Morgenstunde am Ganges! Da gerade Hindufeiertag ist, sind die hohen

Backsteinhäuser mit bunten Papierfähnchen, Blumen und Girlanden

geschmückt, und vor den kleinen Kaufständen sind auf den Fußsteigen

Scharen kleiner buntbemalter Götterbilder aufgestellt. Gelb schimmert

der Himmel im Osten zwischen den hohen Platanen- und Feigenbäumen

hindurch, als ich vom Hotel aus den Park der Sanskrit-Hochschule

passiere. Eine bunte Menge belebt schon die Straßen, die an den

heiligen Fluß führen. Frauen, in bunte Gewänder gehüllt, den Kopf

mit goldgestickten Schals umhüllt und schwere silberne Ketten und

Spangen um Hand- und Fußgelenk, eilen stolz vorüber. Pilger in

verschiedenfarbigen Gewändern, die mit Abzeichen Schiwas und Wischnus

bemalt sind, Bettler, nur mit einem Lendenschurz bekleidet, unermüdlich

die Opferschale den Vorübergehenden hinreichend, lenken den Blick auf

sich. Dicke Bengalis mit Sonnenschirmen, hin und wieder sogar ein

buddhistischer Priester in gelbem Gewande wandeln einher; und inmitten

der Menge schreit und lacht die Jugend, die kleinen Hinduknaben und

-mädchen, die den Europäer fragend mit ihren großen, dunklen Augen

anstarren. Heilige, mit gelben Blumen bekränzte Zebus wandeln einher

oder liegen auf den Fußsteigen.

Silberhell liegt das Licht der aufgehenden Sonne auf den Fluten des

großen Stromes. Mein Boy bahnt mir den Weg durch die Menge, als wir

die große Treppe des Dasasamedh Ghat hinabsteigen. Um mich flutet das

indische Leben, so bunt, daß ich die vielen Eindrücke gar nicht alle

so schnell aufnehmen kann. Und während ich noch fast hilflos suchend

am Strande stehe, den Blick über das Gewirr von Tempeln und Treppen

schweifen lasse und versuche, in dem sinnverwirrenden, fast unmöglichen

Farbenbilde, das sich meinem Auge bietet, einen Ruhepunkt zu finden,

hat mein Boy ein Boot herangeholt, und ehe ich mich versehe, liege ich

bereits in einem bequemen Korbsessel auf Deck und werde am Strande

entlang gerudert.

Bilder, eines seltsamer als das andere, ziehen vorüber. Unzählige

Tempeltürme – kleine Fähnchen auf den vergoldeten Spitzen –

unterbrechen malerisch das Bild der großen Freitreppen und Paläste, die

teilweise infolge Unterspülung des Flusses abgesunken sind.

Tausende und aber Tausende – Männer, Frauen und Kinder – sind hier

am Ufer, beleben die großen Freitreppen, sitzen auf den abgesunkenen

Palästen und Tempeln, sonnen sich, baden oder hören den Brahmanen zu,

die unter großen Bastschirmen sitzen und Opfergelder entgegennehmen.

Fakire hocken auf den Steinplatten; einer blickt unverwandt in die

Sonne, ein anderer, mit Asche beschmiert und mit langem schwarzen

Lockenhaar leistet einem Brahmanen Gesellschaft. Hier steigt ein

bildhübsches Mädchen, nur mit dünnem weißen Schal bekleidet, die

Stufen hinab ans Wasser, stellt ihren Bronzenapf auf das Gesims eines

abgesunkenen Tempels, geht ins Wasser, bis es ihr an die Schultern

reicht, hebt die Hände an die Stirn, blickt gegen die Sonne und murmelt

andächtig ein Gebet. Ein altes Mütterchen mit grauem, kurzgeschnittenen

Haar gießt aus einer Bronzeschüssel Wasser über Kopf und Schulter.

Langsam treiben wir von Ghat zu Ghat. Auch die Leichenverbrenner sind

an der Arbeit. Gerade wird ein in weiße Leinentücher gehüllter Leichnam

auf den Scheiterhaufen gelegt; es dauert nur Minuten, und alles ist in

Flammen und Rauch gehüllt.

Götterbilder, mit Blumen bekränzt, umlagert von Scharen andächtiger

Pilger, heilige Kühe, die auch hier am Strande umherwandeln,

vervollständigen das bunte Bild.

Malerisch liegt der kleine nepalesische Tempel halb versteckt

unter Tamarinden- und Feigenbäumen. Wir legen hier an, gehen die

großen Freitreppen hinauf und lassen uns vom Priester die seltsamen

Schnitzereien am Tempelsims erklären. Herrlich ist der Blick von hier

aus über den Fluß und das bunte Leben, das sich am Strande abspielt.

Nachmittags gehen wir nach dem Heiligsten, was Benares hat, nach dem

goldenen Tempel. Er liegt inmitten vieler Häuser und enger Gassen

versteckt, und nur durch enge, korridorähnliche Zugänge kann man zu

ihm gelangen. Je mehr wir uns der heiligen Stätte nähern, um so lauter

wird das Stimmengewirr, das an unser Ohr dringt. Dumpf klingen Trommeln

und Gongs. Bettler und Bettlerinnen, zerlumpt und aussätzig, kauern am

Wege, halten unter beständigem Murmeln ihre messingnen Bettelschalen

hin und bitten um eine Gabe. Immer lauter wird das Stimmengewirr,

immer dichter das Gedränge. Ein großes, blumenbekränztes Zebu zwängt

sich langsam durch den engen Gang, und auch wir müssen dem heiligen

Tiere Platz machen. Die Luft ist dumpf, schwül, mit Feuchtigkeit

gesättigt; ein Geruch von Schweiß und verfaulten Blumen verfolgt uns

auf Schritt und Tritt.

Ein von Säulen getragener Pavillon fesselt zuerst unseren Blick. Immer

sinnverwirrender wird das Bild! Ziegelrot bemalte Götterbilder werden

mit gelben Blumenkränzen geschmückt, mit Reis beworfen und mit Wasser

besprengt; hastig eilen die Menschen hin und her. Tempeltrommeln rollen

dumpf, und dazwischen mischt sich der Klang einer hellen Glocke. Man

weiß nicht, wohin man den Blick wenden soll. Man sucht vergebens nach

einem Platz, wo das Auge ausruhen kann.

Hier werden in einer Küche für die Götter die Speisen gekocht, dort

eilen weißgekleidete Tempeldienerinnen, die Götter zu bekränzen und zu

besprengen. Eine von ihnen liegt auf den Marmorfliesen; sie wendet mir

ihr feingeschnittenes Gesicht zu, das von glatt gescheiteltem schwarzen

Haar eingefaßt ist, steht auf und huscht an mir vorüber. Ein paar

Sekunden lang blickt sie mich aus ihren träumerischen, unergründlich

tiefen Augen fragend an, dann aber ist sie schon wieder fort, um ein

anderes Götterbild mit Weihwasser zu besprengen.

Und so löst in Sekunden ein Bild das andere ab, und man steht

vollkommen hilflos inmitten des Getriebes und findet sich nicht

zurecht. Man möchte die Seele dieser Menschen ergründen, den Schleier

der Mystik zerreißen, der über allem liegt, und möchte wissen, was der

tiefere Sinn all dieser Riten und Gebräuche ist. Aber um in die Seele

des Hinduismus einzudringen, bedarf es eines lebenslangen Studiums, und

ob wir Europäer überhaupt bis zu den Tiefen der indischen Philosophie

vordringen können, ist mir noch zweifelhaft.

Von einem Priester werden wir in das Heiligste geführt. Von einer

kleinen Nische aus dürfen wir dem buntesten, sinnverwirrendsten Treiben

zuschauen, das sich in dem Innenhof des Tempels abspielt. Betäubt

wird man von dem Geruch der stickigen Luft und dem Stimmengewirr. Man

schließt unwillkürlich sekundenlang die Augen, fühlt die Schläfen

hämmern und kann es gar nicht fassen, daß alles Wirklichkeit ist.

Die fast nackten Menschen drängen sich um den heiligen Brunnen der

Weisheit, aus dem ein Brahmane in silberner Schale Wasser schöpft und

zum Trinken reicht. Immer wieder empfinde ich, wie vollkommen hilflos

ich hier bin; es ist mir alles so phantastisch, so unergründlich,

so unverständlich, und doch reizt es mich immer wieder, dem Treiben

zuzuschauen. Wir besuchen dann den Affentempel, der sich in einem

großen Teiche spiegelt. Pilger eilen hin und her, einige sitzen im

Innern des Tempels vor dem furchtbaren Bilde der blumenbekränzten

Göttin Durga; andere verfolgen auch hier einen auf Schritt und Tritt

und betteln. Auf dem Boden sieht man noch das Blut der geopferten

Ziege, das von räudigen Hunden aufgeleckt wird. Ein Priester führt

uns die Stiegen hinan auf einen Altan, von dem aus wir den See zu

unseren Füßen liegen sehen. Eine Schar Affen kommt in großen Sätzen

angesprungen; sie sind ganz zahm und lassen sich füttern. Auch sie sind

heilig, und wehe dem, der ihnen etwas zuleide tut!

Ungefähr eine Stunde von Benares entfernt liegt Sarnath, jene

denkwürdige Stätte, wo Buddha im großen Gazellenpark seine ersten

Predigten hielt. Ein großer Stupa – ein turmartiger Reliquienschrein

– und die Überreste eines Klosters erzählen uns noch von dem Leben,

das einst hier herrschte. Jetzt liegt tiefes Schweigen über dieser

ehrwürdigen Stätte; selten sieht man einen Menschen. Neben dem alten

Stupa reckt ein kleiner Jaina-Tempel seinen spitzen Turm in die blaue

Luft, und ein paar Inder und Inderinnen in leuchtend bunten Gewändern

schreiten langsam seinem Eingange zu. Als die Sonne sich dem Horizonte

zuneigt, müssen wir zurück nach Benares. Noch einmal werfe ich einen

Blick nach der Stätte, wo Buddha weilte, und sehe das gelbe Gewand

eines buddhistischen Priesters, der hier seinen Wohnsitz aufgeschlagen

hat, aus dem Grün seines Gärtchens hervorschimmern. Friede, unendlicher

Friede liegt über dem Land, und man hat das Gefühl, daß es hier nie

anders gewesen ist!

Dunkler wird es und dunkler, und als wir uns Benares nähern, sehen wir

am Straßenrande kleine Öllampen brennen, und auch an den Wurzeln der

hohen Bäume flackern die Lichter. Auch die kleinen Schreine am Wege

sind von brennenden Kerzen erhellt. Selbst aus dem Geäst der Bäume

schimmert der trübe Lichtschein flackernder Öllampen in die tropische

Sternennacht hinaus. Auch die Häuser sind illuminiert; auf dem

Dachfirst und vor den Fenstern brennen Lichter, ist doch Hindu-Feiertag!

Abends saß ich noch bis in die Nacht hinein auf der Terrasse des

Hotels. Da kam es mir vor, als ob der Duft der Blumen von Stunde zu

Stunde stärker wurde und sich immer betäubender auf uns legte. Große

Nachtfalter umflatterten die Lampen, und die Grillen sangen ihr

eintöniges Lied.

Und dann ging es Kalkutta zu. Es war eine der schwülsten Nächte, die

ich je erlebt habe. Die Feuchtigkeit der Luft steigerte sich von

Stunde zu Stunde, und ich war froh, als ich endlich das dumpfige

Bahnabteil verlassen konnte. Von Kalkutta hatte ich nicht viel. Die

letzten Reisevorbereitungen ließen mich nicht zur Ruhe kommen, und die

feuchte, heiße Luft machte gleichgültig gegen alles. Trotz der ständig

rotierenden elektrischen Fächer war es im Zimmer kaum auszuhalten.

Ich besuchte den großen Jaina-Tempel, der, was überladene Skulpturen,

bunte Marmorhallen, seltsame Gartenanlagen anbetrifft, wohl kaum

übertroffen werden kann. Eines Abends ließ ich mich durch den

Botanischen Garten fahren, der mich aber enttäuschte. Als die Sonne

rotgelb im Westen versank, fuhren wir in die Stadt zurück. Eine große

Menschenmenge flutete in den Straßen, und noch einmal erhielt ich ein

Bild vom großen, bunten Indien.

Dann wurden die letzten Reisevorbereitungen getroffen, noch wichtige

Einkäufe gemacht und das große Gepäck nach dem Kidderpore-Dock

geschafft.

XVII

HEIMWÄRTS

Am Morgen des 1. November 1924 fuhr die »Merkara« von Kalkutta ab. Eine

Dampfbarkasse brachte uns ans Schiff. Der Himmel war bewölkt, aber

es war schwül, feucht und drückend, wie bei uns vor einem schweren

Gewitter. Langsam glitten wir aus dem Hafen heraus und ließen die Stadt

hinter uns. Immer aber behielten wir das Ufer im Auge; fuhren manchmal

ganz nahe heran und sahen die schilfgedeckten Hütten der Eingeborenen

wie Pfahldorfhäuser unter den hohen Palmen träumen. Und dann ging es

hinaus auf das Meer, das uns blaugrün entgegenschimmerte. Langsam

entschwand die Küste unseren Blicken, und erst nach zwei Tagen sahen

wir wieder Land, als wir nach Madras kamen. Ein furchtbares Wetter

hielt uns hier zwei Tage fest. Ich ging mit einem Herrn an Land; wir

nahmen uns einen Wagen und fuhren auf der Strandpromenade, der Marina,

der Stadt zu. Hier war es drückend schwül, und man ahnte das kommende

Wetter. In einem Hotelgarten nahmen wir unser Mittagessen ein, aßen nur

wenig, waren zu schlaff, um nur die Gabel an den Mund zu führen. Schon

morgens, als wir am Strande entlang fuhren, hatten wir eine Wolkenwand

am Meere aufziehen sehen. Am Strande lief ein Trupp halbnackter

schwarzer Eingeborener zu einem Boot, das durch die Brandung ans Ufer

wollte. Ich wurde lebhaft an ein Bild erinnert, das ich als Schulbube

einst in einem illustrierten Robinson-Krusoe-Buch gesehen hatte. Der

schneeweiße Strand flimmerte im hellen Sonnenlicht, und der Gischt

der sich überstürzenden Wogen glitzerte wie Tausende von Diamanten.

Am Spätnachmittag brach der Sturm los. Der Regen klatschte hernieder,

der Wind heulte und die Temperatur sank von Grad zu Grad. Das dicke

Ankertau, mit dem unser Schiff befestigt war, riß mitten durch, so daß

wir in der Reede ankern mußten. Die Wellen wurden von Stunde zu Stunde

höher, und das Schiff schlingerte hin und her. Wie eine Nußschale

schaukelte der kleine Lotsendampfer inmitten der hohen Wellen. Stets

war es mit großen Schwierigkeiten verbunden, die Schiffstaue um die

Bojen zu legen, die in den Wogen auf und ab tanzten. Um die Arbeit

bewältigen zu können, mußte ein Inder von einem großen Boot aus auf die

Boje springen, ein Kunststück, das ihm jedesmal glänzend gelang. Als

am folgenden Tage sich der Sturm gelegt hatte, fuhren wir weiter nach

Ceylon.

Nie werde ich den Morgen vergessen, als die ersten Berge dieser

paradiesischen Insel am Horizonte auftauchten. Blauschwarz, mit

einem Stich ins Grünliche, schillerte das Meer, und in weichen, lila

Tönen schwebten die Berge über der weiten Wasserfläche. Man konnte

glauben, es sei eine Fata Morgana. Um die hohen, in bläulichen

Farben schimmernden Berge der Insel, unter denen der Adamspik

besonders hervortrat, hingen einige weiße Wolken, auf die die Sonne

herniederschien. Am weißen Strande ziehen sich die Kokospalmenwälder

hin, und die hohen Wipfel neigen sich im Winde. Schon von ferne sehen

wir die Einfahrt in die Reede von Kolombo; kleine Auslegerboote,

Einbäume, fahren an uns vorbei, und wir können mit dem Fernglase

verschiedene Dampfer erkennen, die dem Hafen zusteuern oder in See

stechen. Eine große Dreimasterbark wird von einem kleinen Dampfer

herausgeschleppt.

Es waren nur Stunden, die ich auf der Insel zubringen durfte, aber

Stunden, die mir stets unvergeßlich bleiben werden. Noch sehe ich die

hohen Palmenalleen vor mir, noch glaube ich, wenn abends alles still

ist, das Rauschen der Brandung bei Mount Lavinia zu hören! Die roten

Straßen, das vielfarbige saftige Grün der Wälder, das blaue Meer und

der helle Himmel haben sich zu einem Bilde verdichtet, das immer

wieder vor meine Augen tritt. Und Friede und Ruhe herrschen hier. Wie

kleine Schlösser liegen die Bungalows der Engländer in schönen Gärten,

und die Hütten der Eingeborenen schmiegen sich an die hohen Palmen.

Am Straßenrande saßen Gaukler und Schlangenbändiger, die nach dem

Klange einer Flöte ihre Kobras tanzen ließen. Kolombo hat auch viele

schöne, im europäischen Stil erbaute Häuser und prächtige Läden. Auf

den Straßen herrscht ein lebhafter Verkehr; ab und zu sieht man noch

Rikschas; sonst aber triumphiert auch hier das Auto.

Am anderen Morgen, in aller Frühe, als die Sonne ihre ersten Strahlen

über das Eiland ausgoß, fuhren wir aus der Reede heraus. Langsam

verschwanden die Palmenwälder und die Häuser, und bald schauten nur

ein paar hellblaue Berge noch über das blaugrüne Meer. Lange stand ich

an der Reeling, blickte hinüber nach Osten, wo Ceylons Gipfel langsam

unter den Horizont tauchten, und nahm Abschied von Indien. Es wurde

mir sehr schwer. Viele glückliche Tage, Wochen, ja Monate hatte mir

Indien geschenkt. Jetzt ging es Europa zu. Es war mir, als ob ich

mit dem Abschied von Indien auch Abschied von der Sonne nahm. Jetzt,

wo ich diese Zeilen schreibe, bin ich erst wieder ein halbes Jahr in

der Heimat, und schon drängt es mich wieder hinaus; die Stille der

asiatischen Berge und die Märchenpracht Indiens rufen mich. Das Heimweh

nach dem großen Asien hat mich bereits gepackt, und im stillen arbeite

ich an neuen Reiseplänen. Ein großer Schmetterling begleitete unser

Schiff zwei Tage lang, es war der letzte Gruß, den Indien uns sandte.

Die Fahrt ging über den Indischen Ozean. Die See war so glatt wie ein

Spiegel und vom reinsten Hellblau. Oft konnten wir fliegende Fische

sehen; ich hatte nie geglaubt, daß sie so große Strecken über Wasser

fliegen könnten. Mit einigen Engländern hatte ich mich sehr gut

angefreundet, und wir vertrieben uns die Zeit mit Spielen aller Art.

Schön war’s, wenn man in seinem Liegestuhl an Bord lag, ein schönes

Buch las oder auf das blaue Meer hinausblickte. Ich habe mich oft über

mich selbst gewundert; stundenlang konnte man untätig sitzen und vor

sich hinträumen oder neue Pläne schmieden. Der große, weite, unendliche

Ozean löst dieselben Wirkungen aus wie die flackernden Lagerfeuer,

vor denen man auch stundenlang sitzen und in die Glut und züngelnden

Flammen starren konnte.

Mir vergingen die Tage fast zu schnell; Tage der Ruhe und Erholung im

wahrsten Sinne des Wortes. Wenn abends die Sonne sich dem Horizonte

zuneigte und der Himmel in rotgelben Farben aufflammte, dann holte

ich wohl meinen Malkasten und versuchte, die Bilder auf dem Papier

festzuhalten. Aber es war nicht ganz leicht, da die Farben zu schnell

wechselten. Violett, Orange und ein leuchtendes Rosa walteten vor und

spielten ineinander. Der Himmel hatte manchmal eine hellgrüne Färbung;

die Wolken formten sich zu seltsamen Bildern. Wenn man an der Reeling

stand und in die leuchtenden Wolken blickte, dann glaubte man manchmal

ein zweites grünblaues Meer zu sehen, in dem goldene Inseln und

Eilande schwammen. Man erkannte Berggipfel, Seen, Meeresbuchten und

Ebenen. Dann schien es einem, als ob auch dort die Sonne untergehe,

denn langsam krochen auch über sie dunkle Schatten, und nur die

höchsten Gipfel strahlten ein purpurnes Rosa aus. Es war wie ein Gruß

aus einer besseren Welt; und erst wenn man wieder auf das wogende

Meer sah, bemerkte man die Täuschung. Nach dem Abendessen lag man

wieder – die Herren im Smoking, die Damen in großer Toilette – in den

Liegestühlen an Deck, trank seinen eisgekühlten Whisky Soda oder Ginger

Ale, plauderte oder hörte der Musik zu, die vom Salon her erklang.

Manchmal gingen wir vor zwölf Uhr nicht schlafen. Eines Abends hatten

wir etwas Meerleuchten. Mit dem einen Offizier und einer schönen Frau

ging ich an den Bug des Schiffes. Wir lehnten uns über das Geländer,

sahen große blaue Funken aufstieben und am Schiffe entlang laufen.

Auch die sich überschlagenden Schaumkämme und Spritzer strahlten ein

phosphoreszierendes Licht aus. Herrlich waren die Mondscheinnächte,

wenn blauschwarze Wolken am Himmel hingen und das silberne Licht

des Mondes langsam die Wolkenwand durchbrach. Schwarz sah dann das

Meer aus, und nur zwei blendend silberweiße Streifen spiegelten das

Mondlicht an der Stelle wider, wo Meer und Himmel zusammentrafen.

Verlassen, wie ein totes Eiland, lag Sokotra zur Rechten. Dann kam Aden

in Sicht. Noch sehe ich die hohen, kahlen Felsen vor mir aufragen,

auf denen kein Fleck Grün zu entdecken war. Unten am Meere liegen die

Häuser, einige große Baracken und ein Leuchtturm. Als wir Anker werfen,

kommen viele kleine Boote längsseit des Schiffes, und die arabischen

Händler bieten laut schreiend ihre Waren an. Sie dürfen nicht an

Bord kommen, werfen daher Leinen an Deck, an die sie unten Körbe

befestigen, und in diese legen sie dann die Waren, die sie anbieten:

Straußenfedern, Zigaretten, Fächer, Halsketten usw. Man zieht dann die

Leine an Deck, schaut sich die Sachen an, und hat man etwas gefunden,

so nimmt man es heraus und legt das Geld dafür in den Korb, der dann

wieder hinuntergelassen wird.

Ich ging mit Familie H. an Land. Wir mußten uns ausbooten lassen, da

die Dampfer am Kai nicht anlegen können. Wir besuchten verschiedene

Läden, machten kleine Einkäufe und schlenderten am Strande entlang.

Da unser Schiff erst am Spätnachmittag nach Aden gekommen war, so

war es schon dunkel, als wir unsere Einkäufe beendet hatten. Der

Sonnenuntergang war unbeschreiblich schön! Wie flüssiges Gold lag der

Widerschein der untergehenden Sonne auf dem Meer, und die Felswände

hoben sich wie Silhouetten ab. Als wir wieder vom Kai abstießen, war

die Dunkelheit schon hereingebrochen; überall flammten die kleinen

Lichter in den Läden auf, und die Dampfer, die im Hafen lagen, boten

mit ihrem Lichtermeer ein wundervolles Bild.

Dann fuhren wir weiter durch das Rote Meer. Nur einen Tag war die Hitze

fast unerträglich. Man mochte sich kaum in seinem Liegestuhle rühren.

Das einzig Erquickende war der eiskalte Zitronensaft. Oft konnten wir

die arabische Küste und die fernen Berge wie einen feinen, hellen

Strich erkennen. Dann wurden die Ferngläser hervorgeholt, und man

suchte eifrig nach Dörfern oder Häfen. Mitten im Roten Meere trafen

wir eine Barke mit braunen Segeln. Die Insassen waren Araber, die auf

Fischfang ausgingen. Ich mußte unwillkürlich an die Piratenschiffe

denken, mit denen die Araber früher die Küsten des Persischen Golfes

und des Mittelmeers unsicher machten.

Näher und näher rückte die Küste, und bald war Suez erreicht. Nachts

fuhren wir in den Kanal ein, und als ich am anderen Morgen an Deck

kam, dehnte sich rechts und links das Land aus. Langsam fuhren wir

durch das grünblaue Wasser. Manchmal sahen wir Kamelkarawanen am

Ufer; kleine baufällige Dörfer und einige Palmen unterbrechen die öde

Steinwüste. Trotzdem Ismalia mit seinen herrlichen Palmenwäldern uns

noch einmal ein Bild der indischen Märchenpracht vorzaubert, merken

wir, wie es langsam kühler wird; Europa rückt näher und näher. In Port

Said ziehen wir bereits den Mantel an. Grau ist der Himmel und schwarz

das Wasser. Wir nehmen wieder Kohlen ein. Zwei große Schaluppen liegen

längsseit unseres Schiffes; große Bretter werden von diesen aus an

die Reeling gelegt, und dann schleppen die Trimmer die Säcke herauf.

Wie in einem Ameisenstaate geht es zu. Düster und kalt ist es, kein

freundliches Bild entzückt mehr unser Auge. Der Übergang vom Roten Meer

nach dem Mittelmeer war außerordentlich kraß, und man vermißte die

Sonne und das helle Licht, die Wärme und das Hellblau des Meeres.

Ernst grüßt uns Europa, als ob es uns mahnen wollte, daß wir uns

wieder den Ländern der Arbeit, der Sorge, des härtesten Lebenskampfes

nähern. Düster blickt der Himmel drein, und wir können kaum an Deck

weilen. Es ist kalt. Die fröhlichen Spiele haben aufgehört, die weißen

Tropenkleider sind in den Koffern verstaut, auch die Besatzung des

Schiffes hat marineblaue Uniformen angelegt. Die dunklen Anzüge kommen

mir fast wie Trauerkleidung vor.

Nachmittags passieren wir Kreta; die hohen Gipfel sind mit einer

Schneedecke überzogen. Wenn doch nur einmal noch die Sonne kommen, nur

einmal noch etwas wärmendes Sonnenlicht die trübe Stimmung verscheuchen

wollte!

Als wir am Morgen des 29. November in die Straße von Messina einfahren,

erstrahlt der Himmel wieder im schönsten Hellblau, und große, weiße

Haufenwolken schweben wie Eisberge im blauen Luftmeer. Weiße Städte

liegen am Meer, und kleine Dörfer grüßen von den Felsen herab. Vom Ätna

erblicken wir nicht sehr viel, denn sein Gipfel ist in Wolkenschleier

gehüllt. Wohl aber sehen wir Messinas Häusermeer im Sonnenschein

liegen. Das Meer ist vom reinsten Blaugrün, und kleine weiße Dampfer,

die den Verkehr zwischen dem Festland und Sizilien vermitteln,

durchschneiden die blauen Fluten.

Am Nachmittag passieren wir den Stromboli, der seine dicken Dampfwolken

in die Luft stößt. Direkt am Fuße des Vulkans liegen inmitten grüner

Gärten weiße Häuschen. Der vulkanische Boden ist sehr fruchtbar, und

daher siedeln sich die Bewohner, trotz der ihnen immer drohenden

Gefahr, hier wieder an. Spät abends passieren wir Korsika und

Sardinien; düster heben sich die trotzigen Felsklippen aus dem dunklen

Meere heraus. Rote Blinkfeuer und weiße Lichter weisen dem Schiffe den

Weg. Schon nachmittags hatte der Kapitän Meldung erhalten, daß Sturm

drohe. Als wir abends im Rauchsalon saßen, plauderten und Erinnerungen

austauschten, hörten wir plötzlich das Heulen des Sturmes. Und dann

brach das Unwetter los. Blitz folgte auf Blitz, und Schlag auf Schlag

rollte der Donner. Ich zog meinen Regenmantel an und sah mir das

Naturschauspiel an. Hellblaue Blitze, immer mehrere zugleich, sprangen

von Wolke zu Wolke und erhellten das aufgewühlte Meer. Stets haben

Gewitter auf mich einen tiefen Eindruck gemacht; schon als Kind habe

ich oft stundenlang am Fenster gestanden und dem Zucken der Blitze, dem

Kampfe der Wolken zugeschaut. Ich habe manch schweres Gewitter in den

Bergen mitgemacht, aber nichts hat mich so gepackt wie der nächtliche

Gewittersturm zwischen Korsika und Marseille auf dem Mittelmeer.

Quer durch Afghanistan nach Indien · 第 15 / 16 段