Es ist eine große Frage, ob man jemals wird feststellen können,

was die Ursachen des Aufstandes gewesen sind. Zweifellos spielten

innenpolitische Motive eine sehr wichtige Rolle, wenn man auch

nicht ganz den Gedanken unterdrücken kann, daß Rußland die Hand im

Spiel hatte. Rußland unterhält in Kabul eine große Gesandtschaft und

arbeitet gegen England. Es intrigiert, wo es kann, und arbeitet mit

einer riesigen Propaganda, um außer vielen anderen Englands Herrschaft

in Asien zu stürzen, das Chaos zu schaffen und einen gewaltigen

asiatischen Block zu schaffen, in dem es die führende Stellung

einnimmt. Auf diese Weise versucht es, seine Ideen zu verbreiten, der

Weltrevolution den Weg zu ebnen. Es hat Europa vorerst fallen lassen;

dafür aber seine Tätigkeit in Asien in verstärktem Maße aufgenommen.

Bei den europäischen Völkern haben die Russen wenig Gegenliebe für ihre

Ideen gefunden, daher versuchen sie jetzt zunächst die asiatischen

Völker zu gewinnen.

Afghanistan ist für Rußland das Sprungbrett nach Indien. Das Volk war

über die vielen Neuerungen des Königs mißmutig. Die Steuern waren hoch.

Das Volk murrte, und die Gelegenheit, einen Aufstand zu unterstützen,

war für Rußland günstig. Als im Sommer das afghanische Parlament

zusammentrat, mußte der Emir verschiedene Konzessionen machen. Unter

anderem wurde er gezwungen, die Mädchenschulen im Lande aufzuheben!

Anfang August spielten sich die Kämpfe zwischen Hisarek und Gärdes ab,

wo eine Abteilung Regierungstruppen eingeschlossen worden war. Von

allen Teilen des Landes wurden nun Truppen herbeigezogen, und in den

August-Septembertagen 1924 bot Kabul ein buntes Bild. Als die ersten

Truppen ankamen, glaubten wir schon, es seien die Aufständischen. Ich

arbeitete nachmittags gerade in meinem Zimmer, als ich in der Ferne

ein tausendstimmiges Rufen und Schreien vernahm. Ich eilte hinaus

und fragte die Diener, was es bedeute. Diese wußten aber auch nichts

Bestimmtes zu sagen; Jakub nur sagte: »Ich werde gehen und sehen, was

los ist.« Nach einer Weile kam er wieder und sagte, daß es Hilfstruppen

der Mohmands seien, die den Emir unterstützen wollten. Da waren wir

wieder beruhigt.

Tags darauf wurde gemeldet, daß der Emir sich mit der Bitte um

Überlassung von Flugzeugen an die Engländer gewandt habe.

In der Nacht vom 8. zum 9. wurden wir durch lebhaftes Gewehrfeuer

geweckt, das ganz in der Nähe war. Wir stiegen auf das Dach unseres

Hauses und blickten aus unseren kleinen Ecktürmchen. Es war sehr

dunkel, aber wir konnten doch, nachdem unser Auge sich an die

Dunkelheit gewöhnt hatte, die Umrisse der Häuser erkennen. In einem

Hause am Fuße des Scher Dervase-Berges brannte noch Licht. Wir hörten

vereinzelte laute Rufe und dann wieder eine Reihe von Schüssen, die

aus verschiedenen Richtungen kamen. Einige wurden direkt gegenüber von

unserem Hause abgegeben, ungefähr in der Richtung, wo die Brücke über

den Fluß führt. Nach einer Stunde wurde es still, und wir legten uns

wieder schlafen. Am Morgen hörten wir, daß es eine Räuberbande gewesen

war, von der man einige der Burschen erwischt hatte.

Mitte August verschlechterte sich die Lage. Das Jeschm – das

Unabhängigkeitsfest –, das in jedem Sommer gefeiert wird, fiel aus;

und die Regierung sowohl wie der Emir waren aus Paghman plötzlich

zurückgekehrt.

Am 20. August wurde ein großer Sieg der Regierungstruppen gemeldet.

Es wurde erzählt, daß die Köpfe der 15 erschlagenen Mangals durch die

Straßen getragen werden sollten. Aber nichts dergleichen geschah. Eine

Kompanie Regierungstruppen wurde bei Ghasni abgefangen und vollständig

ausgeplündert.

Am 22. August, einem herrlichen Sommermorgen, trafen die beiden

englischen Flugzeuge ein, die in ca. vier Stunden von Peshawar nach

Kabul geflogen waren. Die Flugzeuge wurden den englischen Offizieren

abgenommen, und in den folgenden Tagen schon flog der in afghanischen

Diensten stehende deutsche Flieger Dr. Weiß an die Front, um zu

rekognoszieren. Er bekam aber – trotzdem er das von den Mangals

besetzte Gebiet überflog – nichts von feindlichen Truppen zu sehen.

Er flog mehrmals in das Aufstandsgebiet und sollte eine Landung in

Gärdes versuchen, wo die eingeschlossenen Regierungstruppen saßen. Er

warf vorher ein Bündel Briefe über diesem Dorfe ab, um die Truppen zu

informieren, einen geeigneten Landungsplatz ausfindig zu machen und

durch Feuer zu markieren. Dann flog er wieder hin. Als er am ersten

Tage nicht zurückkam, dachten wir uns nichts dabei; als aber zwei,

drei Tage, ja eine ganze Woche verstrichen war, ohne daß wir ein

Lebenszeichen von ihm hörten, machten wir uns doch Sorge um ihn.

Da hieß es eines Tages, Weiß sei wieder zurück, und ein paar Tage

später erschien er auch bei uns und erzählte seine Geschichte.

Er war nach Gärdes geflogen, fand auch leicht den Platz, der für die

Landung bestimmt war, und landete. Er ließ den Apparat auslaufen;

da sah er aber, daß der Platz zu klein war. Ein breiter Graben tat

sich vor ihm auf. Es gelang ihm zwar, diesen zu überfliegen; aber

kaum war er wieder auf dem Boden, als direkt vor ihm ein anderer

schmaler Graben sich hinzog, so daß die Maschine im Graben landete

und der Propeller zerbrach. Von der eingeschlossenen Besatzung wurde

er liebenswürdig aufgenommen. Nachdem er einige Tage dort geblieben,

verkleidete er sich als Mangal, und es gelang ihm auch, mit einigen

afghanischen regierungstreuen Offizieren sich durch das unsichere

Gebiet durchzuschlagen.

[Illustration: 63. Tadsch-Mahal, Agra]

Im Laufe des Augusts hatte sich schon das Gerücht verbreitet, daß

auch die Russen Flugzeuge schicken wollten. Und richtig, an einem

herrlichen Septembermorgen gegen elf Uhr erschienen in großer Höhe

fünf Flugzeuge, die wie Silberpünktchen am blauen Himmel schwebten.

In ca. fünfstündigem Flug hatten diese die Strecke von der russischen

Grenze bis nach Kabul zurückgelegt und dabei den 5000 Meter hohen

Hindukusch überflogen; zweifellos eine großartige Leistung. Zuerst

hieß es, Rußland habe die Flugzeuge dem Emir geschenkt; dann aber, daß

die Afghanen wegen Kaufs der Apparate mit den Russen verhandelten.

Nachmittags wurde großes Schaufliegen veranstaltet, bei dem Tausende

von in persischer Schrift und Sprache abgefaßte Propagandazettelchen

über Kabul abgeworfen wurden. Daß dies ganze Manöver mit den Flugzeugen

nur darauf abzielte, sich die Freundschaft der Afghanen zu erobern

und England zu ärgern, ist wohl ohne weiteres klar. Zuletzt hieß es

dann auch, Rußland wolle die Flugzeuge nur dann abgeben, wenn auch

die russischen Flieger mit übernommen würden. Wie diese Angelegenheit

dann geregelt wurde, weiß ich nicht, da ich Anfang Oktober Afghanistan

verließ.

[Illustration: 64. Peshawar, Basar]

Immer mehr Truppen wurden in Kabul zusammengezogen, und vor der Stadt

war ein kleines Heerlager errichtet worden. Eines Morgens kamen ca.

4000 Mann aus Kohistan; viele zu Pferde. Jeder Stamm trug seine Fahnen,

die schon manchen Sturm mitgemacht haben mußten, denn sie sahen alt

und zerfetzt aus. Die Leute waren meist nur in Lumpengewänder gehüllt

und bekamen in Kabul neue Anzüge. Auf dem Wege von ihren Heimatorten

nach der Hauptstadt hatten sie natürlich alle Dörfer gebrandschatzt,

und wir waren der Ansicht, daß diese wilden Stämme unter Umständen viel

gefährlicher werden könnten als die Mangals selbst. Froh waren wir

immer, wenn diese Burschen an die Front expediert wurden.

[Illustration: 65. Im Zoologischen Garten, Peshawar]

Anfang Oktober hatten die Regierungstruppen große Erfolge zu

verzeichnen; Gärdes wurde frei, Hisarek genommen und die Aufständischen

über den Altimurpaß nach Süden gedrängt.

Im November fand eine Zusammenkunft zwischen Abgesandten des Emir

und den Aufständischen in Dschelalabad statt, führte aber zu keinem

Ergebnis, so daß die Kämpfe fortgesetzt wurden. Ende des Jahres brach

der Aufstand zusammen. Die Strafen, die über die Mangals verhängt

wurden, waren furchtbar. 1575 Männer wurden hingerichtet, 600 Frauen

nach Kabul verschleppt, 3000 Häuser dem Erdboden gleichgemacht und

niedergebrannt. So ist der Stamm der Mangals für lange Zeit lahmgelegt

worden und wird sich sobald nicht wieder erheben können.

Furchtbar sind überhaupt alle Strafen, die in Afghanistan verhängt

werden. Räubern und Dieben wird die Hand abgeschlagen und der Stumpf in

siedendes Öl gesteckt. Die Todesstrafe wird durch Hängen vollzogen oder

dadurch, daß man den Delinquenten vor die Kanone bindet. Von unserem

Hause aus sahen wir einen flachen Hügel, der sich hinter der Ark

erhebt. Dort fanden die Hinrichtungen statt. Eine Riesenmenschenmenge

strömte dann herbei, um das blutige Schauspiel mit anzusehen. Eines

Nachmittags wurde eine ganze Reihe hingerichtet. Kanonenschuß folgte

auf Kanonenschuß. Ein Freund von mir, der gerade an dem Berge

vorbeiritt, sah zufällig, wie die Stücke des zerfetzten Körpers in die

Luft gerissen wurden. Übrigens ist es nicht ganz ungefährlich, in der

Nähe zu weilen. In Kandahar soll es vorgekommen sein, daß ein Mann, der

bei der Vollstreckung des Urteils zugegen war, von dem losgerissenen

Arm des Verurteilten derart an den Kopf getroffen wurde, daß er auf der

Stelle tot war. Auch die Todesstrafe durch Steinigen ist noch nicht

abgeschafft. Im vorigen Jahre wurden verschiedene Leute auf diese

Weise hingerichtet. Grausam waren die Strafen, die die früheren Emire

austeilten. Ein paar Beispiele mögen dies veranschaulichen.

Wir hatten uns in Kabul einen großen Stall gemietet, dessen Besitzer

ein alter Afghane war. Er hatte sich früher irgendeines Verbrechens

schuldig gemacht – was es war, weiß ich nicht mehr – und wurde dadurch

bestraft, daß ihm die Augenlider zusammengenäht wurden. Wie diese

grausame Prozedur vor sich gegangen sein mag, kann man sich denken;

denn daß man keine Operationsnadel dazu nahm, braucht wohl kaum erwähnt

zu werden. Später wurden die Lider wieder aufgeschnitten. Er trug eine

große, dunkle Hornbrille; einmal wohl zum Schutz der Augen, sodann,

damit man seine verstümmelten Augen nicht so sehen konnte. Einen

anderen interessanten Fall berichtet Thornton in seinem Buche: Notes

from an Afghan Scrap Book:

Eines Tages wurde vor Emir Abdur Rahman ein Bäcker gebracht, der zu

leichtes Brot verkauft hatte. An jenem Tage war der Emir gerade in

guter Stimmung; er schalt den Bäcker einen Betrüger und sagte dann zu

ihm: »Kein Mensch kann im Leben vorwärtskommen, wenn er nicht ehrlich

ist. Geh, arbeite, wie es der Koran vorschreibt!«

Ein paar Wochen später wurde derselbe Mann wieder vor den König

gebracht; er war desselben Vergehens wegen angeklagt. Dieses Mal sagte

der Emir: »Du bist nicht nur ein Betrüger, sondern ein Schurke! Du

zahlst 3000 Rupien, 3000 Annas und 3000 Pais (ca. 5000 Mark). Diese

Strafe wird für dich so hart sein, daß du nie wieder vor mir zu

erscheinen brauchst.«

Einige Monate später aber geschah es, daß derselbe Mann trotzdem

wieder vor den Emir gebracht wurde. Da aber war Abdur Rahman in

finsterer Stimmung. Er sagte: »Komm einmal her, mein Freund, du bist

ein Bäcker, nicht wahr!« »Jawohl, Sahib.« »Und deine Brote haben

nicht die vorgeschriebene Größe?« »Nein, Sahib.« »Nun, dann muß in

deinem Backofen zuviel Platz sein«; und in leidenschaftliche Erregung

ausbrechend, rief der Emir: »Führt ihn fort und backt ihn in seinem

eigenen Ofen!« Diesem Befehl wurde sofort Folge geleistet.

Als ich eines Abends nach Hause kam, hörte ich, daß einer der in

Staatsdiensten stehenden Italiener einen afghanischen Polizisten

erschossen hatte. Wegen eines kleinen Vergehens – die einen sagten,

er habe einem Postbeamten eine Ohrfeige versetzt, die anderen, er

habe einem Tongafahrer das Fahrgeld zu zahlen verweigert, da er es

unverschämt hoch fand – sollte er von Polizisten vor den Kotwali – den

Polizeipräsidenten – gebracht werden. Piperno – so hieß der Italiener

– wollte sich aber nicht wie ein Verbrecher durch die Stadt führen

lassen und weigerte sich mitzugehen. Als die Polizisten ihn daraufhin

festnehmen wollten, riß er sich los und verschloß sich in sein Zimmer.

Darauf versuchten sie das Haus zu stürmen. In seiner Erregung schoß

nun Piperno durch die Holztür, die die Polizisten mit ihren Bajonetten

aufbrechen wollten, und traf dabei einen derselben tödlich. Darauf

erbrachen die anderen die Tür und schleppten den Italiener auf

die Polizeipräfektur. Er wurde nun zunächst im finstern Gefängnis

untergebracht und nach langen Verhandlungen zum Tode verurteilt. Man

wandte sich an die höheren Instanzen, aber auch die bestätigten das

Urteil.

Eines Morgens kamen unsere Diener und sagten, der Italiener werde

zu Tode gesteinigt, ob sie hingehen und sich das Schauspiel ansehen

dürften. Aber die Vollstreckung des Urteils wurde aufgeschoben.

Einen Ausweg gab es noch, um das Schlimmste zu verhüten. Man konnte

den »Mörder« loskaufen. Das übliche Lösegeld beträgt ca. 7000 bis

10000 Rupien (5600 bis 8000 Mark), und schließlich gelang es auch, zu

der Summe von 15000 Rupien (12000 Mark) die Angehörigen des Polizisten

zu bestimmen, auf das Blut des Italieners zu verzichten.

Manchmal, wenn wir abends spät von einem Spaziergang am Gefängnis

vorbeikamen, sahen wir aus den kleinen finsteren Räumen flackernden

trüben Lichtschein in das Dunkel der Nacht dringen. Vor dem Eingange

standen afghanische Polizisten in dunkelroten Uniformen mit schwarzen

Aufschlägen und schwarzen Lammfellmützen. Das Ganze machte einen

trostlos finstern Eindruck. Außer dem Gesandten und dem italienischen

Arzte durfte kein Europäer den Italiener besuchen. Nachts schlief

eine Wache in demselben Raume. Ich malte mir aus, welch furchtbare

Stunden der Gefangene hier wohl durchleben mochte, Stunden, Tage,

Wochen furchtbarster Ungewißheit. Als ich im Herbst Kabul verließ, saß

er immer noch im Gefängnis. Wir alle hofften damals, daß er bald in

Freiheit gesetzt werden würde; aber seine Leidensgeschichte sollte so

bald nicht zu Ende gehen.

Seit meiner Rückkehr aus Afghanistan hatte ich nichts mehr von ihm

gehört. Da brachten in den Junitagen die Tagesblätter die Nachricht,

daß Piperno umgebracht worden war. Folgendes konnte ich in Erfahrung

bringen:

Als man sich über das Sühnegeld geeinigt hatte, wurde der Italiener

eines Tages auf den Richtplatz geführt, wo er niederknien mußte und vom

Richter dem Schwager des Getöteten übergeben wurde. Dieser zog sein

langes Messer und warf es dann mit den Worten zu Boden: »Ein Afghane

beschmutzt sich nicht die Hand mit dem Blute eines Ungläubigen.«

Nach afghanischem Gesetz hätte Piperno nun noch zehn Jahre im Gefängnis

absitzen müssen. Man kann verstehen, daß er schließlich einen

Fluchtversuch unternahm, der durch Bestechung der Wachen glückte.

Er soll bis zur Grenze gekommen sein, dann aber brach er zusammen.

Der Sprache unkundig, von Sorgen und Kummer seelisch niedergedrückt,

stellte er sich freiwillig wieder den afghanischen Behörden. Diese

brachten ihn wieder nach Kabul zurück ins Gefängnis. Hier blieb er

einige Tage, dann holten sie ihn in aller Stille heraus und richteten

ihn hin. Die Europäer und die italienische Gesandtschaft erfuhren von

der Hinrichtung erst, als schon alles vorbei war.

Anfang Oktober verließ ich Kabul und begab mich über

Dschelalabad-Peshawar nach Delhi, wo ich am 6. Oktober eintraf.

XVI

INDIENS MÄRCHENPRACHT

a) Delhi

Morgens, in aller Frühe, traf ich in der Hauptstadt Indiens ein. Ein

Tonga brachte mich durch die stillen, noch unbelebten Straßen nach

dem kleinen Hotel Albion, das im Kudziagarten, unter hohen Bäumen

versteckt, gelegen ist. Die Luft war klar und rein, und es duftete nach

Blumen und frisch geschnittenem Gras.

Nach dem Frühstück fuhr ich mit dem Boy in die Stadt. Die roten Straßen

leuchten aus dem dunklen Grün der Mango-, Bananen- und Feigenbäume

hervor, und sie werden überall mit Wasser besprengt, was eine angenehme

Kühle verbreitet. Wir fahren durch das berühmte Kaschmirtor, in

das 1857 beim großen Aufstand von den Engländern die erste Bresche

geschlagen wurde. Im Gegensatz zu Kabul und Peshawar fällt mir sofort

die bunte Tracht der Inderinnen auf. Bei den Frauen herrscht Dunkelrot

und Gelb vor; sie haben ein großes Tuch – den Sari – um den Körper

geschlungen, und Arme und Füße sind mit schweren silbernen Ringen

geschmückt. Ihr Gang ist königlich stolz; aber ihre Gesichter sind

längst nicht so schön, wie die der Frauen Peshawars und Afghanistans.

Auf den Straßen sehen wir das typische indische Bild: Ochsen- und

Zebukarren, Tongas, Autos, Händler, die ihre Waren anbieten, ganz

vereinzelt auch einen Europäer in weißem Tropenanzug. Alles geht ruhig

und geordnet zu, und es kommt mir vor, als ob es Sonntag ist. In den

Anlagen turnen Affen auf umgestürzten Baumstämmen umher, und kleine,

grauschwarz gestreifte Eichhörnchen sieht man auf Schritt und Tritt.

Kinder, manchmal ganz nackt, spielen am Straßenrande; Männer sitzen

im Kreise im Schatten der hohen Bäume; spielen, rauchen Wasserpfeife,

plaudern oder schlafen. Hin und wieder sieht man auch, wie in

Afghanistan, eine ganz verschleierte Frau.

Die Hauptstraße Delhis ist die Chandni Chauk, an die sich manch

traurige Erinnerung knüpft. Hier wird einem noch der Platz gezeigt,

wo 1738 der Perserkönig Nadir Schah mit gezogenem Schwerte stand

und zusah, wie seine Soldaten im Laufe von acht Stunden mehr als

80000 Inder erschlugen, und wie Ströme Blutes durch die Gassen flossen.

Auch 1857 hat diese Straße eine große Rolle gespielt.

Eines der imposantesten Gebäude Delhis ist unzweifelhaft die Juma

Mesjid, die große Moschee. Aber etwas störte mich, wenngleich ich auf

den ersten Blick nicht sagen konnte, was es war. Ich besuchte die

Moschee mehrmals, und immer wieder drängte sich mir dieses Gefühl auf.

Schließlich erkannte ich, daß es der Kontrast zwischen dem dunkelroten

Sandstein und dem weißen Marmor war, der die Disharmonie hervorrief. Es

waren diese beiden Bausteine nicht fein genug gegeneinander abgestimmt,

wie etwa in Sikandra oder Agra. Der plötzliche Übergang des massiven

roten Sandsteins, der den Unterbau der Moschee bildet, zu dem zarten

Weiß der Minarette und Kuppeln, wirkt störend und läßt uns kalt. Es

ist gerade, als ob man einem schweren, gotischen Unterbau aus dunklem

Gestein einen feinen weißen Renaissancebau aufsetzen würde. Anders

aber wirkt das Bild abends, wenn die Sonne untergeht, und die Schatten

der Nacht sich auf die Stadt legen. Dann verschwinden die Kontraste

im Bau; wie eine Silhouette steht dann die Moschee da – gewaltig,

imposant, eine der schönsten Bauten, die man sich denken kann. Auf den

großen Freitreppen wimmelt es dann von Menschen; kleine Verkaufsstände

werden aufgeschlagen; unzählige Händler sitzen auf den Stufen im

Scheine kleiner Öllampen und bieten ihre Waren an. Es ist die Seele des

mohammedanischen Indiens, die hier zu uns spricht.

Ein paar Schritte durch enge Winkelgassen bringen mich von der

Moschee aus nach dem Jainatempel. Ich muß meine Schuhe ausziehen,

erhalte weiche Slipper und werde dann von einem Priester die weißen

Marmorstufen zum Tempel geführt. Er liegt inmitten eng gedrängter

Häuser und Gassen, ist nicht groß, wirkt aber durch seine Pracht

und Stille. Weiße Marmorsäulen, Bogengänge bildend, und herrliche

Freskenmalereien schmücken Decken und Wände. Leider sind sie aber

an manchen Stellen zerstört. Der heiligste Raum ist mystisch dunkel

gehalten; aber ich erkenne doch Götterbilder aus Bronze und Jade: eine

Buddhastatue erhebt sich in der Mitte auf einem mit Schnitzereien und

Schmuck fast überlasteten Piedestal. Leise nur bewegen wir uns, um

nicht die feierliche Ruhe zu stören. Der Priester hat sein kleines

Mädchen auf den Arm genommen und erklärt mir alles in freundlichster

Weise.

Abends fahren wir immer in die Parkanlagen. Wir besuchen den

Bergrücken, von dem aus 1857 die Stadt von den Engländern beschossen

wurde. Ein einfaches Denkmal ziert jetzt diese Stätte. Wir fahren dann

weiter nach dem »Flagstaff tower«, wo 1857 Frauen und Kinder Zuflucht

fanden, und passieren den vizeköniglichen Palast und das »Secretarys

Office«. Auch hier herrscht überall tiefes Schweigen, denn fast alle

Engländer sind in den Sommersitzen im Himalaja, da die Hitze noch

ziemlich groß ist. Einsam und verlassen träumen die hohen weißen

Gebäude im Schatten der großen Bäume.

Auf Schritt und Tritt erhält man einen Begriff von Englands Macht,

Größe und Kolonisationsfähigkeit, und man merkt bald, daß überall da,

wo der »Union Jack« weht, Ruhe und Ordnung herrscht. Man staunt, wenn

man sieht, was England hier in Indien geleistet hat, und sicherlich

würden viele bei uns anders über Indien urteilen, wenn sie einmal

längere Zeit dort weilen würden.

Draußen vor der Stadt, in einer weiten Ebene, auf die die Sonne

unbarmherzig niederbrennt, reiht sich Ruine an Ruine. Das alte Gemäuer

ist an vielen Stellen von Vegetation überwuchert, und grüne Papageien

haben hier ihre Schlupfwinkel gefunden. Unendlich still ist es hier

draußen, und ungestört kann man hier seinen Gedanken nachhängen

und träumen. Träumen von dem Glanz und der Pracht, die einst hier

herrschten, vor Jahrhunderten, Jahrtausenden – – – als Indraprastha als

Königssitz der Pândava gegründet wurde.

Durch breite, von Tamarisken und Kandelaberkakteen eingefaßte Alleen

fahren wir eines Tages gen Süden. Blaßblauer Himmel wölbt sich über dem

Häusermeer der Stadt, und die Sonne übergießt alles mit ihrem hellen

blendenden Licht, so daß man kaum wagt, die Augen zu öffnen. Wundervoll

leuchten die Marmorkuppeln der großen Moschee in der Morgensonne!

Wir halten vor einer großen Ruine. Hoch türmen sich die von

Schlingpflanzen überwucherten, gewaltigen Mauern vor uns auf. Es sind

die Überreste der Purana Kila, der 1534 von dem Großmogul Humajun

erbauten Zitadelle. Inmitten der hohen Mauern dehnen sich tiefgrüne

Rasenflächen aus, und betäubend duftende Blumen locken Schmetterlinge

an; große Falter, die mit schweren seidenen Flügeln von Blüte zu Blüte

schweben. Smaragdgrüne Papageien fliegen von Gemäuer zu Gemäuer; kein

Mensch ist weit und breit zu erblicken, nur der alte Wächter, der hier

angestellt ist, waltet seines Amtes.

Wir fahren weiter nach dem Grabmal Humajuns. Mein Boy plaudert ständig

und erzählt mir die größten Geschichten über die alten Baudenkmäler,

Geschichten, die ich schon lange kenne. Ich bin unendlich froh, daß ich

zu einer Zeit in Indien weile, wo noch nicht der große Fremdenstrom

sich über das Land gießt. Überall bin ich fast der einzige Fremde und

kann ganz ungestört Indiens Seele auf mich einwirken lassen. Was ich

erlebe und zu sehen bekomme, das ist das unverfälschte, reine Indien,

das Indien der alten Lieder, wie wir es uns nach den Büchern ausmalen.

Je mehr ich das Land kennen und verstehen lerne, um so mehr fühle ich,

daß ein großer Teil meines Lebens dem Studium dieses Märchenlandes

gewidmet sein wird.

Humajuns Grabmal wirkt imposant. Im Gegensatz zur großen Moschee

harmoniert hier der rote Sandstein mit dem weißen Marmor sehr gut; aber

nur deshalb, weil beide Gesteine eng miteinander verzahnt sind, und der

zarte weiße Marmor in den roten Sandstein des Unterbaues eingelegt ist.

Wenn man durch die hohen Hallen schreitet, hallen die Schritte von den

Wänden und der Decke wider, auch wenn man noch so leise auftritt, um

den Frieden nicht zu stören, der in diesen heiligen Gewölben herrscht.

In der Mitte, direkt unter der hohen Kuppel, steht ein einfacher

Marmorsarg. Er bezeichnet die Stelle, wo unter den Gewölben des

Unterbaues der Sarkophag Humajuns steht.

Nicht weit entfernt von diesem Bau ist das Grabmal Nizum-ud-Dins, eines

mohammedanischen Heiligen. Man sieht nur einfache, braungelbe Mauern

aufragen; einige hohe Bäume, ein paar Bettler, die hier herumlungern,

das ist alles, was man zuerst erblickt. Man muß wieder große Filzschuhe

anziehen, wird dann eine Treppe auf einen Plafond hinaufgeleitet,

und hier strahlt einem der weiße Marmor entgegen, daß man die Augen

schließt. Eine feingeschwungene, weiße Kuppel erhebt sich im Innern,

und ein Säulengang von weißem Marmor faßt sie ein. In der einen Ecke

des Hofes sind drei Fürstengräber. Am Kopfende des einen steht eine

Marmortafel, auf der in persischen Lettern zu lesen ist:

Laßt nichts als Gras mein Grab decken,

Gras ist die beste Decke für die arme

vergängliche Jehanara, die Schülerin

der heiligen Familie Chist, die Tochter

des Kaisers Schah Jehan.

Sie war die Lieblingstochter des Großmoguls und hat ihn bis zu seinem

Tode gepflegt. – Wundervoll zart sind die Marmorschnitzereien, die die

schweren Türen zieren. Mit welch unendlicher Geduld und Liebe müssen

die Künstler sich dieser Arbeit hingegeben haben!

Quer durch Afghanistan nach Indien · 第 13 / 16 段