ganzen Kolonie bekannt, war sicher nicht älter als 10 bis 12 Jahre und
ging in Lumpen gekleidet, trug aber silberne Fingerringe. Um den Kopf
hatte sie ein grobgewebtes, schmutziges Leinentuch gelegt, unter dem
ihre schwarzen glänzenden Haare hervorschimmerten. Ihre Augen waren
groß, schwarzbraun; manchmal blickten sie fragend, ängstlich, manchmal
aber blitzte der Schalk aus ihnen. Sie wußte ganz genau, daß sie von
den Europäern immer eine Kupfer- oder eine kleine Silbermünze erwarten
durfte. Dann saß sie wohl manchmal stundenlang vor unserem Haustor und
spielte mit ihren Kameradinnen, die gerade so arm und zerlumpt waren
wie sie selbst. Mit kleinen Hammelknöchelchen spielten sie Murmeln oder
amüsierten sich damit, Steine in das schmutzige Grabenwasser zu werfen.
Kam ein Europäer, dann unterbrach sie sofort das Spiel, stellte sich
vor den Eingang unseres Hauses, sprach mit der feinsten, klingendsten
Stimme, die man sich denken kann, ihr: »Paiseh bideh«, legte das
Händchen verlegen an den Mund und schaute mit unsagbar traurigen,
bittenden Augen den weißen Mann an. Selten war einer so hart und ging
vorüber, ohne ihr etwas zu schenken. Dann ging ein Leuchten über ihr
Gesicht, und lachend sprang sie wieder zu ihren Spielgefährten zurück.
Sie hatte eine kleine Freundin, die genau so schwarzes Haar und
schwarze Augen hatte wie sie selbst, nur sah sie elend und krank aus.
Oft hatten beide einen groben Linnensack umhängen, und dann gingen sie
betteln und tobten durch die Gassen des Basars. Hier erhielten sie
ein Stück trocken Brot, dort einen Apfel, hier schon etwas verfaulte
Weintrauben, und dort stahlen sie ganz unauffällig ein Stückchen
Kuchen. Und dann jagten sie wieder weiter. Oft traf ich die beiden in
den verlassendsten Winkeln der Stadt.
Eine Beschreibung des Kabuler Basars aber würde unvollständig sein,
wenn man nicht auch der vielen Hunde gedenken würde, die sich hier
herumtreiben. Meistens lagen sie vor den Verkaufsständen und suchten
sich immer die Stellen aus, wo die Sonne ihre hellen Flecke am Boden
abzeichnete. Da lagen sie dann zu vieren oder zu fünfen beieinander und
schliefen. Aus dem Wege gingen sie nie, lieber ließen sie sich treten
und überfahren. Oft genug bissen sie sich. Dann hagelte es Fußtritte
und Stockschläge. Viele Hunde waren räudig und boten einen grauenhaften
Anblick.
Das Klima Kabuls ist infolge seiner Höhenlage sehr gesund. Im Sommer,
wenn die Temperatur bis auf 35 bis 40 Grad Celsius mittags im Schatten
stieg, fiel sie nachts auf 25 bis 28 Grad Celsius. Im Winter war es an
manchen Tagen recht kalt, und wir konnten oft –15 bis –20 Grad Celsius
ablesen. Die Niederschläge fallen im Winterhalbjahr, von Dezember bis
Mai. Aber auch im Sommer zog manchmal eine Wolkenwand im Süden auf, und
oft konnten wir Blitze und Wetterleuchten in dieser Gegend sehen. Sehr
wahrscheinlich waren dies Ausläufer des indischen Monsuns. Gewitter
gab es verhältnismäßig selten und wenn, so fehlten meistens die
Niederschläge. Trotz der Höhenlage gab es aber in Kabul auch Malaria,
und wir waren gezwungen, unter Moskitonetzen zu schlafen und ständig
Chinin zu nehmen.
Zu erwähnen sind noch die vielen Erdbeben, die wir in Kabul erlebten,
verging doch kaum ein Monat, ohne daß wir Stöße verspürten. Manchmal
wurden wir nachts dadurch geweckt, dann kam es uns vor, als ob jemand
unser Bett bewegte. Das schwerste Erdbeben machte ich in Dschelalabad
mit.
Es war mein letzter Tag in Afghanistan. Spät abends waren wir erst in
Dschelalabad eingetroffen, da wir unterwegs viele Autopannen gehabt
hatten. Im Palast Bagh-i-Schahi wurde ich von einem afghanischen Oberst
sehr liebenswürdig angenommen und erhielt mein Nachtquartier auf der
Veranda angewiesen. Es war eine helle Vollmondnacht, wie wir sie wohl
in kalten Winternächten manchmal bei uns haben. Silberweiß lag das
Licht auf den Wegen und auf dem Steinboden der Veranda. Gegen zehn
Uhr legte ich mich schlafen. Da höre ich plötzlich ein fernes Heulen,
und ehe ich mich versehe, braust ein mächtiger Sturm über das Land
hin. Keine Wolke war am Himmel. Da die Fensterscheiben in der großen
Glasveranda nicht verkittet waren, so war das Klirren der Scheiben
ohrenbetäubend. Trotzdem nickte ich ein wenig ein; da verspürte ich
einen Erdstoß, dem mehrere folgten. Ich blieb ruhig im Bett; denn wir
waren von Kabul her schon die Erdbeben so gewöhnt, daß wir uns nicht
weiter darüber aufregten. Aber ich merkte, wie die Stöße immer stärker
und stärker wurden, und gerade überlegte ich mir, ob ich aus dem Haus
in den Garten laufen sollte, als schon große Stücke Stuck und Verputz
von der Decke herunterfielen und Risse über die Wände liefen. Da
eilte ich so schnell wie möglich hinaus. Auch sämtliche Bewohner des
Palastes – afghanisches Militär und Diener – versammelten sich in dem
vom bleichen Mondschein erhellten Hof. Wir warteten eine Viertelstunde
und wagten uns dann wieder ins Haus. Wie ich später feststellen konnte,
war dieses Erdbeben sowohl in Dakka wie in Peshawar und sogar bis Delhi
gespürt worden.
Die vielen Erdbeben in Kabul sind sicher darauf zurückzuführen, daß
sich verschiedene große Bruchlinien im Kabulbecken kreuzen. Viele der
großen Ebenen Afghanistans, die innerhalb der Berge liegen, sind sicher
Einbruchsbecken. In früheren Zeiten soll Kabul auch einmal von einem
Erdbeben sehr heftig betroffen worden sein, so daß ein großer Teil der
Stadt zerstört wurde.
Malerische Partien finden sich längs des Kabulflusses, wo tiefe
Schluchten mit fruchtbaren Ebenen wechseln, die früher zum größten
Teile von Seen ausgefüllt waren. Weit muß diese Zeit zurückliegen, und
doch gibt es alte Sagen, die noch an diese Zeiten erinnern, wie die von
der schönen Königstochter, die ihren Gemahl veranlaßte, den See, der
einst die Kabuler Ebene ausfüllte, zu entleeren, um hier Gärten und
Paläste anzulegen. An der Stelle, wo heute die Teng-i-Garu-Schlucht
beginnt, sollen damals die Felsen gesprengt worden sein, so daß der See
dadurch entleert wurde.
Die nähere Umgebung Kabuls ist sehr hübsch. Da reihen sich Gärten
an Gärten und Felder an Felder, durch die sich viele kleine
Bewässerungskanäle ziehen. Unter hohen und ehrwürdigen Pappeln und
Maulbeerbäumen liegen die kleinen Lehmdörfer versteckt. Scharf
schneiden die kultivierten Bodenstrecken, die Ebenen, von den kahlen,
verwitterten Bergen ab, auf denen man nur hin und wieder einen Strauch
oder eine Blume finden kann.
Am Fuße der Paghmankette, in einer Höhe von ca. 2350 Meter, liegt die
Sommerresidenz des Emir. Wird es im Mai in Kabul zu heiß, so wird die
Regierung nach Paghman verlegt (Abb. 37). Alle Ministerien müssen dann
mit umziehen, und in Kabul wird es merklich still und ruhig. Paghman
liegt ca. 25 Kilometer von der Hauptstadt entfernt am Fuße der hohen
Bergkette, die die Ebene von Kabul beherrscht und deren höchste Gipfel,
über 5000 Meter, bis in den Herbst hinein eine Schneedecke tragen.
Herrliche Blumengärten gibt es hier und große alte Baumbestände, um
deren Pflege sich der Hofgärtner des Emir, ein Ungar, große Verdienste
erworben hat. Überall sprudeln frische Quellwasser, und im Schatten
der hohen Bäume werden Erinnerungen an Deutschlands Wälder wach.
Von Paghman aus soll ein Weg ins Gebirge führen, wo in großer Höhe
ein kleiner See liegt, der fast das ganze Jahr über gefroren ist.
In diesem Orte wird auch in jedem Jahr das Unabhängigkeitsfest, das
»Jeschm« gefeiert; leider wurde es im Jahre 1924 wegen der unruhigen
Lage abgesagt. Im Vergleich zu Kabul ist Paghman ein Luftkurort; die
Luft ist herrlich, frisch und rein. Im Winter aber liegt es unter
einer dicken Schneedecke begraben, und nur ein paar Wächter bleiben
dann oben im Gebirge. Seltsam wirkt hier der von einem Türken erbaute
Triumphbogen (Abb. 40).
Emir Amannullah Khan hat nach dem letzten englisch-afghanischen
Kriege 1919 sein Land den Europäern geöffnet. Deutsche Ingenieure
bauen Straßen, deutsche Architekten die neue Stadt Darulaman. Eine
deutsche Ärztemission leitet die Hospitäler, und die oben schon
erwähnte deutsch-afghanische Kompanie versucht, Handel und Wirtschaft
Afghanistans in neue Bahnen zu lenken. Eine deutsche und eine
französische Schule sind gegründet worden. Auch Italiener stehen im
Dienst des Emir; viele aber verließen im Herbst 1924 das Land.
Der Emir hat den aufrichtigen Wunsch, sein Land in jeder Weise zu
heben; aber er möchte zu viel auf einmal erreichen. Große Pläne und
große Ideen schweben ihm vor, aber um sie durchführen zu können, gehört
viel Geld. Am notwendigsten für das Land ist zweifellos der Ausbau des
Wegenetzes und der Bau guter Straßen, damit die Transportverhältnisse
besser und billiger werden. Ein kühner Plan ist der Bau der Straße
längs des Kabulflusses. Dort werden an die Ingenieure die höchsten
Anforderungen gestellt, denn der Kabulfluß durchbricht die hohe
Bergwelt, die sich zwischen Kabul und Dschelalabad ausdehnt, in tiefen
Schluchten.
Der Bau der neuen Stadt hat viel Anlaß zu Meinungsverschiedenheiten
gegeben (Abb. 43, 53). Zweifellos wird es notwendig sein, später einmal
eine neue Stadt zu bauen; aber im Augenblick warten wichtigere Aufgaben
der Lösung. Sicherlich ist doch ein großer Teil der Bevölkerung durch
den Bau dieser neuen Stadt, der viel Geld verschlingt, mißgestimmt,
und die Mollahs – die mohammedanischen Priester – nutzen dies aus und
hetzen im stillen; denn sie sind noch nicht damit ganz einverstanden,
daß die Europäer ins Land gezogen werden.
Im allgemeinen kam die Bevölkerung den Europäern freundlich entgegen,
wenn es auch Ausnahmen gab. Besonders die Polizisten schienen es
manchmal geradezu darauf anzulegen, sich den Europäern möglichst
unfreundlich zu zeigen. In Kabul konnte man sich ungehindert frei
bewegen und ruhig allein in den Basar gehen; selbst in den finstersten
Stadtteilen bin ich unbelästigt umhergegangen, und es wird kaum von
einem Notiz genommen.
Von den Frauen Kabuls habe ich nur wenige gesehen. Sie gehen tief
verschleiert und sind in große, hellblaue oder weiße pelerinenartige
Gewänder gehüllt. Nach den Kindern zu urteilen, müssen sie sehr hübsch
sein. Unter den Nomadenfrauen, die unverschleiert gehen, sieht man
tatsächlich sehr schöne Gestalten. Sie haben große Ähnlichkeit mit den
Zigeunern, feine ovale Gesichter, dunkle Augen, tiefschwarzes Haar.
Die alten Frauen aber sind sehr häßlich; man sah wohl dann und wann
das Gesicht einer der alten Bettlerinnen, die auf der Promenade längs
des Kabulflusses hockten und dort stumpfsinnig, den Kopf in die Hände
gestützt, ständig ihr »Paiseh bideh« murmelten.
VIII
TRÜBE WINTERTAGE
In den ersten Wochen, die wir in Kabul zubrachten, weilten wir im
afghanischen »Hotel«. Die Zimmer waren ganz hübsch. Sie waren mit
Kelims und Matten ausgelegt, über die wir dann unsere eigenen Teppiche
breiteten; wir hatten Tische und Stühle und schliefen in unseren
Feldbetten. Da wir alle aber sehr viel Sachen hatten, wurde der Platz
doch sehr eng.
[Illustration: Grundriß eines afghanischen Wohnhauses]
Tagsüber war es noch sehr schön warm; wir konnten sogar in der Sonne
auf der kleinen Terrasse vor unserem Zimmer zu Mittag essen. Es waren
die letzten schönen Tage des Jahres.
[Illustration: 31. Straßenkinder in Kabul]
Das Hotelleben war auf die Dauer teuer, und wir mußten uns nach einer
anderen Wohnung umsehen. Aber in ganz Kabul war kein für unseren
Betrieb geeignetes Haus zu finden. Auch dort herrscht Wohnungsnot. Da
bot uns eines Tages der Inhaber des Hotels an, wir sollten das Haus
mieten, das er jetzt schräg gegenüber vom Hotel baute. Es war uns
dieses Haus schon aufgefallen; die nach der Straße zu gelegene Seite
war auch fertig, es waren zwei große Schaufenster im Erdgeschoß, und
das Ganze machte für afghanische Verhältnisse einen recht hübschen
Eindruck. Die Zimmer im Innern waren durchweg geräumig, so daß wir bald
sahen, daß wir nichts Gescheiteres tun konnten, als dieses Haus zu
mieten.
[Illustration: 32. Basar in Kabul]
Aber der Besitzer war ein ganz durchtriebener Bursche. Er war
Geschäftsmann und glaubte, von den Europäern erhalten zu können, was
er nur verlangte. Tage – ja wochenlang wurde gehandelt –, wie das in
Afghanistan üblich ist. Verträge wurden aufgesetzt, wieder zerrissen,
neu entworfen! Kam der alte Gauner nach dem Mittagessen zu uns, dann
mußten die Diener einen großen Kelim in der Sonne ausbreiten und Tee
bringen, und dann wurde stundenlang verhandelt und debattiert. Hatte
man sich glücklich geeinigt, so konnte man sicher sein, daß man am
anderen Tage von neuem beginnen mußte. Wir bestanden dann darauf, daß
er einen Mirza – einen Schreiber – mitbrachte, damit der Mietvertrag
ordnungsgemäß aufgesetzt würde. Schreiben und lesen konnte der Alte
nämlich nicht. Wohlweislich unterschrieben wir den Vertrag nicht
sofort, sondern zeigten ihn erst einmal einem anderen Herrn, der
ausgezeichnet Persisch verstand. Da zeigte es sich dann, daß doch etwas
anderes, als was vereinbart, darinnen stand!
[Illustration: 33. Kabul: Blick vom Arkbasar nach Norden]
Wieder folgten endlose Verhandlungen, ehe der Vertrag endlich
unterzeichnet wurde. Aber das Haus war halbfertig; einziehen konnten
wir noch nicht. Türen und Fenster fehlten, und Öfen waren noch nicht
gesetzt. Es wurde uns aber hoch und heilig versprochen, daß in einer
Woche alles fertig sein würde. Die Woche verging, und als wir das Haus
wieder betraten, war fast nichts getan worden. Wir wurden vertröstet.
Eines Nachmittags erschien denn auch der eine Boy und sagte, wir
sollten uns die Öfen ansehen. Also ging die Arbeit vorwärts, wenigstens
sah es so aus! Die Öfen haben uns oft Sorge gemacht. Die kleineren
wurden aus Petroleumbüchsen gemacht und haben den Nachteil, daß man
alle halbe Stunde wenigstens Holz nachlegen mußte. Denn mit Kohle war
es in Kabul schlecht bestellt. Wenn auch im Lande viel Kohle ist,
so lohnt sich der Transport nach Kabul doch nicht. Schon im Hotel
hatten wir unsere Freude an solch einem Ofen gehabt. Erst rauchte
er wie ein Schlot, und als dem Übel abgeholfen war, wollte er nicht
ziehen. Brannte aber einmal das Feuer, dann war der Ofen auch in
ein paar Minuten rotglühend. Ging man einen Augenblick fort und kam
wieder, dann war er ausgebrannt, und man mußte wieder von neuem Feuer
anlegen. Besser waren schon die etwas größeren Öfen mit Wasseraufsatz.
Rechtzeitig mußten wir auch Brennholz einkaufen. Manchmal war tagelang
im Basar nichts aufzutreiben, oder das Holz war feucht und brannte
nicht.
[Illustration: 34. Wohnhaus bei Kabul]
Dann kam der erste Schnee, und es wurde kälter und kälter. Es wurde
Zeit, daß wir umzogen. Aber der Alte hatte tausend Ausflüchte; am Haus
wurde nichts mehr getan. Die Fenster fehlten noch, die Wände waren
nicht geweißt, keine Tür schloß richtig. Aber es hieß, bei dem kalten
Wetter könnten die Leute nicht arbeiten, und erst müsse der Schnee
vorbei sein. Wir drohten, den Vertrag zu zerreißen, wenn er nicht
wenigstens Fenster und Schlösser in drei Zimmern anbringen lasse.
Endlich, nach langem, langem Warten, konnten wir denn auch einziehen.
Nie werde ich diesen ersten Umzug vergessen, bei dem Hammals,
Lastträger, Stück für Stück unserer Ausrüstung vom Hotel ins neue Haus
brachten. Für die Diener war es ein Festtag; denn sie konnten die
Lastträger kommandieren und kamen sich ungeheuer wichtig vor.
[Illustration: 35. Kabul, Gemüseverkäufer]
Wir wollten jetzt auch eigene Küche führen; Juma sollte kochen. Aber
der arme Junge verstand nur einen Pilau zuzubereiten; und sagte man
ihm etwas, so starrte er einen mit offenem Munde an, was Wagner oft
aus der Fassung brachte. Die Küche ist unsere Sorge geblieben. Wir
haben viel Köche gehabt, sogar einen Hofkoch des Emir, und doch waren
wir mit keinem zufrieden. Bevor wir unsere Küche eingerichtet hatten,
nahmen wir unsere Mahlzeiten gemeinsam bei den Lehrern ein. Dann
zogen wir abends im Dunkeln durch die engen finsteren Gassen nach dem
»Paukerheim«. Ein Diener mit Laterne begleitete uns. Das Essen war
gut, und Juma wurde abkommandiert, hier das Kochen zu lernen. Da es
keine Backöfen gab, mußten alle Mahlzeiten auf kleinen Kohlenbecken
zubereitet werden. Wir ließen Juma etwa vier Wochen gewähren, dann
sollte er kochen. Und er tat es auch. Tag für Tag gab es Fleischknödel,
mittags und abends, die auf ihn wohl einen besonders guten Eindruck
gemacht hatten. Vielleicht machte ihm auch die Fleischmaschine so viel
Freude, die wir im Basar erstanden hatten. Als wir ihn einmal fragten,
ob er denn gar nichts anderes kochen könne, meinte er: O ja, Pilau! Es
war zum Verzweifeln mit dem armen Jungen. Ich glaube, er sehnte sich
wieder nach dem freien Karawanenleben zurück. Oft stand er ganz in
Gedanken versunken da und träumte.
Im Hotel konnten wir uns nicht viel um ihn kümmern. Da meine Freunde
einen tüchtigen Diener namens Abdul Sebur engagiert hatten, brauchte
Juma nur mein Zimmer in Ordnung zu halten. Und das machte er gut. Er
sah auch das Zeug nach, nähte abgerissene Hosenknöpfe an und versuchte
Strümpfe zu stopfen. Aber wir hatten zum Schlafen für ihn keinen
Platz. Nachts war es draußen schon zu kalt, als daß er hätte im Freien
nächtigen können. So mußte er im Pferdestall bei dem Hesare, dem
Pferdeknecht, schlafen; das kränkte ihn tief.
Eines Morgens, als ich den niedrigen, kleinen, finsteren Stall betrat,
um nach meinem Pferd zu sehen, saß Juma frierend an der Glut eines
erlöschenden Lagerfeuers. Der Hesare war wieder einmal fortgegangen,
und Juma mußte das Amt des Wächters übernehmen. Stets wenn man den
Hesare brauchte, hieß es: Hesare basar räft (Hesare ist nach dem Basar
gegangen). Mir tat Juma aufrichtig leid. Er hatte sich sicher seine
Stellung in Kabul anders gedacht. Als ich eintrat, stand er auf und
sagte verlegen: »Sahib, sieh, hier muß ich nun schlafen. Schlecht ist
es hier und dumpfig.« Dabei hustete er und bat um eine Decke, die ich
ihm auch verschaffte. Später gab ich ihm oft noch ein Trinkgeld in die
Hand; er hatte auf der Karawanenreise doch gut für mich gesorgt. Daß er
so dumm war, dafür konnte er ja schließlich nichts.
Als ich die Hindukuschtour antrat, wollte er gerne mit; ich merkte,
er sehnte sich fort von Kabul. Aber leider konnten wir ihn nicht
mitnehmen. Als nun seine Kochkunst auch versagte, war er eigentlich
nur mehr geduldet. Er hatte wieder nur die Zimmer zu besorgen. Morgens
mußte er zuerst den Ofen heizen, denn nachts wurde es in den Räumen
immer sehr kalt, da weder Fenster noch Türen gut schlossen.
Eines Wintertages, als draußen eisige Kälte herrschte und große
Eisblumen an unseren Fenstern waren, trat Juma morgens leise ins
Zimmer. Er glaubte, ich schliefe. Leise trat er an meinen Arbeitstisch
und suchte, nahm meine Zigarettendose und steckte sich verstohlen und
bedächtig eine Zigarette an. Plötzlich sah er, daß ich ihn beobachtete,
und nie werde ich sein verlegenes, bestürztes Gesicht vergessen! Er
stand wie versteinert! Beschämt schlug er die Augen nieder. Im ersten
Augenblick wollte ich ihn gefährlich anfahren; aber ich hatte dann doch
Mitleid mit ihm. So sagte ich nur, indem ich leise den Kopf schüttelte:
Juma, tschi mikuni? Juma, was machst du da? Er antwortete nichts, legte
die Zigarette auf den Ofen und ging still aus dem Zimmer. Widerworte
wie andere Afghanen hatte er nie.
Der Winter war gekommen. Grau war der Himmel; Schneedecke legte sich
auf Schneedecke (Abb. 41). Die Diener hatten stundenlang zu arbeiten,
um den Schnee vom flachen Dache zu schippen. Alles war naß und feucht.
Aber solange es kalt war und schneite, war es noch zu ertragen; doch
dann kam eines Tages das Tauwetter und verwandelte die Straßen in einen
Morast (Abb. 33). Der Schnee auf dem Dache schmolz und das Wasser
tropfte an allen Stellen durch die Decke. Schüsseln und Töpfe wurden
aufgestellt und in dem einen Zimmer mußten wir eine große Zeltleinwand
ausspannen, in der sich bald ein kleiner See ansammelte, der alle halbe
Stunden entleert werden mußte! Wir alle waren stark erkältet. Die
Zimmer wurden kaum warm. Wir legten uns die Pelze über die Knie und
tranken oft Schnaps – oder besser Raki, Marke »Stacheldraht« getauft
– den einer der Europäer fabrizierte. Mit Apfelsinensaft und Zucker
vermischt konnte man ihn trinken, und da wir diese Mischung erfunden
hatten, erhielt sie fortan in der deutschen Kolonie den Namen »Marke
OHA« (OHA = Orienthandelsaktiengesellschaft). Lange blieben wir abends
nicht auf. Die Beleuchtung war zu schlecht. Wir hatten nur Stallaternen
und wenn man nicht ständig aufpaßte, rußten sie. Vor dem Schlafengehen
wurde im Ofen noch einmal Feuer gemacht. Dann rückten wir ganz nahe
heran, legten Holzscheit auf Holzscheit und blickten in die flackernden
Flammen. Bald wurde es in der Nähe des Ofens mollig warm; und oft genug
strahlte er eine solche Hitze aus, daß man nicht dicht herangehen
konnte. Aber die Freude dauerte höchstens eine Viertelstunde, dann war
das Holz verbrannt und die Kälte zog wieder ein. Wir deckten uns mit
Wolldecken und Schafpelzen zu, plauderten noch eine Weile aus unseren
Pelzhöhlen und sanken bald in tiefen Schlaf.
Eines Tages war der Schneefall außerordentlich stark. Schon morgens,
als wir aus unseren Fenstern blickten, sahen wir das Wirbeln der dicken
Flocken. Von den gegenüberliegenden Bergen war nichts zu erkennen. Die
großen Raben saßen regungslos auf der Mauer; auch ihnen war das Wetter
wohl zu kalt. Als ich mittags einen Spaziergang machte, versank ich
fast im Schnee und die weißen Flächen blendeten derart, daß ich die
Augen kaum offen halten konnte. Froh war man dann, wenn man wieder in
seiner Lehmbude war und am heißen Tee sich wärmen konnte.
Am 20. Februar konnten wir sehr schön die totale Mondfinsternis
betrachten. Es war abends gegen sieben Uhr; ich wollte gerade vom
Hause fortgehen, da hörte ich draußen ein seltsames Stimmengewirr.
Ein geheimnisvolles Summen, langgezogene Rufe, die von den Bergen
widerhallten. Ich ging hinaus und sah, wie die Landschaft in ein
eigenartiges Licht getaucht war – es war Mondschein; aber nicht das
silberhelle Licht lag auf den eingeschneiten Bergen, den flachen
Dächern und Lehmwänden, sondern feine, bläuliche Schatten schienen
langsam über das Land zu ziehen – Mondfinsternis! Wie tausend
Lichter flackerten die Sterne am Firmament, ihr heller Glanz noch
gesteigert durch die Höhenluft, liegt Kabul doch ca. 1750 Meter hoch.
Langsam schob sich der Erdschatten über die Mondscheibe und etwa um
siebeneinhalb Uhr war die Finsternis total.
Auf den Straßen war es still; hin und wieder sah man einen Afghanen,
die Laterne in der Hand, nach Hause eilen. Die Verkaufsläden waren
geschlossen; nur aus den Lebensmittelständen schimmerte der trübe
Schein der Öllampen. Eine ganz seltsame Stimmung lag über dem Land.
Der Mond schwebte wie eine rötliche Kugel am Himmel; so sah die Sonne
aus, wenn in meiner Heimat das Moor abgebrannt wurde und der Rauch dem
Tagesgestirn das Licht nahm. Mehr und mehr wuchs das Stimmengewirr,
lauter und lauter wurden die Gebetsrufe an Allah; Raketen stiegen in
die Luft, um den bösen Geist zu verscheuchen, der den Mond verschlingen
wollte.
Noch um neun Uhr war die Finsternis total. Einige kalte Windstöße
fegten über das Land und ließen die losen Fensterscheiben in den
Lehmhäusern erklirren.
Als ich spät abends nach Hause kam, und die Mondscheibe wieder in
hellem Lichte erstrahlte, hörte ich fremdartige Musik. Mit Trommeln,
Flöten und Gesang wurde das wiedergekehrte Licht des Nachtgestirns
begrüßt und noch bis tief in die Nacht hinein drangen die dumpfen
Klänge der Trommel an mein Ohr. So gingen die düsteren Wintertage
dahin, langsam, schleichend, als ob es nie wieder Frühling werden
wollte.
IX
AFGHANISTANS HÖCHSTES GEBIRGE