kärgliche Gestrüpp war so fest in den Boden gefroren, daß wir es erst
mit dem Hammer herausschlagen mußten, was mit den klammen Händen nicht
leicht war. Mein Geologenhammer war überhaupt zu allem gut; mehr als
einmal am Tage verlangte Juma den »Chergosch«, sei es zum Zerkleinern
des Hutzuckers, sei es um das Hammelfleisch mürbe zu schlagen und die
Knochen herauszutrennen, sei es um einer allzu zudringlichen Katze
einen Schlag damit zu versetzen!
Die Temperatur war –18 Grad Celsius. Wir freuten uns, als es bergab
ging und wir im Morgensonnenschein reiten konnten. Gul Mohammed war
zurückgeblieben. Dabei war es ihm geglückt, in ein paar kleinen
Hesarenhütten einige Pfund prachtvoller Weintrauben aufzutreiben, die –
wenn auch eiskalt und halbgefroren – trefflich mundeten. Wieder umgab
uns richtige Hochgebirgslandschaft: Felsen, Schnee, Geröll; kein Grün,
kaum ein Strauch war zu erblicken.
Wir reiten durch eine malerische wilde Schlucht, wo unzählige Geier
hausen. Sie sitzen stumm auf den Felsen, als ob sie aus dem Stein
herausgeschlagen seien; nur wenn wir mit Steinen nach ihnen werfen,
fliegen sie auf und schweben mit schweren Flügelschlägen den hohen
Gipfeln zu. Dann kommen wir wieder in das breite Hilmendtal, in dem
viele kleine Siedelungen liegen.
Heute früh schickten wir Gul Mohammed weit voraus, um für abends schon
Proviant einzukaufen. Er schwang sich auf das eine Packpferd und ritt
im Galopp davon. Als wir nach einer Stunde zu ihm stießen, hatte er
tatsächlich einige Hühner erstanden, die wir dem einen Packpferd
aufbanden. Auch war es ihm geglückt, fünf Brote zu kaufen.
Zur Linken haben wir jetzt ganz nahe die mit Schnee bedeckten Berge
des Kuh-i-Baba. Ich mache verschiedene photographische Aufnahmen und
zeichne von der Hauptkette ein Panorama. Auch das Hilmendtal ist von
Terrassen eingesäumt, was beweist, daß auch dieser Fluß früher viel
größere Wassermengen führte (Abb. 25). Wohin man auch in Afghanistan
kommt, überall findet man die Hinweise auf ein ehemals viel feuchteres
Klima. Nur die allerhöchsten Bergketten scheinen während der Eiszeit
stärker vergletschert gewesen zu sein. Sonst äußerte sich die Eiszeit
in gewaltigen Niederschlägen; große Flüsse müssen das Land durchzogen
und viele Seen bestanden haben. Doch dies sind Fragen, die ausführlich
in meinem wissenschaftlichen Werke behandelt werden sollen.
Vor uns, südlich vom Flusse, sehen wir den Anstieg zu einem hohen
Passe; eine große Kamelkarawane zieht gerade hinauf; auch wir folgen
diesem Wege. Schnee, Schnee und wieder Schnee! Wir sind jetzt über
3000 Meter hoch. Kurz vor Jaokul treffen wir auf die große Straße,
die von Turkestan kommend über Bamian – den Hajigakpaß – Jaokul nach
Kabul geht. In dem Karawanserai von Jaokul ist daher viel Leben, und
nur mit Mühe finden wir hier Platz. Die Leute hier sind überdies sehr
unfreundlich und die Lebensmittelpreise hoch.
Nach einer kalten Nacht brechen wir morgens gegen fünf Uhr auf. Es ist
Vollmondschein, und infolge des vielen Schnees ist es sehr hell. Der
Weg vom Robat bis auf die Paßhöhe des Unai steigt langsam an; in der
frischen Morgenluft bereitet das Gehen eine wahre Freude. Eine tief
eingeschneite Hochgebirgswelt umgibt uns (Abb. 23). In einem kleinen
Seitentälchen, das den Weg kreuzt, finden wir einige Gräber. Einfache
Steinplatten und Felsblöcke sind aufeinandergehäuft, und an Kopf- und
Fußende sind zwei hohe Steinplatten in den Boden gesteckt. Juma, der
schon in früheren Zeiten durch Jaokul gereist ist, erzählt uns folgende
Geschichte:
Es war in einer Winternacht, als eine große Karawane, von Turkestan
kommend, in diesem Tälchen das Lager aufschlug. Die Kamele ließ man
sich in Reih und Glied nebeneinanderlegen, nachdem ihnen die Lasten
abgenommen waren. Wachtfeuer wurden angezündet, Tee gekocht und der
Pilau zubereitet. Dann ging man schlafen. Die Karawane brachte die
Staatseinnahmen von Turkestan nach Kabul, und war sogar von Soldaten
begleitet. Nachts hörte man plötzlich das Getrappel von Pferden, und
ehe man wußte, was los war, fiel eine starke Räuberbande über das
Lager her. Es kam zu heftigen Kämpfen, in deren Verlauf die Räuber die
Oberhand behielten, zahlreiche Begleiter der Staatskarawane erschossen
und mit dem Raub in die Berge verschwanden. Trotz eifrigen Suchens und
Nachforschens ist es nie gelungen, der Räuber habhaft zu werden.
Kurz vor der Paßhöhe sahen wir noch einen Wolf, der an einem
Pferdeskelett herumzerrte, aber Reißaus nahm, sobald er uns erblickte.
Tief unter uns in einem eingeschneiten Seitental glaubten wir ebenfalls
zwei Wölfe zu sehen, aber als wir das Fernglas zu Hilfe nahmen,
erkannten wir, daß es zwei große gelbe Hunde waren. Gerade als wir auf
der Paßhöhe anlangten, ging die Sonne auf. Im Westen war der Himmel
noch dunkel, und der Vollmond stand silberhell über den Bergen; im
Osten aber war der Himmel hellgrüngelb gefärbt. Der Sonnenaufgang
bot immer so unvergeßlich schöne Bilder, daß ich immer wieder darauf
hinweisen muß. Erst wenn man von allen Fesseln der Zivilisation
losgelöst ist und ganz frei die Schönheiten der Erde auf sich einwirken
lassen kann, gleichsam mit der Natur eins wird, sie miterlebt, lernt
man die Erde und das Leben lieben.
Mit dem Unaipasse haben wir den letzten hohen Paß auf dem Wege nach
Kabul überschritten, und wir steigen jetzt hinab in tiefere, wärmere
Regionen. Schon nach kurzer Zeit bemerken wir den Wechsel in der
Vegetation. Wir sind in das Gebiet des oberen Kabulflusses eingetreten.
Hohe Pappeln säumen den Lauf des Flusses ein, und als wir an einem
kleinen Hain von 20 bis 30 dieser Bäume vorbeireiten, rufen die
Afghanen begeistert: Jängäl, jängäl Wald, Wald!
Am Wege waren kleine Verkaufsbuden aufgeschlagen, in denen Tee, Brot
und Früchte zu haben waren. In einem schönen Verkaufsladen oder besser
einer Teestube steigen wir ab, setzen uns auf den Teppich und lassen
uns Tee bringen. Die Sonne scheint ordentlich warm; es kommt uns vor,
als ob wir plötzlich wieder in den Sommer versetzt sind. Gestern früh
hatten wir noch fast –20 Grad, und heute will die Sonne uns verbrennen.
Als wir weiterzogen, gerieten Mesjidi Khan und Gul Mohammed in einen
heftigen Streit. Wir ritten alle ganz vergnügt, als plötzlich Mesjidi
Khan vom Pferde stieg und Gul Mohammed zu Boden warf. Dieser, nicht
faul, griff Mesjidi Khan ans Bein, so daß er zu Fall kam, und dann
kugelten sie alle beide im Schmutze herum! Unter Püffen und Schlägen,
Kneifen und Beißen wurde dieser Kampf ausgefochten, bei dem schließlich
Gul Mohammed dem gewandten Mesjidi Khan unterlag. Die beiden
Kampfhähne warfen sich den ganzen Tag noch Schimpfworte an den Kopf.
Gegen elf Uhr passierten wir das Robat Ser-i-tscheschme, ließen es
aber links liegen. Bis zum Robat Kute Eschrau ritten wir in Begleitung
zweier kleiner Jungen, die zusammen auf einem Esel saßen. Sie sangen
sehr hübsche Lieder und waren sehr lustig und übermütig. Manchmal
ließen sie den Esel galoppieren; aber einmal wurde das kleine Grautier
störrisch, und beide Jungen lagen auf der Straße und wälzten sich im
Staub. Der arme Esel mußte aber diese Schandtat schwer büßen, denn er
wurde dafür sehr geschlagen und mit Steinen bombardiert.
Abends wurde im Robat große Toilette gemacht; wir zogen neue Wäsche an
und rasierten uns, weil wir morgen in Kabul einziehen sollten. Große
Räubergeschichten wurden erzählt, und Gulam Ali bestand darauf, daß ich
meinen Revolver und Mesjidi Khan sein Gewehr in Ordnung brachten. Dann
gingen wir früh schlafen.
Der letzte Tagesmarsch nach Kabul! Wir erhoben uns schon früh und
brachen um fünf Uhr auf. Es war wieder sehr kalt. Auf den Bergen
lag nur wenig Schnee, aber wir waren auch schon mehr als tausend
Meter wieder bergab gestiegen. Der Sefid-Chakpaß, den wir am Morgen
überschritten, ist ebenso berüchtigt wie der Unai. Mesjidi Khan sah
in jedem Entgegenkommenden einen Räuber und hielt sein Gewehr immer
schußbereit in der Hand.
Langsam zogen wir durch große Blockmeere nach der Paßhöhe hinauf. Aber
kein Räuber zeigte sich; nur hin und wieder begegneten uns Karawanen
oder einige Hesares. Viele trugen ein langschäftiges Beil, das ihnen
im Kampfe mit Wölfen als Waffe dient. Auch trafen wir einen einsamen
Wanderer in zerlumpten Gewändern, der mit einem Speer bewaffnet war.
Als wir dicht unter der Paßhöhe waren, sahen wir in den Felsen einige
mit Flinten bewaffnete Burschen liegen; aber sie entpuppten sich als
die von der Regierung hier stationierten Schutzposten, die beinahe uns
für Räuber angesehen hätten.
Auf der Paßhöhe ruhten wir uns etwas aus und warteten, bis auch Gul
Mohammed mit den Lasttieren kam. Wild, öde und zerrissen ist auch
hier die Bergwelt, die in Schutt gehüllt ist und in der man kaum
ein Fleckchen Grün zu sehen bekommt. Etwas unter uns sahen wir ein
Lehmfort. Als wir dieses passierten, hielt man uns an, und wir mußten
in einem großen Buche bescheinigen, daß auf dem Passe alles in Ordnung
war und wir keine Begegnung mit Räubern gehabt hatten.
Je weiter wir ritten, desto lebhafter wurde der Verkehr auf der
Straße. Karawane folgte auf Karawane, und wir begegneten auch zwei
Arbeitselefanten. In einer kleinen Teestube zur Seite der Straße
machten wir wieder Mittagsrast. Dann ging es weiter. In der Sonne war
es sehr schön warm, und das Reiten machte wirklich Vergnügen.
[Illustration: 24. Das Hilmendplateau]
Gegen zwei Uhr zeigte mir Gulam Ali Babur Bagh, wo jetzt die deutsche
Gesandtschaft untergebracht ist (Abb. 39). Vor meiner Ausreise
hatte ich einige Bilder von Kabul gesehen, und ich erkannte die
zwei charakteristischen Berge, deren Kämme die Ruinen der alten
Befestigungen tragen. Zwischen beiden Bergen hat sich der Kabulfluß
einen schluchtähnlichen Durchgang geschaffen.
[Illustration: 25. Rast bei Fahrahkol]
Kurz bevor wir die Stadt betraten, hatten wir noch das Zollwächterhaus
zu passieren, und ein Zollbeamter geleitete uns durch finstere enge
Winkel des Basars nach dem Zollamt, wo unser Gepäck erst einmal unter
zollamtlichen Verschluß genommen wurde. Mesjidi Khan holte inzwischen
einen Wagen und hatte auch ausfindig gemacht, wo meine Kameraden
weilten. Schon nach einer Viertelstunde, als wir auf einer großen
von hohen Bäumen eingefaßten Chaussee dahinfuhren, traf ich Blaich, der
mich freudig begrüßte, und war so wieder mit meinen Kameraden vereint,
von denen ich zweieinhalb Monate getrennt gewesen war.
[Illustration: 26. In der Hilmendschlucht]
Im Winter, von Dezember bis Mai, ist der Weg durch das Hesarajat, den
ich in den letzten beiden Kapiteln beschrieben habe, infolge starker
Schneefälle gesperrt, und alle Karawanen, die von Herat kommen, müssen
dann den großen Umweg über Kandahar machen, den auch meine Freunde
zurückgelegt hatten. Wie furchtbar die Strapazen einer Durchquerung
des Hesarajats im Winter sind, zeigen uns am besten die Berichte
des indischen Großmoguls Baber (1483–1530), die in seinen Memoiren
niedergelegt sind und die ich hier auszugsweise wiedergeben möchte; es
heißt dort:
– – – »Von dem Augenblicke an, wo wir Lenger verließen, schneite es
ständig bis nach Chekh Cheran (Gegend von Dauletjar). Je weiter wir
zogen, um so tiefer wurde der Schnee. Bei Chekh Cheran reichte er den
Pferden schon bis an die Knie ... Zwei oder drei Tagereisen nach dieser
Gegend wurde der Schnee außerordentlich tief; an vielen Stellen fanden
die Pferde keinen festen Boden unter den Füßen, und es schneite immer
noch ... Sultan Bischâi war unser Führer. Er verlor den Weg und konnte
ihn nicht wiederfinden. Am nächsten Tage war der Schnee so tief, daß
wir trotz aller Anstrengungen den Weg nicht wiederfanden. Wir konnten
weder vor- noch rückwärts ... Eine ganze Woche lang fuhren wir fort,
den Schnee niederzutreten und konnten trotzdem nicht mehr als zwei
bis drei Meilen am Tage zurücklegen. Ich selbst half mit, den Schnee
niederzutreten. Bei jedem Schritt sanken wir bis an die Brust ein. Da
die Kraft desjenigen, der zuerst ging, nach ein paar Schritten schon
erlahmte, mußte er sich bald ablösen lassen. Auf ihn folgten 10 bis
20 Mann, die den Schnee niedertraten, und darauf folgte ein unbemanntes
Pferd, das bis zum Sattelgurt einsank. Hatte es 10 bis 15 Schritte
gemacht, so war es total erschöpft.«
[Illustration: 27. Blick vom Kuh-i-Asmai auf die Kabul-Ebene
(Im Hintergrunde die Paghmankette)]
Nach ein paar Tagen erreichten sie dann einen Ort, namens Anjukan, und
von dort aus gelangten sie an eine Höhle, Khawal genannt, am Fuße des
Zirinpasses. Alle diese Orte müssen in den Gebirgen gelegen haben, die
sich zwischen Akserat und Bamian ausdehnen. Es heißt dann weiter in dem
Bericht:
»Die ersten Truppen erreichten Khawal noch bei Tage. Gegen Abend und
noch nachts kamen immer mehr Nachzügler an, und jeder mußte dort
halten, wo er gerade war. Manche mußten im Sattel den Morgen erwarten.
Die Höhle war klein. Mit einer Hacke schaufelte ich den Schnee vor der
Höhle fort und schuf mir so ein Lager. Ich grub mich bis zu den Achseln
in den Schnee ein und erreichte den Erdboden nicht. Dieses Schneeloch
gab mir etwas Schutz vor dem Winde. Einige wünschten, ich solle in die
Höhle gehen, aber ich wollte nicht. Ich fühlte, daß es unvereinbar wäre
mit dem, was ich ihnen schuldete, wenn ich in einem warmen Raume bequem
untergebracht sein sollte, während meine Soldaten inmitten von Schnee
und Sturm sich draußen befanden. Es war nur gerecht, daß ich alle
Leiden und Beschwerden, denen sie unterworfen waren, mit ihnen teilte.
Es gibt ein persisches Sprichwort, das lautet: ›Tod in Gesellschaft
guter Freunde ist ein Fest!‹ Daher blieb ich bis zum Nachtgebet im
Schneetreiben sitzen; der Schnee fiel so dicht, daß bald Kopf, Lippen
und Ohren zehn Zentimeter dick mit Schnee bedeckt waren. In dieser
Nacht zog ich mir ein schweres Ohrenleiden zu.«
Gerade zur Zeit des Nachtgebets hatte eine Gruppe seiner Leute
ausfindig gemacht, daß die Höhle groß genug war, um alle Mann
aufzunehmen.
Diese Schilderung gibt uns ein anschauliches Bild von den Gefahren, die
den Reisenden im tiefen Winter auf dieser Straße erwarten.
VII
KABUL
Kabul, die Hauptstadt Afghanistans und Residenz des Emir, liegt in
einer großen, fruchtbaren Ebene, die von einem Kranze hoher Berge
eingefaßt ist (Abb. 27). Kommt man von Westen – von Herat –, so sieht
man die Stadt erst im letzten Augenblick, da die zwei Bergrücken, der
Kuh-i-Asmai und der mit den Ruinen der Bala Hissar gekrönte Scher
Derwase-Berg, die Aussicht auf das Stadtbild sperren.
Obgleich Kabul sicher schon in ältesten Zeiten besiedelt war, finden
wir keine Bauten aus alter Zeit; wir vermissen die schönen, mit blauen
Kacheln belegten Minarette und Kuppelbauten, wie wir sie in Herat
sahen. Ganz Kabul ist ein graues Lehmhäusermeer, aus dem einige mehr in
europäischem Stil gebaute Häuser das eintönige Graubraun der Lehmwände
unterbrechen (Abb. 30). Es gibt schöne, breite Straßen, die von Pappeln
und Maulbeerbäumen eingefaßt sind, aber auch düstere enge Gassen, die
selbst am hellen Tage so dunkel sind, daß man dort nur langsam gehen
kann und ständig aufpassen muß, daß man nicht mit dem Fuß in ein Loch
oder eine Grube gerät. Malerische Partien gibt es auch am Kabulfluß,
der die Stadt durchschneidet und an dessen Ufer schöne Promenadenwege
sich hinziehen.
Die großen Straßen werden sowohl vor Sonnenaufgang wie kurz vor
Sonnenuntergang besprengt. Zu beiden Seiten der Wege ziehen sich
Gräben hin, deren Wasser dann einfach auf die Straße herausgeschaufelt
wird. Waren die Leute gerade mit dieser Arbeit beschäftigt, so mußte
man stets aufpassen, daß man keine Dusche bekam; denn trotz des großen
Verkehrs ließen sie sich nie in ihrer Tätigkeit stören.
Die Häuser sind meistens zweistöckig und im Grundriß viereckig
gebaut. Sie haben aber allgemein nur einen Eingang, der durch schwere
Holztüren, meistens Doppeltüren, verschlossen werden kann. Richtige
Schlösser kennen die Afghanen nicht; an den Innenseiten der Türen sind
meistenteils schwere Ketten angebracht, die man beim Verschließen der
Tür über einen Haken hängt, der an der Innenseite der anderen Tür
befestigt ist. Auch die Zimmertüren werden so geschlossen; nur legt
man, wenn man das Zimmer von außen verschließt, ein Vorhängeschloß an
die Kette.
Der Innenhof, durch den oft ein kleiner Wasserarm fließt und den
manchmal ein Blumengarten ziert, wird also von vier Mauern eingefaßt,
und fast alle Zimmer des Hauses haben ihre Fenster dem Hofe zugekehrt.
Meistenteils führen drei oder vier verschiedene Treppen von diesem
aus ins Haus nach den betreffenden großen Wohnräumen. Diese sind aber
selten untereinander verbunden, und wenn man von einem Zimmer ins
andere wollte, mußte man stets erst wieder den Hof betreten und eine
andere Treppe hinaufgehen. Daher sind die Häuser sehr kompliziert
gebaut, und ich habe wohl nie so viel Treppen steigen müssen wie in
Kabul. Die zwei beigefügten Skizzen geben ein besseres Bild von der
Bauart der Kabuler Häuser als viele Beschreibungen.
Im Sommer hielten wir uns abends immer auf dem flachen Dache auf, wo es
kühler und nicht so stickig war wie in den Räumen im Erdgeschoß.
Die Häuser sind durchweg aus an der Sonne getrockneten Lehmziegeln
gebaut, die durch Holzfachwerk zusammengehalten werden. Ist das
Grundgerüst fertig, so werden die Wände mit »Gil«, d. h. mit Lehm, dem
feingeschnittenes Stroh beigemengt wird, überlegt und dadurch alle noch
vorhandenen Öffnungen geschlossen. Bei älteren Häusern findet man oft
sehr schön geschnitzte Fenster. Viele Häuser haben nach der Straße zu
kleine Balkons, von denen aus man dem bunten Treiben zusehen kann (Abb.
34).
Später, wenn der Gilbelag getrocknet ist, werden die Wände weiß
getüncht. Die Decken werden meist aus Matten hergestellt, die man
über die Querpfosten legt. Dann wird eine dicke Schicht Lehm darüber
ausgebreitet, und das Dach ist fertig. Im Winter, wenn der Schnee taut
und der Gil durchweicht ist, dringt das Wasser natürlich auch durch
die Matten, die ebenfalls durchnäßt werden, und es konnte passieren,
daß einem von der Decke ein Klumpen Lehm auf den Kopf fiel. Als wir im
Winter diese Erfahrungen gemacht hatten, entschlossen wir uns, eine
noch dickere Lehmschicht auf das Dach zu legen. Diese Arbeit ging
schnell vor sich.
Vor unserem Hause wurde einfach eine große Grube gegraben, von dem
nächsten Graben etwas Wasser hineingeleitet, bis ein dicker Schlammsee
sich gebildet hatte. 5 bis 6 Mann stiegen dann in die Lehmsuppe und
schaufelten das Erdreich um. Darauf wurde der Lehm in Eimer geschüttet,
die mit Stricken aufs Dach gezogen und dort einfach ausgeleert wurden.
Ein Gang durch den Basar zeigt uns am besten das Leben in Kabul.
Den ersten Eindruck erhielt ich, als ich von Herat kommend, auf
meinem Wasiri durch die engen Gassen getragen wurde. Das Bild war
sinnverwirrend, und es dauerte lange Zeit, ehe ich mich in dem
Gewirr der Gassen und Straßen Kabuls zurecht fand. An den meisten
Stellen sind die Straßen durch einfaches Holzfachwerk überdeckt,
über das Matten gelegt sind. Das Ganze gibt ein Bild, wie es unsere
Jahrmärkte bieten. Verkaufsstand reiht sich an Verkaufsstand. Aber die
Kaufleute stehen nicht hinter den Ladentischen, sondern hocken mit
untergeschlagenen Beinen in ihren Ständen. Viele, die sich keinen Laden
leisten können, sitzen an den Straßenecken und bieten dort ihre Waren
an: Streichhölzer, Brot, kleine Kuchen und Obst (Abb. 35). Stets war
das Gedränge sehr groß, und paßte man nicht auf, so wurde man sicher
angerannt, denn Ausweichen vor Europäern kennen nur wenige Afghanen.
Und inmitten der Menschenmenge trippeln Esel, mit Holz, Backsteinen
oder Häcksel beladen, ziehen Kamelkarawanen langsamen Schrittes dahin,
oder bahnen sich Reiter herrisch den Weg. Ständig schwirren die Rufe:
»Chaberdar, chaberdar!« Vorsicht, Achtung! durch die Luft oder das
»Paiseh bideh, Paiseh bideh!« der Bettler (Abb. 32).
Wollte man etwas kaufen, so mußte man lange handeln. Während die Inder
für ihre Ware Reklame machen und den Vorübergehenden anrufen, sitzen
die Afghanen ruhig in ihren Ständen, trinken Tee und rauchen die
Wasserpfeife. Manchmal sah es fast so aus, als ob ihnen Kundenbesuch
gar nicht genehm wäre; wurden sie doch dadurch in ihrer Ruhe und in
ihrem beschaulichen Dasein gestört.
Hatte man die Absicht etwas zu kaufen, so bot man den dritten Teil
der Summe, die der Händler verlangte. Dann schüttelte dieser wohl den
Kopf und legte das betreffende Stück wieder fort. Man verabschiedete
sich und ging; aber kaum war man ein paar Schritte fort, so wurde
man zurückgerufen. Dann begann das Handeln von neuem. Der Händler
bot zwei Drittel der zuerst genannten Summe, und man gab ebenfalls
etwas zu. Eine Einigung kam aber meistens auch dann noch nicht
zustande. Kam man zum zweiten Male, so wußte der Händler schon ganz
genau, was man wollte; holte das Stück hervor, und wieder begann das
Handeln und Feilschen. Manchmal lud er einen auch zum Tee in seinen
Verkaufsstand ein, wo man sich ebenfalls am Boden hinhockte und in
aller Gemütlichkeit sich gegenseitig Komplimente machte und so lange
handelte, bis man das gewünschte Stück zum halben Preise erstand. Nur
ganz wenige Händler gab es, die feste Preise hatten.
Wollte man Geld wechseln, so besuchte man ebenfalls einen Geldwechsler
nach dem anderen. Sie haben ihre Stände im Zentrum des Basars. Sobald
sie sahen, daß man Geld wechseln wollte, riefen sie einen an, denn
jeder wollte das Geschäft machen. Hier konnte man auch manchmal alte
griechisch-baktrische Münzen erstehen; aber sie waren meistens schlecht
erhalten und stark abgegriffen.
[Illustration: 28. Deh-i-Afghanan in Kabul]
Einige Verkaufsstände waren richtige kleine Warenhäuser, in denen man
alle möglichen europäischen Waren erhalten konnte; von Zahnbürsten und
Chlorodont angefangen bis zu französischen Parfüms, Eismaschinen und
kleinen Harmoniums. Jedes Handwerk und Gewerbe hat seinen bestimmten
Bezirk. Da sind 6 bis 8 Verkaufsstände nebeneinander, in denen die
Kupferschmiede ihrer Arbeit nachgehen und hübsche Teller und Schüsseln
herstellten. Hier herrschte immer ein ohrenbetäubender Lärm, so daß
man sein eigenes Wort nicht verstand. Gegenüber sitzen die Sattler und
weiter nach dem Zentrum des Basars zu die Tuch- und Teppichhändler.
Aber nur selten fand man hier ein wirklich schönes, preiswertes Stück,
wie zum Beispiel feine zierliche Mauris mit ihren bunten Mustern und
tiefblaurote Heratis, die oft einen so feinen weichen Glanz haben.
Bunt sah es bei den Färbern aus; da standen die großen Bottiche mit
den tiefgrünen, roten oder blauen Lösungen, und hoch über der Straße
waren Stricke gespannt, an denen die frischgefärbten Tücher im Winde
flatterten.
[Illustration: 29. An Kabulfluß]
Am interessantesten aber war es wohl im Trödlerbasar. Da konnte
man manchmal seltsame Dinge sehen, die auf rätselhafte Weise ihren
Weg nach Afghanistan gefunden haben mußten, wie Mausefallen, alte
Musikinstrumente, vergilbte Bilder von europäischen Herrschern, alte
englische Uniformen, Kürassierhelme, englische und französische Romane,
ja selbst Rothschilds Taschenbuch für Kaufleute hatte sich in einen
Trödlerladen verirrt!
[Illustration: 30. Afghanische Wohnhäuser]
Sodann dürfen die Wasserpfeifenverleiher nicht unerwähnt bleiben, die
an einigen Straßenecken stehen und den Vorübergehenden gegen Zahlung
von einem Pais (= dreiviertel Pfennig) einen Zug aus der Wasserpfeife
tun lassen. Seltsame Bilder konnte man manchmal in den Schlachterläden
und öffentlichen Küchen sehen, wo oft eine Reihe gesottener Hammelköpfe
einen nicht gerade appetitlichen Eindruck machte.
Nicht zu vergessen die Bettelkinder (Abb. 31). Ging man durch die
Straßen, dann hörte man wohl plötzlich ein kleines feines Stimmchen
neben sich sagen: »Sahib, paiseh bideh! Sahib, schenk mir einen Pais!«
Und dann blickten einen zwei große dunkle Kinderaugen fragend an.