Da kam sie in eine furchtbare Wut; sie faßte mich an den Haaren und riß
mich herum, gab mir etliche Ohrfeigen und stieß mich schließlich mit dem
Schrei: »Geh nei zu dein Kerl, G'stell, verfluchts! Moanst vielleicht, i
fürcht mi vor dem Bürscherl!« in die Gaststube hinein.
Da sprang mein Verlobter auf, stürzte in die Küche hinaus und schrie:
»Frau Zirngibl, dös is a Saustall, wie Sie mit meiner Braut umgehn!
Schamen S' Eahna! Sie führn Eahna ja auf wie a Zigeunerin!«
Mein Vater hatte mich, als ich so in die Stube flog, sogleich beim Arm
gefaßt und trat nun mit mir in die Küche, als eben der Benno so laut das
Benehmen der Mutter geißelte. Und als die Mutter gerade wieder begann zu
toben, rief der Vater dazwischen: »Was is denn dös für a Wirtschaft!
Kannst di jatz du gar net a weng eischränka, Muatta?«
Der Benno aber fluchte und rief: »Dös war ma dös Rechte! Sofort muß ma
d'Leni aus'm Haus! Koa Minutn laß i's mehr bei so ana Megärn! Dös war dö
recht Zigeunerwirtschaft!«
Aber die Mutter fuhr ihn an: »'s Maul halten, Rotzlöffel! Dö bleibt ma
da! Und wann's ma net paßt, na derf s' ma aa net heiratn! Dös kannt enk
passen, scho vor der Trauung z'ammz'hocka in Konkubinat! Sie san a ganz
a feiner, Sie Rotzer! Moanen S' vielleicht, i kriag koan andern
Schwiegersohn mehr als Eahna? Da brennan S' Eahna! I ko mei Tochter
gebn, wem i will, verstanden!«
In maßloser Wut hatte der Benno bei diesen Schmähungen gestampft und
geflucht, jetzt aber faßte er mich rauh am Arm und schrie: »Marsch, du
gehst ma sofort aus dem Haus, wannst willst, daß i di heirat!«
Da trat der Vater abermals dazwischen, drückte die Mutter auf einen
Stuhl, schob den Benno in die Gaststube und schickte mich zu Bett; dazu
sagte er bloß mit seltsam bewegter Stimme: »Bringt's mi do net um alles!
Mei ganz' Renomee is beim Teufl durch enkern Saustall; seids g'scheit
und hüt's enker Zung! Geh Benno, gib aa wieder an Fried!«
Grollend ging der Benno wieder in die Stube, die Mutter machte einen
kleinen Spaziergang in den Hof und ich ging zu Bett.
Am andern Tag schien alles wieder gut zu sein, und ich machte mich auf
den Weg, meine Wohnung vollends zu richten.
Das war drei Tage vor meiner Hochzeit. Es gab immer noch viel zu tun,
wenn ich alles gut instand setzen wollte, und ich arbeitete ohne Rast
bis zum späten Nachmittag.
Als ich endlich fertig war, richtete ich noch die Öfen her, daß ich sie
beim Einzug nur anzuzünden brauchte. Dann eilte ich heim, ohne noch zu
den Haslerischen zu gehen; denn ich schämte mich sehr wegen der
traurigen Szene am Tag vorher.
Als ich heimkam, trat ich mit freundlichem Gruß in die Küche und sagte:
»So, jetz bin i ferti. Wenn S' vielleicht Lust hätten, Mutter, daß Sie's
Eahna anschaun möchtn, tat's mi freun!«
Ich bekam keine Antwort und wußte also, daß ich, wenn nicht abermals
etwas Unliebsames vorkommen sollte, gehen mußte. Daher sagte ich bloß
noch: »Gut Nacht!« und ging dann zu Bett.
Am andern Tag wollte ich mein Geld von der Sparkasse abholen und
kleidete mich daher schon früh an. Der Vater wollte mitgehen, und es
mußte also die Mutter in die Schenke. Sie tat es, ohne ein Wort mit uns
zu reden; nur als ich ihr Adieu sagte, rief sie mir nach: »Kannst glei
dein Bräutigam 's Brauthemad kaafa und a Myrtnsträußerl! Na gehst glei
hoam!«
Ich hatte mir schon allerhand ausgedacht, was ich mir um die neunzig
Mark, die mir von dem Geld aus der Floriansmühle noch geblieben waren,
alles kaufen wollte; als ich aber heimkam, verlangte mir die Mutter das
Geld sofort ab und sagte: »Dös Geld gibst her, na kaaf i dir an saubern
Spiegelkasten drum.«
Obschon ich gerne dagegen gesprochen hätte, blieb ich doch stumm auf
diese Rede; denn ich fürchtete, aufs neue den Zorn der Mutter zu
erregen, wenn ich nicht zu allem ja sagte. Also ward ich auch dieses
Geldes los, wie ich einst des meines Großvaters und des Hausls los
geworden war.
Es ist ein alter Brauch, daß man den Vorabend einer Hochzeit mit einer
kleinen Feier begeht, und nennt man diesen Abend den Polterabend.
Zu der Zeit meiner Verheiratung wußte ich über den Ursprung und die
Bedeutung dieses Wortes noch nicht viel, doch schien mir der Name für
meine Verhältnisse gar nicht so unrecht; denn die Mutter polterte an
diesem Tag im ganzen Haus herum, fluchte, zeterte, zertrümmerte
verschiedenes Geschirr, jagte die Küchenmagd aus dem Haus und prügelte
meine Stiefbrüder, ohne daß man recht wußte, warum. Ich war deshalb sehr
bedrückt und tat nichts, wovon ich vermeinte, daß es die Mutter erzürnen
könnte, und hatte auch wirklich bis zum Nachmittag Ruhe.
Um zwei Uhr ging ich in die Wohnung hinauf, um meine kleinen Andenken
und all die Kästlein und Schächtelchen, die Bilder und Büchelchen
zusammenzupacken, die mir zu lieb waren, als daß ich sie hätte
zurücklassen mögen. Auch die Mutter kam bald hinzu und warf mir manches
hübsche und auch kostbare Stück hin, das sie nicht mehr mochte; doch
brummte sie beständig vor sich hin und schrie mich plötzlich ganz
unvermittelt an: »Hast es ja recht notwendi, daß d'heiratst! Hättst es
ja nimmer aushalten könna dahoam! Aber wart nur, du wirst es scho sehgn,
wia's dir geht! Daß dir i nix guats wünsch, kannst dir denka, du
undankbars Gschöpf! Kannt ma s' so guat braucha und muaß ma fremde Leut
haltn, während die gnädig Fräuln heirat und si auf die faule Haut
flackt!«
Dabei warf sie mir etliche Schmuckschächtelchen auf den Tisch, dazu ein
schweres Kettenarmband, eine Halskette mit einem schönen, alten
Medaillon, einen schwarzen Beinschmuck und ein großes, kostbares
Ametystkreuz, das sie einst von einer Gräfin von Lindwurm erhalten
hatte. Ich glaubte nicht, daß die Dinge alle für mich bestimmt seien und
ließ sie liegen. Da schrie die Mutter wieder: »Is dir leicht mei Sach
nimma guat gnua? Bist leicht z'schö dazua, daß d' was alts, was guats
tragst?«
Da nahm ich rasch die Sachen vom Tisch, leerte eine hübsche Schatulle,
in der ich Briefe liegen hatte, aus und tat alles hinein, indem ich
sagte: »Was denken S' denn, Mutter! Freili mag i alles! Und von Herzen
'gelt's Gott dafür! Dös freut mi anders, daß i grad dös schönste kriagt
hab! Dank schö, Mutter! 'gelt's Gott!«
Da lief sie aus dem Zimmer und schlug krachend die Tür zu.
Ich hatte großes Mitleiden mit ihr und dachte, ob ich wohl auch einmal
ein Mädchen bekäme und wie ich mit ihm sein wollte; doch bald
verscheuchte ich diese Gedanken und trug meine Kostbarkeiten nach der
neuen Wohnung, wo ich alles in die Kommode räumte. Danach ging ich zur
Familie Hasler, wobei mir das Herz klopfte; doch sagten sie kein Wort
wegen des Verdrusses, den wir gehabt. Sie luden mich ein, mit ihnen den
Kaffee zu trinken, aber ich entgegnete, ich müsse erst daheim um
Erlaubnis bitten.
Ich ging also gleich wieder nachhause und bat den Vater, der es mir zwar
erlaubte, doch meinte, ich müsse schon auch die Mutter fragen. Dies tat
ich, und da ich ohnehin auch noch zur Beicht mußte, ließ die Mutter mich
gleich fort und sagte bloß: »Daß d'hoam kommst bis auf d'Nacht! Bringst
Haslers mit, mir ham heut a Konzert!«
Nach dem Kaffee, etwa um fünf Uhr, brach ich auf und holte meinen
Hochzeiter vom Geschäft ab, um mit ihm zur Beicht zu gehen. Er war
wieder sehr ernst und redete nicht viel.
Nach der Beicht gingen wir wieder zu seinen Eltern, wo wir die alten
Leute bereits in sonntäglicher Kleidung antrafen. Der Tisch in der
Wohnstube war weiß gedeckt, ein Rosmarin prangte in der Mitte und eine
große Torte mit der Aufschrift: »Dem Brautpaar«, stand daneben. Der
Vater holte eine Flasche Wein herbei und die Mutter stellte die Gläser
mit zitternder Hand dazu. Es war schon völlig dunkel, und im Zimmer
verbreitete die altmodische Lampe ein behagliches Licht.
Da ertönte draußen im Hof Musik, und das Lied: »Nur einmal blüht im Jahr
der Mai, nur einmal im Leben die Liebe« wurde mit viel Gefühl auf einem
Piston vorgetragen. Nun schenkte der alte Hasler die Gläser voll und mit
herzlichen Worten wünschte er uns Glück; die Mutter hatte die Augen voll
Tränen und gab uns ihren Segen, der Benno aber hatte mich an sich
gezogen und schluchzte.
Da ergriff mich eine große Dankbarkeit gegen diese Menschen und ich
dankte ihnen unter heftigem Weinen. Trotzdem fühlte ich mich so elend,
als sei ich wieder am Grab meines Großvaters, und es befiel mich ein
Zittern und Unwohlsein, und ehe man sich recht zu helfen wußte, war ich
ohnmächtig geworden.
Als ich wieder zu mir kam, waren alle um mich besorgt, die Haslermutter
aber fragte mich, ob ich öfter an solchen Zuständen leide. Ich sagte
ihr, daß ich manches Mal auch ohne besonderen Anlaß mit solchen
Ohnmachten zu kämpfen hätte. Da nahm sie mich beiseite in die
Schlafstube und wollte ausführlich über meine Gesundheit berichtet sein:
»Denn,« sagte sie, »du kannst mir's net verargen, daß i mi um mein'
Oanzign sorg.«
Nun erzählte ich ihr, daß ich schon seit meinem vierzehnten Jahr
bleichsüchtig gewesen sei, daß ich die Reife des Mädchens erst vor wenig
Wochen zum erstenmal erfahren hätte, während bisher jahrelang nur diese
Ohnmachten eine gewisse Zeit andeuteten. Diese Bewußtlosigkeit sei immer
plötzlich gekommen, und einmal gerade, als ich in der Küche stand und am
Fleischtisch ein Stück Leber schnitt. Zum Glück hatte ich das große
Tranchiermesser nur locker in der Hand, sonst wäre vielleicht ein
Unglück geschehen. Auch berichtete ich ihr, wie ich einmal nach einem
großen Verdruß mit der Mutter am Brunnen gestanden, um ein Kalbshirn zu
häuten. Da hatte mich mit einem Mal ein kurzer, heftiger Husten gepackt
und ein schöner Faden hellen Blutes lief den Brunnen hinab, während ich
mit heißem Kopf und müden Beinen dort lehnte und Schmerz und Übelkeit
bekämpfte. Die Mutter hatte mich am andern Tag zum Arzt geschickt, der
an eine Magenkrankheit glaubte, da ich vordem nur selten gehustet hatte.
Doch sei dies alles längst wieder gut und ich hätte nicht Sorge, daß ich
eine Krankheit in mir habe.
Nach einigem Nachdenken meinte die Frau Hasler: »Du bist halt
überarbeit't! Wennst jatz dei Ruah hast, wirst scho wieder! 's Heiraten
is dös best' für di und der Benno is der g'scheitste Doktor. Aber jatz
müaß ma wieder zu dö andern, sonst wer'n s' uns granti!«
Und sie nahm mich bei der Hand und führte mich wieder in den Bereich des
Lichts, wo die zwei Männer inzwischen ernste Dinge verhandelt haben
mußten; denn der Vater sah den Benno fest an und sagte noch kurz:
»Hascht mi verschtande?« worauf der Benno ihm die Hand drückte und
sagte: »Ja, Vater, i wer' mir's merkn.«
Wir machten uns nun auf den Weg zu meinen Eltern. Schon aus etlicher
Entfernung tönte uns lustiges Klarinetten- und Geigenspiel entgegen, und
als wir eintraten, brachen die Musikanten das eben begonnene Stück ab
und empfingen uns mit einem feierlichen Marsch.
Wir gingen erst an die Schenke, dann in die Küche, die Eltern zu
begrüßen. Da sah ich, daß die Mutter geweint hatte, und ich fragte sie
sogleich, ob ich in der Küche helfen könne; sie sagte aber: »Naa, naa!
Bleib nur drin! Dös war no dös nettere: a Polterabend ohne Braut!«
Da setzte ich mich an den Tisch, wo schon die ganze Verwandtschaft und
Freundschaft Platz genommen hatte, und ein lustiges Treiben begann, und
es währte nicht lange, da forderte mich mein Verlobter zum Tanz. Und
heiter ging der Abend dahin, und um Mitternacht ertönten Hochrufe und
knatterten Schüsse und begann ein Glückwünschen und eine Lust, daß ich
mir wie verzaubert vorkam. Bald stimmte auch ich in die Lustbarkeit ein
und sang noch manches Trutzliedlein in dieser Nacht.
Endlich um drei Uhr morgens gingen wir auseinander; denn da der Benno
und ich seit Mitternacht weder essen noch trinken durften wegen der
morgendlichen Kommunion, so freute uns schließlich der ganze Spaß nicht
mehr.
Ich lag noch nicht lange im Bett und war kaum eingeschlafen, als mich
ein heftiges Weinen aufweckte. Ich setzte mich erschreckt auf und
horchte. Da vernahm ich, daß dasselbe aus dem Schlafzimmer der Eltern,
welches unmittelbar an meines stieß, drang. Deutlich hörte ich jetzt die
Mutter klagen: »Hätt i meine Leut g'folgt! Hätt i auf mein Vatern
g'hört! So a Schand! Jatz bin i no so jung und muaß dös derlebn!«
Vergebens tröstete der Vater: »Mach dir do nix draus, Muatta! Da denkt
koa Mensch weiter drüber nach, daß d' no so jung bist!«
Sie wurde immer erregter: »Jatz kann i mi aa zu dö Altn hi'hocka im
Kaffeehaus! Und i will no net so alt sei! I will no lebn! Koa Mensch
acht a Schwiegermuatta! Hätt do i dem Lumpen net glaabt, damals! O mei!«
Und sie weinte und klagte, und der Vater redete begütigend mit ihr, und
seine Stimme wurde immer liebevoller und leiser, und endlich vernahm ich
nichts mehr, als ein Flüstern, dessen Zärtlichkeit mir anzeigte, daß die
Mutter wieder gut sei.
Da legte ich mich wieder hin und versuchte zu schlafen, doch obschon ich
mich bald auf die eine, bald auf die andere Seite drehte, gelang es mir
nach dem eben Gehörten nicht mehr. Am End stand ich auf, wusch mich mit
kaltem Wasser und begann mich dann für die Frühmesse und Kommunion
anzukleiden.
* * * * *
Kurz nach fünf Uhr verließ ich das Haus und begab mich in die matt
erhellte Kirche, wo nur etliche Beterinnen und vier Klosterfrauen
knieten. Ich setzte mich in eine der vordersten Bänke und erwartete
meinen Bräutigam.
Ohne Teilnahme, ohne Andacht und ohne Bewegung saß ich da und blickte
stumpf auf den riesigen Kronleuchter vor dem Tabernakel. Die rote Ampel
ließ kaum das kleine Lichtlein durchscheinen, und der weite,
schmiedeeiserne Reif darum bewegte sich leise hin und her.
Wenige Augenblicke vor Beginn der Messe, als eben der Kirchendiener die
Kerzen des Altars entzündete, kam der Benno. Leise trat er in meinen
Stuhl und begrüßte mich flüsternd. Dann kniete er sich nieder, zog ein
Andachtsbüchlein aus der Tasche und schien recht gesammelt und
ehrfurchtsvoll zu beten. Ich aber versuchte vergebens, ein Vaterunser zu
vollenden; schon bei der dritten oder vierten Bitte war ich mit meinen
Gedanken wieder in der Welt und in der Zukunft. Erst als der Ministrant
bei der Wandlung mit seinem silbernen Glöcklein zur Anbetung des
menschgewordenen Gottes mahnte, konnte ich der frommen Handlung folgen
und empfing andachtsvoll das Sakrament des Lebens.
Nach der Kirche gingen wir zusammen bis zu unserm Haus und trennten uns
mit gemessenem Gruß.
Unsere Fanny, meines Vaters jüngste Stiefschwester, die seit einem
halben Jahr im Hause war und schon etliche Wochen hindurch hatte lernen
müssen, all die Arbeiten zu tun, welche sonst ich zu verrichten hatte,
war inzwischen schon mit dem Kaffeekochen fertig und ich trank schnell
meine Tasse. Dann ging ich ins Bad und begann danach in meinem Zimmer
mich mit der feinen Wäsche zu bekleiden, die mir die Haslermutter zur
Brautgabe gesandt hatte; denn es war bei uns der Brauch, daß die Braut
für den Bräutigam und wiederum er für die Braut jenes Hemd anschaffte,
das den Körper am Tag der Vermählung bekleidet. Nach der Hochzeit wird
es dann gewaschen und aufgehoben bis zum Tod, wo es noch einmal die
Glieder kleiden soll. Es waren recht ernste Gedanken, die mich dabei
bewegten, und ich besah mich nachdenklich im Spiegel, nachdem ich das
kostbare Linnenhemd angetan hatte. Doch gewann bald meine muntere Natur
die Oberhand, und als ich meine Füße in die weißen, seidenen Strümpfe
hüllte und in die feinen Stiefelchen aus weißem Leder schlüpfte, kam es
mir plötzlich in den Sinn, zu versuchen, ob ich in diesem Schuhwerk auch
gut tanzen könne. Und ich stand auf und begann erst allerhand Schritte
zu machen, und dann tanzte ich auf dem weichen Teppich und summte dazu
die Donauwellen.
Da ging die Tür auf und die Mutter und der Vater kamen herein. Erstaunt
sahen sie mich an, und der Vater meinte: »Schau, schau, wie 's Bräutl
scho munter is! Denkst leicht, wenn ma in Ehstand einitanzt, na hat ma
mehra Glück? Da paß nur auf, daß dir koan Fuaß vodrahst, sunst is vorbei
mit der Freud!«
Nach diesen Worten ging er hinab ins Geschäft. Die Mutter aber befahl
mir kurz: »Ziag den Schlafrock o, den i auf mei Bett g'legt hab, na
gehst nüber zum Teuerl und laßt di frisiern!«
Ich ging, nachdem ich den feinen, dunkelroten Schlafrock angezogen und
der Mutter dafür gedankt hatte.
Das Frisieren dauerte über eine Stunde, da der Fritzl, der kleine Sohn
des Friseurs, das Brenneisen erwischt und verräumt hatte, so daß über
dem Suchen beinahe eine halbe Stunde verrann.
Endlich trat ich fein gelockt und gescheitelt aus dem Laden und lief
geschwind heim; denn es schlug eben neun Uhr und um halb zehn Uhr war
schon das Frühstück angesagt.
Als ich wieder in mein Zimmer kam, fragte die Mutter, ob ich das
Brautgewand gleich mitgebracht hätte. Da fiel mir erst ein, daß die
Schneiderin versprochen hatte, um sieben Uhr schon da zu sein. Ich lief
daher schnell ins Nachbarhaus zu ihr und fragte, warum sie denn nicht
käme. Sie war recht krank geworden und konnte sich kaum aufrecht halten,
ihre Gehilfin aber war nicht gekommen. Inständig bat ich sie, sie möge
doch versuchen, mitzukommen, da ich ja sonst nicht heiraten könne. Da
zog sie sich doch an, packte das Kleid und die Nadelbüchse zusammen und
ging mit. Nun sperrte die Mutter ihren Salon auf, und ich wurde vor dem
großen Spiegel angekleidet und mit Kranz und Schleier geschmückt.
Als sie fertig war, ging die Nähterin wieder nachhause und bat, man möge
ihr das herkömmliche Mahl hinaufschicken.
Nun stand ich also bräutlich angetan da und ein feierliches Gefühl
überkam mich.
Da trat die Mutter zu mir, besah mich lange, und es kam wieder etwas
Böses in ihren Blick, das ich schon kannte und fürchtete. Eine große
Angst befiel mich und ich war unfähig, mich zu rühren, noch zu reden,
als sie begann: »Also, heunt bist erlöst vo mir; werd dir net gar
z'wider sei, dös! Jatz kannst dein Mo ärgern, wie'st bis heunt mi
g'ärgert hast!«
Ich konnte kein Wort erwidern und sie fuhr fort: »I wollt dir z'erscht
hundert Mark Taschengeld gebn, aber i tua's net. Leicht kannt's eahm gar
net recht sei, an Hasler! Aber den Frauntaler gib i dir; den kannst dir
aufhebn, bis d' amal nix z'fressn mehr hast. Und mein Wunsch will i dir
aa no sagn: du sollst koa glückliche Stund habn, so lang'st dem Menschn
g'hörst, und jede guate Stund sollst mit zehn bittere büaßn müaßn. Und
froh sollst sei, wannst wieder hoam kannst; aber rei kimmst mir nimma.
Jatz woaßt es!«
Ich war während dieser grausigen Worte wie unter Peitschenhieben
zusammengezuckt; ein unsagbar elendes Gefühl überkam mich, und dann fiel
ich ohne Besinnung zu Boden.
Als ich wieder zu mir kam, fand ich mich auf einem der bequemen
Polsterstühle, und um mich standen zitternd die alte Haslerin und ihre
Schwester Hanne, der alte Hasler, die zwei Beiständer oder Trauzeugen
und die Kranzljungfern. Meine Mutter bemühte sich schluchzend und
jammernd um mich und reichte mir mit den Worten: »Geh, trink a bißl,
arms Kind!« ein Gläschen Wein. Willenlos ließ ich es geschehen, daß man
es mir eingab, obschon ich das Gefühl hatte: jetzt vergiftet sie dich.
Doch war es nicht so, und ich bekam in den nächsten Minuten immer mehr
die Empfindung, daß ich das Furchtbare zuvor nur geträumt; denn die
Mutter war so voll Schmerz über mein Scheiden und schien in Tränen
aufgelöst. Sie zog mich an sich und rief: »Viel Glück, mei liabs Kind!
Jatz gehst halt und laßt mi alloa! Bleib mir g'sund und vergiß mi net!«
Dann schritt sie gerührt von einem zum andern, gratulierte, klagte und
weinte, wie es gerade paßte, bis die Kellnerin meldete, daß der
Bräutigam warte.
Da stand ich auf, und die Haslermutter trat zu mir, küßte mich und
sagte: »I wünsch dir Glück! Sei mei guats Töchterl!« Und ganz langsam
rollte eine Träne über das runzlige Gesicht. Dann beglückwünschte mich
eins nach dem andern, die Kranzljungfern faßten die Schleppe meines
Kleides, die Mutter legte mir eine kostbare, alte Goldkette um den Hals,
die Haslerin steckte mir einen feinen Opalring an die Hand und große
Opale in die Ohren; der Haslervater gab mir seinen Arm, und nun ging's
mit großer Feierlichkeit hinab in die festlich geschmückte Gaststube.
Mein Hochzeiter stand schon mit dem prächtigen Brautbukett da und
begrüßte mich mit einem Handkuß. Er gefiel mir in dem festlichen Gewand
recht wohl, und ich empfand ganz plötzlich ein großes Verlangen, ihm um
den Hals zu fallen und ihn zu küssen, doch die vielen Menschen, die uns
von allen Seiten umgaben, ließen mich davon abstehen.
Nun setzten wir uns zum Frühstück; es wurden Bratwürste auf großen
Porzellanplatten herumgereicht und man trank Märzenbier dazu. Während
des Essens trat auch mein Vater herzu und gratulierte uns und übergab
mir einen schönen Ring, daß ich ihn meinem Bräutigam anstecke. Und indes
derselbe von allen Seiten beschaut und bewundert wurde, kam die Mutter
und sagte: »Lieber Benno und Leni! I kann leider net mitfahrn in
d'Kirch; denn i hab koa Aushilf kriagt zum Kochen. Und d'Hauptsach is ja
do a guats Mahl nach dem Schreckn, net wahr!«
Und mit freundlichem Lächeln ging sie wieder hinaus in die Küche.
Die Haslerischen waren über diese Mitteilung gar nicht erfreut und
konnten es nicht begreifen, daß wir nicht mehr darauf gedrungen hatten,
die Mutter solle mitkommen. »Denn,« meinte die Frau Hasler, »wann dö
eigene Muatter net mitgeht in d'Kirch und für ihra Kind bet, na is mit'n
Ehglück net weit her.«
Und sie ging hinaus und bat die Mutter dringend, doch mitzukommen.
Ich ließ sie gewähren, obwohl ich schon wußte, daß all ihr Bemühen
vergeblich sei.
So war es auch. Die Haslerin kam bald mit hochrotem Kopf wieder herein,
nickte etliche Male für sich wie zur Bestätigung und murmelte
unverständliche Worte.
Da kam der Brettlhupfer, jener dienstbeflissene Mann, der den
Wagenschlag öffnet, ein jedes aus der Gesellschaft in den bestimmten
Wagen bringt, acht hat, daß kein Zylinderhut verdrückt, kein Kleid
beschädigt und keine Schleppe in die Wagentür eingezwickt wird; der mit
viel Grazie und wohlgesetzten Worten die Braut leitet und einem
jeglichen sein Amt weist und sowohl am Standesamt als in der Kirche für
die gute Ordnung sorgt. Er war in schwarzer Wichs, seine Lackschuhe und
sein Zylinder glänzten, und Handschuhe und Halsbinde schimmerten in
reinstem Weiß. Mit der Haltung eines Kavaliers stand er an der
geöffneten Tür und sagte: »Verehrte Herrschaften, d'Wägn wärn da! Darf
ich bitten?«
Und er nahm zuerst die Kranzljungfern vor und geleitete sie zu einem
Wagen; dann kamen die Beiständer und mein ältester Bruder, hierauf die
Schwester der alten Haslerin und meine Firmpatin, die Nanni, sowie die
beiden Stiefschwestern meines Vaters. In dem vierten Wagen saß der
Bräutigam und sein Vater, und im fünften endlich nahmen ich und die
Haslermutter Platz.
Während der kurzen Fahrt zum Standesamt redeten wir nichts. Als wir
vorfuhren, hatte sich eine kleine Menge Neugieriger, sowie eine Horde
Kinder angesammelt, und während der Brettlhupfer sich eifrig umtat, uns
die bei einer solchen Gelegenheit übliche Ordnung zu geben, konnte man
aus dem Spalier der Gaffenden allerlei Bemerkungen hören: »Ah, der
Breitigam is sauber!« rief eine junge Köchin, die mit aufgestülpten
Ärmeln dastand. »Wia nur der dö Molln mag, dö aschblonde!«
»Dö werd scho a Geld g'habt habn!« erwiderte eine ältere Frau, an deren
schmutzigem Kittel zwei noch schmutzigere Kinder hingen.
In dem Augenblick humpelte ein altes Weiblein auf seinem Krückstock
daher und hielt seine verkrüppelte Hand hin: »Gott g'segn an Ehestand,
schöne Braut! Derft i bittn um a freundliche Gab!«
Ich hatte nichts, was ich ihr geben konnte, da ich ja kein Geld besaß.
Die alte Haslerin schimpfte über die Frechheit des alten Mütterleins und
prophezeite mir großes Unglück durch diese Begegnung. Mein Hochzeiter
aber griff in die Tasche und langte ein neues Markstück heraus, das er
der Alten mit den Worten gab: »Aber nix Schlechts derfan S' uns
wünschen, Muatterl, verstandn!«
»I, wia wer i denn so gottvergessn sei!« schmunzelte das Weiblein und
humpelte davon.
Und während sich die Umstehenden über den Zwischenfall unterhielten,
begaben wir uns in den im ersten Stockwerk gelegenen Vorsaal des
Standesamts.
Der Brettlhupfer flüsterte aufgeregt mit den Trauzeugen, gab den
Verwandten Weisung, wo sie sich hinzustellen hatten und ermahnte dann
die Kranzljungfern noch, beim Aus- und Eingehen recht achtzugeben, daß
sie nicht zu stark an der Schleppe zögen: »Net, daß uns d'Braut z'letzt
hi'fallt!«
Mit einem Male taten sich vor uns zwei Flügeltüren auf, und wir gingen
in schöner Ordnung in den Trauungssaal. Voran der Bräutigam und ich an
seinem Arm. Dahinter die trippelnden Kranzljungfern, dann die
Trauzeugen, die mit langen Schritten rechts und links von uns Platz
nahmen, und darauf kamen die andern; doch sah ich sie nicht mehr, da
mich nun die Handlung ganz in Anspruch nahm.
Der Brettlhupfer hatte dem Diener des Standesbeamten das Schächtelchen
mit den Trauringen übergeben, und der legte diese nun auf eine schöne,
silberne Platte, worauf der Standesbeamte unsere Namen verlas und eine
sehr weihevolle Ansprache über die soziale Wichtigkeit der Ehe, über
ihre Wirksamkeit, sowie über die Pflichten und Verantwortungen der
Eheleute hielt. Danach kamen die Trauzeugen daran, und es wurde ihnen
auch eine kleine Rede gehalten, worauf die eigentliche Trauung vor sich
ging. Wir erhielten die Ringe, steckten sie uns gegenseitig an die
Rechte und beantworteten die feierlichen Fragen des Beamten mit
kräftigem Ja. Dann wurde noch etliches gesprochen, was mir aber nicht
mehr erinnerlich ist, da ich mit einem Male so erregt war, daß ich weder
hörte noch sah und nur mechanisch am Arm meines vor der Welt nun mir
angetrauten Gatten zum Wagen ging.
Diesmal war die Ordnung eine andere; denn ich saß neben dem Benno, und
wir fuhren nun zum Photographen. Die andern Wägen hatten uns zwar
begleitet, doch stieg niemand aus und fuhren sie, indes wir uns da
aufhielten, spazieren. Der Brettlhupfer aber war bei uns geblieben und
half mir nun mit viel Anmut aus dem Wagen, hielt mir die Schleppe und
trug sie mir bis zum Empfangssalon des Photographen. Wir waren schon
gemeldet und kamen daher sofort daran, obwohl noch mehrere Leute
warteten.
Während des Photographierens hatte der Benno eine kleine
Auseinandersetzung mit dem Meister; denn als er seinen Arm um meine
Schulter legte, sich fest an mich schmiegte und mit seligem Gesicht
meinte: »Jatz standn ma ganz schö, net wahr?« da zog ihm der Photograph
wortlos den Arm wieder herab, schob uns auseinander und sagte: »Net so
stürmisch, Herr Hasler, net so stürmisch! Dös kommt später!«
Der Benno war darüber so gekränkt, daß er ein ganz rotes Gesicht bekam
und so ernst und geknickt dreinsah, daß die Verwandten, als sie nach
etlichen Wochen die Bilder sahen, sich darüber lustig machten und
meinten: »Aber Benno! Du schaugst ja auf dem Bildl aus, als obst zum
Köpfa ganga warst, statt zum Heiratn!«
Als die Aufnahme gemacht war, kam wieder der Brettlhupfer und geleitete
uns hinaus; doch zu meinem Staunen kam ich nun wieder in den Wagen
meiner Schwiegermutter, während der Benno zu seinem Vater hineinstieg.
Auf meine Frage, warum dies geschehen sei, sagte mir die Frau Hasler,
daß ich vor Gott noch nicht Bennos Frau sei, deshalb dürfe ich auch noch
nicht mit ihm zusammen fahren. Ich war es zufrieden und blieb während
der übrigen Fahrt wieder schweigend.
Das hohe Portal unserer Pfarrkirche stand weit offen, und feierliches
Orgelspiel empfing uns beim Eintritt in das Gotteshaus. Voran gingen die
Verwandten, dann die Trauzeugen und zuletzt wir und die Brautjungfern.
Nur wenige Leute waren anwesend, und ich sah mich ein wenig um, ob nicht
ein Bekanntes darunter wäre. Da sehe ich plötzlich hinter einem der
mächtigen Pfeiler das verzerrte Gesicht meiner Mutter auftauchen; sie
stand da ohne Hut, im Wirtschaftsgewand und in der weißen Schürze, nur
ein leichtes Tuch um die Schultern gelegt und starrte mit glühenden
Augen auf den Zug. Und wie sie mich erblickte, da streckte sie den Kopf
weit vor. Ich konnte nicht mehr hinsehen und hing mich fest an den Arm
meines Bräutigams, und es bemächtigte sich meiner eine solche Bewegung,
daß ich ohne alle Fassung zu schluchzen begann und nicht aufhörte
während der Trauung und der feierlichen Messe.
Die Verwandten hatten in den Chorstühlen neben dem Hochaltar Platz
genommen; mein Bräutigam und ich knieten uns auf einen rotsammetenen
Betstuhl, der vor dem Altar stand, während die Trauzeugen sich rechts
und links von uns aufstellten.
Da trat der Pfarrer im reichen Chorhemd, angetan mit der weißen Stola,
aus der Sakristei, und es begann die heilige Handlung. Nach einer
ernsten Ansprache legte er dem Bräutigam die Frage vor: »Herr Benno
Hasler, wollen Sie sich mit der Jungfrau Magdalena Christ in den
heiligen Stand der Ehe begeben und darin verbleiben, bis der Tod Sie
scheidet, so sprechen Sie >ja<.«
Mit lautem, bestimmtem »Ja« antwortete mein Verlobter, und nun kam die
Frage an mich. Kaum vernehmlich und in Schluchzen fast erstickt war
meine Antwort.
Nach dieser Ablegung des Ehegelübdes faßte der Priester unsere Hände,
legte sie zusammen, wickelte seine Stola darum und machte unter
weihevollen Gebetsformeln das Zeichen des heiligen Kreuzes darüber.
Danach besprengte er uns mit Weihwasser und betete mit lauter Stimme,
worauf er die Trauringe weihte. Unter abermaligen feierlichen Gebeten
reichte er uns sodann dieselben, und wir steckten uns diese Symbole der
unverbrüchlichen Treue und unwandelbarer Freundschaftsliebe an, worauf
wir mit dem Priester das Paternoster beteten.
Damit war die eigentliche Trauung beendet, und der Pfarrer trat wieder
in die Sakristei, um sich zur Messe zu bereiten.
Während derselben versuchte ich immer wieder meiner Bewegung Herr zu
werden, doch gelang es mir nicht, und als unter der Kommunion des
Priesters das Schubertsche Ave Maria ertönte, konnte ich mich nicht mehr
fassen und weinte laut auf. Da flüsterte mir mein Bräutigam zornig zu:
»Hör do auf mit dem Getrenz! Hättst ja grad naa sagn brauchn, wenn's di
so reut!«
Das brachte mich plötzlich wieder zu mir, und ich wurde still und das
Gefühl einer kühlen Gleichgültigkeit kam über mich und verließ mich den
ganzen Tag nicht mehr.
Nach dem Meßopfer sang der Chor das Tedeum, und der Priester erteilte
uns mit aller Feierlichkeit den Brautsegen. Dies war eine große Ehre;
denn derselbe wird sonst nur bei ganz großen, festlichen Hochzeiten
gespendet.
Als wir uns zum Gehen ordneten und über die Stufen des Hochaltars
hinabschritten, sah ich, daß inzwischen eine große Menge Bekannter und
auch andere Neugierige gekommen waren; meine Mutter aber konnte ich
nicht mehr erblicken. Sie war wohl schon früher nachhause geeilt, um für
das Mahl zu sorgen.
Beim Wegfahren von der Kirche durften ich und mein Bräutigam in der
eigentlichen Brautchaise Platz nehmen, und half er mir mit großer
Ritterlichkeit beim Einsteigen. Er schlang auch gleich seinen Arm um
mich und küßte mich wiederholt und fragte mit zärtlicher Stimme:
»Kimmt's dir net hart o, daß d'furt muaßt vo dahoam und mit mir geh?«