Als nun im Jahre 1830 das »Buch Mormon« oder wie es in der e

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Conversations-

und

Reisebibliothek.

=Dr.= Moritz Busch.

Die Mormonen.

Leipzig

Verlag von Carl B. Lorck.

1855.

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Die Mormonen.

Ihr

Prophet, ihr Staat und ihr Glaube.

Von

=Dr.= Moritz Busch.

Leipzig

Verlag von Carl B. Lorck.

1855.

Erstes Kapitel

Sectenwesen in Amerika.

Wenn schon das politische Leben der Vereinigten Staaten eine

beträchtliche Anzahl von Erscheinungen zeigt, die dem Fremden erst

nach einem tiefern Studium von Land und Leuten einigermaßen

verständlich werden, so ist dies bei den Gestalten, in welchen sich

hier das religiöse Element ausgeprägt hat, noch bei Weitem mehr der

Fall. Lassen sich dort in der bunten Mannigfaltigkeit der Parteien

immerhin zwei große Grundmächte unterscheiden, die, zwei Trieben oder

Zügen in der menschlichen Natur entsprechend, wie Ebbe und Fluth die

Interessen der Gesammtheit tragen und ausgleichen, so entzieht sich

das Gewimmel der Secten Amerika's beinahe jeder Eintheilung. Wir

haben ein vollkommnes Chaos vor uns, in dem die Stoffe in wildester

Weise durcheinandergähren, und vor welchem derjenige, den die

Wissenschaft nicht an ähnliche Perioden in der Kirchengeschichte

erinnert, an einen Verwesungsproceß des Christenthums glauben kann.

Das stupideste Festhalten am Buchstaben der Schrift mischt sich mit

den wahnwitzigsten Ausschweifungen der Phantasie. Die augenfälligste

Täuschung findet bei Tausenden und aber Tausenden von Menschen, die

in weltlichen Dingen sich der schärfsten Sinne erfreuen, Augen, die

Schwarz für Weiß ansehen, Ohren, die der Lüge wie einer Offenbarung

aus der Höhe lauschen, und Kniee, die sich vor Charlatanen wie vor

Sendboten Gottes beugen. Hier baut die steifnackige Rechtgläubigkeit

ihren Tempel auf. Dort stellt der absolute Zweifel den seinen hin. Da

wieder hebt das unter dem Boden brennende vulkanische Feuer der

Schwärmerei die Decke, und rasch schwillt die anfangs unscheinbare

Blase zum mächtigen Dome, in welchem Fanatiker oder Betrüger eine

völlig neue Religion verkünden.

Gleich den Prairiebränden und Ueberschwemmungen des fernen Westen

verbreiten sich neue Heilsbotschaften über die Gemüther. Wie der

Tornado im Urwald die Eichen, werfen die Worte ihrer Apostel

zahlreiche Versammlungen auf die Kniee. Reden in Zungen, himmlische

Gesichte, Heilungen durch Handauflegen, Engelserscheinungen und

Teufelsaustreibungen sind in manchen Kreisen so alltäglich wie in den

Zeiten des Urchristenthums. Wunderliches wird wunderbar, Carricaturen

verwandeln sich in Heroen. Bald scheinen die Dämonen, die einst in

Säue fuhren, bald wieder scheint der Geist der Pfingsten die trübe

Fluth zu bewegen. Nichts ist so voll Widersprüche, nichts verstößt so

sehr gegen Sitte und Gewohnheit, daß es nicht einen Kreis von

Gläubigen um sich sammelte, wenn ein beredter Mund es vorträgt, ein

spitzfindiger Verstand es aus der Bibel rechtfertigt, und ein

organisirendes Talent ihm kirchliche Gestalt giebt. Ja gerade das

Barocke und Bizarre ist es, welches die größte Anziehungskraft

auszuüben scheint, wenn es auch häufig nur angenommen wird, um Tags

darauf mit einer noch seltsameren Verkehrtheit vertauscht zu werden.

Dieser dem Wechselfieber, Amerika's verbreitetster Krankheit,

vergleichbare Zustand, bei dem Leute, die im Laufe weniger Jahre

einem Dutzend Kirchen und Confessionen nach einander angehört haben,

keine Seltenheit sind, vereinigt in sich fast alle Symptome, welche

die Kirchengeschichte seit ihrem Beginn bis heute hat zu Tage treten

lassen. Die Ebioniten, die Gnostiker, die Klöster in ihrer Urgestalt,

die enthusiastischen Secten des Mittelalters, die Wiedertäufer von

Münster, die Camisarden, sie alle finden mehr oder minder ihr

Ebenbild in diesem transatlantischen Wirrsal, und nicht ohne

wesentlichen Gewinn für das Verständniß jener älteren Erscheinungen

dürfte eine genauere Untersuchung dieser ihrer Wiederholungen in der

Gegenwart sein.

Andeutungen über die Ursachen dieses auffallenden Phänomens im

amerikanischen Leben sind an einem andern Orte gegeben worden[1].

Hier haben wir es nur mit der sonderbarsten und zugleich mächtigsten

Ausgeburt dieses eigenthümlichen Dranges zur Sectengestaltung zu thun

-- einer Erscheinung, die überdies, indem sie gewissermaßen ein

=mixtum compositum= der Ergebnisse aller ähnlichen ist, uns das

gesammte Sectenwesen wiederspiegelt, und schließlich sehr belehrende

Streiflichter über die letzten Gründe des politischen und socialen

Dichtens und Trachtens in der transatlantischen Musterrepublik wirft.

[1] Wanderungen zwischen Hudson und Mississippi, von Moritz Busch,

Stuttgart und Tübingen, Cotta'scher Verlag, 1854.

Daß die Quäker in den Vereinigten Staaten ihren Hauptsitz haben, ist

bekannt: ebenso daß die verschiedenen Secten der Wiedertäufer hier

gegen zwei Millionen Bekenner zählen. Die Campmeetings oder

Lagerversammlungen der Methodisten mit den halb grauenvollen, halb

komischen Aeußerungen ihrer Inbrunst, ihren Abrahams a Sancta Clara,

ihrem verzückten Jauchzen und ihrer an das Treiben Besessner

grenzenden Zerknirschung sind uns wiederholentlich geschildert worden.

Weniger bekannt dagegen dürfte sein, daß um die Mitte des vorigen

Jahrhunderts Ann Lee, die Frau eines Hufschmieds aus England, nach

Albany kam, die sich für den in weiblicher Gestalt wiedererschienenen

Christus ausgab, den Eintritt des tausendjährigen Reichs verkündete,

die Vermischung der Geschlechter unter allen Umständen, und somit

auch die Ehe für Sünde erklärte, Gott durch Tanz zu verehren lehrte

und für diese wunderlichen Heilswahrheiten eine verhältnißmäßig nicht

geringe Anzahl von Gläubigen fand, deren Gemeinschaft noch jetzt

unter dem Namen der Shaker in achtzehn klosterartigen Niederlassungen

mit etwa viertausend Bewohnern fortgesetzt wird. Weniger bekannt mag

ferner sein, daß, von einer andern Engländerin, Jane Southcot,

gestiftet, in der Stadt Neuyork eine Secte besteht, welche nebst

andern Ceremonien auch die Beschneidung unter sich eingeführt hat,

daß die Swedenborgianer zahlreiche Gemeinden in Amerika haben, daß

die Geisterklopferei sich unter dem Titel Spiritualismus zu einer Art

Kirche gestaltet hat, daß in Pennsylvanien, in Ohio und bei Buffalo

pietistische Communisten-Niederlassungen blühen, und daß auch Cabet's

Icarier hier leidlich gedeihen. Weniger bekannt endlich ist wohl, daß

vor etwa zehn Jahren William Miller, der »Widderhornprophet«, die

Union durchzog, der mit Hilfe der Bibel, der Mathematik und seiner

Phantasie die schreckenvolle Gewißheit herausgerechnet hatte, daß die

Welt am 21. März 1844 untergehen müsse, und der mit seiner Predigt im

Osten wie im Westen Massen schwachsinniger Seelen zum Verkaufe ihrer

Habseligkeiten bethörte.

Alle diese und manche verwandte Erscheinungen finden in der

Vergangenheit des christlichen Europa ihr Seitenstück. Die aber,

von welcher wir nun handeln werden, hat, als Ganzes betrachtet,

soviel uns bekannt, weder in der christlichen Welt, noch im

Entwickelungskreise irgend einer andern Religion Ihres gleichen.

Das _Mormonenthum_ ist einzig in seiner Art. Es konnte nur dem

Boden der neuen Welt entkeimen, nur unter amerikanischer Sonne

gedeihen, und wenn es gestattet ist, Phänomene durchaus unerhörter,

den gewöhnlichen Voraussetzungen des Geschehens allenthalben

widersprechender Art Wunder zu nennen, so stehen wir hier bis auf

Weiteres vor einem der größten Wunder unseres Jahrhunderts.

Die Geschichte der Mormonen oder der Latter-Day-Saints, wie sie

selbst sich nennen, ist die Geschichte einer tauben Nuß, die, in den

Humus der transatlantischen Welt gepflanzt, in einer auf den ersten

Blick miraculösen Weise zum riesigen Baume erwuchs und Früchte

erzeugte, die keineswegs alle faul sind. Es ist die Geschichte einer

Lehre, die, ursprünglich ein ziemlich plumper Puff, allmälig durch

Hereinnahme einer Anzahl von mystischen Glaubenssätzen den Schein

eines tieferen Inhalts gewann und sich in staatlicher Beziehung zu

einer bisher noch nicht dagewesenen Theo-Demokratie ausbildete. Im

Stifter der Secte sehen wir unzweifelhafte Talente, große

Menschenkenntniß, bewunderswerthe Ausdauer, außerordentlichen

Scharfblick in der Wahl seiner Mittel mit unglaublicher Frechheit,

tiefer sittlicher Verworfenheit, und einer in ihrer Naivetät oft

geradezu drolligen Unwissenheit gepaart. Mag man ihn in einigen Zügen

mit Mohamed, in andern mit Cromwell vergleichen, so erinnert er in

weit zahlreichern Aeußerungen seines Charakters an Barnum, den

»Napoleon der Windbeutelei«, und war er unleugbar ein ungewöhnlicher

Mensch, ja darf man ihn als das personificirte Genie des Yankeethums

bezeichnen, so erklären sich seine Erfolge doch noch mehr als aus

seiner Begabung aus den Verhältnissen, in die er sich gestellt sah.

Diese Verhältnisse aber, unter denen es möglich war, daß eine Secte,

die im Jahre 1830 nur aus der Familie ihres Gründers und zwei

Freunden bestand, im Laufe von zwanzig Jahren trotz grausamer

Verfolgungen und trotz mannigfacher Gelegenheiten zur Erkenntniß der

Lügen, die ihr Kern waren, zu einer wohlgeordneten Kirche wurde,

deren hunderttausend Bekenner über die ganze Erde zerstreut sind:

diese eigenthümlichen Verhältnisse haben für unser Jahrhundert und

insbesondere für Amerika ebenso viel Beschämendes als Tröstliches.

Sie zeigen, daß in unserer Zeit das Licht der Bildung noch lange

nicht so weit leuchtet, als man gemeinhin annimmt und daß namentlich

die Vereinigten Staaten und England mit dem Prädicate einer

aufgeklärten Nation, das sie sich so gern zulegen, etwas sparsamer

umzugehen Ursache haben. Sie zeigen aber auch, daß da, wo freie

Institutionen herrschen, und wo die edlen Eigenschaften der

angelsächsischen Race das Ganze durchdringen, selbst der Betrug bald

eine Gestalt annehmen muß, die nach einer Seite hin wenigstens

Anerkennung und selbst Bewunderung verdient.

Die folgende Darstellung wird erkennen lassen, ob damit zu viel

gesagt ist.

Zweites Kapitel.

Joseph Smith der Schatzgräber und Prophet. -- Sidney Rigdon und der

offenbarende Engel. -- Ein Roman und die Verwandlung desselben in eine

Bibel.

Der Stifter des Mormonenthums war Joseph Smith, am 23. September 1805

zu Sharon im Staate Vermont geboren, und später mit der Familie

seines Vaters nach dem Dorfe Manchester bei Palmyra im Staate Neuyork

ausgewandert. Seiner Selbstbiographie zufolge stand sein Sinn schon

in früher Jugend auf göttliche Dinge, und als er siebzehn Jahre alt

war, wurde dieser Hang dadurch noch mehr genährt und aufgeregt, daß

ein beredter Methodistenprediger in der Nachbarschaft eine große

Erweckung der Seelen bewirkte. Häufig schüttete Joseph sein Sehnen

nach Erkenntniß vor Gott im Gebete aus, und oft brütete er Tage lang

über den rechten Weg zur Erlangung des Heils. Als er nun bei einer

solchen Gelegenheit in die Nacht hinein wach geblieben war, und

kniend den Herrn um Erleuchtung anflehte, welche von den

verschiedenen Secten und Kirchen die rechte sei, siehe da wurde sein

Gemach plötzlich von himmlischem Lichte erfüllt, und er erblickte

einen Engel neben sich, der ihn über den Pfad zur Gerechtigkeit vor

Gott unterwies und ihn zugleich belehrte, daß es auf Erden keine

echte Kirche mehr gäbe. Das Christenthum habe die göttliche Ordnung

mit Menschensatzung vertauscht, den Glauben verunstaltet und den

ewigen Bund gebrochen, wofür zur Strafe schon vor funfzehnhundert

Jahren das Priesterthum von ihm genommen worden sei. Endlich erfuhr

Joseph von dem Boten aus der Höhe, daß sein Gebet Wohlgefallen vor

Gott gefunden habe und in die Bücher des Lebens eingetragen worden

sei, daß der Herr ihn liebe, und daß er den Auftrag erhalten solle,

die Priesterschaft nach der Ordnung Melchisedek's unter den Menschen

wiederherzustellen und eine Kirche wahrer Gläubigen zu gründen zum

Empfange des Herrn, dessen tausendjähriges Reich nahe sei.

Bei einem späteren Besuche des Engels, der am 21. September 1823

stattfand, ward ihm die Eröffnung, daß er erwählt worden, ein

heiliges Buch, welches in der Nachbarschaft vergraben sei, und

welches, von altindianischen Propheten verfaßt, die Wahrheit über den

Ursprung der Ureinwohner Amerika's und deren Schicksale seit ihrer

Einwanderung aus Judäa enthalte, wieder zu finden und zu Nutz und

Frommen der Welt zu veröffentlichen.

Am folgenden Morgen nach der Stelle, dem Gipfel eines Berges

zwischen Canandaigua und Palmyra, den die Mormonen Cumorah nennen,

geführt, fand er nach kurzem Suchen eine acht Zoll hohe steinerne

Kiste, auf welche der Deckel mit Mörtel befestigt war. Er machte

wiederholentlich Versuche, sie aufzubrechen, bis ein Schlag von

unsichtbarer Hand ihn zurücktrieb. Auf sein inbrünstiges Gebet um

Erklärung dieses Widerstandes empfing er die Antwort, der Grund

davon, daß er keinen Erfolg gehabt, liege darin, daß er den

Einflüsterungen des Satans Gehör gegeben, welcher auf dem Wege neben

ihm hergegangen sei und ihn beredet habe, den Inhalt der Kiste zur

Förderung seiner zeitlichen Angelegenheiten zu verwenden. Dies war

Sünde. Der Gedanke, dadurch berühmt zu werden, war unheilige

Ehrbegier, dadurch zu Reichthum zu gelangen, strafbarer Geiz.

»Du kannst diese Urkunden noch nicht bekommen,« sagte der Engel.

»Niemand kann sie bekommen, wofern sein Herz unrein ist, weil sie das

enthalten, was heilig ist. Siehe, obwohl Du jetzt geschaut hast die

Macht der Finsterniß, woran Du fürderhin allezeit den Bösen gewahr

werden kannst, so will ich Dir noch ein anderes Zeichen geben, an

welchem Du inne werden sollst, daß der Herr Gott ist, und daß die

Kunde, welche diese Ueberlieferung enthält, zu allen Völkern,

Geschlechtern und Zungen unter dem Himmel getragen werden soll. Dies

aber ist das Zeichen: Wenn es bekannt wird, daß der Herr Dir diese

Dinge gezeigt hat, werden die Gottlosen Deinen Sturz suchen. Sie

werden Lügen verbreiten, um Deinen guten Ruf zu zerstören, und man

wird Dir sogar nach dem Leben trachten. Aber merke, wenn Du getreu

bleibst und fortan den Geboten des Herrn nachlebst, so sollst Du

bewahrt bleiben und zu rechter Zeit Erlaubniß erhalten, die Urkunden

von hier zu holen.«

Diese Verheißung erfüllte sich nach Verlauf von vier Jahren, während

welcher Zeit Joseph sich fortdauernd eines Gott wohlgefälligen

Wandels befleißigt, eifrig der Wahrheit nachgestrebt, und vielfache

lehrreiche Besuche von dem Engel empfangen hatte. Am 22. September

1827 öffnete ihm dieser die Steinkiste, zeigte ihm den Inhalt, der in

dem Schwerte Labans, einem Brustharnisch, einer Prophetenbrille, Urim

und Thummim genannt, und den Täfelchen bestand, auf welche die

Urkunden eingegraben waren, und gestattete ihm, einen Theil dieses

Schatzes mit heimzunehmen. Das Schwert, in der Zeit Zedekias aus

Jerusalem nach Amerika gelangt, war vom feinsten Stahl und hatte

einen goldenen Griff. Die Brille war von der Form eines kleinen

Bogens, in dessen Oesen zwei helle durchsichtige Steine eingesetzt

waren, und man konnte mit ihr in der Vergangenheit und Zukunft lesen.

Die Tafeln, die das Aussehen von Gold hatten, sieben Zoll breit, acht

Zoll lang und nicht ganz so stark wie gewöhnliches Blech waren,

wurden durch drei an der einen Seite hindurchgehende Ringe zu einem

Bande zusammengehalten und waren auf beiden Seiten mit ägyptischen

Charakteren gefüllt. Ein Theil derselben war durch ein Siegel

verschlossen.

Joseph nahm die Urkunden mit sich nach seines Vaters Haus, und als

die Nachricht von seinem Funde sich in der Gegend verbreitete,

erfüllte sich, was der Engel geweissagt. Man streute nach allen

Richtungen hin falsche Darstellungen der Sache aus, man spottete und

höhnte über die wunderbare Eröffnung. Pöbelhaufen bestürmten das Haus

der Familie Smith, und mehrmals wurden Versuche gemacht, dem

Propheten mit Gewalt die kostbaren Goldplatten zu entreißen, sodaß er

sich endlich entschloß, nach dem benachbarten Pennsylvanien

auszuwandern. Hier, wo in der Nähe des Susquehanna sein

Schwiegervater wohnte, übertrug er mit Hilfe der Urim und Thummim und

eines Schreibers, Namens Cowdery, den unversiegelten Theil des

Urkundenbuchs ins Englische, welcher später unter dem Titel »das Buch

Mormons« im Druck erschien.

Bis hierher folgten wir der Darstellung der Sache, wie sie von Smith

selbst und dem Mormonenapostel Orson Pratt erzählt wird. In Wahrheit

verhielt es sich sehr wesentlich anders damit. Zwar mag der Prophet

bei der Erweckung der Nachbarschaft durch jenen Methodistenprediger

einige Eindrücke empfangen und sich mit den Hauptthesen des

Sectenstreites unter seinen Landsleuten bekanntgemacht haben. Statt

aber im Rufe von Frommen zu stehen, galten Joseph Smith und seine

ganze Familie vielmehr allenthalben als leichtsinnige, lügenhafte

Taugenichtse. Statt zu arbeiten, streiften sie in der Gegend als

Schatzgräber umher. Sie bedienten sich dabei eines sogenannten

»Sehersteins«, bisweilen auch einer Wünschelruthe. Die Sage wollte,

daß in den westlichen Grafschaften des Staates Neuyork große

Reichthümer aus der Zeit de Sotos verborgen lägen, und Joseph hatte

sich bei den Abergläubischen den Ruf zu erwerben gewußt, diesen

unterirdischen Schätzen mit Glück nachzuspüren. Im Jahre 1825 machte

er in dem pennsylvanischen Orte Harmony die Bekanntschaft einer Miß

Emma Hale und beredete sie, sich von ihm entführen zu lassen und

heimlich seine Frau zu werden. Zu derselben Zeit beschwatzte er einen

gewissen Lawrence, sich mit ihm zu verbinden, um am Susquehanna eine

von ihm entdeckte reiche Silbergrube auszubeuten; als sie indeß nach

dem angegebenen Orte kamen, war nichts von einem Erzgange zu

entdecken, und Lawrence hatte sein Geld umsonst ausgegeben. 1826

dupirte er in ähnlicher Weise den Farmer Stowell zu Bainbridge, indem

er demselben vorredete, er habe in einer Höhle nicht weit von

Manchester einen Goldklumpen entdeckt, von dem er ihm gegen das

Versprechen, ihn nebst seiner Frau aus Pennsylvanien nach dem

Wohnorte seines Vaters zu schaffen, die Hälfte zu geben sich

anheischig machte. Stowell ging darauf ein und erfüllte seinen Theil

des Vertrags; als Smith aber nun auch seiner Verpflichtung nachkommen

sollte, entzog er sich derselben durch die Ausflucht, er könne seine

junge Gattin nicht allein unter Fremden lassen, und der getäuschte

Farmer kehrte heim, um seiner Kohlbeete zu warten und dazu über den

Eulenspiegel zu schimpfen, der ihn so schmählich am Narrenseile

herumgeführt hatte. Dies ist in der Hauptsache die wirkliche

Geschichte des neuen Propheten in der Zeit zwischen der ersten

angeblichen Engelserscheinung und dem Punkte, wo es zu verlauten

begann, daß er an der Uebersetzung seines Fundes arbeite.

Aber auch über den letzteren wurde bald eine völlig andere Kunde

laut, als die, welche Smith und seine Freunde der Welt aufbinden zu

können geglaubt hatten. Das Buch Mormon war nichts weniger als eine

Sammlung von Urkunden, von indianischen Propheten vor Jahrhunderten

geschrieben. Es war vielmehr das Erzeugniß der Mußestunden eines

gewissen Spalding, welcher von 1809 bis 1812 im Städtchen Conneauct

in Nordohio in Gemeinschaft mit einem gewissen Lake ein Eisenwerk

betrieben hatte. Es war eine Art historischer Roman, in welchem die

auch sonst in Amerika häufig gehörte Ansicht durchgeführt war, daß

die Ureinwohner des westlichen Continents Nachkommen der Kinder

Israel's seien, und welcher zu dem Zwecke weitläufige Berichte über

ihre Wanderungen von Jerusalem nach Amerika und ihre Schicksale in

diesem Welttheile enthielt. Das Eisenwerk bezahlte sich nicht, und da

Spalding mittlerweile auf die Idee gerathen war, er könne durch

Veröffentlichung seines Buchs ein wohlhabender Mann werden, so begab

er sich im Jahre 1812 nach Pittsburgh, wo er die »Entdeckte

Handschrift« -- so hatte er nämlich das Product getauft -- dem

Drucker Lambdin zum Verlag anbot.

In dessen Verwahrung verblieb das Manuscript -- wie die Einen sagen

-- kurze Zeit, kam dann an den Verfasser zurück, wurde nach dessen

bald darauf erfolgtem Ableben von der Witwe mit nach Hartwick, nicht

weit von der Wohnung jenes mit Smith befreundeten Farmers Stowell,

genommen und gelangte von hier um das Jahr 1820 nach dem Hause ihres

Bruders zu Onondaga Hollow, nicht fern von Manchester, dem damaligen

Aufenthaltsorte Smiths. Hier wurde es, behauptet man, von Joseph aus

dem Koffer, wo es mit anderen Papieren Spaldings gelegen, entwendet

und in ein Religionsbuch umgebildet.

Diese Angaben sind, wo nicht geradezu unglaubwürdig, doch zu wenig

begründet. Weit richtiger scheint die folgende Erklärung. Die

»Entdeckte Handschrift« war mehrere Jahre und auch dann noch in

Lambdins Verwahrung verblieben, als Spalding im Frühling 1816 starb

und einige Zeit nachher die Firma Lambdin und Patterson Bankerott

machte. Nun hielt sich von 1823 bis 1826 ein gewisser Sidney Rigdon

in Pittsburgh auf, der früher Buchdruckergehilfe gewesen war und

jetzt in der Eigenschaft eines Predigers der »Reformers« oder

»Disciples« wirkte. Er war, wie sein späteres Verhalten zeigt, ebenso

schlau als ehrgeizig und nie um die Mittel zur Erreichung seiner

Zwecke verlegen. Er stand auf ziemlich vertrautem Fuße mit Lambdin

und verließ, als dieser starb, seinen bisherigen Aufenthaltsort, um

sich in Mentor, einem Städtchen im nördlichen Ohio, eine Gemeinde zu

bilden, der er ähnliche Dinge wie die, welche der Engel Joseph Smith

verkündet, vortrug. Eine andere Thatsache, die zu Schlußfolgerungen

berechtigt, ist die, daß Rigdon während des Herbstes von 1826 häufige

Reisen von Mentor nach Pittsburgh unternahm, von wo es nicht weit bis

zum Susquehanna und dem damaligen Wohnorte Smiths ist.

Als nun im Jahre 1830 das »Buch Mormon« oder wie es in der ersten

Ausgabe heißt, »die goldene Bibel« im Druck erschien und von

Gläubigen und Ungläubigen mit Begier gelesen wurde, erklärten

Spaldings Witwe und sein Bruder, erstaunt und entrüstet zugleich,

dasselbe sei in der Hauptsache nichts anderes, als die ihnen noch

sehr wohl erinnerliche »Entdeckte Handschrift« ihres verstorbenen

Gatten und Bruders. Die Namen der Personen und Orte, ja was noch

mehr, die psychologischen Unwahrscheinlichkeiten und auffälligen

Stylmängel waren fast durchgängig beibehalten, und der Bearbeiter

hatte nur etwas mehr religiöses Material hinzugethan. Ihre Einsprache

gegen den Betrug, auf welche Rigdon lediglich mit Schmähungen und

Grobheiten antwortete, wurde durch das Zeugniß des einstigen

Compagnons von Spalding, sowie durch einen großen Theil der Bewohner

Conneaucts bekräftigt, und so scheint das Räthsel sich dahin

aufzulösen, daß Lambdin, nachdem er mit seiner Druckerei Bankerott

gemacht, die in seiner Verwahrung befindlichen Manuscripte in der

Absicht durchsah, sich durch eine Speculation mit einem auffälligen

Buche wieder emporzuhelfen, daß er zu diesem Zwecke kein besseres

Mittel als die »Entdeckte Handschrift« wählen konnte, deren Verfasser

ihm überdies kein Hinderniß mehr in den Weg zu legen vermochte, daß

er dieses Werk an Rigdon übergab, um es nach seinem Ermessen zu

feilen und zu ändern, und daß dieser den Roman in eine Bibel

umprägte. Der Tod Lambdins machte Rigdon zum alleinigen Besitzer des

Geheimnisses und seines möglichen Gewinns. Letzterer wurde sicherer,

wenn das Buch in miraculöser Weise an den Tag gebracht wurde. Das

damals sich verbreitende Gerücht, in Canada sei eine goldene Bibel

ausgegraben worden, lenkte auf den Gedanken, auch die Urkunden

Mormons auf Goldtafeln geschrieben sein und dem Schoose der Erde

entsteigen zu lassen. Es war endlich ein Gehilfe zu suchen, der im

Rufe eines Schatzgräbers stand, da, wenn man diesen den Fund thun

ließ, der Verdacht nicht auf Rigdon fiel, und hierzu war Joseph Smith

nach dem Vorigen der rechte Mann. Derselbe ging auf Rigdon's Antrag

ohne Bedenken ein, und wenn er einige Zeit nach der ersten

Besprechung mit dem Urheber des Plans nach Pennsylvanien zog, so

geschah dies nicht wegen Gefährdung seines Lebens daheim, sondern

deshalb, weil er am Susquehanna seinem Genossen näher war und sich

dort ungestörter von ihm seine Rolle einüben lassen konnte.

Die weitere Entwickelung wirft aber noch mehr Licht auf das

Verfahren, womit die beiden Schwindler ihr öffentliches Auftreten

einleiteten. Weder Smith noch Rigdon war im Besitze der Mittel zur

Veröffentlichung des Fundes durch den Druck. Ersterer wendete sich

deshalb zuerst an den Quäker Crane, um ein Darlehen zur Förderung des

Werkes Gottes, wurde aber mit spöttischen Worten abgewiesen. Er warf

sodann seine Augen auf den Farmer Harris, einen leichtgläubigen

Tropf, welcher bereits einem halben Dutzend Secten nach einander

angehört hatte. Er trat ihm eines Tages in den Weg, verkündete ihm,

daß der Herr ihm geboten, sich von ihm funfzig Dollars zum Beginn des

Werks der Uebertragung seines Indianerevangeliums geben zu lassen,

und empfing von dem durch Verheißung großen Lohnes bestochenen Harris

wirklich die verlangte Summe. Noch kräftiger bearbeitet, streckte

dieser nach und nach gegen dreitausend Dollars vor und gab sich sogar

selbst zum Schreiber her, dem Smith seine Uebersetzung dictirte. Da

er indeß der Feder nicht recht mächtig war, so wurde er durch Oliver

Cowdery, einen Schulmeister, ersetzt, welcher die Arbeit bis zum

Drucke vollendete. Smith legte dabei die Pseudo-Goldplatten in einen

Hut, hielt sich die Prophetenbrille der Urim und Thummim vor die

Augen und dictirte die Worte der Urkunde, die sich vermittels dieses

Instruments aus neuägyptischen in englische verwandelten, dem

Schreiber, von dem er durch einen Vorhang geschieden war, in die

Feder. Ins Natürliche übertragen heißt das, er las das Manuscript

Rigdons, das er in seinem Hute verborgen, ab, oder sagte, was er

davon für den Tag auswendig gelernt hatte, aus dem Gedächtnisse her.

Anfänglich scheint weder Rigdon noch Smith an die Stiftung einer

neuen Religion gedacht zu haben. Man hatte lediglich den Zweck im

Auge, der angeblichen Entdeckung eines Buchs aus der Urzeit Amerika's

dadurch, daß man sie als von Engelserscheinungen begleitet und von

einem Nimbus aus der Höhe umflossen darstellte, die Gemüther der

zahlreichen Wundergläubigen im Lande zuzuwenden. Kurz vor dem

Erscheinen des Buchs Mormon im Druck aber müssen die Ansichten der

Beiden über den Weg, den sie einzuschlagen, eine Aenderung erfahren

haben, indem am 6. April 1830 zur Gründung einer »Kirche aus den

Heiden« verschritten wurde.

Ehe wir jedoch diesem Treiben unsere Aufmerksamkeit zuwenden, sei

ein Ueberblick des Inhalts der Mormonenbibel gestattet, die

gegenwärtig in englischer, walisischer, französischer, italienischer,

dänischer und deutscher Sprache zu haben, ja selbst in die der

Sandwichsinsulaner übersetzt und in mehr als einer halben Million

Exemplaren verbreitet ist.

Das Buch Mormons zerfällt in die Bücher Nephi 1 und 2, Jacob, Enos,

Jarom, Omni, Mosiah, Alma, Helaman, Nephi des Jüngern, Mormon, Ether

und Moroni, die zusammen so viel Stoff enthalten als das alte

Testament ohne die Apokryphen. Der Inhalt aber ist in Kurzem

folgender: Als der Herr, um den Bau des Babelthurms zu vereiteln, die

Sprachen der dort zusammengeströmten Menschen verwirrte, erbarmte er

sich der Jarediten ob ihres frommen Wandels und beließ sie im

bisherigen Gebrauche ihrer Zunge. Von Gott dazu angeregt, verließen

sie das Land Schinear und wanderten nach der Westküste des Oceans,

von wo sie in acht Schiffen nach dem nördlichen Amerika fuhren. Hier

wohnten sie anderthalb Jahrtausende, wurden zu einer zahlreichen und

mächtigen Nation, versanken aber allmälig in Unglauben und Laster und

wurden in Folge dessen um das Jahr 600 vor Christi Geburt von Gott so

vollständig vertilgt, daß von ihnen nichts übrig blieb, als die

Trümmer ihrer Städte und die von ihrem Propheten Ether auf

Goldplatten verzeichnete Geschichte ihres Aufblühens und Untergangs.

Um die Zeit ihrer Ausrottung wurde eine jüdische Familie vom Stamme

Josephs, der fromme Lehi mit seinem Weibe Sariah und seinen vier

Söhnen, auf wunderbare Weise aus Jerusalem nach der Westküste

Südamerika's geleitet, und elf Jahre später brach ein dritter Zug von

israelitischen Auswanderern, worunter etliche vom Stamme Juda,

gleichfalls nach dem großen Festlande jenseit des Stillen Oceans auf.

Sie landeten in Nordamerika, begaben sich indeß später nach dem

Süden, wo sie nach Verlauf von ungefähr vierhundert Jahren von dem

einen Theile der Frühergekommenen entdeckt wurden und mit ihnen zu

einem Volke verschmolzen.

Die Nachkommen Lehi's nämlich schieden sich einige Zeit nach ihrer

Ankunft auf amerikanischem Boden in zwei Stämme, eine Spaltung,

welche dadurch veranlaßt wurde, daß einige von ihnen die Uebrigen

wegen ihrer Gottesfurcht anfeindeten und verfolgten. Diese Frommen,

die sich nach dem sie führenden Propheten Nephiten nannten, wanderten

nach Centralamerika und von dort nach dem Norden aus, während jene

Gottlosen, nach ihrem Feldherrn Lamaniten geheißen, im Süden

zurückblieben.

Die Lamaniten brachten durch ihres Herzens Härtigkeit und Bosheit

viele und schwere Heimsuchungen auf sich herab. Namentlich

verwandelte der Fluch Gottes ihre von Natur weiße Farbe in ein

schmutziges Roth. Sie waren Leute von roher und blutgieriger

Sinnesart und ihren Brüdern, den Nephiten so überaus aufsässig, daß

sie dieselben mehrmals in zahllosen Horden mit Krieg überzogen,

Angriffe, die jedoch allenthalben siegreich zurückgeschlagen wurden.

Die Nephiten waren in allen Stücken das Gegentheil dieses bösen

Volkes. Sie hatten in ihrem Besitze eine Abschrift des Gesetzes Moses

und der Propheten bis auf Jeremia, in dessen Tagen ihr Stammvater

Jerusalem verlassen hatte, und diese Ueberlieferungen aus dem Lande

ihrer Vorfahren, die auf Erztäfelchen gegraben waren, erhielten eine

Fortsetzung in anderen Tafeln, welche von den Weisen und Sehern der

Nation mit den Thaten ihrer Könige und Helden, sowie mit den

Gesichten, Wundern und Offenbarungen, deren Gott das fromme Volk

würdigte, gefüllt wurden. Und der Herr segnete sie mit Gedeihen, und

sie wuchsen und breiteten sich aus nach Osten, Westen und Norden,

bedeckten die Thäler und Ebenen mit Städten und Dörfern, Tempeln und

Burgen, erbauten alle Gattungen Getreide in Ueberfluß und zogen

zahlreiche Arten von Hausthieren. Sie kannten zugleich die Gewinnung

und den Gebrauch von Gold, Silber, Kupfer und Eisen. Künste und

Wissenschaften blühten unter ihnen, ja selbst einige Zweige der

Maschinenbaukunde waren ihnen bekannt. Die geistigen Interessen

wurden durch Propheten besorgt, die in die fernste Zukunft schauten

und nicht blos die Erscheinung des Messias im Fleische, sondern sogar

seine Wiederkunft und die Errichtung seines tausendjährigen Reiches

weissagten. Dessenungeachtet wichen auch die Nephiten endlich von den

Wegen des Herrn, verfielen in Sünden und Laster und tödteten die

Propheten, die sie davon abmahnten. Da ergrimmte der große Jehova

über sie und suchte sie mit schweren Strafen heim. Finsterniß sank

auf die Erde herab, ein grauenvolles Erdbeben wüthete von einem

Meeresstrande zum andern, Berge sanken zu Thälern ein, Thäler

schwollen zu Bergen, Seen flutheten an der Stelle verschlungener

Ortschaften, und der größte Theil der Nephiten und Lamaniten wurde

vernichtet. Die aber, welche diese furchtbare Katastrophe überlebten,

wurden mit einer persönlichen Erscheinung Christi, der kurz vorher in

Jerusalem gestorben, auferstanden und gen Himmel gefahren war,

begnadigt. Er zeigte ihnen Seitenwunde und Nägelmaale, predigte ihnen

das Evangelium, setzte die Sacramente ein, heilte Lahme und Blinde,

erweckte einen Todten und machte dem frommen Volke alle Dinge bis ans

Ende der Tage bekannt. Ein Theil seiner Reden und Thaten ist im Buche

Mormons zu lesen; der größere und wichtigere Theil derselben aber

wartet vorläufig noch der Uebertragung aus dem neuägyptischen

Originale.

Nachdem der Erlöser sein Werk in Amerika vollendet, stieg er wieder

(wer denkt bei diesem Auf und Ab nicht an die Papierdrachen, welche

unsere Knaben steigen und sinken lassen, wie und wenn sie wollen?) in

den Himmel. Die zwölf Jünger aber, die er gewählt, zogen durch das

Land, predigten allenthalben die frohe Botschaft, thaten Wunder und

bekehrten nicht blos alle bis dahin dem Gesetze Mosis unterthanen

Nephiten, sondern auch viele Lamaniten. Der dadurch hervorgerufene

gottselige Zustand des amerikanischen Volkes erhielt sich länger als

dreihundert Jahre in seiner Reinheit. Allmälig jedoch rissen wieder

Unglauben und Ungerechtigkeit ein, und gegen das Ende des vierten

Jahrhunderts der christlichen Aera hatte die Ruchlosigkeit einen

solchen Grad erreicht, daß die Langmuth des Herrn sich in strafenden

Zorn verwandelte. Ein schrecklicher Krieg brach zwischen den

Lamaniten im Süden und den jetzt nur noch in Nordamerika wohnenden

Nephiten aus, und dessen Ausgang war die beinahe gänzliche Ausrottung

der letzteren auf dem Berge Cumorah, wo sich der Rest der Nation in

einem meilenlangen Lager verschanzt hatte.

Unter den Ueberlebenden waren der Prophet Mormon und sein Sohn

Moroni, von denen der Erstgenannte einen Auszug aus den

Ueberlieferungen seiner Vorväter gemacht hatte, den er vor seinem

Tode dem Sohne zur Vollendung übergab, während jene Traditionen von

ihm auf Gottes Geheiß im Berge Cumorah verborgen wurden. Moroni

führte die Chronik seines Vaters noch einige Jahre fort, und wir

erfahren von ihm, daß die unversöhnlichen Lamaniten die wenigen von

den Kindern Nephi, welche jener Vertilgungsschlacht entronnen waren,

so lange verfolgten, bis das ganze Geschlecht, ihn ausgenommen,

vernichtet war. Er berichtet fernerhin, daß nach dem Untergange ihrer

Gegner die Lamaniten unter sich selbst in Streit geriethen, und daß

ganz Amerika lange Zeit nichts als ein großer Schauplatz von Gewalt,

Raub und Blutvergießen war. Er schließt endlich seine Geschichte im

Jahre 424 nach Christi Geburt, um die Platten, auf die sie

geschrieben, ebenfalls in den heiligen Berg zu vergraben.

Drittes Kapitel.

Die Mormonen in Missouri und Ohio. -- Zion im Westen. -- Verfolgungen in

Missouri und Triumphe in Illinois. -- Die Wunderstadt Nauvoo und ihr

Tempel. -- Die Ermordung des Propheten und der Auszug aus Aegypten.

Wir kehren nun zu der Geschichte Smiths und der von ihm am 6. April

1830 gegründeten neuen »Kirche« zurück. Dieselbe bestand anfänglich

nur aus dem Propheten selbst, seiner Frau, der Familie seines Vaters

und seinen Freunden Martin Harris und Oliver Cowdery. Nach dem

Sprichworte, daß ein Prophet in seinem Vaterlande nichts gilt,

fanden sich in Manchester nur Wenige, die der Predigt von dem

erdentstiegenen Pseudoevangelium ein geneigtes Ohr leihen mochten.

Dagegen wurden in den Grafschaften Fayette und Colesville

Zweiggemeinden zu Stande gebracht. Trotzdem würde schwerlich etwas

Bedeutendes erreicht worden sein, wenn die Helfershelfer Smiths

nicht auswärts wichtigere Erfolge vorbereitet hätten.

Im August 1830 reiste (die Mormonen sagen: zufällig) ein

Campbelliten-Prediger aus Lorrain-County in Ohio auf dem Canale durch

Palmyra, hörte hier von der neuen Religion, besuchte den Propheten,

las das Buch Mormons und wurde zum Glauben an seine Echtheit bekehrt.

Dies war Parley Peter Pratt, später einer der beredtesten und

feurigsten Vertheidiger und einer der fruchtbarsten Hymnendichter des

Mormonenthums, jetzt Präsident seiner zahlreichen Gemeinden auf den

Inseln des Stillen Oceans. Bei seiner Rückkehr nach Ohio, wohin ihn

Cowdery begleitete, übergab er die »Goldne Bibel« dem in der

Nachbarschaft lehrenden Rigdon, der dadurch zu einer Reise nach

Manchester bewogen wurde, wo er sich nach einigem Sträuben

gleichfalls bekehren ließ und sofort zum Aeltesten, Oberpriester und

Schriftführer ernannt wurde. Heimgekehrt rief er unverzüglich seine

Gemeinde zusammen, trug ihr in einer zweistündigen Rede voll

glühender Begeisterung seine Erfahrungen im Staate Neuyork vor,

ermahnte, flehte, weinte Zähren des Kummers und der Wonne, fiel

einige Male in Ohnmacht, sah den Himmel offen und bewirkte durch

diese und ähnliche Mittel, daß der größte Theil der Versammelten sich

von ihm und Cowdery taufen ließ.

Um diese Vorgänge begreiflich zu finden, muß man wissen, daß Pratt

ein alter Bekannter Rigdons war, und sich erinnern, daß Letzterer

schon seit drei Jahren die buchstäbliche Deutung der biblischen

Weissagungen, die bevorstehende Sammlung des Hauses Israel zum

Empfange des wiederkommenden Messias, die Aufrichtung des

tausendjährigen Reiches und die Nothwendigkeit wunderbarer

Gnadengaben in einer Kirche, welche sich die rechte nenne, gelehrt

hatte. Man wird dann auch die zufällige Reise Pratts zu Smith für

eine verabredete, und das Sträuben Rigdons für ein blos scheinbares

halten dürfen. Vor allen Dingen aber erklärt sich daraus die Fülle

eigenthümlicher Dogmen, welche nun in der Form unmittelbarer

göttlicher Eingebungen im Kreise der Jünger Smiths auftauchten, ein

Conglomerat von Tollheiten, das später in dem zweiten großen

Religionsbuche der Secte, dem »Book of Doctrine and Covenants« dem

ersten an die Seite trat.

Die Zusammenkunft Rigdons und Smiths hatte im October 1830

stattgefunden. Im Januar des nächsten Jahres empfing der Letztere

eine Offenbarung, in welcher den Gemeinden im Osten geboten wurde,

nach der Stelle auszuwandern, welche, wie Rigdon schon längst erklärt

hatte, »sich an der Markscheide des Erbes der Heiligen befand,« ein

Erbtheil, welches sich von dort bis an das Stille Meer erstrecken

sollte. Der Prophet und die Seinen zogen in Folge dessen nach dem

Städtchen Kirtland in Nordohio, wo Pratt, Rigdon und Cowdery bereits

eine Gemeinde von einigen hundert Seelen beisammen hatten. Hier

entwickelte sich ein Schauspiel der seltsamsten Art, und eine Masse

Neugieriger strömte von allen Gegenden herbei, um Zeuge dieser

Vorgänge zu sein. Der Wahnsinn der methodistischen Lagerversammlungen

tobte hier in gesteigertem Grade. Verzückungen waren an der

Tagesordnung. Männer und Frauen fielen bei den öffentlichen

Versammlungen zu Boden, stöhnten, kreischten, wälzten sich zuckend

und zappelnd umher, wiesen gen Himmel, wo eine Wolke heiliger Zeugen

schwebte, sprachen in Zungen, namentlich in denen der Indianer, zu

deren Bekehrung sie aufbrechen zu müssen erklärten, fuhren wie

besessen zu den Thüren hinaus und wieder herein, fielen in Ohnmacht,

sprangen wieder auf, stellten sich predigend und singend auf Zäune

und Baumstümpfe und verkündeten den Anbruch des jüngsten Tages.

Einige hoben Steine auf und lasen auf ihnen sonderbar klingende

Inschriften, wo Andere bloßes Moos erblickten. Einigen fielen

plötzlich Pergamentrollen vom Himmel auf den Kopf, welche mit dem

Siegel Christi gesiegelt waren, und welche sie nicht so bald

abgeschrieben hatten, als sie wieder verschwanden. Die rasendste

Aufregung herrschte in ihren Zusammenkünften, jedes einzelne Mitglied

der Secte war durch diese »Ausgießung des heiligen Geistes« zum

Schauer und Offenbarer geworden.

Diese Allgemeinheit des Prophetenthums konnte als Zeugniß für die

Echtheit der neuen Religion gelten. Ihre Dauer jedoch war

begreiflicher Weise nicht nach Smiths Geschmack, der so nur =primus

inter pares= gewesen wäre. Er mußte den Brand, den er entzündet,

mäßigen, dem Eifer der Brüder und Schwestern Schranken setzen, und so

predigte er eines Tages, wie er eine Offenbarung empfangen habe, in

welcher Gott die Heiligen warne, sich der Gewalt, die über sie

gekommen, zu arglos hinzugeben, indem der Satan dabei die Hände im

Spiele habe und die Gaben des heiligen Geistes zu seinen Zwecken

verkehre. Verschiedene andere Offenbarungen folgten, von denen die

eine die Gläubigen anwies, den »Seher« mit allem Nöthigen zu

versorgen, da er nicht mehr für seinen Unterhalt weltliche Arbeit

thun solle, die andere einige aufsässige oder lässige Gemeindeglieder

tadelte, eine dritte endlich die Gabe des Schauens und Weissagens auf

»=Mr. Joseph Smith junior=« beschränkte. Er allein sollte fürderhin

das Vorrecht haben, mit Engeln zu verkehren, und ihm sollten Alle als

dem Dolmetsch der Befehle Jehova's gehorchen.

Dies geschah. Um sich aber für die Zukunft sicher zu stellen, und

einestheils dem Eifer der Schwärmer einen Abzugscanal zu schaffen,

anderntheils die einflußreichsten und ehrgeizigsten Mitglieder der

Secte auf eine Weile von sich zu entfernen, entwarf der schlaue

Prophet einen andern Plan. Im Juni 1831 hatte er eine weitere

Offenbarung, in welcher Gott die Aeltesten der Kirche anwies,

paarweise nach Westen zu wandern, auf dem Wege zu predigen und zu

einer bestimmten Zeit am Ufer des Missouri zusammenzutreffen, wo

Cowdery vorher das Land nach einer passenden Stelle zur Gründung der

zukünftigen Hauptstadt des Reiches Gottes auf Erden ausgekundschaftet

hatte.

Diese Stelle war in der Nähe des in der Grafschaft Jackson in

Westmissouri gelegenen Städtchens Independence. Sie war mit großer

Umsicht gewählt, und nicht völlig unglaubwürdig klang es, wenn der

Prophet verkündete, daß hier einst der Garten Eden und Adams Altar

gestanden. Bei Weitem herrlicher aber war die Aussicht, welche Smiths

Prophetengeist in die Zukunft dieses Neuen Jerusalems der Heiligen

eröffnete. Hier sollten sich einst alle Gläubigen anbauen, hier alle

Könige der Erde ihren Tribut entrichten, hier eine ungeheure Stadt

sich erheben, deren Straßen mit Gold und Edelsteinen gepflastert sein

sollten -- und was dergleichen Ueberschwänglichkeiten mehr sind.

Manche dieser Weissagungen würden sich, wie die Folge zeigen kann,

wenigstens annähernd erfüllt haben, wenn die Führer der Secte sich

nicht in den bereits hier wohnenden Hinterwäldlern verrechnet hätten

und nicht gleich Anfangs mit unmäßigen Ansprüchen aufgetreten wären.

Die Sendboten Smiths zogen, dreihundert an der Zahl, seinem Befehle

gehorsam nach Missouri. Das neue Zion wurde zu bauen begonnen, der

Grundstein zum Tempel gelegt, und bald hatten sich von Denen, die

unterwegs bekehrt worden waren, gegen zwölfhundert als Ansiedler in

Jackson County niedergelassen. Smith und Rigdon, die bei der

Grundsteinlegung zugegen gewesen waren, begaben sich bald nachher

nach Kirtland zurück, welches sie in Shinear umgetauft hatten. Hier

verbrachte der Prophet die Zeit bis zu Ende des Januar 1832 theils

mit Predigen und der Anfertigung neuer Offenbarungen, die Rigdon

stylisirte und Smiths Frau, Emma, »die auserwählte Dame«

niederschrieb, theils mit Arbeiten in seinem Kramladen und seiner

Mühle, theils mit der Leitung des Baus eines Tempels, der

vierzigtausend Dollars kostete und noch heute steht. Die Secte wuchs

noch immer, hatte jedoch schon jetzt mehrere Abtrünnige, die sich

dann gewöhnlich in erbitterte Verfolger verwandelten. Von einer Rotte

derartiger Bursche, die von dem Campbelliten-Prediger Rider angeführt

war, wurden Smith und Rigdon, als sie in dem Dörfchen Hiram sich

aufhielten, in der Nacht vom 25. bis 26. Januar überfallen, aus den

Betten gerissen und so grausam getheert und gefedert, daß es Joseph

gerathen fand, sich auf einige Monate zu den Brüdern in Missouri zu

flüchten. Hier wurde er anfänglich mit allen Ehren empfangen, später

jedoch monarchischer Gelüste bezüchtigt, eine Anklage, welcher er,

als sie zu einer Spaltung zu führen drohte, unter dem 18. März 1833

von Kirtland aus mit einer Offenbarung entgegentrat, in der ihm

Jehova gebot, »seinen Knecht Rigdon« und einen gewissen Williams

durch Handauflegung zu »gleicher Macht und Würde mit ihm im Amte der

Schlüssel zu Gottes letztem Königreiche« zu erheben. Diese

Nachgiebigkeit stellte die Ruhe wieder her, und beide Niederlassungen

fuhren fort zu blühen.

Um die Mitte des Jahres 1833 waren die Mormonen in Missouri durch

Zuwanderungen aus dem Osten auf mehr als dreitausend Seelen

angewachsen. Sie hatten mehrere Fabriken und Mühlen errichtet und

besaßen in Independence ein gemeinschaftliches Magazin, »der Speicher

des Herrn« genannt, sowie eine Zeitung, den »Evening and Morning

Star.« An ihrer Spitze standen der Bischof Partridge und Elder

Phelps, der Redacteur des ebengenannten Blattes. Es schien, als müßte

Zion gedeihen, als sich plötzlich unter den Bewohnern von

Jackson-County Demonstrationen feindseliger Natur vorzubereiten

begannen. Das Volk hielt mehrere Versammlungen, in denen die Mormonen

verschiedener Verbrechen angeklagt wurden, und in deren letzter man

den Beschluß faßte, hinfort keinem Mitgliede der Secte die

Niederlassung in der Grafschaft zu gestatten, von den darin bereits

Angesessenen den Abzug binnen bestimmter Frist zu fordern, die

unverzügliche Schließung der Arbeit in ihrem Magazine und ihren

Fabriken zu bewirken und der Herausgabe der Zeitung ein Ende zu

machen.

Wieviel von jenen Anklagen Wahrheit, wieviel Eingebung der Misgunst

war, muß dahin gestellt bleiben. Daß die Mormonen unvorsichtig

geprahlt haben mögen, das ganze Land sei ihnen von ihrem Jehova

beschieden, scheint ausgemacht. Daß sich viele räudige Schafe unter

der Heerde befanden, litte auch dann keinen Zweifel, wenn der Prophet

sie nicht ausdrücklich in mehreren Offenbarungen getadelt hätte.

Ebenso wahr jedoch ist, daß die Bevölkerung von Missouri den Jüngern

Smiths schon deshalb, weil sie meist Yankees waren und mehr noch

deshalb nicht wohl wollte, weil sie keine Sclaven hielten. Ebenso

wahr ferner, daß Prediger, denen bei dem reißenden Zulaufe zu der

Secte um ihre Gemeinden, das heißt, um ihren Brotkorb bange wurde,

diese Abneigung zum Hasse schürten. Ebenso wahr endlich, daß die

Hinterwäldler des westlichen Grenzlandes, »dieser Schaum, den die

schwellenden Wogen der Zivilisation hierher gespült,« ungemein wenig

Ursache hatten, über etwaige Viehdiebstähle und sonstige

Ungehörigkeiten als über etwas unter ihnen Unerhörtes die Entrüsteten

zu spielen. Das Schlimmste aber war, daß man, als die Mormonen der am

20. Juli an sie ergangenen Aufforderung nicht gleich Folge leisteten,

zu Gewaltmaßregeln schritt und ihre Druckerei zerstörte, sowie den

Bischof Partridge theerte und aus seinen eigenen zerschnittenen

Betten federte.

Nach diesem Vorfalle verstanden sich die Führer der Secte dazu, zu

Anfang des folgenden Jahres mit den Ihrigen die Grafschaft zu

verlassen, und hiermit erklärten sich die Verfolger zufrieden. Als

aber gegen Ende des October verlautete, die Mormonen dächten nicht

mehr an Erfüllung ihres Versprechens, brach ein neuer Sturm gegen die

»Heiligen« los. Der Pöbel von Jackson-County rottete sich zusammen,

prügelte, theerte und federte mehrere Mitglieder der Secte, warf

ihnen die Fenster ein und plünderte den »Speicher des Herrn« aus. Die

Mormonen griffen nun zu den Waffen, und es erfolgte ein Zusammenstoß,

bei welchem zwei von der Partei der Angreifer erschossen wurden. Dies

rief eine ungeheure Aufregung im Lande hervor, und die Mehrzahl der

Secte machte sich sofort zum Abzuge nach der jenseit des Missouri

gelegenen Grafschaft Clay auf, wo das Städtchen Liberty ihr

Hauptquartier wurde, und wo ihnen im Juni 1834 der Prophet an der

Spitze des »Heeres von Zion«, einer wohlbewaffneten Leibwache von

hundertfünfzig Aeltesten und Priestern, einen kurzen Besuch

abstattete.

Die Mormonen, ihr Prophet, ihr Staat und ihr Glaube · 第 1 / 12 段