Darauf meinte sie: »Die hast ja du gar net g'häkelt, die hat ja d'Babett
g'macht!«
Ich blickte wie versteinert die Mutter an und brachte endlich kaum
hörbar die Worte heraus: »Wer sagt denn dös?«
»D'Babett hat mir's selber g'sagt!« erwiderte die Mutter scharf.
Da brach ich in Tränen aus: »Naa, so a Gemeinheit! Jatz hat s' mir's so
heilig versprocha, daß s' nix sagt ...«
»So, hab i di jatz g'fangt, du Luder, du verlogns!« triumphierte jetzt
die Mutter mit bösem Lachen; dabei nahm sie die Spitze und warf sie ins
Herdfeuer. »Heut konnst di aber g'freun! Heut treib i dir's Lügn aus für
allweil!«
Mir war ganz dumm im Kopf, und wie im Traum ging ich in die Gaststube
und wollte die Sparbüchse mit dem geheimen Geld zu mir nehmen; da fand
ich sie leer. Sprachlos starrte ich in die Schublade, bis die Mutter in
das Zimmer trat. Da schob ich die Lade zu und ging wieder in die Küche.
Doch konnte ich nichts tun und hatte nur den einen Gedanken im Kopf:
Heut bringt s' di um; denn sie war so seltsam still, trank rasch fünf
oder sechs Halbe Bier und warf mir grausige, entsetzliche Blicke zu.
Aber sie sprach kein Wort in der Sache, bis nach dem Mittagessen. Da
rief sie dem Vater in die Schenke: »Josef, heut bleibst in der Schenk,
die is heut net da!« wobei sie mir wieder einen solch bösen Blick
zuwarf, daß mir fast das Blut in den Adern gefror. Dann sagte sie, indem
sie den großen, eisernen Schürhaken vom Herd nahm und sich zum Gehen
schickte: »Richst 's Hundsfressen no her, du Schinderviech; nachher
gehst 'nauf!«
Als sie fort war, rief ich die Babett zu mir in die Küche und machte ihr
Vorhalt wegen der Spitze und auch wegen des Geldes.
Da sagte sie: »I hab koa Wort verraten und vom Geld woaß i nix!
Überhaupt derfan Sie koa Wort sagn; denn wenn i mei Maul aufmach, na is
g'fehlt um Eahna!« Damit ging sie aus der Küche.
Ich hatte kaum die letzten Worte gehört, so wurde mir heiß und kalt, und
plötzlich ergriff ich das große Tranchiermesser, legte erst die eine und
dann die andere Hand auf den Hackstock und schnitt mir an beiden Armen
die Pulsadern durch. Dann lief ich zum Schlüsselbrett, nahm die
Kellerschlüssel, rannte die Stiege hinab, schloß mich in den Weinkeller
ein und kauerte mich in einen Winkel und hoffte stumpfsinnig auf den
Tod.
Wie lange ich so gelegen bin, weiß ich nicht. Bekannte erzählten mir
später, daß mich eine Frau, die von der Gassenschenke aus in die Küche
geblickt hatte, beobachtet und den Vorfall meinem Vater mitgeteilt habe.
Doch wußte niemand, wo ich hingelaufen war, bis man endlich die
Kellerschlüssel vermißte. Da nahm der Vater den Schleicher, ließ vom
Schlosser den Keller aufbrechen und suchte mich. Der Hund aber lief erst
unruhig im ganzen Keller umher, bis er sich plötzlich vor die Tür zum
Weinkeller stellte und laut zu winseln begann. Da erbrach der Schlosser
auch diese Tür, und nun fanden sie mich ohnmächtig in meinem Blute
liegen. Sie hoben mich auf und brachten mich zum nächsten Bader, der mir
einen Notverband anlegte und mich dann zu einem Arzt fahren ließ. Dort
wurden die Wunden genäht, wobei es der Doktor nicht an anzüglichen Reden
fehlen ließ, da ja gemeiniglich nur nach der Tat, selten aber nach Grund
und Ursach geforscht wird.
Darauf brachte man mich wieder nach Hause, und meine Mutter empfing mich
sofort mit den Worten: »Hat di jatz der Teufi no net gholt! Bist no net
hin?«
Da dachte ich, es könnte am Ende besser sein, wenn ich ginge; denn
vielleicht bekäme ich von der Mutter einmal einen Hieb, der mich zum
Krüppel machte; da wäre ich doch lieber tot.
* * * * *
Also ging ich andern Tags zu meiner Base, die mit dem Bruder der Mutter
in einem alten, kleinen Häuschen Giesings wohnte. Die nahm mich voller
Mitleid auf und ich verbrachte ein paar glückliche Wochen bei ihr. Auch
sie riet mir, ich solle eine Zeitlang unter fremde Leute gehen und
dienen. Deshalb suchte ich, nachdem meine Arme wieder geheilt waren,
eine Verdingerin auf, die mir einen Platz als zweite Köchin in der
Floriansmühle zubrachte und mir empfahl, zuvor meinem Vormund, dem
Ehemann der Nanni, zu schreiben, daß er mir seine Erlaubnis zum Dienen
gebe; denn ich war noch nicht mündig. Der antwortete in seinem
Schreiben: »Mir ist's ganz recht, wenn sie dint und ligt nichts dran,
wenn sie heirat. Josef Eder.«
Mit diesem Brief ging ich zur Polizei und holte mir ein Dienstbuch.
Danach erbat ich mir von meiner Base das Verdinggeld, fünf Mark, und
brachte es der Frau, worauf ich mich nach der Floriansmühle begab.
Ich ging die Isar entlang durch den Englischen Garten, am Aumeister
vorbei und stand mit einem Male vor einem kleinen Dörflein.
Zu meiner Rechten floß ein von alten Bäumen und schon herbstlich buntem
Strauchwerk eingefaßter Kanal, der das ausgedehnte, rings von saftigen
Wiesen und schattigen Baumgärten umgebene Besitztum, auf dem ich meinen
Dienst antreten sollte, von dem eigentlichen Ort trennte.
Ich schritt den Bach aufwärts und stand bald vor dem großen Hoftor des
Gutes, das drei Brüdern zu eigen gehörte und dessen Gastwirtschaft von
jeher als eine beliebte Einkehr der Münchner galt.
Als ich in den Hof trat, stand vor der niedern Tür des schmucken, mit
seinen grünen Fensterläden und den sauber an Spalieren gezogenen
Weinreben recht heimisch aussehenden Wohnhauses ein junges Mädchen und
fütterte aus einer weiten, irdenen Schüssel Enten, Hühner und Tauben mit
feingehackten Maiskörnern. Droben auf dem Dach aber, das von einem
Glockentürmlein gekrönt war, saß ein großer Pfau und schrie mit
kreischender Stimme sein klägliches: »Pau, pau« in die stille Luft.
Weiter drüben vor dem Stall stand ein langer, grobknochiger Knecht und
schirrte zwei schwere Grauschimmel an und spannte sie vor einen hoch mit
Mehlsäcken beladenen Wagen, während aus der mit Tannengirlanden
geschmückten Türe eines kleinen Tanzsaales, dessen Fensterläden fest
geschlossen waren, soeben ein älterer Mann trat und angestrengt nach der
von uralten Pappeln eingesäumten Landstraße sah.
In diesem Augenblick fuhr von der andern Seite ein leichtes Ponygefährt
durchs Tor in den Hof, und ihm entstieg ein etwa zwanzigjähriger,
elegant gekleideter junger Mann, warf die Zügel dem dampfenden Pferd auf
den Rücken und hob danach ein liebliches, ganz in Weiß gekleidetes, etwa
achtjähriges Mädchen aus dem Wagen. Mit lautem Jubel stürmte die Kleine
an dem erschreckt auffahrenden jungen Mädchen vorüber, wobei Hühner und
Enten laut schreiend und gackernd auseinanderstoben, und sprang lachend
an dem alten Herrn empor mit dem Ruf: »Onkel Kilian, fein wars!« Dieser
gab dem Mädchen erst einen schallenden Kuß und wandte sich dann an den
jungen Mann: »So, Maxl, hast dir jatz amal gnua kutschiert?«
»Ja, Onkel! Bis zum Flaucher san ma nauf; 's Lieserl hätt bald nimmer
gnua kriagt!« Dann rief er lachend der noch immer über das Ungestüm der
Kleinen erbosten jungen Dame zu: »Servus, Fräuln Schwester!« Und als sie
nichts erwiderte, trat er rasch auf sie zu, faßte sie um die Hüften und
meinte: »Na, Klärl, kommt's am End scho wieder zum Regnen?«
Unwillig stieß sie ihn weg und wollte etwas entgegnen, da fuhren rasch
hintereinander drei elegante Equipagen vor, und sofort stürzten alle
hinzu und halfen den Herrschaften dienstbeflissen aus den Wagen.
Ich war lange Zeit unschlüssig hinter dem vorderen Tor gestanden; jetzt
benutzte ich rasch den günstigen Augenblick und trat schnell in die
Küche, die in peinlichster Sauberkeit glänzte.
Gegenüber dem großen, in der Mitte stehenden Herd befanden sich hohe
Schränke und Stellagen voll Porzellangeschirr und von den Wänden
blinkten reiche Kupfer- und Zinnmodel. Vor dem Herd stand gerade eine
große, wohlbeleibte Köchin, die Kaffee kochte, und hinten in einer Ecke
war ein altes Weiblein mit dem Rupfen einer großen Schüssel voll Enten
beschäftigt. An dem mächtigen Schubfenster des Büfetts, von dem aus man
den großen, schattigen Wirtsgarten überblicken konnte, stand eben die
Frau des Hauses und gab der Kellnerin mehrere Platten mit Kuchen und
gebratenen Hühnern. Dann wandte sie sich um, und als ich gerade der
Köchin, die mich barsch nach meinem Begehr fragte, antworten wollte,
rief sie mit freundlicher Miene: »Ah, jatz kommt mei neue Köchin! Sie
san aber no jung!«
Ich erwiderte, nachdem ich sie begrüßt, ziemlich schüchtern: »I bin scho
neunzehn Jahr alt!« worauf sie mich fragte, ob ich denn auch kochen
könne. Da bekam ich auf einmal Schneid und sagte frisch: »Dös moan i! I
hab dahoam scho dö ganze Wirtschaft g'führt und mir ham koa schlechts
G'schäft! Bloß mit dö Mehlspeisn hats was; dö gibt's bei uns 's ganz
Jahr net!«
Lachend meinte die Frau: »Dös kriagn ma scho no; bloß a Schneid
braucht's und an guatn Willn.«
Ich versprach ihr, daß ich ihr keine Schande machen wolle, und fragte,
wann ich schon eintreten könne. Sie sagte: »Glei morgn können S' kommen;
lassen S' ma Eahna Adreß da, der Knecht fahrt morgen so in d'Stadt nauf
am Markt; der kann glei Eahnan Koffer mitnehmen.«
Dann gab sie mir noch einen Taler als »Drangeld«, womit sie mich fest
zum Antritt meiner Stelle verpflichtete.
»Gnä Frau,« sagte ich noch, ehe ich ging, »kann i vielleicht glei was
b'sorgn, eh i morgn aus der Stadt geh? I kannt's leicht mitnehmen.« Doch
sie verneinte und sagte: »Dös g'fallt ma, daß S' Eahna so onehma; aber
bei uns fahrt alle Tag oans nauf zum Einkaufn und B'stelln. Trinkn S'
jatz no g'schwind a Tass' Kaffee!«
Nun bekam ich eine große Tasse voll und einen Krapfen, wobei die Frau
meinte: »Probiern S' unsere Krapfen, die müssen S' z'erscht ferti
bringa!«
Ich fand alles recht gut und ging frohen Herzens heim zu meiner Base und
berichtete ihr alles, worauf sie mich ermahnte, ich solle mich recht gut
halten, daß ich meiner Mutter zeigen könne, wie andere Leute mit mir
zufrieden wären.
Andern Tags am frühen Morgen machte ich mich auf den Weg. Ich war guten
Muts und sang laut, als ich durch den Englischen Garten schritt; denn
ich hatte von der Endstation der Trambahn aus noch fast eine Stunde zu
gehen.
Als ich auf den Hof kam, schlug es neun Uhr, und der Obermüller und die
Mühlknechte machten grad Brotzeit und holten sich ihr Bier.
Mit einem lauten: »Grüaß Gott! Jatz bin i da!« trat ich in die Küche, wo
es schon überall dampfte und brodelte. Die Frau war noch nicht auf, und
so wies mir die erste Köchin meine Kammer zum Schlafen an. Rasch nahm
ich mein Hütlein ab, zog mein Mäntelchen aus, tat eine schöne weiße
Schürze um und ging wieder hinunter.
Nun hieß es sich rühren! Als die Frau um zehn Uhr in die Küche kam,
hatte ich schon einen großen Hafen voll Entenjung für die Leute der
Ökonomie zubereitet und war gerade dabei, ein Brett voll Knödel zu
machen.
»So, san ma scho fest bei der Arbeit!« sagte die freundliche Wirtin und
klopfte mir wohlwollend auf die Schulter, worauf ich lachend erwiderte:
»Bis jatz konn i's scho no damacha!« doch hätte ich dies am Nachmittag
wohl kaum mehr geantwortet; denn da ging's drunter und drüber.
Da kamen Herrschaften in ihren Equipagen, die sich mit Brathähndln,
Eierspeisen, kalten Platten und dergleichen Leckerbissen aufwarten
ließen, ferner Radfahrer, die in großer Eile ihren Kaffee tranken, und
auch an Spaziergängern fehlte es nicht, die da ihren Käs mit Butter, ein
Ripperl oder Regensburger verzehrten.
Der Kaffee wurde in lauter kleinen Kännchen serviert, und eine alte
Spülerin hatte den ganzen Mittag und Nachmittag vollauf zu tun, um all
die Geschirrlein zu säubern und auf kleine Nickeltabletten zu ordnen. In
einem riesigen Waschkorb lagen an die hundert Krapfen, daneben standen
Teller und Platten mit feinem Kaffeekuchen, was alles im Haus gebacken
wurde.
In der Schenke ging es zur Mittagszeit noch ziemlich ruhig her; doch war
am Nachmittag auch hier ein großes Hinundher. Da wurde nicht nur Bier
ausgeschenkt, sondern auch alle möglichen Limonaden, Sauerbrunnen,
Schorlemorle, Radlermaßen und auch gar manche Flasche Wein.
Die »rote Kuni«, wie man im Scherz die rothaarige Schenkkellnerin
nannte, wußte sich bei dem Trubel kaum mehr zu helfen; denn sie war von
Haus aus schon schwerfällig und nun erwartete sie auch noch ein Kind,
das vierte, seit sie in der Floriansmühle im Dienste stand. Für jedes
hatte sie einen andern Vater benannt, der ihr für Ehr und Kind bezahlen
mußte, was ein jeder auch ohne Widerrede tat.
Um die Zeit meines Eintritts war nun überall wegen der Herbstmanöver
Einquartierung. Auch in die Mühle kam die Ordre, man solle Quartier
bereiten für mindestens zwanzig Mann und etliche Offiziere der schweren
Reiter aus Landshut.
Es währte nicht lange, da rasselten im Saal die Säbel und klirrten die
Sporen. Zwanzig Gemeine, vier Feldwebel und Wachtmeister, sowie sechs
Offiziere hatten wir bekommen.
Da gab es Arbeit in Menge; zwar war für die Gemeinen das Mahl bald
bereitet, doch für die Herren wurde gar fein aufgekocht. Am Abend gab es
dann regelmäßig ein kleines Tänzchen, zu dem ein Mühlknecht mit der
Ziehharmonika aufspielte.
Elf Tage blieben sie. Da geschah es am dritten Tage, daß die rote Kuni
in der Früh nicht mehr erschien und in der Stille der folgenden Nacht
einem Knäblein das Leben gab. Nun war niemand in der Schenke; da fragte
ich, ob ich nicht auf etliche Tage dies Amt versehen könne. Die
Herrschaft war recht froh über den Antrag, und ich wurde noch am selben
Tag die Schenkkellnerin. Zugleich hatte ich die Gäste zu bedienen und
auch den Offizieren zu servieren; doch ging mir alles glücklich von der
Hand, und schon nach ein paar Tagen mußte ich das Versprechen geben, in
der Schenke zu bleiben. Ich tat es gerne; denn ich verdiente mir ein
schönes Stück Geld und lernte überdies mit feinen Leuten umzugehen.
Bald hatte ich mir nicht nur die Zufriedenheit der Herrschaft erworben,
ich war auch der Liebling der Offiziere und vieler vornehmer Gäste.
Am Tage vor ihrem Weitermarsch veranstalteten die Hauptleute der
Einquartierten noch einen kleinen Ball, zu dem viele Münchner Offiziere
samt ihren Frauen geladen waren. Vorher war ein reiches Mahl gegeben
worden und ich hatte alle Hände voll zu tun. Danach gab mir ein jeder
der Offiziere, die durch den Herrn schon erfahren hatten, daß ich eine
Bürgerstochter und ein braves Mädel sei, die Hand, viel schöne Worte und
einen blanken Taler, und einer bat mich gar um ein »Busserl«, wofür er
mir versprach, er wolle ewig an dieses Herbstmanöver denken.
Ich hatte nichts weiter dagegen und gab ihm lachend den verlangten Kuß.
Da hielt der junge Herr mich fest und legte mir ein feines Kettlein mit
einem kleinen Medaillon um den Hals.
»Es ziemt sich nicht,« meinte er dann ernst, »einem Mädchen aus gutem
Haus ein Trinkgeld zu reichen; ich wenigstens kann es nicht und hoffe
auch, daß meine lieben und geschätzten Kameraden das Mädel nicht
entlohnen, sondern nur belohnen wollten.«
Ich war ganz bestürzt und dachte schon, jetzt müsse ich all das schöne
Geld wieder hergeben; da rief ein alter, graubärtiger Offizier mit
schnarrender Stimme: »Ah, was! Unsinn, Kamerad! Der Taler ist nicht
Trinkgeld, sondern Andenken an uns fesche Kerle!« worauf alles in
Gelächter ausbrach und die Angelegenheit erledigt war.
Später, beim Tanz, bat der junge Herr meine Herrschaft, mir Urlaub zu
geben, bestellte etwa zwanzig Flaschen Sekt und ließ sie gleich kalt
stellen. Sodann befahl er den Offiziersburschen, zu bedienen.
Die andern Mannschaften hatten sich draußen in der Tenne bei einem Faß
Bier versammelt und Wachtmeister und Unteroffiziere saßen im Nebenzimmer
fidel beisammen.
Ich mußte ein gutes Kleid anziehen und war nun sehr begehrt, wobei ich
fand, daß der Leutnant mit dem Kettlein es im Tanzen selbst den höchsten
Offizieren zuvor tat. Er meinte es, wie mir schien, recht ehrlich mit
mir; denn er wollte nicht einmal das »Busserl«, das er mir am Abend
abverlangt hatte, behalten und gab es mir mit dankbarem Blick vierfach
zurück, ehe er beim Morgengrauen den Tanzsaal verließ.
Am andern Tag sah ich die Truppen wohl fortreiten, doch konnte ich aus
der großen Ferne keinen mehr erkennen.
Dafür kamen am Nachmittag abermals etwa zehn Reiter, zwar keine
Offiziere, doch auch ganz muntere Gesellen, die in einer Reitschule das
lernten, was sie später entweder zum Beruf brauchten oder womit sie
andern einmal imponieren wollten.
Sie kamen nun täglich und waren alle recht höflich und liebenswürdig zu
mir, gaben mir viel Trinkgelder und brachten mir allerlei hübsche Dinge
mit: bald ein Körblein Blumen, bald ein Schächtelchen mit Zuckerwerk.
Einer von ihnen aber, der Sohn des Reitschulbesitzers, hätte mir gerne
einen hübschen Filigranschmuck geschenkt; doch ich wies das Angebinde
schnöde zurück, weil der Geber sich dafür nichts weniger denn mein
Jungfernkrönlein ausgebeten hatte.
Überhaupt traten jetzt die Versucher gar häufig und, wie sie meinten, in
den lockendsten Gestalten an mich heran.
Da war ein alter Jude, ein steinreicher Geldhändler, der mir für eine
kleine Liebenswürdigkeit sofort eine große Summe Goldes bot. Ferner ein
Pferdehändler, ebenfalls ein Jude, der mir einst seine Equipage mit der
Weisung schickte, ich solle mich in den ersten Modehäusern kleiden wie
ich wünsche, koste es, was es wolle; doch möchte ich nachher in
demselben Wagen heim in seine Wohnung fahren und bei ihm eine Tasse Tee
trinken.
Doch nicht nur die reichen Herren, auch etliche Burschen aus der Mühle
hätten mich gern zu ihrem Schätzlein gehabt, und ich wußte bald nicht
mehr, was ich tun sollte, um mir die unsinnigen Freier vom Hals zu
schaffen. Und als mich gar einmal mitten in der Nacht draußen vor meinem
Fenster, ich schlief im ersten Stock, ein Geräusch aufweckte, als hätte
jemand eine Leiter angesetzt, und gleich danach ein leises Klopfen an
die Scheiben ertönte und jemand mit unterdrückter Stimme rief: »Lenerl,
mach auf! I muaß dir was sagn,« da sprang ich voll Zorn aus dem Bett und
rief ganz laut hinaus, ohne zu öffnen: »Mei Ruah will i habn! I brauch
koan Burschn zum Fensterln; wer si net zu der Tür 'reitraut, soll ganz
wegbleibn!«
Da erscholl es draußen wieder flehend: »Geh, laß mi halt ei, Dirndl! I
hätt a schöns Ringerl für di!« während zu gleicher Zeit im Garten
drunten der alte Bernhardinerhund wütend zu bellen begann. Nun klopfte
der nächtliche Besucher wieder, diesmal aber ganz heftig, ans Fenster
und bat: »Lenerl, i bitt di um Gottswilln, laß mi halt ei, i bins ja,
der Mühlfranzl! Schau, da Barri laßt mi nimma abi!«
Ich gab nun gar keine Antwort mehr und hielt mich mäuschenstill; denn im
Zimmer neben mir wurde es lebendig und gleich darauf erschien Max, der
etwa zwanzigjährige Sohn meiner Herrschaft, in Unterhosen und barfuß,
ein Kerzenlicht in der Hand, an meiner Tür: »Leni, hörn Sie nix?
Einbrecher müassn da sei!«
Nun verschwand die Gestalt eilig vom Fenster, und gleich danach vernahm
man ein wildes Auffahren des Hundes, einen dumpfen Schrei und das
Umfallen der Leiter. Darauf war es wieder still.
Nun wagte ich, das Fenster zu öffnen, und sah hinunter. Da saß unser
Barri auf einer dunklen, am Boden hingestreckten Gestalt, und über den
beiden lag die lange Leiter.
»Unser liabi Zeit! Der hat si gwiß dafalln!« rief ich voll Schreck und
bereute schon meine Härte; da schrie der Max zum Fenster hinunter,
während ich ganz gebrochen auf einen Stuhl fiel: »Barri, marsch in dei
Hüttn!« worauf der Hund den Schwanz einzog und unter der Leiter
wegschlich.
»Wer nur dös sei muaß!« meinte etwas angstvoll der junge Mann.
Da sagte ich leise, indem ich wieder zum Fenster trat und hinabsah: »Der
Mühlfranzl war's. Fensterln hätt er wolln! Und jatz is er tot zwegn mein
Trutz!«
In diesem Augenblick rührte sich der vermeintliche Tote, kroch unter der
Leiter hervor und hinkte mühsam und halblaut fluchend von dannen.
Nun verließ auch der Max das Zimmer und ich legte mich wieder hin; doch
ich konnte nicht mehr einschlafen und nahm mir vor, das Haus zu
verlassen. Ich sagte das am Morgen auch der Frau; doch die lachte mich
aus und meinte: »Ja, warum net gar! Davonlaufn möcht s' jatz, anstatt
daß s' an Stolz hätt, wenn si d'Burschn so um sie reißn! Recht zum Narrn
haltn tuast's!«
Nach reiflicher Überlegung entschied ich mich auch wirklich für diesen
vernünftigen Ausweg. Ich ließ mir eifrig den Hof machen und hatte die
größte Freude, wenn sich manches Mal der eine oder andere von einem
Rivalen zurückgedrängt glaubte und ihm mit der Faust zu beweisen suchte,
daß er der Bevorzugte sei.
Der Umstand, daß ich mich in diesem ständigen Kreuzfeuer so tapfer
bewährte, ließ mich nicht nur in den Augen meiner Herrschaft groß
dastehen, sondern auch in der Gunst unserer Stammgäste, zu denen auch
der Benefiziat des Dorfes zählte, höher und höher steigen, und es
geschah des öfteren, daß der hochwürdige Herr mich beiseite nahm und mir
versicherte, ich sei das tapferste Mädel, das ihm vorgekommen; und als
ich ihm einmal sein Bier auf den Tisch stellte, rief er: »Na, wie
geht's, Sie steinerne Jungfrau? Hat sich gestern keiner von Ihren
Verehrern erschossen?« worauf ich lachend erwiderte: »Naa, Herr
Hochwürden, aber datränkt hat si scho hi und da oana z'wegn meiner!«
»Was!« schrie er da voll Schreck und hatte seine liebe Not, den Trunk,
den er eben gemacht und der ihm vor Schreck in die unrechte Kehle
geraten war, wieder heraufzubringen. »Was, ertränkt?!«
»Ja, aber net im Wasser!« beruhigte ich ihn und klopfte ihm tüchtig auf
den Rücken, bis er nach heftigem Husten wieder zur Ruhe kam.
* * * * *
Als ich etwa zwei Monate im Hause war, erschien eines Nachmittags ganz
unverhofft meine Mutter und wollte wissen, wie ich mich führe.
Meine Frau war noch in der Küche, als die Mutter mit den Worten vor sie
trat: »'n Tag! I bin d'Mutter von dera da!« Dabei wies sie mit der Hand
auf mich und fuhr fort: »I möcht anfragn, wie sie si aufführt und was s'
Lohn hat!«
Meine Frau entgegnete kurz: »So, Sie sind d'Mutter! D'Leni is recht
ordentlich und fleißig und i hab nie a Klag. Was 'n Lohn betrifft, so
hat s' halt zwanzg Mark und ihre Trinkgelder. Dös geht mi übrigens nix
o, wie viel dös ausmacht.«
Da fing meine Mutter an, sich bitter über mich zu beklagen, und erzählte
ihr die Geschichte von meinem Selbstmordversuch und auch, daß ich einmal
zehn Mark aus der Schenkkasse gestohlen hätte, die sie nun holen wolle.
Doch meine Frau fiel ihr unwirsch ins Wort: »Was Sie mit Eahnera Tochter
dahoam g'habt habn, geht mi nix an. Bei mir is sie rechtschaffen und
ehrli, und konn i ihr net 's geringste nachredn!«
Da kehrte sich die Mutter heftig um und eilte hinaus, die Tür krachend
hinter sich zuwerfend. Ich aber nahm ein Zehnmarkstück und legte es ihr
im Garten auf den Tisch, wo sie vorher gesessen war und gab es ihr mit
den Worten: »Da san die zehn Mark. Wenn S' no was guat habn, na sagn S'
mir's, daß i's Eahna gib!«
»Oho! Schneibt's leicht dir d'Goldstückl, daß d'so rumschmeißt damit?«
rief sie nun halb erstaunt, halb spöttisch. »I hätt di gern wieder
dahoam g'habt; aber wenn's dir so guat geht da, na wirst z'erscht net
nauf wolln zu uns!«
»O naa! I wär viel liaber dahoam,« erwiderte ich und das Weinen stand
mir nahe. »Sagn 's ja alle Leut, daß 's a Schand is, wenn a so a reiche
Bürgersfamilie ihr Tochter zum Deana laßt! I woaß's bloß net, ob mi mei
Frau fortließ.«
»Sonst nix mehr!« erscholl da neben uns die erzürnte Stimme meiner Frau,
die ganz unbemerkt aus der Schenke in den Garten getreten war: »Lenerl,
Sie bleibn mir da! Jatz hätt ma amal oane, die was taugn tät, jatz
laufat s' mir nix, dir nix davo! No amal sag i's, Sie bleibn da!«
Da sah die Mutter wohl, daß ich hier anerkannt und gut gehalten war und
sagte, indem sie sich zum Gehen schickte: »Wannst hoam willst, kannst
jederzeit kommen; hoffentli bist dahoam aa, wie si's g'hört!«
Ich sagte es ihr zu und begleitete sie noch bis an die kleine Brücke,
die über den Kanal führt. Da faßte sie ganz plötzlich meine Hand, besah
meine vernarbten Schnittwunden am Arm und sagte halblaut: »So dumm
z'sei! Wia leicht kunntst tot sei und i hätt d'Verantwortung!«
Ich entzog ihr rasch die Hand und rief, mit Gewalt die Tränen
zurückhaltend: »Adje, Mutter, i muaß in d'Schenk; grüaßn S' mir'n Vater!
Vielleicht komm i bald!«
Seit diesem Vorfall gefiel es mir gar nicht mehr recht im Dienst, und
obwohl ich mir in der kurzen Zeit schon ein neues Kleid, manch schönes
Stück Wäsche und noch über hundert Mark bares Geld verdient hatte, sagte
ich doch am ersten des folgenden Monats zu meiner Herrschaft: »I möcht
wieder hoam. Mi leid's nimmer da, wenn i woaß, daß mi d'Muatter braucht;
und auf Weihnachten wär i halt do liaba bei meine Leut dahoam als wia r
in der Fremd!«
Ganz traurig meinte die Frau: »Gehn S' jetzt wirkli! I konn's ja gern
glaubn, daß si's Herz wieder zu der Mutter z'ruck verlangt, aber wenn ma
solche Aussichten hat, wie Sie, da wär's wohl besser, ma höret mehr
auf'n Verstand als aufs Herz.«
Doch als ich meine Bitte wiederholte, ließ sie mich gehen: »In Gott's
Nam, muaß i mir halt wieder um jemand schaun!«
* * * * *
Also verließ ich Mitte Dezember meinen Dienst, begleitet von den
Segenswünschen der ganzen Familie, die mich vor meinem Scheiden noch
reichlich beschenkt hatte. Ich konnte mich der Tränen nicht erwehren,
als ich einem nach dem andern die Hand gab, und es waren nicht die
angenehmsten Empfindungen, mit denen ich mich auf den Heimweg machte.
Als ich etwa eine halbe Stunde Wegs zurückgelegt hatte, kam ein Fiaker
hinter mir her. Ich rief ihn an, ob er mich fahren wolle, und als er
dies bejahte, stieg ich ein und fuhr nach Hause.
Daheim rannte alles ans Fenster, als ich so nobel angefahren kam, und
der Vater meinte, als ich ihn begrüßte: »Du kommst ja daher wie a
Prinzessin; ma kennt di kaam mehr!«
Als ich aber mein Erspartes und die geschafften Sachen alle sehen ließ,
verstummte er völlig und auch die Mutter war starr vor Staunen. Ich
sagte, indem ich das Geld wieder verwahrte: »Dös Geld trag i auf
d'Sparkass' und mei Wasch heb i mir auf, bis i heirat. Wer woaß, ob i
mir net no was dazu verdean!«
Die Mutter verstand wohl, wie ich das meinte; denn sie sagte sofort:
»Oho! Möchst net scho wieder davolaufa, kaum'st komma bist! Zum Aushaltn
werd's scho sei dahoam; i leg dir nix mehr in Weg!«
Auch der Vater versprach mir, daß man mich gut halten wolle, und ich
dankte ihm von Herzen. Vergessen war jetzt für mich alles, was einmal
geschehen, und ich freute mich wieder des Elternhauses und ging munter
an die Arbeit. Ich war jetzt auch wohl gelitten im Hause und niemand gab
mir ein unrechtes Wort; ich wirtschaftete wieder wie vorher und gab
selber auch keinen Anlaß zum Tadel.
So verging der Winter, und mit dem Eintritt des Frühjahrs standen in der
Nachbarschaft zwei Neubauten unter Dach, was für die Bauleute die
Veranlassung zu einer großen Feier war, die, ein altes Herkommen, als
Hebebaum- oder Hebeweinfeier bekannt ist und wobei oben am First des
Neubaues ein mit bunten Bändern gezierter Tannenbaum aufgepflanzt wird.
Alle am Bau Beschäftigten begeben sich auf den Dachstuhl und einer unter
ihnen hält nun eine feierliche Ansprache, in der er dem Bauherrn, dem
Eigentümer und dem Palier für den Verdienst dankt und sie alle einzeln
mit einem dreifachen Hoch ehrt. Inzwischen hat der Wirt ein Faß Bier und
Krüge hinaufschaffen lassen, und nun nimmt ein jeder seinen gefüllten
Krug und stimmt laut in das Hoch des Redners ein; denn der Brauch will,
daß man die Bauherren durch den Trunk ehre.
In der Wirtschaft wird mittlerweile groß aufgekocht; denn der Eigentümer
hat zwei Schweine und ein Kalb für die Bauleute gestiftet, während in
der Schenke fünf Hektoliter Bier, ein Geschenk des Bauherrn, bereit
stehen. Dazu gibt der Wirt noch etliche hundert fette Maurerloabi, ein
grobes, sehr würziges Brot, sowie für jeden der Bauleute zehn Zigarren.
Bald füllt sich das Lokal und nicht lange währt es, so geht es an ein
Essen und Trinken, an ein Singen und Scherzen, daß man sich in eine
Bierbude des Oktoberfestes versetzt glaubt.
So war's auch diesmal wieder. Ein jeder wollte das meiste tun im
Trinken, Essen und im Lärmen; denn ein jeder trug das stolze Bewußtsein
in sich und mancher trug es auch offen zur Schau: Auch ich hab mein
redlich Teil dabei getan!
Später freilich, als ihnen das Bier schon ziemlich zu Kopf gestiegen
war, schwand dies Selbstbewußtsein erheblich, und nun waren es die
Mörtelweiber und Bierträgerinnen, die das große Wort führten. Eine jede
hatte, obwohl selber längst verheiratet, einen Auserwählten unter den
Bauleuten, unbekümmert, ob der Erkorene Weib und Kind daheim hatte, oder
nicht.
Heute nun hatte ein jeder Eheherr auch seine Frau mitgebracht und teilte
mit fröhlichem Sinn das, was die Arbeitgeber gespendet. Auch die Gattin
des obersten Paliers, Simon Scheibenzuber, war anwesend. Da erhob sich
ein, obschon nicht mehr junges, doch noch ziemlich mannliches
Mörtelweib, stieg allen Bemühungen ihrer Genossinnen zum Trotz auf den
Tisch und schrie: »Ich bin die Keenigin von Jerusalem und der
Scheibnzuber Simmerl is mei Mo!«
Da sprang die tiefgekränkte Gattin des Paliers vom Stuhl auf, gab ihrem
ganz verblüfften Manne eine schallende Ohrfeige und stürzte sich nun wie
eine Furie auf die Verwegene. Die aber war so voll des süßen Getränks,
daß sie nur noch gurgelnd herausbrachte: »Was tatst denn wollen, du
gscherte Mollen!« dann aber auf ihren Sitz zurücksank.
Dies hatte aber die Wut der Paliersgattin aufs höchste gesteigert: »Was,
i a gscherte Molln!« schrie sie mit überschnappender Stimme: »Dös konnst
ma büaßn, du Gwaff, du zahnluckerts!« Und im Nu hatte sie die betrunkene
Rivalin bei den Haaren gefaßt und schlug mit der andern Hand wütend auf
sie ein, bis sie von der Übermacht der Maurerweiber zurückgedrängt
wurde. Die also gedemütigte Königin aber wankte aus der Stube in den
Hof, wo sie unter Zuhilfenahme einer großen Schale schwarzen Kaffees
sich all ihres Zornes und wohl auch ihrer Liebe entledigte; denn sie
erschien danach wieder munter im Lokal und rief: »So, jatz san ma
g'sund! Jatz trink ma aufn Bauherrn a Maßl!«
Mein Vater war bei dem Vorgang wieder ganz bleich geworden und fürchtete
eine Rauferei; doch zur Ehre dieser einfachen Leute sei's gesagt, daß es
zu nichts kam. Sie blieben sitzen bis zum Morgengrauen und gaben noch
allerhand lustige Stücklein zum besten.
Fröhlich ging ein jeder heim oder ließ sich von der getreuen Hausfrau
führen; alle hatten den Verspruch des Bauherrn, daß sie in etlichen
Tagen wieder Arbeit bekämen. Doch dieser Neubau war in einer andern
Stadtgegend, so daß unser Lokal etwas stiller ward wie bisher, obgleich
noch die am dritten Bau Beschäftigten, sowie alle übrigen Arbeiter und
Gäste dasselbe täglich füllten.
Inzwischen war ich eine ganz stattliche Dirn geworden und betrachtete
gar manches Mal mein Spiegelbild mit Befriedigung und geheimem
Wohlgefallen. Meine Mutter hatte mir für den Sommer eigene
Wirtschaftskleider aus feinem, blauen Mousseline anfertigen lassen, und
da ich selbst viel auf einen guten Anzug hielt, hatte ich bei der
Schneiderin Matrosenform mit weißen Batistkrägen und kurzen Ärmeln
bestellt. Dazu trug ich weiße Spitzenschürzen, darüber eine weite
Leinenschürze zur Küchenarbeit und um den Hals eine Kette aus Korallen.
Mein reiches, blondes Haar hatte ich zierlich geflochten und als Krone
aufgesteckt; in die Stirn hingen ein paar natürlich aussehende, wirre
Löckchen, die ich jedoch jeden Abend mittels einer Haarnadel kunstvoll
wickelte. Außerdem trug ich nur Lackschuhe; denn mein Stiefvater
besorgte mir deren alle Vierteljahr ein Paar bei einem alten
Schuhmacher, dem Revolutionsschuster, so genannt, weil er als
übereifriger Anhänger des Anarchismus alle Tage aufs neue für die
allernächste Zeit den Ausbruch der grimmigen Revolution und eines
Bürgerkrieges prophezeite, so daß ich glaube, der Vater kaufte die
vielen Schuhe nur, um zu verhindern, daß die Revolution in seinem Lokale
ausbräche.
Doch hätte mein Vater dies nicht so zu befürchten gehabt wie den
Ausbruch eines Freierkrieges; denn meine muntere, geschäftige Natur in
Verbindung mit der lockenden Aussicht auf eine ansehnliche Mitgift hatte
nicht nur die Herzen etlicher junger Bürgerssöhne betört, sondern auch
bei ein paar betagteren Leuten einiges Unheil angerichtet.
Da war erstlich ein etwa fünfundzwanzigjähriger, bildsauberer Drechsler
aus Traunstein, der Ehrenthaler Franzl; der hätte sich gern eine recht
liebe, häusliche Meisterin in mir geholt, da er einmal seines Vaters
Geschäft übernehmen sollte. Er gefiel mir, und ich hätte ihm wohl gut
sein können; doch war er noch nichts, hatte auch nichts und war nicht
recht gesund, weshalb ich ihm eine Bürgerstochter aus der Nachbarschaft
empfahl. Dann war ein alter Briefträger, der Barmbichler Xaver, dem das
Stiegensteigen nicht mehr recht gefiel und den auch das Zipperlein schon
in allen Gliedern zwickte; der wollte sich jetzt pensionieren lassen und
dann mit mir und meinem Heiratsgut ein beschauliches Leben führen, auf
das ich aber verzichtete und mir einen andern Bewerber, den etwa
vierundzwanzigjährigen Bräumeisterssohn Aloys Kapfer etwas genauer
ansah. Da fand ich, daß er trank, viel trank, auch hoch spielte und
keine Nacht vor zwei Uhr nach Hause ging; und obschon mir sein
zierliches Ponyfuhrwerk, mit dem er oft bei uns vorfuhr, sowie die
dreihundert braunen Scheine, die er mir als Brautgabe zugedacht hatte,
sehr wohl gefielen, dachte ich doch, daß schon gar mancher sein Hab und
Gut vertrunken und verspielt hätte und gab ihm einen Korb und meinte, es
sei besser, mich um einen einfachen Handwerksmeister umzuschauen. Der
war auch da in Gestalt eines dreißigjährigen Schlossermeisters aus
meinem Heimatdorf; es war der Schwaiger Lenz, ein Vetter vom
Schlosserflorian. Er hatte vor einem Vierteljahr seine Frau verloren und
wollte mich als sein riegelsames Weib und als liebe Mutter für seine
verwaisten drei Kinder heimholen. Da ich mich jedoch wegen der drei
Kinder lange nicht entschließen konnte und immer wieder um Bedenkzeit
bat, holte er sich endlich eine Fabrikantenstochter, die ihm schon lange
zugeblinzelt hatte. Nun trat dessen Nachbar, der Schneidermeisterssohn
Kaspar Zintl, mehr ins Licht und meinte, er wolle mit mir nach Paris und
London reisen, wenn ich seine Frau würde und wolle mir die ganze weite
Welt zeigen. Ich dachte aber, wir würden nicht weit kommen mit dem
Gelde, das er besaß, und überlegte, ob ich ihm das meine noch dazugeben
solle. Konnte mich aber nicht dazu entschließen und bedachte lieber den
Antrag des Prucker Toni, eines stattlichen Hausbesitzerssohnes aus der
Nachbarschaft, der es trotz seiner jungen Jahre schon bis zum
Eisenbahnexpeditor gebracht hatte. Da er aber ebenso grob als energisch
war und nicht einmal seine Eltern achtete, fürchtete ich, nichts zu
gewinnen, wenn ich das Haus meiner Mutter mit dem seinen vertauschte. Da
gefiel mir der sanfte und allzeit zuvorkommende dreißigjährige
Hausbesitzer Hans Wipplinger, der sich leidenschaftlich um meine Hand
bewarb, schon besser. Böse Nachbarn aber wußten zu berichten, daß er in
großen Geldnöten sei und mit meinem Heiratsgut wohl die dritte Hypothek
seines Anwesens heimzahlen wolle.
Als der bereits sechzigjährige Realitätenbesitzer und Tändler Simon
Lampl hörte, daß ich diesen Antrag ausgeschlagen hatte, erschien er
eines Tages in einem altmodischen, grünschillernden Gehrock und
Zylinderhut, um den Hals eine riesige, ehedem weiße Binde und im
Knopfloch die Ehrenzeichen des Feldzuges von 1870 und hielt feierlich um
meine Hand an, indem er mir seine sämtlichen Besitztümer: vier
vierstöckige Häuser mit Rückgebäuden und gut vermieteten Läden, zwei
Bauplätze bei Planegg, die gutgehende Tändlerei, die seit
siebenunddreißig Jahren bestehe und jährlich ihre zwei bis dreitausend
Mark abwerfe, sowie hundertvierzigtausend Mark bares Geld, dessen Zins
er verzehren dürfe, aufzählte und mir die denkbar beste Behandlung
zusicherte. Doch lehnte ich seine Werbung höflich, aber entschieden ab,
da er mir einerseits doch nicht mehr jung genug schien, anderseits aber
trotz seines Reichtums als ein großer Geizhals verrufen war.
Aufgemuntert durch meine abschlägige Antwort auf den Antrag dieses Alten
wagte noch am selben Abend der blutjunge Hafnermeister Edmund Sack, dem
kurz nacheinander Vater und Mutter gestorben waren, mir in einem
anschaulichen Brief Herz und Hand anzubieten; doch kannte ich ihn viel
zu wenig, um ihm meine Zukunft anzuvertrauen, und dann hatte ich eine
ausgesprochene Abneigung gegen diese Loahmpatzer, die Ofensetzer. Da war
das edle Handwerk der Bäcker doch appetitlicher, und ich hörte ganz
erbaut auf die salbungsvollen Worte des achtundfünfzigjährigen
Feinbäckers und Melbers Kanisius Dumler, mit denen er mich zur Herrin
über sein Haus und seine Guglhopfe und Zuckerbretzln erkiesen wollte. Er
war schon seit zehn Jahren Witwer und bekleidete die ehrenvollen Posten
eines Armenrates, Kirchenbaurates, Distriktsvorstehers und
Rechnungsführers bei einem Kriegerverein. Auch war er einer von den
Auserwählten unseres Pfarrers und durfte bei allen Prozessionen den
Himmel tragen. Sein kleines Haus war schuldenfrei, und das gute
Geschäft, dem jetzt seine Schwester vorstand, sicherte ihm ein
behagliches Leben. Doch besaß er einen schon zwanzigjährigen Sohn, der
eben seine Militärzeit als Freiwilliger abdiente. Dieser Sohn aber, der
Ferdl, ein fescher Bursch und großer Tunichtgut, war nun die Ursache,
daß ich dem Alten meine Hand versagte; denn ich sah den Jungen nicht
ungern. Von seiner Ausgelassenheit und den übermütigen Streichen, die
man ihm nachsagte, konnte ich nichts bemerken; vielmehr war er immer der
bescheidenste unter meinen Freiern geblieben. Stundenlang saß er da und
starrte mich wortlos und wie in Verzückung an, trank dabei seine zwölf
bis fünfzehn Glas Bier und schien außer mir nichts mehr zu hören und zu
sehen. Ja, er übersah und überhörte regelmäßig die Stunde, da er in der
Kaserne hätte eintreffen sollen; und so kam es, daß er eine Arreststrafe
um die andere meinethalben abzubüßen hatte. Schließlich bekam er eine
ganze Woche Mittelarrest zudiktiert, und während er in der Kaserne
brummte, fuhr eines Abends, da ich eben in der Schenke beschäftigt war,
vor unserm Hause ein Wagen vor, dem ein sehr sorgfältig gekleideter
junger Mann, mit einem großen Strauß Veilchen in der Hand, entstieg. Er
trat in die Wirtsküche, und ehe ich mich noch von meinem Erstaunen
erholt hatte, hörte ich schon die Mutter in die Gaststube rufen: »Josef,
geh, komm a bißl raus!« worauf die drei eifrig miteinander verhandelten.
Nach einer Weile kam der Vater zu mir in die Schenke und sagte unter
öfterem Räuspern: »Was i sagn will, Leni, der Hasler Benno is draußn und
hat g'sagt, daß er di heiratn möcht; du sollst dein Ausspruch toa, wiast
g'sonna bist. Jatz, vo mir aus ko'st es macha wiast magst; i red dir nix
ei und rat dir net ab!«
Ich zählte noch die eben begonnene Rolle Geldes fertig, rechnete mit der
Kellnerin ab und schenkte noch etliche Glas Bier ein, mich sorglich
zusammennehmend, daß die Hand nicht zittere oder sonst eine Bewegung
über mich Herr würde. Dann ging ich, ohne dem Vater zu antworten, in die
Küche, wo der stattliche Bewerber sich sehr lebhaft mit der Mutter
unterhielt. Als er mich sah, sprang er von seinem Sitz, einem rohen,
blankgescheuerten Holzstuhl, auf, reichte mir die Hand und begann:
»Liabs Fräuln Leni, ich hab Sie lang beobacht und hab g'funden, daß bloß
Sie mi glücklich machen können. Wenn's Ihnen also recht ist, heiraten
wir; Ihre Eltern haben mich nicht abgewiesen.«
Da ich nichts darauf erwiderte, fuhr er fort, indem er mir den Strauß
gab: »Ich mein's ehrlich mit Ihnen, Fräuln Leni; ich hab's nicht nötig,
nach Geld zu schauen, ich heirat aus Liebe. Nehmen S' halt meine Lieb
auch freundlich an, wie die Blümerl und sagen S' ja!«
Bei diesen letzten Worten hatte er mich wieder an der Hand gefaßt und
sah mich bittend an; dennoch antwortete ich zögernd und leise nur: »I
will ma's überlegn; dös ko ma net so auf'n Augenblick sagn, ob ma oan
gern habn ko oder net!«
»Ja, bedenken Sie's noch, liebs Lenerl; Sie brauchn's nicht zu bereuen!
Ich bin der einzige Sohn, erb einmal das Haus mitsamt dem ganzen
Holzg'schäft und vorläufig hab ich mein gutes Einkommen als Prokurist
des alten, feinen Hauses Protus Stuhlberger. Wenn Sie sich b'sonnen
haben und einschlagen wollen in mei Hand, so können wir bald Hochzeit
machen!«
Meine Mutter hatte schon während der Rede des Freiers wiederholt das
Taschentuch an die Augen gedrückt und sich umständlich geschneuzt; jetzt
aber zog sie mich laut aufschluchzend an ihre Brust und rief aus: »So a
Glück, ha, so a Glück! I gunn dir's von Herzn Deandl; bist ja so a
richtigs und ordentlichs Madl und konnst'n glückli macha, den liabn
Herrn Hasler!«
Dann schob sie mich von sich und drückte mich ganz fest an die Schulter
des freudig Überraschten, der sofort die Arme ausbreitete und mich
zärtlich umfing. Dann bedankte er sich noch mit wohlgesetzten Worten bei
der Mutter und trat danach in die Gaststube, die Verlobung bei einer
Flasche Wein zu feiern.
Unterdessen hatten sich mehrere Leute an der Küchentür angesammelt, die
sich nach vorhandenen Abendspeisen erkundigen wollten, in der Erregung
des bedeutungsvollen Augenblicks aber ganz übersehen worden waren. Diese
Menschen waren die ersten, die mein bevorstehendes Glück inne wurden.
»Was ma no z'essen ham, Frau Kugler? -- naa, so a Glück hat dös Madl! --
ja so, a Schnitzl, a Kottlett, a bachens Hirn, -- und nach Liab kon er
heiratn; Geld hat er selber gnua! -- a guats Kalbszüngerl hab i aa no,
Frau Kugler!« so ging der Redestrom über die Lippen meiner hocherfreuten
Mutter.
Ich aber tat meine Arbeit wie zuvor und dachte bloß, ob ich wohl ein
seidenes Brautkleid kriegen würde.
Als dann in der Küche nichts mehr zu tun war, durfte ich mich auch an
den Tisch zu meinem Hochzeiter setzen, und nun sprachen wir ausführlich
über die Bekanntgabe der Verlobung, über meine Aussteuer und über die
Zeit, wann wir heiraten wollten. Ich sagte zu allem ja, und auch meinem
Vater gefielen die Vorschläge seines zukünftigen Schwiegersohnes ganz
wohl. Nur als dieser wissen wollte, wie hoch die Brautgabe für mich
ausfallen würde, da räusperte er sich wieder verlegen und meinte dann:
»Da muaß d'Muatter aa dabei sei, wenn ma d'Geldangelegenheit bereden,«
und er ging hinaus in die Küche. Doch die Mutter war schon zu Bett
gegangen und hatte nur durch die Küchenmagd sagen lassen, sie hätte
Kopfweh. Also blieb die Geldfrage noch unbeantwortet.
Wir saßen noch bis ein Uhr beisammen, und als mich jetzt der Benno ganz
leise an der Hand faßte und mich mit seinen von Wein und Liebe
glänzenden Augen selig anblickte und nochmals fragte: »Kannst mi a ganz
kloans Bröckerl gern haben, Lenerl?« kam er mir auf einmal recht schön
und liebenswert vor und alle meine Bedenken schwanden, und ich sagte
lachend, nachdem ich rasch ein Glas Wein hinuntergestürzt hatte: »Ja,
ja! I wer dei Frau und mag di!« und besiegelte das Versprechen später
noch unter der Haustür, da ich ihn hinausgeleitete, mit einem laut
schallenden Kuß, worüber der Benno so beglückt war, daß er beim
Fortgehen noch ganz verklärt hinter sich sah und auf den Randstein nicht
achtete, so daß er auf ein Haar zu Fall gekommen wäre. Ich aber schlug
rasch die Türe zu und mußte beim Zusperren laut auflachen über dies
Mißgeschick.
Doch dachte ich in der Nacht nicht weiter mehr über das Erlebte nach,
sondern schlief ganz ruhig; und als am andern Tag durch einige
Ratschkathln die Sache in allen Milch- und Kramerläden herumgetragen
worden war und nun eine nach der andern kam, mir zu gratulieren, da
erschien mir diese Wichtigkeit so lächerlich, daß ich am End ganz wild
wurde und keiner mehr eine Antwort gab.
Am Vormittag nun kam der Dumler Ferdl. Er hatte für seinen Hauptmann
etwas besorgen müssen und wollte mir nun rasch einen Gruß bringen; denn
ihm waren die acht Tage Arrest gar lang geworden.
Mit langen Schritten trat er in die Gaststube, und da er mich nicht sah,
stürmte er in die Küche und rief: »Guat Morgn, Zirngibimuatterl! Wo is's
Lenerl?«
Ich stand wie angenagelt in dem kleinen, dunklen Speiskammerl und gab
keinen Laut von mir, so erschrak ich. Die Mutter aber begann mit großem
Pathos und feierlicher Miene, den Münchner Dialekt mühsam zu einem
zierlichen Schriftdeutsch drechselnd: »Ja, was, der Herr Ferdl! Mei Leni
möchtn S'? ... Is s' net da, mei Leni? ... Setzn S' Eahna doch a
wengerl, Herr Ferdl! I muaß Eahna nämlich leider die freudige Mitteilung
machen, Herr Ferdl, daß sich mei Leni gestern mit'n Herrn Hasler Benno
verlobt hat!« Und in überschwenglichem Ton fuhr sie fort: »Ja, ja, a
bravs, rechtschaffens Bürgersmadl sucht a jeder! Aber es is ihr zum
gunna! Geltn's, Herr Ferdl, Sie gunna's ihr aa!«
Aber der Herr Ferdl hörte schon längst nicht mehr. Er war bei der
Mitteilung, daß ich mich verlobt habe, aufgesprungen, hatte im
Gastzimmer hastig sein Glas Bier auf einen Zug geleert, der Kellnerin
ein Zwanzgerl hingeworfen und war auf und davon gegangen.
Ganz baff sah ihm die Mutter nach und begriff lange nicht, warum er so
rasch fortgelaufen war. Nun trat ich aus der Speis; da rief mir die
Mutter zu: »Da bist ja! Warum gehst denn net zuawa? Jatz is er davo,
weilst net komma bist!«
»Naa, naa, Muatta! Deswegn is er net fort,« rief ich nun eilig; »dem
hockt er halt, weil er mi net kriagt hat; er hätt mi ja gern g'heirat!«
»Der Rotzlöffi! Is kaam trucka hinter die Ohrn!« antwortete die Mutter
und ging in die Gaststube, kam aber sogleich wieder zurück und hielt
einen Brief in der Hand: »Da schau her; der Hasler ladt uns ei für heut
auf d'Nacht in Löwenbräukeller. Der Peuppus halt sein Abschied. Vo mir
aus konnst scho hingeh; i geh net mit.«
Damit gab sie mir den Brief, den ich hocherfreut durchlas und dann die
Mutter lange bat, sie solle doch mitgehn. Endlich sagte sie zu.
Nun mußte ich der Küchenmagd noch alles zeigen und ihr für den Abend die
nötigen Weisungen geben. Ich tat dies am Nachmittag und versicherte mich
ihrer Gewissenhaftigkeit durch ein gutes, heimliches Trinkgeld.
Also machten wir uns gegen Abend für das Konzert und den Hochzeiter
zurecht. Die Mutter ließ es sich nicht nehmen, ihr Schwarzseidenes aus
dem unergründlichen Eichenschrank zu holen und goß eine Menge Patschouli
hinein, um den aufdringlichen Kampfergeruch ein wenig zu übertäuben.
Dazu legte sie schwere goldene Armspangen und eine Menge Ringe an, tat
eine massive Goldkette um den Hals und steckte die feine Uhr mit der
altmodischen Kette zwischen die funkelnden Glasknöpflein der nach Art
der Schneiderkleider ganz glatt gearbeiteten Taille. Danach setzte sie
ein kleines, mit einem reichen Stutzreiher versehenes Kapothütchen auf,
nahm den kostbaren Spitzenschal aus der Kommode und legte ihn um die
Schulter.
Also geschmückt trat sie nochmals vor den alten, vergoldeten Spiegel des
Schlafzimmers und besah sich. Da erblickte sie durch denselben mich in
meinem einfachen, blauen Tuchkleid und rief: »A so willst vor dein
Hochzeiter hinsteh? Was fallt dir denn ei! Daß er moana kannt, mir warn
Bettlleut!«
Und eilig öffnete sie ihre Schmuckschatulle und behing mich mit einer
köstlichen Halskette aus Granaten und Perlen, tat mir statt meiner
kleinen Korallen schwere Perlgehänge in die Ohren und legte mir ein
breites, protziges Armband an. Dann nahm sie einen alten Siegelring aus
einem vergilbten Plüschkästlein, steckte ihn an und gab mir dafür ein
mit Türkisen und Perlen besetztes Ringlein, das ihr mein seliger Vater
einst geschenkt hatte.
»Den kannst glei b'haltn,« meinte sie, »an dem liegt mir nix.«
Ich sagte ihr vielen Dank für das Geschenk; denn es war das Einzige, was
von dem so furchtbar ums Leben Gekommenen noch vorhanden war. Ich hielt
das Ringlein hoch in Ehren und habe es nachmals, als das Schicksal mir
in meiner Ehe mein ganzes Hab und Gut nahm, unserer lieben Frau im
Herzogspital auf den Altar gelegt; denn ich hätte es nicht über mich
gebracht, es gleich den andern Kostbarkeiten dahingehen zu lassen.
In diesem reichen Aufputz begaben wir uns alsdann nach der Küche, wo der
sehr gewählt gekleidete Freier schon mit einem prächtigen Strauß roter
Rosen uns erwartete.
Als wir eintraten, sprang er von seinem Sitz auf und küßte der Mutter
erst galant die Hand; dann gab er ihr die Blumen mit einer tiefen
Verbeugung: »Nehmen S' die Rosen als Dank, daß Sie mir heut die Ehr
geben, mitzukommen, werte Frau Mutter!« Hierauf begrüßte er mich mit
einem flüchtigen Kuß ans Ohr, worüber ich mich höchlich verwunderte, da
ich dergleichen weder in Geschichten gelesen, noch je selbst erlebt
hatte. Dann zog er ein weißseidenes Schächtelchen aus der Westentasche
und übergab es mir mit den Worten: »Heut feiern wir Verlobung, und da
g'hört sich's, daß ich der Braut was schenk.«
Erwartungsvoll öffnete ich das zierliche Kästlein; da blitzte mir ein
herrlicher Brillantring entgegen. Da ich dergleichen auch noch nicht
erlebt hatte, besann ich mich, was ich nun tun oder sagen sollte. Zum
Glück fiel mir die Stelle eines Romans ein, an der so etwas vorkam, und
ich machte es wie die Heldin des Buches: ich errötete, sah verwirrt zu
Boden und flüsterte verliebt: »Ah, wie herzig!« doch in meine
gewöhnliche, natürliche Art verfallend fuhr ich fort: »Woaßt, Benno, so
viel Geld hättst aber net ausgebn solln. Da werd si d'Muatta schö
o'strenga müassn, daß s' dir dös wieder ersetzt!«
Aber da kam ich schön an bei der Mutter.
»Dös war no dös besser!« rief sie mit funkelnden Augen. »Moanst, i hab
net scho lang g'sorgt, daß d'dein Breitigam a anständigs G'schenk gebn
konnst! Hier, Herr Hasler, is Eahna Verlobungsring; i hoff, daß i net
schlecht ei'kaaft hab beim Thomaß!«
Und damit zog sie aus der Rocktasche ein rotes Plüschetui und entnahm
demselben einen recht ansehnlichen Solitär; den gab sie mir, indem sie
mit vor Rührung bebender Stimme sagte: »Da, Leni, steck'n dein Herrn
Breitigam o; hoffentli paßt er eahm!«
Obgleich mir diese ganze Szene wie eine Komödie vorkam, tat ich doch der
Mutter ihren Willen und steckte meinem Verlobten den protzenhaften Ring
an den kleinen Finger, an den er gerade paßte. Dann tat ich auch meinen
Brautring aus dem Schächtelchen und schmückte damit meine rechte Hand.
Nachdem wir noch rasch einige Worte mit dem Vater gewechselt hatten,
gingen wir. Doch an der nächsten Hausecke stand schon ein Wagen bereit,
und der Benno hieß uns einsteigen, worauf wir nach den festlich
geschmückten Räumen des Löwenbräukellers fuhren.
Während des von einer schier zahllosen Menge besuchten Konzerts kam ich
nur wenig dazu, mich mit meinem Verlobten zu unterhalten; denn meine
Mutter schwatzte ihm so viel vor von meinen allseitigen Vorzügen und
guten Eigenschaften, daß er vor Freude über meine Tugenden ganz auf mich
selber vergaß. Ich saß einsam auf meinem Platz an der Wand und
betrachtete abwechselnd mein Brautringlein und das meines Vaters, oder
ich ließ die Augen über die lärmende Menge gleiten und besah mir die
vielen verliebten Mägdlein und ihre Herren, meist Unteroffiziere und
Soldaten in den verschiedensten Uniformen, bis mich endlich die Mutter
mit den Worten: »So, Leni, jetzt gehn ma!« aus meinen Träumen
aufschreckte.
Wieder nahm der Benno eine Droschke, und in rasselnder Fahrt ging's nach
Hause.
Daheim mußten wir uns noch zu ihm an den Tisch setzen, und bald klangen
die Champagnergläser und ertönte das glockenhelle Lachen der Mutter. Der
Vater war an diesem Abend auch sehr aufgeräumt und gab alle möglichen
Schnurren zum besten, wobei der vor Glück strahlende Hochzeiter ihn
eifrig unterstützte und an lustigen Einfällen fast übertraf.
Ehe wir uns trennten, wurde noch ausgemacht, daß ich am andern Tag den
Eltern meines Bräutigams vorgestellt werden sollte, und die Mutter bat
ihn, er möge daheim sagen, daß sie sich schon sehr auf einen Besuch der
geschätzten Familie freue.
* * * * *
Mit nicht geringer Angst sah ich dieser Vorstellung entgegen und hatte
eine schlaflose Nacht. Doch verlief das Ganze, wenn auch ziemlich
zeremoniell, so doch recht gut, und es kam mir vor, als wollte eins das
andere überbieten an Zuvorkommenheit und herzlicher Freundschaft.
Der Vater meines Hochzeiters, ein noch sehr rüstiger, hochgewachsener
Mann von etwa sechzig Jahren, führte mich erst in die altmodische
Wohnstube, die mich mit ihren sauberen Kattunbezügen über den
behaglichen Polstermöbeln und den vergilbten Stichen an den mit einer
großblumigen, verschossenen Tapete bekleideten Wänden und den freundlich
blühenden Geranien am Fenster sogleich anheimelte. Die Mutter aber
meinte, für einen so liebwerten Gast müsse man schon die gute Stube
aufsperren und lief dann eilig in die Küche, um nach dem Kaffee zu
schauen.
Sie war ein kleines, zusammengeschrumpftes Weiblein mit
glattgescheiteltem Haar über der runzligen Stirn. Aus dem gelblichen,
furchigen Gesichtlein blickten ein paar wasserhelle Augen forschend
umher, und die rauhen, schwieligen Hände erzählten von rastloser Arbeit,
deren Segen man überall in Haus und Geschäft wahrnehmen konnte.
Während die Frau Hasler geräuschvoll in der Küche herumhantierte, sorgte
der Hausvater für die Unterhaltung, und ich ward nun inne, daß den
eigentlichen Grundstein zu dem Reichtum und gediegenen Ruf der Familie
die kleine Frau durch ihre Herkunft sowohl, als auch durch das
ansehnliche Kapital, das sie dem Mann in die Ehe gebracht, gelegt hatte.
Sie entstammte einer schon seit länger denn einem Jahrhundert allerorts
als ehrsam und lauter bekannten Alt-Münchner Kaufmannsfamilie und hatte
als vierundzwanzigjährige Jungfrau dem als Schreiner im Elternhaus
tätigen, eben aus dem Feldzug zurückgekehrten Burschen ihre Hand
gegeben, unbekümmert darum, daß er nur der Sohn einer dürftigen, alten
Hebamme aus einem kleinen Dorf im Schwabenland war und außer einem Paar
nerviger Fäuste und der Tapferkeitsmedaille nichts in die Ehe
einbrachte.
Und sie hatte es nicht zu bereuen gehabt, daß sie dem heftigen
Widerstand ihrer stolzen Eltern zum Trotz den stattlichen,
dunkellockigen Hannes heiratete; denn er war ein heller Kopf und hatte
schon als Kind seine zehn Geschwister sowohl an Klugheit, wie auch an
Geschicklichkeit übertroffen. Sein Vater war schon in jungen Jahren zum
Bürgermeister seines Orts gewählt worden, da er eine sehr rechtliche,
gerade Natur und von männiglich geschätzt war. Doch hatte der sonst so
fürtreffliche Mann einen einzigen Fehler: er trank. Das wurde ihm und
der ganzen Familie zum Verhängnis; denn der Unglückliche ward von seiner
unseligen Leidenschaft bald so weit gebracht, daß ihm kein Branntwein
mehr genügte und er nicht nur alle Balsam- und Painexpellergläser
leerte, sondern am Ende noch zum Petroleumkruge griff und
Hofmannstropfen flaschenweise trank. Es dauerte nicht lange, so verlor
er Amt und Würden und endete zuletzt als kaum vierzigjähriger Mann
elendiglich in einem Schweinestall, darin er schon seit Monden hausen
mußte, da er in seinem Rausche alles zerschlug und zerstörte, was ihm
unter die Hände kam. Damals war der Hannes gerade zwölf Jahre alt
geworden, und es hieß nun hinaus in die Welt und selber schauen, wie das
Brot am besten für den Hunger ging. Also machte er sich mit vieren
seiner Geschwister auf und zog mit ihnen gen München, wo ein jedes bald
Arbeit fand. Die Mutter hatte zum guten Glück schon während ihrer
traurigen Ehe sich im Ort ein sicheres, wenn auch beschwerliches
Fortkommen geschaffen: sie war Kindlesfrau, so hieß man die Hebammen,
geworden. Noch mit ihrem vollendeten neunzigsten Jahr hat sie ihrer
bedeutend jüngeren Kollegin gar manche schwere Geburt abgenommen, und es
kam nicht selten vor, daß ein Bauer stundenweit fuhr und die alte,
halbblinde Haslermutter holte, während in seinem Orte irgendeine
tüchtige, junge Hebamme das Nachsehen hatte.
Indes der Hausvater mich also unterhielt und allmählich immer mehr in
Wärme geraten war, kam die Frau wieder zu uns herein und bat uns in die
gute Stube zum Kaffee. Sie hatte sich inzwischen in Staat geworfen und
prangte in einem altmodischen Gewand aus starrer, violetter Seide, das
bei jeder Bewegung bald rötlich, bald grau schimmerte und dessen Jacke
mit vielen Rüschen und langen Schößen geziert war.
Mein Verlobter hatte sich für diesen Nachmittag von seinem Herrn Urlaub
erbeten und kam nun gerade recht nach Hause, den Kaffee mit uns zu
trinken. Er nahm meinen Arm und führte mich in die Ehrenstube, deren
Möbel alle aus Kirschbaumholz gefertigt und mit dunklen Ornamenten
eingelegt waren. Die ganze Einrichtung stammte noch von den Eltern der
Frau Hasler, wie der Benno mir berichtete. Auf dem sauber gedeckten
Tisch standen zierliche Tassen und Kannen, deren eine jede in einem bunt
gemalten Kranz die goldene Inschrift trug: Lebe glücklich!
Wir tranken nun vergnüglich Kaffee, und mein Verlobter sprach viel von
meinen guten Eigenschaften, von seiner schönen Stellung, seiner
gediegenen Herkunft und von baldigem, sicheren Eheglück. Dann brachte er
mich wieder nach Hause, nachdem ich mir noch das Versprechen der beiden
alten Leute hatte geben lassen, daß sie uns am folgenden
Sonntagnachmittag mit ihrem Besuch beehren würden.
Dies taten sie auch. Pünktlich um die angegebene Stunde fuhr ein Fiaker
am Hause vor und heraus sprang mein Hochzeiter und half seinen Eltern
beim Aussteigen.
Ich hatte schon vormittags genaue Weisung von der Mutter erhalten, wie
ich sie zu empfangen hätte: also eilte ich geschwind von der Wirtsküche
auf die Straße, reichte jedem die Hand und sagte: »Guten Tag, Frau
Mutter und guten Tag, Herr Vater! Grüß Gott, Herr Benno! Die Mutter
hält's für a große Ehr, daß S' uns die Freud machen und a Tass' Kaffee
bei uns trinkn. Bitt schön, kommen S' nur glei mit 'rauf in d'Wohnung,
d'Mutter is scho drobn!«
Und nun führte ich alle drei nach der im ersten Stockwerk gelegenen, für
den hohen Besuch frisch gestöberten und geschmückten Wohnung, wo die
Mutter in ihrem nobelsten Aufputz aufgeregt durch alle Zimmer lief und
bald ein Deckerl anders legte, bald ein Stäubchen wischte oder
umständlich ihr Spiegelbild betrachtete.
Als sie uns kommen hörte, ging sie mit steifer Würde auf die beiden
Alten zu, reichte ihnen mit ausgesucht höflicher Verbeugung die Hand und
sagte: »Herr Hasler, Frau Hasler, dös freut mi! Derf i vorausgeh? Kommen
S' nur 'rei in Salon und nehman S' Platz! ... Herr Benno, mögn S' net
auf'n Divan hintre mit der Leni!« Und geschäftig rückte sie den Tisch
zur Seite und bot jedem seinen Platz an; dann trat sie unter die Tür und
rief: »Rosl, an Kaffee 'rei! Nehman S' dö silberne Plattn zum Kuchn!«
Während sich nun eine lebhafte Unterhaltung über die gleichgültigsten
Dinge entspann, betrachtete bald der Vater, bald die Mutter meines
Verlobten die protzige Einrichtung des Salons und sie wechselten von
Zeit zu Zeit verstohlen Blicke der Befriedigung; und als die Augen des
Alten auf das Klavier fielen, fragte er, wer darauf spiele. Die Mutter
sagte stolz: »Mei' Leni kann's; i hab's ihr lerna lassn, daß s'amal
ihren Mann unterhaltn ko. Geh, Leni, spiel deine zukünftign
Schwiegereltern oan auf! Vielleicht an Bienenhausmarsch oder 's
Glühwürmchenidyll, oder was die Herrschaften sonst gern hörn!«
Ich setzte mich an das Instrument und spielte etliche Stücke, wie sie
mir gerade einfielen. Da ging die Tür auf und herein kam der Vater,
begrüßte die Familie Hasler und sagte: »I hab der Kathi g'sagt, sie soll
dö paar Halbe Bier hergebn, die jatz gehn, daß i aa a bisl raufschaugn
ko zu dö Herrschaftn ... No, wia steht's werte Befinden? -- Scheene Tag
hama allweil jatz. -- Warn S' scho auswärts heuer? -- Bei dem warma
Weeder macht a jeda a G'schäft vo dö auswärtign Wirt. -- Hast no an
Kaffee, Muatta?«
Damit setzte er sich und begann von dem zu reden, was bis dahin ein
jedes wie auf Verabredung vermieden hatte, von unserer bevorstehenden
Heirat.
»Dös hat si ganz unverhofft g'schickt!« meinte er, zu dem alten Hasler
gewendet. »Mir ham's glei gar net glaabn könna, daß ma d'Leni wirkli
scho herlassn solln.«
»Ja, dös is wahr;« fiel ihm die Mutter ins Wort, »so geht's zua in der
Welt! Will ma selber no net zu dö Alten g'hörn, derweil hat ma scho
heiratsfähige Kinder!«
»Oho!« rief da der Benno. »Jetzt möcht gar d'Frau Zirngibl aa schon vom
Alter redn und schaut aus, wie a eiserne Venus, so g'sund und so sauber.
Der Zirngiblvater kann stolz sei auf so a Frau!«
Geschmeichelt lächelte die Mutter, und auch der Vater hörte diese
Lobrede wohlgefällig an. Die alten Haslerleute aber warfen ihrem Sohn
halb ärgerliche, halb verlegene Blicke zu, und es entstand eine kleine
Pause, die ich rasch benützte, den Benno zu mir an ein kleines Tischlein
zu ziehen, wo ich meine Erinnerungen und Andenken aus der Klosterzeit
aus einem kleinen Kästlein kramte. Dabei fielen meinem Verlobten etliche
Briefe und Karten auf, die sämtlich die Adresse trugen: An die Jungfrau
Magdalena Christ, Kandidatin bei den Josefschwestern zu Bärenberg.
Auf seine Frage, ob die Briefe einer Freundin gehörten, erwiderte ich
ihm: »Naa, naa! Dös san lauter Briaf an mi!«
Erstaunt sah er mich an, und auch am Tisch wurde man aufmerksam, so daß
ich mich an die Mutter wandte: »Denkn S' Eahna, Mutter, der Benno woaß
net amal mein rechtn Namen!«
Mit hochrotem Kopf saß die Mutter da, und Zorn und Verlegenheit kämpften
sichtbar auf ihrem Gesicht, während sie zögernd sagte: »Ja, mei lieber
Gott! Dös wissen dö wenigsten Leut, was für a Unglück mi scho in meine
jungen Jahr troffn hat; dös erzählt ma net so mir nix, dir nix an jeden,
der daher kommt!«
Sie konnte nicht mehr weiter reden; ein heftiges Schluchzen erschütterte
ihren Körper, während sie von Zeit zu Zeit einen wütenden Blick zu mir
hinüberwarf. Die Familie Hasler aber saß starr und stumm da und blickte
fragend von einem zum andern.
Da ergriff der Vater rasch das Wort und sagte: »Da brauchst net z'woana,
Muatta; deswegn is dir aa no koa Perl aus da Kro' g'falln. Und was
d'Erziehung und dös ander betrifft, hat si no nie nix g'feit. A jeder ko
froh sei, wann er so a Madl zum Heiratn kriagt!«
Erst jetzt begriffen die Haslerischen den Sachverhalt, und die Frau rief
mit kläglicher Stimme: »Ja, was is denn net dös! Na is also d'Leni gar
net von Eahna, Herr Zirngibl?«
»Naa. Der Leni ihra Vata is damals bei dem großen Schiffsunglück, wo dö
englischn Hund den scheena Dampfer Cimbria a so o'gfahrn ham, daß'n glei
da Deixl g'holt hat und d'Leut allsam dasuffa san, aa dabei g'wen. Der
hat sein Ruah! Und da hab halt i d'Muatta g'heirat.«
Schweigend hatten alle zugehört, und endlich begann der alte Hasler: »No
ja; in Gott's Nam'! Sell isch au di g'fährlichscht Sünd no nit, daß e so
e saubre Frau amal was Kloins kriagt! Im übrige ischt's mir ja ganz
gleich, ob's Mädle lediger Weis' isch dag'wesa oder von der Eh;
d'Hauptsach isch halt, daß sie e aaschtändige Mitgift ei'bringt!«
Jetzt hatte sich auch die Mutter wieder erholt und schilderte nun in
beweglichen Worten, wie sie mich ausstatten wolle und daß sie jederzeit
da wäre, wenn's einmal drauf ankäme. Der Vater aber sagte kurz: »Zwegn
der Mitgift braucht koa Hochzeiter a Sorg z'habn. D'Leni hat bei
dreiß'gtausend Mark Muatterguat und vo ihran Vatern achtausend Mark
ausg'machts Geld auf der Bank. Und wenn amal d'Not an sie kam, na war
allweil i aa no da; vorläufig kann i ihr allerdings vo mir no nix gebn;
dös steckt alls im G'schäft drin.«
Während dieser Rede war die Wolke, die unheildrohend auf der Stirn der
alten Haslerin gestanden, von ihr gewichen und das sonnigste Lächeln lag
auf ihrem Gesicht. Auch der Herr Hasler rieb sich vergnüglich die
Daumenballen und sagte bloß: »Scheen, guat, isch ja sehr aagenehm!«
Der Benno aber, der zuvor, als meine Abkunft an den Tag kam, sich auf
einen von mir ziemlich entfernten Stuhl gesetzt hatte, kam jetzt mit
zärtlicher Miene auf mich zu und sagte, indem er mich um die Hüfte nahm,
leise: »Du glaabst gar net, Lenerl, wie gern i di hab!«
Und in heiteren Gesprächen verfloß die Zeit, bis die Mutter um fünf Uhr
zum Vater sagte: »Josef, jatz werd's Zeit ins G'schäft!«
Da brachen die Haslerischen auch auf und empfahlen sich mit großer
Höflichkeit.
Nun war ich also Bennos Braut und lebte im übrigen wie zuvor.
Die Hochzeit war auf den Herbst festgesetzt worden, und der Benno eilte
mit viel Fleiß von Amt zu Amt, um die zur Heirat notwendigen
Schriftstücke zusammenzubringen. Der alte Hasler kündigte einer schon
lange Jahre in seinem Haus wohnenden alten Jungfer die Wohnung und ließ
viel Arbeitsleute kommen. Die Wände wurden tapeziert, die Böden frisch
lackiert; in die Küche kam ein neuer Herd und in die Kammer daneben ein
Bad. Die Frau Hasler stand bei größter Sommerhitze auf der Altane und
füllte Kissen und Betten mit Flaum und zeigte den Nachbarn die Größe der
mütterlichen Liebe, die nicht bloß zusieht, wie das Kind, das nun dem
Nest entflogen, sich in der neuen Lebenslage zurechtfindet, sondern die
in Beherzigung des Wortes »Wer sich gut bettet, liegt gut« sorglich ihr
Teil dazu beiträgt, daß dessen Lebensbett ein lindes werde.
Mein Vater ließ den Schreiner kommen und bestellte die Möbel, nachdem er
sich die für uns bestimmte Wohnung angesehen hatte. Alles sollte
altdeutsch werden, und die Schränke sollten Spiegel haben und ein jedes
Stück noch einen Muschelaufsatz. Der alte Tapezierer Fünffler mußte für
die Polster sorgen und den Divan samt den Stühlen nebst einem kleinen
Kanapee anfertigen.
Die Mutter aber lief zum Nachbar Glaser und erstand das Neueste an
buntem Porzellan, an irdenem Geschirr und Gläsern.
Dann kam der Tag, an dem sie ging, das Brautkleid einzukaufen. Da mußte
ich zur alten Haslerin und diese bitten, daß sie uns die Liebe tät und
mitginge, den Stoff zu kaufen, was sie mir versprach.
Also machten sie sich auf den Weg, eine jede starrend in Seide und
blitzend im Schmuck der Nadeln, Ringe und Spangen, die an Glanz
wetteiferten mit den langen Perlenfransen der Mantillen und
Kapothütchen.
Erst spät abends kamen sie heim, und ich vernahm, daß nun alles
eingekauft sei, dessen ich als Braut bedürfe, um zu glänzen. Ich
erschrak beinahe, als ich von der Mutter hörte, daß mein Brautkleid von
Seide wäre und der Zeug allein schon mehr denn hundertfünfzig Mark
gekostet hätte. Ich vergaß darüber ganz und gar den Dank, so daß die
Mutter sehr entrüstet ward und rief: »Woaßt net, was si g'hört, du
Hackstock? Gibt ma so viel Geld aus für dös G'stell und kriagt net amal
an Dankschö' dafür!«
Da kam ich erst wieder ein wenig zu mir und sagte halblaut: »Dank schö,
Mutter, so was hätt's net braucht.«
»So, dös hätt's net braucht! Moanst vielleicht, i laß mi lumpn und
oschaugn von dö Haslerischen? Hab's scho g'sehgn, wie s' d'Letschn hat
hänga lassn, weil i z'erscht g'moant hab, a Schlepp war net notwendi;
aber jatz hab i so viel kaaft, daß d'an meterlanga Schwoaf hint
nachiziagst!«
Ich wußte nicht viel darauf zu antworten und empfand im Grunde wenig
Freude über den Prunk, in den man mich stecken wollte. Als ich jedoch
nachher das schwere, glänzende Gewebe sah, regte sich meine Eitelkeit
doch, und ich dachte, wie die in der Nachbarschaft wohl schauen würden,
wenn sie mich in dieser Pracht erblickten. Ich trug den Stoff alsbald
zur Nähterin, die mir einen Arm voll Modeblätter mit nach Hause gab zur
Durchsicht, damit wir wählten, was uns gefiele. Ich suchte mir ein sehr
einfaches Bild zum Muster aus und bat die Mutter, sie möchte das Gewand
nach diesem machen lassen, was sie mir zusagte.
So waren die Tage der Brautzeit immer mehr ihrem Ende zugegangen, und es
war nun an uns, zum Pfarrer zu gehen, das Stuhlfest zu feiern.
Also meldete mein Verlobter an einem Oktobersonntag nach dem
Gottesdienst in der Sakristei unserer Pfarrkirche dem alten einäugigen
Meßner, daß wir am nächsten Tage zum Herrn Pfarrer kämen, damit er uns
in allem unterweise, was für den Stand der christlichen Ehe von Nutz und
Frommen sei.
Hand in Hand schritten wir denn andern Tags gegen elf Uhr mit klopfendem
Herzen durch die Straßen und zögernd stiegen wir im Pfarrhause die
breite Treppe hinauf zur Tür, hinter der ein wirres Durcheinander von
Kinderstimmen zu hören war. Im gleichen Augenblick stürmten etwa zehn
Schulkinder jubelnd und lärmend aus der Wohnung und schwangen im Triumph
bunte Heiligenbilder, die sie gewiß als Lohn für gute Antworten in der
Religionslehre erhalten hatten. Hinter ihnen erschien lächelnd der noch
ziemlich junge Pfarrer und mahnte: »Kinder, tut's schö stad sei; pfüat
euch Gott und tut si koans derfalln! So, pfüat Gott, so!«
Da erblickte er uns: »So, so! ... Grüß Gott, Leutln! ... So, geht's nur
glei da rei; so ... Ja, jetz san ma also da, so ... So, sitzt's euch nur
glei da her, so!«
Und sorglich führte er uns zu einer Fensternische, die eigens zu dem
Zweck, der uns hingeführt, gemacht schien. Ein kleiner Sammetdivan stand
in der Ecke, darauf wir Platz nahmen; vor uns ein Tischlein, auf dem
nichts als ein kleines Buch lag. Davor stand ein bequemer Armstuhl, der
für den Priester bestimmt war.
Da saßen wir nun mit seltsam bewegtem Gemüt. Ein leichter Duft von
Weihrauch umgab uns; die Sonne schimmerte durch die großen Glasbilder,
die an den Fenstern hingen, und ließ die reichen Blumenstöcke bald in
bläulichem, bald rotem Licht erglänzen. Auch zu dem blassen Herrgott,
der an einem hohen Kruzifix aus schwarzem Holze hing, huschte einer von
den roten Strahlen und gab dem Gottessohn ein Kleines seiner Wärme und
beinahe einen Hauch von Leben.
Stumm blickte ich bald auf den Pfarrer, bald auf die lebensgroße Statue
des Jesukindes, die zwischen Blumen und Kerzen in einer Ecke stand. Dann
schielte ich verstohlen hin zum Benno: der saß etwas gebeugt und Tränen
rannen ihm über sein Gesicht.
Nun begann der Priester seine Lehre: erst gab er uns den Segen, dann
führte er uns im Geist zurück zu den ersten Menschen, zur ersten Ehe im
Paradiese; hierauf gab er uns alle jene Mahnungen und guten Lehren,
deren junge Eheleute bedürfen. Vor allem aber bat er uns, die Tage vor
der Trauung nichts zu tun, was gegen Sittsamkeit verstoße, und in der
Ehe Gottes Segen nicht durch Anwendung von irgendwelchen Schutzmitteln
freventlich zu hemmen oder zu vermindern; denn das sei ja der Kern der
Ehe, daß die Welt durch sie bevölkert bleibe. Nach diesen Unterweisungen
fragte er den Benno: »Also, Herr Hasler, nachher kannt ma am Sonntag
scho zum erstenmal verkünden, so, und nachher setz' ma glei die Trauung
fest. Wie moanatn S', Herr Hasler, wenn ma den zwoatn Deanstag im
November nahm?«
Mein Hochzeiter, der während der Ansprache des Herrn Pfarrers wiederholt
in Schluchzen ausgebrochen war, trocknete nun seine Tränen und
erwiderte: »Jawohl, Herr Hochwürden; am zweiten Dienstag im November is
uns scho recht. Aber i möcht halt bitten um a g'sungene Mess' und daß
uns halt der hochwürdige Herr Pfarrer d'Liab tät, selber die Trauung
z'machen. Es wär halt a recht große Ehr für uns, und auch der Vater
moant, es wär viel feierlicher, wenn der Herr Hochwürden d'Traumess'
haltet.«
Der Pfarrer sagte ihm dies zu, und nachdem er uns noch aufgetragen
hatte, den Tag vor der Hochzeit eine Lebensbeichte abzulegen und am
Hochzeitsmorgen noch die Kommunion zu empfangen, gab er uns den Segen
und geleitete uns dann bis zur Gangtür.
Wie von einer großen Last befreit, atmete ich auf, als wir draußen
waren, und übermütig sprang ich die Stiegen hinab und auf die Straße.
Der Benno aber war sehr ernst und schüttelte den Kopf, als er meine
Ausgelassenheit sah, und während ich mit tänzelnden Schritten und
lebhaftem Geplauder dahineilte, schritt er beinahe bedrückt neben mir
her und sah mich schweigend an. Da schob ich lachend meinen Arm in den
seinen und rief: »Juhu, g'heirat werd! Da derf i mit der Scheesn fahrn
und hab an Schlepp und a seidens G'wand, juhu!«
* * * * *
Etwa eine Woche vor dem Hochzeitstage kamen die Handwerksleute und
meldeten, daß sie mit allem, was ihnen aufgetragen worden, fertig seien.
Also mußten nun die Möbel in die für uns bereitete Wohnung gebracht
werden, und ich erbat mir deshalb von der Mutter die Erlaubnis, etliche
Tage vom Geschäft wegbleiben zu dürfen. Da stieß ich zum erstenmal seit
langem wieder auf heftigen Widerstand, und die Mutter begann zu fluchen
und zu schelten und machte mir die gröbsten Vorwürfe, daß ich jetzt, wo
ich endlich etwas taugte, heiratete.
»Und i leid's einfach net, daß d'gehst! Dös war dös rechte! I kannt mi
dahoam darenna vor lauter Arbat und dö gnädi Fräuln laafat furt und tat
d'Wohnung eirichtn. Sag's nur dö Haslerischen! Dö ham mehra Zeit wie
mir; dö solln si um d'Wohnung kümmern! I muaß alles zahln, drum verlang
i aa, daß d'dafür arbatst!«
Ratlos schlich ich davon und besorgte, es möchte der Tag meiner Hochzeit
kommen und ich hätte nichts gerichtet, worin wir wohnen und schlafen
könnten. In meiner Not ging ich zum Vater und bat ihn um seine Fürbitte,
und nun konnte ich wenigstens für einen Tag Urlaub bekommen.
Ich ging also in aller Früh schon fort und trat bei der Familie Hasler
eben in dem Augenblick in die Stube, als der Benno seinen Hut vom Nagel
nahm und in das Geschäft wollte. Als ich berichtete, wie schwer ich von
zu Hause fortgekommen sei, meinte er: »Da muß i glei dahoam bleibn, daß
ma heut no ferti wer'n; i möcht net habn, daß dei Mutter harb werd.«
Also blieb er bei mir, und wir begannen sogleich unsere Arbeit. Erst
stellten wir alles das auf, was in die Schlafstube gehörte, wobei wir
beinahe in Streit gekommen wären, da der Benno haben wollte, wir sollten
die beiden Betten zusammenrücken, ich sie aber gern getrennt gehabt
hätte. Doch gab ich endlich nach, nachdem mich mein Verlobter auf die
Worte des Pfarrers: »Das Weib muß dem Mann gehorchen« hingewiesen hatte.
Gegen Mittag hatten wir ein Zimmer fertig, und ich wollte nun nach Hause
gehen zum Essen; doch gaben die alten Haslerleute keine Ruhe, bis ich
blieb.
Nachmittags räumten wir dann die Wohnstube ein; doch kamen wir zu keinem
Ende, da ein jedes die Dinge nach seinem Kopf gestellt haben wollte.
Daher ließ ich den Benno bei seiner Arbeit allein und ging in die Küche,
wo Geschirr und Bilder, Möbel und Nippsachen, Spiegel und Stellagen bunt
durcheinander standen und lagen.
Nach wenig Stunden wurde es dunkel, und ich war noch nicht einmal zur
Hälfte fertig mit meiner Arbeit. Da kam mit einemmal eine große
Traurigkeit über mich, und ich setzte mich in einer Ecke auf einen
kleinen Hocker und begann zu weinen. Die Unordnung ringsum bedrückte
mich, und alles kam mir so fremd und unwirtlich vor und ich empfand
plötzlich eine große Furcht vor dem Heiraten.
Währenddem war es ganz finster geworden, und ich stand auf und ging in
die Stube, wo ich den Benno gelassen hatte. Da war sie leer. Ich ging in
das Schlafzimmer, doch auch da fand ich ihn nicht. Nun wollte ich
hinuntergehen zu den Eltern Bennos; da fand ich die Wohnungstür
verschlossen und war also eingesperrt. Ratlos stand ich da und wußte
nicht, was ich beginnen sollte. Es fiel mir nicht ein, daß ich ja nur
ein Fenster zu öffnen brauchte und auf die Straße zu rufen; vielmehr
ging ich wieder zurück in die Schlafstube, legte mich auf ein Bett und
weinte bitterlich. Da hörte ich aufsperren, und es kam der alte Hasler
mit einem Licht und wollte sich unser Werk beschauen. Er erschrak gar
sehr, als er mich so trostlos hier fand, und ich erfuhr nun, daß der
Benno geglaubt hatte, ich sei im Zorn fortgelaufen, und er hatte deshalb
gar nicht weiter nach mir gesehen.
Als ich daher mit dem alten Hasler eine Weile später drunten in die
Wohnstube trat, war große Freude über den guten Ausgang dieser
Geschichte.
Spät abends brachte der Benno mich nachhause und bat die Mutter, sie
möge mich doch noch einen oder zwei Tage fort lassen.
Mit süßsauerem Lächeln erwiderte sie: »Ja, ja, sie kann scho geh vo mir
aus; jatz muß i mi alleweil scho dro g'wöhna, ohne Hilf z'sei. Dös is
scho was alt's, daß d'Kinder, wann s' oan gnua kost' ham, davolaafn und
heiratn!«
Wir bedankten uns für die Erlaubnis, und am andern Morgen machte ich
mich wieder auf den Weg, ohne vorher etwas zu essen. Als ich daher von
der Frau Hasler zum Kaffee geladen wurde, nahm ich dies gern an, sagte
aber, daß ich mittags heim ginge; denn ich befürchtete, es möchte ihr zu
viel werden.
Der Benno war schon in aller Früh zu seinem Herrn ins Geschäft gegangen,
ihn um Urlaub zu bitten, bis wir eingerichtet wären. Nun kam er, und wir
begannen wieder unsere Arbeit. Es ging uns jetzt alles gut von statten,
da ich zu müde war, um noch länger zu streiten, und mir vorgenommen
hatte, nach der Hochzeit doch alles so zu richten, wie es mir gefiel.
Am Mittag wollte ich dann heimgehen, vorher aber gab es noch ein kleines
Unglück.
Mein Hochzeiter war über unsere Arbeit so erfreut, daß er mich mit einem
Male um die Hüften faßte, mit mir in der Stube herumtanzte und am Ende
mich in die Höhe hob und auf den Divan fallen ließ. Ich hatte schon
während des Aufhebens heftig gezappelt und kugelte nun beim Fallen vom
Divan herab und gerade hinein in einen schönen, großen Spiegel, den ich
kurz zuvor darangelehnt hatte. Er ging in Scherben, und es kostete mich
nicht geringe Mühe, aus dem Rahmen, in dem ich saß, herauszukommen. Die
Holzwand war durchgebrochen und die beiden goldenen Amoretten, welche
den Rahmen zierten, standen nun auf meinem Rücken und hielten mit Anmut
das goldene Wappen. Der Benno war erst wie erstarrt; als ich aber unter
großem Jammer begann, mich von der unbequemen Einrahmung zu befreien,
brach er in so lautes Gelächter aus, daß ich in heftigsten Zorn geriet
und schwur, ich würde ihm den ganzen Spiegel an den Kopf werfen, wenn
ich nur erst heraußen wär. Zum Glück hatte ich keine Verletzung
davongetragen, und als mir der Benno herausgeholfen hatte und sich nun
selbst hineinsetzte, um mir das komische Bild zu zeigen, da mußte auch
ich lachen. Die alte Haslermutter freilich war sehr erschrocken, als
sie's vernahm, und prophezeite uns, daß wir nun sieben Jahre kein Glück
hätten, worüber ich wieder hellauf lachen mußte. Ob nicht doch ein
Körnlein Wahrheit in dem Worte lag?
Mein Verlobter begleitete mich heim und trat gleich in das Gastzimmer,
um rasch ein Glas Bier zu trinken; ich aber ging in die Küche. Als ich
die Mutter grüßte, dankte sie mir nicht und fragte nur: »Was willst?«
Ich sagte, daß ich zwar zum Essen geladen worden wäre, es aber
ausgeschlagen hätte. Da schrie sie: »Also was z'essen möchst! Sonst
fallt dir nix ei! Dös war no dös schönere; an ganzn Tag rum z'vagiern
und dahoam 's Essen z'verlangn! Nix da! Wannst net bei mir arbatst, hast
aa nix z'fordern von mir. Laß di nur von dö Haslerischen fuattern!«
Ich gab ihr keine Antwort mehr darauf, sondern lief in die Gaststube und
sagte mit vor Erregung heiserer Stimme zum Benno: »Komm, gehn ma!
Rasch!«
Auf der Straße erst erzählte ich dem aufs höchste Erstaunten und
Erbitterten den Vorfall.
Als wir nachher bei seinen Eltern zu Tisch saßen und ihnen berichtet
hatten, wie es mir ergangen, da meinte der alte Hasler: »So was isch
aber do scho ganz aus dr Weis'! Da mögscht ja glei e Narr wera! Was ha i
dr g'sagt, Benno; da hascht es jetzt. I ha's ja allweil g'sagt: e Mädla
aus'm Gaschtlokal isch e Stückle vom a Saustall! Jetzt ka'scht luadrige
Tag grad gnua kriege. Am brävschte wär's halt, wenn d'heut auf d'Nacht
hi'fahrn tätsch' und alls rückgängig mache!«
Da sprang der Benno auf und schrie überlaut: »So! Was fallt dir denn ei,
Vater! Was kann denn 's Madl dafür, daß s' so a narrische Muatta hat!
Naa, so viel Ehrenmann bin i allweil no, daß i woaß, was si g'hört! I
heirat, und geht's wie's mag!«
Nun mischte sich auch die alte Mutter in das Gespräch: »Gar so unrecht
kann i ja der Frau Zirngibl net gebn, Vater; du mußt allweil bedenkn,
daß d'Leni ledi is!«
»Ja, ledig, dies isch scho recht; aber 's Fressa braucht ma au em ledige
Kind it vorz'werfe!« ...
Mitten im Reden brach er ab und sah auf mich. Ich war völlig ohne alle
Fassung dagesessen und große Tränen rannen mir über die Wangen; doch
sagte ich kein Wort und stand nur nach einer Weile auf und ging wieder
in mein werdendes Heim. Dort setzte ich mich neben dem zerbrochenen
Spiegel auf einen Stuhl und bedachte zum erstenmal den Schritt, den ich
mit meiner Heirat zu tun im Begriff stand. Ich sah jetzt ein, daß ich
von den Schwiegereltern nicht viel Liebe zu erwarten hatte; daß mein
Gatte heute für mich eintrat, gab mir nicht die sichere Gewähr, daß dies
auch morgen noch geschehe; daß ich aber trotzdem nicht mehr zurücktreten
durfte, wenn ich nicht der gröbsten Schmähungen von seiten meiner Mutter
gewärtig sein wollte, stand fest bei mir. Es bedrückte mich zwar das
rauhe Wesen meiner Mutter, doch mehr noch ängstigte mich das unbekannte
und doch naheliegende Schicksal, das mich in meiner Ehe erwartete.
In dieser trüben Stimmung begab ich mich ins Schlafzimmer, wo ein großes
Bild der Mutter Gottes hing. Dort setzte ich mich auf den Rand eines
Bettes und redete mit dem Bild: »Liabe Muatta Gottes, hilf mir do in
dera Angst. Laß mi net z'grund geh; sag's dein Sohn, daß er's recht
macht!«
Da tönte die Klingel der Haustür, und es kam mein Verlobter. Wir
sprachen nichts mehr über das Vorgefallene und arbeiteten den ganzen
Nachmittag fleißig. Abends gegen sechs Uhr wollte ich aufhören, doch
hatte ich mir vorgenommen, nicht heimzugehen, sondern in einem der neuen
Betten zu schlafen. Ich sagte dies dem Benno, und er meinte auch, daß es
besser wäre, wenn ich heute nicht heimginge. Also bereitete ich mir noch
eins der Betten für die Nacht. Als es nun so frisch gerichtet war,
meinte mein Verlobter, ich sollte es doch einmal mit ihm probieren, wie
sich's in den neuen Betten schlafe. Ich aber wies ihn streng zurecht und
gab trotz der Versicherung, daß wir es ja leicht noch beichten könnten,
nicht nach. Schmollend ging er hinaus und nahm mir meine Weigerung recht
übel. Vielleicht trug er auch einen Groll gegen die kirchlichen
Ehegesetze in sich, weil sie dem Mann nicht auch in diesem Fall die
Durchsetzung seines Willens gestatteten.
Da ich befürchtete, er könne sein Begehren, wenn ich da schliefe, noch
stürmischer wiederholen, so machte ich mich bald auf den Heimweg.
Als ich in die Küche trat, sagte mir unsere Magd, daß die Nähterin
soeben mit der Mutter in der Wohnung droben sei; sie hätte das
Brautkleid gebracht. Ich konnte aber keine Freude darüber empfinden, und
nicht einmal die Erzählung des Mädchens, daß das Kleid eine lange
Schleppe habe, bereitete mir Vergnügen. Mißmutig schnitt ich mir ein
Stücklein Wurst ab und aß, ohne mich zu setzen.
Da kam die Schneiderin mit der Mutter herein und rief, als sie mich
erblickte: »Ah, da is ja d'Fräuln Leni scho! Jetz kannt ma glei no
schaun, ob's Brautkleid aa paßt!« Und ich mußte mit ihr in die Wohnung
hinaufgehen und das Gewand anziehen. Es sah recht nobel aus, doch paßte
es nicht gut und war der Kragen viel zu eng. Ich bat sie daher, das
Kleid wieder mitzunehmen und zu richten, was sie auch tat.
Als ich nachher wieder hinunter kam, war der Benno gekommen und saß mit
etlichen seiner Freunde in der Gaststube, gerade dem Fenster gegenüber,
aus dem man die Speisen in die Stube langte. Er grüßte mich freundlich
und winkte mir zu, aber ich ging nicht hinein, sondern setzte mich an
die Anricht und begann für den kommenden Tag Gemüse zu putzen. Die
Mutter saß nahe bei dem Ausgang, der in die Schenke führte, und hatte
eine Zeitung in der Hand, doch las sie nichts und blickte von Zeit zu
Zeit zornig auf mich. Mit einem Mal sprang sie auf und schrie mich an:
»Du unverschämts Frauenzimmer, woaßt net, was si g'hört? Hast du koan
Dank für dei Mutter? Moanst leicht, i war dir's schuldi, daß i dir a
seidas hab kaaft!«
Ich blickte sie erschrocken an und wollte eben erwidern, daß ich es ja
noch gar nicht hätte, da fuhr die Mutter aufs neue heraus: »Umanander
renna, d'Gnädige spieln und dabei d'Letschn hänga lassn, dös kann's;
aber dir treib i's aus, du Herrgottsakramenter!« Und ehe ich mich
versah, hatte sie den Schürhaken ergriffen und mir denselben etliche
Male um die Schultern geschlagen.