Am folgenden Tage zogen wir wieder in diese Gegend. Wir hatten dem

einen Diener einen Rucksack mit Proviant mitgegeben, denn wir brachen

schon gegen zehn Uhr auf. Wieder folgten wir der Schlucht und dem engen

Trockental. An einer Stelle fanden wir eine Menge Versteinerungen,

größtenteils aber nur Steinkerne aus den großen Kreidekalkwänden, die

über uns aufragten. Bald kamen wir in große Schneefelder, die sich über

die Nordhänge der Berge hinzogen. Auf einer kleinen Kuppe machten wir

Rast. Der Träger war weit zurückgeblieben. Wir waren ziemlich schnell

vorangestiegen und lagerten direkt unterhalb der Plateauränder, deren

Wände senkrecht vor uns aufstiegen. Auf einem Seitensporn gelang es uns

dann, auf die Nordseite aufzusteigen, und von dort hatten wir einen

so umfassenden Ausblick über die ganze Hindukuschkette, daß wir hier

oben ungefähr zwei Stunden verweilten (Abb. 50). Als der Träger kam,

stärkten wir uns erst, und dann begannen wir die nähere Umgebung zu

rekognoszieren, photographische Aufnahmen zu machen, zu skizzieren und

Gesteine zu sammeln. Im Süden dehnte sich die Haupt-Hindukuschkette

aus. Schneegipfel reihte sich an Schneegipfel; aber wir vermißten

auch hier alpine Formen, trotzdem die Berge über 5000 Meter aufragen.

Gletscher fehlen ganz, ebenso Kare. Dieses Gebirge trägt mehr den

Charakter eines Mittelgebirges. Tief unter uns sahen wir ein Stück des

Talbodens, in dem Barfak liegt.

Im Norden treten wieder die grünen Schiefer auf; aber in der Ferne

sahen wir auch höhere, schneebedeckte Berge aufragen, die, der Form

nach zu urteilen, aus Granit zu bestehen schienen. Ich konnte mir nach

der Karte kein rechtes Bild machen, was dies für Berge sein mochten.

Kein Lebewesen war zu erblicken, nicht einmal ein Raubvogel schwebte um

die hohen Gipfel. Ich hatte gehofft, von unserem Führer einige Namen

der Berge zu erfahren, aber er wußte nichts. Auf dem einen Bergsattel

errichteten wir ein kleines Steinmal, das wir mit Hilfe des Fernglases

auch nachher vom Tale aus wiedererkennen konnten. Fern im Osten erhob

sich ein großer, dreizackiger Gipfel, der sehr hoch sein mußte; es sah

aus, als ob drei große Schneepyramiden aneinandergesetzt waren.

Als die Sonne unterging, stiegen wir wieder ab. Im Tale erwartete

uns der andere Diener mit den Pferden. Wir ritten darauf noch etwas

dem Dorfe Tala zu, das in einer schönen, großen Ebene gelegen ist.

Zwischen Tala und Barfak hat sich der Fluß durch die Berge in tiefer

Schlucht geschnitten; ich versuchte mit Blaich, hier in die Schlucht

einzudringen, aber wir kamen nicht sehr weit. Das Gestein ist überall

vulkanischer Herkunft; Porphyre, Trachyte, Basalte wechseln auf

kurze Erstreckung miteinander ab und haben die Sandsteine und grünen

Schiefer stark umgewandelt. An einigen Stellen enthalten die letzteren

eingeschaltete dünne Kohlenflöze, die verschiedentlich schwelten. Da

die Kohle stark schwefelhaltig war, so roch es überall nach Schwefel-

und Kohlendioxyd, und an manchen Stellen kamen die weißen Dämpfe

aus den Felsen heraus. Das ganze Erdreich sah verbrannt aus. Es

dämmerte bereits, als wir ins Lager kamen, und wir waren froh, daß

der liebenswürdige Gouverneur schon unser Abendessen hatte zubereiten

lassen.

Als wir am anderen Tage erwachten, schneite es wieder einmal. Dicke,

graue, bleischwere Wolken hingen an den Bergwänden, und uns blieb

nichts weiter übrig, als zu Hause zu bleiben. Morgens kam ein Sänger,

der dem Gouverneur seine Kunst zeigen wollte. Das Beste, was er

vorbrachte, war ein Lied, zu dem er selbst die Lautenmusik ganz

täuschend nachahmte. Ich habe beobachtet, daß die Afghanen beim Gesang

oft die Augen schließen. Man hat unwillkürlich den Eindruck, daß sie

sich ganz ihrem Gesang hingeben, der jedoch meist monoton ist und auf

die Dauer einschläfernd wirkt.

Als es gegen Mittag zu schneien aufgehört hatte, ließen wir unsere

Pferde satteln und machten uns wieder auf den Weg. Wir ritten wieder

in die Surch-ab-Schlucht hinein und sammelten hier noch einige

Gesteinsproben. Es war naßkalt, und die düsteren kahlen Felswände

erschienen uns noch trostloser. Von den höchsten Spitzen war nicht viel

zu sehen; düstere Wolken jagten über die Gipfel.

Am anderen Morgen rüsteten wir uns zum Rückweg. Das Wetter hatte sich

nicht recht aufgeklärt, Wolken hingen wieder an den Hängen. Zuerst

kamen wir ziemlich schnell vorwärts, aber der Übergang über den

Chak-Paß war doch sehr anstrengend. Da viel Schnee lag und der Aufstieg

auf die Höhe ziemlich steil ist, glitten die Tiere ständig aus, und wir

mußten achtgeben, daß nicht eins über den Abhang in die Tiefe rollte.

Von der Höhe des Passes hat man einen herrlichen Ausblick (s. Abb. 46).

Gegen Mittag klärte sich das Wetter auf, und bei Sonnenschein kamen

wir wieder in Doab an. Ich war mit Blaich weit zurückgeblieben; als

wir kurz vor Doab ein paar Lehmhütten passierten, stürzten plötzlich

zwei große Hunde auf uns und bissen unsere Pferde in die Beine, so

daß sie fast scheuten. Die afghanischen Hunde sind eine Art Mastiff,

kurzhaarig, kolossal kräftig gebaut, mit großem Kopf. Sie sind

außerordentlich gute Wächter. Oft, wenn wir abends spät noch in ein

Dorf kamen und noch zehn Minuten weit entfernt waren, merkten die

Hunde schon, daß Fremde nahten, und begannen zu bellen und Alarm zu

schlagen. Es war immer ein sehr unangenehmes Gefühl, besonders wenn

es schon ganz dunkel war und man nichts erkennen konnte. Tagsüber

konnte man sich die Hunde durch Steinwürfe vom Leibe halten, nachts

aber konnte man nur mit der Reitpeitsche versuchen, sich freie Bahn

zu schaffen. Die Afghanen behandeln die Hunde schlecht; ich habe oft

die armen Tiere bedauert, die Fußtritte über Fußtritte erhielten. Wie

oft konnte man das Schmerzgeheul eines Hundes hören, und wie oft sah

man Hunde mit gebrochenen Beinen! Kein Wunder daher, daß die Tiere,

die sich die Europäer zulegten, sehr bald jeden Afghanen anbellten,

Europäern aber nichts zuleide taten.

Von Doab-i-Mekhzarin wollten wir dem Bamianflusse folgen, der sich

zwischen Doab und Schumbul in einer tiefen Schlucht durch die

Hauptkette des Hindukusch gesägt hat. Kein anderer Fluß durchschneidet

sonst den Hindukusch, und da dieses Gebiet noch nie von einem

Europäer besucht worden war, reizte mich die Erforschung dieser

Durchbruchsschlucht aufs äußerste. Schon während meiner Studienjahre

hat mich das Problem der großen Flußdurchbrüche immer wieder gefesselt,

und in meiner Arbeit über Tibet und den Himalaja habe ich ausführlich

diese Fragen gestreift. Es war mir daher eine große Freude, Gelegenheit

zu haben, eine derartige Durchbruchsschlucht durch eines der höchsten

Gebirge unserer Erde studieren zu können.

Bei herrlichstem Wetter verließen wir am 21. Januar Doab-i-Mekhzarin,

ritten eine Strecke weit flußaufwärts und bogen dann in das Seitental

ein, durch das der Bamianfluß aus dem Gebirge tritt. Das enge Tal bot

viele hübsche Bilder. Der Fluß war von Gestrüpp und Weiden eingefaßt

und an manchen Stellen wuchs mannshohes Schilf, das aber gelb und

trocken war und raschelte, wenn wir hindurchritten. Manchmal mußten

wir den Fluß kreuzen, da die Felsen senkrecht zum Flusse abfallen;

reißend, schäumend stürzt das Wasser über die großen Granitblöcke, und

wir müssen sehr auf unsere Pferde aufpassen, daß sie nicht stürzen.

Fast wäre es dem Pferde des Schikar Sahib so ergangen, wenn er nicht im

letzten Augenblick die Zügel straff angezogen hätte. Nachdem wir etwa

drei Stunden geritten waren, verengte sich die Schlucht derart, daß der

Fluß wie in einem Korridor zwischen senkrechten Felswänden dahinschoß.

Auch wurden die Felsen viel zerklüfteter, und große Blöcke, ja, ganze

losgebrochene Felswände hingen eingeklemmt zwischen den Wänden der

Schlucht. Wir mußten daher den Fluß verlassen und zogen über eine

seitliche Paßschwelle in ein anderes kleines, ganz geschütztes Tal, in

dem die kleinen Lehmhütten von Bagrak liegen. So früh waren wir noch

nie in ein Lager gekommen. Mir war dies sehr angenehm, konnte ich mir

doch gründlich die nähere Umgegend betrachten. Zu Mittag erhielten wir

ein ausgezeichnetes Brot, auch am anderen Tage in Ghandak; nirgends

in Afghanistan habe ich sonst ein so gutes Brot gegessen, wie hier im

Herzen des Hindukusch.

Man gab uns wieder einen Soldaten mit auf den Weg, und dann brachen

Blaich und ich auf. Auf den Nordhängen lag der Schnee überall ziemlich

hoch. Wir folgten einem kleinen Seitental, das uns schnell auf ein

höheres Plateau brachte. Der letzte Aufstieg war ziemlich steil, und

wir mußten oft stehenbleiben, um Luft zu schöpfen. Blaich glaubte an

einer Stelle einen Wolf gesehen zu haben, der in ein kleines Seitental

verschwand. Vorsichtig schlichen wir über das eingeschneite Plateau

an den Rand des Wasserrisses, erkannten aber in der Tiefe nur große

Blöcke. Wir warteten eine Viertelstunde, aber nichts rührte sich.

Wir hatten das Gewehr wieder einmal umsonst mitgenommen! Im Schnee

aber sahen wir viele Wolfsspuren; wie gerne hätten wir einmal etwas

Abenteuerliches erlebt! Das Leben in diesem Lande ist gar nicht so sehr

abenteuerlich, wie man denken könnte. Viele werden erwarten, in einem

Buche über Afghanistan mindestens einige Räubergeschichten zu finden;

aber wenn man nicht Pech hat, könnte man jahrelang in Afghanistan

umherziehen, ohne daß einem ein Haar gekrümmt wird. Gewiß gibt es auch

einige Gegenden, die weniger sicher sind, wie zum Beispiel Kafiristan

und die Gegenden um Ghasni und Kandahar; aber im großen und ganzen

sind die Verhältnisse doch weit geordneter als früher, wo in jedem

Afghanistanbuch die tollsten Räubergeschichten erzählt wurden.

Wir streiften auf dem Plateau umher, und ich konnte ein sehr gutes

Bild von den morphologischen Verhältnissen gewinnen. An anderer Stelle

bin ich ausführlich auf diese wissenschaftlichen Fragen eingegangen.

Wir stiegen vom Plateau die steilen vereisten Hänge ab, die direkt ins

Bagraker Tal abfallen. Es kostete uns viel Mühe und wir mußten sehr

vorsichtig sein. Ziemlich lange waren wir fortgewesen, und man hatte

schon nach uns Ausschau gehalten.

Der nächste Tag war vielleicht der interessanteste auf unserer Tour;

ging es doch quer durch die Hauptkette des Hindukusch. Wir waren

schon früh auf. Der Himmel war bezogen und ein kalter Wind blies

uns entgegen. In einem Seitental zog die Karawane langsam auf das

Hochplateau hinauf, auf dem wir gestern nachmittag schon weilten. Wie

düster und traurig die Landschaft aber aussah! Kein bißchen Grün, gelb

und vertrocknet das kurze Gestrüpp, das den Boden bedeckt und das

raschelt und knackt, wenn die Tiere darauf treten! Die Berge sehen

so finster und ernst aus; wie anders der gestrige Nachmittag, als

die Strahlen der untergehenden Sonne sich über ihre schneeigen Hänge

legten! An einer Stelle sahen wir einen Hasen, der sich hinter einem

Busche verkroch; die kühnen Jäger hatten wieder Jagdfieber, trafen aber

natürlich nicht, und mit gewaltigen Sätzen sprang er über die Hügel

davon!

Ein endloser Abstieg erfolgte und wir kamen wieder in die Nähe des

Flusses, dessen Rauschen und Donnern wir schon von weitem hörten. Der

Abstieg war schwierig. Wir mußten ca. 200 Meter absteigen. Der Pfad

war geradezu halsbrecherisch. Schritt für Schritt ging es abwärts,

bis wir schließlich unten in der Schlucht ankamen. Hier teilte sich

unsere Karawane; Blaich, der Pole, der Michmandar, Schikar Sahib und

ich ritten zurück in die Schlucht, während die anderen dem Flusse

abwärts nach dem nächsten Lager folgten. Wir ritten etwa eine halbe

Stunde; die Felswände schlossen sich immer enger und enger zusammen,

und das Toben und Rauschen des Wassers wurde immer lauter. Wir konnten

uns selbst durch Zurufe nicht mehr verständigen. Schließlich mußten

wir umkehren, da der Weg durch Riesenfelsblöcke, die heruntergestürzt

waren, versperrt war. Dann folgte ein stundenlanger, einsamer Ritt

durch die Schluchten und Talengen des Bamianflusses. Immer wieder

und wieder mußte der Fluß gekreuzt werden, wobei das eiskalte Wasser

den Pferden fast bis an den Sattelgurt reichte. Die Ufer des Flusses

waren von dicken Eisrändern eingefaßt, und oft mußten wir diese erst

durchschlagen, ehe wir den Fluß durchreiten konnten. Oft brachen die

Tiere durch die Eisdecke und stürzten. Dann ging es wieder über steile

Felshänge, und man wunderte sich, wie die Pferde dort noch Halt finden

konnten. Das Pferd des Michmandars glitt an einer Stelle aus und rollte

an einer – Gott sei Dank – nicht so gefährlichen Stelle den Abhang

hinab. Zum Glück gelang es dem Reiter, sofort aus dem Steigbügel zu

kommen, so daß er nur mit einer kleinen Fußquetschung davonkam.

In der Gegend von Jalmisch angekommen, wurden wir mit Tee und Brot

erquickt und zogen dann weiter nach Ghandak. Schwarze Schieferfelsen,

teilweise tief verwittert, täuschten Kohle vor. Das Tal erweiterte

sich und wir hatten Ausblick auf die hohen Schneegipfel (Abb. 51). In

Ghandak herrschte große Aufregung, als wir ankamen. Solch zahlreichen

Besuch und dazu noch Europäer hatte man hier in der einsamen

Gebirgswelt sicher nicht erwartet und noch nie gesehen. Als in dem

finsteren Loche, in dem wir untergebracht worden waren, abends das

Lagerfeuer aufflackerte und wir auf unseren Feldbetten liegend unser

Abendessen verzehrten, kamen einige alte Weißbärte herein, setzten sich

um das Feuer und glotzten uns unverwandt an, ohne ein Wort zu sagen.

Am Abend erfuhren wir noch, daß ein Pferd ins Wasser gestürzt war.

Wir befürchteten schon, daß es eines unserer Gepäckpferde sei. Zum

Glück kamen unsere Sachen aber heil und trocken an. Es war das Pferd

des Michmandars gewesen. Er machte am anderen Tage ein sehr betrübtes

Gesicht, denn sein schöner, mit prachtvollem Pelz gefütterter Mantel

war vom Wasser vollständig verdorben und brüchig geworden.

Am folgenden Tage dauerte es geraume Zeit, bis wir aufbrechen konnten.

Das Beladen der Tiere dauerte endlos lange, und so kamen wir erst gegen

zehn Uhr fort. Es war ein herrlicher Tag und die Luft war rein und

klar. Wie anders doch gleich die Stimmung ist, wenn die Sonne scheint!

Alle sind fröhlich und lustig und man merkt, daß es jedem einzelnen

Spaß macht, im warmen Sonnenschein durch diese majestätische Bergwelt

zu ziehen. Oft mußten wir wieder den Fluß kreuzen, der an einer Stelle

ziemlich tief war. Ein Diener wurde vorausgeschickt, um den besten

Übergang ausfindig zu machen. Man zog die Beine so hoch wie möglich,

aber oft wurden doch die Stiefel naß. Die Pferde hatten mit aller

Gewalt gegen die reißende Strömung anzukämpfen, und man war froh, wenn

man das andere Ufer glücklich erreicht hatte.

Dann mußten wir wieder an steilen Felswänden entlang, wo von einem

Pfade kaum noch eine Spur zu erkennen war. An einer Stelle krochen wir

sogar auf allen Vieren an den aus verwitterten Schiefern bestehenden

Hängen entlang, während unter uns der Fluß toste und schäumte. Ich

bewunderte die Pferde, die selbst an den gefährlichsten Abhängen mit

großer Sicherheit sich bewegten.

Das Tal verengte sich an manchen Stellen derart, daß der Fluß den

Talboden fast ganz ausfüllte. Senkrecht erhoben sich die Felswände zu

beiden Seiten Hunderte von Metern hoch, und nur an einigen Stellen sah

man die hohen Schneegipfel über die Felsklippenränder herüberragen.

Dicht vor dem Ausgange der Schlucht – oder besser Anfang der Schlucht

– thronten auf einem hohen Felsabhange die Ruinen einer alten Stadt.

Wir sahen mächtige Mauern, stehengebliebene Torbogen und Türme sich vom

blauen Himmel abheben. Leider hatten wir keine Zeit, diese Ruinenstätte

näher in Augenschein zu nehmen; ich habe es schon oft bedauert, daß ich

nicht doch einige Stunden der Untersuchung dieser alten Ruinen gewidmet

habe. Aber erst bei der späteren Ausarbeitung der Tagebücher sieht

man, worauf man noch hätte seine Aufmerksamkeit lenken müssen. Als wir

mittags aus der Schlucht austraten und wieder in das breite, ostwest

sich hinziehende obere Längstal des Bamianflusses kamen, verabschiedete

sich der Gouverneur von uns. Als er mit seiner Schar hinter einem Berge

verschwunden war, ritten wir dem Schibarpasse zu. In der Mittagssonne

war es herrlich warm und man konnte kaum glauben, daß es Januar war.

Abends in Schumbul aber wurde es sehr kalt, und man kroch dichter als

sonst ans Lagerfeuer! Draußen goß der Vollmond sein fahles Silberlicht

über die eingeschneite Bergwelt, die in tiefem Schweigen dalag.

Am anderen Tage brachen wir früh auf, galt es doch wieder über den

Schibarpaß nach Kasi Besé zu kommen. Es war ein klarer, kalter

Wintertag, und wir waren gezwungen, den ganzen Weg größtenteils zu

Fuß zurückzulegen, da wir sonst vor Kälte in dem scharfen Winde auf

dem Pferde erstarrt wären. Schnee, Schnee und wieder Schnee! An

den Mähnen und Schwänzen der Tiere hängen Eiszapfen. Ein lebhafter

Karawanenverkehr findet im Winter hier statt, da der direkte Weg

von Bamian nach Kabul über den Hajigakpaß dann infolge des Schnees

gesperrt ist. Ein kleiner, schwarzer Esel war unter seiner Last

zusammengebrochen und blickte uns traurig aus seinen großen dunklen

Augen an, als wir vorbeiritten. Ein paar Reiter sausten im vollen

gestreckten Galopp über die Schneefelder dahin; Kamelkarawanen

zogen langsamen Schrittes durch die weiße Bergwelt. Auf der Paßhöhe

befinden sich einige Unterkunftshütten. Im Freien wurde ein großes

Feuer angezündet, Tee getrunken und gefrühstückt. Herrlich war die

uns umgebende Bergwelt! Die weißen Schneefelder strahlten ein solch

helles Licht aus, daß man fast geblendet wurde. Der Weg hinunter nach

Kasi Besé war an vielen Stellen stark vereist, so daß wir auch hier

die Tiere immer führen mußten. Aber auf der Straße wurde tüchtig

gearbeitet. Die vereisten Stellen wurden mit Sand und Kies bestreut.

In Kasi Besé erwartete uns das Auto, das uns noch am selben Tage nach

Siah-Gird brachte.

Wir blieben nun zwei volle Tage in diesem Dorf, denn es handelte sich

darum, einige Kohlevorkommen in der Umgegend zu begutachten. Zu dem

einen Vorkommen, das nicht sehr weit entfernt lag, gingen wir zu Fuß,

denn es waren am ersten Tage keine Pferde aufzutreiben. Das ganze Tal

zwischen der Paghman- und Hindukuschkette muß in früheren Zeiten einmal

von einem See bzw. Sumpf ausgefüllt gewesen sein, denn überall treffen

wir Sandsteine, Mergel, Tone mit eingeschalteten dünnen Kohlebändern.

Später, also in ziemlich junger Zeit, hat das ganze Gebiet dann

starke Störungen erfahren. Auf diesen mehr oder weniger eintönig grau

gefärbten Ablagerungen liegen die tiefdunkelroten Sandsteine und

Konglomerate des Jungtertiärs. An einer Stelle erhoben sich die Ruinen

einer alten Lehmfeste, die ebenfalls aus tiefrotem Gestein aufgeführt

war. Alle Bäche und Rinnsale, die wir antrafen, führten tiefrotes

Wasser. Die rote Farbe rührte zweifellos von dem Eisengehalt der alten

Kalksteine her, die sich an den Südhängen des Hindukusch hinziehen.

Im Tale selbst befinden sich einige große, junge Terrassen, auf denen

verfallenes Gemäuer steht.

Interessanter war der Besuch von Gaoparan, das in der Paghmankette

liegt. Wir ritten wieder in das kleine Tal ein, in dem wir tags

zuvor schon gewesen waren, und wandten uns dann langsam, immer höher

ansteigend, gen Süden. Die Gegend ist außerordentlich fruchtbar;

überall längs der kleinen Bäche, die von der Paghmankette herabkommen,

dehnen sich Gärten und Anpflanzungen aus. Die Abhänge sind kunstvoll

bewässert; Aprikosen, Äpfel und Weintrauben aus dem Ghorbendtal sind

wegen ihrer Güte weit und breit bekannt. In Gaoparan statteten wir

dem Distriktschef einen Besuch ab. Wir wurden mit herrlichem Obst

bewirtet und erhielten den nie fehlenden grünen Tee, der immer aus

kleinen Schalen getrunken wird. Sowohl die Tassen wie die Teekannen

sind russisches Fabrikat. Der hohe Beamte war nicht sehr freundlich

im Gespräch. Es dauerte auch geraume Zeit, bis man uns andere Pferde

stellte. Dann zogen wir tiefer in die Bergwelt hinein und kamen in

große Schneefelder. Das Wetter war schön, sonnig, und wir hatten nach

allen Seiten einen herrlichen Ausblick auf die hohen Berge. Hinter

Gaoparan trafen wir keine Menschenseele mehr.

Wir waren allein inmitten der Schneefelder; kein Windzug rührte sich,

und es war warm wie im Sommer. Je höher wir kamen, um so umfassender

wurde der Blick. Die Kohlevorkommen waren recht kläglich und bestanden

aus kleinen, dünnen, stark gestörten Bändern. Wir blieben lange in

diesem Gebiet und kehrten dann am Nachmittage nach Gaoparan zurück.

Dieses kleine Dorf liegt wie ein Räubernest in den Bergen; die Häuser

sind an die Hänge angelehnt. Unter der Bevölkerung sah ich sehr hübsche

Menschen; besonders die kleinen Mädchen sahen – trotz des Schmutzes

– ganz reizend aus. Wir hielten uns hier wieder einige Zeit auf und

traten dann am Spätnachmittag den Heimweg an.

Als die Sonne unterging, wurden die Schneefelder des Hindukusch mit

einem Hauch von Rosa übergossen, so fein und duftig, daß man die

Schneegipfel fast mit den rosa Abendwolken verwechseln konnte. Dann

rückten die blauen Schatten höher und höher und die Nacht hüllte das

Tal ein. Es war sehr dunkel, als wir endlich wieder in unserem Quartier

in Siah Gird eintrafen.

Am anderen Tage fuhren wir nach Dschebl-es-Seradsch. Der Weg

war an vielen Stellen durch Blöcke gesperrt und wir mußten oft

halten, um diese aus dem Wege zu räumen. Gegen Mittag kamen wir in

Dschebl-es-Seradsch an und wurden im Gouverneursgebäude untergebracht.

Von der Terrasse des Palastes aus hat man einen herrlichen Blick

auf das umliegende Land. Tief unter uns zur Rechten sahen wir den

schäumenden Ghorbendfluß, zur Linken den Pändschschir; und ringsherum

hohe Berge. Im Südosten ragten trotzige wilde Felsgipfel auf – dort

lag Kafiristan, in das tiefer einzudringen bisher nur zwei Engländern

gelungen war, Robertson im Jahre 1889 und Mc. Nair bereits 1883. Das

Land soll so wild und zerrissen sein, daß man es mit einer Karawane

nicht durchziehen kann, es sei denn, man hätte Träger. Wenn man

die Literatur über dieses seltsame Land durchsieht, stößt man oft

auf Widersprüche. Die einen schildern die Kafiren als lustige, den

Europäern wohlgesinnte Menschen; die anderen berichten, daß sie das

wildeste Räubervolk seien, das man sich denken könne. Die Kafiren

halten sich selbst für Abkömmlinge der alten Griechen. Holdich – wohl

einer der besten Kenner Afghanistans – glaubt, daß die Kamdesch-Kafiren

Nachkommen der alten Nysaeer sind, die Alexander den Großen auf seinem

Zuge nach Indien als Landsmann und Religionsgenossen begrüßten. Die

Kafiren zerfallen in viele Stämme. Sie sprechen verschiedene Sprachen

und bekämpfen sich untereinander genau so wie die Grenzvölker an

der indisch-afghanischen Grenze. Bis zu dem Augenblick, wo Emir

Abdur Rahman seinen Glaubensfeldzug gegen sie antrat, hatte kein

mohammedanischer Eroberer – vielleicht mit Ausnahme Timurs – den

Versuch gemacht, dieses Land zu unterwerfen. Noch heute sind die

Kafiren gefürchtet, und keines der an Kafiristan – oder besser Nuristan

(das von der Religion erleuchtete Land) – angrenzenden Gebiete ist

vor ihren räuberischen Überfällen sicher. Auch die Bewohner des

Pändschschirflusses sollen gefürchtete Räuber sein. So hat sich dieses

Gebiet noch bis zum heutigen Tage eine gewisse Selbständigkeit bewahrt;

denn der Einfluß und die Macht der Kabuler Regierung ist hier nicht

groß.

Wir bestiegen in Dschebl-es-Seradsch die nördlichen Hänge des

»Eisenberges«, der aus Kalksteinen und sehr vielen Roteisenerzgängen

besteht. Von hier aus konnten wir sogar den Sefid-kuh bei Dschelalabad

sehen, der sich wie eine weiße, gezähnte Mauer am südöstlichen

Horizonte abhob. Das große breite Tal, das vom Hindukusch nach

Kabul sich hinzieht und unter dem Namen Koh-i-Daman bekannt ist,

halte ich für ein eingebrochenes Becken, das – von alten See- und

Flußablagerungen angefüllt – jetzt reich bewässert und außerordentlich

fruchtbar ist. Von den Seiten der die Ebene begrenzenden Berge

schieben sich Schuttkegel ins Tal. Dort liegen die in Maulbeer- und

Aprikosenhainen versteckten Lehmdörfer Istalif, Deh-i-Nao und Istargij.

[Illustration: 51. Aufbruch meiner Karawane im Hindukusch (Ghandak)]

Von Dschebl-es-Seradsch unternahm ich später einmal eine Fahrt nach

Gul Behar, das am Pändschschirflusse liegt. Der Fluß ist dort von

prächtigen alten Maulbeerbäumen eingesäumt und ein Dorf liegt neben

dem anderen. Früher muß auch der Pändschschir einmal in einem höheren

Niveau geflossen sein, denn er wird auch von alten Flußterrassen

eingefaßt, auf denen die Dörfer liegen. Wir konnten auch einen Blick

in die Schlucht werfen, durch die der Pändschschir aus dem Hindukusch

tritt. Die Berge waren fast alle schneefrei, aber die Hauptkette, die

wir im Hintergrunde sahen, bildete eine einzige weiße Schneemauer.

Gerade am Eingang der Schlucht, jenseits Gul Behar, liegt an den Felsen

angeklebt ein Räubernest. Gewaltig sollen die Fluten sein, die sich

zur Zeit der Schneeschmelze durch die Täler wälzen und alles mit sich

reißen, was in ihren Weg kommt.

[Illustration: 52. Landschaftsbild bei Kabul]

Quer durch Afghanistan nach Indien · 第 10 / 16 段