Morgens mit seinem Schwager am Fuße des Felskegels stand und mißmutig
in die hier sehr dürre und steinige Prärie hinausblickte. „Wenn wir
nicht elend verhungern wollen, müssen wir machen, daß wir bald wieder
fortkommen. Auch sonst haben wir beide Grund genug, die Gegend zu
erreichen, die wir uns als Ziel setzten.“
Abiram sah ihn aus seinen falschen Augen verständnisvoll an, enthielt
sich jedoch der Antwort, da jetzt einige der Söhne Ismaels herzutraten.
„Ich habe Ellen Wade, die da oben Ausguck hält, angerufen, ob sie etwas
sieht,“ bemerkte einer der jungen Männer, „aber sie tat, als hörte
sie mich gar nicht. Und doch scheint sie irgend etwas in der Ferne
aufmerksam zu betrachten.“
Der Vater schaute in die Höhe. Dort, hundert Fuß über der Ebene, auf
einem Felsstück unmittelbar am Abhange und dicht neben dem Zelte, saß
Ellen und lugte unbeweglich nach einer Richtung in die Ferne.
Plötzlich entfuhr ihm ein Ruf zornigen Schreckens, der blitzschnell nun
auch die Blicke aller übrigen nach dem Gipfel des Felskegels lenkte.
„Ha!“ rief Abiram, mehr erschrocken als zornig.
Die jungen Männer aber standen mit vor Erstaunen weit offenem Munde.
Denn neben Ellen war eine zweite Gestalt erschienen, die eines
jungen Weibes von wunderbarer Schönheit. Ein dunkles, schimmerndes
Seidengewand umflatterte ihre Glieder, und langes, rabenschwarzes
Lockenhaar wallte windbewegt um ihr Haupt.
Eine Weile standen die Männer in stummem Anschauen dieser Erscheinung,
dann aber nahm Asa, der älteste der Söhne, das Wort.
„Das also ist das Tier, das ihr angeblich zum Anlocken des Präriewildes
mitgenommen habt, und mit dem ihr immer so heimlich getan,“ sagte er
voll Hohn zu dem ihn scheu ansehenden Abiram, da er es vorzog, sich
nicht direkt an seinen Vater zu wenden. „Daß du es mit der Wahrheit
nie genau genommen hast, wußte ich längst, aber solch eine grobe
Lüge erwartete ich doch nicht. Die Zeitungen in Kentucky haben dich
hundertmal einen Sklavenhändler gescholten; sie ahnten jedoch sicher
nicht, daß du den Handel auch auf weiße Menschen ausdehntest.“
„Wen nennst du hier einen Sklavenhändler?“ fuhr Abiram erbost auf.
„Sieh dir deine eigene Familie an, mein Junge. Gar manchen Aufruf
habe ich an den Häusern und Bäumen angeschlagen gesehen, der eine gute
Belohnung denen verhieß, die deines Vaters, deiner Mutter, ja und auch
deinen Verbleib so nachweisen konnten, daß das Gericht euch zu fassen
imstande war! Reich könnte ich heute sein, wenn ich euch Sippschaft --“
Er redete nicht weiter, denn Asa versetzte ihm mit der verkehrten Hand
einen solchen Schlag auf den Mund, daß er fast zu Boden getaumelt wäre.
[Illustration]
„Du hast den Bruder deiner Mutter geschlagen, Asa!“ sagte der Vater
finster und streng.
„Den Verleumder unserer Familie habe ich gezüchtigt,“ entgegnete der
Sohn heftig, „einen Menschen, der verdiente, daß man ihm die giftige
Zunge herausschnitte!“
„Schweig, ich befehle es dir!“ herrschte der Squatter den Zornigen
an. „Du kennst mich, also kein Wort weiter. Auch du, Abiram, bist
ruhig. Du hast schlimme Dinge gegen mich und die Meinen ausgesprochen.
Wenn die Schergen des Gerichts ihre Zettel an die Blockhütten und an
die Baumstümpfe in den Lichtungen nagelten, dann geschah das nicht,
weil ich unehrliche Handlungen beging, sondern weil ich der Ansicht
war und heute noch bin, daß die Erde, der Wald und das Wild freies
Eigentum aller Menschen sind. Nein, Abiram, könnte ich meine Hände
ebenso leicht von dem reinigen, was ich auf dein Anstiften tat, wie von
meinen sonstigen Sünden, dann würde mein Schlaf ruhiger sein, und meine
Angehörigen brauchten sich meines Namens nicht zu schämen. Aber nun
Friede; machen wir das, was schlimm ist, nicht noch schlimmer.“
Der Streit hatte die Aufmerksamkeit der Männer von der wunderbaren
Erscheinung auf der Höhe des Berges abgelenkt; als man jetzt
hinaufblickte, war diese nicht mehr sichtbar. Asa, phlegmatisch wie
alle Leute von seiner gewaltigen Kraft und Körpergröße, beruhigte sich
sehr bald wieder. Nicht so Abiram; man sah es dem tückischen Ausdruck
seiner Augen an, daß er von jetzt an einen tödlichen Haß gegen seinen
Neffen mit sich herumtragen würde.
Ismael aber erstieg das Lager und begab sich in das Zelt, in welchem
er einige Zeit verweilte; als er wieder im Freien erschien, war sein
Antlitz erregt und finster.
Nach kurzer Rücksprache mit seiner Frau stieg er aufs neue zur Ebene
hinab, und bald darauf zog er mit seiner ganzen Schar fort zur Jagd;
denn die Mutter hatte ihm mitgeteilt, daß das Fleisch für die Kochtöpfe
auf die Neige ginge.
* * * * *
Um die Zeit, als die Emigranten ihre Felsenburg verließen, saßen etwa
in Kanonenschußweite von derselben zwei Männer in einer kleinen, von
einem Bache durchrieselten Bodensenkung, eifrig beschäftigt, eine
herzhafte Mahlzeit einzunehmen. Dieselbe bestand in dem saftigen
Fleische eines Büffelhöckers, der sachkundig von dem erlegten Wilde
abgelöst und zwischen erhitzten, mit Erde bedeckten Steinen, nach der
uralten Sitte der Wildnis, gar gemacht worden war. Die Schmausenden
waren der Trapper und der Bienenjäger. Letzterer lobte die Kochkunst
seines alten Gefährten mit wahrer Begeisterung, wobei er unermüdlich
mit vollen Backen kaute; der Trapper, der bald gesättigt war, hörte
lächelnd zu und versorgte dabei seinen treuen Hektor mit den weichsten
und leckersten Bissen. Auf ein leises, warnendes Knurren des klugen
Tieres blickte er um sich und gewahrte in einiger Entfernung einen
kleinen Mann, der frei, wenn auch mit zögernden Schritten, herankam.
Als Paul Hover den Fremden erspähte, stopfte er die saftigen
Fleischstücke mit verdoppeltem Eifer zwischen seine weißen Zähne, als
fürchte er, zu kurz zu kommen, wenn noch ein Dritter einen Anteil an
dem Büffelhöcker beanspruchen sollte. Dem Trapper schien jedoch das
Erscheinen des Unbekannten ganz willkommen zu sein.
„Nur näher, Freund,“ rief er demselben entgegen, „nur näher! Wenn der
Hunger Euch führte, dann seid Ihr an den rechten Ort gelangt. Fürchtet
Euch nicht, wir sind Christenmenschen und genießen mit Dank, was Gott
uns bescherte.“
„Ehrwürdiger Jäger,“ antwortete Obed Bat, der auf einer seiner
botanischen Exkursionen an diesen Ort gekommen war, „ich freue mich
dieser Begegnung, da ich Euch bereits, wenn auch nur dem Ansehen nach,
kennengelernt habe. Wir beide lieben die Natur und ihre wunderbaren
Erzeugnisse, wir sollten daher in Freundschaft verbunden sein.“
„Aha, Ihr seid der Doktor, von dem ich in Ismael Buschs Lager reden
hörte,“ entgegnete der Trapper. „Setzt Euch her und esset und dann sagt
uns, was Ismael unter dem weißen Zelte mit sich führt, das er so scharf
und bissig bewacht wie eine Bärin den Ort, wo ihr Junges schläft.“
„Habt Ihr davon auch gehört?“ versetzte der Doktor, den Bissen wieder
sinken lassend, den er eben mit lüsterner Miene zum Munde führen
wollte, während Paul mit anscheinend immer zunehmendem Appetit dem
Fleische zusprach.
„Nein, gehört habe ich nichts, aber gesehen habe ich das Zelt, und
weil ich nachschauen wollte, was sich darunter verbirgt, hat man mich
beinahe gebissen.“
„So, also gebissen!“ sagte der gespannt aufhorchende kleine Mann. „Dann
muß es also doch ein Raubtier sein. Ein Bär, ein _Ursus horridus_ ist's
nicht, dafür verhält es sich zu ruhig; ein Hund, ein _Canis latans_,
kann's auch nicht sein, denn den hätte seine Stimme längst verraten.
Andererseits aber kann doch Ellen Wade nicht mit einem Raubtier auf
so vertrautem Fuße stehen. Hm, zum Locken anderer Tiere bei der Jagd
haben sie's mitgenommen, wie sie sagen ... hm ... Verehrungswürdigster
Jäger, ich muß Euch offen gestehen, daß dieses rätselhafte Tier, das
tagsüber in einem Wagen und nachts in dem Zelte verwahrt wird, mir
bereits mehr Kopfzerbrechen verursacht hat als sämtliche Vierfüßler der
Naturgeschichte zusammen, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil ich
es noch nicht zu klassifizieren vermochte.“
„Ihr meint also, Ismael führe ein reißendes Tier unter jenem Zelte mit
sich herum?“ fragte der Trapper augenscheinlich belustigt.
„Ich meine nicht nur, ich weiß es genau,“ versicherte Doktor Battius
mit großem Ernste, „denn Ismael Busch selber hat es mir gesagt.“
Paul Hover lachte kauend laut auf. Der Trapper aber schüttelte
nachdenklich den Kopf.
„Dahinter steckt irgend ein Geheimnis,“ sagte er ruhig. „Ismael läßt
keinen Unberufenen dem Zelte nahekommen, ein Tier aber brauchte er
nicht so ängstlich zu verbergen. Ein Tier kann's auch gar nicht sein,
sonst hätte mein Hektor mir längst davon erzählt, denn seine Nase ist
noch so unfehlbar wie einst, in seinen jungen Jahren.“
„Bildet Ihr Euch ein, Euer Hund sei klüger als ein Mann von meinen
Kenntnissen?“ rief der Doktor halb unverständlich, da er den Mund voll
Büffelfleisch hatte. „Wie soll solch ein Köter zum Beispiel die Klasse,
Gattung, Art und Geschlecht eines Tieres feststellen? Wie kann er
wissen, was selbst studierten und gelehrten Leuten verborgen ist?“
„Wie er das wissen kann?“ lächelte der alte Trapper. „Gebt acht;
hört Ihr nicht ein Geräusch dort in dem Gesträuch am Bache? Seit fünf
Minuten schon raschelt und knackt es da. Was für ein Geschöpf mag sich
dort wohl regen?“
„Hoffentlich kein Raubtier!“ rief der Doktor erschrocken. „Ihr führt
Büchsen mit Euch, Freunde; macht sie schußfertig, denn auf meine kleine
Vogelflinte ist nur wenig Verlaß.“
„Die Büchsen können wir immerhin zur Hand nehmen,“ versetzte der Alte,
nach der seinen langend. „Hektor, mein Hundchen, wer kommt da? Sollen
wir die Kreatur stellen oder laufen lassen?“
Der Hund, der durch die Bewegungen seiner Ohren den erfahrenen Jäger
längst von dem Herankommen eines fremden Geschöpfes Kenntnis gegeben
hatte, erhob den Kopf, schnüffelte ein wenig, gähnte dann und streckte
sich ruhig wieder nieder.
„Es ist ein Mensch!“ rief der Trapper, „wenn ich mich noch auf meinen
Hektor verstehe.“
Jetzt sprang Paul Hover blitzschnell auf, und sein Gewehr anschlagend,
rief er mit drohender Stimme:
„Hervor da, Freund oder Feind!“
„Ein Freund bin ich, ein Weißer und ein Christ,“ kam die Antwort
aus dem Gebüsch, und im nächsten Augenblick trat ein Mann aus
demselben ins Freie. Ruhigen Schrittes kam er heran, forschend und
vorsichtig die drei Freunde mit seinen Blicken messend. Er war noch
jung; auf dem schwarzlockigen Haupte saß ihm keck eine Soldatenmütze
mit verblichener Goldquaste. Über einer blauen Uniform trug er ein
dunkelgrünes, gelb eingefaßtes Jagdhemd, dazu hirschlederne Hosen und
indianische Mokassins. In der rotseidenen Schärpe steckte ein langer
Dolch, am Leibriemen hingen zwei lederne Halfter mit Pistolen darin,
und ein schweres Soldatengewehr nebst Pulverhorn und Kugeltasche
vervollständigten seine Bewaffnung. Auf dem Rücken führte er einen
Tornister mit sich, gezeichnet mit dem Stempel der Vereinigten Staaten,
_U. S._ (_United States_), welche Buchstaben den Amerikanern den
scherzhaften Beinamen „Onkel Sam“ zugezogen haben.
„Ich komme als ein friedlicher Reisender,“ nahm der Fremdling das Wort,
als er bei den Dreien angelangt war und sich auf einen freundlichen
Wink des Trappers niedergelassen hatte, um gleichfalls dem leckeren
Mahle zuzusprechen. „Und da Ihr das Recht habt, zu erfahren, wem
Ihr Eure Gastfreundschaft zuteil werden lasset, so seht hier meine
Legitimation.“
Damit zog er aus einer inneren Brusttasche ein Pergament hervor und
reichte es dem alten Jäger.
„Ich kann nicht lesen, Freund,“ lehnte dieser lächelnd ab, „auch genügt
mir Euer Antlitz als Legitimation.“ „Gebt her,“ rief jetzt Doktor
Battius neugierig, „ich lese alles, und wenn es lateinisch wäre.“
Er nahm das Pergament und entfaltete es.
„Ei, ei,“ sagte er, „was haben wir denn hier? Ei, Mann, das ist
ja die Unterschrift des Präsidenten Jefferson, gegengezeichnet vom
Kriegsminister! Hm! Das ist nichts mehr und nichts weniger als eine
Bestallung für den Hauptmann der Artillerie Duncan Unkas Middleton.“
„Was sagtet Ihr da?“ fragte lebhaft der Trapper, der bis jetzt noch
keinen Blick von den Zügen des jungen Fremden verwendet hatte. „Wie ist
der Name? Nennt ihn noch einmal! War's nicht Unkas? Wie? Unkas sagtet
Ihr?“
„Unkas ist mein Name,“ sagte der junge Mann nicht ohne einen Anflug
von Stolz. „Ich und ein Onkel von mir tragen ihn zum Gedächtnis eines
indianischen Häuptlings und eines großen Dienstes, den ein wackerer
Krieger in den alten Kämpfen der Provinzen meiner Familie erwiesen.“
„Unkas! Sagtet Ihr Unkas?“ wiederholte der Trapper, sich schnell
erhebend und dem gleichfalls aufstehenden Gaste das dunkle Lockenhaar
mit bebender Hand aus der Stirn streichend. „Meine Augen sind alt und
nicht mehr so scharf wie damals, als ich selber noch ein Krieger war
... aber ich erkenne doch noch die Züge des Vaters in denen des Sohnes.
Ich erkannte das Antlitz sogleich, als Ihr aus dem Gebüsch kamt, aber
ich wußte nicht, wo ich die Ähnlichkeit früher gesehen. Sagt mir,
Knabe, welchen Namen trägt Euer Vater?“
„Mein Vater führte denselben Namen wie ich; er focht als Offizier im
Revolutionskriege; meiner Mutter Bruder hieß Duncan Unkas Heyward.“
„Wieder ein Unkas! Wieder ein Unkas!“ rief der Trapper in zitternder
Erregung. „Und dessen Vater?“
„Hieß ebenso, allerdings ohne den Namen des indianischen Häuptlings.
Er war es und meine Großmutter, denen jener große Dienst, den ich
erwähnte, erwiesen wurde.“
„Ich wußte es! Oh, ich wußte es!“ jubelte der alte Mann mit beinahe
versagender Stimme, während eine tiefe Bewegung in seinen sonst so
starren Zügen arbeitete. „Oh, ich wußte es! Ob Sohn oder Enkel, es ist
gleich; das Blut, die Art lassen sich nicht verbergen! Sagt mir, Knabe
-- der, den sie allein Duncan Heyward nennen, lebt der noch?“
Der junge Mann schüttelte traurig den Kopf.
„Er starb hochbetagt und hochgeehrt,“ antwortete er.
„Hochbetagt,“ murmelte der Trapper, auf seine mageren Hände
niederschauend. „Ja, hochbetagt. Aber Ihr habt ihn oft gesehen, Knabe,
nicht wahr? Und auch wohl gehört, wenn er von Unkas und von der Wildnis
redete?“
„Gar oft hat er mir davon erzählt,“ nickte der junge Mann, der nicht
wußte, wo der Trapper mit seinen Fragen hinauswollte.
Die Augen des Alten glänzten seltsam. „Kommt,“ drängte er, „setzt Euch
hier neben mich und laßt mich wissen, was Euer Großvater gesagt hat,
wenn er sich an jene Tage im Urwalde erinnerte.“
Lächelnd folgte der andere dieser Aufforderung, während Paul sich ohne
weiteres an seiner freien Seite niederließ.
„Tut dem Trapper immerhin den Gefallen, Fremder,“ sagte der
Bienenjäger, „alte Leute hören gern von alten Zeiten plaudern, und ich
kann wohl sagen, daß auch ich selber Wohlgefallen daran finde.“
„Wenn ich alles berichten wollte, würde Euch die Zeit lang werden,“
versetzte Middleton, „auch ist die Geschichte reich an Blutvergießen
und all den anderen Schrecken indianischer Kriegführung.“
„An so etwas sind wir in Kentucky gewöhnt,“ meinte Paul, „außerdem
machen ein paar Skalpierungen eine Geschichte nur noch interessanter.“
„Aber er erzählte Euch doch von Unkas, nicht wahr?“ fing der Trapper
wieder an. „Und wie dachte und redete er über den Knaben, daheim in
seinem reichen, vornehmen Hause und umgeben von allen Bequemlichkeiten
der Kolonien?“
„Er sprach, denke ich mir, genau so, wie er gesprochen haben würde,
hätte er seinem Freunde Auge in Auge gegenüber gestanden.“
„Was? Nannte er den Wilden seinen Freund? Den armen, nackten, bemalten
Krieger des Waldes nannte er seinen Freund? Er war nicht zu stolz, den
heidnischen Indianer seinen Freund zu nennen?“
„Nein, im Gegenteil, er rühmte sich mit Stolz dieser Freundschaft. Ich
sagte Euch ja bereits, daß er seinem Erstgeborenen den Namen dieses
Freundes gab und dabei den Wunsch äußerte, daß der Name wie ein Erbteil
für alle Zeit in der Familie bleiben möge.“
„Das war recht gehandelt,“ nickte der Greis in freudiger Rührung, „das
war eines Mannes und eines Christen würdig. Er pflegte den Delawaren
wegen seiner Schnelligkeit zu bewundern -- sprach er auch davon?“
„Gewiß; er nannte ihn oft den ‚Flinken Hirsch‛, _Le Cerf Agile_; das
war ein Beiname, der dem Häuptling gegeben war.“
„Richtig. Und kühn und furchtlos war er, nicht, Knabe?“ fuhr der
Trapper fort, ganz glückselig darüber, hier das Lob dessen zu hören,
den er in vergangener Zeit allem Anschein nach herzlich geliebt hatte.
„Kühn und großherzig, tapfer und ohne Furcht,“ bestätigte Middleton.
„Wenn mein Großvater Muster echten Heldenmutes und wahrer Mannestreue
anführen wollte, dann nannte er stets den Häuptling Unkas und dessen
Vater, einen edeln Krieger, dem wegen seiner Weisheit der Beiname ‚die
Große Schlange‛ verliehen worden war.“
„Damit ließ er ihnen nur Gerechtigkeit widerfahren,“ rief der Greis.
„Doch war das alles, Knabe? Wußte Euer Großvater nicht noch mehr zu
berichten?“
„Doch. Die Erzählungen, bei denen auch meine gute Großmutter --“
„Ha,“ unterbrach ihn der Trapper, dessen Antlitz unter einer neuen
Erinnerung förmlich strahlte, „ich weiß, sie hieß Alice! Wie deutlich
sehe ich das schöne Kind vor mir! Ihr blondes, lichtes Haar schimmerte
wie Gold, ihr Auge war blau wie der Himmel, und ihre Haut so rein wie
der Winterschnee auf der Prärie! Hab' ich nicht recht?“
Der junge Offizier zuckte lächelnd die Achseln; als junges Mädchen
hatte er seine Großmutter freilich nicht mehr gekannt.
„Die Gefahren und Abenteuer, die sie auf jenen Fahrten durch die
Urwälder zu überstehen gehabt,“ so fuhr er fort, „hatten sich ihrem
Gedächtnis unauslöschlich eingeprägt, ebenso die Gestalten der Freunde,
die sie begleitet und beschützt hatten.“
Der Trapper wendete das Gesicht zur Seite, als kämpfe er mit seinen
Empfindungen; nach einer kleinen Weile richtete er seine ehrlichen
Augen wieder auf den jungen Gast.
„Diese Freunde, Knabe -- sagt, waren das alles nur Rothäute? Waren
Duncan Heyward und die Tochter Munros die einzigen Weißen bei dem Zug
durch den Urwald?“ fragte er.
„Nein, ein weißer Jäger, der zu den Delawaren gehörte, befand sich noch
bei ihnen, ein Kundschafter der englischen Armee.“
„Aha, wahrscheinlich einer von jenen betrunkenen Taugenichtsen und
Vagabunden, die sich so zahlreich in den Indianerdörfern herumtrieben
und ihrer Farbe zur Schande gereichten,“ bemerkte der Alte, die Züge
des Offiziers dabei lauernd beobachtend.
„Alter Mann,“ entgegnete dieser sehr ernst, „Eure weißen Haare sollten
Euch wahrlich von solchen übeln Nachreden abhalten! Es gibt nicht
viel Menschen auf der Erde, die an innerem Wert mit jenem Jäger sich
messen dürfen. Im Gegensatz zu dem Grenzergesindel, das Ihr erwähntet,
vereinigte er in sich alle Vorzüge der weißen wie der roten Rasse.
Sein Gemüt war rein wie das eines Kindes, dabei stand er an Mut und
Tapferkeit seinen indianischen Gefährten nicht nach und war ihnen an
Kriegserfahrung sogar weit überlegen. Mein Großvater bedauerte stets,
daß die Tugenden und edeln Charaktereigenschaften dieses Mannes bei der
Lebensweise desselben so wenig Beachtung finden konnten; in anderer
Stellung hätte er der Mitwelt sicher von großem Nutzen sein können,
denn er war einer der besten Männer seiner Zeit.“
[Illustration]
Während dieser Rede des jungen Mannes hatten die Augen des Trappers
sich zu Boden gesenkt. Wie abwesend spielten seine Finger mit den Ohren
des Hundes, auch ließ er zwecklos mehrmals das Schloß seiner Büchse
schnappen.
„Euer Großvater hatte also den weißen Jäger doch nicht ganz vergessen?“
kam es endlich heiser über seine Lippen.
„So wenig hatte er ihn vergessen, daß heute bereits drei seiner
Nachkommen auf den Namen des Kundschafters getauft sind.“
„Was? Auf den Namen des armen, ungebildeten Jägers? Die Reichen,
die Großen, die Leute in Amt und Ehren und, was noch besser ist, die
Gerechten und die Guten führen seinen wirklichen, richtigen Namen?“
„Mein Bruder und zwei meiner Vettern sind stolz darauf, sich nach jenem
edeln Manne nennen zu dürfen.“
„Wirklich und wahrhaftig mit dem richtigen Namen, der mit einem N
anfängt und mit einem L aufhört?“
„Mit demselben Namen,“ bestätigte der junge Mann lächelnd. „Nein,
mein Freund, nicht das Geringste ist vergessen, das dem Gedächtnis des
Trefflichen dienen kann. Sogar mein Jagdhund, der gegenwärtig hinter
einem Stück Wild streift, stammt von einem Tier ab, das Nathaniel
Bumppo einst meinem Großvater als Andenken aus der Ferne sendete, und
einen besseren und zuverlässigeren Hund gibt's nicht in den ganzen
Vereinigten Staaten.“
„Hektor,“ sagte der Alte mit vor Bewegung erstickter Stimme, „Hektor,
mein Hundchen, hast du das gehört? Dein Fleisch und Blut ist in der
Prärie!“
Er vermochte nicht länger an sich zu halten.
„Knabe,“ rief er, „jener Jäger, jener Kundschafter, bin ich! Ich bin
Nathaniel Bumppo! Ein Krieger einst, jetzt ein elender Fallensteller!“
Und aus Quellen, die längst versiegt geschienen, brachen heiße Tränen
hervor und strömten unaufhaltsam über seine welken Wangen. Er verbarg
das Antlitz auf den Knien und schluchzte laut.
Erstaunt, tief gerührt und voll Ehrfurcht blickten die drei anderen auf
ihn. Lange vermochte keiner ein Wort hervorzubringen.
„Es kann kein Zweifel obwalten,“ begann endlich der junge Offizier,
der sich nicht schämte, die Zeichen seiner Ergriffenheit aus den
Augen zu wischen, „er ist es, sonst könnte er mit den Einzelheiten
der Geschichte nicht so vertraut sein, die fast nur in meinem
Verwandtenkreise bekannt ist.“
„Was der sagt, das ist so wahr wie das Evangelium!“ rief Paul Hover
heftig, mit dem Ärmel über sein Gesicht fahrend. „Darauf will ich
jederzeit meinen heiligen Eid leisten, wenn Ihr's verlangt!“
„Und wir hatten immer gemeint, daß er längst nicht mehr unter den
Lebenden sei,“ fuhr der Offizier fort. „Mein Großvater starb in hohem
Alter, und der war der Jüngere von beiden.“
Inzwischen hatte der Trapper seine Fassung wiedergewonnen.
„Daß ich noch auf Erden lebe, junger Mann,“ sagte er ernst, „ist der
Wille des Herrn; achtzig Jahre und darüber hat er nach seinem weisen
Ratschluß mich alt werden lassen. Daß ich der Mann bin, der ich sagte,
das könnt Ihr mir glauben; warum sollte ich mit einer Lüge meine Tage
beschließen?“
„Ich zweifle keinen Augenblick daran, ich bin nur voll vor Erstaunen
über diese wunderbare Fügung. Aber sagt mir, ehrwürdiger und teurer
Freund meiner Vorfahren, warum finde ich Euch hier in dieser Wüste,
fern von den Bequemlichkeiten und der sicheren Ruhe der Zivilisation?“
„Ich kam hierher, um dem Klange der Axt zu entfliehen; dieser Prärie
bleibt der Holzfäller fern. Aber laßt mich an Euch dieselbe Frage
richten. Gehört Ihr zu dem Kommando, das die Regierung abschickte, die
neu erworbenen Ländereien zu besichtigen?“
„Nein, meine Reise hat einen privaten Zweck.“
„Wenn ein Mann, dessen Augen und Körperkräfte zur Ausübung der Jagd
nicht mehr hinreichen, mit Fallen und Schlingen in der Nähe der
Biberteiche gefunden wird, so ist das nichts Seltsames; verwunderlich
aber ist es, wenn ein Hauptmann der Artillerie die Prärie durchstreift,
ohne auch nur einen von seinen Untergebenen bei sich zu haben.“
„Ihr werdet meine Gründe hierzu billigen, sobald Ihr sie kennengelernt
habt; ich gedenke sie Euch darzulegen, vorausgesetzt, daß Ihr sie
wissen wollt. Ich täusche mich wohl nicht, wenn ich alle, die ich hier
um mich sehe, für wackere Männer halte, die einem Hilfsbedürftigen gern
mit Rat und Tat beistehen werden.“
„Laßt uns hören, wie wir Euch dienen können,“ antwortete der Trapper;
Paul und der Doktor gaben ihre Zustimmung zu erkennen und lagerten sich
bequem zurecht, den Neuigkeiten in aller Ruhe zu lauschen.
Drittes Kapitel
Die Erstürmung der Felsenburg