hinhaltend, die man am Leibe des toten Asa gefunden hatte. „Mit diesem
Stückchen Blei hat er meinen ältesten Sohn hinterrücks niedergestreckt
und ermordet!“
„Das glaube ich nimmermehr!“ versetzte der Hauptmann in heftigem
Unwillen. „Es sei denn, daß er in der Notwehr handelte. Er wußte um den
Tod Eures Sohnes, wie ich bezeugen muß; daß er an dem jungen Manne aber
ein Verbrechen begangen, das kann ich nur glauben, wenn er selber sich
dazu bekennt.“
„Ich habe lange gelebt,“ begann der Trapper, als keiner der anderen
mehr redete, „und viel Böses mußte ich mit ansehen. Aber ich denke,
es ist keine Prahlerei, wenn ich sage, daß, obgleich meine Hand oft
gezwungen war, gegen Bosheit und Unterdrückung zu kämpfen, sie doch
nie einen Streich geführt hat, dessen ich mich dereinst vor dem ewigen
Richter, der doch weit mächtiger ist als dieser hier, zu schämen
hätte.“
„Wenn mein Vater einem seines Stammes das Leben genommen hat,“ nahm der
junge Pawnee das Wort, dessen schneller Blick bald erkannt hatte, um
was es sich handelte, „dann möge er sich wie ein Krieger dem Freunde
des Gefallenen ausliefern. Er ist zu gerecht, um gebunden zur Sühne
geführt zu werden.“
„Mein Sohn denkt ehrenvoll von mir, ich danke ihm,“ antwortete der
alte Jäger in der Sprache des Indianers. „Hätte ich die schändliche
Tat begangen, deren man mich beschuldigt, so wäre ich Mannes genug
gewesen, selber mein Haupt der Strafe darzubieten, wie auch alle
guten und ehrenhaften roten Krieger tun.“ Dann fuhr er gegen die
übrigen Anwesenden in englischer Sprache fort: „Ich habe nur wenig
zu berichten. Wir lagen im Hinterhalt und belauerten Euch, Freund
Squatter, weil wir in Erfahrung gebracht hatten, daß Ihr dieses jungen
Offiziers Ehefrau als Gefangene mit Euch führtet. Ich, als der im
Kundschaften Geübteste, lag am weitesten draußen in der Prärie und
beobachtete alle Bewegungen Eurer Schar bei der Jagd. Und keiner von
euch allen hatte eine Ahnung davon. Haha, Squatter, als ich noch jung
war, da habe ich den schlafenden Feinden in die Zelte geguckt, ja, und
--“
„Schweift nicht ab, alter Freund,“ unterbrach der Hauptmann ihn
ungeduldig.
„Gut, gut. Ich lag im hohen Grase; da begegneten sich zwei der Jäger
abseits von den übrigen. Sie zeigten einander wenig Freundlichkeit,
ich meinte aber, sie würden in Frieden auseinandergehen; da schoß
der ältere den jungen ganz unerwartet meuchlings in den Rücken. Eine
grausam schändliche, verräterische Tat! Und der arme Junge, was für
ein ganzer Mann war das! Obgleich das Pulver seinen Rock versengte,
so hielt er doch dem Stoß stand, und es dauerte wohl eine Minute,
ehe er niedersank, aber nur auf die Knie. Und mit welcher gewaltigen
Anstrengung er sich in das Dickicht schleppte, wie ein verwundeter Bär
-- es war ein Anblick zum Erbarmen!“
„Aber warum, im Namen der himmlischen Gerechtigkeit, habt Ihr uns kein
Wort davon gesagt?“ rief Middleton in höchstem Erstaunen.
„Meint Ihr, Hauptmann, ein Mann, der über sechzig Jahre in der Wildnis
lebte, habe den Wert der Verschwiegenheit nicht kennengelernt? Welcher
rote Krieger läuft und erzählt, was er gesehen, ehe die rechte Zeit
gekommen ist? Ich führte den Doktor an die Stätte, ob er vielleicht
noch helfen könne, und auch der Bienenjäger wußte, daß der Leichnam in
jenem Dickicht lag.“
„Und wer war der Mörder?“ forschte Middleton gebieterisch.
„Der steht dort. Eine Schmach und Schande für unsere Farbe ist es, daß
er ein Fleisch und Blut ist mit der Familie des Toten.“
„Er lügt!“ schrie Abiram, denn auf ihn hatte der Trapper gewiesen. „Er
lügt! Ermordet habe ich ihn nicht! Ich wehrte mich nur meines Lebens!“
„Es ist genug,“ sagte Ismael mit tiefer, ganz veränderter Stimme. „Laßt
den alten Mann frei, ihr Knaben; bringt den Bruder eurer Mutter an
seine Stelle.“
„Rührt mich nicht an!“ kreischte Abiram. „Gottes Fluch soll jeden
treffen, der mir nahekommt!“
Abner, jetzt der älteste der Söhne, ließ sich dadurch nicht abhalten;
als er jedoch die starken Hände nach dem Verbrecher ausstreckte, da
wandte sich dieser zur Flucht, fiel aber nach wenigen Schritten wie tot
zur Erde. Ismael befahl durch eine Gebärde, ihn in eins der Zelte zu
schaffen.
„Jetzt bleibt nur noch übrig,“ sagte er darauf zu denen, die nicht zu
seinem Lager gehörten, „daß jeder seine Straße zieht. Ich wünsche allen
das Beste; dir Ellen, sage ich: Gott segne dich!“
Schweigend und ergriffen ging der Hauptmann an seine Vorbereitungen,
die bald getan waren. Schweigend verabschiedete man sich von dem
Squatter und dessen Angehörigen, die dem von dem Pawneehäuptling
geführten Zuge, der sich still über die Prärie entfernte, noch lange
nachschauten.
* * * * *
Etwa zwei Stunden später befand sich auch die Karawane der Emigranten
wieder auf der Fahrt, diesmal aber in der Richtung von Westen nach
Osten.
Der kleine Planwagen, der vor kurzem noch Inez beherbergt hatte,
wurde jetzt von Abiram eingenommen, der aus seiner todesähnlichen
Ohnmacht wieder erwacht war und nun mit Zähneklappen seinem Geschick
entgegensah.
Langsam und träge bewegte sich die Karawane über die dürre Prärie.
Finster und schweigend schritt Ismael als Führer voran, finster und
schweigend schritten auch seine Söhne neben den Wagen und dem Vieh
dahin. Gramvoll und in sich versunken saß Mutter Esther in dem Wagen
bei ihren Töchtern. Die Erwartung des Bevorstehenden lag wie eine
dumpfe, schwere Wolke über allen.
[Illustration]
Der lange Tag verstrich, und der Zeitpunkt kam, wo für Mensch und Tier
Rast und Erholung nötig wurden. Ismael wählte als Ruheort eine mit
saftigem Grase bestandene Niederung, von einer Quelle bewässert, die
am Fuße eines etwa vierzig Fuß hohen Felskegels aus dem Boden sprang.
Ein einsamer Weidenbaum von gewaltiger Größe stand unweit des Felsens,
dessen Gipfel seine Zweige einst beschattet hatten; jetzt spendete der
alte Baum keinen Schatten mehr; nur noch wenige knorrige, phantastisch
gestaltete Äste reckten sich hier und da empor, dürr und tot; und
morsch, abgestorben und von der Witterung gebleicht war auch der Stamm,
ein ödes Denkmal der Vergänglichkeit.
Die Zugtiere wurden ausgespannt, und Esther bereitete das Mahl, von
welchem auch Abiram seinen Teil erhielt. Der Elende, dem bisher niemand
mit Wort oder Blick zu nahe getreten war, begann wieder Hoffnung zu
hegen; er rechnete darauf, daß man, um nicht noch mehr Schande über die
Familie zu bringen, die ganze Sache im Sande verlaufen lassen würde.
Nach dem Mahle hatte Ismael abseits vom Lager mit seinem Weibe
eine lange und ernste Unterredung. Die Frau trocknete dabei häufig
die verweinten Augen, und beide schauten ab und zu in eine kleine,
vergilbte Bibel, die aufgeschlagen auf ihrem Schoße lag.
„Und dennoch, Ismael,“ schluchzte die arme Frau, nachdem sie lange Rede
und Gegenrede mit ihrem Manne gewechselt hatte, „und dennoch -- er hat
mein Blut und das Blut unserer Kinder in seinen Adern! Kannst du nicht
Gnade walten lassen?“
„Weib,“ entgegnete der Squatter finster, „als wir noch meinten, daß der
alte Trapper unsern Sohn erschlagen habe, da war von Gnade keine Rede.“
Esther ließ den Kopf auf die Brust sinken. Sie wußte nun, daß das
Geschick ihres Bruders besiegelt war. Noch einmal begegneten sich
beider Augen, dann standen sie auf und gingen zum Lager zurück, wo die
Söhne sie in anscheinend träger Gleichgültigkeit erwarteten.
„Abner,“ sagte der Vater, „hole den Bruder deiner Mutter aus dem Wagen
und laß ihn hier auf der Erde stehen.“
Scheu und zitternd, aber nicht ohne eine gewisse freche
Zuversichtlichkeit kroch Abiram vom Wagen herab.
„Bruder,“ wendete er sich sogleich mit aufdringlicher Geschwätzigkeit
an den Squatter, „das Vieh ist müde, wir haben einen tüchtigen Marsch
hinter uns und werden nicht leicht wieder einen so guten Lagerplatz
finden; wollen wir nicht gleich für die Nacht hier kampieren?“
„Es ist gut, daß der Ort dir gefällt,“ entgegnete der andere dumpf. „Du
wirst ihn nicht wieder verlassen. Tretet heran, meine Söhne, und höret!
Abiram White,“ fuhr er langsam und feierlich fort, indem er dabei
seine Kappe lüftete, „du hast meinen Erstgeborenen erschlagen; nach
den Gesetzen Gottes und der Menschen spreche ich dein Urteil: du mußt
sterben!“
Ein fürchterlicher Schreck durchzuckte den Mörder.
„Sterben?“ kreischte er. „Soll man nicht einmal unter seinen nächsten
Verwandten seines Lebens sicher sein?“
„So dachte auch mein Sohn Asa,“ versetzte der Squatter, indem er
zugleich durch eine Gebärde den Wagen, der seiner Frau und den
Mädchen zum Aufenthalt diente, weiterfahren hieß. Darauf untersuchte
er bedächtig das Pulver auf der Pfanne seiner Büchse. „Mit dem
Schießgewehr hast du meinen Sohn ermordet, es ziemt sich daher, daß du
mit derselben Waffe gerichtet wirst.“
Wild, halb blödsinnig vor Entsetzen, starrte Abiram um sich. Keine
Miene auf den Gesichtern der jungen Männer verriet deren innere
Empfindungen; auf den Zügen seines Schwagers gewahrte er nur kalte,
furchtbare Entschlossenheit.
„Bruder,“ stieß er heiser hervor, „habe ich recht gehört?“
„Meine Worte waren verständlich, Abiram White. Du hast einen Mord
begangen und dafür mußt du sterben.“
„Wo ist Esther?“ schrie jetzt der Elende. „Schwester! Schwester! Wo
bist du? O Schwester, komm mir zu Hilfe!“
„Ich höre eine Stimme aus dem Grabe!“ entgegnete Esther tonlos, während
der Wagen an der Gruppe der Männer vorbeifuhr. „Es ist meines Sohnes
Stimme, die Gerechtigkeit fordert. Gott sei deiner Seele gnädig!“
Verzweifelnd sank Abiram auf die Knie; wahnwitzig vor Angst winselte er
um Aufschub, erst um eine Woche, dann um einen Tag, endlich nur um eine
Stunde. Der Vorsatz des Squatters wurde endlich wankend.
„Abner,“ gebot er, „steige auf den Felsen und schau dich um, ob
Menschen in der Nähe sind.“
Während der junge Mann diesen Befehl ausführte, kam eins der Mädchen
herbeigelaufen und brachte einen Teil des heiligen Buches, das Esther
so sorgsam aufbewahrt hatte. Der Squatter schickte das Kind zurück und
legte die Blätter in die Hände des Verurteilten.
„Das sendet deine Schwester,“ sagte er, „damit du in deinen letzten
Augenblicken dich deines Herrgottes erinnern mögest.“
„Segen über sie!“ rief Abiram schluchzend. „Sie war mir immer eine
gute, treue Schwester! Aber zum Lesen brauche ich Zeit, Bruder, Zeit!“
„Zeit soll dir werden. Du wirst dein eigener Henker sein.“
Abner berichtete, daß die Prärie menschenleer sei, und nunmehr schritt
man zur Ausführung des neuen Planes des Squatters.
Unter einem der Äste des Baumes ragte hoch über der Erde eine
Steinstufe aus der Felsenwand. Auf diese Stufe stellte man den
Delinquenten, dem man die Arme an den Ellenbogen hinter dem Rücken
gefesselt hatte. Vom Aste herab legte sich eine Schlinge um seinen
Hals, und zwar so, daß er, wenn er hing, die Stufe mit den Füßen nicht
mehr erreichen konnte. Das Fragment der Bibel hatte man ihm in die
Hände gegeben.
„Abiram White,“ sagte Ismael, als seine Söhne nach Beendigung aller
dieser Vorbereitungen wieder von dem Felsen herabgestiegen waren, „noch
eine letzte Frage richte ich an dich. Noch kannst du wählen zwischen
einer Kugel aus dieser Büchse, die dich schnell allen Elends enthebt,
und jenem Strick, der dich früher oder später zum Tode bringt.“
„Laß mich noch leben, Ismael! O, du weißt nicht, wie süß das Leben ist,
wenn der letzte Augenblick so nahe bevorsteht!“
„Es sei,“ versetzte der Squatter, zugleich den Söhnen winkend, den
Wagen zu folgen. „Und nun, unglücklicher Mann, möge dir zum Trost bei
deinem Ende gereichen, daß ich dir das Leid, das du mir angetan, von
Herzen vergebe. Gott sei dir ein gnädiger Richter.“
Damit wendete er sich um und schritt in seiner gewöhnlichen,
schwerfälligen Art davon. Nach längerem Marsche hatte er die Karawane
eingeholt, die, da die Sonne inzwischen untergegangen war, sich zur
Nachtrast anschickte, was der Führer stillschweigend billigte.
Mit dem aufsteigenden Monde machte sich auch der Wind auf. Klagende,
geisterhafte Laute ertönten leise hier und dort in der Stille der Nacht
und erfüllten das Herz des einsam auf der Wacht stehenden Squatters
mit fröstelnden Schauern, die nach den Vorgängen des verflossenen Tages
wohl erklärlich waren.
Einem inneren Drange folgend, verließ er das Lager, wo alles schlief,
und wanderte zu einer fernen Bodenerhebung, von welcher der Blick bis
zu der Richtstätte schweifen konnte.
Hier stand er eine lange Weile, dem Winde lauschend, der im hohen
Grase rauschte, bis das Getön seinem Ohr erschien wie das Flüstern
abgeschiedener Seelen.
Plötzlich gellte aus der Ferne ein schrecklicher Schrei über die
Prärie. Er fuhr auf den Schwingen des Windes daher wie der Ruf eines
grausen Nachtgespenstes. Ismaels Haar sträubte sich; unwillkürlich
krampfte sich seine Hand um den Lauf der Büchse. Ein neuer Windstoß
brachte einen zweiten Schrei. Wider seinen Willen mußte er mit einem
lauten Ruf antworten; dann, obgleich von kaltem Grausen gepackt, warf
er die Büchse über die Schulter und ging, gewaltig ausschreitend, dem
Felsen zu.
Noch einen dritten Schrei hörte er, so gräßlich, daß keine
Einbildungskraft einen ähnlichen schaffen könnte. Erschüttert blieb der
Squatter stehen und verschloß die Ohren mit den Händen. Als er diese
wieder sinken ließ, sagte eine leise, heisere Stimme unmittelbar hinter
ihm:
„Ismael, Mann, hörtest du etwas?“
„Still!“ entgegnete er, den Arm um seine Frau legend.
Aber sie vernahmen nichts mehr als das dröhnende Sausen des stärker
werdenden Windes.
„Komm,“ drängte Esther, „man hört nichts mehr.“
„Was brachte dich hierher?“ fragte jetzt Ismael, dessen Blut wieder
ruhig geworden war.
„Er hat unseren Erstgeborenen erschlagen,“ antwortete die Frau, „aber
ich kann nicht zugeben, daß der Sohn meiner Mutter unter freiem Himmel
liegenbleibt wie der Kadaver eines Hundes. Schau her, Picke und Spaten
habe ich mitgebracht. Wo ist er?“
Der Mond trat hinter den treibenden Wolken hervor, so daß Esthers Auge
dem ausgestreckten Finger ihres Mannes folgen konnte. Derselbe deutete
auf eine menschliche Gestalt, die unter einem der Aste des Weidenbaumes
im Winde hin und her schwang. Die Frau verhüllte ihr Gesicht, er aber
trat herzu und betrachtete eine Zeitlang sein Werk. Dann hob er die
Büchse und zielte sorgfältig; der Schuß krachte, die Kugel durchschnitt
den Strick, und der Leichnam schlug dumpf auf den Erdboden, wo die
Bibelblätter zerstreut umherflatterten.
Sie gruben sein Grab und legten ihn hinein. Ismael stand barhäuptig,
während seine Gattin kniend ein letztes Gebet sprach. Dann kehrten sie
zum Lager zurück.
Am folgenden Morgen setzte die Karawane die Rückfahrt nach den
Ansiedlungen fort.
Zehntes Kapitel
Wie ein Gerechter zum Frieden einging
Die Schützlinge des Pawneehäuptlings fanden in der Niederlassung
seines Stammes die gastlichste Aufnahme. Die Artilleristen hatten
ihren Hauptmann bereits erwartet, und wenn ihre Zahl auch nicht
groß war, so verlieh doch die Anwesenheit und Dienstergebenheit so
wohldisziplinierter und gut bewaffneter Männer dem Offizier und seinen
Gefährten ein Gefühl größter Sicherheit; auch wurde die unangefochtene
Rückkehr derselben nach den Ansiedlungen dadurch gewährleistet.
Und dorthin machten Middleton und Inez, Paul und Ellen und auch
der Naturforscher sich bald auf den Weg, und zwar in einem großen
Boote, das die Artilleristen von einem den Fluß heraufkommenden
Händler zu diesem Zweck erstanden hatten. Von Hartherz und den Seinen
verabschiedeten sie sich voll Dank und mit gegenseitiger, aufrichtiger
Herzlichkeit.
Ganz zuletzt stieg der Trapper mit seinem treuen Hektor in das Boot.
Er trug, wie immer, einen kleinen Packen auf dem Rücken. Nachdem
man unter allerlei Gesprächen über die Eigenarten der verschiedenen
Indianerstämme eine längere Strecke zurückgelegt hatte, wendete der
Alte sich an den das Boot steuernden Soldaten mit der Aufforderung, auf
das Ufer abzuhalten.
„Aber warum, alter Freund?“ fragte Middleton erstaunt.
„Ihr sollt nicht lange aufgehalten werden,“ versetzte der Trapper, und
selbst mit Hand anlegend, lenkte er das Fahrzeug an eine zum Aussteigen
geeignete Stelle. Als er daselbst festlag, öffnete er seinen Packen und
begann darin herumzukramen.
„Ehe wir scheiden, Hauptmann,“ sagte er, „möchte ich Euch noch bitten,
mir einen Dienst zu erweisen, der Euch nur wenig Mühe machen soll --“
„Scheiden?“ unterbrach ihn Middleton bestürzt. „Wollt Ihr uns denn
verlassen?“
„Was?“ rief auch der Bienenjäger, als wäre er aus den Wolken gefallen.
„Ihr werdet doch nicht zu Fuß nach den Ansiedlungen wandern?“
„Nein, mein Junge,“ lächelte der Alte, „nach den Ansiedlungen zieht
mein Herz mich nicht; ich denke in Gottes Wildnis meine Tage zu
beschließen.“
„Freund, Ihr habt mich tief erschreckt!“ nahm Middleton wieder das
Wort. „Nimmermehr hätte ich gedacht, daß ich mich in diesem Leben
wieder von Euch trennen sollte! Ich war schon so glücklich in dem
Gedanken, Euch in meinem Heim ein Ruheplätzchen bereiten und wie
ein treuer Sohn Eure letzten Lebensjahre zu recht angenehmen und
friedlichen gestalten zu können. O, bleibt bei uns, ich bitte Euch so
sehr ich kann!“
„Ich weiß, Knabe, ich weiß, Ihr meint es gut, Ihr seid wie Euer
Großvater. Aber es kann nicht sein. Seht --“
„Alter Trapper,“ unterbrach ihn der ungestüme Paul, dem seine sonst
so kräftige Stimme jetzt beinahe den Dienst versagte, „ich mache Euch
einen Vorschlag. Ich biete Euch die Hälfte meines Wigwams, dazu den
allerbesten Honig und das beste Büffelfleisch, ausschließlich vom
Höcker, versteht sich, und von Frau Ellen Hover großartig zubereitet,
wenn Ihr zu uns ziehen wollt. Ihr sollt geliebt und geehrt werden wie
ein Vater. Schlagt ein, mehr kann ich nicht sagen!“
„Dank Euch, Knabe, dank Euch,“ antwortete der alte Mann, tief über
seinen Packen geneigt; „aber es kann nicht sein, es kann nicht sein.“
Auch Doktor Battius versuchte seine Überredungskunst, allein ebenfalls
vergeblich.
„Genug,“ sagte endlich der Hauptmann, „laßt ihm seinen Willen. Soviel
ich von diesem außerordentlichen Manne gehört und nun auch gesehen
habe, läßt er sich von einem einmal gefaßten Entschlusse nicht
abbringen. Teilt uns nun mit, lieber Freund, was wir für Euch tun
können.“
„Das soll Euch nicht viel Mühe verursachen, Hauptmann,“ versetzte der
Trapper, der endlich mit seinem Kramen fertiggeworden war. „Hier habe
ich vier Biberfelle, und da noch eins vom Waschbären; viel wert sind
sie ja nicht, aber ein paar Fallen gibt's schon dafür. Die Sioux haben
mir nämlich meine besten Fallen gestohlen, und die muß ich ersetzt
haben, wenn ich im kommenden Winter nicht in Not geraten soll. Tauscht
mir also gegen dies Pelzwerk zwei gute Fallen ein und schickt sie mit
einem der Händler nach dem Dorfe der Pawnees. Vergeßt aber nicht, mein
Zeichen auf den Packen zu malen -- den Buchstaben _N_, ein Hundeohr
und ein Büchsenschloß; dann wird mir keine Rothaut mein Recht daran
streitig machen. Freilich kann ich Euch als Entgelt dafür nichts geben
als meinen Dank, es sei denn, daß Ihr das Waschbärenfell --“
„Euer Wunsch soll erfüllt werden,“ sagte der Hauptmann schnell. „Wollte
Gott nur, daß ich noch mehr für Euch tun könnte.“
Der Trapper schwieg eine kleine Weile, dann blickte er auf den jungen
Jagdhund des Offiziers und begann:
„Diesmal rede ich nicht für mich selber, sondern für einen anderen. Da
ist mein Hektor; wie sein Herr, so hat auch er schon lange die Grenze
überschritten, die Gott sonst dem Leben von seinesgleichen gesetzt
hat. Solch eine Kreatur hat ihre Empfindungen und Gefühle ebensogut
wie ein Christenmensch. Nun ist ihm in dieser letzten Zeit Euer Tier da
ein lieber Kamerad und Freund geworden, und ich muß sagen, daß es mir
nahegeht, daß er sich nun von ihm trennen soll. Ich frage Euch daher,
ob Ihr mir den Hund überlassen, oder, wenn er Euch zu wertvoll ist, ob
Ihr ihn mir bis zum Frühjahr leihen wollt, denn länger wird mein Hektor
nicht mehr am Leben sein.“
„Nehmt ihn!“ rief Middleton. „Nehmt alles, was Euch sonst noch gefällt!“
Der alte Mann stieg ans Land und pfiff den Hunden, die ihm beide
bereitwilligst folgten. Dann nahm man Abschied. Nur wenig wurde dabei
gesprochen. Der Trapper reichte jedem mit mildem, feierlichem Ernst die
Hand. Middleton vermochte vor Ergriffenheit kein Wort zu äußern, ebenso
Paul, der statt dessen zu pfeifen versuchte, was ihm jedoch jämmerlich
mißlang. Auch Doktor Battius war tief gerührt; die Frauen schluchzten.
Als die letzte Hand gedrückt war, schob der alte Mann selber das Boot
ins tiefere Wasser zurück, wo es sogleich von der Strömung erfaßt
wurde. Alle saßen schweigend, auch kein Ruder wurde ausgelegt, bis das
Fahrzeug einen Hügel umschifft hatte, der seinen Insassen den Trapper
aus den Augen brachte. Zuletzt sahen sie ihn, wie er regungslos auf
seine lange Büchse gelehnt stand; Hektor lag zu seinen Füßen, und der
jüngere Hund sprang lustig auf dem Sande umher.
[Illustration]
* * * * *
Ein Jahr war vergangen, und der Herbstwind strich über die Prärie.
Die Sonne neigte sich bereits zum Untergang, als eine kleine Schar von
Reitern von der Hochebene, die sie bisher, vom Missouriflusse kommend,
durchkreuzt hatten, in den noch immer mit üppigem Grase bestandenen
weiten Grund hinunterritt, in dem das Dorf der Pawnee-Loups sich
ausbreitete.
Der Führer der Schar war Middleton; unter den Begleitern desselben
machte Paul Hover sich durch sein munteres Wesen am meisten bemerkbar.
Der letztere hatte die Bienenjägerei aufgegeben und betrieb daheim
die Landwirtschaft; sein Weib Ellen hatte dies verlangt und auch
durchgesetzt. Middleton hatte zum Zweck der Landesaufnahme gewisse
Gebietsteile zu bereisen und die Gelegenheit benutzt, den alten
Freunden einen Besuch abzustatten.
Auf dem Grunde zerstreut grasten, von indianischen Knaben gehütet, die
Rosse der Pawnees; unter ihnen befand sich auch der Asinus des Doktor
Battius, den der letztere damals seinen Gastfreunden als Geschenk
belassen hatte. Der ehrliche Graue war dick und fett geworden und wurde
von Paul mit fröhlichem Lachen begrüßt.
Middleton hatte, ehe er das Dorfgebiet betrat, einen Boten
vorausgesandt, der sein Kommen den Häuptlingen melden sollte.
Vergeblich aber wartete er auf eine Antwort, auf ein Zeichen des
Willkommens, wie es dem indianischen Brauche entsprochen hätte. Er
vermochte sich diese Unterlassung nicht zu erklären. Unweit des Dorfes
kam man an einer der ausgestellten Schildwachen vorbei; der junge
Krieger schaute sich nach ihnen um, wendete dann aber, ohne sich zu
rühren, sogleich seinen Blick wieder dem Dorfe zu.
„Da muß etwas Außergewöhnliches vorgehen,“ sagte Middleton
kopfschüttelnd. „Seht nach den Waffen, Leute, damit wir auf alle Fälle
bereit sind.“
„Sachte, Hauptmann,“ entgegnete Paul. „Wenn's auf der Prärie noch
einen ehrlichen Kerl gibt, so ist das unser Freund Hartherz, darauf
will ich leben und sterben! Seht, da kommen auch schon die Abgesandten
-- allerdings sehen sie eher kopfhängerisch und mattherzig, als
‚hartherzig‛ aus.“
Paul hatte recht. An der Spitze eines Trupps von etwa zwölf Reitern kam
Hartherz selber ihnen entgegen. Aber des Hauptmanns Erstaunen wuchs
noch mehr. Keiner der Indianer trug Waffen, keiner wies auch nur den
geringsten Schmuck an seinem Körper auf. Langsam und feierlich zogen
sie heran, und die gegenseitige Begrüßung war ernst und gleichsam
bedrückt. Da Hartherz nur die allernötigsten Worte geredet hatte,
so verhielt sich auch Middleton zurückhaltend und schweigsam, und so
rückte man lautlos und in gepreßter Stimmung in das Dorf ein.
Hier sah des Hauptmanns unruhig umherschweifendes Auge auf dem freien
Platze inmitten der Wigwams die ganze Bewohnerschaft versammelt.
Dieselbe bildete, nach Rang, Alter und Geschlecht geordnet, einen
weiten Kreis. Auf einen Wink des Häuptlings öffnete sich derselbe;
die Gäste ritten hinein und stiegen von den Pferden, die sogleich
fortgeführt wurden.