Wir gehen wieder vorbei an dem kleinen Teich, der in die Marmorplatten

eingesenkt ist, steigen die steilen Stufen hinab und fahren weiter

durch die glühende Chaussee nach Lalkot. Es ist sehr heiß, und wir

atmen auf, als wir in dem von hohen Bäumen beschatteten Garten, der den

berühmten Kutub-Minar einschließt, ankommen. Die Arbeiter, die hier die

Anlagen in Ordnung halten, haben sich in den Schatten der Bäume gelegt

und schlafen. Auch die Tiere scheinen in der Hitze ihren Mittagsschlaf

zu halten. Die Zebus stehen unbeweglich, und die fetten schwarzen

Wasserbüffel liegen in den kleinen Tümpeln am Straßenrande und träumen

vor sich hin. Lange kriechen wir in den Ruinen umher, unter denen

besonders die reichgeschnitzten Sandsteinpfeiler eines ehemaligen

Hindutempels auffallen, der später in eine Moschee umgewandelt wurde.

Im Hofe steht die berühmte eiserne Säule, die wahrscheinlich aus dem

vierten Jahrhundert nach Christus stammt. Mein Boy führt mich von

Ruine zu Ruine. Die Hitze ist unerträglich; kein Windzug regt sich,

totenstill ist es ringsumher; nur eine Libelle summt leise an uns

vorüber. Der 70 Meter hohe Kutub – Minarett und Siegesturm zugleich –,

aus rotem Sandstein und weißem Marmor, steht wie ein Wächter inmitten

der Ruinenfelder.

In dem kleinen Bungalow, das inmitten des Gartens errichtet ist, nehme

ich mein Mittagessen ein. Die Ruhe und der Frieden ringsumher stimmen

einen feierlich und glücklich. Stundenlang könnte man hier auf der

Gartenterrasse sitzen und träumen.

Nachmittags fahren wir durch Raisina (Neu-Delhi) nach Delhi zurück,

und abends unternehme ich noch eine kleine Spazierfahrt durch den

Kudziapark. Die Luft ist herrlich, und man atmet tief; wir kommen

an einem kleinen See vorbei, der von Palmenwald eingefaßt ist. Wie

schwarze Silhouetten heben sich die Bäume vom goldgelben Abendhimmel ab.

Am anderen Tage besuche ich das Fort. Ich hatte schon bei meinem

Besuche der großen Moschee Gelegenheit gehabt, seine gewaltigen, roten

Sandsteinmauern zu bewundern. Hat man im Innern das reich ornamentierte

Tor, das beim Empfang von Gästen als Musikhalle diente, passiert,

so öffnet sich einem ein großer, mit prächtigem Rasen bedeckter

Innenhof, in dem sich die weißen Marmorprachtbauten Schah Jehans

erheben. Der Diwan-i-Khas, die private Audienzhalle, ist vielleicht

das schönste Gebäude, das ich je gesehen habe. Es ist unglaublich,

was hier aus dem weißen Marmor herausgearbeitet ist! Schneeweiße

Säulen, mit zierlichsten Blumenmustern aus Halbedelsteinen, die

in den Marmor eingelegt sind, heben sich von dem tiefen Grün der

Rasenflächen und dem roten Boden der Wege ab. Durch die Marmorgitter

scheint die Sonne in die weiße Halle, und ihre Strahlen spielen auf

den blanken Steinplatten. Hier in dieser Halle war es, wo 1738 Nadir

Schah und Bahadur, König von Indien, am Vorabend des großen Massakers

zusammensaßen, die Wasserpfeife rauchten und aus kleinen Täßchen

Mokka tranken. Am folgenden Tage, um die gleiche Zeit, waren mehr als

80000 Inder von den Persern ermordet. Die Annalen erzählen uns, daß

Bahadur mit Tränen im Auge vor dem Perserkönig niederfiel und für sein

unglückliches Volk Gnade erflehte. Hier war es auch, wo die Großmoguln

ihre Feste abhielten. Dann wurde der Marmorboden mit kostbaren

Seidenteppichen ausgelegt und im Hofe ein Prachtzelt errichtet. Der

Glanz und die Pracht müssen zu jener Zeit unbeschreiblich gewesen sein.

Und hier wurden die Nachkommen des großen Akbar 1788 gefoltert und der

greise Kaiser von Gulam Kadir, geblendet. Im Garten, etwas versteckt

zwischen Grün, liegt wie ein verborgenes Kleinod die Perlenmoschee,

ganz aus weißem und grauem Marmor, mit drei vergoldeten Kuppeln. Sie

wurde 1659 von Aurengseb erbaut. Am Abend spät sage ich Delhi Lebewohl

und fahre weiter nach Jaipur.

b) Jaipur

In einer schwülen Tropensommernacht, deren schwerer, süßer Blütenduft

mich fast zu ersticken drohte, traf ich in Jaipur ein. Das Mondlicht

lag silbern auf der von großen Kandelaberkakteen eingefaßten

Straße, als mich eine alte Kutsche nach dem von Indern geleiteten

Kaisar-i-Hind-Hotel brachte.

Als ich nach kurzem Schlaf erwache, liegt flutendes Sonnenlicht über

dem Land, und ein tiefblauer Himmel spannt sich über der rosenroten

Stadt. Die großen, breiten Straßen sind von Kandelaberkakteen

eingefaßt, an denen leuchtend gelbe Blüten hängen. Kamelreiter traben

vorbei, heilige Zebus liegen auf den Trottoirs und lassen sich von der

Sonne bescheinen, Ziegen turnen auf den Wellblechdächern umher, und

Männer, Frauen und Kinder in buntesten Trachten geben dem Bilde ein

märchenhaftes Gepräge.

Wir besuchen einen Hindutempel. Im Hofe, unter einem Baldachin, steht

eine große Bronzestatue, Schiwas Reitstier Nandi darstellend. Priester

in weißen Gewändern gehen still umher, besprengen die Götterbilder

mit heiligem Wasser und bewerfen sie mit Reis. Unter einem großen

Mangobaume steht die Figur des Affengottes Hanuman, dem einige Kränze

gelber Ringelblumen umgehängt sind. Verträumt liegt in der einen Ecke

ein Brunnen. Ein kleines Mädchen schöpft hier Wasser; als ich vorgehe,

da sieht sie mich und blickt mich erschrocken aus ihren großen, dunklen

Augen an. Sie weiß nicht recht, ob sie bleiben oder fortlaufen soll.

Ich war – außer den vier bis fünf stationierten englischen Beamten –

der einzige Europäer in der Stadt und fiel deshalb überall sehr auf.

Alle Häuser Jaipurs sind rosa getüncht; viele sind noch mit Bildern

aus der Hindu-Mythologie bunt bemalt. Imposant wirkt der von Jai

Singh II. erbaute »Palast der Winde«, mit mehr als 50 Erkern an

Stelle der Fenster (Abb. 66). In den offenen Erdgeschossen befinden

sich die Verkaufsstände, in den oberen Stockwerken die Wohnräume.

Immer märchenhafter wird das Bild! Hunderte von Tauben flattern auf

den großen Plätzen umher, wo sie gefüttert werden; Zebus, mit blauen

Glasperlenketten behangen, stehen regungslos umher, als ob sie

träumten. Grüne Papageien fliegen krächzend über die Straßen, und Affen

turnen auf den Gesimsen der Häuser umher.

Durch enge Winkelgassen gehen wir zum Goldschmied, der die berühmten

emaillierten Jaipur-Goldwaren herstellt. Wir sitzen auf einer Veranda;

er holt ein kleines Tischchen, legt eine schwarze Decke darauf und läßt

eine verschlossene Kiste bringen. Er öffnet sie behutsam und breitet

seine goldenen Schätze vor mir aus. Er spricht kein Wort; nur, wenn

er ein neues Stück herausnimmt, blickt er mich groß fragend an, als

ob er sagen wollte: Sahib, ist das nicht herrlich, und kannst du es

übers Herz bringen, fortzugehen, ohne wenigstens ein schönes Stück

mitzunehmen? Goldene Tassen und Schüsseln, Kästchen und Etuis, alle

mit Emaille fein verziert, unter denen das tiefe Jaipurrot besonders

hervorsticht, schimmern vor meinen Augen. Ich kaufe ihm einen Ring ab.

Er holt ein großes Buch hervor, und ich muß ihm darauf bescheinigen,

daß sein Laden die herrlichsten Schätze enthält, die ich je gesehen

habe. Als ich ins Hotel zurückkehrte, warteten hier wieder ein paar

Händler auf mich, die Edelsteine, Elfenbeinschnitzereien und Miniaturen

anboten. Ich tat, als sähe ich sie nicht; aber sie gaben keine Ruhe.

»Only look, Sir, do not buy!« »Nur anschauen, Herr, nicht kaufen!«

Diese Worte dringen in Indien ständig an unser Ohr.

[Illustration: 66. Palast der Winde, Jaipur]

Nachmittags geht es hinaus, und wir besuchen den Palast des

Maharadscha. Wenn man die schönen Bauten Schah Jehans in Delhi und

Agra gesehen hat, ist man hier etwas enttäuscht. Die Audienzhallen

lassen sich nicht mit denen Delhis und Agras vergleichen; die Säulen

sind übertüncht, teilweise auch bunt bemalt, und von der feinen

pietra-dura-Arbeit, die Schah Jehans Bauten ziert, ist hier nicht mehr

viel zu sehen.

[Illustration: 67. Grabmal Itimad-ud-Doulehs, Agra]

Hinter den herrlichen Gartenanlagen liegen zwei Seen. Die Luft ist

merkwürdig durchsichtig, klar und ruhig, und die Berge spiegeln sich

haarscharf im blauen Wasser. Ein alter Wächter, der uns führte,

versuchte die hier lebenden Krokodile zu locken. Langgestreckt hallte

sein Ruf »Haberlan« über die weite Wasserfläche, und das Echo warf

seine Worte zurück. Endlich tauchte ein großes Krokodil auf. Es schwamm

langsam zu uns heran und wurde gefüttert. Als die Sonne sich dem

Horizonte zuneigte und der Abendhimmel sich gelbrot zu färben begann,

fuhren wir noch einmal durch den Park. Es hatte sich etwas abgekühlt

– aber kein Blättchen rührte sich. Große schattige Alleen tun sich

vor uns auf. Hier gehen die Eingeborenen spazieren, würdevoll und

stolz, selbst dann, wenn die Armut aus ihren Gewändern spricht. Auf

einem erhöhten Platze spielte die Kapelle des Maharadscha – deutsche

Weisen, Straußwalzer! Da ist mir alles wie ein Traum: um mich das

indische Leben, die Tropen, der schwere, betäubende Blütenduft, bizarre

Marmorbauten, indisches Volksleben und daneben eine Kapelle, die

heimatliche Weisen spielt!

[Illustration: 68. Afghanisches Zollserai Peshawar]

Wir fahren heim. Es dämmert bereits. Einige Gaslaternen brennen schon

in den Straßen. Elefanten, bunt angemalt, schlendern schweren Schrittes

ihrer Behausung zu; Zebus, schon halb schlafend, gehen bedächtig

zwischen den hin und her eilenden Menschen und den wippenden Gadis

(zweiräderige Wägelchen) umher, und die zahlreichen Pfauen auf den

Dächern schreien ihr: paó paó. In den Hütten brennen schon die Feuer.

Halbnackte Gestalten sitzen um die züngelnden Flammen und bereiten

das Abendessen. Ein hübsches Mädchen, ganz weiß gekleidet, mit

tiefschwarzem Haar, lehnt im Erkerfenster eines hohen rosenroten Hauses

und blickt uns nach. Ich frage meinen Boy, und er erzählt mir, daß sie

eine der Lieblingstänzerinnen des Maharadscha sei.

Als ich, von den vielen Eindrücken des Tages ermüdet, ins Hotel

zurückkehre und als einziger Gast im kleinen Speisesaal sitze, da

packt mich eine große Wehmut, daß ich dieses schöne Land schon so

bald verlassen soll. Stumm eilt der Diener hin und her. An den Wänden

hängen Bilder der Maharadschas von Jaipur, und kostbare Messing- und

Bronzearbeiten schmücken die Schränke. Die Tür zum Garten steht auf,

und die Nachtluft dringt herein, schwül, lockend. Da beginnt draußen

eine Geige zu spielen, leise, weinend – keine europäischen Weisen; sie

schluchzt und klagt und singt von Sehnsucht ... Ich trete leise hinaus.

– – – Da bricht der Alte mit dem Spiel ab, legt die Hände an die Stirn,

grüßt mich ehrerbietig und schenkt mir zwei tief blutrote Rosen. Er

spricht kein Wort. Ich gebe ihm ein paar Silberlinge und eile in mein

Zimmer. Noch lange liege ich wach und höre dem Schreien der Pfaue

zu. Die zwei Rosen verwahrte ich sorgfältig in einem großen Buche.

Ich habe sie heute noch – eine Erinnerung an einen der schönsten und

glücklichsten Tage meines Lebens.

Verlassen – einsam – auf einer Klippe an einem dunkelgrünen See

liegt eine weiße Burg. In den weißen Marmorhallen herrscht jetzt

eine unendliche Stille. Keine Feste werden hier mehr gefeiert, keine

Königinnen schreiten mehr über die blanken marmornen Fußböden, seit

Jai Singh II. seine Residenz von Amber nach Jaipur verlegt hat. Wir

gingen zu Fuß die großen breiten Steintreppen hinauf, die fast von

der üppigen Vegetation überwuchert werden, und dann sind wir auf der

Burg und werden von einem alten Wächter durch die Hallen geführt.

Durchbrochene Marmorplatten bilden die Fenster. Es ist, als ob man

die feinsten Brüsseler Spitzen vor die Öffnungen gespannt hat. Welche

Arbeit, welche Pracht! Blumenranken und Schmetterlinge sind aus den

weißen Marmorplatten geschnitten, die die Wände decken, und schwere

Türen aus Sandelholz mit Elfenbein- und Perlmuttereinlagen schließen

sich hinter uns. Leise nimmt mich der Wächter am Arm, führt mich in

eine kleine weiße Marmorhalle und deutet schweigend auf eines der

Fenster. Ich trete heran und lehne mich etwas über die Brüstung. Da

sehe ich tief unter mir den blaugrünen See wie einen geschliffenen

Türkis schimmern; kleine Inseln ragen aus dem Wasser hervor, und Tempel

spiegeln sich in seinen Fluten. Ich stehe lange hier oben und kann mich

kaum von dem herrlichen Anblick trennen. Dann schreiten wir – leise,

auf Zehenspitzen, um den Frieden, der in diesen Hallen herrscht, nicht

zu stören – durch die Marmorbäder und gehen nach dem Fort hinauf, das

den Gipfel krönt. Dann geht es hinunter nach der toten Stadt Amber.

Wir gehen von Tempel zu Tempel, von Ruine zu Ruine. Es ist elf Uhr, und

die Hitze brütet zwischen den Mauern und Felsen. Keine Menschenseele

ist zu erblicken, die Stadt ist tot, ausgestorben. Ein kleiner

Hindutempel liegt versteckt inmitten all der Ruinen. Wir steigen die

morschen, von Pflanzen überwucherten Stiegen hinan, kommen in einen

Vorhof, wo die Blutspuren der zuletzt geopferten Ziege uns sagen, daß

doch dann und wann noch Menschen diese Stätte aufsuchen. Wir steigen

noch ein paar Stiegen hinan und sehen vor uns ein kleines, viereckiges,

mit Wasser gefülltes Steinbassin, zu dem ein paar Stufen hinabführen.

Auf dem untersten Tritt stehen zwei bronzene, kleine Götterbilder;

sie sind über und über mit rosa Lotosblüten beworfen. In Gedanken

versunken blicke ich auf das Wasser, in dem sich die Tempelwände

spiegeln. Da tritt mein Diener an mich heran und flüstert: »Sahib,

wir müssen gehen, es wird zu heiß werden, die Sonne hat gleich ihren

höchsten Stand erreicht.« Ich aber tue, als ob ich ihn nicht höre, und

bleibe noch eine Weile. Da regt es sich in der einen finsteren Ecke

des Tempels; es muß jemand dort sein, ich höre schlürfende Schritte,

heiseres Husten. Ich schaue meinen Boy fragend an. Da tritt ein altes,

verhutzeltes, vom Alter gebeugtes Mütterchen aus dem finsteren Gange

hervor und bettelt um einen Backschisch. Ist sie die Wächterin dieses

Tempels? Ist sie eine Verstoßene, eine Aussätzige, die hier im Tempel

Schiwas Schutz erfleht? Immer merkwürdiger, immer rätselhafter wird mir

dies Märchenland Indien.

Lange noch wandern wir in den Ruinen umher, aber es wird zu heiß, wenn

mir auch der Abschied von der toten Stadt schwerfällt. Nun wird sie

weiter am Fuße der weißen Burg träumen, und die Blumen werden weiter

und weiter ranken und ihre Mauern und Türme überdecken. Ob ich Amber

wohl je wiedersehen werde?

c) Agra

Nachts war an Schlaf nicht viel zu denken, denn der Wagen rüttelte

und schüttelte. Im Himalajagebiet waren große Regenfluten

herniedergegangen; die Flüsse waren angeschwollen, und stundenlang

fuhren wir durch überschwemmte Gebiete. Weite Wasserflächen dehnten

sich überall aus, und Kraniche und andere Wasservögel tummelten sich

hier herum. Bäume, Sträucher, Hecken und Häuser standen im Wasser – ein

trostloser Anblick.

Gegen neun Uhr trafen wir in Agra ein. Wider meinen Willen war der

erste Weg nach dem Tadsch-Mahal. Ich hatte so viel über dieses Grabmal

gelesen, so viele Photographien gesehen, daß meine Erwartungen aufs

höchste gespannt waren. Ich fürchtete, enttäuscht zu werden, und mit

einem ängstlichen Gefühle näherte ich mich dem weißen Marmorbau (Abb.

63).

In den Anlagen, durch die wir fuhren, war es sehr still; keine Europäer

störten die Ruhe und die feierliche Stimmung. Ich weiß nicht, wie ich

die Gefühle in Worten wiedergeben soll, die mich beim ersten Anblick

des Tadsch überkamen. Stumm steht man vor der weißen Marmorpracht

und schaut und schaut, und kann es gar nicht fassen, daß dies alles

Wirklichkeit ist. Man möchte den weißen Marmor betasten, um sich zu

vergewissern, daß es kein Trugbild, kein Traum ist. Und langsam steigt

man die Stufen hinan; wagt kaum aufzutreten. Leise schreitet man in

den großen Kuppelraum, wo in einem von durchbrochenen Marmorgittern

eingefaßten Schreine die Sarkophage Schah Jehans und seiner Gattin

stehen. Schweigend steht man vor diesen beiden Särgen, in denen das

Herrscherpaar ruht, das Indien die schönsten Bauwerke schenkte. Und

wenn man die Geschichte der schönen Kaiserin – der Mumtaz-i-Mahal

– kennt, wenn man ihr Bild auf vielen alten Miniaturen zu sehen

Gelegenheit gehabt hat, dann sagt einem der weiße Marmor noch soviel

mehr. Wie muß der Kaiser diese Frau geliebt haben, daß er ihr ein

solches Grabmal setzte! Der ganze Tadsch-Mahal ist ein Symbol der Liebe

und Reinheit. Mehr als 20000 Arbeiter sollen 18 Jahre lang an diesem

Bau gearbeitet haben, der noch heute genau so in seiner weißen Pracht

erstrahlt wie vor 300 Jahren. Auf den geschnitzten Marmorsärgen liegen

frische Oleanderblüten und Lorbeerblätter, und die alten, weißbärtigen

Inder, die hier Wache halten, überreichen einem beim Abschied eine rote

Blüte. Eine unendliche Wehmut packt den Menschen hier; eine Wehmut, die

man nicht in Worten ausdrücken kann.

Nachmittags besuche ich das Fort. Und wiederum ist hier das Schönste

vielleicht der Blick auf den Tadsch, der sich in den Fluten des Flusses

spiegelt. Herrliche Marmorhallen mit kostbarer »Pietra-dura«-Arbeit

und weiß wie Schnee schmücken den dunkelroten Unterbau. Auf einem Altan

wird noch der Platz gezeigt, wo der König und die Königin mit lebenden

Figuren einst Schach spielten, und man sieht von der Terrasse aus in

den Hof, in dem bei festlichen Gelegenheiten die großen Elefantenkämpfe

abgehalten wurden. Man geht von Marmorsaal zu Marmorsaal, sieht die

Räume, in denen einst eine unbeschreibliche Pracht waltete und manches

Fest gefeiert wurde, wo aber auch Trauer und Leiden einzogen. Reizend

ist der achteckige Jasminpavillon, ebenfalls ganz aus weißem Marmor mit

Edelsteinen eingelegt. Dieser wurde von dem Großmogul Jehangir seiner

Lieblingsfrau, der schönen Nur-Mahal geweiht.

In diesem Fort wurde Kaiser Schah-Jehan von seinem Sohne Aurengseb

gefangengesetzt. Sieben Jahre schmachtete er hier mit seiner schönen

Lieblingstochter Jehanara Begam, die ihren Vater nicht verlassen

wollte. Eines Tages äußerte er den Wunsch, noch einmal das Grabmal

seiner Gattin – den Tadsch-Mahal – sehen zu dürfen. Die Bitte wurde

ihm gewährt. An einem Januartage des Jahres 1666, begleitet von seiner

Tochter, stieg er die Marmortreppe hinan, die zum Jasminturm führt.

Noch einmal ruhte sein Auge auf dem weißen Marmorbau, der sich in den

Fluten des Flusses spiegelte, dann verschied er.

Die Perlmoschee in Agra ist ebenso schön wie die in Delhi, nur noch

größer. Noch bei Sonnenuntergang sind wir oben auf der Terrasse des

Palastes; einige indische Besucher stehen abseits und lassen den

Blick über den großen Fluß schweifen, der tief unter uns an der Burg

vorbeifließt. Langsam wandle ich mit meinem Boy auf dem Altan auf und

ab, als aus einer weißen Halle zwei Inder und eine bildschöne Inderin

heraustreten. Sie ist nur in einen großen weißen Schal gehüllt, der

ihre Arme und eine Schulter freiläßt. Ihr feines, ovales Gesicht, aus

dem zwei dunkle, melancholische Augen hervorblicken, aus denen eine

unendliche Sanftmut spricht, ist von dem in der Mitte gescheitelten

schwarz glänzenden Haar umrahmt. Als sie langsam die Marmorstufen

hinabsteigt, wird sie gerade von den Strahlen der untergehenden Sonne

getroffen. Sie bot einen märchenhaft schönen Anblick dar, und lange

schaute ich der schlanken Gestalt nach, die mit unbeschreiblicher Würde

durch die alten Marmorhallen des Palastes dahinschritt. Allgemein

konnte ich die Beobachtung machen, daß die Frauen Agras viel hübschere

und edlere Gesichtszüge haben als die Delhis und Jaipurs.

Am folgenden Morgen besuche ich das Mausoleum Itimad-ud-Doulehs. Wir

fahren am Flusse entlang, der noch vor kurzem hier alles überschwemmt

hatte. Man sieht eingestürzte Häuser, umgefallene Pfosten und ganze

Wagenladungen verdorbenen, verfaulten Getreides, das einen widerlichen

Geruch verbreitet und von der Brücke aus in den Fluß geworfen wird.

Das Grabmal ist in seiner Art ganz einzigstehend und zeigt ganz andere

Architektur wie die übrigen Grabdenkmäler Indiens (Abb. 67).

Am Nachmittag machen wir einen Ausflug nach Sikandra. Die Sonne brennt

hernieder, daß die Straßen glühen, und ihr helles blendendes Licht läßt

einen die Augen schließen. Wir kommen durch kleine Dörfer, die unter

hohen Bäumen versteckt liegen und deren Häuschen mit Schilf gedeckt

sind; die Bewohner sitzen auf der Erde vor ihren Behausungen, plaudern

oder träumen vor sich hin. »Tscharpais«, Holzpritschen, stehen umher,

und manch einer hält hier seinen Mittagsschlaf. Schlanke, hübsche

Mädchen und Frauen – große Tonkrüge auf dem Kopfe tragend – schreiten

langsam nach dem großen Ziehbrunnen. Dort ist auch die Dorfjugend

versammelt, die inmitten von Hunden, Ziegen und Zebus herumtollt. Sowie

die Kinder mich sehen, kommen sie herbeigelaufen und wollen einen

Backschisch haben. Ich werfe ihnen eine Kupfermünze hin, und gleich

beginnt das Balgen und Raufen.

Sikandra, das Grabmal des großen Akbar, übt mit seinen Sandsteinbauten,

in die weißer Marmor eingelegt ist, einen gewaltigen Eindruck aus. Auch

hier hat der Künstler den roten Sandstein auf das Geschickteste mit dem

weißen Marmor verbunden.

d) Benares

Auf der Fahrt nach Benares! Wie oft habe ich mir als Schuljunge schon

gewünscht, einmal diese heiligste Stadt Indiens sehen zu dürfen; und

jetzt war es Wirklichkeit geworden. Nachts fahre ich von Agra ab. Der

Zug hat schon ein paar Stunden Verspätung als er in Agra eintrifft,

und ich bezweifle sehr, daß wir in Moghul Serai den Anschluß nach

Benares erhalten werden. Je mehr wir uns dem Osten nähern, um so

feuchter wird die Luft und um so üppiger die Vegetation. Es ist

eine Art Savannenlandschaft, durch die wir fahren; halb Steppe, in

der einzelne große Bäume stehen, halb Felder und Wälder. Palmen

wiegen sich im Winde, und kleine bewaldete Höhenzüge bringen etwas

Abwechslung in das sonst eintönige Bild. Mit drei Stunden Verspätung

kommen wir abends in Moghul Serai, einem elenden kleinen Dorfe,

aber wichtigen Kreuzungspunkt der Bahnen, an. Der Zug nach Benares

ist fort. Glücklicherweise steht ein Lastauto bereit, das die nach

Benares fahrenden Passagiere – indische Pilger – übernimmt. Ich

bin der einzigste Europäer und nehme neben dem Chauffeur Platz.

Inder und Inderinnen in buntesten Gewändern und klingendem Schmuck

nehmen die Plätze im Wagen und auf dem Gepäck ein. Dann beginnt eine

interessante Fahrt. Es ist stockdunkel; nur unsere Scheinwerfer geben

Licht und beleuchten die hohen Stämme der Mango- und Feigenbäume,

die die Chaussee einfassen. Als wir an den Ganges kommen, da ist die

Brücke gesperrt, da ein Güterzug erwartet wird; zahllose Zebukarren

warten hier. Hell leuchten die großen Bogenlampen und werfen ihren

Lichtschein auf das bunte Bild der Wagen und Menschen. Endlich können

wir weiterfahren; die ersten Lichter der heiligen Stadt tauchen auf,

und durch die hell erleuchteten Straßen eilen wir dahin. Da das Hotel

außerhalb liegt, werden zuerst die Inder abgesetzt, und ich erhalte auf

diese Weise schon ein kleines Bild von der heiligen Stadt am Ganges.

Bald gehe ich schlafen; denn am anderen Morgen will ich in aller Frühe

an den heiligen Fluß gehen.

Quer durch Afghanistan nach Indien · 第 14 / 16 段