Tscharikar schon in ältesten Zeiten besiedelt gewesen, da hier
ein großer Knotenpunkt für alle Karawanenstraßen ist. Von Osten
(Pändschschir-Chawak), von Westen (Bamian-Ghorbend), von Norden
(Hindukuschpässe) und von Süden (Kabul) treffen alle Straßen hier
zusammen. Noch ungelöst ist die Frage, ob Alexanders des Großen
Städtegründung Alexandria in dieser Gegend lag. Viele Forscher
vermuten, daß die Stadt auf der Begram-Ebene südöstlich von Tscharikar
gelegen habe, denn hier hat man viele Münzen gefunden, die aus alter,
griechisch-baktrischer Zeit stammen. Auch sollen Überreste aus
buddhistischer Zeit aufgedeckt worden sein.
[Illustration: 53. Blumenbeete bei Darulaman und die neue Straße
Kabul-Darulaman]
Die Koh-i-Daman-Ebene mit dem Ghorbendtal ist einer der fruchtbarsten
Landstriche Afghanistans. Fährt man von Dschebl-es-Seradsch nach Kabul,
so passiert man Dorf an Dorf, Garten an Garten, während zu beiden
Seiten sich die hohen, pittoresken, kahlen Berge hinziehen.
[Illustration: 54. Auf dem Wege nach Dschelalabad]
Bei bitterkaltem Wetter und einem schneidenden Winde trafen wir wieder
in Kabul ein und freuten uns, bald Indiens sonnige Fluren grüßen zu
können.
Da nämlich im Laufe des Januar ein Dampfer in Karatschi eingetroffen
war, der eine große Sendung für unsere Gesellschaft an Bord hatte,
mußte einer von uns nach Indien, um die Sendungen von dort aus nach
Kabul auf den Weg zu bringen bzw. sie in Peshawar einzulagern. Da auch
zwei Autos in der Ladung waren, die aufmontiert werden mußten, schloß
sich Blaich, der mit allen autotechnischen Arbeiten vertraut war, mir
an.
XII
IM AUTO VON AFGHANISTAN NACH INDIEN
Wochen verstrichen, und es wurde Zeit, daß wir uns für die Reise nach
Indien rüsteten.
Endlich am 18. März, frühmorgens, stand das für die Fahrt gemietete
Auto vor unserem Hause. Es war halb sieben, und es begann zu dämmern.
Der Himmel war bewölkt. Kein Mensch war zu erblicken, als wir durch
die noch schlafende Stadt fuhren. Es war still; nur das Rauschen des
Kabulflusses drang an unser Ohr. Bald hatten wir die Stadt und ihre
Gärten hinter uns und fuhren der aufgehenden Sonne und den Bergen
entgegen. Hin und wieder trafen wir Afghanen, die der Stadt zueilten,
und langsamen Schrittes zog eine Kamelkarawane an uns vorüber.
Bei Khurd Kabul erreichen wir die Talsperre; ein kleiner, blaugrüner
See ist durch diese hier aufgedämmt. Er liegt wie ein geschliffener
Türkis inmitten der verwitterten, düster ausschauenden Schieferberge,
die noch auf den Kuppen Schnee tragen. Wir halten einige Minuten, um
Benzin aufzufüllen, und dann geht es hinein in die Bergwelt. Höher
und höher schrauben wir uns, bis wir endlich die ca. 3000 Meter hohe
Paßhöhe des Häftpasses erreichen, von der aus wir einen wundervollen
Blick auf die hohen Berge Laghmans und des wilden Kafiristan haben.
Aber die Luft ist noch nicht ganz klar, und es sieht aus, als ob ein
dünner lila Schleier über den tiefen Tälern liegt. In Serpentinen
geht es wieder hinab, und die Kurven sind manchmal recht scharf. Eine
Strecke lang sind die verwitterten Berghänge mit kleinen, dunkelgrünen
Büschen bedeckt, und oft erfreut eine saftig grüne Wiese im Talgrund
unser Auge. Der Chauffeur hat den Motor abgestellt, denn infolge der
starken Neigung fahren wir auch so mit sausender Geschwindigkeit dahin.
Oft begegnen uns Karawanen, und es dauert manchmal lange, bis es uns
gelingt, an diesen vorbeizukommen. Stets gibt es Unordnung: Tiere
reißen sich los, Lasten fallen zu Boden, die Männer schimpfen und
fluchen und blicken uns vorwurfsvoll an.
Langsam geht es hinunter nach Djegdellek und Surkh-pul. Hier in
diesen Schluchten war es, wo 1841 der letzte Rest der anglo-indischen
Armee von den Afghanen niedergemetzelt wurde. Die Leiden dieses
Rückzuges müssen furchtbar gewesen sein. Es war mitten im Winter, in
furchtbarer Kälte und tiefem Schnee, als die Armee unter ständigen
Angriffen der Ghilsais von den Höhen aus sich den Rückweg zu erkämpfen
suchte. Zu Hunderten, zu Tausenden kamen sie um – – verdursteten,
erfroren, verhungerten oder wurden von den Afghanen abgeschlachtet und
niedergeschossen; nur ein einziger Überlebender sollte den Untergang
der Armee melden können.
Bei Surkh-pul passieren wir eine große, rote Brücke und machen an der
Straße Rast, wo einige kleine Verkaufsstände aufgeschlagen sind. Ein
alter, zudringlicher, in Lumpen gehüllter Bettler will nicht von uns
weichen. Die Kinder, unter ihnen bildhübsche kleine Mädchen, stehen um
uns herum, betasten das Auto und starren uns an.
Wir fahren über kleine, sandige Pässe auf das Plateau von Ghandamak
hinauf, wo 1879 die Friedensverhandlungen zwischen Engländern und
Afghanen stattfanden. Dann geht es hinunter in die Djelalabader Ebene.
Ein schwarzgrüner Zypressenhain, in dem ein kleines Bungalow liegt, ist
Nimla. Im Süden zieht sich der schneebedeckte Sefid-kuh hin, dessen
untere Hänge mit Fichtenwald bestanden sind; der einzige Wald, den
ich in ganz Afghanistan gesehen habe! Die Vegetation wird üppiger und
üppiger; wir fahren auf einer von hohen Tamarisken eingefaßten Chaussee
dahin (Abb. 54). Das blaugrüne, fein zerschlitzte Laubwerk der Bäume
sticht scharf gegen das saftige Grün der Wiesen und Felder ab. Gegen
vier Uhr nähern wir uns der Stadt; Kinder spielen am Straßenrande und
haben sich mit Blumen geschmückt – wir sind aus dem winterlichen Kabul
in den Sommer gefahren! Um halb fünf treffen wir in Djelalabad ein und
werden im Sommerpalast Bagh-i-Schahi untergebracht. Ganz Djelalabad ist
eine üppige Oase. Hohe Tamarisken neigen sich über die großen, breiten,
gut gepflegten Alleen; Garten reiht sich an Garten, und der Blumenduft
ist geradezu betäubend.
Abends sitzen wir auf der Terrasse des Gartenschlosses und blicken auf
den kleinen, künstlich angelegten See zu unseren Füßen. Es ist fast
totenstill; man hört nur das leise, feine Zirpen der Zikaden und das
Plätschern der kleinen Springbrunnen. Die Luft ist schwül; es hat sich
wenig abgekühlt, und kein Luftzug regt sich, so daß der Rauch unserer
Zigaretten in der Luft stehenbleibt. Ehe es dunkel wird, mache ich
noch ein paar Skizzen. Dann geht der Mond auf. Vor uns am See ragt
eine riesige Palme mit prachtvoller Krone auf und hebt sich scharf
vom blauen, sternübersäten Nachthimmel ab. Ernste Zypressen stehen
wie Wächter um den See; aus dem Dunkel des Gebüsches leuchten große,
weiße Rosen, und schwer liegt der süße Duft von tausend Blüten auf dem
Garten. Wir sitzen noch lange auf der Terrasse; selten, daß einer ein
Wort spricht. Hier könnte man lange träumen! Nach der Zeit in Kabul
kommt es uns hier märchenhaft schön vor, und morgen soll es nach Indien
gehen!
Während des ersten afghanischen Krieges hat Djelalabad eine große Rolle
gespielt, da sich hier die eine englische Brigade unter General Sale
verschanzt hatte. Wenn man die Berichte aus jenen unglücklichen Tagen
des Januar 1842 durchliest, kann man sich ein Bild machen, in welch
furchtbarer Ungewißheit und Angst um ihre in Kabul zurückgebliebenen
Kameraden und den Rest der Armee die paar Offiziere waren, die die
Djelalabader Garnison befehligten. Langsam war es ihnen zur Gewißheit
geworden, daß ein furchtbares Schicksal die Armee betroffen haben
mußte. Am 13. Januar sollte die Botschaft kommen. Man arbeitete gerade
auf den Wällen, als man auf der Straße, die nach Kabul führt, einen
einsamen Reiter erblickte, der langsam und mühsam, als ob Pferd und
Reiter jeden Augenblick vor Schwäche zusammenbrechen wollten, näher
kam. Ein Schaudern ergriff die Leute: jener einsame Reiter sah wie der
Todesbote aus! Ihre Ahnungen erwiesen sich als richtig. Es war der
einzige Mann, der die Geschichte von der vollständigen Niedermetzelung
der Armee melden sollte. Man brachte den Verwundeten, Erschöpften,
Halbtoten ins Fort: es war Dr. Brydon, und er berichtete, daß er der
einzige Überlebende einer Armee von 16000 Mann wäre.
Wenn man heute in Djelalabads Blumengärten weilt und die Stille und
den Frieden atmet, der über dieser kleinen paradiesischen Oase und
der fruchtbaren Ebene liegt, dann ahnt man nichts von den Leiden, die
dieses Tal schon gesehen hat. In der Nähe von Bagh-i-Schahi steht das
Winterschloß des Emir inmitten eines herrlichen Blumengartens, und
nicht weit entfernt ist die Stelle, wo am 20. Februar 1919 der Vater
des jetzigen Königs – Habibullah – ermordet wurde.
In aller Frühe brechen wir von Djelalabad aus auf. Bald haben wir das
Grün der Gärten und Felder hinter uns gelassen und kommen wieder in
echt afghanische Landschaften, in denen kaum ein Fleck Grün das Auge
entzückt. Die Straße ist schlecht, und wir können nur langsam fahren.
Die Flußbetten sind fast ausgetrocknet; ein Glück für uns, da die
Brücken schlecht und manchmal zerstört sind. Hin und wieder treffen wir
kleine Trupps Nomaden – Mohmands. Die Frauen und Mädchen gehen hier
nicht verschleiert, und man sieht oft hübsche Gesichter, dunkeläugige
Mädchen, um deren schwarzes Haar schöner Silberschmuck geschlungen ist.
Sie tragen alle tiefschwarze, in Falten herabfallende, pyjamaähnliche
Gewänder.
Trostlos öde, wie von der Sonne verbrannt, sehen die Berge aus.
Sie bestehen aus Schiefer und Gneis. Wir fahren weiter durch eine
große, sandige, mit Blöcken bestreute Ebene, in deren schlechten
Wegen die Räder des Wagens tief einsinken. Nur langsam können wir
vorwärts kommen. Wärmer wird es, schwüler. Die Farben, in die die
Landschaft getaucht ist, sind unendlich zart und duftig; im hellsten
Lila schimmern die Berge im Norden des Kabulflusses, der sich wie
ein silbernes Band durch die fruchtbare, hellgrüne Ebene von Lalpura
schlängelt. Wir kommen nach Dekka. Unten am Flusse, inmitten eines
kleinen Hains, liegt das Wächterhäuschen, wo unsere Pässe kontrolliert
werden. Man bewirtet uns mit Tee und Obst, und dann geht es hinein in
den Khaiber-Paß.
Zwischen Dekka und dem Passe treffen wir keinen Menschen. Die Fahrt
dauert ca. 20 Minuten. Wild zerrissen sind die Berge, und man ahnt,
wie schwer hier die Kriegführung sein muß. Unbarmherzig brennt die
Sonne hernieder und die Luft flimmert über den nackten Felsen. Wir
fahren an zwei verlassenen, kleinen Lehmhütten vorbei; dann treten die
Berge wieder enger zusammen, und bald sehen wir das Khaiber-Haus hoch
oben auf einem Berge thronen. An der Grenze ist ein Stacheldrahtzaun
gespannt, und auf einer großen Tafel liest man:
It is absolutely forbidden to cross the border into Afghan Territory
(Abb. 61).
(Es ist absolut verboten, die Grenze nach Afghanistan zu überschreiten.)
Hoch oben links an den Berghängen stehen ein paar Baracken, wo der
afghanische Grenzposten Wache hält. Er kommt herunter, prüft noch
einmal unsere Pässe, und dann können wir unsere Reise fortsetzen. Bald
haben wir das erste große englische Barackenlager erreicht – Lundi
Khana –, und dann geht es immer höher hinauf, bis Ali Mesjid in Sicht
kommt. Die Straße ist meisterhaft angelegt und nur für den Autoverkehr
geöffnet; die Karawanen gehen im Tale, auf der für sie angelegten
Straße. Hier auf der Khaiber-Straße bekommt man eine Vorstellung von
dem Leben, das sich auf den großen Karawanenwegen, die Indien mit den
Nachbarländern verbinden, abspielt. Aber nur an zwei Tagen in der Woche
ist der Paß für den Karawanenverkehr freigegeben. Immer wieder und
wieder muß man die Nomaden betrachten, die mit ihrem ganzen Hab und Gut
große Strecken durch die öden Gebirgsländer Zentralasiens zurücklegen
(Abb. 59). Alle gehen zu Fuß: Frauen in schwarze oder tiefblaue
Gewänder gehüllt, schwere Bündel auf dem Kopf tragend oder mit Stöcken
die Tiere antreibend; junge Mädchen, häufig zerrissen, zerlumpt, aber
schön wie junge Zigeunerinnen; junge Burschen und Greise, die der
Karawane vorauseilen. Auf einem der größten Kamele sieht man zuweilen
auch kleine Kinder thronen, die ängstlich mit ihren schwarzen Augen in
die Welt blicken und dem Hühnervolk Gesellschaft leisten, das auch auf
dem hohen luftigen Sitze die weite Reise mitmacht.
[Illustration: 55. Unser Wohnhaus]
Und dann geht es in großen Serpentinen hinab ins indische Flachland,
über dem ein grauer Dunstschleier liegt. Bald grüßt uns der im Winde
flatternde »Union Jack« vom Jamrud-Fort, wo unsere Pässe noch einmal
kontrolliert werden, und in einstündiger Fahrt treffen wir mittags in
Peshawar ein.
[Illustration: 56. Afghanischer Karawanenführer]
XIII
PESHAWAR
Die ersten Tage in Peshawar waren für uns, nach dem Leben, das wir in
Kabul geführt hatten, eine wahre Erholung. Wir erhielten ein hübsches,
geräumiges Hotelzimmer mit Bad, und die Bedienung ließ nichts zu
wünschen übrig. Die Verpflegung war erstklassig, und erst jetzt merkten
wir, wie einfach wir in Kabul gelebt hatten.
[Illustration: 57. Friseur und Schuster, Kabul]
Morgens um sechs Uhr oder halb sieben brachte uns der Boy bereits das
»tschota hasri«, das kleine Frühstück, das aus Tee, geröstetem Brot und
Obst bestand, ans Bett. Nach dem Breakfast und dem Lesen der Zeitungen
und Post nahmen wir uns einen Tonga und fuhren in die Stadt, um hier
unserer Arbeit nachzugehen: Warensendungen zu deklarieren, Kisten
umzuladen und mit Karawanenführern zu verhandeln (Abb. 68).
[Illustration: 58. Afghanen]
Der Weg von Deans Hotel nach der »City«, wie die Eingeborenenstadt
heißt, verläuft längs der Eisenbahn. Der Bahndamm trennt hier
zwei Welten; auf der einen Seite liegt das »Cantonment«, das
Europäerviertel, auf der anderen die City. Die Engländer verstehen
es wie vielleicht keine andere Nation sich ein hübsches, gemütliches
Heim zu schaffen, selbst unter den erschwertesten Bedingungen. Jedes
Bungalow ist ein kleines Schloß für sich, das wie ein Edelstein im Grün
der Bäume und inmitten einer unbeschreiblichen Blütenpracht versteckt
liegt. Überall bewahrheitet sich der englische Spruch: »My home is my
castle.« Dann zog ich wohl einen Vergleich zwischen Indien und Rußland,
zwischen dem Pändschab und Russisch-Turkestan, zwischen Peshawar und
Kuschk. Hier in Indien herrscht überall die peinlichste Ordnung und
Sauberkeit. Selbst in den kleineren Städten sieht man den englischen
Einfluß. England hat Indien Ruhe und Sicherheit geschenkt, das muß
jeder zugeben, der sich einmal gründlicher mit der Geschichte Indiens
beschäftigt hat. Würde England heute aus Indien herausmüssen, so wäre
das Chaos die notwendige Folge. Die Spannungen zwischen Mohammedanern
und Hindus sind doch derart, daß diese niemals in Eintracht miteinander
regieren würden. England hat aus Indien erst das gemacht, was es heute
ist. Das wissen die Inder auch sehr gut, wenn sie es auch nicht immer
zugeben wollen. Selbst hochgestellte Inder, wie Tagore, ahnen, daß das
Volk noch nicht reif ist, sich selbst zu regieren. Sie fürchten die
große Masse. Nur eine starke Hand kann das Riesenreich zusammenhalten,
der Inder ist zu schwach dazu.
[Illustration: 59. Nomaden auf dem Weg von Kabul nach Dschelalabad]
Daß Turkestan bei einem Vergleich mit Indien schlecht abschneidet,
wird keinen verwundern, der Russen und Engländer in ihrer Arbeit und
Lebensweise kennt. Der Engländer ist der Mann der Praxis, der große
Wegebauer, der große Bewässerungsingenieur, dem kein Gelände zu
schwierig, kein Volk zu wild ist; kurz, der einfach keine Hindernisse
kennt. Der, wenn er einmal etwas unternimmt, dieses auch gründlich und
restlos, manchmal allerdings auch rücksichtslos durchführt. Ich brauche
nur an die großen Autostraßen zu denken, die das Pändschab durchziehen,
und sie mit den Straßen in Turkestan zu vergleichen, oder nur an die
Bahn Merw–Kuschk und die Bahn Peshawar–Khaiber-Paß.
[Illustration: 60. Zollhof Kabul]
Die Engländer sind ein Herrenvolk, das sich seiner weißen Rasse stets
bewußt ist und stets bewußt bleiben wird, und das immer eine gewisse
Distanz von den farbigen Rassen zu wahren weiß.
[Illustration: 61. Die indisch-afghanische Grenze]
Der Russe ist Halbasiate. Schon in Moskau fängt Asien an. Er ist
genügsam bis zum äußersten. Wir Westeuropäer würden solch ein Leben,
wie er es jetzt führt, einfach nicht ertragen können. Unsere Seele
würde sterben, die Freude am Leben schwinden. Die Sonne würde fehlen.
Wir Deutsche sind – wie die Engländer – viel zu sehr an Ordnung,
Sauberkeit und einen gewissen Wohlstand gewöhnt, als daß wir in
düsteren Stuben wohnen könnten, in die kein Licht und kein Sonnenstrahl
fällt.
[Illustration: 62. Afridi in Peshawar]
Je näher man der Eingeborenenstadt kommt, um so lebhafter wird der
Verkehr. Große zweiräderige Ochsenkarren schleppen sich langsam über
die staubigen roten Straßen, Zebus, hübsch geputzt, mit vergoldeten
Hörnern, ziehen kleine Wägelchen, und Eselkarawanen trippeln vorbei.
Unter den großen, schattenspendenden Mango- und Banianenbäumen sitzen
die Männer, rauchen Wasserpfeife, trinken Tee oder schlafen. Durch das
Laubwerk der Bäume fallen die Sonnenstrahlen und streuen blendende
Flecke auf den roten Boden. Am Grabenrande liegen die Wasserbüffel;
einige stehen im Wasser unbeweglich, als ob sie schliefen, andere
gucken nur mit dem großen Kopf aus dem schmutzigen Tümpel heraus.
Beim Edwardstor ist der Eingang zur City. Hier reiht sich Verkaufsladen
an Verkaufsladen, alles offene Stände, wie wir sie auf unseren
Jahrmärkten haben. Das Gedränge ist riesengroß, und der Fahrer muß
ständig klingeln und schreien, um sich den Weg durch die Menge zu
bahnen (Abb. 64). Und über allem liegt die Sonne, und der blaue Himmel
strahlt auf das bunte Leben hernieder. An jeder Straßenkreuzung
steht ein eingeborener Polizist in graugrüner Uniform und blaurotem
Turban, der für Ruhe und Ordnung sorgt. Auch hier im Peshawar-Basar
sieht man manchmal hübsche indische Frauen, besonders den Grenzstämmen
angehörend. Eng werden manchmal die Gassen, so daß man kaum noch mit
dem Wagen hindurchfahren kann. Begegnen sich zwei Gefährte, so muß das
eine zurückfahren, bis eine Seitengasse kommt, in das es einbiegen und
dem anderen Gefährt den Weg freigeben kann.
Von den Dächern der Häuser hat man einen herrlichen Ausblick auf die
umliegende Bergwelt. Besonders morgens, wenn die Luft noch klar und
rein ist. Wie eine weiße Sägelinie ziehen sich die hohen Ketten im
Norden am Horizonte hin. Die Hauptkette des Himalaja kann man nicht
sehen; aber schon der Anblick der Mohmandberge ist imposant. Die Farben
der fernen Ketten sind außerordentlich weich und duftig. Wie lila
Schleier schimmern ihre Felsen, die mit blendend weißen Schneeflocken
gekrönt sind.
Dicht vor der City liegt der Zoologische Garten, der weniger durch
seinen Tierbestand als durch seine herrlichen Anlagen das Auge
erfreut (Abb. 65). Am schönsten war es hier immer morgens oder
abends. Die Anlagen sind sehr gut gepflegt, und die Blütenpracht war
unbeschreiblich schön. Einige Laubengänge waren über und über mit einer
rankenden, tiefviolett blühenden Klematis überwachsen, und die frischen
Schößlinge der Palmen leuchteten in gelbgrünen Farben. Der Reiz der
Tropenvegetation liegt zweifellos in der Mannigfaltigkeit der Formen
und besonders der Farbentöne. Alle Nuancen von Grün sind vorhanden,
vom hellsten Gelbgrün bis zum weichen Blaugrün der Tamarisken, durch
das sich die schwarzen Stämme ziehen und gegen das der dunkelrote
Lateritboden absticht. Friede und Ruhe herrschten hier.
Eines Tages unternahmen wir eine größere Autofahrt, die uns durch den
Zoo an den Kabulfluß führte. Viele Bewässerungskanäle sind hier vom
Hauptflusse abgezweigt, den wir auf einer Pontonbrücke kreuzen. Das
Wasser ist eine Lehmsuppe von gelbbrauner Färbung, und die Strömung
ist sehr stark. Man hat von hier einen umfassenden Überblick über die
weite Peshawar-Ebene, die von einem Kranze hoher Berge eingefaßt ist.
Die Gipfel im Westen sind schneefrei, kahl und felsig und schimmern
braunrot in der Nachmittagssonne.
Wir fahren dicht beim Chakdarra-Fort vorbei und eilen weiter an die
Grenze des unabhängigen Gebietes, das mit kleinen Wachttürmen besetzt
ist. Wir kreuzen den Kabulfluß wieder bei Michni, wo eine große eiserne
Brücke über den Fluß führt. Hier tritt der Kabulfluß aus einer tiefen
Schlucht heraus, die er sich durch die Mohmandberge gesägt hat. Langsam
neigt sich die Sonne dem westlichen Horizonte zu, der sich rotgelb
zu färben beginnt. Grüne Papageien flattern oft aus den Büschen auf,
wenn wir vorbeifahren, und kleine graue Eichhörnchen klettern schnell
auf die Bäume. Auf dem Wege ziehen Nomaden: Mohmands und Afridis
(Abb. 62). Die Frauen sind ganz in Schwarz gekleidet, groß und stolz
schauen sie aus, und ihre bildhübschen Gesichter sind sehr anziehend;
aber sie sind nur schön, solange sie jung sind; später werden sie
grauenhaft häßlich, und oft kann man wahre Hexen sehen. Alle diese
an der indisch-afghanischen Grenze wohnenden Stämme sind berüchtigte
Räuber. Nicht etwa, daß sie ihre Überfälle ausschließlich auf die
Engländer richten; nein, jede Karawane, die durch ihr Gebiet muß, ist
gefährdet, und auch unter sich führen sie ständig Kleinkrieg. Jedes
Dorf hat seinen grauen, viereckigen Wachtturm, und jeder sieht in
seinem Nachbarn einen Räuber. Das Heimatland dieser Völker hat sie von
Kind auf zu Räubern erzogen. Es ist ein wildes, zerrissenes Bergland,
das auf Schritt und Tritt Räubern Schlupfwinkel bieten kann. Unten in
den Tälern verlaufen die großen Karawanenstraßen, und am Fuße der Berge
liegen in fruchtbaren, grünen Ebenen die großen Städte, die mit ihrem
Reichtum locken. Was ist einfacher, als hier zu plündern und dann mit
dem Raub in die Berge zu verschwinden! Fast immer werden die Überfälle,
die Raids, in der Nacht ausgeführt, und meistenteils schließen sich
10 bis 20 junge Burschen zusammen, um den Überfall zu unternehmen. Am
räuberischsten sind die Wasiris, mit denen die Engländer schwere Kämpfe
auszufechten hatten.
Ein englischer Offizier fragte einmal einen Afridi, was sein Stamm tun
würde, wenn ein Krieg zwischen Rußland und England ausbräche. Darauf
gab der Alte zur Antwort: »Nun, wir würden hier auf unseren Berggipfeln
sitzen und würden ruhig zusehen, wie ihr kämpft, bis wir genau merken,
wer von euch unterliegen wird. Dann, im letzten Augenblick, werden
wir uns von unseren Bergen herabstürzen und den Besiegten bis auf das
allerletzte, das er hat, ausplündern! Allah ist groß! Was wäre das für
eine Zeit für uns!«
Eine Stadt, die häufig das Ziel der Überfälle war, ist Kohat, südlich
Peshawar. Im Jahre 1922 drangen hier Afridis ein, schlichen, ohne von
den Wachen bemerkt zu werden, in das Bungalow des Majors Ellis, der
gerade verreist war, töteten seine Frau und verschleppten seine schöne
18jährige Tochter in die wilden Bergschlupfwinkel von Tirah. Hätte man
eine Strafexpedition ausgerüstet, so wäre Miß Ellis sicher getötet
worden. Dies wußte auch der High Commissionar der Nordwestprovinz,
Sir John Maffey, und so nahm er das Anerbieten einer tapferen
Krankenschwester, Mrs. Starr, an, die sich allein in das unabhängige
Gebiet begab, den Aufenthaltsort der Miß Ellis ausfindig machte und sie
wieder nach Indien zurückbrachte. Wie ihr dies gelang, das möge man in
ihrem fesselnden Buche »Stories of Tirah and Little Tibet« nachlesen.
Wie in Afghanistan so herrscht auch unter den Grenzvölkern die
Blutrache, die sich Generationen hindurch auswirkt.
England hat jetzt an verschiedenen Stellen große Straßen quer durch
das unabhängige Gebiet gebaut, und überall sind Militärstationen
über das Land verstreut. Mehr und mehr werden die wilden Grenzländer
aufgeschlossen, und die Zeit wird nicht mehr fern sein, wo der »Pax
Britannica« auch endgültig in diese wilden Bergländer einziehen wird.
Wer einen Einblick in die Arbeit der englischen Beamten und Offiziere
erhalten hat, die an der indischen Nordwestgrenze stationiert sind, der
weiß, was hier geleistet wird.