Die obersten Behörden des Staates und alle Freunde der Gesetzlichkeit

waren empört über diesen Sieg des Pöbels und forderten die Mormonen

auf, bei den Gerichten um Schadloshaltung einzukommen. Es wurde ein

Proceß anhängig gemacht, allein die Stimmung der niedern Classen war

den Heiligen so ungünstig, daß der Attorney-General selbst den Rath

ertheilte, die Klage fallen zu lassen -- in der That ein trauriges

Zeugniß für die Rechtsunsicherheit in der vielgepriesenen

Musterrepublik.

Jenseit des Missouri schienen die Verhältnisse der Latter-Day-Saints

sich anfänglich befriedigender gestalten zu wollen, und bald waren

weite Strecken der dortigen Wildniß in Felder und Fluren verwandelt.

In Kirtland wurde im Jahre 1835 eine Theologenschule eröffnet, an

welcher mehrere hundert Aelteste Unterricht namentlich im Hebräischen

empfingen. Im Frühling des folgenden Jahres kamen einige dieser

Herren mit zahlreichen Schaaren von Gläubigen nach Clay-County, und

dieses Herzuströmen der Mormonen in Masse, sowie die treffliche

Organisation der Secte, die sie stets planvoll und gemeinsam handeln

und dadurch rasche Erfolge erzielen ließ, erweckte den Argwohn des

Volkes auch hier. Man trat zu Versammlungen zusammen, wählte

Ausschüsse und bewirkte durch Zureden, daß die Mormonen nach den

benachbarten Grafschaften Davies, Caldwell und Carroll auswanderten.

Hier wußten sie, in der Hoffnung, ferner nicht mehr gestört und

vertrieben zu werden, mit ihrer rührigen, regsamen Weise und ihrem

fast immer gut rechnenden Verstande sich's bald bequem zu machen. Wo

das Jahr zuvor nur der unstete Jäger gehaust und der Urwald

gerauscht, erhoben sich mit Maisfeldern und Mühlen, Werkstätten und

Speichern die Städtchen Dewitt, Far West und (an der Stelle, wo der

Erste der Menschen, einer Offenbarung Smiths zufolge, einst seine

Kinder gesegnet) Adam-On-Diahman, und im Frühling 1837 war die Zahl

der Gläubigen in Missouri bereits auf zwölftausend gestiegen.

Aber die Kirche war fortwährend von Zwistigkeiten zerrissen.

Ehrgeizige Heuchler mischten sich in ihr mit ehrlichen Bethörten, ja

selbst entschiedene Schurken und Verbrecher suchten in ihrer Mitte

eine Zuflucht und einen neuen Wirkungskreis. Ein Theil der Brüder

machte falsches Geld. Die Mehrzahl widersetzte sich dem, aber nicht

eher wurden die Uebelthäter verjagt, als bis Smith selbst, der jetzt

auf immer nach dem Westen kam, sich ins Mittel schlug.

Auch über Shinear-Kirtland nämlich war Unglück hereingebrochen. Die

Yankeenatur des Propheten und seiner Freunde hatte ihn bewogen, ein

Bankgeschäft zu errichten, das auf den nach einer Offenbarung den

Mitgliedern der Secte auferlegten Zehnten von allem ihrem Besitze

gegründet war. Diese Bank hatte, trotzdem daß ihr die gesetzlich

erforderte Bestätigung vorenthalten wurde, Noten ausgegeben,

beträchtliche Summen ausgeliehen, noch beträchtlichere aufgenommen

u. s. w. Das war eine Weile trotz der ziemlich unbesonnenen

Verwaltung des Geschäfts ganz leidlich gegangen. Aber plötzlich

wendete sich das Blatt. Die Bank mußte ihre Zahlungen einstellen, die

Gläubiger machten einen Proceß wegen Schwindelei anhängig, und Smith

und Rigdon mußten, um dem Sheriff und seinem Verhaftsbefehle, ja

vielleicht dem Zuchthause in Columbus zu entgehen, sich bei Nacht und

Nebel aus dem Staate flüchten.

Sie gingen nach Zion in Missouri, wo es Smith sehr bald gelang, die

etwas gelockerte Disciplin unter den Heiligen wiederherzustellen, wo

aber andrerseits seine und noch mehr Rigdons Predigten dazu

beitrugen, die Entladung des Gewitters, das auch hier über den

Häuptern der Secte hing, zu beschleunigen. Lauter nämlich wie je

vorher wurde jetzt verkündigt, daß der ganze Westen den Mormonen

dereinst als Erbtheil zufallen und daß der Herr ihre Feinde durch das

Schwert vertilgen und alle »Heiden«, d. h. alle Unbekehrten von dort

vertreiben werde. Mancher Mormone mochte dadurch zu der Ansicht

kommen, daß das Eigenthum Nichtgläubiger schon jetzt eigentlich den

Kindern Zions gehöre und daß folglich eine Entfremdung desselben nur

eine Vorausnahme der Zukunft, nur eine Herstellung des richtigen

Verhältnisses der Dinge, nur eine Erhebung der schlechten

Wirklichkeit in die wahre sei. So mögen hin und wieder Kuh- und

Pferdediebstähle vorgekommen sein. Dazu kam der Umstand, daß die

goldne Bibel die Indianer von den Hebräern abstammen und sie bei

ihrer nahebevorstehenden Bekehrung ihre Wiedereinsetzung in ihren

Besitz als Ureinwohner des Landes hoffen ließ, woraus die Missourier,

von denen viele mit ihrem Blute den Rothhäuten ihren Grund und Boden

bezahlt hatten, den erklärlichen, wenn auch nicht sehr logischen

Schluß zogen, die Jünger Smiths hätten ein Bündniß mit den Wilden im

Sinne, um einen Vernichtungskrieg gegen sie zu beginnen. Man sieht,

es waren hier wie dort Misverständnisse. Alle Beschwerden auf Seiten

der Gegner des Mormonenthums aber begleitete unzweifelhaft der Neid,

der den Heiligen die Errungenschaften ihres Fleißes nicht gönnte, und

die Habgier, welche dieselben gern ohne Kaufschilling an sich

gebracht hätte.

Im Sommer 1838 kam es bei Gelegenheit einer Wahl von Beamten in

Caldwell-County, wo man die Mormonen nicht stimmen lassen wollte,

zu Thätlichkeiten zwischen den feindlichen Parteien. Es erfolgten

mehrere Verwundungen, und einer der Heiligen wurde erstochen. Im

Herbste nahmen die hierauf sich entspinnenden gegenseitigen

Neckereien den Charakter ernstlicher Feindseligkeiten an. Eine aus

den eifrigsten Jüngern Smiths gebildete Schaar, Daniten oder

Würgengel genannt, verbrannte die Ortschaften Gallatin und

Millport, wogegen die Antimormonen, unter dem Oberbefehle des

Methodistenpredigers Bogard, der später wegen Mordes nach Texas

flüchtete, mehrere Farmen der Heiligen beraubten und zerstörten.

Endlich griff ein Haufe Mormonen eine Milizcompagnie, die von dem

Anführer im Dunkel der Nacht für eine Rotte Pöbel gehalten wurde,

mit Flintenschüssen an, und diese mußte sich mit Verlust mehrerer

Todten zurückziehen.

Damit war der Bürgerkrieg im Kleinen da. Der Gouverneur Boggs rief

die Miliz des Staates Missouri zu den Waffen, um den Ruhestörungen

ein Ende zu machen. Diese Landwehr war vom brennendsten Hasse gegen

die fanatische Secte erfüllt, und so war ihre nächste Waffenthat, daß

sie in einem Blockhause bei Hauns Mill vierundzwanzig wehrlose und

unschuldige Mormonen, meist Frauen, Greise und Kinder, mit kaltem

Blute niederschoß. Einige Tage nachher erschienen die Generale Clark

und Lucas mit 3500 Mann vor Far West. Beim Anblicke dieser offenbaren

Uebermacht ergaben sich die Heiligen, die damals 1100 Streiter

zählten, legten ihre Waffen nieder und lieferten auf Verlangen sechs

ihrer Führer, darunter den Propheten, zur Bestrafung aus. Diese

wurden nur durch das Dazwischentreten des Generals Doniphan vor dem

Erschießen bewahrt, in's Gefängniß gebracht, um unter der Anklage des

Hochverraths, des Mordes und der Brandstiftung vor Gericht gestellt

zu werden. Die große Masse des unseligen Volkes aber mußte mit ihrem

gesammten Eigenthume die Kriegskosten bezahlen, und mitleidlos

trieben die Vollstrecker der Befehle des mindestens nicht

unparteiischen Gouverneurs die Armen mit Weib und Kind mitten im

November über die Grenzen des Staates auf die öden Prairien von Iowa,

wo Massen von ihnen durch Kälte, Hunger und Krankheit den Tod fanden.

Das war eine schwere Heimsuchung. Aber ihr folgte eine Glanzperiode,

deren man eine Secte von so gemeinem Ursprunge und so gemischtem

Wesen nicht fähig halten sollte. Die Exulanten wurden von dem

Nachbarstaate Illinois freundlich aufgenommen, und nachdem sie sich

hier in Quincy und dessen Umgebung einige Wochen aufgehalten, wählten

sie, von =Dr.= Gallant auf diesen gut gelegenen Punkt aufmerksam

gemacht, das Städtchen Commerce zum bleibenden Aufenthalte, welches

sie in Nauvoo -- das heißt auf neuägyptisch »die Schöne« --

umtauften. Diese neue »ewige Wohnung« der Heiligen vom jüngsten Tage

lag in Hancock-County auf einem Hügelvorsprunge am Mississippi, nicht

weit vor den Des Moines-Wasserschnellen, am Rande einer prachtvollen,

wellenförmigen Prairie, die durch den Fleiß der Ankömmlinge rasch in

reichtragende Felder verwandelt wurde. Commerce war ein Haufe elender

schmuziger Blockhütten gewesen, Nauvoo war schon nach Verlauf von

drei Jahren die größte und schönste Stadt in Illinois.

Smith und die anderen Führer der Secte, welche mit ihm in's Gefängniß

gebracht worden waren, benutzten den 4. Juli, wo ihre Wächter den

Jahrestag der Unabhängigkeitserklärung durch allzureichlichen Genuß

geistiger Getränke gefeiert hatten, zur Flucht über die Grenze. Bei

den Ihrigen eingetroffen, wußten sie zu bewirken, daß die

Gesetzgebung von Illinois den Mormonen außergewöhnliche Vorrechte zur

Förderung ihrer Colonie gewährte, und mit diesen versehen, wuchs

dieselbe mit unerhörter Schnelligkeit. Rasch entstanden Straßen und

Plätze, Häuser und Blumengärten. Die benachbarten Sümpfe, welche

Anfangs tödtliche Fieberluft aushauchten, wurden durch großartige

Drainirungsanstalten entwässert. Meilenweit in's Land hinein sah man

auf eingezäunten Aeckern Mais und Weizen reifen, während die Prairie

herrliches Viehfutter gewährte. Kaufleute eröffneten Läden mit den

Erzeugnissen des Ostens, welche die Dampfboote auf dem Strome

herzuführten. Eine Freimaurerhalle und ein Concerthaus, eine

Universität und ein großer Gasthof, zu dessen Wirthe Jehova in einer

feierlichen Offenbarung vom 19. Januar 1841 den Propheten selbst

bestimmte, wurden erbaut. Einer Gesellschaft, zur Betreibung der

Landwirthschaft im Großen wurde Concession ertheilt, und als die

Mormonen eine Legion zur Vertheidigung ihrer Niederlassung

errichteten, lieferte ihnen der Staat die Waffen dazu.

Die Krone des Ganzen aber versprach der Tempel zu werden, zu welchem

am 6. April 1841 der Grundstein gelegt wurde. Das Modell dazu hatte

der Prophet von einem Engel empfangen. Die Ausführung mußte einem

»heidnischen,« d. h. einem ungläubigen Baumeister übertragen werden,

welcher, als Smith ihm den »Bauplan des Herrn« beschrieb, anfänglich

Schwierigkeiten machte, sich aber schließlich einverstanden erklärte.

Smith hatte erkannt, daß ein solches Centralheiligthum ein gutes

Bindemittel sein werde, und so wurde seine Errichtung in allen

auswärtigen Gemeinden als religiöse Pflicht gepredigt. Die Kosten des

Werkes, welches nach seiner Vollendung gleichsam als versteinertes

Charakterbild der wunderlichen und doch zugleich imposanten Secte,

die es geschaffen, die Stadt überragte, beliefen sich auf mehr als

eine halbe Million Dollars, ungerechnet die Arbeitstage, womit

unvermögende Mormonen ihren Beitrag abgezahlt hatten. Es war ein

hundertachtundzwanzig Fuß langes, achtzig Fuß breites und sechzig Fuß

hohes Viereck, dessen flaches Dach auf dreißig Pfeilern von

eigenthümlicher Structur ruhte. Die Basis war ein Halbmond, und die

Kapitäler bestanden aus einem strahlenumkränzten Menschenantlitze,

über dem zwei Hände zwei Posaunen hielten. Zwischen diesen Pfeilern

liefen um das Viereck vier Reihen Fenster, zwei im Rundbogenstyle und

zwei kreisrunde. Drei Thüren, zu denen man auf je vier Stufen

emporstieg, führten ins Innere, und über dem Ganzen erhob sich ein

hundertfunfzig Fuß hoher Thurm. Ein gewaltiges Marmorbassin, getragen

von zwölf kolossalen Stieren, sollte im Erdgeschoß als Taufbecken

dienen. Das Material des ganzen, mit Ausnahme des Thurms, nicht

unschönen Bauwerks war weißer Kalkstein.

Und wie der Tempel und die Stadt des Mormonengottes, so wuchs auch

sein Reich und die Zahl seiner Anbeter. Wie ein Magnet wirkte »Mormon

Joe« trotz der Streitschriften, womit die Geistlichkeit aller Secten

ihn bekämpfte, bis über das Meer hinüber. Alle Jahre wurden zweimal

Generalconferenzen abgehalten, in welchen Missionaire für Europa,

Afrika und Asien gewählt wurden. Bei einer Conferenz wurden deren

mehrere Hunderte hinausgesendet, und obwohl sie sich binnen drei

Tagen zur Abreise »ohne Beutel und Stab« bereit zu machen hatten und

nicht selten Jahre lang von Familie und Geschäft entfernt blieben,

trat nie der Fall ein, daß einer sich dem »Auftrag aus der Höhe« zu

folgen geweigert hätte. Die zwölf Apostel Smiths, denen die

Beaufsichtigung der fremden Gemeinden oblag, fanden fast allenthalben

die Arbeit dieser Prediger mit Erfolg belohnt, und nicht allzusehr

übertrieben scheint es, wenn die Mormonen sich im Jahre 1843 rühmten,

allein innerhalb der Vereinigten Staaten an hunderttausend Bekenner

ihres Glaubens zu haben. Nicht weniger verbreitet war die Lehre

Smiths in Großbritannien, wo die Apostel Young, Parley Peter Pratt

und Heber Kimball namentlich in den Manufacturdistricten Englands

sowie in Schottland, vor Allem aber unter der unwissenden

Landbevölkerung von Wales großen Anhang gewonnen, und durch

Ueberreichung des Buchs Mormons an die Königin sogar bei Hofe

Proselyten zu machen versucht hatten. Der außerordentlich thätige,

sprachenkundige Apostel Taylor ging nach Jerusalem, um die dortigen

Juden zu bekehren. Andere schifften nach den britischen Besitzungen

in Ostindien und Australien, noch Andere sogar nach den Inseln der

Südsee, wo ihnen die Eingeborenen in Masse zufielen. Männer, die in

Amerika für Gelehrte gelten konnten und allenthalben für ziemlich

geschickte Sophisten angesehen werden dürften, vertheidigten die sich

jetzt immer mehr mit mystischen Doctrinen füllenden Katechismen des

Mormonenthums. Vier Zeitungen, wovon eine in England erschien,

stritten für die geistlichen und weltlichen Angelegenheiten der

Secte. Die Verhältnisse in Nauvoo ordneten sich von Tage zu Tage

besser, und von einem baldigen Erlöschen des Trugbildes, welches wie

ein ungeheures Irrlicht alle unklaren Köpfe im Bereiche des

anglo-sächsischen Lebens in seinen Sumpf lockte, konnte nicht mehr

die Rede sein.

Die Mormonen gestatteten auch Nichtgläubigen die Niederlassung in

Nauvoo, und die glänzenden Aussichten, welche die Stadt hatte,

führten viele tüchtige Kräfte dahin. Allein die Einwanderung

beschränkte sich nicht auf diese. Pferdediebe und Falschmünzer,

Räuber und Betrüger aller Art flüchteten unter die Fittiche der neuen

Colonie, deren Behörden, wenn sie sich zur Taufe bequemten und den

Zehnten zahlten, nicht sehr nach der Vergangenheit solcher Neophyten

fragten. Auch Speculanten auf Baustellen in der Stadt stellten sich

ein; da dieselben jedoch weder von der Taufe, noch von dem Zehnten

etwas wissen wollten, so wurden sie schnell misliebig und die Herren

vom Rathe fanden Mittel, sich ihrer zu entledigen. Man bot ihnen eine

genügende Summe für ihren Grundbesitz, und gingen sie darauf nicht

ein, so wurden sie »fortgeschnitzelt«. Drei Mann bekamen den Auftrag,

sich gegen eine Geldvergütung für die aufgewendete Zeit mit einem

Stuhle, einem Taschenmesser und einem Stöckchen versehen, vor das

Haus des Hartnäckigen zu verfügen, sich niederzusetzen und in

bekannter Yankeemanier ihr Schnitzeln zu beginnen. Kam der

Betreffende aus der Thür, so starrten die Schnitzler ihn an, sagten

aber kein Wort. Ging er auf den Markt, so folgten sie ihm, sprachlos

weiter schnitzelnd. Er mochte sie auslachen, mochte schimpfen,

drohen, fluchen, es wurde durchaus keine Notiz davon genommen. Die

Straßenjugend sammelte sich und erfüllte die Luft mit Geschrei und

Gelächter, die Schnitzler kümmerte auch das nicht. Sie arbeiteten mit

einer Andacht fort, als ob sie dem lieben Gott seine Sterne zu

schnitzeln hätten. Ihr stierer Blick folgte dem Unseligen vom Morgen

bis zum sinkenden Abend. Kehrte er heim, so setzten sie sich gelassen

wieder vor seine Fenster und schnitzelten. Bei einem Beispiele soll

die menschliche Natur ganze drei Tage diese sonderbare Tortur

ausgehalten haben. In den meisten Fällen jedoch wurde das Opfer weit

eher mürbe. Es verkaufte dann sein Hab und Gut für den angebotenen

Preis und eilte, der aus dem Anblicke der Schnitzmesser

hervordrohenden Verrücktheit zu entfliehen.

Weniger friedsamer Natur waren die Mittel, deren man sich gegen eine

aus abgefallenen Mitgliedern der Secte entstandene Partei bediente,

und jetzt stehen wir vor dem großen Wendepunkte in der Geschichte des

Propheten und seiner Secte. Smith hatte den Gipfel seiner Macht

erreicht. Er war von der Stadt Nauvoo zu ihrem Mayor, von der Legion

zum General ernannt worden. Alle Klagen, die gegen ihn anhängig

gemacht wurden, fielen bei den Geschworenen durch. Er »hielt die

Schlüssel zum Himmelreiche in der Hand,« und sein Wort war auch in

irdischen Dingen Gesetz. Im Mai 1844 hatte er sogar die Kühnheit, mit

Veröffentlichung eines politischen Glaubensbekenntnisses, worin er

unter Anderm sich für Errichtung einer Nationalbank, für Verminderung

der Beamten und der Congreßmitglieder, für Aufhebung der Strafen

wegen Desertion in Heer und Flotte, und für Entlassung aller in den

Zuchthäusern verwahrten Verbrecher (die durch Liebe und Weckung ihres

Ehrgefühls gebessert werden sollten) aussprach, neben Clay, Calhoun

und Benton als Bewerber um die Präsidentschaft der Vereinigten

Staaten aufzutreten. Es geschah dies lediglich zur Augenweide der

Seinen, wiewohl die Mormonen behaupten, der Prophet würde

unzweifelhaft bei der nächsten Wahl gesiegt haben, wenn er sie erlebt

hätte.

Die Ereignisse schnitten die Gelegenheit zu einer nochmaligen

Bewerbung ab. Unerwartet zogen sich dunkle Wolken über dem Haupte des

Himmelsstürmers zusammen. Die Nachbarn in Hancock-County begannen

sich zu beschweren, daß die Bewohner von Nauvoo sich an ihrem Vieh

vergriffen, und daß gegen die Diebe bei den Behörden der Stadt kein

Recht zu erlangen sei. Die Zeitungen von Illinois sprachen von einer

Verschwörung, durch welche die Mormonen die Verfassung umzustoßen und

an ihre Stelle eine Priesterschaft einzusetzen beabsichtigten.

Gerüchte verbreiteten sich, daß Joseph Smith und einige andere von

den Leitern der Secte in sogenannter »geistlicher Ehe« ein Leben voll

Unzucht und Ausschweifung führten. Die letztere Beschuldigung wurde

vorzüglich von der bereits erwähnten Partei in Nauvoo selbst erhoben.

Mehrere einflußreiche und talentvolle Mormonen, die sich entweder in

der Heiligkeit des Propheten oder -- und das war wohl der häufigere

Fall -- in der Hoffnung, durch ihn zu Macht und Vermögen zu gelangen,

getäuscht sahen, verließen seine Fahne und begannen ihn öffentlich

als Wollüstling, Trunkenbold und hochmüthigen Tyrannen darzustellen.

Eine gewisse Miß Brotherton klagte, er und Brigham Young haben sie

unter dem Vorgeben, Gott habe sie Joseph zur zweiten Frau gegeben,

verführen wollen. Smith griff diese Gegner in seiner Zeitung »The

Wasp« mit dem Stachel bittersten Hasses an. Die Abtrünnigen, geführt

von einem gewissen =Dr.= Foster, auf dessen Frau der Prophet es

gleichfalls abgesehen haben sollte, fuhren dagegen in dem »Nauvoo

Expositor« eine Gegenbatterie auf. Dieses Blatt bewarf in seiner

ersten Nummer das Haupt der Kirche mit einer solchen Masse Schmuz,

daß der Stadtrath dagegen einschreiten zu müssen glaubte. Elf

Mitglieder von zwölfen erklärten den Expositor für eine Schmach von

Nauvoo, und nicht zufrieden damit, begab man sich unverweilt nach der

Druckerei des Blattes, zerstörte die Pressen, verstreute die Typen in

die Straße und verbrannte die vorgefundenen Exemplare der Auflage.

Smith und sein Bruder Hyrum ließen sich von ihrem Verdrusse über die

Enthüllungen Fosters verleiten, die von dieser Gewaltthat

Zurückkehrenden zu beloben und ihnen sogar Belohnung zu verheißen.

Foster und seine Partei dagegen suchten gerichtliche Hilfe nach, und

es erging ein Verhaftsbefehl gegen die Tumultuanten. Allein dieselben

wurden durch ein sogenanntes Habeascorpus sogleich in Freiheit

gesetzt. Der mit Ausführung des Verhaftsbefehls beauftragte Beamte

wendete sich nun, von der Stadtbehörde zurückgewiesen, an die

Grafschaftsbehörde und erschien im Auftrage dieser mit bewaffneter

Macht, um die Verhaftung der Schuldigen zu bewirken, aber das Volk

von Nauvoo rottete sich zusammen und verhinderte ihn an seiner

Absicht. Als darauf die Miliz zusammenberufen wurde, um das Ansehen

der Gesetze gegen die Anmaßung der Mormonen zu vertheidigen,

antwortete Smith in seiner Eigenschaft als Mayor und General damit,

daß er die Stadt in Belagerungszustand erklärte.

Damit war die Angelegenheit auf einen Punkt gediehen, wo der Trotz

der Mormonen biegen oder brechen mußte. Der Gouverneur von Illinois

erschien in Carthage, dem Sitze der Grafschaftsbehörden, und forderte

Smith, indem er ihm Sicherheit seiner Person verbürgte, auf, vor ihm

zu erscheinen, um sich zu verantworten. Der Prophet schickte, statt

selbst zu kommen, zwei Gesandte, Taylor und Bernhisel, um mit Ford zu

verhandeln. Dieser, damit nicht zufrieden, beorderte drei Compagnien

Miliz unter einem Obersten nach Nauvoo, um den Propheten nebst seinem

Bruder, dem »Patriarchen« ins Gefängniß zu bringen. Darauf flüchteten

die Beiden über den Mississippi nach Iowa, kehrten indeß, da der

Stadtrath es für das Beste erklärte, sich zu unterwerfen, und da

überdies eine Freisprechung zu hoffen war, zurück und brachen nach

Carthage auf. Auf dem Wege dahin begegneten sie Abgesandten des

Gouverneurs, welche den Auftrag hatten, die Legion von Nauvoo zur

Niederlegung der Waffen aufzufordern. Sie gingen mit diesen nach der

Stadt zurück und bewirkten, daß man dem Befehle nachkam. Hierauf

begaben sie sich nach Carthage, wo sie nebst zweien von den Aposteln,

Richards und Taylor, ins Gefängniß gebracht wurden, um dort die

Entscheidung der gegen sie erhobenen Anklage zu erwarten. Ford

glaubte damit vorläufig die Sache beigelegt zu haben. Er entließ die

Mehrzahl der zusammengezogenen Truppen, verfügte sich nach Nauvoo,

ermahnte hier die Mormonen, sich ruhig zu verhalten, da allen

Parteien Gerechtigkeit geschehen sollte, und begab sich dann nach

Carthage zurück.

Auf dem Wege begegnete ihm ein Eilbote, der ihm meldete, daß während

seiner Abwesenheit der Pöbel das Gefängniß von Carthage gestürmt, die

Wache überwältigt, und den Propheten nebst seinem Bruder erschossen

habe. Dies war am Nachmittag des 27. Juni geschehen. Ford

befürchtete, die Mormonen würden sofort in Masse aufbrechen, um den

Mord ihres Propheten zu rächen, und rieth den Bewohnern von Carthage,

den Ort zu verlassen, während er selbst sich, um das Weitere zu

erwarten, nach Quincy verfügte, und nur ein schwaches Detachement

Miliz unter General Denning in Carthage zurückblieb.

So endete die Laufbahn eines Mannes, dessen wahre Biographie noch zu

schreiben ist und vielleicht nie geschrieben werden wird. Seinen

Verehrern ist er der große Märtyrer des neunzehnten Jahrhunderts,

seinen Gegnern ein Schurke der schwärzesten Art, dem nur allzu spät

zu Theil ward, was ihm gebührte. Daß er ungewöhnliche Talente besaß,

wird Niemand leugnen können. Aus allen seinen Maßregeln leuchtet eine

tiefe Kenntniß der Menschen und Verhältnisse hervor. Der Muth und die

Ausdauer, die er inmitten unablässiger Verfolgungen entwickelte,

waren der besten Sache würdig. Wenige verstanden so gut zu

organisiren. Wenige wußten so geschickt wie er mit Geistern

umzugehen, die im Genusse der unbeschränktesten Freiheit aufgewachsen

waren. Wenige nur möchten sich finden, die der Aufgabe gewachsen

wären, ein Gemisch der widersprechendsten, allenthalben mit unreinen

Trieben durchdrungenen, in irdischen Dingen von Selbstsucht, in

himmlischen von wilder Phantasie bewegten Elemente in dem Grade zu

bändigen und zu leiten, daß dieses Chaos Resultate gebäre, wie das

Mormonenreich und seine Hauptstadt Nauvoo.

Die Mormonen, ihr Prophet, ihr Staat und ihr Glaube · 第 2 / 12 段