„Ein Basilisk!“ stammelte der kleine Mann ganz verstört. „Ein Tier

von der Ordnung _serpens_! Ich meinte bisher, er lebe nur in der

Fabel, allein die Natur übertrifft selbst die kühnsten Phantasien des

Menschen!“

„Besinnt Euch, Mann,“ ermahnte der Jäger; „die Furcht läßt Euch Zeug

schwatzen, das unsereiner nicht verstehen kann. Was habt Ihr gesehen?“

„Ein Untier, ein _lusus naturae_, ein ganz unerhörtes Geschöpf!“ rief

der Doktor. „Ein Tier mit fürchterlichen Augen und von einer Farbe, von

einer Farbe, die --“

„Zeigt mir Euer Untier,“ unterbrach ihn der alte Jäger, in das Dickicht

eindringend; „wenn's eine Schlange ist, dann wollen wir ihr bald die

Wege weisen.“

Der Doktor schlüpfte hinter ihm her. „Da,“ flüsterte er, ängstlich auf

einen Blätterhaufen deutend, „da liegt das Tier!“

Ruhig wendete der Alte den Blick nach der angegebenen Richtung.

Teilweis von den dürren Blättern verhüllt, zeigte sich dort ein

rundlicher Gegenstand, gleichsam ein lebendiger Ball mit unheimlich

funkelnden Augen und dabei so bunt, daß er alle Regenbogenfarben

aufzuweisen schien. Ein Basilisk war's nicht, auch nicht eine Schlange,

das erkannte der Doktor jetzt aus den Worten, die der Trapper an das

Wesen mit den glitzernden Augen richtete.

„Komm heraus aus deiner Deckung, Freund,“ sagte der Alte, der die

Büchse schußfertig in den Händen hielt, in der Dakotasprache, „die

Prärie hat Raum auch noch für einen anderen Krieger.“

Die Augen des Balles, der nichts anderes war als der glattgeschorene

Kopf eines Indianers, funkelten wilder, aber der am Boden Liegende

rührte sich nicht.

Der Trapper lächelte still vor sich hin und untersuchte das Pulver auf

der Pfanne. Dann erhob er ganz langsam die Waffe, drückte die Wange an

den Kolben und zielte auf die glitzernden Augen.

„Ich bin für den Frieden, Freund,“ sagte er dabei, „aber auch für

Krieg, ganz wie du willst ... Ich sehe, daß ich mich geirrt habe,“ fuhr

er fort. „Das ist kein Mensch; na, wenn ich jetzt in den Blätterhaufen

hineinfeuere, dann geschieht wenigstens kein Unglück.“

Noch eine Sekunde -- da raschelten die Blätter, und ein hochgewachsener

Indianer stand mit einem Sprunge auf seinen Füßen, in der Linken den

Bogen, in der Rechten den leichten Speer. „Hugh!“ rief der rote Krieger

leise.

Der Trapper überzeugte sich mit schnellem Blick, daß nicht noch

andere Rothäute in der Nähe waren, dann schritt er mit friedfertig

ausgestreckter Hand dem Indianer entgegen, der keine Spur von Erregung

zeigte.

Derselbe war eine kräftige, männlich schöne Gestalt, nur spärlich

bekleidet mit einem Überwurf aus gegerbtem Hirschfell und Hosen aus

scharlachrotem Tuchstoff, die vom Knie abwärts bis auf die Mokassins

mit menschlichen Skalpen dicht besetzt waren. Die nackten Teile seines

Oberkörpers wiesen die Kriegsbemalung auf, ebenso sein Gesicht und der

Schädel, von dessen Höhe eine lange Skalplocke stolz und herausfordernd

herabfiel. Auf dem Rücken trug er einen Köcher mit Kuguarfell

überzogen, an dem noch der Schweif hing, und seine Ausrüstung wurde

vervollständigt durch einen Schild aus Tierhäuten, der mit Malerei bunt

verziert war.

„Ist mein Bruder weit von seinem Dorfe?“ begann der Trapper in der

Sprache der Pawnees, denn als einen solchen hatte sein erfahrenes Auge

den jungen Krieger an der Malerei erkannt.

„Bis zu den Städten der Langmesser ist es weiter,“ lautete die

lakonische Antwort.

„Was tut ein Pawnee-Loup in solcher Entfernung von seinem Flusse und

ohne ein Pferd an einem so öden Orte wie dieser?“

„Können die Weiber und Kinder der Bleichgesichter leben, ohne das

Fleisch des Bisons zu essen? Man hungerte in meinem Wigwam.“

„Mein Bruder ist noch zu jung, um schon einen Wigwam versorgen zu

müssen,“ entgegnete der alte Jäger, forschend dem anderen in das

unbewegliche Antlitz schauend; „ich glaube aber, er ist tapfer, und

so wird schon mancher Häuptling ihm seine Tochter zum Weibe angeboten

haben. Er hat sich jedoch geirrt,“ fuhr er fort, auf den Pfeil deutend,

den des Indianers Hand zugleich mit dem Bogen hielt; „mit solch einer

losen und widerhakigen Spitze wird er keinen Büffel töten. Oder

wünschen die Pawneekrieger den armen Tieren böse und nie heilende

Wunden beizubringen?“

„Den Büffeln nicht, aber den Sioux, die in der Prärie umherschleichen.“

Der Trapper, dem der junge Krieger wohlgefiel, suchte sich die

Freundschaft desselben zu sichern; wenn es zum Kampfe mit den

Emigranten kommen sollte, dann war der Beistand eines solchen Streiters

nicht zu verachten.

„Meine Kinder sind müde,“ nahm er wieder das Wort, auf seine in kurzer

Entfernung wartenden Begleiter weisend, „wir wollten hier lagern und

essen. Nimmt mein Bruder diesen Ort für sich in Anspruch?“

„Vom großen Flusse her kommen Leute und erzählen uns, daß die Prärie

jetzt zu den Jagdgründen der Langmesser gehöre.“

„Das habe auch ich von den Jägern und Trappern am La-Platte-Flusse

gehört.“

„Auch wird gesagt, daß weiße Krieger den Fluß hinaufziehen, um zu

sehen, ob sie bei ihrem Kauf nicht betrogen sind.“

„Das trifft leider gleichfalls zu, und bald werden die verwünschten

Holzfäller kommen, um den Wald, der so weit und herrlich an dem

westlichen Gestade des Mississippi sich ausbreitet, für immer zu

vernichten.“

„Wo waren die Häuptlinge der Pawnee-Loups, als dieser Handel

abgeschlossen wurde?“ fragte der junge Krieger, während ein Ausdruck

zorniger Wildheit über seine Züge glitt. „Darf man eine Nation

verkaufen wie ein Biberfell?“

„Ja, und wo waren Ehrlichkeit und Recht und Wahrheit bei diesem

Handel?“ entgegnete der Alte erregt. „Aber die Macht ist Recht

heutzutage auf Erden, und was die Gewalthaber tun, das müssen die

Schwachen gutheißen. Wenn die Gesetze Wahkondas so viel gälten wie

die Gesetze der Langmesser, dann, Pawnee, gehörte euch die Prärie so

unbestritten wie dem größten Häuptling der Langmesser sein Wohnhaus!“

Der Indianer legte einen Finger nachdrücklich auf des Trappers runzlige

Hand. „Die Farbe des Reisenden ist weiß,“ sagte er; „sind die Gedanken

seines Herzens gleich den Worten seines Mundes?“

„Der Wahkonda der Weißen hat Ohren, die sich dem Lügner verschließen.

Sieh dir mein Haupt an, es gleicht der schneebedeckten Fichte und wird

bald im Grabe ruhen. Warum sollte ich mit einer Unwahrheit vor das

Antlitz des Großen Geistes treten?“

Der Pawnee warf den Schild über die Schulter, legte die Hand auf die

Brust und neigte sich mit würdevoller Anmut vor dem greisen Haar, das

der alte Jäger entblößt hatte.

Während Inez vom Esel stieg und Ellen, Middleton und der Bienenjäger

sich zum Lagern anschickten, setzten die beiden ihre Unterhaltung fort,

in die der Doktor ab und zu in englischer Sprache eine seiner weisen

Bemerkungen einzuflechten bemüht war.

„Ja, ja,“ nickte der alte Jäger im Laufe des Gesprächs, „die Pawnees

sind eine weise und große Nation, und ihre alten Krieger wissen

sicherlich viel Herrliches von den Taten der Vorfahren zu berichten.

Die Jäger und Trapper, die ich zuweilen sehe, reden oft von einem

mächtigen und berühmten Häuptling deines Volkes.“

„Mein Volk besteht nicht nur aus Weibern. Tapfere Krieger sind nicht

spärlich in unseren Dörfern.“

„Das glaube ich. Aber der Ruhm des Häuptlings, den ich meine, geht weit

über den eines gewöhnlichen Kriegers hinaus; er wäre selbst eine Zierde

des einst so mächtigen, jetzt leider verschollenen Delawarenvolkes

gewesen.“

„Solch ein Krieger wird auch einen Namen haben.“

„Sie nennen ihn Hartherz, nach der unerschütterlichen Festigkeit seiner

Seele, und der Name gebührt ihm, wenn alles wahr ist, was man von ihm

erzählt.“

Der Indianer schaute den Alten an, als wolle er die Tiefen seines

Herzens erforschen.

„Hat das Bleichgesicht diesen Krieger meines Volkes schon gesehen?“

„Nein. Vor vierzig Jahren waren Krieg und Blutvergießen mein Beruf,

heute bin ich alt und schwach.“

Ein lauter Ruf des unverwüstlichen Paul unterbrach das Gespräch. Der

Bienenjäger kam heran, ein indianisches Streitroß am Zügel führend.

„Das ist ein Pferdchen!“ jubelte er. „Kein General in ganz Kentucky

kann sich eines solchen Gauls rühmen! Und die Pracht des spanischen

Sattels! Und Mähne und Schweif ganz mit Silberkugeln durchflochten! Und

solch ein Traber muß aus der Krippe eines Wilden fressen! Ist's nicht

ein Jammer, alter Trapper?“

„Sachte, mein Junge, sachte,“ antwortete der Jäger. „Die Loups sind

ihrer Pferde wegen berühmt. Das ist in der Tat ein Roß, das nur einem

großen Häuptling gehören kann. Der Jüngling hier ist sicher der Sohn

eines solchen, vielleicht der des gewaltigen Hartherz selber.“

Der junge Pawnee hatte bei dieser Unterbrechung weder Ungeduld noch

Mißfallen gezeigt, und als seiner Meinung nach das Pferd genugsam

betrachtet und bewundert worden war, trat er herzu, nahm Paul den Zügel

aus der Hand wie ein Mann, der gewohnt ist, daß alles nach seinem

Willen geht, und schwang sich mit vollendeter Meisterschaft in den

Sattel. Hier fühlte er sich augenscheinlich noch ruhiger und sicherer

als zuvor. Er ließ das edle Tier mit graziösestem Hufsatz vor- und

rückwärts gehen und musterte dabei angelegentlich und sorgfältig jedes

einzelne Mitglied der Gesellschaft.

„Will mein Bruder mir sagen,“ begann der Trapper von neuem, „ob die

Häuptlinge der Pawnees fremde Gesichter in ihren Dörfern gern sehen?“

„Wann hat mein Volk je vergessen, dem fremden Wanderer Nahrung zu

reichen?“ entgegnete stolz der junge Krieger.

„Wenn ich meine Töchter zu den Hütten der Loups führe, werden die

Squaws sie bei der Hand nehmen? Und werden die Krieger mit meinen

jungen Männern rauchen?“

„Das Land der Bleichgesichter liegt hinter ihnen,“ versetzte der

Indianer. „Warum wandern sie der sinkenden Sonne zu?“

„Die weißen und die roten Männer sind Freunde. Kommen nicht auch die

Omahaws und die Tetons freundschaftlich in die Dörfer der Loups, wenn

das Kriegsbeil zwischen ihnen begraben ist?“

„Die Omahaws sind willkommen, aber die Tetons sind Lügner, die in der

Sonne schlafen, weil sie sich fürchten, nachts die Augen zu schließen!“

rief der Pawnee. „Sieh,“ fuhr er fort, auf die grausige Zierde seiner

Beinkleider deutend, „ihrer Skalpe sind so viele, daß die Loups darauf

treten. Laß die Sioux im Schnee wohnen, die grünen Ebenen und die

Büffel kommen Männern zu!“

Jetzt wendete sich der Trapper zu dem Hauptmann Middleton, der die

beiden Sprecher bisher aufmerksam beobachtet hatte.

„Er hat sein Geheimnis verraten,“ sagte er. „Dieser junge Krieger folgt

als Kundschafter der Fährte der Sioux, er ist auf dem Kriegspfade, was

ich übrigens sogleich an seinen Pfeilspitzen und seiner Malerei erkannt

habe.“

Darauf setzte er das Gespräch mit dem Pawnee fort.

„Mein Bruder hat recht,“ nickte er. „Die Sioux sind Spitzbuben, darin

sind die Männer aller Farben und Nationen einverstanden. Die Leute

aber, die von der aufgehenden Sonne kommen, sind keine Sioux; sie

wünschen die Dörfer der Loups zu besuchen.“

„Das Haupt meines Bruders ist weiß,“ versetzte der Indianer mit einem

Ausdruck von Mißtrauen in seinem stolzen Blick, „seine Augen haben viel

geschaut. Was sieht er dort drüben? Ist es ein Büffel?“

„Das kann eine Wolke sein, die sich am Horizonte zeigt.“

„Nein, es ist ein Berg, und auf ihm stehen die Hütten der

Bleichgesichter. Mögen die Töchter meines Bruders ihre Füße bei dem

Volke ihrer Farbe waschen.“

„Die Augen der Pawnees sind scharf, da sie auf solche Entfernung eine

weiße Haut erkennen.“

Der Indianer wendete sich langsam dem Trapper zu. „Kann mein Bruder

jagen?“ forschte er nach einer Pause.

„Vor langen Jahren war ich ein Jäger, jetzt bin ich nur noch ein

armseliger Trapper.“

„Wenn die Büffel die Prärie bedecken, kann er sie sehen?“

„Ei gewiß; ist's doch leichter, einen Büffel zu sehen, als ihn zu

erlegen.“

„Wenn der Schnee fällt und die Hütten der Langmesser bedeckt, kann mein

Bruder dann die Flocken sehen?“

„Meine Augen sind nicht mehr die besten, aber es gab eine Zeit, wo

die Schärfe und die Schnelligkeit meines Blickes mir einen Namen

verschaffte.“

„Die roten Männer finden die Langmesser ebenso schnell, wie die

Bleichgesichter den trabenden Büffel gewahren, oder die Flocken des

fallenden Schnees. Geh'! Ein Pawnee ist nicht blind, er braucht euer

Volk nicht lange zu suchen!“

Der junge Krieger schwieg und wendete, plötzlich aufhorchend, sein

Antlitz der offenen Prärie zu. Noch einmal blickte er sich um und

musterte, wie mit einem inneren Entschlusse kämpfend, zweifelnd die

Gesichter Nathaniel Bumppos und seiner Gefährten, dann jagte er in

gestrecktem Galopp davon und war bald hinter der nächsten Bodenerhebung

verschwunden.

Die Hunde, die seit einigen Minuten eine deutliche Unruhe gezeigt

hatten, folgten ihm eine Strecke, dann aber kehrten sie um und setzten

sich nieder, aufs neue ihr Geheul anstimmend.

In der Ferne aber erhob sich ein donnerndes Getrappel wie von

unzähligen Hufen. Eine Staubwolke wälzte sich daher, und bald sahen

unsere Abenteurer eine Herde Büffel heranstürmen, die der erfahrene

Trapper auf zehntausend Tiere schätzte. Auf des Alten Rat zog man sich

in das Sumpfgehölz zurück, da die Büffel gerade auf den Lagerplatz

zukamen und jeden niedergetreten haben würden, der ihnen nicht aus dem

Wege ging.

Gewaltig und unwiderstehlich, wie eine Flutwelle des Meeres, brauste

die ungeheure Masse der Büffel vorüber; den Beschluß des Zuges machte

eine Menge einzeln dahertrabender Tiere, ganz so, wie auch eine große

Armee ihre Nachzügler und Invaliden im Gefolge hat.

„Das sind die letzten,“ sagte der Trapper, aus dem Gehölz

heraustretend, „und seht, da zeigt sich auch schon ein Rudel hungriger

Wölfe, um über diejenigen Tiere herzufallen, die krank sind oder beim

Rennen und Springen Verletzungen erlitten haben. Ha! Da sehe ich auch

Reiter, so wahr ich ein Sünder bin! Schaut, dort halten sie bei einem

gestürzten Büffel, um ihm mit ihren Pfeilen den Garaus zu machen.

Unser Pawnee wußte, daß seine Genossen auf der Jagd waren; er wird

sich ihnen angeschlossen haben ... Oho! Das sind aber keine Pawnees!

... Sie tragen Eulenflügel am Kopfe ... Feinde sind's, eine Bande

der spitzbübischen Sioux! Fort, ins Versteck, Leute! Wenn die Schufte

uns sehen, dann ziehen sie uns aus bis auf die Haut, und wenn's ihnen

einfällt, nehmen sie uns zum Zeitvertreib auch das Leben. Zurück ins

Dickicht!“

Die Gesellschaft folgte dieser Warnung ohne Zögern, wobei jedes

Geräusch sorgfältig vermieden wurde. Nur der Esel, den der

Naturaliensammler hinter sich herzog, schritt einher, als gäbe es gar

keine Sioux in der Welt.

„Wir müssen Eurem Reittier den Hals abschneiden, Freund,“ sagte der

Trapper, „es könnte uns sonst verraten.“

„Was?“ versetzte der kleine Mann erschrocken, „meinen Asinus wollt Ihr

schlachten? Das wäre fürwahr eine unchristliche Grausamkeit!“

„Wollt Ihr lieber, daß sechs Christenmenschen einem Esel zum Opfer

fallen?“ entgegnete der Trapper. „Denkt doch, wenn das Tier zu schreien

anfinge, dann wär's gerade, als riefen wir mit Trompetenschall die

Sioux herbei.“

„So ist's,“ nickte der Bienenjäger. „Der Esel muß sterben.“

„Verehrungswürdigster Jäger und liebe Freunde,“ sagte der Doktor,

kummervoll von einem zum anderen blickend, „ich bürge für die

Verschwiegenheiten meines Asinus! Schlachtet ihn nicht! Kein zweites

Geschöpf hat so viel gute Eigenschaften wie er. Er ist so treu und

gelehrig, so unermüdlich, so willig und so geduldig! Wir haben so

mancherlei miteinander erlebt und durchgemacht, daß sein Tod mich

bitter schmerzen würde! Habt Erbarmen mit ihm, hochgeschätzter Jäger;

denkt, wie es Euch ums Herz sein würde, wenn man Euch auf solche Weise

von Eurem guten Hektor trennen wollte!“

Dieses Wort gab den Ausschlag. Der Trapper räusperte sich, als sei ihm

plötzlich etwas in die Kehle gekommen, dann sagte er: „Das Tier soll

nicht sterben, doch müssen wir es stumm machen. Bindet ihm das Maul mit

dem Halfter zu, für das übrige wird die göttliche Vorsehung sorgen.“

Paul vollzog des Trappers Gebot, und dieser begab sich zum Rande

des Gehölzes, um die Indianer zu beobachten, die inzwischen näher

herangekommen waren. Er vermochte einige derselben, darunter Weucha,

wiederzuerkennen. Der letztere war mit einem Gefährten bis zu der

Stelle gelangt, wo der unglückliche Asa seinen Tod gefunden hatte. Den

scharfen, geübten Augen der Wilden blieben die Spuren des grausigen

Ereignisses nicht verborgen. Sie untersuchten dieselben, ohne von den

Pferden zu steigen, und endlich stießen sie fast zu gleicher Zeit einen

Ruf aus, der dem Klagegeheul der Hunde nicht unähnlich war, und der die

übrige Schar im Nu um sie versammelte.

Angesichts der jetzt so nahe drohenden Gefahr hielten die im Gehölz

Verborgenen jetzt leise einen Kriegsrat; Paul war für Kampf auf Leben

und Tod, der vorsichtigere Middleton aber, wie auch der Doktor und der

Trapper stimmten für friedliche Maßregeln.

„Was man mit Gewalt nicht erreichen kann,“ meinte der letztere, „muß

man durch seinen Witz zu erlangen suchen. Die Vernunft macht den

Menschen stärker als den Büffel, und schneller als den Elchhirsch.

Bleibt also hier und haltet euch verborgen. Mein Leben und meine

Habseligkeiten gelten weniger als so viele jüngere Menschenleben;

überdies weiß ich mich mit der indianischen Verschlagenheit abzufinden.

Deshalb will ich allein hinaustreten. Vielleicht kann ich die

Aufmerksamkeit der Sioux von diesem Fleck ablenken und euch Gelegenheit

zur Flucht schaffen.“

Ohne eine Antwort abzuwarten warf der Greis seine Büchse über die

Schulter und machte sich gemächlichen Schrittes auf den Weg, das Gehölz

an einer Stelle verlassend, die den Blicken der Sioux verborgen war,

so daß dieselben nicht wissen konnten, ob er überhaupt aus dem Dickicht

gekommen war oder nicht.

Die Indianer gewahrten ihn bald. Furchtlos und äußerlich ruhig und

gleichgültig kam er auf sie zu; als er ihnen nahe genug war, um sich

verständlich machen zu können, blieb er stehen, setzte den Kolben

seiner Büchse auf die Erde und erhob die mit der Fläche nach außen

gekehrte Hand als Zeichen des Friedens. Hektor stand neben ihm, die

Indianer mißtrauisch und mit leisem Geknurr beobachtend.

Als der alte Jäger sich von den Sioux erkannt sah, schritt er

weiter vor, bis er wiederum dem Häuptling Mahtoree Auge in Auge

gegenüberstand.

„Wo sind die jungen Männer meines Bruders?“ fragte der Teton, finsteren

Blickes die unbeweglichen Züge des Trappers durchforschend.

„Die Langmesser ziehen nicht in Scharen auf den Biberfang,“ versetzte

dieser; „ich bin allein.“

„Dein Haar ist weiß, aber deine Zunge ist gespalten,“ entgegnete der

Häuptling. „Mahtoree ist im Lager der Bleichgesichter gewesen, er weiß,

daß du nicht allein bist. Wo sind dein junges Weib und der Krieger, den

ich auf der Prärie fand?“

„Ich habe kein Weib. Ich sagte meinem Bruder bereits, daß das

Frauenzimmer und ihr Freund mir fremd seien. Die Worte eines Greises,

der einst ein Krieger war, sollten gehört und nicht vergessen werden.“

„Mein Bruder ist ein Krieger gewesen?“ fragte der Teton, dessen strenge

Züge keinen seiner Gedanken verrieten.

„Die Dakotas haben nicht so viel lebendige Krieger geschaut, als ich

erschlagene gezählt habe. Doch was soll die Erinnerung an vergangene

Zeiten, wenn die Glieder steif und die Augen stumpf werden?“

Der Häuptling warf einen durchbohrenden Blick auf des Trappers

Antlitz; als er in dessen Auge dem Ausdruck vollster Wahrhaftigkeit

begegnete, da faßte er die Hand des Greises und legte sich dieselbe

sanft auf das gebeugte Haupt als Zeichen der Achtung, die dem Alter

und den Erfahrungen desselben gebühre. Dann aber kam er auf den ersten

Gegenstand des Gesprächs zurück.

„Wenn mein Vater seine jungen Männer in jenem Gehölz versteckt hat,“

sagte er mit einem kaum merklichen Lächeln, „so möge er sie nun

hervorrufen. Ein Dakota fürchtet sich nicht; Mahtoree ist ein großer

Häuptling; ein Krieger, dessen Haupt weiß ist und der bald in das Land

des Großen Geistes gehen wird, kann keine Zunge mit zwei Enden haben

wie eine Schlange.“

„Dakota, ich habe keine Lüge geredet. Seit der Große Geist mich zum

Manne machte, lebe ich in der Wildnis ohne Heim und Familie. Ich bin

ein Jäger, der einsam seinen Pfad wandelt.“

„Gut. Mein Vater ist ein guter Schütze. Möge er auf jenes Gehölz zielen

und Feuer geben.“

Einen Augenblick nur zögerte der alte Mann, dann erhob er die lange

Büchse, um den Verdacht des schlauen Häuptlings zu zerstreuen. Sein

Blick suchte sich einen Stamm in dem Dickicht aus. Auf diesen richtete

er den Lauf und feuerte, dann setzte er mit bebenden Händen das Gewehr

ab. Sein angstvoll lauschendes Ohr fürchtete in jedem Moment das

Geschrei von Weiberstimmen zu vernehmen. Als jedoch alles ruhig blieb,

da atmete er auf, und, den Kolben auf die Erde stoßend, wendete er sich

zu Mahtoree.

„Ist mein Bruder zufriedengestellt?“ fragte er.

„Mahtoree ist ein Häuptling der Dakotas,“ antwortete der verschlagene

Indianer, die Hand auf die Brust legend. „Er weiß, daß ein Krieger,

der an den Beratungsfeuern geraucht hat, bis sein Haar weiß geworden

ist, nicht ein Gefährte der Landstreicher sein kann. Mein Vater ist

sehr alt; was er tut ist gut, was er redet ist weise. Jetzt sage er mir

nur noch, ob er ganz sicher ist, daß die Langmesser, die in der Prärie

herumlaufen und ihr Vieh suchen, ihm ganz fremd sind?“

„Dakota, ich lebe ganz allein; ich habe mit Bleichgesichtern nichts zu

schaffen, es sei denn --“

Er unterbrach sich, denn am Rande des Dickichts ward es lebendig, und

hervor traten Middleton mit Inez, dahinter Paul Hover mit Ellen, und

den Beschluß machten der Doktor Battius und sein Esel. Alle sechs kamen

eilig auf die Indianer zu.

Aber noch ein anderer Anblick ward ihm. Um eine entfernte Ecke des

Gehölzes herum kam ein Zug bewaffneter Männer, der Squatter Ismael

Busch und seine reisigen Söhne. Dieselben nahten sich augenscheinlich

in der Absicht, den Raub ihres Viehes blutig zu rächen.

Mahtorees dunkles, flammendes Auge rollte von der einen Gruppe der

Heranziehenden zur anderen. Er war mit den Seinen im ersten Moment eine

Strecke zurückgewichen, den alten Jäger zwingend, ihnen zu folgen.

Dieser hatte inzwischen schnell erkannt, daß Middleton und seine

Gefährten ihre Deckung nur verlassen hatten, um den verzweifelten

Versuch zu machen, bei den Sioux Schutz gegen die Emigranten zu finden.

Sogleich schickte er sich an, einen günstigen Empfang der Flüchtigen

vorzubereiten.

„Mein Bruder sieht, daß meine Zunge nicht gespalten ist,“ sagte er,

schnell gefaßt. „Die Langmesser senden ihre Weiber nicht auf den

Kriegspfad. Ich weiß, daß die Dakotas mit jenen Fremdlingen, die vor

den Büchsen der Emigranten Schutz bei dem großen Mahtoree suchen, am

Lagerfeuer rauchen werden.“

„Die Langmesser sind willkommen,“ versetzte der Häuptling würdevoll

und geschmeichelt. „Die Pfeile meiner jungen Männer bleiben in den

Köchern.“

Der Trapper winkte Middleton heran. Die Flüchtlinge beschleunigten

ihre Schritte und befanden sich bald in der Mitte der Sioux, von denen

einige absaßen, um den Frauen ihre Pferde anzubieten. Bald saß Ellen,

von Paul emporgehoben, auf einem der Tiere, und Middleton leistete

seiner Inez denselben Dienst.

„Kennt mein Bruder Krieger von roter Farbe, deren Herz böse ist?“

begann der Trapper, als auch der Doktor seinen geliebten Esel bestiegen

hatte und nun mit einem Gefühl der Sicherheit um sich blickte.

„Der Herr des Lebens hat Häuptlinge, Krieger und Weiber geschaffen,“

antwortete der Teton, mit diesen drei Bezeichnungen, seiner Meinung

nach, alle Abstufungen des Menschengeschlechts, von der erhabensten bis

zur niedrigsten, umfassend.

„Ganz recht. Er schuf auch Bleichgesichter, die böse sind; so jene, die

mein Bruder dort heranziehen sieht.“

„Wollen die zu Fuß auf ihre schlimmen Taten ausgehen?“ höhnte der

Häuptling, während sein funkelnder Blick verriet, daß er sehr wohl

wußte, was jene zwang, sich so kümmerlich zu behelfen.

Der alte Trapper · 第 4 / 10 段