noch genug in ihrem Besitz,“ versetzte der Trapper. „Sieht mein Bruder
dort den blauen Punkt am Rande der Prärie? Noch weilt der Strahl der
sinkenden Sonne auf ihm.“
„Mahtoree ist kein blinder Maulwurf.“
„Gut. Das ist ein Felsenberg, und auf ihm befinden sich die Güter der
Langmesser.“
Des Wilden Auge erschimmerte in freudigem Triumph; er zählte die
Gestalten im Zuge Ismaels.
„Ein Krieger fehlt,“ sagte er.
„Sieht mein Bruder jene Geier? Dort ist sein Grab. Fand er Blut auf der
Prärie? Das war das seine.“
„Genug. Mahtoree ist ein weiser Häuptling.“
Auf des Tetons Wink brachte einer der Krieger ein Pferd für den Trapper
herbei, das dieser nicht ohne Widerwillen bestieg; dann setzte die
Schar sich in Trab und eilte, von Mahtoree geführt, in gerader Richtung
dem Felsenberg zu. Ismael und die Seinen feuerten, die Absicht der
Sioux erkennend, Salve auf Salve hinter denselben her, bis der zornige
Squatter einsah, daß dies nur unnütze Munitionsverschwendung war. So
mußten sie sich denn damit begnügen, mit möglichster Geschwindigkeit
gleichfalls dem Felsenberge zuzulaufen.
Fünftes Kapitel
Der Präriebrand
Der Abend wurde dunkler, und bald war der einsame Felskegel in der
Ferne nicht mehr von dem grauen Gewölk zu unterscheiden. Trotzdem
verfolgten die Indianer mit der Sicherheit geübter Spürhunde ihren
Weg. Die Gefangenen, denn etwas anderes waren unsere Freunde vorläufig
nicht, mußten sich in der Mitte des Trupps halten und konnten sich
dabei nicht verhehlen, daß sie auf das schärfste bewacht wurden.
Wo es sich jedoch um List und Gegenlist handelte, da war der unter
Rothäuten aufgewachsene und alt gewordene Trapper den verschlagenen
Sioux völlig gewachsen. Vom Beginn des Rittes an war er fest
entschlossen, wenn irgend möglich, mit seinen Schutzbefohlenen nach
Einbruch der Dunkelheit die Bande der diebischen Sioux zu verlassen,
denn es widerstrebte ihm, sich an einem Raub- und Plünderungszuge zu
beteiligen, sei dies auch nur durch bloße Anwesenheit; andererseits
aber hatten sie von Ismaels Schar nichts mehr zu fürchten, da sie jetzt
beritten waren.
Es gelang ihm, sich unauffällig an Middleton heranzumachen. In drei
Worten hatte er demselben seine Absicht kundgetan, während er sich
äußerlich den Anschein gab, als rede er mit dem Hauptmann über die
verschiedenen Pferde der Wilden.
Der junge Offizier ging mit Eifer auf den Plan ein.
„Klopft Eurem Tier den Hals und lächelt dabei und tut so, als lobtet
Ihr die Mähre; neigt Euer Ohr aber dabei näher zu mir herüber,“ fuhr
Nathaniel Bumppo fort, seine Verhaltungsmaßregeln zu erteilen. „Schont
das Tier nach Möglichkeit, damit es hernach aushält, wenn es gilt.
Vor allem achtet auf das Signal: Wenn Ihr meinen Hektor zum erstenmal
aufheulen hört, dann haltet Euch bereit; hört Ihr ihn zum zweitenmal,
dann schiebt Euch seitwärts aus dem Haufen, beim drittenmal aber jagt
Ihr nordwärts querfeldein davon. Habt Ihr mich genau verstanden?“
„Vollkommen,“ versetzte Middleton. „Gebe Gott nur, daß es gelinge!“
Der Bienenjäger, den der Alte demnächst von dem Plan in Kenntnis
setzte, war ebenfalls ganz einverstanden mit der Flucht, die
seinethalben je eher je lieber unternommen werden konnte. Anders der
Doktor. Der kleine Mann schreckte vor dem Wagnis zurück und war erst
für dasselbe zu gewinnen, nachdem der Trapper ihm die Schrecknisse
angedeutet hatte, die in den Dörfern der Sioux möglicherweise seiner
harren könnten, und als deren größtes der zaghafte Naturforscher
die Aussicht betrachtete, gewaltsam mit einem halben Dutzend alter,
häßlicher und mit reichem Kindersegen behafteter Kriegerwitwen
verheiratet zu werden.
Darauf wendete der Trapper sich an den ihm zunächst reitenden Indianer,
der ihn seit einigen Minuten mit finsterem Argwohn beobachtet hatte.
„Kennt mein Bruder das Tier, auf dem dieses Bleichgesicht reitet?“
fragte er, auf des Doktors Asinus deutend, in der Siouxsprache.
Der Teton betrachtete den Esel; derselbe war ihm in der Tat eine
Erscheinung, die ihm noch nie vorher zu Gesicht gekommen. Mit einem
zweiten Blick musterte er lange und eingehend den Doktor selber.
„Hält mein Bruder diesen Reiter für einen Krieger der Bleichgesichter?“
fing der Trapper nach einer kleinen Pause wieder an.
„Ein Dakota ist kein Narr!“ lautete die kurze Antwort.
„Die Dakota sind ein weises Volk, ihre Augen sind immer offen,“ nickte
der alte Jäger zustimmend. „Ich bin daher sehr erstaunt darüber, daß
sie den großen Medizinmann der Langmesser bisher nicht gesehen haben.“
„Hugh!“ kam es über die Lippen des erstaunten und bestürzten Kriegers.
„Der Dakota weiß, daß meine Zunge nicht gespalten ist,“ fuhr der
Trapper fort. „Möge er seine Augen weiter auftun. Sieht er nicht einen
sehr mächtigen Zauberer?“
Der Wilde hatte sich längst im stillen darüber gewundert, was die
Weißen, aller Kriegersitte zuwider, mit ihren Weibern in die Prärie
geführt haben konnte. Zum Kampfe konnten sie nicht ausgezogen sein.
Er hatte davon gehört, wie die Menahascha oder Langmesser -- die
Yankees -- von den Wascheomantiqua oder Spaniern das weite Gebiet
gekauft hatten, in welchem sein Volk seit der grauen Vorzeit frei und
unbehelligt herumgeschweift war. Seinem einfachen Verstande war es
unbegreiflich geblieben, wie es zuging, daß eine Nation eine solche
Gewalt über die Besitztümer einer anderen Nation erlangen konnte, und
zwar auf friedlichem Wege; daher kam ihm jetzt, bei den Worten des
Trappers, der Gedanke, daß Zauberei dabei im Spiel gewesen sein könnte,
und daß diese Bleichgesichter sich vielleicht aufgemacht hätten, um
durch Anwendung übernatürlicher, unheimlicher Kräfte ihre habsüchtigen
Zwecke noch weiter zu fördern. Da er nun aber, wie alle seinesgleichen,
im höchsten Grade abergläubisch war, gab er alle Zurückhaltung auf,
ließ allen Stolz fahren und zeigte sich als das unwissende Naturkind,
das er in Wirklichkeit war.
„Möge mein Vater mich anschauen!“ sagte er, bittend die Hände
ausstreckend. „Ich bin ein wilder Mann der Prärie, mein Leib ist
nackt, meine Hände sind leer, meine Haut ist rot. Ich habe die Pawnees
bekämpft, die Omahaws, die Konzas, ja, auch die Langmesser. Unter
Kriegern bin ich ein Mann, unter Zauberern aber nur ein Weib. Mein
Vater möge reden; die Ohren des Teton sind offen. Er lauscht wie ein
Hirsch auf den Tritt des Kuguars.“
„Gott verzeihe mir, daß ich mit der Unwissenheit dieses armen Heiden
mein Spiel treibe,“ murmelte der Trapper vor sich hin; „es geschieht
aber, um Menschenleben zu retten und die Teufeleien der Bösen zu
vereiteln ... Teton,“ fuhr er in der Indianersprache fort, „ich frage
dich, ist jener nicht ein großer Zauberer? Wenn die Dakotas weise sind,
dann hüten sie sich, seine Kleider anzurühren und dieselbe Luft mit ihm
zu atmen. Sie wissen sehr wohl, daß der böse Geist Wakonschecheh seine
Kinder liebt und nicht zugibt, daß ihnen ein Leid geschieht.“
Diese mit feierlichem Ernst gesprochenen Worte hatten zur Folge, daß
der Krieger nicht nur sogleich sein Pferd aus der gefährlichen Nähe
trieb, sondern auch das Gehörte den Genossen mitteilte. Es währte
gar nicht lange, da war der ganze Nachtrab, unter dem der Doktor sich
befunden hatte, nach vorn geeilt, so daß der große Medizinmann sich mit
dem alten Jäger allein befand.
„Seht Ihr den funkelnden Stern dort, im Norden, etwa vier Büchsenlängen
über dem Horizont?“ sagte jetzt der letztere zu Obed Bat.
„Den da? Der gehört zu der Konstellation --“
„Haltet den Mund von Eurer Konstellation, Mann! Ob Ihr den Stern seht,
will ich wissen; ja oder nein.“
„Ja.“
„Gut. Sobald ich Euch allein lasse, bleibt Ihr auf dem Flecke halten,
bis die Wilden Euch aus dem Gesicht sind. Dann empfehlt Ihr Euch dem
Himmel und reitet davon, immer auf jenen Stern zu. Verstanden? Jeder
Zoll Weges, den Ihr zurücklegt, bedeutet einen Tag längeres Leben für
Euch, vergeßt das nicht.“
Ohne eine Antwort abzuwarten trabte der alte Jäger den anderen nach,
und bald befand er sich wieder in der Mitte des Haufens. Kaum hatte
Mahtoree ihn erspäht, als er auf ihn zukam.
„Wo ist Euer Zauberer?“ fragte der Häuptling in strengem Tone.
„Kann ich meinem Bruder die Zahl der Sterne angeben?“ entgegnete der
alte Jäger ruhig. „Die Wege eines großen Medizinmannes sind nicht die
gewöhnlicher Menschen.“
„Das graue Haupt möge auf meine Worte achten,“ versetzte der andere.
„Die Dakotas wählten kein Weib zu ihrem Häuptling. Wenn Mahtoree
die Macht eines großen Zauberers spürt, dann wird er zittern; bis
dahin aber wird er mit seinen eigenen Augen sehen und nicht die eines
Bleichgesichts borgen. Wenn Euer Zauberer nicht am Morgen wieder bei
seinen Freunden ist, dann sollen meine jungen Männer ihn suchen. Eure
Ohren sind offen; ich habe gesprochen.“
Der Trapper atmete auf; bis zum Morgen war eine lange Frist.
Nach einer Weile kam der Felskegel in Sicht; man war demselben in der
nächtlichen Finsternis ganz nahe gekommen. Die Indianer machten halt.
Schon aber hatte die wachsame Esther auf ihrer hohen Warte das Nahen
der Schar wahrgenommen.
„Wer ist da unten?“ rief sie mit gellender, furchtloser Stimme. „Sioux
oder Teufel, antwortet! Uns ist vor euch nicht bange!“
Die Indianer verhielten sich ganz still. Der Trapper aber hielt diesen
Moment für geeignet zur Flucht. Er redete einige freundliche Worte zu
dem neben seinem Pferde am Boden liegenden Hektor, und dieses treue
Tier antwortete mit einem kurzen Aufheulen.
Auch die kriegerische Frau auf der Höhe des Felsens hatte diesen Laut
vernommen.
„Ja, winselt nur und verstellt eure Stimmen, ihr Höllenhunde!“ rief
sie höhnisch herab. „Ich kenne euch! Wartet, ihr sollt gleich Licht
haben, damit ihr bei eurem Satanswerk besser sehen könnt! Die Kohlen
her, Phöbe! Dein Vater und die Jungen sollen erfahren, daß wir sie hier
brauchen, um die Gäste zu empfangen.“
Sie redete noch, da loderte auf des Felskegels höchstem Gipfel auch
schon eine mächtige Flamme empor, weit in die Prärie hinausleuchtend.
Zugleich hörte man das vielstimmige, trotzige Gelächter der
Verteidigerinnen, gefolgt von dem zweiten und gleich darauf auch von
dem dritten Aufheulen des Hundes.
„Heran, Ismael, mein Mann!“ schrie oben die unverwüstliche
Squatterfrau. „Heran, das rothäutige Gesindel zu züchtigen, das dir all
dein Eigentum samt Frau und Kindern rauben will!“
Aus der Ferne erscholl ein mächtiger, antwortender Ruf, der weiblichen
Besatzung verkündend, daß Hilfe im Anzuge war. Esther erhob mit
triumphierendem Geschrei die Arme, deutlich zeichnete sich ihre Gestalt
gegen den roten Feuerschein ab -- da tauchte hinter ihr der Häuptling
Mahtoree auf, gefolgt von dreien seiner Krieger. Im nächsten Augenblick
lagen die mutigen Frauenzimmer gefesselt und wehrlos am Boden, die
Schar der Sioux aber brach in ein ohrzerreißendes Freudengeheul aus.
Von den Wilden unbeachtet lösten sich zur selben Zeit drei Pferde
von dem Reiterknäuel los; sie entfernten sich zuerst im Schritt, bald
aber griffen sie aus und jagten mit Sturmeseile über die Ebene dahin;
sie trugen unsere Freunde, den Trapper und die beiden Paare, Paul und
Ellen, Middleton und Inez.
Fort ging es, so schnell die Pferde laufen konnten, immer in der
Richtung auf den Nordstern zu. Nachdem man bereits eine tüchtige
Strecke hinter sich gebracht hatte, erspähte Pauls scharfes Auge
einen dunkeln Gegenstand etwas abseits von der Richtung; er machte den
Trapper darauf aufmerksam, in der Meinung, daß es ein kranker Büffel,
vielleicht auch ein Stück von Ismaels geraubtem Vieh sei. Man ritt
vorsichtig herzu.
„Wenn es kein Ding der Unmöglichkeit wäre,“ rief der Trapper plötzlich,
„dann würde ich sagen, daß wir hier nichts anderes als den Mann vor
uns haben, der nach Insekten und Eidechsen sucht, unseren Freund, den
Doktor!“
„Warum ein Ding der Unmöglichkeit?“ fragte Middleton. „Hattet Ihr ihm
denn nicht dieselbe Richtung angegeben, die auch wir verfolgen?“
„Freilich, aber ich hieß ihn nicht, aus seinem Esel einen Schnelläufer
zu machen, der selbst ein Pferd übertrifft. Was doch die Furcht
nicht alles zuwege bringt! Heda, Freund Doktor, wie habt Ihr es
fertiggebracht, vor uns hier zu sein? Euer Esel ist wahrhaftig ein
Wundertier!“
„Mein Asinus ist hin!“ antwortete Obed Bat trauervoll. „Er ist wahrlich
nicht träge gewesen, jetzt aber weigert er sich, auch nur noch einen
Schritt zu tun. Da liegt er. Es droht gegenwärtig doch keine Gefahr von
seiten der Wilden?“
„Das weiß ich nicht. Die Sache steht schlecht zwischen dem Squatter und
den Tetons, auch kann ich keine Bürgschaft für die Sicherheit unserer
Skalpe übernehmen. Euer Esel ist über seine Kräfte angestrengt worden,
das war weder menschlich noch weise von Euch; was wolltet Ihr beginnen,
wenn Euer Leben jetzt von der Fortsetzung des Rittes abhinge?“
„Ihr zeigtet mir doch den Stern --,“ wendete der kleine Mann schüchtern
ein.
„Sagte ich Euch etwa, Ihr solltet den Stern heute noch erreichen? Geht!
Ihr schwatzt viel gelehrtes Zeug über die Geschöpfe Gottes, aber Ihr
seid unwissend wie ein Kind, wenn es sich um die Kenntnis ihrer Gaben
und Instinkte handelt. Was sagt Ihr, Hauptmann Unkas -- wir müssen
entweder diesen Mann im Stich lassen, oder aber so lange Unterschlupf
suchen, bis sein Esel sich wieder erholt hat.“
„Ehrwürdigster Jäger!“ rief der geängstigte Obed. „Ich beschwöre Euch
bei allem, was uns gemeinschaftlich heilig ist, und das ist doch nicht
wenig --“
„Fürchtet nichts,“ unterbrach ihn der Trapper. „So alt ich geworden
bin, habe ich noch keinen Bruder in der Not verlassen, und mit Euch
werde ich sicherlich nicht den Anfang machen.“
Man überlegte und kam überein, den Esel so zu fesseln, daß er sich
nicht entfernen konnte, und ihn dann hier zurückzulassen, wo er Gras in
Fülle hatte und sich erholen konnte. Nach des alten Jägers Berechnung
war man bis jetzt ungefähr zwanzig englische Meilen geritten, und
da Frau Inez über Erschöpfung klagte, so beschloß man, in einiger
Entfernung von dieser Stelle, an einem Orte, wo das Gras so hoch stand
wie Schilfrohr, und wo der Trapper früher bereits mehrmals ein sicheres
Versteck vor den Indianern gefunden hatte, Rast zu machen.
Langsam ritten die Flüchtlinge diesem Ziele zu; der alte Jäger war
abgestiegen, um die Spuren der Pferde nach Möglichkeit unkenntlich
zu machen. Auf dem von ihm bezeichneten Platze angelangt, schaffte
man sich durch Entfernung des Grases eine Klärung und richtete auf
derselben die Lagerstätten her, die von Middleton, Paul Hover und den
Frauen sogleich aufgesucht wurden, während der Trapper und der Doktor
sich ein wenig abseits niederließen, um einige Schnitte von dem Reste
des Büffelhöckers als Abendmahlzeit zu vertilgen.
Am folgenden Morgen ging die Sonne hinter einem seltsamen, dichten und
mißfarbenen Dunste auf, dessen Ursache Paul und der Hauptmann sich
nicht zu erklären vermochten. Der Trapper jedoch blieb nicht lange
darüber im Zweifel.
„Das ist Feuer!“ rief er. „Die Prärie brennt! Die roten Teufel haben
sie in Brand gesteckt, um uns zu vernichten!“
„Gott sei uns gnädig!“ sagte Middleton entsetzt. „Wir müssen fliehen,
wir haben keine Sekunde zu verlieren!“
Damit wollte er auf seine Frau zueilen. Der Alte aber hielt ihn zurück.
„Wohin wollt Ihr fliehen?“ versetzte er ruhig. „Selten ist eine Gefahr
so dringend, daß man nicht noch Zeit hätte, sie recht zu erwägen und
ins Auge zu fassen. Kommt mit mir auf jenen kleinen Hügel, von wo wir
die Ebene überschauen können.“
Middleton erkannte, daß er nichts Besseres tun konnte, als sich dem
alten, erfahrungsreichen Trapper zu fügen; auch der Bienenjäger
war bald zu dieser Ansicht gelangt. Sie ließen den Doktor bei
den geängsteten Frauen und folgten ihrem greisen Führer zu der
Bodenerhebung.
Der Ausblick von hier aus war wohl geeignet, auch das stärkste Herz
erbeben zu lassen. Der ganze Horizont war ein Kreis von dichtem Qualm
und emporzüngelnden Flammen, die mit reißender Schnelligkeit von allen
Seiten herangerückt kamen.
„Da haben wir uns getäuscht, als wir meinten, unsere Fährte vor den
Sioux verborgen zu haben,“ sagte der Trapper, langsam in die Runde
blickend. „Die Teufel haben gleichzeitig auf allen Seiten das Gras
in Brand gesteckt, um uns auszuräuchern, als wären wir Panther oder
Kuguare. Wie das Wasser eine Insel umfaßt, so sind wir vom Feuer
umringt.“
[Illustration]
„Laßt uns aufsitzen und reiten!“ rief der Hauptmann in Verzweiflung.
„Wohin, Knabe? Sind unsere Tetonpferde Salamander, die unverletzt durch
das Feuer laufen können? Und hinter jenen Flammen lauern die Sioux mit
ihren Pfeilen und Speeren und Messern. Wenn ich nur wüßte, auf welcher
Seite die Schufte liegen!“
„Durch die Sioux schlagen wir uns durch!“ rief Paul, seine Ellen
umfassend, denn auch die Frauen und der Doktor waren inzwischen
herangekommen.
Der Alte schüttelte den Kopf, während sein Blick über den Flammenkreis
schweifte.
„Mit Gewalt richten wir gegen diese Übermacht nichts aus,“ entgegnete
er, „das wißt ihr so gut wie ich. Aber nun ist genug geredet, jetzt
müssen wir handeln.“
„Zu spät!“ rief der Offizier. „Die Flammen sind kaum noch eine
Viertelmeile entfernt, und der Wind treibt sie gerade auf uns zu!“
„Die Flammen fürchte ich nicht,“ versetzte der Trapper. „Wenn ich den
Rothäuten so sicher zu entkommen wüßte wie dem Feuer da, dann könnten
wir uns schon jetzt als gerettet betrachten. Wenn Ihr damals dem
Waldbrande auf dem Visionsberge beigewohnt hättet -- doch wir müssen
die Hände rühren. Greift zu, alle, und reißt das Gras hier ringsherum
aus, damit wir auf nackten Erdboden zu stehen kommen!“
„Wollt Ihr dem Feuer durch solche Kinderei Einhalt tun?“ rief Middleton
ungeduldig.
Ein schwaches Lächeln huschte schattenhaft über des Greises
verwittertes Antlitz.
„Euer Großvater war ein anderer Mann als Ihr,“ antwortete er. „Der
hätte gesagt, daß ein Soldat im Angesicht des Feindes nichts Besseres
tun könnte als gehorchen.“
Der Hauptmann fühlte den Vorwurf tief; ungesäumt machte er sich an die
Arbeit, dem Beispiel Pauls und der Frauen folgend, und nach wenigen
Minuten war ein Fleck von zwanzig Fuß Durchmesser von jeglicher
Vegetation entblößt. Jetzt führte der Alte die Frauen an das eine
Ende dieses Fleckes und gebot den Männern, die leicht Feuer fangenden
Gewänder derselben mit Decken zu verhüllen. Sobald dies geschehen war,
begab er sich an den entgegengesetzten Rand des Grases, wählte eine
Handvoll der dürrsten Halme und wickelte dieselben um die Pfanne seiner
Büchse. Der Schlag des Steines entzündete den trockenen Knäuel; er
warf die kleine Flamme in das Gras, trat in die Mitte der ausgerodeten
Fläche zurück und wartete ruhig auf die Wirkung.
Dieselbe ließ nicht lange auf sich warten. Die Flamme griff schnell um
sich und züngelte gefräßig in die Prärie hinaus.
Der alte Jäger erhob den Finger und lachte in seiner lautlosen Weise.
„Nun sollt Ihr sehen, wie das Feuer durch Feuer bekämpft wird,“ sagte
er. „Wie manch liebes Mal habe ich mir auf diese Weise einen Weg durch
verwachsene Strecken gebahnt, wenn ich zu träge war, mit den Händen
zuzugreifen.“
„Aber bringt Ihr uns dadurch den Feind nicht nur noch näher auf den
Leib, anstatt ihn fernzuhalten?“ fragte der Hauptmann erschrocken.
„Seid Ihr so leicht zu versengen? Euer Großvater hatte eine festere
Haut. Wartet's nur ruhig ab.“
Die Erfahrung des alten Jägers bewährte sich auch hier. Das von
ihm entzündete Feuer verbreitete sich schnell nach allen Seiten und
erweiterte, dem Präriebrande entgegenlaufend, den freien Raum, in dem
unsere Flüchtlinge sich befanden. Derselbe wurde bald so groß, daß sie
nur noch wenig von der Hitze spürten. Als die beiden Flammengebiete in
der Entfernung aufeinander stießen, da mußte der Brand notwendigerweise
erlöschen, denn weder vor sich noch hinter sich fand er noch Nahrung,
da die Prärie jetzt nichts weiter als eine geschwärzte, von jeder
Vegetation entblößte Fläche war.
Der Hauptmann und der Bienenjäger konnten kaum Worte finden, dem
Trapper für das so einfache und doch so wirkungsvolle Rettungsmittel zu
danken.
Der Alte lachte still in sich hinein. „Ja, ja,“ nickte er, „man weiß
sich noch immer zu helfen; man ist ja auch alt genug geworden. Aber
nun seht nach den Pferden, Freunde. Eine halbe Stunde wollen wir noch
warten, um den Boden abkühlen zu lassen, dann aber müssen wir auf und
davon. Der Doktor kann meinen Gaul besteigen, sein armer Esel wird, wie
ich fürchte, den Brand nicht überlebt haben. Schaut unterwegs nur immer
scharf nach Osten aus, dort muß sich der Fluß zeigen; sein blanker
Spiegel wird auch trotz des Qualmes, der sich noch stundenlang auf der
Prärie hin und her wälzt, bald zu erkennen sein.“
Nach Ablauf der festgesetzten Frist machte die Gesellschaft sich wieder
auf den Weg, hastig und lautlos, denn der alte Jäger hatte Schweigen
anempfohlen. Der Qualm war allerwärts so dicht, daß auf zweihundert
Schritt kein Feind mehr wahrzunehmen gewesen wäre. Nur der Doktor
ließ ab und zu leise Klagen über den Verlust seines treuen Esels
hören. Man hatte einige Meilen zurückgelegt, als man auf die Überreste
eines verbrannten Pferdes stieß. Die Frauen und die jungen Männer
erschauderten bei der Betrachtung derselben und bei dem Gedanken, wie
leicht auch ihnen solch ein grausiges Geschick hätte zuteil werden
können, und inniger wurde das Dankgefühl gegen den greisen Jäger in
ihrem Herzen.
Der aber betrachtete forschend den Boden rings um den Kadaver. Die
Gegend war sumpfig und die Erde daher, trotz der darüber hingeeilten
Glut, weich und feucht.
„Hier sind die Abdrücke seiner Hufe,“ sagte er, umherspähend; „und
hier auch der eines Mokassins, so wahr ich ein Sünder bin! Der Reiter
hat alles aufgeboten, sein armes Tier von der Stelle zu bringen, aber
es liegt in der Natur eines solchen Geschöpfes, daß es in Feuersgefahr
kopfscheu und störrisch wird. Wo mag der Reiter hingekommen sein?“
„Dort drüben liegt noch ein Pferd!“ rief jetzt Paul Hover.
Der Trapper blickte nach der angegebenen Richtung.
„Meiner Treu,“ sagte er, „der Knabe hat recht. Sollten die Tetons in
ihre eigene Falle geraten sein?“
Sie näherten sich dieser zweiten Entdeckung. Schon von weitem begann
Hektor zu knurren und seine Zahnstumpfe zu zeigen.
„Ruhig doch, Alter,“ ermahnte ihn sein Herr. „Was soll ich denn von dir
denken? Schämst du dich nicht, hier ein gebratenes Pferd anzuknurren,
gerade als wenn du die Fährte eines grauen Bären gefunden hättest? ...
Aber was sehe ich? Das ist kein Pferd, das ist eine Büffelhaut mit den
Haaren nach innen ... Das Feuer ist darüber hingelaufen, ohne sie zu
verbrennen.“
Er trat hinzu und stieß die Haut mit dem Fuße an. Dieselbe
bewegte sich, wurde zur Seite geworfen, und unter ihr sprang mit
Blitzesschnelle ein indianischer Krieger hervor.
Sechstes Kapitel
Hartherz
Es war der junge Pawnee, den die erstaunte Gesellschaft so plötzlich
und unerwartet vor sich stehen sah. Eine Minute lang musterte man sich
gegenseitig, stumm, forschend und mißtrauisch, dann brach der Trapper
das Schweigen.
„Die Sache ist klar,“ sagte er. „Der Junge ist im Schlaf von dem Feuer
überrascht worden und hat, nachdem er sein Pferd verloren, unter der
Haut eines frisch geschlachteten Büffels Schutz gefunden. Gar nicht
übel, wenn man kein Pulver hat, um ein Gegenfeuer anzuzünden. Ein
gescheiter, tüchtiger Bursche, den ich wohl als Reisegefährten haben
möchte. Mein Bruder ist willkommen,“ fuhr er in der Pawneesprache fort.
„Die Tetons haben ihn geräuchert, als wäre er ein Waschbär.“
„Die Tetons sind Hunde,“ antwortete der junge Indianer rollenden
Blickes. „Wenn der Kriegsruf der Pawnees in ihren Ohren ist, dann heult
die ganze Nation.“
„So ist es. Die Spitzbuben sind uns auf der Fährte, und ich freue mich,
einen Krieger gefunden zu haben, der den Tomahawk zu führen weiß und
jene Schufte nicht liebt. Will mein Bruder meine Kinder in sein Dorf
geleiten? Wenn die Tetons unserer Spur folgen, werden meine jungen
Männer ihm beistehen, sie zu bekämpfen.“
Der Pawnee betrachtete jeden einzelnen der Gesellschaft mit
durchdringendem Blick, dann antwortete er: