Überzeugt, daß der Bescheid nur zu seinen Gunsten lauten würde, nickte

der Häuptling gnädig seine Zustimmung und wendete sich, die Hütte zu

verlassen. Da trat ihm mit schmerzbewegtem Antlitz Tachechana entgegen,

ihren kleinen Knaben auf dem Arm haltend. Sie blickte ihn flehend an

und wollte eben den Mund öffnen; er aber schob sie rauh zur Seite.

„Geh!“ sagte er. „Die Krieger rufen nach Mahtoree; er hat kein Ohr für

ein Weib!“

Und dem Trapper winkend, schritt er mit stolzem Anstande hinaus.

Kaum im Freien angelangt, sah er sich der Hünengestalt Ismaels

gegenüber, der mit Esther und Abiram vor dem Wigwam gewartet hatte.

„Hört nun auch einmal auf mich, alter Graubart,“ rief der Squatter,

den Greis mit Bärenkraft am Arm packend und zu sich heranziehend. „Ich

hab's jetzt endlich satt, bloß in der Finger- und Zeichensprache zu

den Rothäuten zu reden; jetzt sollt Ihr mein Dolmetscher sein und dem

Kerl hier meine Meinung auf gut Indianisch klarmachen, mag ihm die nun

gefallen oder nicht.“

„Sprecht, Freund,“ antwortete der alte Mann ruhig.

„Freund?“ wiederholte der Squatter, den anderen mit einem nichts

weniger als freundschaftlichen Blicke messend. „Doch gleichviel. Sagt

diesem spitzbübischen Sioux, daß ich die Bedingungen unseres Vertrages

nunmehr erfüllt haben will.“

Als der Trapper dem Häuptling diese Worte verdolmetscht hatte,

erwiderte dieser mit sehr deutlichem Erstaunen:

„Ist meinem Bruder kalt? Büffelfelle sind in Menge vorhanden. Ist er

hungrig? Meine jungen Männer sollen Wildbret in seinen Wigwam bringen.“

Der Squatter schlug mit der geballten Rechten in seine flache Linke.

„Sagt dem verlogenen Gesellen,“ rief er zornig, „daß ich nicht als

Bettler zu ihm gekommen bin, sondern als ein freier Mann, der sein

Eigentum verlangt; und darauf bestehe ich, sagt ihm das ja! Und auch

Euch alten, elenden Sünder will ich ausgeliefert haben, damit ich

mit Euch abrechnen kann! Also wohlverstanden -- ich verlange meine

Gefangene, meine Nichte und Euch, zusammen drei! Die soll er mir

herausgeben, wie im Vertrage ausgemacht und beschworen worden ist.“

Der Trapper lachte erst in seiner stillen Weise vor sich hin, ehe er

sich an den Häuptling wendete.

„Der Dakota möge seine Ohren sehr weit öffnen,“ sagte er zu diesem,

„damit große Worte hineingehen können. Sein Freund von den Langmessern

kommt mit leeren Händen und verlangt, daß der Teton sie fülle.“

„Hugh! Mahtoree ist ein reicher Häuptling; er ist der Herr der Prärie.“

„Er soll das Dunkelauge zurückgeben.“

Die Brauen des Häuptlings zogen sich finster und drohend zusammen; er

beherrschte sich aber und entgegnete mit verräterischem Lächeln:

„Ein Mädchen ist zu leicht für die Hand eines solchen Tapfern; Mahtoree

wird sie mit Büffeln füllen.“

„Auch das Lichthaar verlangt er; er behauptet, es sei von seinem Blute.“

„Das Lichthaar soll Mahtorees Weib werden; das Langmesser wird dann der

Vater eines Häuptlings sein.“

„Und auch mich will er haben,“ fuhr der Trapper fort, dabei auf sich

deutend und den Squatter anschauend, damit der erkenne, daß er nicht

hintergangen würde, „mich, den alten abgelebten, unnützen Mann.“

„Mein Vater wird bei den Tetons wohnen, damit sie von seiner Weisheit

lernen. Nein, Mahtoree will dem Langmesser Felle und Büffel geben, auch

die beiden jungen Bleichgesichtkrieger will er ausliefern, aber die

Blumen der Prärie, die in seinem Wigwam sind, die bleiben sein eigen.“

Damit wendete er sich würdevoll ab und schickte sich an, zu seinen

Kriegern zu gehen; da kam ihm noch ein Gedanke.

„Sage dem Großen Büffel,“ -- diese Bezeichnung hatten die Tetons dem

Squatter beigelegt -- „daß die Hand Mahtorees stets offen ist. Sieh,“

-- er deutete auf Esthers runzliges Gesicht -- „sein Weib ist zu alt

für einen so großen Häuptling. Mahtoree liebt ihn wie einen Bruder. Er

will ihm sein eigenes jüngstes Weib geben, Tachechana, das ‚hüpfende

Reh‛, den Stolz der Siouxmädchen. Geh; ein Dakota ist großmütig.“

Langsam schritt er davon.

Der Trapper übersetzte die Reden des Tetons Wort für Wort. Ismael

lauschte mit steigendem Grimm, desgleichen sein Weib. Der Vorschlag,

Esther wegzujagen, lockte dem Squatter aber doch ein kurzes Lachen

ab. Dadurch aber stieg der Zorn dieser wackeren Dame auf die höchste

Spitze. Sie machte ihren beleidigten Gefühlen durch einen Strom von

Scheltworten und Schimpfreden Luft, der hier unmöglich wiedergegeben

werden kann. Zuletzt rief sie ihre Söhne und befahl ihnen, ungesäumt

die Zugtiere vor die Wagen zu spannen. Gehorsam legten auch Ismael und

Abiram Hand an, und bald darauf sah man die Karawane der Emigranten das

Dorf ihrer bisherigen Verbündeten verlassen.

Die Sioux zeigten weder Erstaunen noch Bedauern über die unerwartete

Trennung. Mahtoree warf den Abziehenden einen Blick nach, der an den

des Tigers erinnerte, wenn dieser König der Wälder ein Wild beobachtet

und nicht recht weiß, ob er zuspringen soll oder nicht. Langsam

knarrten die Fuhrwerke am Flusse entlang, bis, etwa eine Meile weiter

abwärts, halt gemacht und ein neues Lager hergerichtet wurde.

Inzwischen hatte Mahtoree seine Krieger zu einer letzten,

entscheidenden Beratung über das Schicksal seiner Gefangenen

versammelt. Es war eine echt indianische Steigerung der beabsichtigten

Grausamkeiten, daß diese Beratung in nächster Nähe des an den

Marterpfahl gefesselten Pawnees abgehalten wurde, zu dessen Füßen man

jetzt auch die beiden Weißen niedergelegt hatte.

Ein alter Krieger zündete die große Pfeife seines Stammes an und blies

den Rauch feierlich nach den vier Himmelsrichtungen. Dann reichte er

die Pfeife Mahtoree; dieser tat einige Züge und gab sie dem nächsten.

Nachdem alle in würdevollem Schweigen diesem uralten Brauch Genüge

getan, begann der Austausch der Meinungen. Ein hochbetagter Indianer

erhob sich.

„Noch lag der Adler an den oberen Fällen des großen Flusses in seinem

Ei, da hatte meine Hand schon einen Pawnee erschlagen,“ begann er. „Was

meine Zunge spricht, das haben meine Augen gesehen. Bohreechena ist

sehr alt. Was er redet, das hören die Tetons. Fällt eins seiner Worte

zur Erde, so heben sie es auf und halten es an ihr Ohr. Wird eins vom

Winde verweht, so holen meine jungen Männer, die sehr schnell sind,

es wieder. Höret mir zu. Seit das Wasser fließt und die Bäume wachsen,

findet der Sioux den Pawnee auf seinem Kriegspfad. Wie der Kuguar die

Antilope, so liebt der Dakota seinen Feind. Wenn der Wolf das Reh

findet, legt er sich dann nieder zu schlafen? Schließt der Panther

seine Augen, wenn er das Hirschkalb am Quell sieht? Ihr wißt es sehr

wohl, er tut es nicht. Auch er trinkt dann, aber er trinkt Blut! Ein

Sioux ist ein springender Panther, ein Pawnee aber ein zitterndes Wild.

Mögen meine Kinder mich hören. Sie werden finden, daß meine Worte gut

sind. Ich habe gesprochen.“

Ein dumpfes Beifallsgemurmel folgte den Ausführungen dieses Redners,

der ganz die Ansichten Mahtorees vertreten hatte. Nach längerer, von

der Sitte gebotener Pause erhob sich ein zweiter Krieger, ein Mann in

mittleren Jahren. Er begann mit der Erzählung seiner Taten; er zeigte

der Versammlung seine Narben.

„Was bin ich?“ fuhr er fort. „Ein Dakota! Ihr kennt mich, darum hört

auch mich. Das Blut jeder Kreatur auf der Prärie ist rot. Wer kann

sagen, hier hat ein Pawnee geblutet, und hier ein Bison? Die Farbe ist

die gleiche. So wollte es der Große Geist. Wächst aber das Gras grün

an der Stelle, wo ein Bleichgesicht getötet wurde? So zahlreich ist die

Nation der Weißen nicht, daß sie nicht merken sollte, wenn einer ihrer

Krieger fehlt. Sie ruft dieselben oft mit Namen und fragt: Wo sind

meine Söhne? Vermissen sie einen davon, dann senden sie andere hinaus

in die Prärie, ihn zu suchen. Und finden sie ihn nicht, dann kommen

ihre Läufer zu den Sioux und forschen nach ihm. Meine Brüder, die

Langmesser, sind keine Narren. Ein mächtiger Medizinmann ihrer Nation

ist unter uns. Wer kann wissen, wie laut seine Stimme ist, oder wie

lang sein Arm?“

Hier erhob sich Mahtoree in sichtbarer Ungeduld.

„Man bringe den bösen Geist der Bleichgesichter herbei!“ befahl er mit

unverhohlenem Spott und Hohn. „Mein Bruder soll den Medizinmann genau

betrachten.“

Nach einer erwartungsvollen Pause teilte sich die Menge, und der Doktor

Battius wurde, auf seinem Esel sitzend, von Weucha feierlich in den

Kreis geleitet.

Um den gefürchteten Zauberer in den Augen seiner Krieger lächerlich

und verächtlich zu machen, hatte der Häuptling ihn zur Karikatur eines

Indianers umgestalten lassen. Obeds Kopf war kahl rasiert bis auf eine

Skalplocke auf dem Wirbel. Schädel und Gesicht waren mit schwarzen,

roten und weißen Farben dick bemalt. Um den nackten Oberkörper war

ein ebenfalls bemaltes Hirschfell gehängt; der seltsamste Zierat aber

baumelte von des Naturforschers Skalplocke und Ohren hernieder, nämlich

alle die präparierten Kröten, Eidechsen, Frösche und Schmetterlinge,

die man in seinem ledernen Schnappsack gefunden hatte. So hielt er,

wie eine Vogelscheuche, in der Mitte des Kreises, melancholisch um sich

blickend und jeden Augenblick das Todesurteil erwartend. Einen kleinen

Trost gewährte ihm die Gegenwart des alten Trappers, der mit in der

Reihe der Krieger stand, wie sonst auf seine treue Büchse gelehnt, die

Mahtoree ihm als Zeichen der Freundschaft wieder eingehändigt hatte.

[Illustration]

Mit Ingrimm gewahrte der Häuptling, daß des Doktors lächerlicher Aufzug

die Furcht seiner Krieger vor dem mächtigen Zauberer der Langmesser

keineswegs beseitigte. Verächtlich zuckte er die Achseln, finster ließ

er die Augen in der Runde schweifen, und dann begann er, den Pawnee mit

einem Blick tödlichsten Hasses streifend, von neuem zu reden.

„Was ist ein Sioux?“ rief er. „Der Beherrscher der Prärie und der Herr

aller Tiere darauf. Die Fische in dem Flusse der wirbelnden Wasser

kennen ihn und kommen auf seinen Ruf. Er sieht scharf wie ein Adler,

im Rate ist er ein Fuchs, ein grauer Bär im Kampfe. Ein Dakota ist ein

Mann!“

Ein Beifallsgemurmel wurde laut.

„Was ist ein Pawnee?“ fuhr er fort. „Ein Dieb, der nur Weiber

bestiehlt; eine Rothaut, die keine Tapferkeit kennt; ein Jäger, der

sein Wildbret erbettelt. Er geht nachts in die Prärie wie eine Eule; im

Rat ist er ein hüpfendes Eichhörnchen, im Kampfe ein Elch, dessen Beine

lang sind. Ein Pawnee ist ein Weib!“

Ein zustimmender Jubelruf folgte diesen Worten, die der Trapper auf

einen Wink Mahtorees dem Pawnee verdolmetschen mußte. Hartherz lauschte

mit großem Ernst, wendete dann aber seinen Blick schweigend wieder der

Ferne zu.

„Wenn die Erde mit Ratten bedeckt wäre,“ so fing der Redner wieder

an, „mit Ratten, die zu nichts taugen, dann fände sich kein Raum für

die Büffel, die den Indianern Nahrung und Kleidung geben. Wenn auf der

Prärie nur Pawnees wimmelten, dann wäre für den Fuß eines Dakota kein

Platz darauf. Ein Loup ist eine Ratte, ein Sioux ein schwerer Büffel;

laßt die Büffel die Ratten zertreten und Raum für sich schaffen!“

Mahtoree setzte sich nieder, von Beifallsgeschrei umtost. Schon meinte

er, seine Krieger in der rechten Stimmung zu haben, da trat aus deren

Reihen ein uralter Greis hervor. Eine tiefe, ehrfurchtsvolle Stille

verbreitete sich in der Menge. Vor einem halben Jahrhundert hatte er

von den Franzosen in Kanada wegen seiner Tapferkeit und seines von

Narben durchfurchten Gesichtes den Beinamen „Le Balafré“ erhalten, der

ihm dann auch unter seinen Stammesgenossen geblieben war.

„Die Tage des alten ‚Le Balafré‛ nahen sich ihrem Ende,“ begann der

alte Krieger mit kaum hörbarer Stimme. „Er gleicht einem Büffel, auf

dem kein Haar mehr wächst. Bald wird er seine Hütte verlassen, um eine

andere aufzusuchen, weit von den Dörfern der Sioux. Darum redet er

nicht für sich, sondern für die, welche er zurückläßt. Viele Winter

sind vergangen, seit Le Balafré auf dem Kriegspfade ging. Sein Blut

war sehr heiß, aber es fand Zeit, kühl zu werden. Der Wakonda läßt ihn

nicht mehr von Kämpfen träumen; er weiß, daß es besser ist, in Frieden

zu leben ... Meine Brüder, Le Balafré wird bald die Fährte von seines

Vaters Mokassin in den glücklichen Jagdgründen suchen und finden. Wer

aber soll ihm selber folgen? Le Balafré hat keinen Sohn. Sein Ältester

hat zu viele Pawneepferde geritten, die Gebeine des Jüngsten benagen

die Konzahunde. Le Balafré sucht einen jungen Arm, auf den er sich

stützen kann. Tachechana, das hüpfende Reh der Tetons, schaut vor sich,

nicht hinter sich; ihr Sinn weilt im Wigwam ihres Gatten.“

Alles hatte schweigend diesen Worten gelauscht, mancher Krieger aber

blickte verstohlen nach Mahtoree, zu erspähen, wie der des Patriarchen

Entschluß aufnehmen würde, der allerdings völlig den indianischen

Gebräuchen entsprach. Des Häuptlings Auge funkelte in verhaltenem Zorn;

drohte ihm doch der Verlust desjenigen Opfers, nach dessen Tode er am

meisten dürstete.

Le Balafré war inzwischen langsam auf den Marterpfahl zugeschritten.

Lange musterte er die Gestalt und das Antlitz des jungen Pawnee mit

Wohlgefallen; dann winkte er gebieterisch, und einige herzuspringende

Krieger befreiten gehorsam den Gefangenen von seinen Banden. Noch

einmal betrachtete der Greis mit altersschwachem Auge das prächtige

Ebenmaß der geschmeidigen, muskelstarken Glieder; endlich sagte er:

„Es ist gut. Redet mein Sohn, der springende Panther, die Sprache der

Tetons?“

Der Blick des Pawnee verriet, daß er die Frage wohl verstanden, allein

er war zu stolz, sich der Zunge der Feinde zu bedienen. Die Umstehenden

belehrten den Alten, daß der Gefangene ein Pawnee-Loup sei.

„Mein Sohn öffnete die Augen an den Wassern der Wölfe,“ nahm Le Balafré

in der Pawneesprache das Wort, „er wird sie schließen am Flusse der

wirbelnden Wasser. Er ist als Pawnee geboren, als Dakota wird er

sterben. Ich bin eine entlaubte Sykomore und sehnte mich lange nach

einem frischen Schößling; jetzt habe ich ihn gefunden. Le Balafré

hat nun einen Sohn. Sein Name wird nicht vergessen sein, wenn er

hinwegging; Männer der Tetons, ich nehme diesen Jüngling in meinen

Wigwam.“

Er führte den Pawnee in die Mitte des Kreises, um alle Anwesenden

mit seiner Wahl bekanntzumachen. Niemand wagte eine Entgegnung, auch

Mahtoree schwieg. Da aber erhob Hartherz seine klare, feste Stimme.

„Mein Vater ist sehr alt,“ hub er an, „aber alles hat er doch nicht

gesehen. Er hat aus einem Büffel noch keine Fledermaus werden sehen. Er

wird auch nie sehen, daß aus einem Pawnee ein Sioux wird!“

Ein Ruf der Bewunderung durchflog die Reihen der Sioux bei dieser Rede,

die des berühmten Kriegers mit dem „harten Herzen“ so würdig war. Le

Balafré aber ließ sich nicht so leicht von seinem Vorsatze abbringen.

„Es ist gut,“ versetzte er. „So spricht ein Tapferer, auf daß die

Krieger sein Herz erkennen. Es gab eine Zeit, wo Le Balafrés Stimme am

lautesten bei den Hütten der Konzas gehört wurde. Mein Kind wird die

Feinde der Tetons schlagen und dadurch seinen Mut beweisen. Männer der

Dakotas, dieser ist mein Sohn!“

Der Pawnee zögerte einen Augenblick, dann trat er vor den Veteranen

hin, faßte dessen dürre Hand und legte sich dieselbe voll Ehrfurcht auf

das Haupt. Darauf aber wendete er sich gegen die feindliche Menge, die

ihn umringte; blitzenden Auges, voll Stolz und Hoheit und zugleich voll

schneidendster Verachtung begann er in der Sprache der Sioux:

„Hartherz hat sich von innen und von außen beschaut. Er hat seine

Taten im Kriege und auf der Jagd erwogen. Er ist überall derselbe.

Er kennt keinen Wechsel. Er ist in allen Dingen ein Pawnee. Er hat so

viele Tetons erschlagen, daß er nimmermehr in ihren Wigwams essen darf.

Seine Pfeile würden rückwärts fliegen, seine Lanze trüge die Spitze am

unrechten Ende. Kennen die Tetons einen Loup? Mögen sie ihn betrachten.

Sein Haupt ist bemalt, sein Arm ist Fleisch, aber sein Herz ist Stein.

Wenn die Tetons die Sonne im Abend, hinter den Felsengebirgen, aufgehen

und im Morgen, über dem Lande der Bleichgesichter, untergehen sehen,

dann wird das ‚Harte Herz‛ erweichen und ein Sioux werden. Bis dahin

aber wird er als Pawnee leben und sterben!“

Entzücken, Bewunderung, Blutgier und Rachsucht vereinigten sich

in dem Geschrei, das aus der Menge der Sioux jetzt emporstieg. Der

Pawnee wartete, bis man ihn wieder vernehmen konnte, dann schaute er

freundlich den alten Krieger an, der so gern sein Wohltäter geworden

wäre.

„Möge mein Vater sich auf das Reh der Dakotas lehnen,“ sagte er mit

sanfter Stimme. „Noch ist sie schwach, wenn aber ihr Wigwam sich mit

Kindern füllt, wird sie Kraft gewinnen. Sieh,“ fuhr er fort, auf den

Trapper zeigend, der ein aufmerksamer Beobachter dieses Vorgangs war,

„Hartherz ist nicht ohne ein graues Haupt, das ihm den Pfad zu den

glücklichen Prärien weisen kann. Hat er jemals einen anderen Vater, so

wird dies jener gute und gerechte Krieger sein.“

Enttäuscht wendete Le Balafré sich ab; wankenden Schrittes näherte er

sich dem Trapper, denselben genauer zu beschauen.

[Illustration]

„Das Haupt meines Bruders ist sehr weiß,“ sagte er nach langer

Musterung der dunkeln, verwitterten Züge des alten Wald- und

Prärieläufers; „das Auge Le Balafrés aber gleicht nicht mehr dem des

Adlers. Von welcher Farbe ist die Haut meines Bruders?“

„Der Wakonda schuf mich weiß wie jene dort, die auf den Spruch der

Dakotas warten,“ antwortete Nathaniel Bumppo; „das Wetter aller Art

aber färbte meine Haut mit der Farbe des Fuchsfells.“

„Mein Bruder ist ein Langmesser! Warum ist er zu den Rothäuten

gekommen, sich einen Sohn zu suchen?“

Der Trapper legte einen Finger auf die nackte Brust des alten Kriegers

und blickte angelegentlich in das narbenvolle Gesicht desselben.

„Das geschah, um dem Knaben Gutes zu erweisen,“ antwortete er, „nicht,

um an ihm eine Stütze meines Alters zu haben. Ich machte ihn zu meinem

Sohn, ihm selber zum Troste, damit er jemand zurücklasse, wenn deine

Genossen, die Sioux, ihre blutgierigen Absichten gegen ihn ausgeführt

haben werden ... Ruhig, Hektor, ruhig, Hundchen! Sind das Manieren, zu

winseln, wenn Grauköpfe miteinander reden? Der Hund ist alt, Teton, und

wenn auch gut erzogen, so vergißt er doch zuweilen, wie wir selber ja

auch, das in der Jugend Erlernte.“

Ein jäh ausbrechendes Wutgeschrei der alten Weiber des Stammes ließ ihn

nicht weiterreden. Den Megären hatte das Hinausschieben der so gierig

erwarteten Folterung des Pawnee von Anfang an nicht gefallen, und

als sie den jungen Helden jetzt so stolz und herausfordernd und aller

Fesseln ledig dastehen sahen, da vermochten sie ihre wilde, gehässige

Rachsucht und ihre Blutgier nicht länger zu bezähmen. Sie durchbrachen

den Kreis der Männer und umringten den Pawnee mit erhobenen Fäusten

und einer Sturmflut der beleidigendsten Schimpfreden. Es entstand ein

allgemeines Getümmel, während dessen Le Balafré sich niedergeschlagen

zurückzog, der Trapper sich jedoch in möglichster Nähe seines jungen

Freundes zu halten suchte. Mahtoree, der diesen Moment vorausgesehen

hatte, ermutigte die wilde Schar durch Blick und Gebärde.

[Illustration]

Allen voran drängte sich Weucha; er schwang seinen Tomahawk um das

Haupt des Pawnee, als sollte jeder Schlag dessen Schädel spalten.

Hartherz zuckte jedoch mit keiner Wimper; gleichgültig schaute er jetzt

wieder hinaus in die Ferne, obgleich der blinkende Stahl unaufhörlich

vor seinen Augen glitzerte.

Dem Trapper, der jede Bewegung des Tomahawks beobachtete, wurde dieses

höllische Treiben endlich zuviel.

„Mein Sohn hat seine Klugheit vergessen,“ rief er dem Pawnee zu.

„Dieser Sioux ist töricht und leicht zu vorschneller Tat zu verleiten.

Möge der Pawnee durch höhnische Worte einen leichten Tod erkaufen und

der Folter am Marterpfahl entgehen.“

Weucha hörte diese Rede, und in schäumendem Zorn bedrohte er jetzt auch

den alten Jäger mit seiner Waffe.

„Nur zu,“ sagte dieser ruhig. „Ich bin heute so bereit wie morgen.

Sieh dir den edeln Pawneehäuptling an; wie viele von den heulenden

Sioux hat der in offener Schlacht getötet, während die Pfeile ihn wie

Schneeflocken umschwirrten. Geh'! Kann Weucha den Namen eines einzigen

Feindes nennen, der von seiner Hand fiel?“

„Hartherz!“ schrie der Sioux, in höchster Wut einen furchtbaren

Streich nach dem Haupte des Gefangenen führend. Sein niederfahrender

Arm aber wurde von der Hand des letzteren auf- und festgehalten. Einen

Moment standen beide regungslos, der Sioux wie versteinert über diesen

Widerstand, der Pawnee wie in die Ferne lauschend. Im nächsten Moment

aber hatte Hartherz seinem Gegner die Waffe entrissen, und Weucha

wälzte sich mit bis auf die Zähne gespaltenem Kopfe am Boden. Dann

brach sich der junge Held, hoch das blutige Beil schwingend, Bahn durch

die entsetzt aufkreischende Weiberschar und eilte mit der Schnelligkeit

des Hirsches zum Dorfe hinaus und dem Abhang am Flusse zu.

Ein Geheul der Rache erscholl aus hundert Kehlen, und schon schickten

die Krieger sich zur Verfolgung an, da hielt ein befehlender Ruf

Mahtorees sie zurück. Mit ausgestrecktem Arm deutete der Häuptling nach

dem Flusse.

Hartherz hatte bereits das Gestade erreicht. Jenseits des Stromes aber

brach hinter einem Hügel ein Haufe berittener Pawneekrieger hervor,

die ihren Häuptling, der sich in die Flut geworfen hatte und ihnen

zuschwamm, mit jubelndem Triumphgeschrei begrüßten.

Achtes Kapitel

Der Zweikampf der Häuptlinge

In einer Lage, wie der im vorigen Kapitel geschilderten, blieb dem

Führer der Sioux nicht viel Zeit zu langer Überlegung. Dennoch zeigte

er sich derselben völlig gewachsen.

Während die Krieger sich in Eile bewaffneten, sendete er die Knaben

aus, die unweit des Dorfes weidenden Pferde herbeizuholen. Zugleich

ließ er durch die Weiber die Hütten abbrechen und dieselben den nicht

mehr zum Streit geeigneten Tieren aufpacken. Die kleineren Kinder trieb

man wie eine Herde Vieh zusammen, und trotz des Gelärms und Getöses,

das allenthalben herrschte, wurden diese Anordnungen in kürzester Zeit

ausgeführt, und bald saß die waffenfähige Schar der Sioux kampfbereit

zu Pferde.

Mahtoree blieb nicht lange im Zweifel darüber, daß seine Streitmacht

der der Pawnees an Zahl weit überlegen war; allein er konnte sich auch

nicht verhehlen, daß die Feinde über bessere Rosse und vollkommenere

Bewaffnung verfügten; außerdem war mit Sicherheit anzunehmen, daß jene,

die ausgerückt waren, ihren verloren geglaubten Häuptling zu rächen,

bis auf den letzten Mann aus den erprobtesten und besten Kriegern

bestanden.

Die Pawnees hatten das beste Streitroß aus Hartherz' Besitz

mitgebracht, um dasselbe, wenn nötig, auf dem Grabe des geliebten

Führers zu opfern. Jetzt sollte es bessere Dienste tun. Hartherz

schwang sich hinauf, prüfte mit Freude die Waffen, die gleichfalls

zu seinem Totenopfer bestimmt gewesen waren, und tummelte dann

im Hochgefühl der wiedererlangten Freiheit und des bevorstehenden

Rachekampfes das edle Pferd eine Zeitlang auf und ab vor den Augen

seiner durch diesen Anblick beglückten Getreuen.

Auf der anderen Seite des Flusses führte Mahtoree seine Krieger zum

Gestade hinunter. Vorher hatte er noch der weißen Gefangenen gedacht.

Gern hätte er dieselben ohne weiteres durch den Tomahawk ins Jenseits

befördern lassen, allein im Hinblick auf das nicht ferne Lager

Ismaels und auf die Ehrfurcht, die viele seiner Leute vor dem fremden

Medizinmann hegten, nahm er davon Abstand. Statt dessen winkte er einen

alten Mann herbei, der die Aufsicht über die Nichtkämpfer des Dorfes zu

führen hatte.

„Wenn meine jungen Männer mit den Pawnees fechten,“ raunte er demselben

zu, „dann gib den Weibern Messer. Genug; mein Vater ist sehr alt, er

braucht nicht erst von einem Knaben Weisheit zu lernen.“

Der alte Wilde begegnete dem Blick des Häuptlings mit grimmigem

Einverständnis, und dieser setzte sich befriedigt an die Spitze seiner

Bande.

Bald waren die feindlichen Streitkräfte nur noch durch den Fluß

voneinander geschieden, der zu breit war, als daß die Schießwaffen der

Indianer über ihn hinaus von Wirkung sein konnten.

Der alte Trapper · 第 7 / 10 段