Eine noch schrecklichere Heimsuchung kam über das Volk Gottes im

nächsten Frühlinge. Als die unter so traurigen Umständen bestellte

Saat aufging und zu den schönsten Hoffnungen berechtigend fett und

kräftig emporwuchs, stiegen von den Timpanogabergen Heere gefräßiger

Heuschrecken, um sie zu vertilgen. Es war ein gräßlich gestaltetes

Thier: flügellos, plumpleibig, schwarzfarbig, mit einem dicken Kopfe

und ungeheuren Augen, einer »gräulichen Riesenwanze gleich«, wie ein

Mormone aus Liverpool sich ausdrückte, stieg es auf drathartigen

Beinen in das Thal herab, und Strich auf Strich des jugendlichen

Korns verschwand unter den Zähnen dieser Saatmörder wie mit der

Sichel abgemäht. Umsonst umgaben die unglücklichen Farmer ihre Felder

mit Wassergräben. Umsonst versuchten ganze Familien das schwarze Heer

mit Zweigen und Bränden zurückzuschlagen. Die Thiere schwammen über

das Wasser, umgingen die Vertheidiger ihres Besitzthums und richteten

unermeßlichen Schaden an. Vergeblich wurde das Zerstörte an einigen

Stellen drei- und viermal durch neues Aussäen und Pflanzen ersetzt.

Es blieb nichts übrig, als die Kraft des Gebets. Man versuchte es mit

ihr, und siehe da, der große Jehova that ein Wunder. In zahllosen

Schwärmen kamen von den Inseln des Salzsees weiße Vögel mit rothen

Schnäbeln und Füßen den Bekämpfern des schwarzen Gog und Magog zu

Hilfe, und schneller als die Heuschrecken das Korn, verzehrten die

Möven die Heuschrecken. Vom grauenden Morgen tafelten sie bis zum

sinkenden Abend. War der Magen gefüllt, so entleerten sie ihn wie

einst Vitellius durch Vomiren, und kehrten gleich diesem rüstigen

Esser zu der Arbeit des Verschlingens zurück, bis der Tisch, den die

Natur so reichlich gedeckt hatte, völlig abgeräumt war.

Dieses Wunder, welches den größten Theil der Ernte rettete,

wiederholte sich seitdem alle Jahre, und es wird deshalb erlaubt

sein, es für ein natürliches Ereigniß zu halten, welches schon vor

der Ankunft des neuen Israel in dieser Gegend alljährlich stattfand.

Die von diesen Bundesgenossen beschützten Felder aber gaben einen so

reichlichen Ertrag, daß die Auswanderer, welche im nächsten Jahre vom

Golde Californiens angezogen, in Masse durch Deseret passirten, ihr

Korn hier billiger kauften, als in dem Fort Laramie, welches der

Civilisation um vierhundert Meilen näher liegt.

Jenes californische Gold aber brachte über die junge Colonie eine

Prüfung, die sehr leicht mit ihrem Untergange hätte endigen können.

Die Mormonen, die unter General Kearney den Feldzug gegen Mexiko

mitgemacht hatten, waren gerade zu der Zeit und selbst in der Gegend,

wo man die ersten Körner des kostbaren gelben Staubes fand, entlassen

worden, und es wird sogar behauptet, daß die Arbeiter Sutters, welche

diese folgenschwere Entdeckung machten, abgedankte Soldaten des

Mormonenbataillons gewesen seien. Mag dem sein wie ihm wolle, viele

Mitglieder der Secte hatten Gelegenheit gehabt, in Californien

fleißig Gold zu graben, und als sie nun beladen mit dem Ergebnisse

ihrer Arbeit zu ihren armgebliebenen Brüdern in den Bergen kamen und

ihnen die Schätze zeigten, die keine hundertfunfzig Meilen vom Thale

des Salzsees mit bloßen Händen aufzulesen waren, müßte es wunderlich

zugegangen sein, wenn das »gelbe Fieber,« das in ganz Amerika

wüthete, nicht auch hier die Gemüther ergriffen und zum Abzuge nach

Ophir gedrängt hätte. Dies geschah in der That. Allein die Führer

waren zu klug und zu einflußreich, um die Begier zur That merken zu

lassen. Sie warnten in einer Proclamation vor einem sofortigen

Aufbruche nach den Diggings, welcher einer Auflösung der ganzen

Gemeinschaft gleichgekommen sein würde, und siehe da, ihre Ansprache

wirkte, so stark auch die Versuchung und so wenig klar auch dem Auge

des gemeinen Mannes die Gefahr war, welche sich hinter der Lockspeise

barg. Nur einige Hundert gingen, und diesen ertheilte man den

freundschaftlichen Rath, sich auf Nimmerwiederkehr zu verabschieden.

Später aber gebot der Mormonengott durch den Mund seines Propheten

Young den Heiligen, von Zeit zu Zeit auf einige Monate Trupps nach

den Minen zu senden, von wo sie mit reicher Beute zurückkehrten.

Mit ihren Nachbarn, den Utahs und anderen Stämmen des Gebirgs,

vertragen sich die Mormonen gegenwärtig ziemlich gut. Anfangs indeß

war dem nicht so. Der Punkt, wo sie sich zuerst ansiedelten, liegt

auf den »Kriegsgründen« der Schlangengräber und der Utah-Indianer,

also auf neutralem oder Niemand gehörigem Boden. Als die Mormonen

sich aber nach Süden und Norden ausbreiteten, kamen sie auf Stellen,

welche die Indianer als ihr Eigenthum betrachten, wo sie allein

fischen und jagen zu dürfen glauben. Sie klagten, daß man ihnen ihre

Winterlagerplätze wegnähme und ihnen das Wild verscheuche. Die

Schoschones drohten mit einem Angriffe, überlegten sich's aber eines

Bessern und hielten Frieden. Nicht so die Utahs. Im Winter 1849

begannen sie allerlei Neckereien, erschossen mehrere Stücke Vieh,

welche den Mormonen gehörten, und rühmten sich dessen, drangen in

einzeln gelegene Farmhäuser, um die Frauen zu erschrecken und

Lebensmittel zu rauben und zwangen endlich die Colonisten, sich in

das Fort des Utahthales zurückzuziehen. Im Hauptquartiere der Secte

versuchte man zuerst gütliche Mittel, und als diese bei den

Rothhäuten nicht anschlugen, wurde der Krieg beschlossen.

Zu der waffenfähigen Mannschaft des Utahthales stießen zwei

Compagnien der Legion von Zion, und sofort wurden die Indianer

angegriffen. Sie hatten sich in den ausgetrockneten Canälen des

Timpanogaflusses aufgestellt, wo sie von den Cottonwoodbüschen und

Weidenstümpfen, die dort wuchsen, gedeckt waren. Nichtsdestoweniger

wurden sie nach einem dreitägigen Scharmützel, bei welchem die

Angreifer sich des Abends immer in das Fort zurückzogen, durch die

Büchsen und die Kanone, welche die Mormonen bei sich hatten, aus

ihrem Verstecke verjagt. Die Mormonen hatten dabei nur einen Todten

und mehrere Verwundete. Die Rothhäute dagegen verloren, da gerade die

Masern unter ihnen grassirten, während ihres Rückzugs nach den kalten

Schluchten des höhern Berglandes sehr viele Leute und unter andern

auch den »Alten Riesenhirsch«, einen Häuptling, der lange Zeit der

Schrecken des Utahthales gewesen war. Ein Theil der Geschlagenen

wurde den Tafelberg hinaufgetrieben. Man vermochte sie aber durch

Zureden, herabzukommen und sich zu ergeben. Man bewachte sie die

Nacht über und befahl ihnen am Morgen die Waffen niederzulegen. Sie

weigerten sich dessen, und stießen Drohungen aus. Da gaben die

Mormonen Feuer auf sie, und beinahe alle wurden getödtet. Der Rest

versuchte, nachdem er die Vorpostenkette durchbrochen, sich über die

Eisdecke des Sees zu retten. Sie wurden jedoch von Reitern verfolgt

und sämmtlich niedergemacht.

Im nächsten Jahre erhielten die Utahs eine abermalige Züchtigung und

ihr Häuptling, Patsowits mit Namen, wurde gefangen genommen und

aufgeknüpft. Dieses summarische Verfahren aber hat einen solchen

Eindruck auf sie gemacht, daß sie sich seitdem ruhig verhielten. Sie

hatten im Ganzen etwa vierzig Todte, und die Kriegsbande des alten

»Stick in the head,« eines berühmten Häuptlings, war so geschwächt,

daß er sich um Frieden zu bitten genöthigt sah. Eine große Menge

Gefangene wurden gemacht, meist Frauen und Kinder. Man brachte sie

unter den Kanonen des Forts Utah in Zelten unter, bis sie unter die

Familien im Thale vertheilt werden konnten. Man reichte ihnen

reichliche Lebensmittel, und es war eine Freude, sie, die

Halbverhungerten, schmausen zu sehen. Der Versuch aber, sie in die

Familien aufzunehmen und sie dort an ein civilisirtes Leben zu

gewöhnen, schlug gänzlich fehl; denn sobald der Sommer kam, verließen

sie die Farmen und flohen in die schneeige Heimat im Gebirge zurück.

Nach dem Buche Mormon und der Lehre Smiths sind die Indianer

Nachkommen der Lamaniten und ein zwar von Gott abgefallnes und

entartetes, aber der Barmherzigkeit des Himmels noch nicht entrücktes

Geschlecht, das einst durch die Apostel der wahren Kirche bekehrt und

dann in sein Erbe wieder eingesetzt werden wird. In Betracht dessen

ist es allerdings seltsam, daß die Mormonen, deren Mission es wäre,

die Rothhäute durch das Schwert des Geistes zu bezwingen, sich so

rasch genöthigt glaubten, sie mit leiblichen Waffen zu unterjochen.

Aber trotzdem bleiben sie dabei, daß diese Leute einst die Weissagung

des Propheten erfüllen werden, nach welcher »ein Volk in Einem Tage

geboren« und die Indianer durch Gottes Gnade in eine Nation von

schönem Aeußeren und weißer Hautfarbe verwandelt werden sollen.

Und in der That, ein kleiner Anfang zwar nicht der Häutung, aber der

Bekehrung ist gemacht. Derjenige von den Häuptlingen der Utahs,

welcher gegenwärtig das stärkste Kriegsgefolge um sich versammelt und

in Folge dessen auf alle übrigen Stammesglieder den meisten Einfluß

übt, ist ein Freund der Mormonen, und ein Halbbruder von ihm, Namens

Walker, der sich durch fleißige Pferdediebstähle in Mexiko Vermögen

und Ansehen unter seinem Volke erworben hat, ist sogar durch die

Taufe ein Heiliger vom jüngsten Tage geworden. Er ist ein schmucker,

kräftiger Bursche, ein vollendeter Reiter, ein trefflicher Schütz und

ein ungemein guter Kenner von Pferdefleisch. Eine Menge junger

Rothhäute erkennen ihn als Befehlshaber an, und sie sind ihm sogar

gefolgt, als er sich entschloß, dem Herumschweifen und Rauben zu

entsagen und sich in der Niederlassung von San Pete als Ackerbauer

und Viehzüchter anzusiedeln. Die Mormonen betrachten ihn als Trophäe

oder Erstlingsfrucht der überzeugenden Kraft ihrer Religion und thun

ihm alle erdenkbare Ehre an. Allein ehe sie sich's versehen, kann er

in seine alten Sünden zurückverfallen und die Absicht seiner Freunde,

ihn zum Oberhaupte des ganzes Stammes zu machen, auf immer vereiteln.

Inzwischen gründeten die Mormonen fortwährend neue Colonien. Die

erste derselben blieb indeß der Hauptsitz. Sie liegt am rechten Ufer

eines schönen klaren Stromes, den die Führer der Secte, die nicht

ganz ohne Ursache in ihrer Geschichte allenthalben Wiederholungen der

Ereignisse und Verhältnisse im Leben des Volkes Israel zu sehen

meinten, den westlichen Jordan genannt haben, und durch den sich ein

Süßwassersee, von den Mormonen See Tiberias getauft, in den etwa

hundert Fuß tiefer gelegenen großen Salzsee ergießt. Man nannte diese

Hauptniederlassung, die zunächst nur ein Fort, umgeben von einem

Zeltlager war, sich aber schnell in eine Stadt von Blockhütten und

kleinen Ziegelhäusern verwandelte, Neujerusalem. Wie rasch und

unverdrossen die Ansiedler arbeiteten, zeigt der Umstand, daß jenes

Fort, welches ein Viereck bildete, dessen Seiten zusammen 7788 Fuß

lang waren, nur sechs Monate zu seiner Vollendung bedurfte, und daß

man in derselben Zeit 6000 Aecker Land umpflügte, besäete und mit

einer dreizehn englische Meilen langen Fence einzäunte. Dies geschah

im Jahre 1847, in welchem zugleich fünf Säge- und Mahlmühlen

angelegt, mehrere Straßen gebahnt und weite Strecken der Umgebung

untersucht wurden. 1849 nahmen die Mormonen das im Vorigen erwähnte

Utahthal, sowie die Thäler von Tuilla und San Pete in Besitz,

sendeten zahlreiche Missionaire nach Frankreich, Dänemark, Schweden

und Italien und wurden durch bedeutende Zuzüge aus den Staaten im

Osten und aus Großbritannien verstärkt. 1850 wurde eine Universität

gestiftet, vier Schulen eröffnet, mehrere Städte gegründet, Farmen im

Thale des Kleinen Salzsees angelegt, zwei Eisenbergwerke in

Bearbeitung genommen, ein großes Rathhaus und zwei Magazine zur

Aufnahme der eingelieferten Zehnten vollendet und die Berieselung des

Landes über weite Strecken fortgesetzt.

Sehr bald nach Ueberwindung der ersten Schwierigkeiten in Bezug auf

die Colonisirung wurde zur Regelung des Verhältnisses der

Gemeinschaft zu den Vereinigten Staaten geschritten. Man entwarf

unter dem Vorsitze der Priester eine Territorialverfassung, zog

dieselbe zurück und vereinigte sich hierauf zu einer andern, in

welcher der in der Bildung begriffene Staat _Deseret_ genannt, unter

den Grenzen desselben ein Strich von der Küste des Stillen Oceans

beansprucht, das Halten von Sclaven innerhalb des darin bezeichneten

Gebiets untersagt, sonst aber nichts von den Constitutionen der

übrigen Glieder der Union Abweichendes aufgestellt war. Die

Centralregierung in Washington, der dieser Entwurf zur Kenntnißnahme

und Beschlußfassung eingesendet wurde, sah sich nicht gemüßigt, die

Wünsche der Mormonen in ihrer vollen Ausdehnung zu bewilligen. Sie

ignorirte den neuägyptischen Namen Deseret, indem sie den

indianischen Utah wahrscheinlich wohlklingender fand, und glaubte den

Antragstellern die von ihnen zur Verbindung mit dem Meere und zu

ihrer völligen Unabhängigkeit von anderen Staaten geforderte

Küstenstrecke vorenthalten zu müssen. In der Bill, welche als Antwort

auf jenen Vorschlag der Bewohner von Deseret 1850 im Congresse

durchging, heißt es, daß das neue Territorium »im Westen vom Staate

Californien, im Norden vom Gebiete Oregon und im Osten und Süden von

der Wasserscheide begrenzt sein solle, welche die Flüsse, die in das

große Becken (des Salzsees) strömen, von denen trennen, die in den

Rio Colorado und in den mexikanischen Golf fließen.« Durch denselben

Congreßbeschluß wurde eine Territorialregierung für das Gebiet

eingesetzt, und im October 1850 ernannte der Präsident Fillmore die

betreffenden Beamten, sieben an der Zahl, von denen außer Brigham

Young, der zum Gouverneur bestimmt war, noch Drei aus der Mitte der

Mormonen selbst genommen waren.

Mit dieser vorläufigen Ordnung der Dinge war man in Deseret zwar

nicht zufrieden, indeß fügte man sich dem Unvermeidlichen und

bezeugte dies dadurch, daß man den Congreß, wie die Verfassung dies

vorschreibt, durch Delegaten beschickte und die im Jahre 1851

anlangenden nichtmormonischen Territorialbeamten höflich aufnahm.

Bald jedoch brachen Zwistigkeiten zwischen diesen und den Führern der

Secte aus. Der Oberrichter Brandebury und der Richter Brochus fanden

nichts zu thun, indem die Mormonen sich zur Schlichtung ihrer

Rechtsstreitigkeiten an ihre Bischöfe wendeten, welche oft anders

entschieden, als es das gewöhnliche Recht verlangte. Young verwendete

die Einnahmen des Territoriums, nach der Berechtigung, die ihm durch

sein Amt als geistliches Oberhaupt verliehen war, zu andern Zwecken,

als wozu ihn sein Amt als Gouverneur verpflichtete. Wiederholentlich

wurde den Herren aus dem Osten zu verstehen gegeben, daß man sich nur

der Nothwendigkeit füge, wenn man sich den Beschlüssen in Washington

unterwerfe; wiederholentlich ließ man ihnen merken, daß sie als

»Heiden« in der Gemeinschaft der von Gott regierten Kirche, die

zugleich der wahre Staat sei, nur geduldet und überhaupt überflüssig

seien. Sie sahen dies ein und kehrten nach Hause zurück, worauf ihre

Stellen vorläufig durch Mitglieder der Secte besetzt wurden.

Damit war der Zwiespalt zwischen der Priesterherrschaft in Deseret

und der Regierung in Washington offenkundig geworden. Young indeß

wußte einen Bruch noch zu vermeiden. Um aber derartige Conflicte für

die Zukunft unmöglich zu machen, und so rasch als thunlich die

möglichste Selbstständigkeit für die wachsende Theokratie

herbeizuführen, setzte man alle Hebel in Bewegung, um die über die

ganze Erde zerstreuten Gläubigen zur Einwanderung in das Gebiet zu

gewinnen und dadurch die Zahl der Bewohner desselben bis zu der Höhe

zu steigern, welche die Constitution der Vereinigten Staaten

vorschreibt, wenn ein Territorium den Charakter und Namen eines

Staates annehmen will. Dringende Aufrufe ergingen von Seiten des

Apostelcollegiums an die Heiligen in aller Welt, sich der religiösen

Pflicht des Hinzugs nach dem Neuen Zion im Westen ferner nicht zu

entziehen. Bedeutende Summen wurden verwendet, um den Aermeren die

Erfüllung dieser Obliegenheit durch Vorschüsse zu erleichtern. In

Liverpool wurde das schon seit längerer Zeit bestehende

Auswanderungsbureau, dem einer der Apostel präsidirte, zu erweitern

und zu kräftigerer Wirksamkeit zu befähigen gesucht. Endlich wurden

allenthalben auf der Straße durch die Vereinigten Staaten und durch

die westliche Wüste Stationen mit Bevollmächtigten zur Unterstützung

und Beförderung der Pilger errichtet.

Der Erfolg entsprach den Erwartungen. Schaarenweise gehorchten die

Gläubigen in England, Schottland und Wales dem Rufe ihrer

Oberpriester in Amerika. Schiff auf Schiff mit zukünftigen Bürgern

von Deseret verließ die Rhede von Liverpool, und Karawane auf

Karawane dieser gehorsamen Söhne der Kirche überstieg die

Felsengebirge, um sich den Brüdern im Thale der Verheißung

anzuschließen.

Um den Abgang der Auswanderer in der Heimat zu ersetzen und

fortwährend neue Zuzugsquellen zu eröffnen, wurde die Bekehrung der

europäischen Heiden noch eifriger betrieben, als seither. Ueberall

suchten die Missionaire Brigham Youngs sich festzusetzen und

Proselyten zu machen, und wenn ihnen dies nicht überall gelang, so

liegt die Schuld nicht an ihrem Mangel an Eifer und Geschick. Sie

pilgerten nach Frankreich, nach Norwegen, nach Rußland, selbst nach

Italien, wo die Revolution ihnen Thor und Riegel geöffnet. Sie

erschienen in Palästina, um die Juden zu belehren, daß der Messias

und sein Reich nahe sei. Sie riethen auf den Märkten von Kairo und

Alexandria, auf den Plätzen von Calcutta und Bombay der Welt zur

Flucht vor dem Zorne Gottes. Sie wußten sich selbst das Reich der

Mitte zu öffnen. Sie thaten alles Dieses, ohne zu Anfange etwas von

den betreffenden Sprachen zu verstehen, ohne die Verhältnisse zu

kennen, und ohne diesen doppelten Mangel durch einen wohlgefüllten

Beutel ausgleichen zu können.

Die Missionaire der Mormonen wenden sich bei ihren Zuhörern

ebensowohl an die Begier nach Reichthum als an die Sehnsucht nach

himmlischen Gütern, stellen ihnen neben Befriedigung ihrer religiösen

Bedürfnisse auch irdisches Wohlbefinden in Aussicht. Unverdrossen und

unabgeschreckt durch schroffe Abweisung, durch Spott und Hohn,

wandern sie von Ort zu Ort, sprechen in einzelnen Häusern ein,

knüpfen mit Leuten auf der Straße ein Gespräch an, arbeiten bisweilen

als Handwerker in einer Werkstätte und bringen auf diese Art das, was

ihnen auf dem Herzen liegt, an den Mann. So ungebildet sie meist

sind, besitzen doch fast alle eine große Uebung in sophistischen

Fragstellungen und Schlüssen, und eine nicht geringere Kenntniß der

Bibel. Wer ihnen zugiebt, daß die letztere Norm der Wahrheit sei,

wird unausbleiblich in ihrem Netze gefangen und kann sich nur durch

gewaltsamen Durchbruch befreien. Gewöhnlich beginnen sie ihren Anlauf

zur Eroberung der Herzen mit der Frage, ob die christliche Urkirche

nicht gewisse Gnadengaben gehabt habe, welche das heutige

Christenthum nicht mehr besitze, dann setzen sie auseinander, wie die

Heiligen vom jüngsten Tage mit allen diesen Gaben als Heilung durch

Handauflegen, Weissagung, Teufelaustreibung, Reden in Zungen u. s. w.

von Neuem beschenkt worden, und nachdem damit Grund gelegt ist,

entwickeln sie die am Wenigsten auffälligen Lehren der Secte,

beweisen sie mit einer Fülle von Sprüchen vorzüglich aus den

alttestamentlichen Propheten und der Offenbarung Johannis, und nehmen

für ihr amerikanisches Zion sämmtliche Verheißungen in Anspruch. Ist

der Zuhörer kein Mann von Vermögen, so erfährt er, daß an ihn wie an

alle Menschen der Ruf ergangen ist, sich nach Zion in den Bergen zu

begeben, wo Milch und Honig fließen und wo das schönste Land um einen

Spottpreis zu haben ist, der noch überdies nicht sogleich bezahlt zu

werden braucht und durch Arbeit abverdient werden kann. Hat der Mann

das Reisegeld nicht, so bedarf es nur einer Erklärung zum Beitritt,

und es wird ihm aus dem »Ewigen Wohlthätigkeits-Fonds« vorgestreckt.

So sind Hunderte und Tausende verlockt worden. Die Lehre, daß drüben

im heiligen Lande jedes Weib einen Mann hat, jede Magdalena durch die

Taufe rein gewaschen wird, sichert den Beifall des schönen

Geschlechts. Mit Leuten von überlegener Bildung hüten sich die

Propheten und Apostel zu sprechen. Werden sie dazu genöthigt, und

wird ihnen dann die Abgeschmacktheit ihrer Behauptungen nachgewiesen,

so klagen sie über gelehrte Sophisten, die den Geist Gottes nicht

haben und ihn darum auch nicht begreifen, und schweigen, wenn sie

nicht mehr zu antworten wissen.

Häufig wird gleich mit einem Wunder begonnen. So in Wales, wo 1845

aus einem Weibe zwei sehr starke und freche Teufel ausgetrieben und

dabei zahlreiche Seelen gewonnen wurden. Und ebenso fing der Apostel

Forsden in Schweden im Jahre 1851 seine Wirksamkeit damit an, daß er

seinen Begleiter, der natürlich gleichfalls Mormone war, durch

Handauflegung vom Fieber heilte. Die Sache machte Aufsehen und zog

viele Leichtgläubige nach dem Hause, wo das Wunder geschehen war.

Diesen erzählte Forsden in seiner einfachen Weise die Geschichte von

dem großen Propheten und Märtyrer im Westen und die Wiederverleihung

der übernatürlichen Gaben des Urchristenthums an seine Kirche. Die

Bauern glaubten ihm zum Theil. Andere verbreiteten wenigstens die

Kunde von dem neuen Evangelium aus Amerika. Forsden predigte nun an

den Straßenecken. Die Behörde ließ ihn verhaften und ertheilte ihm

einen Verweis. Dies aber war es gerade, was er gewollt. Es verhalf

ihm zu einem wohlfeilen Märtyrerthum. Er wiederholte seine

öffentlichen Vorträge und wurde abermals verhaftet, mit einer

Geldstrafe belegt und ernstlich ermahnt, von solchen Ketzereien

abzustehen. Er entgegnete demüthig und gelassen, daß er nichts als

Jesum Christum, den Gekreuzigten gepredigt habe, und daß er, da Gott

ihm dies geheißen, nicht davon ablassen, sondern Gott mehr gehorchen

werde als den Menschen. Den Zuhörern erklärte er, daß ihn weder

Gefängniß noch Tod abschrecken werde, den Pflichten, die der Herr ihm

auferlegt habe, nachzukommen -- eine Redensart, die er sehr wohl

brauchen konnte, da man heutzutage Niemand mehr des Glaubens halber

hinrichtet, die aber gleichwohl Eindruck auf unüberlegsame Menschen

machte. Man steckte ihn auf ein paar Tage ein. Aus dem Gefängnisse

entlassen, pries er den Herrn auf der Straße mit Wort und Gesang, daß

er ihn gewürdigt, zu leiden um sein heiliges Wort. Man wußte ihn

nicht anders los zu werden, als dadurch, daß man ihn in einen Wagen

setzte, nach dem Sunde brachte und nach Dänemark hinüberspedirte. Der

Samen des Unkrauts aber, den er gesäet, blieb haften, und noch jetzt

verbreiten mehrere durch ihn Bekehrte als Apostel die Lehre Joseph

Smiths in Schweden.

Von unglaublichem Eifer beseelt, folgen diese Straßenprediger dem

Worte »Schreie laut und schone nicht« buchstäblich und taufen zu

Dutzenden alle, die ihre Bereitwilligkeit bezeigen, »in diesem Namen

ihre Knie zu beugen.« Viele kommen mit erschöpften Lungen und

gebrochener Gesundheit von solchen Anstrengungen heim; dann aber

entschädigt sie der Ruhm besonderer Frömmigkeit und die Ehre, die

ihnen wird, wenn die Brüder auf sie hinweisend sagen: »Siehe, das ist

der heilige Mann, der durch unermüdliche Predigt in den Straßen

Londons dem Herrn so viele Seelen gewonnen hat.«

Die Mormonen, ihr Prophet, ihr Staat und ihr Glaube · 第 4 / 12 段