mußten wir hinauf und hinunter – bergauf und bergab. Gerade ist man
froh, daß man eine Paßhöhe erreicht hat, da muß man wieder hinunter
ins Tal. Juma deutet mit der Hand nach Südosten auf eine Kette und
sagt: Kutel, Kutel: Paß. Dort müssen wir wieder hinauf. Langsam, im
Schneckentempo zieht die Karawane bergan. Alle sind abgestiegen, um
die Tiere nicht zu ermüden. Ich wollte eine photographische Aufnahme
machen, aber die Gebirgslandschaft war so öde, daß ich den Film
schonte. Überall kahle, verwitterte, in Schutt gehüllte Felsen,
die nur kleine dürre, vertrocknete Steppenpflanzen auf den Hängen
tragen. Aber die Farben der Berge sind schön; selten habe ich so
bunte Felslandschaften gesehen! Hier schimmert ein Berg in roten und
gelben, dort einer in violetten und grünen Farben! Vom Passe, der
ca. 2830 Meter hoch ist, genießen wir einen weiten Ausblick; im Süden
zeigt sich eine hohe schneebedeckte Bergkette, deren hohe Gipfel sich
wie weiße Zähne vom tiefblauen Himmel abheben. Wie gerne wäre ich dort
hingezogen, in das Herz des Hesarajat-Hochlandes, über das wir noch so
wenig unterrichtet sind! Nur einem einzigen Europäer, dem Franzosen
Ferrier, ist es gelungen, einen Blick in diese Wildnisse zu tun; aber
vieles in seinem Bericht ist ungenau, und seine Angaben sind stark
angezweifelt worden.
Weiter ziehen wir durch die öden Gebirge und folgen einem Flusse,
dessen blaues Band tief unter uns sich hinzieht. Infolge der
außerordentlich klaren Luft aber erscheint alles viel näher gerückt.
Dann treten wir in die tiefe Schlucht ein, der unser nächster
Halteplatz seinen Namen verdankt: Teng-i-Asau (die Schlucht des Asau).
Dunkelrote Felswände türmen sich zu beiden Seiten auf, nur ein kleines
Stück vom blauen Himmel freilassend. Auf einem Felsvorsprung thronte
eine alte Lehmruine. Tot sieht die Landschaft aus; auf dem Monde kann
es nicht trostloser sein (Abb. 16)!
[Illustration: 16. Öde Berge bei Teng-i-Asau]
Am 12. November brechen wir wieder sehr früh auf. Es ist vier Uhr und
so dunkel, daß wir keine Hand vor den Augen sehen können; es bleibt
uns nichts übrig, als die Laternen anzuzünden. An der Spitze des Zuges
marschiert Mesjidi Khan, und seiner blinkenden Laterne folgt die
Karawane. Langsam bewegen wir uns den hohen Paß hinauf, der sich direkt
hinter Teng-i-Asau erhebt. Die englische Karte verläßt uns hier ganz,
denn auf ihr ist Teng-i-Asau nicht angegeben. Wir haben einen kleinen
Gebirgsbach zu kreuzen, der rauschend gen Süden eilt. Alle kamen heil
auf das andere Ufer, nur Juma glitt beim Springen von einem Stein auf
den anderen aus und nahm zum Spaß aller Zuschauer ein kaltes Morgenbad.
[Illustration: 17. An oberen Heri-rud bei Khassi]
Das Steigen machte sich in der dünnen Luft wohl bemerkbar, und alle
paar Minuten blieben auch die Pferde stehen, um sich zu verschnaufen.
Als wir die Paßhöhe erreichten, dämmerte es bereits. Wir gingen auch
weiterhin zu Fuß, um uns warm zu halten. Langsam begann sich der
Himmel im Osten zu färben, immer mehr Einzelheiten im Landschaftsbild
traten hervor; ein orangegelber Streifen kündet die Stelle an, wo die
Sonne aufgehen würde, und bald floß ihr strahlendes Licht über die
schweigende Bergwelt. Feuerrot leuchteten einige Konglomeratfelsen,
die von den ersten Strahlen der Morgensonne getroffen wurden, während
in den tiefen Tälern unter uns noch die blauen Schatten der Dämmerung
lagen. Dann steigen wir in ein großes, breites Längstal hinab, in
dem der größte Teil unseres heutigen Weges verläuft. Einförmige,
verwitterte Berge rechts und links; dann und wann ein Ausblick auf
höhere, schneebedeckte Gipfel im Süden und Norden. Menschen begegnen
wir kaum; still, öde und verlassen ist die Gegend.
[Illustration: 18. Afghanen
(von links nach rechts: Gulam Ali, Mesjidi Khan, ein Freund Gulam
Alis)]
Jeden Morgen um elf Uhr verteilt Juma das Frühstück, das wir im Sattel
einzunehmen pflegen. Ein Stück trocken Brot, kaltes Hammelfleisch oder
Huhn und ein paar getrocknete Aprikosen schmeckten uns trefflich.
Gegen Mittag passierten wir einige Ruinen, in deren Gemäuer Raben
hausten. Dann ging es stundenlang über bergiges Gelände. Gegen drei Uhr
sahen wir von einer Anhöhe das Robat von Godar-i-Pam im Tale liegen.
Ziegelrote, flache Berge heben sich scharf vom tiefblauen Himmel ab,
und ich mache eine kleine Aquarellskizze von der bunten Landschaft.
[Illustration: 19. Blick von der Paßhöhe ins Tal von Pänjao]
Für vier Rupien kauften wir einen Hammel, der abends geschlachtet
wurde. Juma bereitete ein treffliches Hammelragout zu, das uns allen
gut mundete. Sobald die Sonne hinter den Bergen verschwand, wurde es
wieder empfindlich kalt, und wir zündeten in unserer Höhle ein großes
Feuer an, das herrlich wärmte.
13. November. Wir hatten eine sehr unruhige Nacht. Ich mochte
vielleicht zwei Stunden geschlafen haben, als ich durch ein Geräusch
aufwachte. Die Afghanen schienen fest zu schlafen. Den Abend vorher
waren beim Lagerfeuer noch viele Räubergeschichten erzählt worden, und
es hieß allgemein, daß diese Gegend nicht ganz sicher sei. Ich hörte
deutlich, das irgend jemand mit dem Geschirr klapperte, und wollte
Licht machen. Aber es waren natürlich wieder keine Streichhölzer
da. Ich rief Juma, der in der einen Ecke unserer Höhle lag und fest
schlief. Endlich wachte er auf, zündete umständlich eine Wachskerze
an und untersuchte unseren Raum, fand aber nichts. Wohl war die eine
Laterne umgeworfen, und die Töpfe lagen durcheinander, aber sonst
konnten wir nichts feststellen. Wahrscheinlich hatte sich ein großer
Kater in unsere Behausung geschlichen, um die Reste unseres Abendbrotes
zu vertilgen. Fast in jedes Karawanserai leben einige große Katzen,
die äußerst zudringlich sind. Schlug man sie, so wurden sie meist noch
frecher.
Wir froren, als wir morgens um sechs Uhr aufbrachen, war das
Thermometer doch auf –10 Grad Celsius gefallen. Der heutige Tagesmarsch
war kurz und äußerst eintönig. Wir zogen in einem großen, von Terrassen
eingefaßten Tale bergan. Der Boden war mit Reif überzogen, und die
Schneekristalle glitzerten wie Tausende von Diamanten. Der Weg wandte
sich wieder nach Norden. Vor uns stieg die Bergkette auf, die wir
morgen in einem hohen Passe überschreiten sollten. Nur wenig Schnee lag
auf den felsigen Hängen.
Gegen Mittag trafen wir eine große Karawane von Hesares. Schon von
weitem sahen wir die Staubwolke, die sie aufwirbelte, und meine
Afghanen machten schon ängstliche Gesichter, da sie glaubten, es
seien Räuber. Die Hesares sind sonst gutmütige, friedfertige Menschen
im Gegensatz zu den Firuzkuhis, die nördlich der Bergkette wohnen.
Man sieht ihnen sofort die mongolische Abstammung an – scharfe
Schlitzaugen, wenig Bartwuchs, stark hervortretende Backenknochen.
Man könnte sie oft für Tibeter halten, mit denen sie wohl die größte
Ähnlichkeit haben. Sie sollen mit Dschinghis-Khan ins Land gekommen
sein und sind jetzt auf das zentrale Afghanistan beschränkt. Sie
besitzen große Schaf- und Ziegenherden, die ihren ganzen Reichtum
ausmachen, treiben nebenher aber auch etwas Ackerbau. Wir trafen auch
eine Hesarensiedelung, ca. 20 schwarze, runde, jurtenähnliche Zelte.
Langsam arbeiteten wir uns höher und höher und näherten uns mehr
und mehr den Schneeflächen. Kurz vor dem Robat Tere-Bulak (nasse
Quelle), sammelten wir einige schön erhaltene Versteinerungen. Heute
zeigten sich zum ersten Male einige weiße Kumuluswolken, die wie
große Segelschiffe über den blauen Himmel zogen. Nachmittags bestieg
ich einen Berg, der sich dicht hinter dem Robat erhebt, und sammelte
hier noch einige Fossilien. Gulam Ali und Mesjidi Khan amüsierten
sich damit, einige der niedrigen Sträucher, die die Hänge bedeckten,
anzuzünden. Das trockene Gestrüpp brannte herrlich, und der weiße Rauch
zog sich in dicken Schwaden um den Abhang. Abends gingen wir früh
schlafen, da uns am anderen Tage ein anstrengender Marsch bevorstand.
14. November. Heute früh kamen wir erst um sechs Uhr fort. Da es zu dem
hohen Passe, den wir heute zu überwinden haben, weit und die Steigung
nicht zu stark ist, steigen wir bald zu Pferde und lassen uns langsam
bergan tragen. Vor uns haben wir jetzt das Bend-i-Baian-Gebirge;
es sieht nicht sehr drohend aus und trägt auf den uns zugewandten
Südhängen nur wenig Schnee. So arbeiten wir uns langsam empor und
erreichen gegen neun Uhr die erste ca. 3000 Meter messende Paßhöhe.
Juma ist vorausgeeilt und hat von den dürren Stauden, die hier und da
die Hänge bekleiden, ein großes Feuer angezündet, das herrlich wärmt
und uns wieder auftaut.
Wir sind jetzt auf den Höhen des Gebirges, und je mehr wir auf die
Nordhänge hinüberreiten, um so mehr Schnee treffen wir an. Von dem
höchsten Passe, dem Kutel-i-Ahengeran, haben wir eine herrliche
Aussicht. Eine Winterlandschaft umgibt uns; fern im Norden hebt sich
wie eine weiße Sägelinie der Hauptkamm des Kuh-i-Baba vom blauen Himmel
ab, und auch im Süden ragen einige hohe Schneegipfel aus der Bergwelt
heraus. Wir befinden uns jetzt mitten in den Schneefeldern, deren
Kristalle das Sonnenlicht in tausend Facetten zurückwerfen. Ich bin
froh, daß ich meine Schneebrille bei mir habe, denn der Neuschnee, auf
dem die Morgensonne liegt, blendet so stark, daß man kaum die Augen
aufhalten kann. Ich mache zwei photographische Aufnahmen, die ein
gutes Bild von diesen öden, eingeschneiten Bergen geben. Alpine Formen
vermißt man ganz; Gletscher fehlen, und steile Felswände trifft man nur
selten an. Das Gestein ist stark verwittert und besteht aus dunklen
Kalken und Schiefern.
Auf der zweiten Paßhöhe machten wir Rast, zündeten ein großes Feuer an
und nahmen unser Frühstück ein. Ein langer Abstieg folgte, und schon
von ferne sahen wir das von Terrassen eingefaßte Tal des Heri-rud.
Gegen drei Uhr passierten wir eine Siedelung von Hesares. Diese hausen
hier in Höhlen, die sie aus dem weichen Fels herausgeschlagen haben.
Augenscheinlich war gerade großes Reinmachen; denn auf den Hängen waren
Teppiche und Decken zum Trocknen ausgebreitet. Zwei große wütende
Hunde, weiße Mastiffs, wollten uns nicht vorbeilassen, und wir konnten
sie uns nur durch Steinwürfe vom Leibe halten.
Das Talbecken von Ahengeran ist reich kultiviert. Überall dehnen sich
Felder und Lehmhäuser aus. Eine kleine verfallene Ruine liegt zur
Linken. Wir passieren das Robat und ziehen weiter in östlicher Richtung
nach Khassi. Wir sind jetzt wieder im Heri-rud-Tale, das wir zwischen
Obeh und Charsar verlassen hatten. Über den Lauf des Flusses zwischen
Ahengeran und Obeh konnte ich nur in Erfahrung bringen, daß er in
tiefer Schlucht sich den Weg durch die Berge schneidet.
Eine stundenlange Wanderung durch das Heri-rud-Tal folgte. Eine
Schar Wildenten trieb sich am Flusse umher, und Mesjidi Khan wollte
wieder sein Jagdglück versuchen; aber wie immer schoß er daneben. Im
Süden unseres Weges hatten wir den langen, stark denudierten Kamm
des Bend-i-Baian-Gebirges, zur Linken in Schutt gehüllte Berge, die
zum Heri-rud abfallen. Dann und wann steigen wir ab und gehen zu
Fuß. Wir müssen auch noch einige Berge überschreiten, ehe wir gegen
vier Uhr die Kalé (die Festung) und das Robat von Khassi sichten.
Kurz bevor wir dort eintrafen, konnte ich noch eine herrliche
Naturerscheinung beobachten. Die im Osten sich auftürmenden Berge
wurden von den Strahlen der untergehenden Sonne getroffen und flammten
in purpurroten und tiefvioletten Farben auf, was sich gegen den schon
dunklen Abendhimmel prächtig ausnahm. Aber nur Minuten dauerte diese
Erscheinung; sie war flüchtig wie alles Schöne auf Erden. Und doch
sind solche Augenblicke für uns unvergeßlich. Sie erheben uns, und wir
zehren lange davon. Und in trüben Stunden, da treten diese Augenblicke
wieder vor uns hin, gleichsam, um uns zu mahnen und uns neuen Mut zu
verleihen.
In Khassi wollen wir einen Ruhetag einlegen, denn Gulam Ali hat hier
einen Freund wohnen, den er besuchen will. Auch wollen wir den Tieren
einmal etwas Ruhe gönnen. Da das Dorf Khassi auf dem nördlichen Ufer
liegt, müssen wir durch den Heri-rud reiten. Ich war zu müde, um noch
ins Dorf zu gehen, und blieb im Karawanserai. Gerade als ich es mir
auf meinem Feldbette bequem gemacht hatte und mein Tagebuch schreiben
wollte, kam ein Diener gelaufen und brachte mir eine Einladung von
Gulam Alis Freund, der Steuereinzieher dieses Bezirkes war. Er hatte
auch gleich ein Pferd mitgebracht, damit ich den Fluß durchreiten
konnte. Ich machte mich also fertig, schwang mich auf das ungesattelte
Pferd und ließ mich nach dem Flusse hinunterführen. Es war schon
dunkel. Der Diener hielt in der einen Hand die Stallaterne, in der
anderen die Zügel des Pferdes. Als wir mitten im Fluß waren, und das
rauschende Wasser schäumte und spritzte, wurde das Pferd störrisch, und
ich konnte mich nur mit Mühe halten. Schließlich kamen wir aber doch
glücklich ans andere Ufer.
Bei dem jungen Afghanen wurden wir sehr liebenswürdig aufgenommen. Er
bewirtete uns mit Pilau und Mast (saure Milch) sowie Tee und Kuchen,
und es gab auch Musik und Gesang. Gegen neuneinhalb Uhr brach ich
wieder auf, während Gulam Ali und Mesjidi Khan bei ihrem Freunde
übernachteten (Abb. 18).
15. November. Heute war der ersehnte Ruhetag, wir konnten wirklich
einmal ausschlafen. Erst um acht Uhr wurde gefrühstückt. Ich leistete
mir zur Feier des Tages Kakao, da wir hier Milch kaufen konnten.
Auch den Afghanen gab ich zu trinken; aber obgleich ich den Kakao
stark gezuckert hatte, erklärten sie, er sei »bisjar tälch« (sehr
bitter). Übrigens fiel es ihnen sehr schwer, das Wort Kakao richtig
auszusprechen, und ich amüsierte mich immer, wenn Juma die Kakaotüte
suchte und fragte: »Kaukau kuja’st?«
Den Vormittag benutzten wir dazu, die Koffer wieder gut zu verpacken,
denn es war alles durcheinandergerüttelt. Mittags wurde ich wieder
zum Freunde Gulam Alis eingeladen, und es gab wieder Pilau, Tee und
Süßigkeiten. Alle hatten sich heute in Gala geworfen, und ich kam mir
in meinem Reitanzug gar nicht gesellschaftsfähig vor.
Nachmittags wanderten wir in den umliegenden Bergen umher. Die Felsen
sind sehr verwittert, und die Diorite sowie die anderen Eruptivgesteine
sind zu Schutt und Staub zerfallen. Nur an einzelnen Stellen ragen
einige härtere Felsen aus dem Schutte auf und bilden kleine Riffe.
Ein sehr hartes Band dunkler Eruptivgesteine verläuft quer zum Fluß
und verursacht Stromschnellen. In der Ferne konnten wir einige gut
ausgeprägte Terrassen erkennen, die darauf hinweisen, daß der Fluß
einst in einem bedeutend höheren Niveau floß (Abb. 17).
Dann besuchten wir den Hakim (Untergouverneur). Schon bevor wir nach
Khassi kamen, erzählten meine Begleiter von ihm wunderliche Geschichten
und sagten, er sei ein verrückter alter Kerl, der aber ziemlich große
Macht habe. Da ich ohne jedes Empfehlungsschreiben und ohne Paß reiste,
schien mir der Besuch bei diesem Herrn gar nicht so geheuer, denn wenn
er sich, wie die Afghanen sagten, verrückt bürokratisch anstellte und
nach einem Papier verlangte, war ich in übler Lage.
Nachmittags, als ich auf einem Terrassenvorsprung meine Gefährten und
ihren Freund photographierte, sahen wir, daß sich auf der von uns durch
ein kleines Tal getrennten gegenüberliegenden Seite eine Menschenmenge
ansammelte, die unser Tun genau beobachtete. Und sicher wurde dem Hakim
genau Bericht erstattet, was wir trieben. Wir hielten es daher für das
beste, ihm erst einmal unseren Besuch zu machen. Er residierte in einer
elenden, halb in Ruinen liegenden Kalé oder Festung. Als wir uns dieser
näherten, scharten sich die Einwohner um uns und sandten uns nicht
gerade freundliche Blicke zu. Ich wurde unwillkürlich an die Situation
erinnert, in der Younghusband war, als er die Festung der Kandjuten im
Kara-Korum aufsuchte. Wir gingen durch finstere Gänge und vor Schmutz
starrende Höfe, bis wir endlich in einen Hof gelangten, der etwas
sauberer war. Dort breitete man für uns einige Kelims aus. Nachdem wir
lange gewartet und meine Afghanen noch mehr als einen Witz über den
Hakim gerissen hatten, trat der Gewaltige herein. Er entpuppte sich
als ein kleines verhutzeltes Männchen, dem aber der Schalk im Gesicht
geschrieben stand, und ich habe keinen Zweifel, daß er auch sehr
grausam sein konnte. Wir wurden zum Tee geladen. Ich mußte ihm meinen
Feldstecher zeigen; aber sonst wurde wenig gesprochen. Meine Afghanen
hatten anscheinend solchen Respekt vor ihm, daß sie gar nicht wagten
den Mund aufzutun. Wir blieben auch nur kurze Zeit und gingen dann
wieder an den Fluß hinunter, wo ich noch einige Gesteinsproben sammelte
und die Gesellschaft photographierte.
16. November. Heute wollten wir eigentlich schon bis Dauletjar kommen,
erfuhren aber, daß der Weg sehr weit sei, und so entschlossen wir
uns, nur bis Badgah zu ziehen. Der Freund Gulam Alis begleitete uns
die erste Strecke des Weges. Er trug seinen besten Anzug und ritt
einen prächtigen, schwarzen Hengst. Seine Lammfellmütze hielt er
in der rechten Hand, um sich gegen die Sonne zu schützen, worüber
Juma sich sehr lustig machte. Wir ritten stetig ansteigend die
Terrassen hinauf, die sich längs des Flusses hinziehen. Bei Pusaleh
passierten wir die große Brücke über den Heri-rud; das Dorf selbst
scheint verlassen zu sein. Etwas oberhalb Pusaleh verläßt der Weg den
Fluß, der hier Stromschnellen und kleine Wasserfälle bildet und aus
einer tiefen Schlucht heraustritt. Zur Rechten haben wir noch das
Bend-i-Baian-Gebirge mit seinem abgetragenen, gerundeten Bergrücken.
Ein ödes Land!
Gegen Mittag steigen wir wieder ins Heri-rud-Tal ab, das von hohen,
kahlen Felsbergen eingefaßt ist. Ein paar vertrocknete Stauden am
Fluß bilden die einzige Vegetation, die wir sehen. Wie oft finde ich
in meinem Tagebuch die Eintragung: den ganzen Tag kein Fleckchen Grün
gesehen. Der erste Europäer, der wohl Badgah besucht hat, war Arthur
Conolly, der ca. 1831 auf seinem Wege von Kabul nach Khiva durch Badgah
zog. Er hatte auf seinem Wege viel unter Überfällen zu leiden. Badgah
liegt in einer großen Ebene, den Winden von allen Seiten ausgesetzt,
daher auch der Name (Bad = Wind und Gah = Ort).
Abends im Robat spielt sich stets die gleiche Szene ab. Wenn Juma
in der Feuerstelle die trockenen Stauden anhäuft und anzündet, ist
in ein paar Minuten der Raum voll beißenden Rauches. Man weint die
bittersten Tränen, und selbst die Schutzbrille hilft nicht dagegen; es
bleibt nichts weiter übrig, als sich platt auf den Boden ans Feuer zu
legen. Bis auf einen halben Meter über dem Erdboden liegt der Rauch
in dicken Schwaden, und erst, wenn der Raum genügend erwärmt ist und
wir das Luftloch in der Decke gereinigt haben, zieht der Rauch ab.
Beim Scheine des Feuers schreibe ich mein Tagebuch. Ab und zu legen
wir neue trockene Stauden auf, daß es knistert und funkt. Stundenlang
können wir so um die Glut sitzen und in die blauen züngelnden Flammen
starren. Bilder aus längst vergangenen Tagen steigen wieder auf.
Osterfeuer – Sonnwendfeuer –. Die Afghanen sitzen still und stumm;
Gulam Ali liest in einem persischen Geschichtsbuch. Er ist ganz in
seine Lektüre vertieft; nur manchmal gerät er so in Entzücken, daß er
Mesjidi Khan ein besonders schönes Gedicht vorträgt. Draußen vor der
Pforte unserer Höhle flammt auch ein Feuer auf. Dort kocht Gul Mohammed
den Reispudding. Juma sitzt am Feuer und träumt. Das Wasser in unserem
kleinen, schwarz berußten Teekessel beginnt zu summen, und gegen neun
Uhr ist meistens auch das Essen fertig. Auf einer großen Schüssel wird
der Reis aufgetragen, das Fleisch um den Rand gelegt. Ich fülle mir
mein Essen auf den Teller; die Afghanen aber stürzen sich alle auf
die große Schüssel. Jeder greift mit der Hand in den Reis und sucht
das größte Stück Fleisch zu erhaschen. Messer und Gabel kennen sie
ja nicht. Gul Mohammed ißt für zwei. Ich wundere mich oft, wo er das
alles läßt. Er sieht in seinem dicken, weißen Filzmantel und schwarzen
Turban gegen seine Kameraden ordentlich vornehm aus. Heute trank er zum
Schluß noch das übriggebliebene geschmolzene Hammelfett aus; worauf
Juma die Bemerkung machte: er fresse wie eine Kuh. Damit hatte er aber
Gul Mohammed so schwer beleidigt, daß er in den nächsten Tagen mit Juma
kein Wort sprach. Gul Mohammed war überhaupt sehr eitel. Oft schaute
er während des Marsches in einen kleinen runden Spiegel, den er stets
bei sich trug. An einem Ring hatte er auch einige interessante kleine
Instrumente: einen Nagelreiniger, einen Ohrlöffel und eine Pinzette,
mit der er sich Barthaare ausriß!
17. November. Der heutige Tagesmarsch war wohl der eintönigste
von allen. Zuerst zogen wir im Tale des Heri-rud aufwärts, dann
aber verließen wir den Fluß und ritten stundenlang durch die öden,
verwitterten Berge. Gegen Mittag sahen wir den Fluß wieder tief unter
uns und stiegen langsam an sein Ufer hinab. Wir genossen einen
herrlichen Ausblick nach Norden auf die Schneespitzen des Kuh-i-Baba.
Über Schinieh erreichten wir Dauletjar, eine bedeutende Siedelung, die
in einem großen Talbecken gelegen ist. Dort laufen verschiedene große
Karawanenstraßen zusammen, von denen eine längs des Farah-rud nach
Sistan gehen soll.
Manche Forscher haben die Meinung vertreten, daß auch Alexander der
Große auf seinem Zuge nach Bamian mit seiner Armee dem Hilmend-Tal
gefolgt sein soll. Quintus Curtius beschreibt jedenfalls eine Route,
die bedeutend größere Schwierigkeiten geboten haben muß als der
reguläre Weg von Kandahar über Kabul nach Bamian.
Etwas nordöstlich von Dauletjar kreuzte Ferrier den Heri-rud; er wandte
sich dann nach Süden in das eigentliche Hesarajat-Hochland. Auch die
englischen Offiziere Talbot und Maitland sind in dieser Gegend gewesen;
ihre genauen Berichte sind aber nicht zugänglich.
Als ich später nach Kabul kam, erfuhr ich, daß die deutschen Ärzte, die
ein paar Monate vor mir auf dieser Straße gezogen, hier ihren Kameraden
Berends verloren, der an Malaria starb und in dieser einsamen Bergwelt
bestattet wurde.
VI
ÜBER HOHE GEBIRGE UND EINGESCHNEITE PÄSSE
18. November. Nachts um zwei Uhr mußten wir heute schon aufstehen, und
ich war noch sehr verschlafen, als um einhalb drei der Tee gebracht
wurde. Um einhalb vier erfolgte der Aufbruch. Langsam zog unsere
Karawane in das Dunkel der Nacht hinaus. Zuerst ritt ich, aber bald
waren die Füße so eiskalt, daß auch ich zu Fuß ging. Langsam, unendlich
langsam schleichen die Stunden dahin. Herrlich ist der Sternenhimmel;
selten habe ich so viel Sternschnuppen beobachten können; alle paar
Minuten leuchten sie wie Raketen am sternenübersäten Nachthimmel auf.
Um diese Zeit schlägt es in Europa gerade Mitternacht; dieselben Sterne
sehen auch auf meine Heimatsstadt und mein Elternhaus! Wie es dort
wohl aussehen mag? Seit über drei Monaten habe ich nichts mehr von
Deutschland gehört.
Langsam arbeiten wir uns den hohen Paß hinauf, den wir heute zu
überschreiten haben. Endlich beginnt es etwas heller zu werden, und
wir können die Einzelheiten im Landschaftsbilde erkennen. Über den
Bergen liegt ein eigentümlich violetter Schleier, der, je heller es
wird, in blaue Töne übergeht. Als die ersten Strahlen der Morgensonne
die Berggipfel treffen, reiten wir in das malerische Talbecken der
Hesarensiedelung Germ-ab. Hier wurde fleißig gearbeitet: die Felder
gepflügt, das Korn gedroschen. Die Männer sangen zur Arbeit, die
Frauen saßen vor den jurtenähnlichen Hütten, spielten mit den Kindern,
nähten oder flickten. Es war ein idyllisches, friedliches Bild, das
mich an die Schilderung erinnert, die Ferrier von einer Hesarensiedlung
an einem südlicher gelegenen See in Zentralafghanistan gegeben hat. Ein
paar Schafe und Ziegen grasten im Tale, und ein paar große, kräftige
Hunde bewachten das Dorf.
Wir zogen weiter, und bald war die kleine Siedelung unseren Augen
entschwunden. Wir hatten einen neuen Paß zu überschreiten, von dem aus
wir eine interessante Aussicht hatten. Unter uns zur Linken lag wie ein
erstarrtes Meer eine ziegelrote, orangefarbene Bergwelt, die scharf vom
tiefblauen, wolkenlosen Himmel abstach (Abb. 13). Rechts aber türmten
sich höhere Berge auf, die aus dunklem vulkanischen Gestein bestehen
und einige Schneekappen tragen. In der Sonne war es heute recht warm;
es war einer der letzten schönen Herbsttage des Jahres.
Gegen drei Uhr kamen wir an einen breiten aber seichten Fluß, in dessen
ruhigem Wasser sich die Berge spiegelten. Auf dem jenseitigen Ufer lag
ein größeres Dorf. Beim Durchschreiten des Flusses glitt mein Wasiri
aus, und wir beide nahmen in den kühlen Fluten ein erfrischendes Bad!
Ich ging darauf den letzten Teil des Weges nach Lar zu Fuß. Mesjidi
Khan hatte seinen Fuß verstaucht und war weit zurückgeblieben. Gegen
vier Uhr sichteten wir das Robat, das auf einer Terrasse gelegen ist,
unterhalb derer sich der Fluß hinschlängelt.
Je mehr sich die Sonne dem Westen zuneigte, um so phantastischer wirkte
die rote Berglandschaft, die sich im Norden des Flusses hinzieht.
Die Dämmerung brach schnell herein. Blauschwarz war der Himmel im
Nordosten, gerade als ob ein Gewitter aufziehen wollte, und die Berge
schimmerten in schwefelgelben und violetten Tönen.