seinen Söhnen jagen, und die Häuptlinge werden am Beratungsfeuer mit
dem Graukopf rauchen. Die Pawneemädchen werden seinen Töchtern ins Ohr
singen.“
„Und wenn wir den Tetons begegnen?“ fragte der Trapper, der bei diesem
neuen Bündnis völlig klar sehen wollte.
„Die Feinde der Langmesser sollen die Streiche des Pawnee fühlen.“
„Es ist gut. Möge mein Bruder jetzt mit mir Rat halten, damit unser
Weg zu seinem Dorfe nicht gewunden, sondern gerade sei wie der Flug der
Tauben.“
Der Pawnee nickte und folgte dem alten Jäger auf die Seite. Die
Unterredung, in der bilderreichen und würdevollen Sprache der Indianer
geführt, war nur kurz.
„Dieser junge Krieger,“ erklärte der Trapper seinen erwartungsvollen
Freunden nach dem Schluß der Beratung, „ist auf Kundschaft gegen die
Sioux aus. Da seine Begleiter nicht zahlreich genug waren, um es mit
den Feinden aufzunehmen, hat er dieselben heimgesandt, um Verstärkung
aus den Dörfern zu holen. Der Junge muß ein tapferes Herz haben, da er
ganz allein den Spitzbuben auf den Fersen blieb. Aber er hat mir noch
mehr mitgeteilt. Der verschmitzte Mahtoree hat, anstatt sich in einen
Kampf gegen den Squatter einzulassen, mit ihm Frieden geschlossen, so
daß nun die gesamte Halunkenbande, die weiße wie die rote, brüderlich
vereint hinter uns her ist.“
Das war eine beunruhigende Nachricht, und es galt nun vor allem, die
Flucht so rasch als möglich fortzusetzen. Der Pawnee warf sich die
Büffelhaut über die Schultern und übernahm die Führung. Es ging nun
geradeswegs zum Flusse, dessen Ufer nach Verlauf einer Stunde erreicht
war. Es war einer der hundert Nebenströme des Mississippi, nicht tief,
aber wasserreich und reißend.
Es galt jetzt, über das breite Wasser hinüberzukommen.
„Oft habe ich diesen Fluß durchwatet, ohne das Knie zu netzen,“ sagte
der Alte, „jetzt aber ist die Flut durch die Wasser aus den Bergen
geschwollen. Unsere Siouxpferde schwimmen jedoch wie die Hirsche.“
„Trotzdem möchte ich Ellen nicht ihrem Rücken in diesem strudelnden und
tobenden Hexenkessel anvertrauen,“ entgegnete der Bienenjäger.
„Recht, Knabe,“ nickte der Trapper. „Wir müssen auf etwas anderes für
die Frauenzimmer denken.“
Er wendete sich zu dem Pawnee und erklärte diesem die entstandene
Schwierigkeit. Der junge Pawnee hörte ernst und aufmerksam zu; dann
aber warf er seine Büffelhaut auf die Erde und begann sogleich,
unter dem Beistande des schnell auf seine Gedanken eingehenden
Jägers und mit Hilfe von Riemen und leichten Holzstäben ein Fahrzeug
daraus herzustellen, das zwar eher einem umgekehrten Regenschirm als
einem Boote glich, dennoch aber sich als durchaus zweckentsprechend
herausstellte.
Middleton und Paul Hover prüften das Fahrzeug auf seine Sicherheit
und Tragfähigkeit, dann stiegen Inez und Ellen hinein. Der Pawnee, der
eins der drei Rosse bestiegen hatte, ritt ins Wasser, stieß seine Lanze
durch den obersten Rand des Fahrzeugs und bugsierte dasselbe mit großer
Kraft und Geschicklichkeit in den Strom hinaus. Der Hauptmann und der
Bienenjäger folgten auf ihren Pferden, und alle erreichten glücklich
das jenseitige Ufer.
Hier löste der Pawnee die das Fahrzeug zusammenhaltenden Bänder, warf
sich die Haut wieder über den Rücken, nahm die Holzstäbe in die Hand
und ritt in den Fluß zurück, den Doktor und den Trapper zu holen.
„Jetzt weiß ich, daß diese Rothaut unser volles Vertrauen verdient,“
sagte der alte Jäger zu seinem Genossen. „Wäre er ein Teton oder ein
Mingo, dann hätte er uns im Stich gelassen und wäre mit unserem besten
Pferde auf und davon gegangen. Ich fürchtete schon so etwas, als ich
ihn das Tier auswählen sah, aber ich tat ihm unrecht. Der Junge ist
ehrlich; und hat man solch eine Rothaut erst einmal zum Freunde, dann
bleibt er das, solange man ihn offen und aufrichtig behandelt.“
Der Pawnee landete, das Boot wurde wiederhergestellt, und jetzt
nahmen der Trapper, sein Hund und der Doktor darin Platz, der letztere
freilich nur mit Zittern und Zagen.
„Ehrwürdiger Jäger,“ stammelte der kleine Mann, angstvoll auf
die wirbelnde Flut blickend, „dieses Fahrzeug ist so gänzlich
unwissenschaftlich bereitet, daß eine innere Stimme mich abhält, ihm zu
trauen. Das Schiff hat ja weder Form noch Proportionen.“
„So schön wie ein Rindenkanu ist es freilich nicht,“ versetzte der
alte Mann lächelnd, „man kann aber Ruhe und Bequemlichkeit ebensogut in
einem Wigwam wie in einem Palast finden.“
„Ja, aber ein Machwerk, das so jeglicher Wissenschaft Hohn spricht --“
Der Doktor unterbrach sich mitten im Satze, denn von der Uferseite her,
die sie soeben verlassen hatten, ertönte ein Geschrei, so durchdringend
und übernatürlich, daß er mit offenem Munde und entsetzten Augen
lauschen mußte. Der junge Pawnee spitzte die Ohren wie ein Hirsch,
denn der Ton war ihm neu und rätselhaft; der Trapper aber hatte das
Geschrei sogleich erkannt. Er schaute zurück und sah des Doktors Esel
in gestrecktem Galopp daherkommen, zu übermäßiger Eile angetrieben von
Weucha, dem Sioux, der auf seinem Rücken saß.
Die Blicke des Tetons und die der Flüchtlinge begegneten sich. Der
erstere stieß einen laut gellenden Ruf aus, der im nächsten Augenblick
fünfzig seiner Genossen zum Flußufer brachte, die sofort anhuben, einen
Hagel von Pfeilen den Entweichenden nachzusenden. Die Geschosse fielen
jedoch harmlos ins Wasser, da das Fahrzeug inzwischen bereits über
die Hälfte der Strombreite durchmessen hatte. Jetzt erschien auch die
hohe Gestalt Mahtorees unter der Schar der Verfolger. Mehr als einmal
erhob der Trapper die lange Büchse zum Schusse, aber immer wieder ließ
er sie sinken, als widerstrebe es ihm, Menschenblut zu vergießen. Die
Augen des jungen Pawnee aber funkelten wie die eines Kuguars bei dem
Anblick so vieler Feinde; er schwenkte mit verächtlicher Gebärde die
Rechte hoch in der Luft und ließ dabei schallend den Kriegsruf seines
Volkes ertönen. Diese Herausforderung war mehr, als die Tetons ertragen
konnten; wie Wasserratten stürzten sie sich in den Fluß, der gleich
darauf wie besät mit den dunkeln Gestalten der Reiter und der Rosse
erschien.
Obgleich der Pawnee seine und seines Pferdes Kraft auf das äußerste
anstrengte, so verringerte sich die Entfernung zwischen den
Flüchtlingen und den Verfolgern dennoch von Minute zu Minute. Am
jenseitigen Ufer erschienen jetzt Middleton und der Bienenjäger, die
ihre Schutzbefohlenen in einem kleinen Dickicht untergebracht hatten.
„Zu Pferde!“ rief ihnen der Trapper zu. „Macht, daß ihr mit den
wehrlosen Frauen davonkommt, und laßt uns in der Hand des allmächtigen
Gottes!“
„Ei was, bückt Euch lieber, alter Freund!“ rief Paul Hover zurück.
„Bückt Euch tief in den Kahn hinein; der rote Satan ist gerade hinter
Euch, und Euer Kopf verbirgt mir das Ziel! Bückt Euch, sage ich, und
gebt den Weg frei für eine Kentuckykugel!“
Der Greis blickte schnell hinter sich und gewahrte ganz in der Nähe
den wilden Mahtoree, der in seiner Ungeduld allen anderen vorausgeeilt
war. Er bückte sich, und des Bienenjägers Büchse krachte. In demselben
Moment aber hatte der Häuptling sich auch schon vom Pferde herab und
ins Wasser geworfen; das Tier aber, von der Kugel getroffen, bäumte
sich hoch auf und trieb dann mit dem reißenden Strome fort, das Wasser
mit seinem Blute färbend.
[Illustration]
Wohl schwang sich der Häuptling zu einem seiner Krieger auf das Roß,
der Schuß aber hatte den Eifer der Tetons gedämpft; sie kehrten eiligst
zum Ufer zurück, so daß die Verfolgten in Ruhe den jenseitigen Strand
erreichen konnten.
„Schnell zu Pferde!“ war hier des Trappers erstes Wort an Middleton
und den seines erfolgreichen Schusses sich höchlichst freuenden Paul.
„Reitet nach jenem Hügel; hinter demselben findet ihr einen zweiten
Strom, in dessen Wasser ihr den Weg fortsetzen müßt, bis ihr zu einer
sandigen Ebene gelangt; dort wartet auf uns. Der Pawnee, mein tapferer
Freund Obed Bat und ich, wir halten den Strand hier noch eine Weile
schon allein dadurch, daß wir uns und diese lange Büchse den Tetons
zeigen.“
Die beiden Männer folgten ohne Einrede; sie saßen auf, nahmen die
Frauen hinter sich und waren bald hinter dem Hügel verschwunden. Drüben
gewahrte man die Schar der Tetons und in ihrer Mitte den Häuptling
Mahtoree, der ab und zu drohend den Arm gegen die drei Wächter auf
dem diesseitigen Ufer schüttelte. So vergingen etwa dreißig Minuten,
dann erhoben die Tetons ein wildes Jubelgeschrei; sie begrüßten
damit ihre neuen Verbündeten, Ismael Busch und seine Mannen, die
langsam herangezogen kamen. Der Emigrant nahm die Sachlage mit seiner
gewöhnlichen Kaltblütigkeit in Augenschein und entsendete auch, wie um
die Tragweite seiner Büchse zu erproben, eine Kugel gegen seine Feinde,
die in bedrohlicher Nähe über die letzteren hinpfiff.
„Jetzt laßt uns aufbrechen!“ rief Obed, sich noch nachträglich duckend.
„Wir haben lange und mutig genug ausgehalten, und ein Rückzug erfordert
nicht weniger Tapferkeit als eine Schlacht.“
Der Trapper machte keine Einwendung; er überließ dem Doktor das
dritte Pferd, auf dem dieser sich unverweilt aus dem Staube machte.
Er selber und der Pawnee entfernten sich unter geschickter Benutzung
der Unebenheiten des Bodens, so daß sie bald den Tetons aus den Augen
kamen. Sie erreichten ihre Freunde an der bezeichneten Stelle, und
nun machte der alte Jäger den Vorschlag, hier auf einige Stunden zu
kampieren.
Middleton, Paul und der Doktor waren über dieses Ansinnen ganz
erstaunt, da sie meinten, daß es jetzt vor allem auf schleunigste
Fortsetzung der Flucht ankommen müsse.
„Warum sollen wir fliehen?“ entgegnete der Alte. „Meint ihr, wir
könnten zu Fuß und mit unseren schwer belasteten und abgejagten Tieren
den schnellen Rennern der Tetons entgehen? Oder meint ihr, daß die
Feinde sich schlafen legen werden? Zum Glück liegt der größte Teil
unserer Fährte im Wasser, so daß wir immerhin Aussicht haben, vor
der Hand unentdeckt zu bleiben. Aber die Prärie ist kein Wald; von
jenem Hügel überschaut ein Kundschafter beinahe so viel Land wie ein
Habicht aus der Luft. Nein, wir müssen die Nacht abwarten, ehe wir
weiterziehen. Hören wir aber noch die Ansicht des Pawnee, der ist ein
erfahrener Krieger. Hält mein Bruder unsere Fährte für lang genug?“
fragte er den Indianer in dessen Sprache.
„Ist ein Teton ein Fisch, daß er sie im Wasser sehen kann?“ versetzte
dieser.
„Meine jungen Männer wünschen sie zu verlängern, bis sie über die ganze
Prärie reicht.“
„Mahtoree hat Augen; er wird sie sehen.“
„Was rät mein Bruder?“
Der junge Krieger schaute prüfend zum Himmel auf und schien zu zögern.
Eine Weile ging er mit sich selber zu Rate, dann aber sagte er mit
Festigkeit:
„Die Dakotas schlafen nicht; wir müssen uns ins Gras legen.“
Der alte Jäger nickte im Einverständnis, und jetzt fügten sich auch
die anderen. Ellen und Inez wurden unter das Büffelfell gebettet; die
Pferde band man und warf sie zu Boden, und dann streckten sich auch
die Männer nieder. Das Präriegras stand hier so hoch, daß schon aus
ganz kurzer Entfernung nichts von diesen Veranstaltungen wahrgenommen
werden konnte. Da es galt, hier wenigstens fünf Stunden zuzubringen, so
überließ man sich dem Schlaf, der sich nach all den Anstrengungen auch
bald einstellte.
Stundenlang lag alles in tiefem Schweigen, dann hörten die scharfen
Ohren des Trappers und des Pawnee einen leisen Ruf, der aus Inez'
Munde kam. Auf alles gefaßt, sprangen sie auf und gewahrten zu ihrem
Schrecken, daß die ganze Prärie dicht mit blendend weißem Schnee
bedeckt war.
„Gott möge uns gnädig sein!“ rief der alte Mann schmerzlich. „Jetzt
weiß ich auch, Pawnee, weshalb du die Wolken so genau betrachtetest;
aber nun ist's zu spät! Selbst ein Eichhörnchen würde Spuren auf diesem
losen Schnee hinterlassen. Ha! Da sind auch schon die roten Teufel!
Nieder! Nieder! Zwar wird's nicht viel nützen, man darf aber keine
Vorsicht außer acht lassen!“
Alle warfen sich aufs neue platt auf den Boden, jeder aber spähte
verstohlen durch das hohe Gras nach den Feinden, die, noch etwa
eine halbe englische Meile entfernt, von allen Seiten kreisförmig
heranrückten und dem Versteck der Flüchtlinge langsam aber sicher näher
kamen.
Paul und Middleton machten ihre Büchsen schußfertig, und als Mahtoree,
der die Blicke unverwandt suchend auf den Boden geheftet hielt, bis
auf fünfzig Schritte herangekommen war, da drückten sie beide fast
gleichzeitig auf ihn ab. Allein ein Knipsen der Hähne war die einzige
Wirkung dieses voreiligen Tuns.
„Genug,“ sagte der Trapper, sich langsam und würdevoll erhebend; „ich
war's, der euch das Pulver aus den Pfannen schüttete; eure Schüsse
hätten unser aller sicheren Tod zur Folge gehabt. Laßt uns unserem
Geschick wie Männer ins Auge sehen. Klagen und bitten würde uns in den
Augen der Indianer nur verächtlich machen.“
Ein Geschrei, das sich über die ganze Prärie fortzusetzen schien,
begrüßte sein Erscheinen, und im Nu sprengten hundert Wilde herbei.
Mahtoree empfing seine weißen Gefangenen mit großer Selbstbeherrschung;
erst später richtete sich die allgemeine Aufmerksamkeit auf den Pawnee,
der stumm und unbeweglich wie eine Statue abseits gestanden hatte, und
nun erkannte der Trapper sowohl aus dem unbeschreiblichen Jubelgeheul,
das aus hundert Kehlen in die Lüfte stieg, als auch aus dem wie ein
Lauffeuer die Runde machenden gefürchteten Namen, daß sein junger
Freund kein anderer war als der bisher noch nie besiegte Krieger, der
gewaltige Hartherz selber.
[Illustration]
Siebentes Kapitel
Im Dorfe der Sioux
Mehrere Tage sind seit der Gefangennahme unserer Freunde verstrichen.
Der Schauplatz der Erzählung hat sich verändert. Wir befinden uns
auf einer erhöhten Ebene, die, vielfach mit Baumgruppen bestanden und
gegen Norden von einer ausgedehnten Waldung begrenzt, an einen jener
Flußläufe stößt, die ihr Wasser dem Missouri zuführen.
Teils an dem hohen Ufer entlang, teils hier und dort auf der Ebene
zerstreut, stets aber in größerer oder geringerer Wassernähe, standen
etwa hundert Wigwams der wandernden Sioux. Diese Wigwams waren
kegelförmige, aus Stangen und Tierfellen errichtete Zelte, denen
man ansah, daß sie ihren Insassen nur vorübergehend Schutz bieten
sollten. Vor dem Eingang eines jeden Wigwams war ein Pfosten errichtet,
an welchem die Waffen des Besitzers, Schild und Speer, Bogen und
Pfeilköcher, im Winde schaukelten. Unachtsam hingeworfen lagen neben
diesen Pfosten auch die Hausgeräte, deren sich die Weiber bei ihren
wirtschaftlichen Arbeiten bedienten, und hier und da hing überdies ein
Säugling, in Rindenstücke geschnürt, zugleich mit den Waffen des Vaters
vom Pfosten herab.
Während die Weiber und die Jugend dieses Indianerdorfes an den
verschiedensten Plätzen zerstreut sich beschäftigten oder vergnügten,
hatten sich die Krieger zu einem Kreise versammelt, dessen Mittelpunkt
der Häuptling Mahtoree bildete. Ein wenig abseits von dieser Schar
gewahrte man einen Haufen von Männern, deren Äußeres von dem der
roten Krieger gänzlich verschieden war. Bedeutend höher von Wuchs,
breiter in den Schultern und muskulöser an den Gliedern, verrieten
sie sich auch durch ihre Gesichtsbildung und Hautfarbe als Angehörige
der teutonischen Rasse. Es war dies die Familie des Squatters Ismael
Busch. Träge und untätig, wie immer, wenn keine dringende Beschäftigung
vorlag, lungerten die gigantischen Gesellen vor einigen Wigwams herum,
die ihnen ihre Gastfreunde, die Sioux, zum Aufenthalt angewiesen
hatten. In einiger Entfernung weidete das Vieh, das ihnen von ihren
neuen Verbündeten als Freundschaftsgabe wieder zugestellt worden war.
Noch eine andere Gruppe war an dem einen Ende des Dorfes bemerkbar.
Hier lagen auf einer kleinen Erderhöhung zwei gefesselte Männer, der
Hauptmann Middleton und Paul Hover, der Bienenjäger. Die Gliedmaßen
derselben waren mit Riemen von Büffelhaut so fest verschnürt, daß sie
nur mit Stöhnen die Schmerzen dieser barbarischen Fesselung zu ertragen
vermochten. Etwa zwölf Schritte von ihnen entfernt war ein starker
Pfahl aufgepflanzt, und an diesen festgebunden stand Hartherz, der
Pawneehäuptling. Zwischen ihm und den beiden weißen Gefangenen hatte
der alte Trapper seinen Platz gewählt; die Wilden hatten ihm seine
Büchse und die übrige Ausrüstung genommen, ihm jedoch sonst die völlige
Freiheit gelassen. An eine Flucht durfte er freilich nicht denken, denn
unweit dieser Stätte stand ein halbes Dutzend junger Krieger, ernst und
unbeweglich, aber mit funkelnden Blicken jede Bewegung der Gefangenen
beobachtend.
„Ich wollte, daß der Himmel meine Artilleristen hierher führte,“
stöhnte der Hauptmann in seiner Pein. „Die würden mit den roten
Halunken kurzen Prozeß machen.“
„Und ich wollte, daß diese Wigwams lauter Hornissennester wären,“
knurrte der Bienenjäger, „und daß die lieben Tierchen den halbnackten
Schuften aufs Fell kämen; dann wäre uns bald geholfen.“
Der Trapper hatte diese Reden gehört und trat näher. Sein Kopfschütteln
ließ erkennen, daß selbst seine Erfahrung keinen Ausweg aus dieser
verzweifelten Lage finden konnte.
„Es wird nicht mehr lange dauern, dann beginnen die Teufel ihr
erbarmungsloses Höllenwerk an unserem Freunde, dem Pawnee,“ sagte er.
„Ich sehe es den Augen Mahtorees an, daß er seine Krieger zur äußersten
Verschärfung der Tortur aufstachelt.“
„Hört, alter Trapper,“ rief Paul, mühsam seinen Kopf herumwendend,
„Ihr versteht Euch auf die Sprache und die Niederträchtigkeiten des
Gewürms. Geht hin und sagt den Häuptlingen im Namen eines gewissen
Paul Hover aus Kentucky, daß sie ermächtigt sein sollen, besagten
Paul nach Herzenslust zu skalpieren und zu martern, soviel und solange
sie nur immer mögen, wenn sie dagegen versprechen, das junge Mädchen
mit Namen Ellen Wade frei und unverletzt nach den Vereinigten Staaten
zurückkehren zu lassen. Wollt Ihr mir den Gefallen tun?“
„Mein guter Freund, das wäre vergebens,“ versetzte der alte Mann, „Ihr
liegt wie ein Bär in der Falle, könnt weder fliehen noch Euch wehren,
und daher den roten Teufeln auch keine Bedingungen vorschreiben. Aber
laßt den Mut deswegen nicht sinken. Die weiße Hautfarbe gereicht ihren
Trägern in solcher Lage ebensooft zum Schutz, wie zum Schaden. Unser
Geschick ist noch nicht entschieden, warten wir's geduldig ab. Für den
Pawnee hege ich allerdings nur wenig Hoffnung.“
Er schritt auf den gefesselten Häuptling zu, dessen freies, leuchtendes
Auge unverwandt in die Ferne blickte.
„Die Sioux halten Rat über meinen Bruder,“ begann er nach längerem,
achtungsvollem Schweigen.
„Sie zählen die Skalpe am Wigwam des Harten Herzens,“ antwortete der
junge Mann lächelnd.
„Ja, sie zählen sie und finden ihre Anzahl zu groß; ihr Eigentümer wird
wenig Schonung von ihnen zu erwarten haben. Aber mein Sohn ist kein
Weib, er schaut mit festem Blick auf den Pfad, den er wandeln muß. Hat
er seinem Volke nichts ins Ohr zu flüstern, ehe er von hinnen geht?
Meine Füße sind alt, aber vielleicht tragen sie mich noch einmal an die
Gestade des Loupflusses. Ein Elchhirsch soll die Prärie nicht schneller
durchmessen als diese alten Füße, wenn der große Pawnee mir eine
Botschaft anvertrauen will.“
„Möge das Bleichgesicht seine Ohren auftun,“ antwortete der Häuptling
nach einigem Besinnen. „Es wird hierbleiben, bis die Tetons versucht
haben, die skalplosen Köpfe von achtzehn Dakotakriegern mit dem Skalpe
eines einzigen Pawnees zu bedecken. Es wird seine Augen weit öffnen,
damit es sieht, wo man die Gebeine eines Kriegers beerdigt.“
„Das soll geschehen, mein edler Sohn.“
„Alsdann wird mein Vater zu meinem Volke gehen. Sein Haupt ist weiß,
seine Worte werden nicht verwehen wie Rauch im Winde. Er wird meinen
Wigwam finden und laut den Namen Hartherz rufen. Die Pawnees sind
nicht taub. Darauf möge mein Vater nach dem Füllen fragen, das noch nie
geritten wurde, das glatter ist als ein Hirsch, und schneller als ein
Elch.“
„Ich verstehe, Knabe, ich verstehe,“ unterbrach der aufmerksam
lauschende Greis den Sprecher. „Es soll alles ausgeführt werden nach
deinem Verlangen, oder aber ich verstehe mich schlecht auf die Wünsche
eines sterbenden Indianers.“
„Und will mein Vater dann das Füllen zum Grabe des Harten Herzens
bringen?“
„Das will ich, mein braver Knabe. Zu den Häupten der heiligen
Stätte will ich es hinstellen, seine Augen gegen die sinkende Sonne
gerichtet.“
„Und mein Vater wird zu ihm reden und ihm sagen, daß sein Herr, der
es seit seinem ersten Lebenstage gehegt und gepflegt hat, nun seiner
bedarf.“
„Meines Sohnes Wille soll geschehen; mit diesen alten Händen werde ich
das Tier auf dem Grabe des großen Pawnee schlachten.“
„Es ist gut,“ nickte der junge Krieger, mit dem Ausdruck innerer
Genugtuung auf dem ernsten Antlitz. „Hartherz wird auf seinem Rosse
in die glücklichen Jagdgründe einreiten und vor dem Großen Geist
erscheinen, wie es einem Häuptlinge ziemt.“
In diesem Augenblick löste sich der Kreis der beratenden Krieger, und
Mahtoree schritt mit zwei Begleitern dem Orte zu, wo der Marterpfahl
aufgerichtet war.
Zwanzig Schritte vor demselben blieb er stehen und winkte den Trapper
zu sich heran. Als derselbe ihm gegenüberstand, legte er ihm die Hand
auf die Schulter und blickte ihm forschend in die Augen.
„Hat ein Bleichgesicht zwei Zungen?“ fragte er.
„Trägt man das Herz auf der Haut?“ entgegnete der Greis ruhig.
„Mein Vater hat recht, er möge mich anhören. Das weiße Haupt hat übel
getan. Es ist der Freund eines Pawnee und der Feind meines Volkes.“
„Teton, ich bin dein Gefangener. Tue mit mir nach deinem Gutdünken.“
„Nein, Mahtoree wird das weiße Haupt nicht rot färben. Mein Vater
ist frei. Ehe er aber den Sioux den Rücken kehrt, soll er Mahtoree
seine Zunge leihen. Ein junges Bleichgesicht wird seine Ohren nicht
verschließen, wenn ein alter Mann seines Volkes zu ihm redet. Mein
Vater folge mir.“
Und voranschreitend führte er den Trapper zu einem Wigwam, der, größer
als alle anderen, als die Wohnung eines Häuptlings erkennbar war. Die
Waffenstücke am Pfosten waren reicher gearbeitet als die übrigen, und
als besondere Auszeichnung befand sich auch eine Büchse darunter.
Sie traten ein. Die Ausstattung des Raumes war die einfachste. Seine
einzige Zierde bildete der heilige Medizinbeutel, der, mit Wampum
umflochten und mit Stachelschweinstacheln und Glasperlen geschmückt,
umgeben von Schilden, Speeren und Pfeilen, unter dem Lieblingsbogen des
Häuptlings an der Wand hing.
Auf einem aus duftigen Kräutern und darüber gelegten Fellen
hergerichteten Sitz saßen Inez und Ellen, bleich und angegriffen,
aber ergeben in ihr Geschick. Eine dritte weibliche Gestalt kauerte
ein wenig abseits, eine junge Indianerin, Tachechana, bisher das
Lieblingsweib Mahtorees.
Ohne die letztere zu beachten, trat der Häuptling vor Inez hin und
betrachtete die schöne Spanierin mit bewundernden Blicken. Dann wendete
er sich an den neben ihm stehenden Trapper.
„Singe in das Ohr Dunkelauges,“ begann er. „Sage ihr, Mahtorees Wigwam
ist groß, aber er ist nicht voll. Sie soll einen Platz darin haben
und die Größte sein. Der anderen, dem Lichthaar, sage, daß auch sie in
dem Wigwam des Häuptlings bleiben soll und von seinem Wildbret essen.
Mahtoree ist ein großer Häuptling, seine Hand ist stets offen.“
Der Greis zögerte; er fürchtete sich, den armen Geschöpfen eine solche
Botschaft zu bringen. Ellen aber hatte aus des Wilden Blicken und
Gebärden dessen Absicht halb erraten.
„Spart Euren Atem,“ sagte sie schnell, als der Trapper sich eben zu
reden anschickte. „Die Worte dieses Heiden sind nicht geeignet für das
Ohr einer christlichen Dame.“
„Meine Töchter bedürfen der Ohren nicht, um den großen Dakota zu
verstehen,“ sagte der Trapper zu dem Häuptling. „Sie blickten ihn an,
und sie verstanden ihn. Sie wünschen über seine Rede nachzudenken; möge
Mahtoree sie eine Zeit allein lassen.“