Eingeborenensprache, das Hindustani, zu lernen. Ich hatte einen guten
Lehrer, einen »Munschi«, engagiert. Er war erschreckend mager, und für
ihn hätte auch die Bezeichnung »Knochenmensch« gepaßt, die wir seinem
Kollegen in Kabul zugelegt hatten. Er trug dazu noch enganliegende
Kniehosen und Wickelgamaschen, die seine Beine wie zwei Stöcke
erscheinen ließen. Sonst kleidete er sich sehr elegant, hatte immer
einen sauberen weißen Turban auf dem Kopfe und eine dünne Reitgerte
in der Hand, obgleich er nie ritt! Sein Unterricht bereitete mir viel
Freude, und ich machte bei ihm gute Fortschritte. Durch ihn erhielt
ich auch viele interessante kunstgewerbliche Arbeiten. Ich hatte ihm
nämlich gesagt, daß ich solche Sachen kaufen würde, und darauf kam er
Tag für Tag mit neuen Dingen an, forderte manchmal zwar ganz anständige
Preise, ließ aber auch mit sich handeln.
Eines Nachmittags, als wir es uns nach einer Fahrt durch die
Eingeborenenstadt in unserem Bungalowzimmer gemütlich machten, waren
wir Zeugen eines interessanten Schauspiels.
Wir lagen, so luftig wir nur irgend möglich angezogen, in den großen
Liegestühlen, tranken Tee und aßen die mit dicker, goldgelber Butter
bestrichenen Weißbrotscheiben. Es war ein sehr schwüler Maientag
und dicke Wolken über den nahen Khaiber-Bergen ließen das kommende
Gewitter ahnen. Gegen fünf Uhr erwartete ich meinen Munschi, aber
merkwürdigerweise kam er nicht. So beendete ich meine Briefe und
trat hinaus, um sie in den Postkasten zu werfen. Schon während ich
schrieb, hatte ich ein seltsames Summen vernommen, mir aber nichts
dabei gedacht. Nun aber sah ich, daß unsere kleine Veranda von einem
Bienenschwarm aufgesucht worden war. Schon einige Wochen vorher hatte
sich ein Schwarm in dem kleinen Holzschrank niedergelassen, der an der
Wand der Veranda hing und in dem unser Teegeschirr untergestellt wurde.
Der Schwarm hatte sich dort ganz häuslich eingerichtet, baute eifrig
und von Tag zu Tag konnten wir den Fortschritt seiner emsigen Arbeit
bewundern. Nun war ein zweiter Schwarm gekommen und wollte dem ersten
den Platz streitig machen. Dieser setzte sich natürlich heftig zur
Wehr, und es gab eine Schlacht, die mehrere Stunden dauerte und während
der wir nicht aus unserem Zimmer ins Freie gehen konnten.
Mit einer Hartnäckigkeit und einem Mut sondergleichen versuchten
die Bienen des eingedrungenen Schwarmes sich Zutritt zu dem Kasten
zu erzwingen. Immer wieder versuchten sie sich durch die schmalen
Türritzen zu klemmen, um dann im nächsten Augenblick von Bienen
des alten Stockes angegriffen zu werden. Meist stürzten sich gleich
mehrere auf eine Biene und oft hing ein ganzer Klumpen beisammen, der
dann auf den Boden fiel, wo stets der letzte Kampf ausgetragen wurde.
Wie Brummkreisel surrten und drehten sie sich dann auf dem Boden, bis
der Sieger dem Gegner den Todesstich versetzt hatte. Als gegen Abend
der Kampf ausgekämpft war, zählten wir nicht weniger als 85 tote
Bienen auf dem Boden. Der alte Stamm war Sieger geblieben und hatte
sich behauptet, und nun kamen die Ameisen und fielen über die toten
Bienen her. Schon während des Kampfes hatten sie zahlreiche Todesopfer
weggeschleift und jetzt holten sie sich den Rest. Im Laufe einer halben
Stunde war keine tote Biene mehr zu finden. Der alte Stamm aber baute
friedlich weiter, und die Waben wurden von Tag zu Tag immer größer.
In Peshawar erlebte ich auch ein heftiges Tropengewitter. Der Tag – es
war der 6. Mai – war furchtbar schwül gewesen und man war so schlaff,
daß man kaum eine Hand zu rühren wagte. Kein Luftzug gab etwas Kühlung,
die wir wie nie zuvor ersehnten. Gewitterwolken zogen auf, blauschwarz,
an manchen Stellen in violette Töne übergehend. In der Ferne rollte der
Donner, langsam kam das Gewitter näher. Ein erster Windstoß läßt die
Wipfel der hohen Bäume erzittern. Unheimlich still und drückend ist es.
Näher und näher kommt der Donner, und blaue Blitze zittern über den von
der Sonne fahl beleuchteten Felsbergen des Khaiber. Leise beginnt es
zu tröpfeln. Jetzt folgt Donnerschlag auf Donnerschlag und dann bricht
das Unwetter los. Der Regen wird dichter und dichter, und ganze Fluten
stürzen vom Himmel. Wie eine Glaswand schiebt sich der Regen zwischen
uns und die hohen Bäume des Gartens, so daß wir nur schwach noch deren
Umrisse erkennen können; sie biegen sich im Sturm, und es kracht und
knackt in den Ästen. Der rote Lateritboden wird aufgeweicht und rote
Bäche fließen zwischen den grünen Rasenbeeten dahin. Immer stärker
wird der Regen, der schließlich in Hagel übergeht. Immer größer werden
die Schloßen, die mehr als einen Zentimeter im Durchmesser haben, und
immer lauter wird das Trommeln auf dem Wellblechdach unseres Bungalows.
Es hört sich wie Maschinengewehrfeuer an. Bald sind die Wege und
der Rasen weiß. Wer hätte das gedacht – in Indien im Monat Mai! Die
kleinen Apfelsinenbäume, die im Garten stehen, sind entlaubt und die
kahlen Äste bieten einen traurigen Anblick. Es ist seit 30 Jahren das
erstemal, daß das Wetter im Pändschab wieder so kalt ist. Überall im
nordwestlichen Himalaja sind große Niederschläge niedergegangen. Nach
dem Unwetter war das Thermometer um zehn Grad gefallen und wir froren
bei dem plötzlichen Temperaturumschwung. Im Bungalow hatte es an
verschiedenen Stellen durchgeregnet, und der Boy hatte viel zu tun, um
alles wieder in Ordnung zu bringen. Die kleinen Geckos, die sonst immer
an den Wänden herumkrochen, hatten sich in ihre Schlupfwinkel in der
Mauer zurückgezogen.
Am Abend wetterleuchtete es noch ringsum, und schwarz wie Silhouetten
geschnitten hoben sich die Bäume sekundenlang gegen den schwefelgelben
Himmel ab.
Die Abende werden mir stets unvergeßlich bleiben. Dann saßen wir in
Korbsesseln im Freien auf dem grünen Rasen unter den hohen Bäumen,
tranken unseren eisgekühlten Whisky Soda und träumten vor uns hin. Die
unendliche Ruhe und Stille um uns, der Zauber der Tropennacht hielten
uns umfangen. Man hörte nur das gleichmäßige Surren der Maschinen
des nahen Elektrizitätswerkes oder von ferne her die Klänge eines
Grammophons.
Eines Sonntag abends gingen wir zum Gottesdienst und Konzert in die
englische Kirche. Es war sehr feierlich, und selten haben Schuberts
»Unvollendete« und Beethovens »Leonorenouvertüre« auf mich einen solch
tiefen Eindruck gemacht wie dort in Peshawar.
Aber die schöne Zeit ging auch zu Ende. Die wichtigsten Warensendungen
waren nach Kabul auf den Weg gebracht und neue Arbeit erwartete uns
dort.
XIV
SOMMERTAGE IN KABUL
Schon im März hatte der Frühling in Kabul seinen Einzug gehalten;
plötzlich, über Nacht. Die Wolken wurden in Schleier und Fetzen
zerrissen und mußten dem strahlend blauen Himmel weichen; und wo die
Sonnenstrahlen über den Boden liefen, da schmolz der Schnee in kurzer
Zeit. Ein paar Tage waren die Straßen in Schlamm verwandelt (Abb. 33).
In den Basargassen hatten sich Schlammseen gebildet, die man nur auf
hineingeworfenen großen Steinen passieren konnte. Überall glitt man
auf dem weichen, schlüpfrigen Boden aus, und über und über mit Schlamm
bespritzt kam man abends nach Hause. Aber dieses Tauwetter mit seinem
Schmutz, während dessen sich auch unsere Wohnung vor Feuchtigkeit
aufzulösen drohte, ging vorüber, und der Frühling war da. Das erste
zarte Grün kam hervor, und bald prangte das Land im schönsten Schmuck
des Frühlings, der seine Blumenpracht über das Land streute. Wo noch
vor 14 Tagen Schnee gelegen hatte, blühten jetzt die Rosen. Oft
bewunderte ich die großen Rosenbüsche, die vor dem Eingang zur Ark
standen. Hunderte weißer Blüten leuchteten aus dem Grün hervor, und
ein unendlich süßer, betäubender Duft schlug einem entgegen. Auf den
umliegenden hohen Bergketten aber lag der Schnee noch lange und auf den
5000 Meter hohen Spitzen der Paghmankette verschwand er erst im Herbst.
Noch bevor ich im März nach Peshawar ging, waren wir wieder einmal
umgezogen. Unser Hausherr ließ nämlich nichts mehr an dem Hause
machen; wir lagen ständig in Streit mit ihm, und da riß uns denn doch
schließlich die Geduld. An einem Sonntage zogen wir wieder mit unserem
Gepäck in das neue Quartier, dem Konkurrenzhotel »Enderabi«, das von
den Deutschen ironisch »Hotel Esplanade« getauft wurde (Abb. 41).
Wir blieben dort bis Juli wohnen. Mit Blaich hatte ich ein kleines
Zimmer, viel zu eng für all unsere vielen Sachen. Matt fiel das Licht
durch die kleinen roten, blauen und orangefarbenen Fensterscheiben;
arbeiten konnte man bei der Beleuchtung kaum. Am schönsten war unser
Empfangszimmer, unser »Salon«! der war groß, hatte viele Fenster, war
tapeziert und hatte einen großen Kronleuchter.
Als ich im Juni von Peshawar zurückkam, waren noch weitere Herren
unserer Gesellschaft eingetroffen. Wir waren nun sieben Personen und
hatten noch weitere Zimmer im Hotel gemietet.
Das Sommerwetter war herrlich. Tag für Tag blauer Himmel und
Sonnenschein. Wenn ich jetzt meine meteorologischen Aufzeichnungen
durchsehe, finde ich, daß wir von Anfang Juni bis Anfang Oktober
105 Sonnentage hatten, an denen auch nicht eine Wolke am Himmel sich
zeigte.
Wir hatten vom Dach unseres Hotels einen herrlichen Blick auf
die Berge. Vor uns erhob sich der von der Bala Hissar und alten
Befestigungen gekrönte Scher Derwaseberg. An einem schönen Sommertage
habe ich ihn einmal bestiegen. Früh schon brach ich mit unserem
neuengagierten Diener, dem Wasir, auf und bestieg den Bergrücken von
der Südseite aus. Prächtig muß einmal das Bild gewesen sein, als die
Befestigungen noch nicht geschleift waren, und Emir Abdur Rahman hier
seine Residenz aufgeschlagen hatte. Jetzt liegt alles in Trümmern, und
der Schutt der Ruinen vermengt sich mit den verwitterten Gneis- und
Schieferbrocken, die den Berg überziehen.
Auf einem großen Felsblock ließ ich mich nieder und ließ den Blick
über das Land schweifen. Wie auf einer ausgebreiteten Landkarte sah
ich das blaue Band des Flusses und die Stadt tief unter mir. Es war
zuerst nicht ganz leicht, sich in dem Meer von Häusern und platten
Dächern zurecht zu finden. Bald aber erkannte ich die Post, das Hotel
Enderabi und das Gebäude des Auswärtigen Amtes, sowie die Ark; nun
ging ich ganz systematisch vor, folgte den einzelnen Straßen und
Häuserblöcken und langsam löste sich das verwirrende Bild. Es war neun
Uhr, und schon war die Kraft der Sonne sehr groß. Ich zeichnete ein
Panorama von den umliegenden Bergen, die in allen Farben schimmerten.
Imposant war das Bild der Paghmankette, die mit ihren weißen Kuppen
sich scharf vom hellblauen Himmel abhob. Lange blieb ich noch oben und
konnte mich nur schwer von meinem schönen Aussichtspunkte trennen.
Gegenüber von unserem Berge, von ihm durch das tief eingeschnittene Tal
des Kabulflusses getrennt, erhob sich der Kuh-i-Asmai. Auf diesem war
ich einmal an einem trüben Wintertage gewesen. Tief eingeschneit lagen
damals die Berge und das Tal, und graue Nebel hingen über der Ebene.
Der Kuh-i-Asmai ist niedriger als der Scher Derwaseberg; trotzdem hat
man aber auch von ihm einen schönen Ausblick.
Gegen elf Uhr wurde die Hitze unerträglich, und nachdem ich noch einige
Gesteinsproben gesammelt hatte, begaben wir uns wieder nach Hause.
Arbeitsreiche Wochen folgten. Auf dem Zollamte lagen Hunderte von
großen Kisten, die alle der Verzollung harrten. Geduld muß man im
Orient bekanntlich überall haben, noch mehr als Geduld aber beim
Verzollen. Meistenteils gingen wir nach dem Essen nach dem Zollamt,
das ziemlich versteckt mitten in der Stadt lag. Ein großes Tor, ein
Innenhof voller Ballen, Kisten, Menschen, Kamelen, Eseln, Pferden,
Autos und Ochsen, ein Geschrei und Geschimpf, ein Gedränge, daß man
sich kaum zu retten wußte! Ständig schwirrte der Ruf: »Chaberdar,
chaberdar! Vorsicht, Vorsicht!« durch die stauberfüllte Luft (Abb. 60).
Oft stauten sich die Karawanen am Ausgang; dann ging es furchtbar her.
Dann gab es Schläge und Schreie, ein Drängen und Stoßen, ein Kämpfen
der Tiere untereinander. Mancher Huftritt wurde ausgeteilt, und oft
hörte man das klägliche Heulen eines Hundes, der sich in das Zollamt
verirrt und mit Steinwürfen und Fußtritten wieder hinausbefördert wurde.
Für unsere Ladung war im Hofe ein eigener Raum reserviert worden.
Wenn verzollt wurde, war stets der Mudir, der Direktor des Zollamtes
zugegen. Er war ein sehr freundlicher Herr und besaß eine fabelhafte
Ruhe, wie es sich für einen Zolldirektor gehört. Die Verzollung ging
derart vor sich, daß der Wert der Waren von eigens dazu angestellten
Schätzern geschätzt und von diesem Werte dann der Zoll, je nach Art der
Ware, 20 bis 200 Prozent genommen wurde.
Nun hatten wir in unserer Ladung natürlich sehr viele Sachen, die den
Afghanen noch ganz unbekannt waren. Die wurden manchmal unnatürlich
hoch eingeschätzt, und es mußte schwer gehandelt werden, bis die
Afghanen endlich den Wert annahmen, den wir für richtig hielten. Viel
Spaß hatten wir eines Nachmittags, als wir eine Kiste mit Spielwaren
verzollten. Jedes einzelne Stück wurde angestaunt, und der Direktor
selbst spielte den ganzen Nachmittag mit einem Affen, der die Trommel
schlug! Riesengroß war die Freude und das Staunen, als wir ein kleines
Automobil, das mit Federwerk versehen war, aufzogen und auf dem Boden
laufen ließen. Großen Eindruck machte auch das Aluminiumgeschirr, das
bisher in Kabul noch unbekannt gewesen war. Hatten wir die Kisten
verzollt, so engagierten wir uns eine Anzahl Lastträger. Jeder schnürte
sich eine der schweren Kisten auf den Rücken, und dann ging es im
Gänsemarsch unserem Lagerraum zu.
Manchmal war das Arbeiten im Zollamt kein Vergnügen. Wenn man auch nach
Möglichkeit versuchte, uns das Arbeiten in jeder Weise zu erleichtern,
so konnte man doch nicht verhindern, daß auch andere Händler und
Kaufleute ihre Waren in der Nähe der unsrigen aufstapelten. Besonders
unangenehm war es, wenn dort 50 bis 100 mit Hammelfett gefüllte
Ledersäcke lagen. In der großen Hitze – stieg doch das Thermometer
häufig mittags im Schatten auf 35 bis 40 Grad – war das Fett natürlich
ranzig geworden, drang durch die Nähte der Säcke, lief an ihnen
herunter, daß sie glänzten, als ob sie poliert seien und verbreitete
dazu einen ekelerregenden Geruch.
Sehr interessant gestaltete sich die Verzollung von Bier und
Spirituosen. Auch dies war für die Afghanen natürlich etwas ganz Neues,
da diese Getränke für die Mohammedaner verboten sind. Jeder von uns
erhielt einen Schein, auf dem vermerkt war, wieviel Bier, Whisky usw.
er im Jahre verbrauchen durfte. Kam dann eine Sendung an, so wurde
die Anzahl Flaschen, die der betreffende haben wollte, von seinem
Kontingent abgeschrieben. Auch waren wir verpflichtet, genau Buch
darüber zu führen, an wen wir die Spirituosen verkauft hatten. Daß wir
an Afghanen kein Bier verkaufen durften, versteht sich von selbst.
Bei jedem einzelnen Gegenstand, den wir verzollten und der den Afghanen
unbekannt war, mußten wir ihnen erklären, wozu er diente. Zollfrei war
gar nichts – mit Ausnahme von gebrauchter Wäsche. Bücher, selbst Bilder
von unseren Angehörigen mußten verzollt werden! Sicher ist der Zoll
eine der Haupteinnahmequellen des Landes.
War die Tagesarbeit getan, dann machten wir meistenteils noch einen
Spaziergang, besuchten Bekannte und waren um acht Uhr zum Essen
daheim. Auf dem Dache war es immer recht frisch. Dann saßen wir beim
Scheine der Stallaternen, plauderten oder lasen. Später löschten wir
auch wohl die Lampen aus und blieben beim Glanz der Sterne und des
Mondes noch lange auf unserem Dach. Auch die Diener gingen meist spät
schlafen. Lange noch sah man den roten Lichtschein aus der Küche in
den Hof fallen. Meist saßen sie um das Feuer, plauderten, rauchten
Wasserpfeife, oder Gulam – unser indischer Koch – las ihnen etwas vor,
denn er war sehr gelehrt und war weit in Asien herumgekommen.
In der heißen Jahreszeit schliefen die Diener immer im Hof. Nachts
sank die Temperatur auf 25 bis 28 Grad Celsius, tagsüber erreichte
sie im Schatten 38 bis 40 Grad Celsius. Um elf Uhr jeden Abend wurde
ein Kanonenschuß abgegeben. Nach dieser Zeit durfte keiner mehr ohne
Laterne ausgehen. Wurde man ohne Laterne von einem roten Polizisten
erwischt, so mußte man die Nacht auf der Wache zubringen und am anderen
Morgen Rechenschaft ablegen, was man so spät noch auf der Straße
getrieben hatte.
Wir schliefen bei offenen Fenstern und Türen. Oft wachte man nachts
auf; dann hatte sich eine Katze oder ein anderer nächtlicher Ruhestörer
ins Zimmer geschlichen. Manchmal fand man morgens die Küchenreste auf
den Teppich verstreut, meistens schön abgenagte, weiße Knochen! Daß
die Tiere sich als Nachtlokal immer gerade mein Zimmer aussuchten und
meinen Teppich immer als Speisetisch nahmen, fand ich ungehörig! Wenn
sie sich dabei leise und anständig benommen hätten, hätte ich auch
noch ein Auge zugedrückt! Aber sie legten es doch manchmal darauf an,
die Nachtruhe zu stören. Von meinem Feldbett aus warf ich dann wohl
einen Stiefel, oder was sonst gerade zur Hand war, ins Zimmer. Dann war
es einige Minuten still. Schließlich gab man dann doch den Kampf als
aussichtslos auf, legte sich auf die andere Seite und schlief wieder
ein.
Im Hofe war auch das Hühnervolk untergebracht, unser lebender Proviant,
der jede Woche frisch ergänzt wurde. Stets kaufte Gulam auch einige
Hähne und ausgerechnet solche, die eine sehr laute Stimme hatten. Der
eine war Tenor, der stets nachts übte; schon um drei Uhr begann er zu
krähen, laut und vernehmlich! Dann antwortete von ferne ein anderer
Hahn und sofort begann er wieder unermüdlich Minute auf Minute. An
Schlaf war dann nicht mehr zu denken.
Eines Nachts, als er gerade wieder seine Stimme erschallen ließ und
schon um zwei Uhr begann, riß Wagner denn doch die Geduld. Ich sah,
wie er in seinem Zimmer Licht anzündete und mit einem kräftigen Fluch
– tschirakäsch, pedersäk – so etwa wie Hundesohn – in den dunklen
Hof stürzte. Darauf hörte ich einen festen Gegenstand gegen die Wand
aufschlagen; es war entweder sein Stiefel oder ein Stein! Gulam wurde
geweckt, und nun begann die nächtliche Hahnenjagd. Die Aufregung war
allgemein. Sämtliche Diener nahmen an der Jagd teil. Endlich war der
Übeltäter erwischt und wurde in die Küche gesperrt, wo er am folgenden
Tage sein Leben beschließen mußte. Wir aber krochen wieder auf unsere
Feldbetten, bis uns um fünf Uhr das jämmerliche Geschrei des Esels
weckte, der im Nachbarhofe unter einem großen Baume angebunden war ...
XV
UNRUHIGE ZEITEN
Schon im Frühling, bevor ich nach Indien ging, liefen durch Kabul
Gerüchte von einem Aufstand der Mangals, die im Khostgebiet nahe der
indischen Grenze wohnen (s. Karte). Bestimmtes war aber nicht zu
erfahren.
Als ich in Peshawar war, las ich in den Zeitungen oft Berichte über
die Lage in Afghanistan, vermochte aber nicht, mir ein klares Bild
zu machen. Inder und Afghanen, mit denen ich zu tun hatte, erzählten
mir die größten Schauermären, unter anderem, daß in Kabul Revolution
ausgebrochen sei. Gerade in jenen Tagen erhielt ich eines Abends auch
ein Telegramm, durch das mir mitgeteilt wurde, vorerst keine weiteren
Karawanen nach Kabul zu schicken, da Gefahr im Anzuge sei. Da ich
gerade eine Karawane startbereit hatte, mußte ich alles wieder abladen
und einlagern lassen. Bange Tage und Wochen folgten; nie aber konnte
man etwas Bestimmtes erfahren. Alles waren Gerüchte, die beim genaueren
Zuschauen sich als unwahr oder übertrieben erwiesen. Trotzdem mußte
irgend etwas vor sich gehen.
Einmal hieß es, die Ghilsai-Stämme hätten sich den Aufständischen
angeschlossen, das andere Mal, die Wasiris wären dem Emir zu Hilfe
gekommen. Beides war nicht wahr. Eines nur hörte man immer wieder: Es
sei ein Gegenemir aufgestellt, ein gewisser Abdul Kerim, der in dem
Gebiet, das sich zwischen Ghasni und der indischen Grenze ausdehnt,
die Stämme zum Kampf gegen den Emir Amannullah Khan aufgerufen habe.
Daß irgend etwas nicht in Ordnung war, wurde uns dadurch bewiesen, daß
die Post immer sehr lange unterwegs war, und daß der Telegraph häufig
mehrere Tage nicht funktionierte.
Als ich aber Anfang Juni wieder nach Kabul zurückkehrte, hatten sich
die Wogen gelegt, und es hieß, daß der Krieg vorbei sei. Die Soldaten
kamen zurück, wurden mit Blumen geschmückt, und jeder erhielt vom Emir
ein kleines Geldgeschenk und ein seidenes buntes Tuch. Im Basar war das
Gedränge noch einmal so groß; überall standen Gruppen um Soldaten herum
und wollten hören, wie es im großen Krieg, im »Jenk«, gewesen war. Und
die Soldaten erzählten die größten Romane.
Als ich eines Abends nach Hause kam und gerade die Treppe hinaufgehen
wollte, sah ich auf einem der Dienerbetten einen Soldaten sitzen. Da
die Diener häufig Freunde und Bekannte einluden, ging ich achtlos
vorbei. Da rief er mich plötzlich an: »Doktor Sahib«, ich drehte mich
um – es war Abdul Sebur. Ich hätte ihn nicht wiedererkannt, so mager
und elend sah er aus. Er freute sich wie ein kleines Kind, daß er
wieder zurück war und Aussicht hatte, bald wieder in unsere Dienste
treten zu können. Mehr und mehr Truppen kamen zurück, und es sah ganz
danach aus, als ob wirklich der Friede wiederhergestellt sei.
Aber Ende Juli begannen neue Unruhen; diesmal schien es ernster zu
werden. Am 3. August fuhren wieder 20 große Lastautos mit Soldaten,
Gewehren und Munition an die Front. Im Basar ging das Gerücht, die
Aufständischen seien nur noch einen halben Tagesmarsch von Kabul
entfernt. Am 4. August wurde erzählt, daß die in Darulaman wohnenden
Europäer sich in die Stadt zurückziehen wollten. Viele Italiener
hatten ihre Pässe eingefordert und reisten ab. Auf der Gesandtschaft
wurden Beratungen gepflogen, welche Schutzmaßnahmen zu ergreifen seien,
damit die Kolonie im Ernstfalle nicht ganz ratlos und schutzlos sei.
Vorerst wollten wir alle in unseren Wohnungen bleiben, packten aber
unsere entbehrlichen Sachen zusammen und verstauten alles in einem
großen Hause, in dem sich der größte Teil der deutschen Kolonie im
Notfalle verschanzen sollte.
Am 6. August steigerte sich die Unruhe. Gerüchte schwirrten wieder
durch die Stadt von dem bevorstehenden Überfall auf Kabul. Am Abend
saßen wir gerade beim Essen auf dem Dach unseres Hauses, als der
Hauswirt kam und uns flehentlich bat, ihm Benzin zu geben. Er bot einen
außerordentlich hohen Preis; aber wir mußten unser Benzin für den
schlimmsten Fall selbst behalten. Sämtliche Gefährte in Kabul – auch
Autos – waren von der Regierung requiriert worden, nur den Europäern
hatte man ihre Wagen gelassen. Am Tage vorher hatte Gulam erzählt, daß
auch die Straße nach Dschelalabad unsicher sei; ein Freund von ihm, der
nach Peshawar wollte, sei wieder zurückgekehrt, da die Karawanen in der
Gegend von Dschelalabad geplündert würden.
Wir fragten uns oft, was wohl mit den Europäern geschähe, wenn die
Stadt genommen würde und eine neue Regierung käme. Die Ansichten waren
sehr geteilt; die einen waren sehr pessimistisch, und ahnten das
Schlimmste. Andere sahen ruhig in die Zukunft. Da sich die Bewegung der
Aufständischen jedoch indirekt gegen die Europäer wandte, glaubte ich
eher, daß die erste Ansicht die zutreffendere war.