gelegenheit der dritten Jahresfeier sogar
»für den wichtigsten Tag in der Geschichte der Menschheit, mit
alleiniger Ausnahme der Tage, da Adam geschaffen und Jesus Christus
geboren worden.«
Die Kundschafter waren zeitig genug in der neuen Heimat angelangt, um
für eine den nächsten Herbst zu haltende Ernte ihr Wälschkorn
pflanzen zu können. Ihnen folgte aus dem Hauptlager am Missouri einen
Monat später ein Heer von ziemlich 4000 Mann mit 566 Wagen, auf
welchen sie große Massen von Mais und Weizen mit sich führten, die
sie, gleichfalls glücklich im Thale des Salzsees eingetroffen, noch
im Stande waren, auszusäen, ehe der Winterfrost eintrat. Im Herbste
stießen zu ihnen ein Theil des Mormonenbataillons und andere
Kirchenglieder, die aus Californien und von den Sandwichsinseln
kamen, und im Frühling und Sommer von 1848 zogen beinahe alle noch
auf den Prairien verweilenden Heiligen in einer Aufeinanderfolge bald
kleinerer, bald größerer Karawanen ihren Brüdern nach, sodaß zu Ende
dieses Jahres bereits 8000 Ladderday-Saints in den verschiedenen
Niederlassungen der Thäler am Großen Salzsee angesiedelt waren.
Viertes Kapitel.
Die Geschichte der Niederlassung am Salzsee. -- Das Land Utah. -- Die
Heuschreckenplage. -- Heimsuchung durch das Goldfieber. -- Der Krieg mit
den Rothhäuten. -- Die Erfolge der Mormonen in Europa. -- Neujerusalem.
-- Der große Tempel und die Fahne aller Nationen.
Seit dem Eintreffen der ersten Heerhaufen am Salzsee ist die
Geschichte des Volkes Joseph Smiths eine fast ununterbrochene Kette
glücklicher Ereignisse, ein stetes Wachsen und Wohlbefinden gewesen.
Ehe wir diese Geschichte aber weiter betrachten, werfen wir einen
Blick auf das Land, das die Mormonen jetzt bewohnen. Dieses, von den
Mitgliedern der Secte meist schlechthin »das Thal« genannt, liegt
ungefähr in der Mitte zwischen der Westgrenze von Missouri und dem
neuen Staate Californien. Es ist, rings von unbewohnbaren Wildnissen
umgeben, gleichsam eine Oase in der Wüste. Im Westen streckt sich
gegen hundertachtzig deutsche Meilen weit ein baumloses Prairieland,
welches mit den riesigen Felsketten der Rocky Mountains endigt, im
Osten befinden sich, zuweilen von steilen Höhenzügen durchschnitten,
dürre Salzsteppen, und im Süden wie im Norden ragen wildzerrissene
schroffe Gebirge. Die Mormonenansiedelungen liegen in einer
Einbiegung des Beckens, dessen Grund im Norden der große Salzsee
bedeckt, ungefähr in der Mitte der Rocky Mountains, einer über
sechzehn Längegrade sich ausbreitenden Kette mehrerer von Norden nach
Süden parallel laufender Höhenzüge, die von durchschnittlich fünf
Meilen breiten Thälern von einander geschieden und hin und wieder von
schroff abfallenden Schluchten, sogenannten Kanyons, in der Quere
durchschnitten sind. Diese Kanyons bilden die einzigen Straßen durch
das Gebirge. Die bekanntesten sind der Südpaß, welcher nach dem
großen Kohlenbecken führt, durch das der Greenriver strömt, und der
Paß am Bärenflusse. Letzterer wurde von den Mormonen benutzt und ist
die gewöhnliche Straße der Auswanderer vom Osten nach Californien.
Das große Becken liegt mehr als viertausend Fuß über dem
Meeresspiegel, zwischen den Wahsatsch- und Nevadabergen. Es trägt den
Charakter einer Wüste. Nur hart am Fuße der Höhen, die sich gegen
dreitausend Fuß über die Umgebung erheben, ziehen sich Streifen
fruchtbaren Landes hin. In der Mitte des Bassins ist durchaus kein
Wasser; denn der Schnee, der sich auf den Bergen im Winter sammelt,
reicht nicht hin, um Bäche und Flüsse auf die Dauer zu nähren. Das
Becken hat ungefähr hundert deutsche Meilen Durchmesser, und im
Nordosten desselben ist es, wo die Mormonen sich angesiedelt haben.
Hier boten verschiedene Flüsse Gelegenheit, den von Natur nur eine
Meile breiten Streifen fruchtbaren Bodens durch Drainirung zu
erweitern. Das Land ist in der unmittelbaren Nachbarschaft des
Salzsees flach und steigt gegen Süden und Westen unmerklich mehrere
Meilen an, bis die Ausläufer des Gebirgs sich hereindrängen. Es ist
hier durchweg sandig und nirgends für die Zwecke des Ackerbaues zu
verwenden. Im Norden zieht sich nur ein schmaler Streifen brauchbaren
Landes zwischen dem See und dem Gebirge hin. Im Osten ist die
Gelegenheit zum Anbau etwas besser. Im Süden endlich strecken sich
über der unfruchtbaren Wüste, getrennt durch das Oquirrh Gebirge und
geschieden von der Sandebene darunter durch den Kamm des Traverse
Mountain, die schönen Thäler des Jordan und des Tuilla. Die Sohle
derselben ist von zahlreichen Bächen durchströmt und fortwährend mit
fettem Grase bedeckt. An den Bergwänden dagegen wächst nur das
sogenannte Bunchgras und auch dieses nur in den warmen Monaten des
Jahres. Es besämt sich im Sommer, keimt während der herbstlichen
Regenzeit und wächst im Winter unter dem Schnee. Wenn sich im
Frühling die Schneelinie nach den Gipfeln zurückzieht, folgen ihr die
Heerden und die Antilopen, um das nahrhafte Futter abzuweiden, bis
der Schnee (etwa um die Tag- und Nachtgleiche) wieder zu fallen
beginnt. Regnet es in den Thälern, so schneit es auf den Bergen, und
während der Winterszeit liegt der Schnee in den Schluchten oft
mehrere hundert Fuß hoch. Das Weideland auf dem Grunde der Thäler
eignet sich aber auch vortrefflich zum Ackerbau. Die Kartoffel
gedeiht außerordentlich gut, und die Zuckerrübe erreicht eine
unglaubliche Größe. Rechnet man nun, daß der Acre unter den Pflug
genommenes Land zweitausend Pfund Weizenmehl giebt, so kann man
annehmen, daß die Quadratmeile ungefähr viertausend Menschen ernähren
kann, wobei die eine Hälfte als Weideland abgezogen ist und das
Bedürfniß an Fleisch deckt. Eine so große Zahl von Bewohnern wird
sich indeß schwerlich jemals hier zusammenfinden. Doch kann das
Territorium auf alle Fälle eine Million Menschen ernähren. Bedenkt
man dazu, daß dasselbe sich nach Süden über den Strand des großen
Beckens in eine Gegend erstreckt, wo die Baumwollenstaude und das
Zuckerrohr gedeiht, daß es allenthalben eine Fülle von Eisenstein und
unerschöpfliche Steinkohlenlager in seinem Schooße birgt, daß es die
trefflichsten Weiden zur Schafzucht hat, und daß sich aller Orten
Wasserkraft zur Anlegung von Fabriken findet, so ist kein Zweifel,
daß sich hier ein reicher und mächtiger Staat entwickeln kann.
In Central-Utah liegen drei Salzseen, von denen der größte so stark
mit Salz geschwängert ist, daß die in seinem Wasser Badenden nur bis
an die Schultern einsinken. Die Ufer seiner Buchten sind im Sommer
mit den Gerippen der Insecten und Fische bestreut, welche sich aus
den Flüssen in ihn hinunter wagen; denn kein lebendes Wesen dauert in
seiner Fluth aus. Die Salzsieder behaupten, daß sie aus drei Maß
Wasser zwei Maß Salz gewinnen. Der See ist achtzehn deutsche Meilen
lang und umschließt mehrere sehr anmuthige Eilande, von denen das
größte von Bergen durchzogen ist, die an zweitausend Fuß Höhe haben.
Wahrscheinlich bedeckte der See einst den ganzen Boden des Kessels,
und ein Naturereigniß vulkanischer Art, welches das Land
terrassenartig emporhob, beschränkte das Wasser auf seine jetzigen
Grenzen. Rings um den See entspringen zahlreiche warme Quellen, die
sich in Pfuhle und Teiche sammeln. Hier tummeln sich unzählbare
Schwärme von Wasservögeln, die, da in der Umgebung kein Schnee liegen
bleibt, auch den Winter über hier verweilen. An einigen Stellen
befinden sich Quellen von verschiedener Temperatur dicht bei
einander, einige so heiß, daß man die Hand nicht ohne Schmerz
hineinstecken kann, andere eiskalt, einige salzig, andere mit starkem
Schwefel- oder Stahlgehalt, während noch andere die Umwohnenden mit
dem herrlichsten Trinkwasser versehen.
Die Berge und Thäler haben Ueberfluß an Wild, Bären, Panthern,
Antilopen, Hirschen und Hasen. In den rasch strömenden Flüssen der
Kanyons schwimmen die köstlichsten Forellen, in den langsamer
fließenden Gewässern der Ebene wimmelt es von Hechten und anderen
guten Fischen. In dem Röhrichte der Salzmarschen nisten zahllose
Enten und Gänse, und von den Inseln der Seen holen die Hirtenbuben
ganze Kähne voll Eier, welche die Möven, die Pelikane, die Reiher und
die Kraniche dort legen.
Ein schwerempfundener Mangel ist der an Holz. In der Ebene wächst nur
das strauchartige Cottonwood und auch dieses lediglich am Ufer der
Flüsse. In den Bergen trifft man auf kleine Wälder von Fichten und
Cedern, mitunter auch auf Zwergahorne und Eichen; aber Mancher hat
zur Beschaffung des nöthigen Bau- und Feuerholzes Reisen von zehn bis
zwölf Meilen zu unternehmen. Die offeneren Striche des Landes sind
den Feuern ausgesetzt, welche die Indianer anzünden, um die Grillen
zu tödten und zu braten, die sie im Sommer sammeln, um sie im Winter
zu verspeisen. Die Mormonen haben ihnen dieses Verfahren, wo sie
konnten, gewehrt, und so steht zu hoffen, daß die Ebenen, welche
jetzt blos mit Gras bewachsen sind, allmälig auch Büsche und Wälder
tragen werden.
Die Luft des Thales ist sehr gesund, und »so rein, daß das Athemholen
geradezu ein Vergnügen ist.« In der Wüste kommen namentlich im Sommer
häufige Luftspiegelungen vor, welche einen einfachen Spazierstock in
einen thurmhohen Balken, einzelne Wanderer in ganze Heere verwandeln
und auf die kahle Steppe Terrassen herrlicher Gärten hinzaubern. Die
Moskitos sind blos in der Nähe der Salzsümpfe beschwerlich, in der
Nähe der Schluchten vertreibt sie der kalte Zug, der fortwährend von
Thal zu Thale streicht und die Sommerhitze in erquickendster Weise
mäßigt.
Damit haben wir eine Skizze der Natur des zukünftigen _Staates
Deseret_ gegeben. »Deseret heißt neuägyptisch: die Honigbiene,« und
das Verfahren der Mormonen bei der Gründung von Dörfern und Städten
in diesem Lande ist von der Art gewesen, daß es diesen Namen durchaus
rechtfertigte. In fünf Tagen war ein gewaltiges Stück Wiesenboden
umgepflügt und mit Kartoffeln bepflanzt und der Bach eingedämmt, der
mit Hilfe von Gräben das Feld bewässern sollte. Drei Wochen später
hatte sich ein starkes Fort, bestehend aus Blockhäusern, die mit
Pallissaden versehen waren, erhoben, und im folgenden Jahre stand auf
der Stelle, wo die Kundschafter am 24. Juli »hier lasset uns Hütten
bauen!« gerufen, eine Stadt, welche über 6000 Einwohner hatte.
Wie aller Anfang schwer ist, so auch hier. Der Winter von 1847 zu
1848 allerdings war so mild, daß er den Ansiedlern gestattete, ihre
Feldarbeiten fortzusetzen, aber die Lebensmittel, die man mitgebracht
hatte, waren fast alle aufgezehrt, und um nicht zu verhungern, aß man
die Häute der geschlachteten Thiere und grub mit den Ureinwohnern des
Landes nach Wurzeln.