Gebiet von Tschitral, steht wie ein Wächter ein gewaltiger Gipfel.
Keines Europäers Auge hat je seine westlichen, Afghanistan zugewandten
Hänge und Schluchten gesehen, keines Europäers Fuß je seine Gletscher
betreten. Bis zu 7800 Meter ragt er mit seinen Schnee- und Eisspitzen
in die blaue Luft und blickt auf eines der wildesten und zerrissensten
Gebiete der asiatischen Gebirgswelt herab. Es ist der Tiritsch-Mir,
dessen Lob alle Reisenden gesungen haben, die in Tschitral weilten
und von ferne seine eisgepanzerten Hänge und kühnen Schneegipfel
bewunderten.
Nördlich von diesem Bergriesen erheben sich noch zwei weitere Gipfel
über 7500 Meter, von denen der eine ebenfalls den Namen Tiritsch-Mir
trägt.
Die Bewohner von Tschitral wissen über diese Eisriesen seltsame
Geschichten zu erzählen, die uns Durand mitgeteilt hat. Am Fuße des
Berges soll ein See liegen, der von großen, flachen Steinen eingefaßt
ist, auf denen die Bergfeen ihre Kleider waschen. Manchmal soll man
ihre feinen Stimmen vernehmen, und sie singen hören oder um die
Türme des alten Schogot-Forts schweben sehen, und zwar immer 10 oder
12 Tage, bevor ein Mitglied der Herrscherfamilie stirbt. Der eine der
Tschitraler Herrscher soll sogar eine Fee zur Frau gehabt haben.
Es wird erzählt, daß in einem kleinen Dorfe unterhalb Tschitral sich
in jeder Freitagnacht die Bergfeen versammeln, um an einem Platze, der
durch einen großen Stein markiert ist, zu beten. Kein Mensch wagt es,
in dieser Gegend auf die Jagd zu gehen.
Einmal hatte sich ein Eingeborener verirrt und mußte die Nacht in der
Nähe dieses Platzes zubringen. Er hörte geisterhafte Stimmen, die
zum Gebet riefen, und die Luft war von einem seltsamen Stimmengewirr
erfüllt. Diejenigen, die die Feen gesehen haben wollen, erzählen, daß
sie zu Fuß durch die Luft gingen oder ritten. Sie seien bildschön und
ganz in Weiß gekleidet. Seltsamerweise sollen sie keine Knie und keine
Fußgelenke haben, und die Zehen sollen nach rückwärts gerichtet sein.
Manche Leute erzählen, daß sie Männer oft 10 bis 15 Tage verschleppen,
aber gut behandeln.
Einmal war ein Tschitrali auf Jagd gegangen. Er schoß auf ein Wildschaf
und verwundete es, aber das Tier entkam. Ein paar Tage später kam ein
Mann in das Dorf, der hinkte und den Jäger fragte, warum er auf ihn
geschossen habe. Als dieser beteuerte, er habe nur auf ein Wildschaf
geschossen, antwortete der lahme Mann, der als Zauberer bekannt war, er
sei das Wildschaf gewesen.
Auch andere Reisende erzählen seltsame Geschichten von den Feen des
Hindukusch, die im Mondschein um die hohen Schneegipfel schweben und
die Wanderer verführen.
Erst in den letzten Jahren sind die hohen Berge des Hindukusch näher
bekannt geworden. Öde und wild ist hier die Bergwelt und kein Grün
erfreut das Auge. Die großen täglichen Temperaturunterschiede sprengen
die Felsen, Schuttmeere hüllen die Hänge ein und füllen die Täler aus.
Kein Hindukuschgipfel ist bisher bestiegen worden, und große Strecken
des Gebirges sind noch gänzlich unerforscht.
Wie ein gewaltiger Schutzwall legt sich der Hindukusch um die
nordwestlichsten Provinzen des indischen Reiches, um gen Westen quer
durch Afghanistan hindurchzuschneiden. Einige der höchsten Pässe
unserer Erde führen von Tschitral aus über das Gebirge nach Badachschan
und den Landstrichen am Oxus hinab. Viele Pässe können nur zu Fuß
überschritten werden, und der Übergang ist stets mit großen Gefahren
verbunden. Nicht allein, daß die Natur den Reisenden bedroht, sondern
auch räuberische Stämme – vor allem die Kafiren – lauern dem Wanderer
auf, um ihn, wenn er, von den Strapazen der Reise erschöpft, seinen
Zielen nahe zu sein glaubt, zu überfallen und auszurauben.
Daß dieses gewaltige Gebirge trotz seiner großen Höhe im Kriegsfalle
nicht unbedingt als eine natürliche Schutzmauer angesehen werden
darf, hat uns Aurel Stein gezeigt, der feststellte, daß bereits eine
chinesische Armee diese Gebirge überschritt und bis nach Kaschmir
vordrang (747 n. Chr.). Aber nur unter großen Strapazen konnte dies
möglich gewesen sein; englische Forscher, die das Gebiet bereist haben,
wo Hindukusch und Kara-korum zusammenstoßen, schildern anschaulich
die ungeheuere Zerrissenheit dieser Gebiete, die gewaltigen,
steilen Felswände und tiefen Schluchten. Erdbeben, die ganze Berge
zusammenstürzen lassen, erschüttern die Gebirge in ihren Fugen und
zerreißen sie, schaffen Klüfte, in die sich die Schmelz- und Wildwasser
stürzen und tiefe Schluchten ausfeilen. Die gebirgsbildenden Kräfte
sind hier noch lange nicht zur Ruhe gekommen.
Geologisch gesprochen, ist es noch gar nicht so lange her, daß an der
Stelle, wo sich heutzutage die Gipfel des Hindukusch erheben, ein
blaues Meer flutete, das durch einen breiten Meeresarm mit dem Meere in
Verbindung stand, das auch Tibet einst bedeckte. Auf dem ca. 4900 Meter
hohen Nuksanpasse hat man noch versteinerte Muscheln gefunden.
Gewaltige Kräfte müssen am Werke gewesen sein, um dies majestätische
Gebirge aufzupressen. Gebirgsmassen sind über Gebirgsmassen geschoben,
überkippte Falten treten im Bau auf und große Eruptivstöcke haben sich
durch die Ablagerungen hindurchgepreßt und bilden jetzt den Kern der
Kette.
Ein Meer hoher Gipfel reiht sich aneinander. Als ich nördlich Barfak
auf einem Kreidekalkrücken stand und den Blick über das herrliche
Gipfelmeer schweifen ließ, das tief eingeschneit im Glanze der
untergehenden Sonne dalag, da glaubte ich fern im Osten einige der ganz
hohen Schneekuppen zu erkennen, die sich bei Tschitral erheben; aber
erst das Fernglas sagte mir, daß es nur ein paar leuchtende Wolken
waren.
Viele Pässe kreuzen den Hindukusch und der Chawakpaß ist schon
seit ältesten Zeiten bekannt, da Alexander der Große ihn bereits
kreuzte. Die Höhe dieses Passes ist über 3500 Meter und über ihn
führt noch heute eine der wichtigsten Karawanenstraßen, die Kabul mit
Afghanisch-Turkestan verbinden. Immer mehr und mehr tritt aber die
Straße über den Salangpaß in den Vordergrund, die jetzt unter der
Leitung italienischer Ingenieure ausgebaut wird.
Der wichtigste Paß, der von Badachschan nach Indien führt, ist der
Dorah. Er soll leicht zu überschreiten sein, ist aber stets durch die
Überfälle der Kafiren gefährdet. Der Ausblick von seinen Höhen muß
überwältigend schön sein. Weit kann der Blick über große Strecken des
einsamen Innerasiens schweifen. Der Hindukusch trennt hier zwei Welten.
Am wenigsten unterrichtet sind wir über die Gebiete, die zwischen
dem Chawakpaß und Tschitral liegen. Hier liegt das abgeschlossene
Minjaner Hochtal, wo noch ein ganz seltsamer Dialekt gesprochen wird.
Hier spiegeln sich die hohen Hindukuschgipfel in blauen Seen. Wie
eine Barriere schneidet der Hindukusch Kafiristan von Badachschan ab.
Trotzdem die Pässe himmelstürmend hoch sind und nicht von Tragtieren
überschritten werden können, dienen sie den Kafiren als Anmarschwege
bei ihren Raubzügen. Es gibt vielleicht nur wenige so vollkommen
unbekannte Gebiete auf unserer Erde wie Kafiristan. Da auch hier
die einzelnen Stämme sich untereinander bekämpfen, so müßte man,
um das Land durchziehen zu können, sich immer von Stamm zu Stamm
durchzuschlagen versuchen. Berücksichtigt man ferner, daß man nur mit
Trägern das Land bereisen kann, daß in Kafiristan die verschiedensten
Dialekte gesprochen werden, so kann man sich einen Begriff davon
machen, mit welchen Schwierigkeiten der Forschungsreisende zu rechnen
hat, der sich in dieses Gebiet hineinwagt.
Der einzige Europäer, der den Teil des Hindukusch besucht hat, der
Kafiristan im Norden begrenzt, war Robertson. Im Juni des Jahres 1889
bestieg er unter größten Schwierigkeiten den Mandalpaß, der eine Höhe
von ca. 4600 Meter hat. Er berichtet in seinem interessanten Buche,
wie selbst den Kafiren der Aufstieg manchmal schwer wurde. Unter Rufen
und Singen aber eilten sie oft voran, legten sich manchmal in den
Schnee und machten ein Schläfchen, bis die Hauptkarawane nachgekommen
war. Millionen toter Schmetterlinge lagen auf den Schneefeldern. Im
Gegensatz zu den wilden räuberischen Kafiren sind die Bewohner von
Minjan auf der Nordseite des Gebirges ein friedfertiges Völkchen.
Auch die Gegenden um den Chawakpaß sind häufig feindlichen Überfällen
ausgesetzt. Es gibt große Räuberbanden und ich hörte erzählen, daß
die Gouverneure die Sicherheit des Landes dadurch garantieren, daß sie
mit den mächtigsten Räuberhäuptlingen Verträge schließen und diesen
eine Belohnung versprechen, wenn in ihrem Gebiete keine Überfälle
stattfinden. Ganz ähnlich haben sich auch die Engländer am Khaiberpaß
geschützt, indem sie die Räuberstämme der Afridis selbst zum Schutze
der Straßen nehmen und ihnen für ihren Wachtdienst eine jährliche
Subvention zahlen.
Der Verkehr im ganzen Hindukuschgebiet geschieht mit Karawanen, aber
schon ist das Auto siegreich bis auf die Hindukuschpässe vorgedrungen.
Man sollte meinen, daß solch ein gewaltiges Gebirge, wie es der
Hindukusch ist, große Gletscher aufweist. Aber die Schneelinie liegt
hier sehr hoch und im Herbst trifft man unter 4800 bis 5000 Meter kaum
noch einen Flecken Schnee. Die Niederschläge sind zu gering, um es zur
Ausbildung von Gletschern kommen zu lassen; nur in den östlichsten
Teilen, wo sich die Gipfel über 7000 Meter erheben, ziehen sich
Eisströme in die Täler. Trotzdem ist der Schneefall im Winter recht
beträchtlich, und die meisten Hindukuschpässe sind dann für den Verkehr
gesperrt.
Schon im März beginnt der Schnee zu schmelzen und im Hochsommer wälzen
sich gewaltige Fluten durch die Täler. Häufig werden dann alle Brücken
fortgerissen und Muren gehen zu Tal.
Im westlichen Teil des Hindukusch vermißt man auch eiszeitliche Formen,
wie wir sie aus den Alpen kennen. Trogtäler und Kare fehlen. Und so
kommt es, daß die Bergwelt des westlichen Hindukusch einen Vergleich
mit den Alpen nicht standhält, obwohl auch hier die Gipfel bis
5000 Meter aufragen.
Der Hindukusch bildet die Wasserscheide zwischen dem Flußgebiet des
Indus und dem des Oxus. Schon seit ältesten Zeiten haben in seinen
zerrissenen Tälern Völker Schutz und Zuflucht gefunden. Die Wogen der
Weltgeschichte brandeten um seine Klippen. Griechische, skytische,
mongolische Eroberer zogen mit ihren Heeren durch sein Reich und
schon in ältesten Zeiten müssen auch die Arier auf ihrem Wege nach
Indien seine Pässe gekreuzt haben. Einmal aber wird vielleicht der
Hindukusch noch eine große Rolle spielen, nämlich dann, wenn der große
Entscheidungskampf zwischen der englischen und russischen Vorherrschaft
in Asien ausgetragen wird.
X
INS TAL DER GROSSEN BUDDHAS
Wenn wir einen Blick auf die Landkarte werfen, so sehen wir, daß von
dem Dache der Welt, den Pamiren, große Gebirgsketten gen Ost und West
ausstrahlen. Auch der Hindukusch – das Rückgrat Afghanistans – kommt
aus jener Gegend. In seinem östlichsten Teile, bei Tschitral, erreicht
er Höhen über 7500 Meter, trägt hier auch gewaltige Gletscher, um gen
Westen stetig an Höhe abzunehmen und in die Hügelketten nördlich des
Parapomisus überzuleiten.
Da der Emir den Wunsch geäußert hatte, ich möchte die Kohle- und
Eisenerzlagerstätten des westlichen Hindukuschgebietes besuchen, so
brach ich Anfang Januar 1924 dorthin auf. Von der Regierung wurde
mir ein Lastauto zur Verfügung gestellt, das uns bis an den Fuß des
Gebirges, eventuell bis Bamian bringen sollte. Blaich, der einige
landwirtschaftliche Begutachtungen vornehmen sollte, schloß sich mir an.
Es war ein kalter, düsterer Januarmorgen, als uns um acht Uhr in der
Frühe das Auto abholte. Draußen schneite es; der Himmel war grau in
grau; die großen, schwarzen Raben saßen regungslos auf dem Gesims
unseres Hauses. Juma packte unsere Feldbetten zusammen, unser Gepäck
wurde im Auto verstaut, wir wickelten uns in unsere Decken und Mäntel
ein und fuhren ab. Als Führer hatten wir zunächst den Michmandar,
einen jungen, aufgeweckten Afghanen, der für unser leibliches Wohl, für
Unterkunft usw. zu sorgen hatte.
[Illustration: 36. Kabul: Palast]
Langsam fuhren wir die Straße am Kabulflusse entlang. Der Schneefall
wurde stärker, von den umliegenden Bergen war nichts mehr zu erkennen.
Plötzlich hielt unser Auto, wir mußten noch eine große Gesellschaft
aufnehmen und ein Riesengepäck verstauen. Als alle Mann glücklich im
Wagen untergebracht sind, war es so eng, daß man sich kaum rühren
konnte, aber dies war schließlich auch ganz gut, denn so konnten wir
uns gegenseitig wärmen. Zuerst war es mir ganz rätselhaft, wer diese
große Gesellschaft eigentlich war, aber bald erfuhr ich, daß der
Alte im Schafpelz, der mich an ein Bild erinnerte, das ich einst von
Dschinghis Khan sah, unser Führer war. Er wurde von den anderen mit
Schikar Sahib angeredet, was eigentlich auf deutsch der Herr Jäger
bedeutet. Auf dem Führersitz saß außer dem Fahrer, dem Michmandar, nun
der andere neue Gast, unzweifelhaft ein Europäer. Bald erfuhren wir
denn auch, daß Abdul Kerim, wie er von den Afghanen genannt wurde,
ein Pole war, der Mohammedaner geworden und als Ingenieur in die
Dienste des Emir getreten war. Ferner waren noch zwei bis drei Diener
mitgekommen.
[Illustration: 37. Arbeitselefanten in Paghman]
Links von der Straße erhebt sich der Kuh-i-Asmai, aber obgleich er
nicht hoch ist, hüllten bleierne Wolken seinen Gipfel ein. Einsam und
verlassen stand das kleine Wächterhaus am Berge; der in ein feuerrotes
Cape gehüllte Polizist ging langsam davor auf und ab. Es schneite
tüchtig, und die großen, weißen Flocken schienen alles unter einer
dicken weißen Decke begraben zu wollen. Da wir gegen den Schnee die
Kanvasdecken über das Auto zogen, sahen wir von der Landschaft vorerst
nichts mehr. Das ewige Rütteln machte einen müde. Einer nach dem
anderen begann zu gähnen, und der Schikar Sahib, der sich ganz
in einen dicken Wollschal eingewickelt hatte, war eingenickt. Als
wir ungefähr eine Stunde gefahren waren, hielt das Auto plötzlich,
und wir alle mußten aussteigen. Vor uns war die Brücke eingestürzt,
und zahlreiche Arbeiter waren damit beschäftigt sie auszubessern.
Wir mußten also auf einem Seitenwege an den Bach hinunterfahren,
was auch gut ging; aber als wir auf der anderen Seite hinauffahren
wollten, konnte das Auto die Steigung nicht nehmen. Da war guter Rat
teuer. Schließlich gelang es uns, ein großes Seil aufzutreiben, das
wir vorn ans Auto banden. Dann mußten die Brückenarbeiter versuchen,
das Auto heraufzuziehen. Es machte ihnen sichtlich Vergnügen, und als
plötzlich das Seil riß und alle Mann am Boden lagen, wollte das Lachen
und Gejohle kein Ende nehmen. Noch zweimal mußte der Versuch gemacht
werden, ehe es gelang, das Auto heraufzuholen. Dann ging es weiter.
[Illustration: 38. Grabmal des Emir Abdur Rahman]
Der Schnee hatte abgenommen und je mehr wir uns dem Fuße des Hindukusch
näherten, um so wärmer wurde die Luft. Der Schnee im Tal verschwand.
Im Tscharikar machten wir Mittagsrast. Viele Neugierige versammelten
sich um unser Auto, als wir vor dem Karawanserai hielten, um hier
unser Mittagsmahl einzunehmen. Es gab Tee, Brot, Käse und Kuchen
sowie Obst. Wir stiegen auf das Dach des Robats und sahen von hier
aus auf das bunte Getriebe der Straße und des Seraihofes. Direkt vor
uns im Norden hatten wir jetzt die Hauptkette des Hindukusch, deren
höchste, über 5000 Meter aufragende Gipfel in Wolken gehüllt waren.
Wir machten noch einen Spaziergang durch den Basar, in dem wir uns
dicke Schaffellhandschuhe kauften, die uns später bei der großen Kälte
sehr von Nutzen waren. Gegen zwei Uhr fuhren wir weiter ins malerische
Ghorbendtal.
[Illustration: 39. Deutsche Gesandtschaft in Babur Bagh Kabul]
Das Wetter hatte sich etwas aufgeklärt, einige Flecke blauen Himmels
schauten bereits durch die Wolken. Die Straße ist sehr hübsch angelegt.
Unter uns sahen wir das reich bebaute Tal, in dem der rauschende
Ghorbendfluß dahinschoß. Wir passierten viele kleine Dörfer und
Gärten und trafen oft große Kamelkarawanen. Meistenteils gab es
großen Krach, wenn wir an ihnen vorbei fuhren; die Kamele scheuten
vor dem Auto, rissen sich los, rannten die Hänge hinauf, kurz es
wurde eine große Unordnung geschaffen, und oft genug bekamen wir von
den Karawanenführern Flüche zu hören, die an Deutlichkeit nichts
zu wünschen übrig ließen. Am schlauesten waren immer die Esel, die
ärgerten uns noch viel mehr als die Kamele. Meistenteils waren sie
mit großen Balken beladen, und sobald sie unser Auto kommen hörten,
blieben sie stehen und stellten sich quer auf den Weg, so daß die
Balken eine Art Schlagbaum bildeten. Es dauerte manchmal länger als
eine Viertelstunde, bis wir an einer kleinen Eselkarawane vorbeikommen
konnten!
[Illustration: 40. Paghman: Triumphbogen]
Gegen fünf Uhr kamen wir nach Siah Gird, wo schon alles für uns
vorbereitet war. Wir wurden in einem Landhäuschen untergebracht, von
dem aus wir einen herrlichen Ausblick auf die hohen Berge und das von
hohen Terrassen eingefaßte Tal hatten. Siah Gird liegt zwischen der
Haupthindukuschkette im Norden und der Paghmankette im Süden. Eine
wilde, enge Schlucht führt gerade gegenüber von diesem Dorfe zu dem
hohen Tschähardarpasse (4050 Meter), der in der Haupthindukuschkette
liegt und der von Griesbach überschritten wurde. Die Gipfel waren tief
in Schnee gehüllt und die hohen Hindukuschpässe waren zur Zeit gesperrt.
[Illustration: 41. Hotel Inderabi Kabul]
Im Landhäuschen wird sofort das große Kohlenbecken, das »Mangal«
aufgestellt, das herrlich wärmt. Später wird noch ein niedriger Tisch
darübergestellt, auf den wir eine große Wolldecke legen und so unsere
Beine darunter wärmen. Diese »Sändälis«, wie sie genannt werden,
wärmten außerordentlich; nur brauchte man sich nicht zu wundern, wenn
man später einige unliebsame kleine Gäste aufgenommen hatte. Das Essen
wurde sehr spät gebracht, und doch verspürten wir solch großen Hunger!
Erst um elf Uhr wurde der Pilau aufgefahren, so daß wir vor zwölf Uhr
nicht zur Ruhe kamen. Wir schliefen in unseren Feldbetten. Die Afghanen
hingegen lagen platt auf der Erde und hatten sich in ihre Wolldecken
eingerollt.
[Illustration: 42. Der Verfasser]
Am anderen Morgen waren wir schon früh wieder auf. Der Himmel sah
nicht sehr verheißungsvoll aus. Es war solch eigenartige Luft, so
dumpf; wir waren alle gedrückter Stimmung. Es war gerade, als ob
etwas Unheilvolles sich über unseren Köpfen zusammenbrauen wollte.
Gewitterstimmung, obgleich wir im tiefsten Winter waren! Wir hatten uns
entschlossen, gleich weiter nach Bamian zu ziehen und den Besuch der
Kohlelagerstätten in der Umgegend von Siah Gird aufzuschieben.
[Illustration: 43. Palastbau Darulaman]
Der Weg war außerordentlich malerisch. Senkrecht recken sich die kahlen
verwitterten Felswände zur Rechten und Linken empor; sie schimmern
in allen Farben, vom tiefsten Rot bis Violett. Kleine Schneeflecken
liegen in den Taleinschnitten und Felsnischen. Die höheren Regionen
aber sind ganz von einer weißen Decke überzogen, die sich scharf vom
eintönig bleigrauen Himmel abhebt. Kurz hinter Siah Gird müssen wir den
Ghorbendfluß kreuzen. Die Brücke ist eingestürzt, und wir müssen uns
eine Furt suchen. Der Chauffeur will das Auto möglichst entlasten, und
so steigen wir aus. Ein paar Afghanen stehen am Ufer und sehen sich das
Schauspiel an. Sie haben ein paar Esel bei sich, und während die Diener
barfuß durch das eiskalte Wasser waten, schwingen wir uns auf die
Grautiere. Jeder bekommt einen Stecken in die Hand gedrückt, und dann
überläßt man uns unserem Schicksal! Das Wasser rauscht und spritzt, als
die kleinen Tiere Schritt für Schritt durch den Fluß waten. Man muß die
Beine ganz hoch ziehen, um nicht naß zu werden, denn das Wasser reicht
den Tieren bis zum Sattelgurt. Als ich mitten im Fluß bin, bleibt mein
Esel mit konstanter Bosheit stehen und will keinen Schritt weiter.
Ich schlage ihn, trete ihn, aber es fällt ihm gar nicht ein, sich vom
Fleck zu rühren. Erst nachdem ein paar Minuten vergangen sind, bequemt
er sich weiterzugehen. Esel sind durchaus nicht dumm! Sie sind die
eigensinnigsten Tiere, die es gibt, und verstehen es großartig, den
Menschen zu ärgern; aber nur aus reiner Bosheit!
Als wir glücklich alle wieder am jenseitigen Ufer angekommen sind und
die Esel über den Fluß zurückgejagt haben, setzen wir unsere Fahrt
fort. Der Himmel wird dunkler und dunkler, drohend hängen die Wolken
an den Bergen, und bald beginnt es wieder zu schneien. Immer größer
werden die Flocken. Das Schneegestöber wird so dicht, daß wir kaum
20 Meter weit sehen können. Es wird kälter und windiger; an manchen
Stellen ist die Straße vereist. Nur mit vereinten Anstrengungen, indem
wir Geröll und Sand auf den Boden streuen und Decken und Kelims unter
die Räder schieben, gelingt es uns, das Auto vorwärtszubringen. Es
dauert ungefähr eine Stunde, bis wir es über die eine vereiste Stelle
von 20 Meter vorwärtsbrachten, und dabei schneite es lustig weiter.
Wir sehen alle wie Schneemänner aus, und im Auto ist es kalt, naß und
dumpfig. Endlich zeigt sich das tiefeingeschneite Robat Kasi Besé, wo
wir absteigen. Im Hofe lag der Schnee schon über einen halben Meter
hoch, aber hier hatte es auch in den letzten Tagen schon geschneit. Am
Abend wurde es sehr kalt, und sogar im Feldbett wurden wir nicht warm.
Mit der Verpflegung sah es auch traurig aus, und wir mußten uns mit ein
paar in Hammelfett gebackenen Spiegeleiern, trockenem Brot und Wasser
begnügen. Als Beleuchtung diente eine einzige Wachskerze. Blaich und
ich bekamen einen besonderen Raum zugewiesen. Wir ließen uns vom Diener
des Schikar Sahib in unsere Decken und Pelze einpacken. Aber trotzdem
wachte ich des Nachts mehrmals vor Kälte auf.
In der Nacht hatte es weitergeschneit. Vor uns lag der ca. 3000 Meter
hohe Schibarpaß. Da war mit dem Auto ein Vorwärtskommen nicht mehr
möglich. Schon am Abend vorher hatte der Schikar Sahib Pferde beordert.
Aber am Morgen folgte erst ein endloses Hin- und Herreden, ehe die
Tiere zur Stelle waren. Und was für edle Rösser waren das! Solche
Schinder hatte ich in meinem Leben noch nicht gesehen! Dazu erhielten
wir Holzsättel, wie sie die Eingeborenen gebrauchen, auf denen zu
reiten keine Freude war! Es schneite immer noch, als wir aufbrachen.
Dann ging es hinauf auf den Paß, den schon Timur gezogen ist. Auch der
buddhistische chinesische Pilger Hsüen-Tsang, dessen Memoiren zu den
anziehendsten Reiseschilderungen der älteren Zeiten gehören, hat diesen
Paß überschritten.
An manchen Stellen des Weges lag der Schnee so hoch, daß die Pferde
bis an den Bauch in den Schneewehen versanken. Der Wind blies heftig.
Je höher wir kamen, desto stärker wuchs er zum Sturme an, der den
trockenen Pulverschnee aufwirbelte und über die blendendweißen Flächen
dahinjagte. Mühsam und lautlos arbeitete sich die Karawane empor. Eine
wundervolle Hochgebirgslandschaft umgab uns – ein Meer schneeweißer
Gipfel und Kuppen, soweit der Blick reichte.
Der Abstieg ins Bamianer Tal war leicht. Am Fuße des Passes in
Schumbul wechselten wir die Pferde und waren froh, die alten Schinder
loszuwerden. Wir ritten dann hinab nach der tief eingeschnittenen
Balulaschlucht. Rechts und links türmten sich kahle, schwarze
Kalkfelsen auf; kaum ein Sonnenstrahl kann in diese Schlucht dringen,
und eisige Kälte umfing uns, als wir zwischen den hohen Wänden
dahinzogen. Der Weg war stark vereist, und wir kamen nur langsam
vorwärts. Von den Felsen hingen große, einen Meter lange Eiszapfen
herab, die wie Kristall glitzerten. Sobald wir aber die Schlucht hinter
uns hatten und wieder in das breitere Talbecken eintraten, wurde es
warm; denn die Sonne war inzwischen hervorgekommen. Der Schnee im
Tale verschwand zusehends. Die Temperaturgegensätze sind in diesen
Hochländern Innerasiens ganz bedeutend. Nachts wird es so kalt, daß man
selbst unter den Pelzen friert, tagsüber aber wird man in der Sonne
gebraten.