Je weiter wir ritten, um so prächtiger wurde das Wetter. Links von uns

hatten wir den rauschenden Bamianfluß, in dessen schäumendem Wasser

die Sonnenstrahlen sich brachen und in tausend Facetten zurückgeworfen

wurden. Uns war es, als sei der Frühling schon gekommen! Wir trafen

keinen Menschen. Unsere Diener mit den Lastpferden waren weit zurück,

und wir hatten von ihnen seit dem frühen Morgen, als wir vom Robat

aufbrachen, nichts mehr gesehen und gehört. Gegen ein Uhr sahen wir

plötzlich einen Wagen kommen; er war uns vom Gouverneur von Bamian

entgegengeschickt worden. Auch hatte der Gouverneur gleich zwei Diener

mitgesandt, die sich unserer Pferde annahmen.

Die Fahrt durch das Bamiantal war herrlich! Es war ein wundervoller,

mir stets in schönster Erinnerung bleibender Januarnachmittag. Der

Himmel war vom reinsten Blau, und Wolken, weiß wie der Schnee der

Berge, zogen wie große Segelschiffe durch das blaue Luftmeer.

Auf der jenseitigen Talseite, im Süden, erhoben sich die Schneezinnen

der Kuh-i-Baba-Kette, deren höchste Spitzen bis in die Wolkenschleier

ragten. Still war es; man hörte nur das Rauschen des kleinen

Flusses, der mit den großen Felsblöcken zu spielen schien und dessen

kristallklares Wasser von Stein zu Stein sprang. Lustig rollte unser

Wagen auf der hart gefrorenen Straße dahin, und immer neue Bilder zogen

an uns vorüber.

Auf dunkelroten Sandsteinfelsen erheben sich die Ruinen der Zohak-Burg,

von der schon der persische Dichter Firdusi (10. Jahrh. n. Chr.)

gesungen hat, die auch schon in der Zend Avesta erwähnt wird, und

an den Bergwänden fielen uns jene Höhlenwohnungen auf, die für das

Bamianer Tal charakteristisch sind (Abb. 44). Leider wurde der Wind

wieder heftiger, eiskalt blies er aus Nordwesten und ließ uns fast im

Wagen erstarren. Wir gingen daher streckenweise zu Fuß, um uns warm

zu halten. Gegen fünf Uhr erreichten wir unser Ziel. Die Strahlen der

sinkenden Sonne beleuchteten gerade die hohe Felswand, aus der vor

etwa ca. 1500 bis 1800 Jahren wahrscheinlich indische Künstler die

gewaltigen, bis über 50 Meter hohen Buddhastatuen ausmeißelten, die

noch heute zu den größten Sehenswürdigkeiten Afghanistans zählen (Abb.

45).

Wir wurden vom Gouverneur, dessen Haus auf einem kleinen Plateau

oberhalb des Tales gelegen war, aufs liebenswürdigste empfangen und

erhielten ein kleines Zimmer angewiesen, in dem wir es uns bald

gemütlich einrichteten. Unter dem Zimmer befand sich der Backofen, der

gleich das Zimmer heizte, was wir sehr angenehm empfanden, da wir, wenn

wir nicht auf unseren Feldbetten lagen, auf dem Boden saßen. Zuerst

tischte man uns Tee auf, den wir mit großem Hochgenusse tranken. Je

mehr man sich an den Genuß des Tees gewöhnt, um so besser schmeckt er,

und in Kabul haben wir fast zu jeder Tageszeit Tee getrunken.

Am Abend, es mochte gegen zehn Uhr gewesen sein, trat ich noch einmal

vor das Haus. Die Mondsichel hing über den Hindukuschgipfeln und

die Sterne schimmerten in hellstem Glanz. Das silberne Licht des

Mondes lag auf den hohen Schneeketten und spielte im Tal. Totenstille

herrschte ringsum. Nur wie ein feines Klingen ging es durch die

einsame Winternacht. Da ließ ich im Geiste die Geschichte dieses Tales

an meinen Augen vorüberziehen. Ich sah, wie vor etwa 2000 Jahren

buddhistische Pilger aus dem fernen Indien nach hier wallfahrteten, in

das seit den ältesten Zeiten heilige Bamiantal, und malte mir aus, wie

vorher die griechischen Eroberer durch das Land zogen, und Alexander

der Große den Hindukusch auf dem nahen Chawakpaß überschritt. Auch

sein Reich und seine Macht schwanden dahin. Von Norden und Nordosten

kamen die Skyten und zogen gen Süden. Im achten Jahrhundert besuchte

der chinesische Pilger Hsüen-Tsang auch diese Stätte und hat uns

darüber berichtet, wie die großen Buddhastatuen einst leuchteten, als

sie noch ganz mit Gold überzogen waren. Lange Zeit haben wir dann

keine Kunde über diese Gegenden. Dann regte es sich wieder im Herzen

von Asien, das wie in einen Hexenkessel verwandelt scheint. Wie ein

Gewittersturm zogen die Mongolen unter Dschinghis Khan und Timur durch

diese Gegenden, vernichteten alles und machten nieder, was ihnen in den

Weg kam. Ich blickte hinüber nach der alten Ruinenstadt Gulgule, deren

Zinnen, zerfallene Mauern und geborstene Türme geisterhaft im Mondlicht

schimmerten. Auch sie wurde von Dschinghis Khan zerstört. Jaworski

erzählt in seinem Buche folgende Legende über den Untergang der Stadt:

[Illustration: 44. Die Zohakburg]

»Da Gulgule große, unterirdische Wasserreservoire besaß, konnte es

einer eventuellen Belagerung lange standhalten. Dschinghis Khan

versuchte, die mit dreifacher Mauer umgürtete Stadt zu erstürmen,

wurde aber mehrfach zurückgeschlagen. Schließlich wurde die Stadt

doch zerstört. Und zwar auf folgende Weise: Die Tochter des Königs

der Stadt Gulgule hatte sich, wie erzählt wird, in einen der Söhne

Dschinghis Khans verliebt; hingerissen von ihrer Liebe, entdeckte sie

ihm das Geheimnis der Wasserleitung, beschwor ihn aber, dies Geheimnis

zu bewahren. Dschinghis Khan gelang es jedoch, seinem Sohne, durch

das Versprechen, die Stadt zu schonen, das Geheimnis zu entlocken.

Sobald aber die Wasserleitung unterbrochen und die Stadt infolge des

Wassermangels zur Übergabe gezwungen wurde, zerstörte Dschinghis Khan

in seiner Wut über die lange und hartnäckige Gegenwehr die Stadt bis

auf den Grund und metzelte die ganze Bevölkerung nieder; selbst die

Kinder im Schoße der Mutter fanden keine Gnade.«

[Illustration: 45. Die Felswand von Bamian]

Wir besuchten auch die großen Felsstatuen, die schon von ältesten

Zeiten an das Interesse der Reisenden erregt haben (Abb. 47). Jaworski

hat vielleicht die beste Schilderung davon entworfen, der ich wenig

hinzufügen kann. Über die Höhe der Statuen gehen die Berichte sehr

auseinander. Ich fand folgende Zahlen:

Kleinere Figur: Größere Figur:

Moorcroft: ca. 36 Meter ca. 50 Meter

Jaworski: ca. 37 Meter ca. 43 Meter

Foucher: ca. 35 Meter ca. 53 Meter

[Illustration: 46. Im Hindukusch (Blick vom Chakpaß nach Westen)]

Die Statuen sind teilweise zerstört; aber der Mörtelmantel, der sie

einhüllt, ist sonst noch sehr gut erhalten. Als Zerstörer der Statuen

wird Aurengseb genannt, obwohl dies nicht als bewiesen angesehen

werden darf. Die Afghanen bezeichnen die Statuen heute noch als But =

Götzenbilder. Nach ihnen soll die kleinere Figur eine Frau darstellen,

Schahmume, die größere einen Mann. Es kann aber jetzt wohl als

gesichert gelten, daß die Figuren buddhistische Heilige darstellen,

und mir scheint Moorcrofts Ansicht noch immer die beste zu sein,

der in dieses Tal die Residenz eines Großlamas verlegt. Bamian muß

eine Art Tempelstadt gewesen sein, ähnlich wie es heute in Tibet die

großen Klöster sind. Noch treffender aber können wir Bamian mit den

Höhlen der tausend Buddhas in Tun-huang im Nan-schan vergleichen.

Diese Ansicht vertreten auch die französischen Archäologen, die

jetzt mit den Ausgrabungen in Afghanistan beschäftigt sind. Leider

war mein Besuch viel zu kurz, um genauer die vielen Höhlen, die

interessante Wandmalereien enthalten, zu studieren. Diese Malereien

sind außerordentlich fein ausgeführt; häufig sind Darstellungen

von Heiligen mit Nimbus vorhanden. An einer Wand fand ich sechs

Medaillons, die Buddha in den verschiedenen Gebetsposen darstellen.

Wundervoll ist der Fries, der sich an der Decke der Nische hinzieht

in der die größere Statue sich befindet. Leider war es mir technisch

nicht möglich diese Bilder zu photographieren, unter denen mir einige

sehr hübsche Frauengestalten auffielen. Die Farben, die hauptsächlich

verwandt wurden, sind, soviel ich mich entsinne, Grün und Rot. Als

wir in der Felswand neben der kleineren Statue eine baufällige Treppe

hinaufstiegen, die im Sandsteinfelsen ausgehauen ist, kamen wir durch

eine Höhle, deren frühere Bilder durch Rauch geschwärzt und mit

einer dunklen, lackartigen Farbe überstrichen waren, so daß man nur

an einzelnen Stellen noch kleine Teile der Bilder erhalten fand. An

einigen Wänden sahen wir große Kratzer, die von Schwerthieben herrühren

sollten. Wir gingen so hoch hinauf, wie wir nur konnten, und gelangten

ungefähr in gleiche Höhe mit dem Kopf der Statue, deren riesengroßes

Ohr ich auf 3 bis 4 Meter schätze. Von diesem luftigen Aussichtspunkte

aus hatten wir einen großartigen Ausblick auf das Tal, durch das sich

der Bamianfluß dahinschlängelt.

Abends packten wir alles für die neue Fahrt und gingen frühzeitig

schlafen.

XI

EINE WINTERFAHRT INS AFGHANISCHE HOCHGEBIRGE

Von Bamian aus brach ich dann in den Hindukusch auf. Da der Gouverneur

die Fahrt mitmachte, so bildeten wir eine große Karawane, denn er nahm

seinen ganzen Troß mit.

Es war ein herrlicher Wintermorgen mit klingendem Frost; keine Wolke

war am blauen Himmel zu sehen, und selbst an den fernsten Bergen

konnten wir die feinsten Risse und Spalten erkennen. Wir fuhren

zuerst mit einem Tonga bis an den Fuß des Ak-Robat-Passes, wohin uns

die Pferde gebracht wurden. Dann ritten wir langsam dem Karawanserai

zu, das unterhalb des Passes gelegen ist. Dort war schon alles für

uns gerichtet, und als etwas später der Gouverneur mit seiner Schar

eintraf, wurde das Frühstück eingenommen. Wir lagerten uns alle auf

Kelims, die auf der Erde ausgebreitet wurden; und man reichte große

Schüsseln mit kaltem Hammelfleisch, das mit Salz und Brot uns trefflich

mundete. Der heiße Tee fehlte natürlich auch nicht. Erst gegen Mittag

zogen wir weiter.

Die Luft war wundervoll klar und frisch. Ich blieb mit Blaich

hinter der Karawane zurück, und wir konnten ganz ungestört die

Naturschönheiten auf uns einwirken lassen. Der Anstieg zur Paßhöhe

war für die Tiere ziemlich anstrengend, oft blieben sie stehen, um

zu verschnaufen. Endlich hatten wir den Sattel erreicht und konnten

von hier aus weit über die eingeschneite Bergwelt des Hindukusch

blicken. In großen Serpentinen zieht die Straße in das Quellgebiet des

Indar-ab hinab. Der Gouverneur und der Schikar-Sahib machten oft Jagd

auf Steinhühner, die in den Felsen sich aufhielten. Der Pole, Blaich

und ich waren wieder weit hinter der Karawane zurückgeblieben. Stunde

auf Stunde verging; es wurde 7 Uhr, und immer noch war kein Robat in

Sicht. Die Sonne war schon im Westen hinter den Bergen versunken, und

blaue Schatten zogen langsam über die weiten Schneeflächen. Wir merkten

deutlich, wie sich die Kältewellen auf das Land legten, und klappten

den Kragen unserer Mäntel hoch, vergruben die Hände tief in die

Manteltaschen und überließen den Pferden die Führung. Endlich sichteten

wir das Karawanserai und waren froh, als wir vom Pferde steigen

konnten. Der Name des Platzes war Suchte Tschinar, was »verbrannte

Platanen« bedeutet.

Am anderen Tage ging es weiter nach Baiani; teilweise durch sehr enge

Täler und Schluchten. Kahl ragen die Felsen zur Linken und Rechten auf,

und ich konnte sehr interessante geologische Beobachtungen machen.

Die älteren, gestörten Gesteine sind überall von großen, lockeren

Konglomeratbänken überdeckt, die beweisen, daß einst große Wassermengen

durch diese Täler fluteten.

Wenn wir uns kleinen Dörfern näherten, strömten die Einwohner in

Scharen herbei, um uns mit Hurrarufen zu begrüßen. Die Kunde, daß

der Gouverneur von Bamian kam, hatte sich anscheinend blitzschnell

verbreitet. Kurz vor Baiani trafen wir die ersten Kohlevorkommen, die

aber unbedeutend und sehr gestört waren. Mittags war es sehr warm,

und mir wurde gesagt, daß nur selten in diesen geschützten Tälern

Schnee falle. Baiani ist ein kleines Dorf, und die Einwohner hatten

anscheinend noch nie einen Europäer gesehen, denn wir wurden wie

Wundertiere angestarrt. Nach dem Mittagessen machte ich mich wieder

mit Blaich auf den Weg. Der Gouverneur gab uns einen Soldaten zur

Begleitung mit, der die Gegend kannte.

Selten habe ich eine so bunte Bergwelt gesehen. Die unteren Talhänge

bestehen aus ziegelroten Sandsteinen und Tonen, die ganz phantastische

Verwitterungsformen aufweisen. Wir folgten einer in diesen roten

Felsen eingeschnittenen Schlucht, die sich aber derart verengte, daß

ein Weiterkommen unmöglich wurde. Über uns türmten sich die grauen

Kreidekalkfelsen auf, die noch Schneeflecken trugen. Wir entdeckten

eine große Höhle, bei deren Betreten uns eine Schar Steinhühner

entgegenflog. Sicherlich nisteten sie hier, und wir hatten sie in

ihrer Ruhe gestört. Dann gingen wir wieder in das Haupttal zurück

und schlugen den Weg in ein Seitental ein. Wir blieben dort, bis

sich die Sonne dem Horizonte zuneigte. Es war eine unbeschreiblich

wilde Bergwelt, in die wir einen Einblick tun konnten, und nie werde

ich das bunte Farbenbild vergessen, das die untergehende Sonne auf

den zerrissenen Felsen hervorzauberte. Feuerrot leuchteten einige

Konglomeratbänder, die von grünen Schiefern unterlagert waren. Je nach

der Beleuchtung wechselten die Farben in allen Schattierungen.

Die Sonne neigte sich dem Horizonte zu, und immer blauer wurden die

Schatten im Tal. Dann kam die Dämmerung, und wir gingen nach Baiani

zurück. Man stellte uns die Feldstühle vor unsere Behausung, und so

saßen wir, bis das Essen fertig war, am flackernden Lagerfeuer, in

dessen Schein die Afghanen standen und das Abendessen bereiteten.

Manche standen in Gruppen beieinander und sprachen leise über uns, und

hin und wieder wurden uns mißtrauische Blicke zugeworfen. Sehr erfreut

schienen die Leute nicht über unseren Besuch zu sein, auf jeden Fall

wurden sie in ihrer Ruhe und Abgeschlossenheit gestört.

Am anderen Morgen ging es weiter nach Doab-i-Mekhzarin. Gleich

flußabwärts hat sich der Fluß in tiefer Schlucht durch ein Granitgebiet

gesägt; senkrecht fallen die Felsen hier zu beiden Seiten ab. Häufig

mußten wir den Fluß kreuzen, und manches Mal konnte man die Pferde nur

mit Mühe und Not dazu bringen, ins eiskalte Wasser zu gehen. Wir sahen

viele Steinhühner, und unsere kühnen Jäger lagen alle paar Minuten im

Anschlag. Die ganze Kavalkade mußte dann halten; die Jäger schlichen

wie die Katzen unterhalb der Felswände hin, um so nahe wie möglich an

die Stelle zu kommen, wo die Hühner gesichtet worden waren. Trotzdem

aber verfehlten sie oft das Ziel.

Es ist ein ödes Land, aber wilder, formenreicher als das Zentralgebiet

des Hesarajat! Hier kann man Felswände bewundern, die geradezu

gigantisch sind. Man kommt sich so klein und schwach vor, wenn man

sieht, welche Riesenkräfte hier tätig waren und noch tätig sind, um dem

Gebirge Form und Gestalt zu geben. Hier sind ganze Gebirgsmassen über

andere Gebirgsmassen geschoben, Klüfte aufgerissen, in die sich die

Flüsse gestürzt und tiefe Schluchten ausgefeilt haben. An einer Stelle

können wir mitten in der Schlucht noch alte Flußablagerungen an den

Hängen erkennen, die zeigen, welche Arbeit der Fluß geleistet hat.

Gegen 2 Uhr kommen wir in dem kleinen Talkessel von Doab an. Wir

essen etwas, und dann mache ich mit Blaich wieder Erkundungsfahrten.

Wir nehmen einen Eingeborenen als Führer mit und wenden uns zunächst

weiter flußabwärts. Der Fluß ist hier breit und reißend und fließt in

einem ziemlich breiten Tal. Ein scharfer Ostwind weht uns entgegen,

und der Turban des Führers löst sich oft und flattert wie ein

weißer Wimpel im Winde. Im Norden wird der Fluß von einer geradezu

phantastisch bunten und zerrissenen Bergwelt begrenzt; aber trotz

unseres Versuches, dort einzudringen, kamen wir nicht weit (Abb. 48).

Wir kehrten daher bald wieder um und versuchten nun, direkt von Doab

nach Norden in diese Bergwelt einzudringen, was uns auch gelang, da

hier eine kleine Trockenschlucht den Weg vorzeichnete. Diese war

in dunkelrote Sandsteinfelsen eingeschnitten, in denen wir einige

Versteinerungen fanden, die sehr schwer herauszuschlagen waren. Als wir

aus der Schlucht herausgestiegen waren, konnten wir einen herrlichen

Blick auf die hohen zerklüfteten Kalkbänke werfen, die gerade von der

untergehenden Sonne beleuchtet wurden. Einige kleine, weiße Wölkchen

schwebten wie Wattebausche um die Felsen, die nach unten in grüne

Schiefer- und dunkelrote Sandsteine übergingen. Um uns herum sah der

Boden wie verbrannt aus, und in den verwitterten Aschen und Laven sank

man bis über die Knöchel ein. Kein Fleckchen Grün war zu sehen, und ein

tiefes Schweigen lag über der einsamen Bergwelt (Abb. 49). Durch ein

Fernglas suchten wir die hohen Kreideklippen im Norden ab und sahen auf

dem höchsten Steilrand ein paar Steinböcke. Wir hatten aber leider kein

Gewehr bei uns.

Der folgende Tag war außerordentlich reich an Eindrücken. Zuerst

ging es flußabwärts, und wir folgten demselben Wege, den Blaich und

ich gestern schon erkundet hatten. Das Wetter war schön, der Himmel

vom reinsten Blau und ohne eine einzige Wolke. Wir bogen in ein

kleines Seitental ein. Gegen Mittag kamen wir an einen rauschenden,

kristallklaren Bach, an dem wir Mittagsrast machten. Die Pferde

wurden an die Büsche angebunden, die den Bach einfassen, die Kelims

auf der Erde ausgebreitet und ein Feuer angezündet. Selten hat

mir wohl ein Picknick so gut geschmeckt wie dieses in den wilden

Bergen des afghanischen Hindukusch. Es gab heißen Tee, kaltes

Geflügel, Hammelfleisch und Brot. Auch konnten wir ohne Bedenken das

kristallklare Wasser trinken. Gerne wäre ich an dieser Stelle noch

geblieben, um das herrliche Landschaftsbild im Aquarell festzuhalten.

Aber wir mußten weitereilen. Ein frischer Wind erhob sich, als wir

tiefer in das Gebirge hineinstiegen. Die Bergwelt war so zerrissen

und bunt wie in den Tagen zuvor. Immer wieder müssen wir hinauf und

hinunter. Manchmal wandern wir durch ganz enge Schluchten, in denen

kaum ein Pferd Platz hat und man ständig aufpassen muß, daß man sich

nicht die Knie an den Felsen zerstößt. Es sind richtige Korridore,

durch die wir uns hindurchschlängeln müssen, und rechts und links von

uns recken sich die Felsen senkrecht in die Höhe. Dann geht es wieder

steil hinauf, über Pässe, von denen aus wir auf die Schluchten und

Talrisse hinabblicken können.

[Illustration: 47. Buddhastatue Bamian]

Im Süden ragen einige der Hauptgipfel der Hindukuschkette über die

Bergwelt, in der unser Weg verläuft, hinaus; im Norden aber ziehen sich

die steilen Wände der Kreidekalkplatten hin. Von Vegetation ist keine

Spur zu erkennen; kein Lebewesen zeigt sich weit und breit. Wieder geht

es einen Paß hinauf. Ich bin mit Blaich und dem Diener des Polen weit

zurückgeblieben. Wir mußten auch die Pferde neu satteln und schoben so

eine kleine Rast ein. Fast unheimlich wurde es einem in dieser Felsöde.

Tot ist das Land, und stundenlang geht es durch diese öde Bergwelt.

[Illustration: 48. In den öden Felsregionen von Doab-i-Mekhzarin]

Einmal begegnete uns eine kleine Mauleselkarawane, die große Blöcke

schmutziggrauen Salzes nach Kabul brachte. Die Salzlagerstätten

liegen bei Khanabad. Von der letzten Paßhöhe aus bot sich uns

ein überwältigend schöner Anblick. Wohl nie habe ich einen solch

halsbrecherischen Weg in die Tiefe gesehen! Hunderte von Metern fallen

die Felswände steil in unergründliche Tiefen, und an den Rändern

dieser Steilabfälle führte der Weg ins Tal des Surch-ab. Tausende

kleiner Schluchten sind in das weiche Gestein hier eingerissen, und der

Formenschatz der Landschaft ist außerordentlich reich.

[Illustration: 49. Hindukusch bei Doab]

Vor uns zog sich eine hohe Kette hin, auf deren obersten, bräunlich

violetten Felsbänken kleine Schneeflecken lagen; unter diesen aber

zogen sich dunkelrote Konglomeratbänder sowie die grünen Schiefer hin,

die das Tal ausfüllten. Gerade als die Sonne goldgelb hinter den Bergen

versank, kamen wir an ein paar elende Lehmhütten. Kaum hatten wir uns

ihnen genähert, als wir sehr unliebsam von den großen Hunden empfangen

wurden und uns kaum getrauten, weiterzureiten. Von unserer großen

Karawane sahen wir nichts, und wir hatten keine Ahnung, wo sie weilen

mochte. Wir ritten etwas weiter, aber die Hunde griffen unsere Pferde

an und bissen sie in die Beine. Das wurde uns denn doch ein bißchen

zu dumm, und wir forderten die Einwohner auf, die Tiere anzubinden,

was dann auch nach einigem Zögern geschah. Die Leute waren recht

unfreundlich – vielleicht auch ängstlich, sagten uns aber schließlich,

wo unsere Karawane war, und nach einer Viertelstunde waren wir wieder

zu den anderen gestoßen, die in den kleinen Hütten von Barfak Quartier

bezogen hatten.

[Illustration: 50. Blick auf die Hauptkette des Hindukusch (Barfak)]

Am anderen Morgen schneite es, und wir blieben daher in unseren

Lehmhütten. Uns war diese Rast willkommen, denn der gestrige Tag war

doch ziemlich anstrengend gewesen. So machten wir es uns so bequem wie

möglich, lagerten uns um ein Feuer, schrieben Tagebuch, lasen oder

unterhielten uns mit den Afghanen. Draußen schneite es lustig, die

Flocken tanzten und wirbelten, und bald war der Boden mit einer weißen

Decke überzogen. Von den hohen Bergen sahen wir nichts mehr. Traurig

standen die Pferde im Hof; sie sahen wie weiß gepudert aus. Gegen

Mittag aber wurde es heller und heller, und bald schien die Sonne, die

den Schnee schnell wieder wegschmolz. So brach ich denn mit Blaich und

zwei Dienern zu einer neuen Rekognoszierungsfahrt auf.

Nachdem wir eine Viertelstunde gen Osten geritten waren, bemerkten

wir zur Linken ein schluchtähnliches Tälchen, das in die dunkelroten

Sandsteine eingeschnitten war und das uns vielleicht einen Zugang in

die Berge verschaffte. Wir übergaben den Dienern die Pferde und gingen

zu Fuß weiter. Das Tälchen verengte sich immer mehr zu einer Schlucht,

und bald merkten wir, daß wir in eine richtige Sackgasse geraten

waren. Auf allen Seiten versperrten uns senkrechte feuerrote Felswände

jegliches Vorwärtskommen. Wir mußten also zurück und fanden bald einen

kleinen Jägerpfad, der am Rande der Schlucht hinführte. Wieder blieben

die Diener mit den Pferden zurück, und wir suchten allein unseren Weg

durch die Berge. Erst mußten wir wieder hinab in ein Trockental und

stiegen dann bergan. Die Nachmittagssonne wärmte herrlich. Überall

waren wir von trotzig-wilden Felsbergen umgeben. Je höher wir kamen,

um so weiter wurde der Blick, und wir fühlten uns frei und ungebunden.

Ich habe mich stets da am wohlsten gefühlt, wo es ganz einsam ist, und

wo man von den Menschen nichts sieht und hört. Erst dann, wenn man

mit der Natur allein ist, lernt man es, sich selbst zu erkennen. Es

ist ganz gleich, wo wir weilen, ob im Hochgebirge oder in Wüsten, am

Meer oder in den Wäldern. Erst dann, wenn wir uns freigemacht haben

vom Alltag und der Natur Aug in Aug gegenüberstehen, können wir das

Gewaltige der Schöpfung ganz erkennen. Dann erst merken wir, wie arm

uns die Zivilisation gemacht hat, und was für ein trauriges Leben wir

im Durchschnitt zu führen gezwungen sind. Um so dankbarer aber sind

wir, wenn wir ihr entfliehen können, um in der reinen, erhabenen Natur

wieder Mensch zu werden und unsere Seele wiederzufinden.

Quer durch Afghanistan nach Indien · 第 9 / 16 段