daß wir ganz früh aufbrechen müßten, mindestens um ein Uhr. Da die
Afghanen die Uhr kannten, selbst aber keine hatten, stellte ich meine
Uhr um zwei Stunden zurück, denn ich verspürte absolut keine Lust, mir
meine Nachtruhe nehmen zu lassen. Als gegen halb zwei Mesjidi Khan sich
erhob, die Laterne anzündete und anfangen wollte einzupacken, erklärte
ich ihm, er sei verrückt; es wäre erst halb zwölf und ich machte auf
keinen Fall mit. Darauf drehte ich mich wieder in meinen Pelz ein,
legte mich auf die andere Seite und schlief weiter. Mesjidi Khan
brummte etwas in seinen nicht vorhandenen Bart, blies das Licht aus und
kroch auch wieder unter seine Decke zu Gulam Ali, der fest schnarchte.
Erst gegen fünf Uhr brachen wir auf. Der Himmel war bezogen – es sah
nach Schnee aus. Kreideweiß hoben sich die schneegepuderten Berge vom
bleigrauen Himmel ab. Man konnte fast glauben, daß diese traurige
Landschaft auch uns ernster stimmte; denn der Morgenritt verlief
sehr schweigsam. Ich zeichnete vom Pferde aus einige Panoramen von
der Bergwelt, die wir zur Rechten hatten und wo sich einige schöne
Flußterrassen hinzogen.
Wieder müssen wir auf einen Paß hinauf. Das eine Lastpferd scheute vor
einem Kamelskelett, das am Wege lag. Wir trafen häufig die Überreste
zusammengebrochener Tiere; manche Skelette sind schon von der Sonne
gebleicht, an anderen hängen noch Fetzen Haut und Fell; und manche
Tiere müssen erst kürzlich verendet sein. Wir fanden auch Skeletteile
abseits vom Wege, wohin sie von den Wölfen verschleppt worden waren.
Ein trauriges Bild boten manchmal die Karawanseraien, in deren Höfen
oft die Skelette verendeter Tiere lagen.
Auf der Paßhöhe zündeten wir wieder ein großes Feuer an und lagerten
eine Viertelstunde, während der ich einige hohe Schneegipfel, die sich
im Südosten zeigten, einpeilte und skizzierte. Die Berge bestanden aus
dunkelroten Sandsteinen beziehungsweise Tuffen, ähnlich denen, die wir
bei Teng-i-Asau sahen. Dann ritten wir in das Tal von Kirman hinab, das
vollkommen öde und verlassen ist.
Je mehr wir uns diesem kleinen Flecken nähern, um so kälter wird es;
ein schneidender Wind bläst uns entgegen, und jeder wickelt sich so
viel Tücher um den Kopf wie nur irgend möglich. Ganz fein beginnt es
zu schneien, und bald ist der Boden mit einer weißen Decke überzogen.
Wir reiten an einigen Ruinen vorbei, in deren Gemäuer Raben hausen
und die Luft mit ihrem Gekrächze erfüllen, als wir vorbeiziehen. Ein
paar Reiter, Flinten über den Schultern, reiten auf uns zu und fragen,
wohin wir wollen. Sie erkennen mich nicht als einen Europäer; denn ich
habe meine Schneebrille auf und das Gesicht mit Tüchern umwickelt, und
rasiert hatte ich mich seit Wochen nicht! Die Kälte wird immer stärker;
der Wind schneidender; man erstarrt fast auf dem Pferde.
Um elf Uhr verteilt Juma das Frühstück. Ich erhalte die Brust und das
Bein vom Huhn, aber das Fleisch ist gefroren und so mit Eiskörnern
durchspickt, daß es knirscht, als ich hineinbeiße. Nebel und Wolken
hüllen die hohen Schneeberge ein, auf die wir jetzt zureiten.
Es wird dunkler und dunkler, und wieder hüllt uns ein Schneewetter ein.
Ich kann die Hände kaum noch zum Zeichnen gebrauchen. Wir treffen viele
Nomaden, die auf Eselchen und kleinen Pferden reiten. Manche gehen
zu Fuß. Wie müssen sie in ihren schmutzigen, zerrissenen Gewändern
frieren! Eine Kamelkarawane kommt langsamen Schrittes gezogen; die
Tiere sehen wie bepudert aus. Auf dem einen Kamel hockt eine junge Frau
und blickt verstohlen zu uns herüber, wer wir wohl sein mögen. Auf
einem anderen sind kleine Kinder festgebunden und blicken ängstlich von
ihrem schaukelnden Sitz herunter. Nomadenleben! Und doch scheinen sie
so zufrieden mit ihrem Schicksal zu sein; sie haben ja auch nie etwas
anderes kennengelernt.
Von hier aus führt anscheinend auch ein Weg nach Bamian, der auf der
neuesten englischen Karte nicht eingetragen ist, wohl aber auf den
älteren Ausgaben. Er führt über einen Paß, der Talatu heißt und über
den wahrscheinlich Ferrier gezogen ist.
[Illustration: 20. Kuh-i-Baba von Süden
(Quellgebiet des Hilmend)]
Gegen ein Uhr ziehen wir auf den Scharak-Kuschta-Paß. Alle gehen zu
Fuß; wir sind froh, daß es zu schneien aufgehört hat. Mesjidi Khan
ist weit vorangeeilt; er klettert wie eine Katze; ihm macht die
Luftverdünnung nichts aus. Wir aber bleiben alle paar Minuten stehen
und schöpfen Luft. Auch die armen Tiere kommen nur langsam vorwärts.
Gul Mohammed ist weit zurückgeblieben, da das eine Pferd nicht mehr
weiter will. Wieviel Elend diese Felsen wohl schon gesehen haben mögen!
Ich zählte im Verlaufe unseres heutigen Paßüberganges acht Skelette von
Pferden und Kamelen.
Wir kommen in eine immer gewaltigere Bergwelt. Endlich haben wir die
Paßhöhe erreicht, von der aus wir ziemlich steil in ein geschütztes Tal
absteigen, in dem wir wieder ein Feuer anzünden, uns wärmen und warten,
bis Gul Mohammed mit den Packtieren kommt. Der soeben überschrittene
Paß bildet die Wasserscheide zwischen Heri-rud und Hilmend, der in den
abflußlosen Hamunsee in Sistan mündet.
[Illustration: 21. Eingeschneit im Karawanserai Pänjao]
Dann nehmen wir den zweiten großen Paß, den Kutel-i-Akserat in Angriff.
Schritt für Schritt arbeiten wir uns empor. Die Bergwelt, die uns
umgibt, ist großartig. Nach jeder Richtung hin türmen sich Schneeberge
auf. Vom Passe aus, der eine Höhe von ca. 3300 Meter hat, genießen
wir einen umfassenden Ausblick auf Afghanistans Hochgebirgswelt. Ein
Meer hoher Gipfel dehnt sich ringsumher aus. Ich habe viel zu tun,
alle diese Gipfel einzupeilen und zu photographieren. Das Gestein
ist wieder dunkelroter Sandstein. Wir müssen noch eine dritte Anhöhe
erklimmen, ehe wir in das Tal von Akserat absteigen können. Ein nicht
endenwollender Marsch folgt, ehe wir das Robat erreichen.
[Illustration: 22. Der Kuh-i-Baba]
Gegen sechs Uhr abends beginnt es in großen Flocken zu schneien, und
als wir uns am anderen Morgen erheben, umgibt uns eine vollständige
Winterlandschaft. Meine Begleiter haben keine große Meinung, bei dem
Wetter aufzubrechen; aber da der Schnee nur in feinen Flocken fällt und
die Wolken sich zerteilen, sehe ich keinen Grund, weshalb wir nicht
weiterziehen sollen. Langsam beladen Juma und Gul Mohammed die Pferde,
und gegen acht Uhr verlassen wir Akserat. Es ist kalt, und der Schnee
knirscht unter den Hufen der Tiere. Berge und Täler sind unter einer
weißen Decke begraben.
[Illustration: 23. Auf dem Weg von Jaokul nach dem Unaipaß]
An einem kleinen kristallklaren Bach, der mit einer dünnen Eisschicht
überzogen ist, machen wir halt und tränken die Tiere. Die graue
Wolkenwand teilt sich mehr und mehr, und bald überflutet helles
Sonnenlicht die herrliche Winterlandschaft. Wie tausend Diamanten
glitzert es im Schnee, und ohne Schneebrille kann man die Augen
kaum offen halten. Hin und wieder begegnen uns Hesaren, die uns im
Vorüberreiten freundlich: »Salem alaikum, mundä näbaschi« (Seid
gegrüßt, möget ihr nicht ermüden!) zurufen.
Zur Linken bestehen die Berge aus feinem Tonschiefer, aber trotz
eifrigen Suchens kann ich keine Versteinerungen finden. Gulam Ali
und Mesjidi Khan reiten nach einer Hesarensiedlung, um »Kurk Barek«
(Stoff) zu kaufen. Es ist dies ein braunes, grobes, gewebtes Tuch,
das außerordentlich dauerhaft und warm ist, und aus dem sich die
Afghanen ihre Winteranzüge machen. Wir haben wieder einmal einen hohen
Paß zu überschreiten, aber der Anstieg ist bequem. Von der Paßhöhe
aus mache ich einige Aufnahmen (Abb. 19). Dann folgt der Abstieg ins
Tal von Pänjao. Von einer der hohen Felswände war ein großer Block
losgebrochen, der voller Versteinerungen war; aber es kostete viel
Mühe, diese aus dem festen Fels herauszuarbeiten.
Der Weg nach Pänjao erschien uns endlos; stundenlang zogen wir bei sehr
wechselndem Wetter durch das von Terrassen eingefaßte Tal. Bald schien
die Sonne, bald hüllten uns eisige Hagelschauer ein. Wir passierten
viele kleine Siedelungen und begegneten Hesaren, die kleine, schwarze,
mit Gestrüpp über und über beladene Ochsen vor sich hertrieben. Bevor
wir ins Robat kamen, mußten wir noch den Fluß kreuzen, der von der
Kuh-i-Baba-Kette herunterkommt und in seinem Unterlauf den Namen Tagao
Pänjao trägt. Das Robat liegt auf einer Anhöhe über dem Fluß, während
auf der anderen Seite sich eine Lehmfeste erhebt. Auch in dieser Gegend
herrschen die dunkelroten Sandsteine vor, die der Landschaft eine so
charakteristische Farbe aufprägen, während die höheren Ketten aus
schwarzen Schiefern und dunklen Kalken bestehen.
In dieser Gegend soll eine heiße Quelle sein. Kurz vor dem Robat
hätten wir beinahe unseren Teekessel verloren. Zum Glück fand ihn Juma
noch, der als Nachzügler hinterherkam. Im Schneetreiben kamen wir im
Robat an, wo wir es uns bald bequem machten. Als Gul Mohammed abends
Brennholz suchen ging und aus dem Bache Wasser schöpfen wollte, sah
er im Robat einen großen Wolf, der an einem Skelett eines verendeten
Kamels zerrte. Er kam sofort zurückgelaufen und verlangte von Mesjidi
Khan das Gewehr; als wir aber in den Hof gingen, war der Wolf bereits
verschwunden; aber im frisch gefallenen Schnee konnten wir die Spuren
erkennen. Das eine der Pferde war in einem bedauernswerten Zustand. Es
war gänzlich abgemagert und hatte durch die Lasten große Druckstellen
davongetragen. Abends ging ich noch einmal zu den Tieren hinaus. Sie
standen aneinandergedrängt im Hofe. Gul Mohammed rieb gerade die wunden
Stellen des kranken Packpferdes mit rohem Eiweiß ein. Er machte ein
betrübtes Gesicht; hatte er doch gerade auf das weiße Pferd seine
größten Hoffnungen gesetzt. Als auch am folgenden Tage keine Besserung
im Befinden des Pferdes eintrat, versuchte er es mit einer Radikalkur.
Er entnahm dem Tiere Blut aus den Nüstern. Seltsamerweise bewirkte
diese Kur Wunder; denn als wir nach Kabul kamen, war das weiße Pferd
tatsächlich das munterste von allen.
Am anderen Tage brachen wir gegen siebeneinhalb Uhr auf. Es hatte
während der Nacht wieder geschneit, und wo gestern im Laufe des Tages
der Schnee geschmolzen war, lag heute eine neue weiße Decke (Abb. 21).
Wir ritten in einem breiten Tale gen Osten. Vor uns erhob sich ein
massiger hoher Gipfel, auf dessen steilen Felsklippen sich der Schnee
nicht halten konnte. Ich machte eine kleine Skizze, peilte den Berg
ein, und dann zogen wir an seinen Hängen bergan, um gegen zehn Uhr auf
eine Paßhöhe zu gelangen, von der aus wir einen schönen, umfassenden
Ausblick hatten. Aber wir mußten noch einen Paß überschreiten, ehe wir
in das Gebiet des Hilmendoberlaufes kamen.
Uns allen fiel das Steigen sehr schwer, und wir mußten alle paar
Minuten stehen bleiben, um Luft zu schöpfen. Nur Mesjidi Khan schienen
die verdünnte Luft und die große Steigung nichts anzuhaben; er war
schon eine halbe Stunde früher als wir auf der Paßhöhe angelangt. Wir
passierten das in Ruinen liegende Robat Siah-Seng (der schwarze Fels)
und hatten gegen zwei Uhr noch einen weiteren Paß zu überschreiten.
Dann folgte ein zweistündiger Ritt bis Gargareh, wo wir in der Moschee
übernachteten beziehungsweise in dem Lehmhause, das als Moschee und
zugleich als Gästehaus dient.
Abends hatten wir wundervollen Vollmondschein. Das ganze Tal schimmerte
in silberhellem Lichte, und die tief eingeschneiten Kuppen der Berge
leuchteten blendendweiß. Abends bettelte mich Gul Mohammed nach dem
Essen um Chinin an, denn er klagte über heftige Kopfschmerzen. Als ich
das Glas wieder einpacken wollte, rollten ein paar Tabletten auf die
Erde; aber ich war zu müde, um mich von meinem Feldbette zu erheben,
und ließ die Tabletten liegen. Als ich am anderen Mittag Gul Mohammed
fragte, wie es ihm gehe, meinte er: Ja, die Tabletten hätten nicht
viel geholfen, obgleich er abends vorher auch noch die anderen vier
Tabletten, die heruntergefallen waren, geschluckt habe!
Vergangene Nacht hatte ich mich auch sehr über die Afghanen geärgert.
Kaum war ich richtig eingeschlafen, als um einhalb eins Gul Mohammed
bereits mit dem Talglicht zu hantieren anfing und behauptete, wir
müßten zum Aufbruch rüsten. Meine Begleiter trauten auch meiner Uhr
nicht mehr recht, gingen hinaus und sagten, es sei ganz hell und
dämmere bereits. Das war natürlich großer Schwindel. Aber unsere
Gesellschaft war nun einmal wach geworden, an Schlaf war nicht mehr zu
denken. Es war auch in unserer großen Behausung so kalt, daß man es
schon vorzog, zu gehen. – Es wurde also Feuer angezündet, Tee gebraut,
und gegen drei Uhr brachen wir auf.
Zuerst müssen wir die linke Talterrasse erreichen, auf der der Weg sich
hinzieht. Eine kalte Winternacht umgibt uns. Der Weg ist so schmal,
daß wir die Pferde führen und aufpassen müssen, daß nicht ein Tier
oder wir selbst den Abhang der Terrasse hinunterpurzeln. Wir sind
vielleicht eine Viertelstunde vom Dorfe entfernt, als durch das Dunkel
der Nacht aus dem Tale heraus Stimmen zu uns dringen und wir angerufen
werden. Gulam Ali und Mesjidi Khan tasten sich langsam und vorsichtig
den Abhang hinunter und kommen nach einer Viertelstunde wieder. Es
waren nur die Wächter des Ortes gewesen, die geglaubt hatten, wir seien
Räuber oder Schmuggler.
Als es dämmerte, kamen wir nach Mar-chane (Schlangenhaus), wo das
Robat ebenfalls in Ruinen lag. Die Flüsse haben hier wilde Schluchten
durch die Berge geschnitten, und das seegrüne Wasser schäumt und
rauscht zwischen den engen Felsen. Wir sind jetzt schon im Bereich der
kristallinen Schiefer, und ich kann mir eine schöne Sammlung Handstücke
schlagen. Gerade als wir die eine Schlucht passiert hatten, trafen wir
eine kleine Karawane; Gulam Ali erkannte dabei einen seiner besten
Freunde. Es fand eine herzliche Begrüßung statt; beide umarmten sich
zärtlich. Nach einer Stunde erst traf Gulam Ali wieder zu uns. Es war
heute bitter kalt, und die Morgensonne wärmte nicht im geringsten.
Herrlich war der Sonnenaufgang! Purpurrot färbten sich die hohen
Gipfel, als sie von den ersten Strahlen der aufgehenden Sonne getroffen
wurden. Die kleinen Bäche waren sämtlich gefroren, und wir mußten sehr
auf die Pferde achtgeben, daß sie nicht stürzten. Heute gesellte sich
ein kleiner Hund zu uns; er war ein drolliges Tierchen, noch jung und
hatte ein wolliges Fell wie die jungen Schäferhunde. Woher er kam, war
uns rätselhaft. Die Sonne war noch so kräftig, daß sie im Laufe des
heutigen Tages den Schnee fast überall schmolz. Die Berge leuchteten in
allen Farben; eine breite Zone dunkelroter Tuffe konnten wir auf weite
Erstreckung hin verfolgen. Gegen Mittag lagerten wir einen Augenblick
auf einer Anhöhe. Die Sonne brannte, und es war sehr heiß. Ein tiefes
Schweigen breitete sich ringsum aus. Manchmal löste sich ein Stein und
rollte den Abhang hinunter. Andere wurden mitgerissen. Es war mir, als
ob mir die Berge ihre Geschichte erzählen wollten: wie sie aufgepreßt,
gefaltet und hoch aufgetürmt wurden, um später wieder zerrissen und
abgetragen zu werden im Laufe unendlicher Zeiten.
Wieder zähle ich während eines Paßüberganges acht Kamelskelette; an dem
einen knabbert ein großer Hund herum, daß es in den Knochen klappert
und mein Wasiri fast scheut. Unser kleiner Hund ist sehr neugierig und
will mit dem großen anbandeln, aber der knurrt verdächtig, worauf der
kleine zu bellen anfängt und sich zurückzieht.
Weiter geht es durch die öde Bergwelt. Das Wetter hat sich wieder
aufgeklärt. Gegen elf Uhr sehe ich über die kahlen verwitterten Berge
ein paar herrliche Schneezacken aufragen, und als wir gegen zwölf Uhr
nach Ser-i-Kutel kommen, haben wir ein Panorama der ganzen Schneegipfel
des Kuh-i-Baba vor uns. Die Afghanen wollten weiterziehen, aber ich
erklärte ihnen, daß ich hier bleiben wolle, um ein Rundpanorama
aufzunehmen und jeden Gipfel einzupeilen. So bleiben wir denn in
Ser-i-Kutel.
Mittags ist es recht schön warm. Der Himmel ist vom reinsten Blau,
und der Schnee der hohen Berge glitzert in der Sonne. Die kleinen
Bäche sind wieder aufgetaut, und überall sprudelt das klare Wasser und
springt von Stein zu Stein.
Im Robat war eine Kompanie Soldaten untergebracht, die hier in diesem
Gelände ihre Übungen abhielten. Der Hauptmann, ein großer alter,
wetterfester Hesare, war ein prächtiger Kerl. Nachmittags lud er
mich zum Tee ein, und wir ließen uns im Sonnenschein auf dem platten
Dach des Karawanserai nieder. Seine Leibwache war stets bei ihm und
präsentierte jedesmal das Gewehr, wenn ich zu ihm trat. Als wir dann
zusammen Tee tranken, er meinen geologischen Kompaß (auf persisch Kibla
Nameh genannt, da man mit Hilfe des Kompasses feststellen kann, wo
Mekka liegt), Feldstecher und Photoapparat bewunderte, da war es mir,
als hätte ich das alles schon einmal erlebt; irgendwo und irgendwann,
vor unendlich langen Zeiten. Auch damals saßen wir auf dem flachen
Dache eines Karawanserai, auch damals dieselbe Umgebung, dasselbe
Gespräch, dieselben Menschen. Ein seltsames Gefühl bemächtigt sich
unser in solchen Sekunden; man wagt kaum zu atmen und weiß nicht, was
die tiefere Bedeutung, der Sinn davon ist. Man möchte den Schleier, der
soeben vor unseren Augen zerrissen, gerne weiter lüften, um Geheimnisse
zu erfahren, die uns sonst verborgen sind. Aber ebenso schnell, wie der
Gedanke aufblitzt, verschwindet er in ein Nichts, und die Wirklichkeit
tritt wieder vor uns hin.
Nach dem Tee bestiegen wir eine der umliegenden Anhöhen, von denen aus
wir eine weite Fernsicht genießen konnten. Aber ein kalter Wind blies
hier und der Hauptmann sowie Mesjidi Khan, die mit mir gekommen waren,
froren trotz der dicken Schafpelze, die sie trugen. »Bisjar chunuk äst,
Bisjar chunuk äst« (es ist bitter kalt), sagte der Häuptling mehrmals,
um mich zu bewegen, mein Zeichnen aufzugeben. Aber ich ließ mich nicht
beirren, arbeitete ruhig weiter und photographierte.
24. November. Der heutige Tagesmarsch bot viel Interessantes. Wir
brachen gegen 6½ Uhr auf. Ein herrlicher Sonnenaufgang! Ich war
allein vorausgeeilt und hatte die anderen weit hinter mir gelassen.
Feine bläulichgrüne Schleier, unendlich zart und duftig wie ein Hauch,
überzogen den Himmel im Osten, und einige kleine goldene Wolken,
die in ein strahlendes Rosa übergingen, schwebten über den stillen
Schneegipfeln (Abb. 22). Ich setzte mich auf einen großen Felsblock und
blickte gen Osten, wo jeden Augenblick das Tagesgestirn sein flutendes
Licht über das Land ausgießen mußte. Ich verspürte nichts von der Kälte
und dem Wind; das gewaltige Schauspiel der Natur hielt mich in Bann.
Wenn ich nur diese Farben festhalten könnte! Sie sind so unbegreiflich,
so unwirklich, so märchenhaft schön! Und immer feuriger wird das
Flammenmeer des Himmels und immer mehr erglühen die Schneekuppen der
Berge! Eine unendliche Sehnsucht packt mich. Festhalten möchte ich
diese Bilder, möchte sie eingraben in meine Seele; denn nur flüchtig
sind diese Augenblicke auf unserer Erde, flüchtig wie das Glück, das
kaum uns gegeben, wieder entschwindet. Und lange, lange zehren wir von
solchen Augenblicken; in düsteren Stunden des grauen Alltags, wenn
alles trostlos und öde erscheint, dann treten diese Bilder wohl wieder
plötzlich vor uns hin, erinnern uns an ein Glück und geben uns wieder
neuen Lebensmut. Und dann kommt die Sonne und färbt die Kuppen der
Berge purpurrot, läßt sie aufflammen einen nach dem anderen. Und ein
Meer von Licht gießt sich über die einsame Bergwelt, weckt sie aus den
kalten Armen der Nacht. Immer wieder und wieder, Tag für Tag muß ich
diesen Siegeszug des Tagesgestirns bewundern, und die Sonne ist mir
in diesen Jahren mein liebster Freund geworden. Sie ist für mich das
Symbol des Guten und Reinen, das sich auch im Menschen immer wieder und
wieder Bahn bricht und ihn zur Höhe, zum endlichen Glücke führt.
Wir befinden uns im Quellgebiet des Hilmend; hoch wandern wir über
die Bergrücken und blicken hinab in die tiefen Schluchten und Täler,
die sich die Flüsse in die Bergwelt gerissen haben. Und ringsherum
– aus violettblauen Nebelschleiern auftauchend – reihen sich die
weißen Zinnen und Zacken der hohen Berge, die das Hochplateau der
Hilmendquellen einfassen (Abb. 20). Unter uns tost und braust der
Fluß, den wir überschreiten müssen (Abb. 26). Steil geht es die Felsen
hinab, und tief unter uns sehen wir den Steg, der den Fluß überspannt.
Eng schließen sich die Felsen über uns zusammen. Sie bestehen aus den
buntesten Gesteinen. Am Flußufer glitzert es wie eitel Silber von
Millionen feiner Glimmerschüppchen, die dem Sande beigemengt sind und
von denen das Sonnenlicht reflektiert wird. Der Fluß führt in dieser
Jahreszeit wenig Wasser; aber im Frühjahr und Hochsommer sollen sich
gewaltige Fluten hier hinunterwälzen; selbst in dem entfernten Robat
Ser-i-Kutel soll man das Donnern und Rauschen des Flusses vernehmen
können.
Wir überschreiten die Brücke und steigen dann am anderen Ufer wieder
langsam auf den Plateaurand hinauf. Der Weg ist stark vereist, die
Pferde gleiten und stürzen, so daß wir gezwungen sind, Sand und Steine
auf das Eis zu streuen.
Es begegneten uns einige Hesarenfamilien, sonst ist das Land öde und
ohne Leben. Von der Tierwelt haben wir bis jetzt eigentlich gar nichts
zu sehen bekommen. Wir ziehen über das große Plateau. Langsam verrinnen
die Stunden. Wir sind jetzt in einem interessanten Eruptivgebiet;
rechts vom Wege fand ich einen Asbestberg, und Porphyre, Granite sowie
basische Eruptivgesteine wechseln häufig miteinander ab.
Dann kommen wir in eine breite Talebene, in der das große Dorf Rah-kol
liegt. Seit langer Zeit sehen wir wieder einmal ein paar Bäume. Die
Häuser waren hier buchstäblich mit Schafdungfladen beklebt, die an der
Sonne trocknen sollten, um später als Feuerungsmaterial verwendet zu
werden.
Wir haben jetzt wieder einen herrlichen Ausblick auf die
Kuh-i-Baba-Kette. Die Pferde gehen sehr langsam, und die
Marschgeschwindigkeit nimmt von Tag zu Tag ab. Vor uns dehnt sich ein
großes, von vielen kleinen Bächen durchschnittenes Hochplateau aus
(Abb. 24). Mit Hilfe des Fernglases erkenne ich das Karawanserai von
Badassia. Aber stundenlang müssen wir noch reiten.
Wenn man täglich so zehn Stunden im Sattel sitzt, wird man schließlich
müde und gleichgültig gegen alles. Ich glaube, ich bekam es fertig,
manchmal an gar nichts zu denken. Gegen vier Uhr kamen wir im Robat
an, das verlassen war. Gul Mohammed war im Dorfe gewesen und hatte
versucht, Lebensmittel und Brennholz zu kaufen; aber die Leute
waren sehr unfreundlich und gaben nichts. Es blieb uns also nichts
anderes übrig, als uns selbst zu helfen. An einigen Stellen war das
Robat eingefallen, die Decken eingestürzt; dort sahen die dicken
Balken heraus. Das würde ein feines Brennholz geben! Aber es war
unmöglich, die Hölzer herauszuziehen oder zu zerkleinern. Uns fehlte
es an Werkzeugen. Ich hatte nur meinen Geologenhammer und ein großes
Taschenmesser. Nach stundenlangem Suchen und Arbeiten hatten wir
endlich einige kleine Hölzer gefunden; dazu schnitt ich mit dem Messer
von den größten Balken Späne ab, so daß wir wenigstens ein kleines
Feuer anzünden konnten.
Mit dem Abendessen sah es auch traurig aus. Es gab trocken Brot mit
Zucker. Dann gingen wir früh schlafen. Die Nacht war bitter kalt
gewesen, und ein unfreundlicher Morgen mit schneidendem Wind und
klingendem Frost erwartete uns. Der Mond stand noch am Himmel, und die
Sterne funkelten, als die Tiere beladen wurden. Man konnte deutlich
beobachten, wie der Mond sich mehr und mehr dem Horizonte zuneigte.
Bald war er hinter der hohen Mauer des Robats verschwunden, und nur
durch die Türöffnung fiel sein fahler Lichtschein in den Hof.
Der Sonnenaufgang bot wieder ein prächtiges Schauspiel. Vor uns war ein
kleiner Paß, er war niedrig, machte uns aber viel zu schaffen. Es war
eisig kalt, und obgleich wir alle zu Fuß gingen, waren wir bis ins Mark
erstarrt. Unsere Lippen waren gerissen und blutig, ebenso unsere Hände.