Es braucht nicht erst gesagt zu werden, daß der Trapper alle die

geschilderten Vorgänge mit gespanntester Aufmerksamkeit verfolgt

hatte. Es war ihm auch nicht entgangen, daß Mahtorees Wigwam unberührt

stehengeblieben war, und daß unweit desselben zwei Pferde von einigen

halberwachsenen Knaben bereitgehalten wurden. Den Zweck dieser Maßregel

zu erraten, fiel ihm nicht schwer. Auch der Befehl, den der Häuptling

dem alten Wilden erteilt hatte, war ihm nicht entgangen, und seine

Erfahrung sagte ihm, daß das Leben des Bienenjägers und des Hauptmanns

in höchster Gefahr schwebte. Während er noch darauf dachte, wie eine

Rettung derselben zu bewerkstelligen sei, vernahm er eine klägliche

Stimme, die ihn anrief.

„Verehrungswürdigster Jäger,“ so bat der arme verunstaltete Doktor

Battius, „habt Erbarmen und durchschneidet die Riemen, die meine

Beine in so schnöder Weise unter dem Bauche meines Asinus fesseln. Ich

werde mich dann leichter aus der Gefahr, die uns allen droht, erretten

können.“

„Ich weiß nicht,“ entgegnete der Trapper, „ob ich Euch schon jetzt

diesen Dienst leisten darf. So wie Ihr da auf Eurem Tiere sitzt, bemalt

wie ein Unhold, seid Ihr vorläufig noch unser aller Schutz, denn jene

alten Hexen fürchten sich ganz unbändig vor dem großen Zauberer, wenn

ich mich noch recht auf Indianerweiber verstehe.“

„Hört, alter Freund,“ schrie jetzt der Bienenjäger, der sich vor

Pein und Ungeduld nicht mehr zu lassen wußte, „mir könnt Ihr aber mit

einem Messerschnitt zu Hilfe kommen; ich habe mich nun wahrlich genug

abgequält, diese Riemen zu zerreißen!“

Middleton äußerte dasselbe Verlangen, der Trapper aber empfahl beiden

Geduld und Vorsicht.

„Jener verräterische Teton hat den Befehl hinterlassen, uns alle

umzubringen, sobald dies ohne Aufsehen und Tumult geschehen kann,“

fügte er hinzu.

„Großer Gott!“ rief der Hauptmann. „Wollt Ihr uns hier wie Schafe

abschlachten lassen?“

„Ruhig, Hauptmann, nur ruhig. Wir kommen mit Schlauheit weiter als

mit Gewalt. Ah, der Pawnee ist wahrlich ein Krieger wie er sein soll!

Schade, daß Ihr nicht sehen könnt, wie er sich vom Flusse zurückzieht,

um die Feinde zu verleiten, ihm zu folgen, trotzdem zwei Sioux auf

einen Loup kommen! Ha -- jetzt -- liegt still!“

Er sprang herzu und durchschnitt gewandt und schnell Paul Hovers Bande.

„Das war eine gute Gelegenheit!“ lachte er leise. „Die Hexen horchen

auf das Geschrei da unten und lassen uns einen Moment aus den Augen.

Aber vorsichtig, Knabe!“

„Dank, alter Trapper,“ murmelte Paul, die geschwollenen Gliedmaßen

reibend und streckend, nachdem er das Messer in Empfang genommen,

das sein Befreier ihm hinreichte. „Ah! Ah!“ stöhnte er, indem er sich

mühsam erhob. „Da stehe ich, soviel ich sehen kann, auf festem Boden,

und doch ist mir's, als wären beide Füße noch mindestens sechs Zoll von

der Erde entfernt! Nun aber, bester Freund, tut mir noch den Gefallen

und haltet uns die verdammten alten Weiber so lange vom Halse, bis ich

meine Arme besser rühren und sie mit Höflichkeit und Anstand empfangen

kann.“

Der Trapper nickte und ging auf den alten Sioux zu, der die Squaws

unter seinem Kommando hatte und eben daran war, Messer unter die

Megären auszuteilen, die diese Waffen unter Absingen eines eintönigen

Rachechors in Empfang nahmen. Als jede ihr Messer hatte, begann die

unheimliche Schar in regelmäßigem Tanzschritt einen Kreis zu bilden,

in dessen Mittelpunkt der alte Sioux stand. Gesang und Tanz steigerten

sich schnell bis zur Raserei; kreischend, geifernd und mit fliegendem

Zottelhaar sprangen die abschreckenden alten Geschöpfe fußhoch

vom Boden empor. Da durchbrach der unerschrockene alte Jäger den

scheußlichen Ring und näherte sich ruhig dem Indianer.

„Warum singen die Mütter der Tetons solche bitteren Worte?“ begann

dieser, während er den Weibern Schweigen winkte. „Noch sind die

Gefangenen der Pawnees nicht im Dorfe der Sioux, noch haben unsere

jungen Männer keine Skalpe erbeutet.“

„Du siehst einen Krieger vor dir,“ antwortete der Trapper, „keinen

Läufer der Langmesser, der beim Anblick des Tomahawks erbleicht. Laß

die Weiber der Sioux nachdenken; wenn ein Bleichgesicht stirbt, treten

hundert an seine Stelle.“

Statt aller Antwort stürzte die älteste der Megären plötzlich mit

hochgeschwungenem Messer aus dem Kreise und der Stelle zu, wo die

beiden Gefangenen waren; die anderen folgten ihr sogleich unter

gräßlichem Geheul.

„Mächtiger Zauberer meines Volkes!“ schrie der alte Jäger in der

Tetonsprache und mit aller Kraft seiner Lungen, „erhebe deine Stimme

und rede, daß die Dakotas dich hören!“

Sei es nun, daß der Anblick der heranstürmenden Furien ihn erschreckte,

sei es, daß ein anderer Grund ihn bewegte, genug, der Esel tat, was der

Trapper von Obed verlangte, und erhob seine kräftige Stimme zu einem so

entsetzlichen und markdurchdringenden Geschrei, daß die erschrockenen

Weiber auseinanderstoben wie Aasgeier, die man von ihrer Beute verjagt.

Paul hatte sich zur Gegenwehr bereitet, und der Hauptmann, durch

ersteren von seinen Fesseln befreit, war gleichfalls aufgesprungen.

Hastig gesellte sich jetzt der Trapper zu ihnen.

„Jetzt gilt's!“ rief dieser. „Jetzt müssen wir um unser Leben kämpfen!

Jetzt --“

Eine mächtige Hand, die sich schwer auf seine Schulter legte, ließ

ihn verstummen. Er wendete sich und blickte in das finstere Auge des

Squatters Ismael Busch, und zugleich sah er dessen reisige Söhne hinter

Mahtorees Wigwam hervorkommen.

Auf lange Erklärungen ließ niemand sich ein. Middleton und Paul

wurden aufs neue gefesselt, und auch der alte Trapper entging dieser

unwürdigen Behandlung nicht. Der Wigwam wurde abgebrochen, Ellen und

Inez mußten Pferde besteigen, und dann ging es in Eile der Wagenburg

der Emigranten zu, während der alte Sioux mit seinen Megären aus

Leibeskräften zum Flusse hinab floh.

Die Stätte, wo vor kurzem noch ein lebhaftes Dorf gestanden, war jetzt

wieder so öde wie jeder andere Ort der endlosen Ebene.

* * * * *

Den Fluß noch immer zwischen sich, standen die feindlichen Streitkräfte

einander tatenlos gegenüber, da keine den Lockungen der anderen, das

Wasser zu kreuzen, folgen mochte.

Da beschloß der kühne Hartherz, die Entscheidung durch eine jener Taten

persönlichen Mutes herbeizuführen, die so vielen indianischen Helden

zu höchstem Ruhme gereicht haben. Eine kurze Strecke flußaufwärts

dehnte sich der Wasserlauf zu doppelter Breite und umschloß eine flache

Sandinsel, die mitten im Strome lag. Nach kurzer Beratung mit seinen

Getreuen sprengte Hartherz am Ufer hin bis an jene Stelle; hier trieb

er sein Pferd in die Flut und landete bald darauf auf der sandigen

Insel, wo er mit vollendeter Meisterschaft das Roß zu tummeln und

herausfordernd die Waffen zu schwingen begann.

Die Tetons stießen bei diesem Anblick ein Wutgeheul aus und entsendeten

einen Hagel von Pfeilen gegen die Insel. Auch stürzte sich eine Anzahl

Krieger in den Fluß, um den kecken Feind zu strafen. Ein Befehl

Mahtorees brachte diese Voreiligen jedoch zurück und wies auch die

Pfeilschützen zur Ruhe. Der verschmitzte Häuptling hatte schnell einen

ganz anderen Plan entworfen.

Wie die Schar der Pawneekrieger sich vom Ufer zurückhielt, so hieß

er auch die Seinen sich eine Strecke entfernen. Dann ritt er in den

Fluß hinein, hielt jedoch einige Pferdelängen vom Ufer still und erhob

beide Hände als Zeichen des Friedens, auch warf er von hier aus seine

Kugelbüchse an das Land zurück. Darauf trieb er sein Pferd noch eine

Strecke weiter vorwärts, um dann, in Erwartung des Benehmens seines

Gegners, wiederum stillzuhalten.

Der Teton hatte die edle, offene Natur des jungen Pawneehäuptlings

sehr richtig beurteilt. Als dieser den großen Dakota gegen sich

herankommen sah, da hatte er kampfesfreudig den Kriegsruf seines

Volkes erschallen lassen; als Mahtoree aber seine Büchse fortwarf und

einen Waffenstillstand verlangte, da mochte er hinter dem Sioux nicht

zurückbleiben und warf gleichfalls seine Büchse weit von sich.

Die Bewaffnung der Häuptlinge war jetzt dieselbe. Jeder führte Speer,

Bogen und Pfeile, Streitaxt, Messer und Schild. Mahtoree zögerte nun

nicht länger, und bald hatte auch sein Streitroß auf der Insel festen

Fuß gefaßt.

Der Pawnee hatte sich auf die andere Seite des kleinen Eilandes

zurückgezogen, ruhig und würdevoll den Beginn der Verhandlungen dem

älteren Krieger überlassend. Dieser ritt bis in die Mitte des Platzes

und lud dann mit höflicher Handbewegung den anderen ein, heranzukommen.

Hartherz folgte dieser Aufforderung; in angemessener Entfernung hielt

er still, den festen Blick unbeweglich auf das funkelnde Auge des

Dakota gerichtet. Es entstand eine lange Pause. Zum erstenmal fanden

sich diese beiden Tapferen, die Waffen in der Hand, einander gegenüber;

jeder wußte die kriegerischen Eigenschaften des anderen wohl zu

schätzen.

Endlich, wie um das Vertrauen des Gegners völlig zu gewinnen, warf

Mahtoree den Schild über die Schulter und machte eine Gebärde der

Begrüßung.

„Laß die Pawnees auf die Hügel steigen,“ so begann er. „Sie werden

dann sehen, daß die Prärie vom Aufgang bis zum Niedergang sehr groß

ist. Warum können die roten Männer mit ihren Dörfern nicht Raum darauf

finden?“

„Ist je ein Krieger der Loups zu den Tetons gekommen, um Raum für

seinen Wigwam zu erbitten?“ entgegnete der junge Pawnee stolz und

verächtlich. „Wenn meine jungen Männer jagen wollen, lassen sie dann

erst Mahtoree fragen, ob Sioux auf der Prärie sind?“

„Wenn der Hunger in die Hütte eines Kriegers einkehrt, dann schaut er

nach dem Büffel aus, der ihm zur Nahrung gegeben ist,“ versetzte der

Teton, mühsam seinen inneren Grimm bekämpfend. „Der Wakonda schuf mehr

Büffel als Indianer. Er sagte nicht, dieser Büffel gehört einem Pawnee,

der einem Dakota, dieser Biber einem Konza, jener einem Omahow. Nein,

er sagte, ihrer sind für alle genug. Ich liebe meine roten Kinder und

habe ihnen große Reichtümer gegeben. Das schnellste Pferd braucht viele

Tage von den Dörfern der Loups zu denen der Tetons. Die Erde hat Raum

für alle, die ich liebe. Warum aber sollen die roten Männer ihre Brüder

bekriegen?“

Hartherz, der ebenfalls den Schild zurückgeworfen hatte, setzte

seine Lanze auf den Boden und stützte sich leicht auf das obere Ende

derselben.

„Sind die Tetons der Jagd und des Kriegspfades müde?“ fragte er mit

spöttischem Lächeln. „Wollen sie das Wildbret nur essen, nicht auch

töten? Wollen sie ihr Haar wachsen lassen, damit der Feind keine

Skalplocke mehr findet? Geh'! Ein Pawnee wird sich unter solchen

Sioux-Squaws niemals ein Weib suchen!“

Wut und grimmigster Haß leuchteten wie lohende Blitze bei dieser

Beleidigung aus Mahtorees Augen, allein noch einmal bezwang sich der

tückische Häuptling.

„Der große Krieger der Pawnees ist noch jung,“ versetzte er. „Mahtoree

hat mehr Winter gesehen als sein Bruder. Wenn die roten Männer einander

töten, wer soll später Herr der Prärie sein? Höre die Worte der greisen

Krieger. Sie erzählen, wie vor langer Zeit viele Indianer aus den

Wäldern unter der aufgehenden Sonne in die Prärie gekommen sind, weil

die Langmesser sie aus ihren Jagdgründen vertrieben hatten. Wo ein

Bleichgesicht sich zeigt, da muß der rote Mann weichen. Das Land ist zu

eng. Die Langmesser sind ewig hungrig. Sieh, dort sind sie schon.“

Er deutete auf die Zelte Ismaels, die auf der jenseitigen Höhe sichtbar

waren.

Hartherz sann eine Weile nach.

„Was denken die weisen Häuptlinge der Sioux zu beschließen?“ fragte er

dann.

„Sie meinen, daß man die Bleichgesichter verfolgen müsse, wie das Wild.

Die Langmesser, die auf die Prärie kommen, dürfen nicht mehr zurück.

Dort drüben sind ihrer viele. Sie haben Pferde und Büchsen. Sie sind

reich, wir sind arm. Laß die Pawnees mit den Tetons am Beratungsfeuer

sitzen, und wenn die Sonne hinter den Felsengebirgen verschwunden ist,

dann werden wir sagen: dies für einen Loup, das für einen Teton.“

„Teton -- nein! Hartherz hat nie die Waffe gegen die Fremden erhoben.

Sie kommen in seinen Wigwam und essen und gehen ungefährdet von dannen.

Der mächtige Pawneehäuptling ist ihr Freund. Nein, Teton, er wird

seinen Arm niemals gegen die Fremden erheben.“

„So stirb denn mit leeren Händen, du Narr!“ rief Mahtoree, blitzschnell

einen Pfeil auf seinen Bogen legend und gegen die unbeschützte Brust

seines arglosen Gegners abdrückend.

Es wäre um Hartherz geschehen gewesen, wenn dieser nicht mit

bewunderungswürdiger Geistesgegenwart die Gefahr noch rechtzeitig

erkannt und sein Roß emporgerissen hätte, so daß es sich hoch aufbäumte

und ihm zum Schilde diente. Der Pfeil des Sioux durchbohrte des Tieres

Hals, ohne es jedoch zu Falle zu bringen.

Mit Gedankenschnelle hatte der Pawnee den Schuß erwidert; sein Pfeil

haftete in des Tetons Schild. Während einiger Momente klangen die

Bogensehnen, flogen die Geschosse unaufhörlich herüber und hinüber.

Bald waren die Köcher geleert; es hatte auch Verwundungen gegeben,

jedoch nicht genügend, die Kämpfer zu schwächen oder abzukühlen.

Jetzt begann eine Reihe meisterhafter Reitermanöver. Schnell und

geschickt wie Schwalbenflug war das Ansprengen, das Ausweichen, das

gegenseitige Umkreisen. Lanzenstöße wurden ausgetauscht, der Sand flog

unter dem Hufgestampf in Wolken auf, aber noch immer behielten beide

Fechter ihren Sitz.

Endlich aber mußte der Teton, um einem furchtbaren Stoße des Gegners zu

entgehen, sich vom Pferde werfen. Hartherz stieß dem Tiere die Lanze

in den Leib, im Vorbeijagen einen Triumphruf hören lassend. Jedoch

auch sein Roß hatte seine letzten Schritte getan; vom Blutverlust

völlig entkräftet, taumelte es in den Sand, seinen Herrn mit sich

niederreißend. Jetzt stürzte Mahtoree rachedurstig herzu, Messer und

Tomahawk in den Händen. Hartherz' Lage war verzweifelt, da es ihm trotz

seiner außerordentlichen Behendigkeit nicht gelang, sich rechtzeitig

unter dem Pferde hervorzuarbeiten. Aber auch jetzt noch wußte er sich

zu helfen. Er erwischte sein Messer, faßte die Klinge mit Daumen und

Zeigefinger und warf es so ruhig und sicher, als gälte es nur, seine

Geschicklichkeit zu zeigen, gegen den Feind. Die Waffe überschlug sich

einigemal wirbelnd in der Luft und fuhr dann bis an das Hirschhornheft

dem Dakota in die nackte Brust.

Mahtoree blieb stehen und faßte nach dem Heft, unschlüssig, ob er die

Klinge aus der Wunde reißen sollte oder nicht. Es mochte ihm jedoch

einfallen, daß er keine Zeit mehr zu verlieren habe, und wankenden

Schrittes eilte er zum Rande des Wassers.

„Knabe der Loups!“ rief er, neben dem Ausdruck des alten, wilden Hasses

ein Lächeln der Befriedigung auf den dunkeln Zügen. „Der Skalp des

mächtigen Dakota soll nimmer im Rauche eines Pawneewigwams trocknen!“

Er riß das Messer aus seiner Brust und schleuderte es verachtungsvoll

dem Feinde zu. Dann schwenkte er den Arm mit höhnischer Gebärde und

stürzte sich kopfüber in den Strom, der ihn verschlang und fortriß.

Hartherz hatte sich inzwischen frei gemacht. Er nahm sein Messer

auf, eilte den Strand entlang, und als er auf der Oberfläche der

vorüberwirbelnden Flut einen dunkeln Blutfleck erspähte, da sprang

er hinein, fest entschlossen, seine Trophäe zu erobern oder im Wasser

unterzugehen.

Als Hartherz mit seinem Pferde gestürzt war, da hatte es seine Getreuen

am jenseitigen Ufer nicht mehr gehalten. In hellen Haufen waren sie

in den Fluß geritten, der Insel zu. Bei diesem Anblick blieben auch

die Sioux nicht zurück, und nun trafen die beiden feindlichen Scharen

auf der Insel zusammen. Ein furchtbarer Kampf begann, der lange hin

und her wogte, bis die Sioux endlich von den Pawnees durch den Fluß

zurückgetrieben wurden. Hier eilten jedoch die unberittenen Sioux

ihren Genossen zu Hilfe, so daß die Pawnees in harte Bedrängnis

gerieten. Schon begannen sie dem Wasser zu zu weichen, da erscholl

der wohlbekannte Kriegsruf ihres Häuptlings, und Hartherz erschien auf

dem Plan, den Skalp Mahtorees als Siegesbanner schwingend. Mit neuem

Mute drangen die Pawnees nun gegen die Übermacht vor, und wütender

als je entbrannte der Kampf. Trotz der großen Tapferkeit der Loups

aber wäre das Gefecht für sie vielleicht verhängnisvoll geworden, wenn

nicht plötzlich eine Gewehrsalve in den dicksten Haufen der Feinde

hineingeschmettert und dort Verwirrung und Schrecken verbreitet hätte.

Im nächsten Augenblick brach Ismael Busch mit seinen gigantischen

Söhnen aus einem nahen Dickicht hervor, und als der ersten Salve noch

ein zweite folgte, da war das Geschick des Tages entschieden. In wilder

Flucht jagten die Sioux davon, verfolgt von den racheglühenden Loups.

Erst der Anbruch der Nacht machte der erbarmungslosen Jagd und der

grausen Tätigkeit der Lanze und des Messers ein Ende.

Neuntes Kapitel

Das Gericht

Die Sonne des nächsten Morgens beschien im Lager der Emigranten eine

eigentümliche Szene. Ismael Busch hatte seine Gefangenen auf den

freien Platz in der Mitte der Wagenburg führen lassen und schritt

nun vor denselben finster und nachdenklich auf und ab. Es war etwas

Außergewöhnliches, etwas Unheimliches im Werke, das merkten auch die

Kinder, die scheu und erwartungsvoll zwischen den Rädern der Wagen

kauerten; selbst die sonst so unermüdlich tätige Esther hatte ihre

Wirtschaftsarbeiten liegen lassen, um bei dem, was vorgehen sollte,

nicht zu fehlen.

Von den Pawnees war Hartherz allein zugegen; er stand auf seine Lanze

gelehnt, und unweit von ihm graste sein Pferd, dessen erhitzter Zustand

Zeugnis ablegte von dem langen und anstrengenden Ritt, den sein Herr

unternommen, um bei dem sich hier entwickelnden Ereignisse gegenwärtig

sein zu können.

Ismael war endlich mit sich einig geworden. Er blieb stehen und sah die

Gefangenen -- den Trapper, den Hauptmann Middleton, den Bienenjäger und

Obed Bat -- der Reihe nach an. Dann räusperte er sich und begann mit

dröhnender Stimme:

„Was ich jetzt verrichten muß, ist in den Ansiedlungen Sache der

Richter, die verordnet sind, zu entscheiden zwischen Mann und Mann. Von

den Gebräuchen der Gerichtshöfe kenne ich wenig, aber ich weiß einen

Spruch, der da heißt: Auge um Auge, Zahn um Zahn, Blut um Blut, Tod

um Tod. Das ist ein guter Spruch, nach ihm werde ich heute richten und

jedem zuerteilen, was ihm gebührt.“

Wieder schweifte sein Auge über die vor ihm Stehenden; als es dem Blick

des Hauptmanns begegnete, nahm dieser das Wort:

„Wenn der Übeltäter bestraft, und der, welcher nichts verbrach,

freigelassen werden soll, dann dürftet Ihr nicht Richter sein, sondern

müßtet an meiner Statt hier stehen.“

„Ihr wollt damit sagen, daß ich Euch Unrecht tat, weil ich jene Lady

aus ihres Vaters Hause in diese Wildnis entführen half,“ versetzte der

Squatter. „Ich will die Tat nicht leugnen und das Unrecht durch eine

Lüge nicht noch größer machen. Ich habe über die Sache nachgedacht

und beschlossen, die Lady sicher und unangefochten ihrem Vater

wiederzugeben. Auch Ihr, Hauptmann, seid frei, obgleich Ihr gewaltsam

in mein Lager gedrungen seid; das sei Euch verziehen, weil Ihr Euer

Weib zu befreien suchtet und dazu jeder Mann verpflichtet ist. Nimm dem

Offizier die Fesseln ab, Sohn Abner. Wenn Ihr so lange bei uns bleiben

wollt, Hauptmann, bis wir wieder in die Nähe der Ansiedlungen kommen,

so soll mir das lieb und recht sein und Euch auch ein Wagen gegeben

werden; wenn nicht, so geht nicht hin und sagt, man sei Euch hier nicht

freundlich entgegengekommen.“

Middleton dankte dem Squatter mit warmen Worten und umarmte seine

Gattin, die sich mit Tränen an seine Brust geworfen hatte. Ismael aber

wendete sich jetzt dem Naturforscher zu.

„Jetzt soll die Rechnung zwischen uns beglichen werden, Doktor,“ sagte

er. „Ich habe mit Euch einen ehrlichen Vertrag abgeschlossen; wie habt

Ihr den gehalten?“

Dem kleinen Manne, der sich die Kriegsmalerei abgewaschen und den

Filzhut auf den geschorenen Kopf gesetzt hatte, wurde bei dieser

Frage nicht ganz wohl zumute. Er stammelte etwas von Verjährung und

abgelaufener Kontraktsfrist, kam aber nicht weit, da Frau Esther ihm

ins Wort fiel.

„Ismael,“ rief sie ihrem Manne zu, „laß den Giftmischer laufen und sei

froh, daß du ihn los bist. Der unheimliche Kerl kann uns etwas antun,

ohne daß wir uns dagegen wehren können. Laß ihn laufen, Mann, laß ihn

laufen!“

Ismael nickte und trat vor den Bienenjäger hin.

„Mit Euch, junger Mann, ist die Abrechnung nicht so leicht,“ redete

er diesen an. „Ihr habt Euch ehemals oft genug heimlich auf meine Farm

und später auch in mein Lager geschlichen, um uns ein Mädchen abwendig

zu machen, die eine Verwandte meiner Frau ist und die einmal meine

Schwiegertochter werden sollte.“

„Ich will Euch was sagen, Freund Ismael Busch,“ entgegnete Paul ganz

munter, „verschiedene Leute haben über das Heiraten auch verschiedene

Ansichten. Ellen zum Beispiel denkt über ihren zukünftigen Mann sicher

ganz anders als Ihr --“

„Ellen,“ unterbrach ihn der Squatter, zu seiner Nichte gewendet, „ein

ganzes Jahr lang hast du mit uns im Lager gewohnt wie eine meiner

Töchter; ich hatte gehofft, daß du für immer bei uns bleiben würdest.“

„Laß ihr ihren Willen, Vater,“ raunte Esther ihm zu. „Er, der sie

vielleicht zum Bleiben bewogen hätte, schläft im kühlen Grunde.“

„Ellen mag selber entscheiden,“ versetzte der Squatter.

Das junge Mädchen trocknete die Augen. „Ihr habt mich aufgenommen, als

sonst niemand von der vaterlosen Waise etwas wissen wollte, und dafür

erflehe ich für Euch des Himmels reichsten Segen,“ sagte sie innig.

„Ich kann Eure Güte niemals vergelten. Das wilde Leben der Grenzer wird

mir nie zusagen; dennoch hätte ich freiwillig bei Euch ausgehalten,

wenn Ihr diese arme Lady ihren Angehörigen nicht geraubt hättet. Seit

der Zeit --“

„Das war eine schlechte Tat, die nun gesühnt werden soll und die

ich bereue,“ erwiderte der Emigrant. „Nun sage mir aber, willst du

hierbleiben oder nicht?“

„Ich habe der Lady Inez versprochen, sie zu begleiten; nach allem, was

sie erleiden mußte, hat sie wohl das Recht, zu verlangen, daß ich ihr

mein Wort halte,“ antwortete Ellen mit niedergeschlagenen Augen.

„Nehmt dem jungen Mann die Fesseln ab,“ befahl Ismael. Dann rief er

alle seine Söhne heran. „Da, Ellen,“ sagte er, auf die jungen Riesen

deutend, „wähle; mehr habe ich dir nicht anzubieten.“

Ellens Blick glitt scheu über die Gesichter ihrer Vettern, auf dem

Antlitz des ganz verdutzt dreinschauenden Paul aber blieb er haften. Im

nächsten Moment lag sie an des Bienenjägers Brust.

„Na, meinetwegen,“ brummte der Squatter, seine Söhne zur Seite winkend.

„Nimm ihn in Gottes Namen und meinen Segen dazu. Ihr aber, junger

Mann, sorgt dafür, daß ich keine Klage von ihr über Euch höre ... Ich

hoffe nun, alles zur Zufriedenheit eines jeden erledigt zu haben. Nur

noch eine Frage habe ich an den Hauptmann. Wollt Ihr mit mir nach den

Ansiedlungen ziehen oder nicht?“

„Ich höre, daß meine Soldaten bei den Pawneedörfern nach mir suchen,“

antwortete der Offizier. „Ich beabsichtige daher, diesen Häuptling

dorthin zu begleiten.“

„Gut; macht Euch auf den Weg, und je eher je besser. Da unten im Grunde

sind Pferde in Menge; wählt Euren Bedarf aus.“

„Ich kann mich nicht eher von hier entfernen, bis jener alte Mann,

der fast ein halbes Jahrhundert hindurch der Freund meines Hauses war,

ebenfalls in Freiheit gesetzt ist,“ antwortete Middleton. „Was hat er

verbrochen, daß Ihr ihn so in Banden haltet?“

„Mit dem Alten habe ich mich in einer Angelegenheit abzufinden, in die

sich ein Offizier der Staaten am besten nicht einmischt,“ entgegnete

der Squatter finster und abweisend. „Macht, daß Ihr fortkommt, solange

der Weg Euch noch offen ist.“

„Der Mann gibt Euch ehrlichen Rat,“ nahm jetzt der Trapper das Wort.

„Die Sioux sind zahlreich und blutgierig, und niemand kann wissen, wie

bald sie wieder ausschwärmen, um Rache zu nehmen. Darum rate auch ich

Euch, geht so bald als möglich, ehe die Gefahren der Prärie Euch in Not

bringen.“

„Ich handelte nicht nur undankbar, sondern auch gegen Pflicht und

Gesetz, wenn ich den Trapper in Euren Händen ließe, selbst wenn er

selber damit einverstanden wäre,“ sagte Middleton zu Ismael. „Nennt mir

sein Verbrechen.“

„Genügt Euch nicht, wenn ich sage, daß er reichlich verdient hat, was

ihm zugedacht ist?“

„Ich kann ihm nichts Böses zutrauen.“

Der alte Trapper · 第 8 / 10 段