dieses Tages von der Jagd ermüdet den Felsenberg und auf demselben
ihre Wohnstätten wieder aufgesucht hatten. Nur einer fehlte, Asa, der
Älteste. Man wußte nicht, ob er absichtlich sein Heimkommen verzögerte,
oder ob er den Weg verloren hatte. Der Vater und die Brüder, überzeugt,
daß der junge Riese sich wohlbehalten aus allen Fährlichkeiten ziehen
würde, machten sich seinetwegen nicht viel Sorgen, die Mutter nur
bangte sich um ihn, und in ihren Befürchtungen wurde sie durch Abiram,
ihren Bruder, noch bestärkt, der allerlei von herumstreichenden
Indianern vor sich hin murmelte, bis Ismael, die wachsende Angst seiner
Frau wahrnehmend, ihm endlich Schweigen gebot.
Der Emigrant war übel gelaunt; das Geheimnis des Zeltes war verraten
worden, und das beunruhigte ihn weit mehr als Asas Abwesenheit. Er
zürnte mit Ellen Wade, die er beschuldigte, die Bewohnerin des Zeltes
nicht streng genug bewacht zu haben. Nach einiger Zeit aber verlangte
die Natur bei allen ihr Recht, und der Schlaf breitete seine Fittiche
über das Lager.
Um Mitternacht sah Abner, der Wachthabende, eine dunkle Gestalt den
Felsenhang heraufklimmen. Er erkannte in derselben bald den Doktor
Obed Bat, der von seinem Ausfluge heimkehrte und unverweilt seine
Schlafstätte aufsuchte. Hier lag er jedoch nur so lange, bis er sich
überzeugt hatte, daß niemand mehr wachte; dann stand er leise auf und
schlich dem Zelte zu. Schon war er demselben ganz nahe, da legte sich
eine leichte Hand auf seine Schulter. Erschrocken wandte er sich um,
gewahrte aber zu seiner Erleichterung nur Ellen.
„Still, Kind,“ flüsterte er. „Ihr kommt mir gerade recht. Aber niemand
darf uns sehen und hören. Hier, ich bringe einen Brief für die Dame
dort drinnen. Gebt ihn ihr, ich warte hier draußen.“
Ellen nahm das Papier und schlüpfte ins Zelt. Bald darauf schaute
sie aus der Türöffnung, winkte den kleinen Mann herbei und zog ihn
eilfertig ebenfalls hinein.
* * * * *
Kaum graute der Morgen über der weiten Ebene, als auch schon Frau
Esther mit lautem Ruf die Schläfer erweckte. Böse Träume hatten sie im
Schlafe gequält, und als sie auch jetzt ihren Asa, ihren Lieblingssohn,
nirgends in der Prärie zu erspähen vermochte, da ruhte sie nicht
eher, bis die ganze Schar nach schnell eingenommenem Morgenimbiß sich
aufmachte, den Vermißten zu suchen; auch bestand sie darauf, sich an
dem Streifzuge zu beteiligen. Abiram machte den Vorschlag, man solle
ihn als Wächter der Festung zurücklassen. Darauf ging man jedoch nicht
ein; er hatte am Abend zuvor so viel von Indianerspuren geredet, daß
er nun zeigen sollte, wo er dieselben wahrgenommen. Mit der Obhut
des Lagers wurden die Töchter und Ellen betraut; nachdem man Signale
verabredet und am Rande des Felsplateaus große Steine bereitgelegt
hatte, die auf etwaige Angreifer hinabgestürzt werden sollten, zog man
unter Führung Ismaels davon.
Doktor Battius, der sich dem Zuge angeschlossen, blieb nach kurzem
Marsche, von einigen Pflanzen angelockt, in denen er botanische
Merkwürdigkeiten zu erkennen meinte, hinter den anderen zurück, denen
er auch bald aus dem Gesichte kam.
Nach Verlauf einiger Stunden langten die Streifenden vor einer
sumpfigen Niederung an, die mit dichtem Gehölz und Buschwerk bestanden
war. Noch berieten sie, nach welcher Richtung sie sich jetzt wenden
sollten, als plötzlich in wildem Lauf ein Hirsch aus dem Dickicht
hervorbrach; er war in die offene Prärie hinausgeflohen, ehe die Männer
noch ihre Büchsen schußfertig machen konnten. Gleich darauf raschelte
es wieder im Unterholz, und jetzt erschienen zwei Hunde, mit Eifer die
Fährte des Wildes verfolgend.
„Es müssen Jäger in der Nähe sein,“ sagte Ismael, „und wenn ich
mich noch auf Jagdhunde verstehe, so haben sie da ein Paar Tiere von
allerbester Rasse.“
Der eine der Hunde war augenscheinlich bereits sehr alt, doch zeigte
er noch immer ein Feuer, das dem seines Kameraden wenig nachgab. Der
letztere wich bei einem Ausläufer des Gehölzes plötzlich von der Fährte
ab; er blieb stehen, witterte mit erhobener Nase und ließ dann ein
kurzes, unheimlich klagendes Geheul vernehmen, auf welches nun auch der
andere Hund eilfertig herbeikam. Der erhob sogleich die Nase, witterte
forschend gegen das Dickicht hin, setzte sich dann auf sein Hinterteil
und begann so laut, so wehevoll und durchdringend zu heulen, daß Ismael
und seine Angehörigen unwillkürlich erschauerten.
„Was mögen die Köter haben?“ sagte Abner verwundert. „Es muß etwas ganz
Ungewöhnliches sein, das zwei solche treffliche Jagdhunde von ihrer
Fährte ablenken kann.“
„Schießt sie tot, die Bestien!“ rief Abiram erbost. „Das alte Vieh da
kenne ich, das ist der Hund des Trappers, des schleichenden Halunken,
der, wie wir alle wissen, unser heimlicher Feind ist.“
Niemand hörte auf ihn, alle standen vielmehr wie gebannt, wie befallen
von einem unerklärlichen Grausen.
Endlich nahm Ismael das Wort. „Kommt, Jungen, kommt,“ sagte er; „laßt
die Hunde singen, solange es ihnen Spaß macht.“
Seine Frau aber widersprach ihm. „Nein, Kinder,“ rief sie in bebender
Erregung, „geht nicht fort, bleibt hier! Das Geheul der Tiere hat mehr
zu bedeuten, als wir uns denken, und ich ruhe nicht eher, bis ich die
Ursache kennengelernt habe. Mir ahnt Schlimmes, noch aber weiß ich
nicht, was.“
Sie war bei diesen Worten näher an die Stelle herangegangen, wo die
Hunde jetzt rastlos in kleinem Kreise herumliefen und den Erdboden
beschnupperten.
„Abner! Abiram! Ismael!“ rief sie jetzt, „Ihr seid Jäger; sagt mir,
was für ein Geschöpf es war, das hier seinen Tod fand. Hier sind auch
Blutspuren -- rühren die von einem Wolf her, oder von einem Panther?“
„Das muß ein Büffel gewesen sein,“ versetzte der Squatter, ruhig
die Spuren betrachtend, die seine Frau in eine so große Aufregung
versetzten; „ein starkes, gewaltiges Tier, das sieht man an der von
seinen Hufen und Hörnern so tief aufgewühlten Erde.“
„Wer aber hat ihn erlegt?“ fuhr Esther fort. „Mann, wo sind die
Überbleibsel? Die Wölfe verschlingen doch nicht auch die Knochen und
das Fell? Ist das wirklich nur das Blut eines Tieres? Ich will eine
Antwort haben!“
„Beruhige dich doch, Mutter,“ sagte Abner; „der Büffel wird in das
Dickicht geflüchtet und dort verendet sein. Sieh nur die Aasvögel dort
über den Baumkronen; die wittern bereits ihre Beute.“
„Das Tier muß noch lebendig sein,“ bemerkte der Vater, „sonst hätten
die Geier sich darüber hergemacht. Dem Benehmen der Hunde nach zu
urteilen, ist es eine gefährliche Bestie, vielleicht ein grauer Bär,
und die Sorte hat ein zähes Leben.“
„Dann laß uns umkehren,“ drängte Abiram. „Wir stürzen uns sonst unnütz
in Gefahr. Komm, Ismael.“
Die jungen Männer warfen verächtliche Blicke auf ihren Oheim, dessen
Furchtsamkeit ihnen längst bekannt war; dann schritten sie vorsichtig
noch näher an das Dickicht heran.
Ein heulender Wind hatte sich aufgemacht, und finstere Wolken jagten
in wild zerrissenen Gebilden unter dem Himmel dahin. Die Aasvögel,
die sich in ihrem kreisenden Fluge kaum gegen den Wind zu behaupten
vermochten, schossen ab und zu zwischen die Baumwipfel hinab, aber
nur, um im nächsten Moment wieder mit schreckensvollem Gekreisch
emporzufahren; das gierig ersehnte Mahl war offenbar noch nicht bereit.
Die Mutter vermochte ihre Aufregung und Ungeduld endlich nicht mehr zu
zügeln.
„Schickt die Hunde hinein!“ rief sie. „Enoch, Abner, Gabriel, ihr
habt euch doch sonst vor allen Bären diesseits des großen Flusses
nicht gefürchtet! Oder gebt mir anstatt dieser meiner Schrotflinte
eine Büchse -- ihr da, Ismael und Abiram! -- dann will ich euch allen
zeigen, wessen eine Grenzerfrau fähig ist!“
Jetzt zögerten die jungen Männer nicht länger; sie sprangen vorwärts
und waren bald in dem Dickicht verschwunden. Der junge Hund folgte
ihnen, der alte aber blieb, an allen Gliedern zitternd, am Rande des
Buschwerks zurück.
Nach einer kleinen Weile erhoben sich die Aasvögel aufgestört mit
wildem Geflatter und betäubendem Gekreisch; gleich darauf ertönte aus
dem Dickicht ein doppelter Entsetzensschrei.
Die Mutter erbleichte. „Kommt zurück, meine Kinder!“ rief sie in Angst;
„um Gotteswillen, kommt zurück!“
Und die Gerufenen kamen, aber langsam, mit verstörten Gesichtern
und eine Bürde mit sich schleppend, die sie vor der Mutter Füßen
niederlegten -- den Körper des vermißten Asa, starr und tot, und mit
den unverkennbaren Zeichen eines gewaltsamen Endes auf dem entstellten
Angesicht.
[Illustration]
Noch ein langes, klagendes Geheul stießen die Hunde aus, dann jagten
sie auf der Spur des entflohenen Hirsches davon.
„Gebt Raum!“ stieß Esther mit heiserer Stimme hervor, indem sie alle
anderen zurückdrängte. „Ich bin seine Mutter und habe das größte Recht
an ihn! Wer hat diese Tat getan? Ismael! Abiram! Abner! Wer hat meinen
Knaben erschlagen?“
Die Männer standen stumm und starr; sie aber setzte sich nieder und
nahm das Haupt des Toten auf ihren Schoß. Wortlos und tränenlos blickte
sie in ihres Sohnes Antlitz, und ihr Schweigen war beredter als das
lauteste Jammern und Klagen.
„Das sind die Sioux gewesen,“ murmelte der Squatter nach langer Pause;
„aber die Bluthunde sollen meiner Rache nicht entgehen!“
Die Brüder hatten inzwischen die tödliche Wunde gesucht und gefunden.
Eine Kugel war dem Erschlagenen in den Rücken gedrungen und vorn auf
der Brust wieder herausgefahren. Er mußte sich dann in das Dickicht
geschleppt haben, nachdem er mit dem Mörder noch verzweifelt gekämpft
hatte, denn die Brüder hatten ihn am Fuße eines Baumes sitzend
gefunden, einen abgebrochenen Ast in der erstarrten Rechten.
„Er muß mit einem ganzen Haufen von Sioux zu tun gehabt haben,“
meinte Abiram, „denn einer, oder zwei und auch drei hätten ihn nicht
bezwungen.“
„So wird's sein,“ nickte der Vater düster; „er war von guter Art und
hat niemals einem lebenden Wesen, weder Mann noch Raubtier, den Rücken
gewiesen.“
„Seht!“ rief Enoch, aus den Kleiderfalten des Leichnams ein Stück Blei
nehmend. „Hier ist die Kugel!“
Ismael ergriff dieselbe und betrachtete sie lange und aufmerksam.
„Es kann nicht anders sein,“ sagte er endlich knirschend. „Diese Kugel
stammt aus der Tasche des Trappers. Hier ist sein Merkzeichen: sechs
kleine Löcher, in Form eines Kreuzes gestellt.“
„Meinen Eid darauf!“ rief Abiram triumphierend. „Kein anderer als der
alte, schleichende Mensch ist Asas Mörder! Er hat mir das Merkzeichen
selber gewiesen! Glaubst du nun, Ismael, was ich stets behauptet habe,
daß der Trapper ein Spion der Rothäute ist?“
Die Kugel ging von Hand zu Hand, und keiner zweifelte länger an der
Schuld des alten Jägers.
Endlich machte man sich daran, des Toten Grab zu graben. Stumm und
tränenlos schaute die Mutter zu; kein Seufzer, kein Schrei entrang
sich ihrem zerrissenen Herzen, als man die Grube zuwarf und die
Erde festtrat, um zu verhindern, daß Raubtiere den Leichnam wieder
ausscharrten.
„Esther,“ sagte der Squatter, als alles getan war, „tröste dich. Wir
haben den Knaben erzogen, wir haben einen Mann aus ihm gemacht, wie es
wenige an den Grenzen gibt, und nun haben wir ihn begraben. Als Eltern
konnten wir nicht mehr tun. Laß uns nun gehen.“
Die Frau erhob sich und ließ sich willenlos fortführen. Die Schar
machte sich auf den Heimweg. Nach langem Marsche kam endlich der
Felskegel in Sicht. Man gab einen Schuß ab, um die Aufmerksamkeit der
Mädchen zu erregen. Allein nichts regte sich auf der Höhe. Ein scharfer
Windstoß fuhr über die Prärie. Man sah das weiße Zelttuch lose flattern
-- die Befestigungen desselben mußten sich gelöst haben -- man sah es
sich blähend erheben und dann, vom Winde erfaßt, den jenseitigen Abhang
hinabfliegen.
„Die Mörder sind auch dort oben gewesen!“ rief die Mutter
verzweiflungsvoll. „O meine armen Kinder!“
Ismael aber stürmte ohne ein Wort zu sagen über die Ebene zum Berge und
diesen hinauf; seine Söhne folgten ihm in atemloser Hast.
* * * * *
Ellen hatte inzwischen auf dem Felsen treue Wacht gehalten, dabei aber
auch ihren Verkehr mit der Bewohnerin des Zeltes nicht vernachlässigt.
Es mochte eine Stunde seit dem Auszuge der Männer vergangen sein, als
plötzlich ein halbes Dutzend Mädchenstimmen den Alarmruf erhob.
„Sieh, Ellen,“ riefen Ismaels Töchter, „dort zeigen sich fremde Männer
in der Prärie! Ob es die Sioux sind?“
Zugleich griffen sie nach ihren Büchsen und den kurzen Hebeln, mit
denen sie die Steine den Abhang hinabzustürzen gedachten.
Ellen schaute prüfend in die Weite. Aus der kleinen Gruppe von Männern,
die sich in der Ferne zeigte, sonderte sich jetzt ein Mann ab und
kam auf die Felsenburg zu. Schon legten Phöbe und Hetty, die beiden
ältesten der Schwestern, mit geübter Hand ihre Büchsen an, als Ellen
ihnen zurief:
„Schießt nicht! Das ist kein Feind, das ist ja unser alter Doktor
Battius!“
Der kleine Mann kam heran, ein weißes Tuch an seinem Flintenlauf wie
eine Parlamentärflagge schwenkend. Die übrigen Männer, drei an der
Zahl, folgten ihm in einiger Entfernung. In Rufweite angelangt, erhob
der Naturaliensammler seine krähende Stimme.
„Holla, da oben!“ rief er. „Im Namen der Vereinigten Staaten von
Nordamerika fordere ich euch auf, die Festung zu übergeben!“
„Was redet Ihr da für Unsinn, Doktor?“ entgegnete Ellen. „Seid Ihr denn
nicht unser Freund? Reiset Ihr denn nicht mit meinem Onkel auf Grund
eines Vertrages --“
„Der Vertrag ist null und nichtig!“ rief Obed zurück. „Ismael Busch
hat angegeben, er führe in jenem Zelte ein Tier mit sich, zur Anlockung
des Wildes in der Prärie bestimmt. Ismael Busch hat mich belogen; jenes
Tier ist kein Tier, sondern ein Frauenzimmer. Daher ist unser Vertrag
null und nichtig, und wenn ihr eure Festung nicht sofort übergebt, dann
wird sie ohne weiteres mit Sturm genommen!“
„Halt!“ nahm jetzt Paul Hover das Wort, denn er war einer der drei
Männer, „der Doktor geht zu weit. Nicht nach eurer Festung gelüstet
uns; wir wollen nur das Tier haben, das reißende, gefährliche Tier,
das sich dort im Käfig unter jenem Zelte befindet! Das müßt ihr uns
ausliefern!“
Ellen trat händeringend an die Brüstung.
„Du verlangst Unmögliches von mir, Paul,“ rief sie. „Ich habe Ismael
Busch mit heiligem Eide schwören müssen, das Geheimnis des Zeltes
keinem Menschen zu verraten, auch jeden Fluchtversuch der Gefangenen
nach Kräften zu hindern. Wenn ihr trotzdem das Geheimnis durchschaut
habt, so geschah dies nicht durch meine Schuld; meine Pflicht ist es
aber, mich eurem Vorhaben zu widersetzen, solange Leben in mir ist!“
Eine kleine Weile noch ging das Parlamentieren hin und her. Auch
Middleton und der Trapper beteiligten sich daran, Ellen aber und
Ismaels Töchter blieben fest und drohten schließlich mit gewaltsamer
Abwehr.
„Nun, wenn ihr's denn nicht anders wollt, dann mag's drauf ankommen!“
rief Paul und begann mit der Behendigkeit einer Katze den Felsen zu
erklimmen, dabei vorsichtig jede Deckung benutzend, die ihn gegen die
Kugeln der jungen Amazonen schützen konnte.
„Paul!“ kreischte Ellen angstvoll, „Paul, bleib zurück! Die Mädchen
stürzen sonst Felsstücke auf dich hinunter, die dich unfehlbar
zerschmettern müssen!“
„So treib das Gesindel doch davon!“ entgegnete der unerschrockene
Bienenjäger. „Ich komme hinauf, und wäre der ganze Berg mit Hornissen
bedeckt!“
„Ellen soll es nur wagen, uns zu hindern!“ rief jetzt Phöbe. „Wir
wissen sehr wohl, daß sie es mit Euch hält; kommt sie uns zu nahe, so
soll sie es bereuen. Hinunter mit euren Steinen, ihr Mädchen! Ich will
den Mann sehen, der einen Fuß in Ismael Buschs Lager setzt, ohne seiner
Töchter Einwilligung zu haben!“
„Ducke dich unter den Vorsprung, Paul!“ schrie Ellen in Herzensangst.
In diesem Augenblick öffnete sich der Zeltvorhang, und zum zweitenmal
zeigte sich die wunderbare Frauenerscheinung auf dem höchsten Teile des
Felsenberges.
„Im Namen Gottes beschwöre ich euch, von dem Streit abzulassen,“ rief
sie mit wohllautender Stimme den Stürmern wie den Verteidigerinnen
zu. „Vernichtet nicht Menschenleben, die ihr doch nie wieder ersetzen
könnt!“
Aller Augen waren im Nu auf die Sprechende gerichtet.
„Inez, meine Inez!“ rief der Hauptmann Middleton ihr zu. „Habe ich dich
endlich gefunden? Mein mußt du nun wieder werden, und wenn tausend
Teufel diesen Felsen verteidigten! Vorwärts, braver Bienenjäger,
vorwärts und gebt mir Raum!“
Damit sprang auch er den Abhang hinan. Die Mädchen waren durch die
plötzliche Erscheinung der schönen, fremden Frau in ihrer Mitte so in
Erstaunen gesetzt, daß sie erst an Gegenwehr dachten, als es bereits
zu spät war. Wohl stürzten sie einen der Felsblöcke auf die Angreifer
hinab, diese aber wichen demselben aus, und im nächsten Augenblick
schwang sich Paul auf den flachen Gipfel hinauf, unmittelbar gefolgt
von Middleton. Doktor Battius kam erst nachgeklettert, als die
kriegerischen Mädchen bereits entwaffnet waren und mit gefesselten
Händen und stumm vor Erstaunen zusehen mußten, wie der Hauptmann die
ihm jubelnd entgegeneilende schöne Fremde in heller Freude an sein Herz
schloß ...
Es ist hier am Platze, über diese beiden einige nähere Erklärungen zu
geben. Der Hauptmann Middleton gehörte zu dem Truppenkörper, den die
Regierung ausgesandt hatte, um das neu erworbene Terrain, den heutigen
Staat Louisiana, zu besetzen. Hier kam er in Berührung mit einem der
alteingesessenen kreolischen Grundherren, Don Augustin de Certavallos;
die Bekanntschaft wurde zur Freundschaft, und als er eines Tages den
Don um die Hand seiner Tochter, der schönen Inez, bat, da erfuhr er
keine Ablehnung. Die Hochzeit wurde mit jener Pracht gefeiert, die sich
für eine reiche kreolische Erbin geziemte. Middletons Glück aber war
nur kurz, denn schon am nächsten Tage war seine junge Gattin spurlos
verschwunden. Der Schmerz, das Entsetzen des Hauptmanns und des alten
Don spotteten jeder Beschreibung. Alles Erdenkbare wurde aufgeboten,
das Verschwinden der armen Inez zu erklären und ihre Spur zu entdecken,
allein vergebens. Endlich, nach langen Wochen der Hoffnungslosigkeit
und Verzweiflung, ward dem schwer geprüften Gatten durch einen dem
Trunke ergebenen Vagabunden die Nachricht, daß seine Inez durch einen
übel berüchtigten Menschen, den ehemaligen Sklavenhändler Abiram
White, unter dem Beistande von dessen Schwager Ismael Busch geraubt
und davongeführt worden sei. Ein Verwandter Don Augustins, dessen
Bewerbungen Inez einst abgewiesen, hatte den zu allen Schandtaten
fähigen Abiram mit einer großen Summe zu diesem Menschenraube
bestochen.
Durch diese Kunde zu neuer Hoffnung erweckt, wählte Middleton eine
Anzahl erlesener Männer aus seinem Kommando und machte sich mit diesen
ungesäumt an die Verfolgung der Räuber. Es ward ihm nicht schwer, der
Fährte des Wagenzuges der Emigranten nachzugehen, wenigstens so lange,
bis dieser den harten, trockenen Boden der Prärie erreicht hatte. Hier
verschwanden jedoch die Spuren, und er sah sich genötigt, seine Schar
zu zerstreuen, damit jeder auf eigene Hand suche, und einen bestimmten
Ort und Tag zu verabreden, um wieder zusammenzutreffen. Eine ganze
Woche lang hatte er die Prärie bereits allein durchirrt, als er, wie
wir gesehen haben, auf unsere drei Freunde stieß, die er durch die
Erzählung seines Geschicks gar bald zu seinem Beistande gewonnen hatte
...
Die Feste war erstürmt und Frau Inez befreit. Ismaels Töchter lagen
gefesselt in einer der Hütten, Paul Hover hatte in lustigem Übermut
auf der höchsten Spitze des Felsens, wie ein siegesstolzer Hahn, mit
den Armen geschlagen und gereckten Halses ein schmetterndes „Kikeriki“
ertönen lassen. Die wieder vereinigten Gatten stiegen, gefolgt von
dem Doktor, in die Ebene hinab, wo der Trapper, des letzteren Esel am
Zügel, bereits ungeduldig ihrer harrte, und der Bienenjäger forderte
Ellen auf, ihm gleichfalls dorthin zu folgen.
[Illustration]
Hektor hatte inzwischen Zeichen von Unruhe von sich gegeben, und auch
der jüngere Hund erhob seine Nase witternd gegen den Wind.
„Was ist's, Hundchen?“ fragte der alte Jäger den treuen Gefährten.
„Sag's uns deutlich, Hektor.“
Der Hund knurrte und wies die Zahnstumpfe. Der Trapper verstand ihn.
„Wir dürfen nicht länger zögern,“ sagte er zu Middleton. „Hebt Eure
Dame auf des Doktors Esel, und dann fort. Der Squatter und seine Brut
sind kaum noch eine englische Meile oder zwei entfernt.“
Inez saß im Sattel, da trat Ellen an sie heran.
„Gott geleite Euch, Lady Inez,“ sagte sie tränenden Auges, die Hand
der anderen ergreifend. „Vergesset das Unrecht, das mein Oheim Euch
zugefügt hat --“
„Aber kommt Ihr denn nicht mit uns?“ fragte die junge Frau erstaunt.
„Ich kann nicht -- ich darf nicht!“ schluchzte Ellen. „Ich würde in
des Oheims Augen dadurch noch mehr als Verräterin dastehen, als dies
jetzt schon der Fall sein muß. Ich kam als Waise zu ihm, und er hat
in seiner Art gut an mir gehandelt; ich darf ihn in solcher Lage nicht
verlassen.“
„Vorwärts!“ drängte der Trapper, „wir dürfen keine Minute mehr
verlieren!“
Damit setzte er sich in Marsch; der Hauptmann, der den Esel führte,
folgte ihm schnellen Schrittes, ebenso der Doktor.
Paul Hover aber blieb, auf seine Büchse gestützt, ruhig stehen. Ellen,
die ihr Antlitz in den Händen verborgen hatte, gewahrte ihn erst, als
die anderen schon weit weit fort waren.
„Um Gotteswillen, Paul, warum fliehst du nicht?“ rief sie in Angst.
„Weil ich das Fliehen nicht gewohnt bin.“
„Mein Oheim wird gleich hier sein, und von dem hast du keine Gnade zu
erwarten.“
„Von seiner Nichte auch nicht, wie mir scheint. Mag er kommen und mir
den Schädel einschlagen.“
„O Paul, wenn du mich lieb hast, dann fliehe!“
„Allein? Nein, eher will ich --“
„Wenn du dein Leben liebst, fliehe!“
„Ohne dich ist mein Leben mir gleichgültig.“
„Paul!“
„Ellen!“
Sie streckte laut aufweinend die Hände nach ihm aus. Da packte er sie
um den Leib und riß sie, den anderen nacheilend, über die Prärie mit
sich fort.
Viertes Kapitel
Der Basilisk
Zwei Stunden waren vergangen, seit der Trapper mit seiner Gesellschaft
dem Felsenberg den Rücken gekehrt hatte. Auf weitem Umwege hatte er,
alle Deckungen des welligen Terrains mit kluger Sorgfalt benutzend, die
Flüchtlinge bis in die Nähe eines sumpfigen Gehölzes geführt; in kurzer
Entfernung von demselben machte Hektor, der, sich ab und zu umschauend,
seinem Herrn stets vorangeschritten war, plötzlich halt und setzte
sich, ein kurzes, klagendes Geheul ausstoßend, auf sein Hinterteil.
„Ja, Hundchen, ja,“ sagte der alte Jäger. „Ich kenne den Ort. Wir haben
beide Grund, die Stelle nicht zu vergessen.“
Er war neben Hektor stehengeblieben, um die anderen herankommen zu
lassen.
„In diesem Dickicht,“ rief er denselben zu, „können wir uns verbergen.
Eher wird sich die Prärie in einen Wald verwandeln, als es Ismael und
seinen Söhnen einfallen wird, uns hier aufzusuchen.“
„Das ist die Stätte, wo der erschlagene Mann gelegen hat,“ versetzte
der Hauptmann, mit innerlichem Grausen die Umgebung betrachtend.
„Ganz recht. Unser Freund Bienenjäger mag ins Gebüsch gehen und
nachsehen, ob der Leichnam bereits beseitigt ist oder nicht; ich
beruhige derweil die Hunde.“
„Was? Ich?“ rief Paul, in sein zottiges Lockenhaar greifend. „Das
sollte mir einfallen! Ich will im dünnsten Baumwollenzeug mitten in
einen weiserlosen Schwarm hineinspringen -- und ein Mann, der das tut,
fürchtet sich wahrhaftig auch vor Ismael und seinen ungeschlachten
Söhnen nicht -- aber mit Leichen und Totengebeinen will ich nichts zu
tun haben!“
Da trat der kleine Doktor hervor.
„Wenn hier eine Leistung erforderlich ist, zu der feste Nerven
gehören,“ sagte er ruhig, „so bin ich der Mann dazu.“
Der Trapper schaute ihn an.
„Könnt Ihr dem Tode ohne Beben ins Gesicht sehen?“ fragte er. „Oder
muß ich selber hingehen, auf die Gefahr hin, daß die Hunde ein Geheul
anstimmen, das uns verraten kann?“
„Ihr zweifelt?“ entgegnete der Gelehrte in stolzer Bescheidenheit.
„Ehrwürdiger Trapper, Ihr kennt mich noch lange nicht.“
Damit eilte er spornstreichs in das Dickicht. Es vergingen einige
Minuten, und schon begann der alte Jäger, der nur mit Mühe die Hunde
ruhig erhalten konnte, ungeduldig zu werden, als Doktor Battius eiligst
wieder zum Vorschein kam, dabei aber mit allen Zeichen einer großen
Erregung unausgesetzt hinter sich blickend.
„Irgend etwas hat ihn erschreckt,“ sagte der Trapper. „Nun, Freund, was
ist's?“