»Ja, zum Beten und Singen und ...«
»Und daß ich schnell ein andächtigs Busserl draufgib, Schwester!« rief
ich dazwischen, und ehe sie sich dessen versah, hatte ich sie geküßt.
Ganz erschrocken schob sie sich den Schleier zurecht und zupfte an ihrem
Habit herum; doch sagte sie nichts und schalt mich auch nicht, wie ich
befürchtet.
Als wir in den Saal traten, sah ich unter ihrem Schleier über dem
rechten Ohr einen Wusch goldroten Haars hervorlugen; ich sagte es ihr,
und da rief sie mit komischem Entsetzen: »Was sagst, die Welt guckt
raus? Ob ihr gleich z'rück wollt, ihr fuchsigen Locken!« Und eiligst
strich sie sie einige Male unter dem Häubchen zurück.
Seit diesem Tag waren wir die besten Freunde, und sie sagte mir im
Vertrauen, daß eben unser herzliches Verhältnis zu einander den
eigentlichen Anlaß zu dem Zwist gegeben hätte, daß sie mich aber,
solange es den Obern recht sei, sehr lieb haben wolle. Ich solle nur mit
allen freundlich und besonders gegen eine alte, von der Präfektin wegen
ihres Reichtums, den sie dem Kloster geschenkt hatte, sehr begünstigte
Musikkandidatin recht höflich und zuvorkommend sein.
Erst war ich über diesen Rat sehr verwundert; bald aber erkannte ich
selbst, daß meines Bleibens in diesem Hause nur dann sein könne, wenn
ich, wie man sagt, mit den Wölfen heulte, obschon mir jede Art von
Scheinheiligkeit zuwider war.
Schwester Cäcilia mochte wohl auch erst nach langem Kampf zu dieser
Anschauung gekommen sein; denn sie war im übrigen so freimütig und
offen, daß sie einen absoluten Gegensatz zu den andern Nonnen bildete.
Dieser offene Charakter war übrigens auch ihren Familienangehörigen
eigen. Ihr Vater, der Schullehrer in dem Ort war und im Kloster den
Kandidatinnen und Lehrschwestern Unterricht im Geigen- und Cellospiel
gab, darin er selbst ein Meister war, hatte wegen seiner geraden Art
viele Feinde. Er hielt sehr auf ein furchtloses, freies Wesen und haßte
die kriechende Unterwürfigkeit, die sich unter den Nonnen so gern breit
macht und meistens der Deckmantel für Ränke und Heimtücke wird. Kam er
zu uns, so begrüßte er erst seine Tochter mit den Worten: »Guta Tag,
Cilli! Magscht's Tagblättla lesa?« Und damit zog er das Blatt aus der
Tasche, obwohl es eigentlich verboten war, Zeitungen zu lesen. Dann
sagte er, zu uns gewendet: »So, meine Damen, ka' i afanga? Ischt's
g'fällig?«
Während des Unterrichts trieb er viel Kurzweil mit uns, so daß es mir
oft schien, als sei ich nicht in einem Kloster, sondern bei einem alten
Bekannten zu Besuch.
So war denn mein Leben ein ganz angenehmes geworden, und ich ertrug die
Bosheiten der Mißgünstigen um so leichter, als ich nicht die einzige
Gehaßte und Verfolgte war. Es waren vielmehr eine Reihe jüngerer Mädchen
von den Günstlingen der Präfektin dieser als bösartige, ränkesüchtige
Personen geschildert worden, weshalb es täglich bei der morgendlichen
Betrachtung Strafen und Bußen regnete.
So schüttete die Präfektin eines Morgens ihren heiligen Zorn über einige
unglückselige Mädchen aus, die ihre Waschtoilette nicht rein gehalten
und die Schuhe im Schlafsaal nicht aufgeräumt hatten. Sie wurden damit
bestraft, daß die eine die Schuhe an einer Schnur über die Schulter
gehängt bekam, während der andern ein Zettel an die Brust geheftet
wurde, des Inhalts: »So wird die Schlamperei bestraft.«
Einem andern Mädchen, das eine Notlüge gebraucht hatte, wurde ein roter
Flanellappen in Form einer Zunge an den Rücken gesteckt, und eine
dritte, die mit einem Pflegling gesprochen hatte, wurde, da dies streng
verboten war, in Acht und Bann erklärt, das heißt, es wurde ihr das
schwarze Schulterkräglein, das Abzeichen der Kandidatur, auf die Dauer
eines Monats entzogen und allen übrigen aufs strengste verboten, mit der
Unglücklichen während dieser Zeit zu sprechen.
Solchen Befehlen wurde von allen blindlings Folge geleistet; denn die
Präfektin stand im Geruche großer Heiligkeit, und man erzählte sich im
geheimen, daß sie sich oft des Nachts geißle und kasteie: man habe
manchmal, wenn man zur nächtlichen Betstunde in die Kapelle ging,
deutlich aus ihrer Zelle das Klatschen der Geißelhiebe und inbrünstiges
Seufzen und Rufen vernommen. Auch sei sie wiederholt mit der Erscheinung
ihres himmlischen Bräutigams beglückt worden.
An manchen Tagen schien sie auch wirklich zu leuchten und rief während
der geistlichen Lesung wiederholt aus: »Kinder, lernet Jesum lieben! Wie
süß ist die Liebe zu ihm!«
Zugleich mit dem Amte einer Präfektin war ihr auch das einer
Novizenmeisterin zuteil geworden, und so lernten die jungen Nonnen gar
bald diese Liebesbezeigungen gegen ihren göttlichen Meister und übten
solche mit heroischem Eifer. Stundenlang konnte man oft Novizinnen vor
dem Tabernakel knien sehen, die Arme ausgebreitet und die Augen
unverwandt auf das Altarbild geheftet, das Christum in ganzer Figur
darstellte.
Doch nicht bloß am Tage wurde der Heiland von seinen Bräuten aufgesucht,
nein, auch während der Nacht waren Betstunden festgesetzt, auf daß der
Herrgott auch zu der Zeit, in der die Kreaturen ruhen und schlafen,
gebührend verherrlicht werde durch die ewige Anbetung.
In der Kandidatur setzte man nun auch seinen Stolz darein, an diesen
Stunden teilzunehmen, und das traf immer je vier für die Kapelle des
Mutterhauses, je vier für die Pfarrkirche und vier für die Kapelle des
Neubaues.
So war auch ich einmal nachts um die zweite Stunde mit drei anderen
Beterinnen in der Kapelle des Neubaues und unterdrückte krampfhaft und
gähnend den Schlaf. Da öffnete sich plötzlich die Tür und herein lief
eine nur mit dem Nachthemd bekleidete Nonne, warf sich vor dem Altar auf
die Knie und begann mit dem Ruf: »Jesus, brennende Liebe!« sich
furchtbar zu geißeln.
Wir waren starr vor Schreck und Staunen, und mich packte Grauen und
Entsetzen. Die älteste von uns vieren aber meldete den Vorfall andern
Tags der Präfektin, die uns strengstes Schweigen gegen jedermann gebot.
Solche und ähnliche Vorgänge flößten mir einen großen Abscheu gegen das
Ordensleben ein, und ich äußerte dies auch des öftern gegen Schwester
Cäcilia, sie fragend, ob sie sich auch so mißhandle. Da meinte sie
lächelnd: »Ich komme nicht dazu; denn ich muß mich den ganzen Tag mit
euren Stimmen ärgern und plagen und brauche deshalb die Nacht zum
Schlafen. Ich kann kaum meine Tagzeiten beten vor Arbeit.«
Da erbot ich mich, diese Pflicht mit ihr zu teilen, und benützte von nun
an jede freie Stunde dazu, ihr einige Dutzend Psalmen und Paternoster
abzunehmen oder die Vesper, Sext und Non gemeinsam mit ihr zu beten,
wofür sie mir viel Dank wußte und mich nicht selten vor Strafe bewahrte,
wo ich sie verdient hatte.
Inzwischen war die Fastnacht mit ihrem bunten Treiben gekommen, und auch
die Nonnen vergaßen für kurze Zeit, sich zu kasteien, und schlossen sich
lieber dem Hofstaat des närrischen Prinzen an und versammelten sich
mitsamt den Obern und Geistlichen im großen Refektoriumssaal, der in ein
Theater umgewandelt war, um sich an den heiteren Singspielen zu
ergötzen, die ihnen Kandidatinnen und Jungfrauen aufführten.
Auch den ärmsten von allen den Pfleglingen der verschiedenen Abteilungen
wurden mannigfache Belustigungen geboten und sogar etliche dem dürftigen
oder zerrütteten Geist angepaßte Schwänke aufgeführt, bei denen die
dafür geeigneten Leidenden selbst mitwirken durften.
Damit aber diese Lustbarkeit nicht etwa in den Herzen der gottgeweihten
Frauen und Jungfrauen ein Verlangen nach den Freuden der Welt zeitige,
beschloß man den Fasching mit einem frommen Theaterstück, in welchem die
Glorie irgendeiner heiligen Nonne oder Jungfrau ins hellste Licht
gerückt und sie als Muster und Vorbild verherrlicht wurde.
Zu dieser Zeit hatte ich viel Arbeit; denn bei den Fastnachtsspielen
waren mir die ersten Rollen zugeteilt worden, und nun stand der Tag des
heiligen Josef, an dem der Bischof die Einkleidung und Profeßabnahme im
Kloster vornahm, vor der Tür. Es war dies der festlichste Tag im ganzen
Jahr, und alles rüstete sich schon lange vorher, ihn würdig zu begehen.
Ich erwartete das Fest mit großer Erregung, da meiner sowohl in der
Kirche als auch im Festsaal und beim Mahle schwere Aufgaben harrten.
Doch war Schwester Cäcilia nach der letzten Probe sehr zufrieden mit mir
und meinte: »Mädl, wenn du morgen so gut singst, hebst die ganze
Pfarrkirche in den Himmel; ich bin recht zufrieden.«
Als dann der Morgen des Festes gekommen war, regte sich's im Kloster wie
in einem Bienenkorbe: geschäftige Nonnen huschten durch die Gänge, den
Arm voll Myrtenkränzlein, weißer Nonnenschleier oder Skapuliere, und
eilten in die Zellen, um die jungen Gottesbräute zu schmücken und zu
kleiden. Große Girlanden wurden aufgehangen und die Kapellen geziert,
und die älteren Klosterfrauen liefen mit kritischem Blick herum, hier
zupfend, dort stäubend, überall noch die letzte Hand an die Dekorationen
legend und den Kandidatinnen die ihnen zukommenden Handreichungen und
Arbeiten anweisend und erklärend.
Wir hatten uns nach dem Frühstück im Musiksaal versammelt, um unsere
Aufgabe noch einmal flüchtig durchzugehen. Da krachten zahlreiche
Böllerschüsse von Kamhausen herüber, zum Zeichen, daß der Bischof dort
angelangt und, empfangen vom Klerus und den Obern des Klosters, sich auf
dem Wege zu uns befinde.
Rasch ordneten wir uns in der Einfahrtshalle und begrüßten den
Ankommenden mit einer Jubelhymne, während draußen alle Glocken geläutet
wurden.
Inzwischen schritten die bräutlich weiß angetanen Jungfrauen und
Novizinnen zur großen Pfarrkirche, in der schon ihre Angehörigen
zahlreich versammelt waren. Danach kamen die älteren Schwestern, und um
acht Uhr begann die Feier.
Brausend tönte die Orgel durch das Gotteshaus, und nach einer Ansprache
des Bischofs traten die Bräutlein alle vor den Hochaltar, fielen auf ihr
Angesicht nieder und beteten laut das Confiteor. Danach empfingen sie
aus der Hand des Bischofs den Leib dessen, dem sie sich nun auf ewig
antrauen wollten.
Mit ausgebreiteten Armen verharrten sie während des Hochamts in Gebet
und Verzückung und schienen nun ganz und gar losgelöst von der Welt.
Bis dahin war ich meiner Aufgabe ganz gerecht geworden; als sich aber
nach dem Hochamt die Novizinnen auf die Erde warfen und mit einem
schwarzen Bahrtuch überdeckt wurden, zum Zeichen, daß sie nun auf ewig
für die Welt gestorben seien, und der Bischof ihnen die ewigen Gelübde
der freiwilligen Armut, der steten Keuschheit und des blinden Gehorsams
abnahm und einer Jungfrau nach der andern das Haar abschnitt und sie mit
dem Ordenshabit der Novizinnen bekleidete, da packte mich ein Grauen und
in mir schrie es: »Nie, niemals werd ich Nonne! Niemals!« und ich
begriff nicht, daß andere Mädchen so glückselig ausschauen konnten. Mein
Entsetzen war so groß, daß ich den Einsatz verpaßte und erst nach
längerer Zeit merkte, daß, hätte nicht Schwester Cäcilia mich beobachtet
und im rechten Augenblick für mich eingesetzt, sicher ein Unglück
geschehen wäre.
Ich konnte kaum das Ende der kirchlichen Feier erwarten und rief nachher
im Musiksaal meiner Lehrerin zu: »Schwester, das weiß ich g'wiß: ich
werd keine Klosterfrau! Ich sollt meine schönen Haar hergeben? Nein,
niemals!«
Doch hatte ich den übrigen Tag keine Zeit mehr, viel an das Vergangene
zu denken; denn auf die Tafelgesänge folgte die Nachmittagsandacht und
am Abend wurde noch ein Theaterstück, die heilige Agnes, aufgeführt. Ich
kam endlich todmüde ins Bett und schlief rasch ein; doch quälten mich
wirre Träume, und es war mir, als läge ich auf einem Altar und man habe
ein Leichentuch über mich geworfen, während mir meine Zöpfe
abgeschnitten und in einen Sarg gelegt wurden. Aber ich sah nirgends
einen Priester, noch den Bischof und lauter fremde Nonnen waren um mich.
Das Fest währte drei Tage, und auch die Pfleglinge und Kranken durften
daran teilnehmen. Es ward ihnen an diesen Tagen auch manches
nachgesehen, was man sonst unnachsichtlich bestraft hätte; denn es waren
unter ihnen viel bösartige und heimtückische Geschöpfe, zu deren
Bändigung es oft strenger Mittel bedurfte, wie Zwangsjacken,
Hungerkuren, finsterer oder vermauerter Zellen und dergleichen.
Freilich geschah es mitunter auch, daß der eine oder die andere in einer
solchen Zelle vergessen wurde. Da die Kerker sich alle unter dem Dach
befanden, konnte man oft zwei, drei Tage lang ein entsetzliches Heulen
und Wimmern hören; doch wußten nur wenige, woher es kam, und diese
hüteten sich wohl, es uns Neulingen zu sagen.
Dafür ging im Kloster seit langem das Gerücht, auf dem Dachboden seien
Gespenster; man erzählte von sündhaften Mönchen, die für ihre geheimen
Missetaten also gestraft worden seien, daß sie in Ewigkeit keine Ruhe
fänden, sondern ihre Geister im Kloster umgehen müßten zum warnenden
Beispiel für alle, die darin lebten.
So geschah es auch einmal, als ich mit einer andern Kandidatin auf den
Speicher gegangen war, um dort unsere Garderobeschränke in Ordnung zu
bringen, daß wir plötzlich ganz in unserer Nähe ein dumpfes Schlagen
hörten, während vom Bretterboden dichter Staub aufwirbelte. Unter lautem
Schreien liefen wir zitternd zur Schwester Cäcilia und berichteten ihr
den Vorfall. Nachdenklich ging sie mit uns nochmals hinauf und wir
suchten den ganzen Speicher ab. Da fanden wir, daß eine tobsüchtige
Frau, von uns die Putzmarie genannt, weil sie den ganzen Tag mit einem
Schaff Wasser und einer Putzbürste herumlief und scheuerte, seit vier
Tagen hier eingeschlossen war und beständig auf den losen Bretterboden
sprang, um gehört zu werden; denn sie war schon dem Verschmachten nahe.
Schwester Cäcilia veranlaßte sofort ihre Befreiung, und die Alte war ihr
so dankbar dafür, daß sie alle Tage den Musiksaal putzen wollte. Als ihr
das aber nicht gestattet wurde, schüttete sie laut schimpfend ihr
Schäfflein Wasser auf den Gang und begann nun hier zu fegen und zu
wischen. Man ließ sie gewähren; denn ihre Pflegeschwester hatte
derweilen die Hände voll Arbeit mit anderen Kranken. Es waren dies
geistesschwache Kinder im Alter von zwei bis zehn Jahren, die jetzt mit
dem beginnenden Frühjahr in den sogenannten Kreuzgarten getragen wurden,
der in Wahrheit nur ein armseliges Wieslein zwischen vier hohen
Klostermauern war. Hier hockten und lagen sie nun in den seltsamsten
Stellungen, viele in einer Zwangsjacke, deren lange Ärmel auf dem Rücken
zusammengeknüpft waren, so daß es ihnen unmöglich war, die Hände zu
gebrauchen; denn die meisten von ihnen fraßen das Gras, Steine, Erde
oder gar den eigenen Unrat. Zwei Schwestern eilten beständig von einem
zum andern, um sie vor Schaden zu bewahren. Doch diese armen Wesen, die
in ihren Bedürfnissen so anspruchslos waren, machten viel weniger Mühe
als jene, von denen behauptet wurde, sie seien besessen.
Unter diesen bedauernswerten Geschöpfen war besonders eines, das mich
lebhaft anzog, ein ungefähr zwölfjähriges Mädchen, welches, da es aus
sehr vornehmer Familie stammte, bei uns Kandidatinnen Aufnahme fand,
obschon es eigentlich auch in die Abteilung jener Armen gehörte, für die
niemand zahlte. Das Kind war klein und von zierlichem Wuchs; sein
zartes, milchweißes Gesichtlein, aus dem ein paar große braune Augen
erschreckt in die Welt sahen, war von reichem, kastanienbraunen Haar
umrahmt, das man ihr fest und glatt zurückgekämmt hatte. Obwohl nun die
Schwestern das Wasser und auch Pomaden beim Kämmen nicht sparten,
erschienen doch, allen Bemühungen zum Trotz, jeden Vormittag aufs neue
an ihren Schläfen zuerst kleinere, wirre Löckchen, bis dann nach wenig
Stunden sich Locke an Locke um ihre Stirn ringelte, was dem Gesicht
etwas ungemein Liebliches gab. Sie hieß Margaret und war sehr klug, in
manchen Dingen sogar erfinderisch; auch lernte sie leicht und erfaßte
rasch und mit feiner Beobachtung. Legte man ihr aber den Katechismus
oder sonst ein religiöses Buch vor, so weigerte sie sich hartnäckig,
daraus zu lesen oder zu lernen und war durch die strengsten Strafen und
Züchtigungen nicht dazu zu bewegen. Man ließ sie tagelang hungern, die
ekelerregendsten Dinge verrichten; man gab ihr nachts ein hartes Lager
und wies ihr schwere Arbeiten an; sie ließ alles mit sich geschehen,
ohne zu klagen. Man schlug sie grausam mit einem Stock und verbot uns
aufs strengste, mit ihr zu reden; umsonst, sie blieb auf alle religiösen
Fragen stumm, während sie in allen übrigen Lehrfächern gute Antworten zu
geben wußte. Sie tat mir herzlich leid, und ich übertrat manchmal im
geheimen das Verbot und sprach mit ihr. Da fand ich, daß sie sehr munter
plauderte und ein überaus liebenswürdiges und geselliges Mägdlein
gewesen wäre. Aber sie begann gar bald zu kränkeln und kurz vor meinem
Austritt starb sie an galoppierender Schwindsucht.
Dieser Krankheit erlagen übrigens auch gar viele Nonnen und Jungfrauen,
und auch zahlreiche Pfleglinge wurden davon ergriffen. Die meisten Opfer
standen im Alter von zwanzig bis dreißig Jahren; manche waren noch
jünger. Es wurde ein eigener, großer Fleck Landes von dem Superior
angekauft und in einen Friedhof verwandelt, in dem die Kreuzlein bald so
dicht standen, wie die Nonnen Sonntags in den Kirchenstühlen saßen.
Da schien es mir nicht verwunderlich, daß jede Nonne angesichts des
großen Sterbens beizeiten schon des Himmels gewiß sein wollte und darum
eifrigst auf ihr Seelenheil bedacht war, welches Bestreben durch die
Klostergeistlichen treulich gefördert und unterstützt wurde.
Unter ihnen war auch ein Kurat, welcher sowohl in seinem Äußern als auch
in bezug auf seine große Strenge in Dingen der Sitte und Reinheit ganz
dem heiligen Aloysius glich. Er ward daher von jedermann nur Pater Sankt
Aloysius genannt und als Muster reiner Sitten gepriesen. Von mancher
Nonne ward er sogar als Heiliger verehrt, bis sich eines Tages diese
Verehrung in großen Zorn und Abscheu verwandelte, als man nämlich
erfuhr, daß dieser tugendsame Priester eine Lehramtskandidatin, ein
wohlgebautes, etwa zwanzigjähriges Mädchen, das schon fünf Jahre dort
weilte, des öfteren abends mit sich ins Stüblein nahm und erst nach
mehreren Stunden daraus entließ. Kandidatinnen, die zur nächtlichen
Betstunde gingen, hatten sie aus seinem Zimmer schleichen sehen und dann
bemerkt, wie eine alte Nonne wütend aus einer Nische hervorsprang, die
Erschrockene aus dem Halbdunkel ans Licht zerrte und laut beschimpfte.
Also hub ein großes Geschrei an, und sowohl die Sünderin, als auch der
Priester mußten das Kloster verlassen.
Der Geistliche, welcher dem Pater Sankt Aloysius im Amt folgte, war
schon ein alter Herr und besaß die üble Gewohnheit, während der Beicht
immer einzuschlafen, wodurch die Nonnen ihr Seelenheil gefährdet
glaubten und nicht eher ruhten, bis wieder ein junger, strenger
Benefiziat an seine Stelle kam.
Mit wahrem Feuereifer waltete dieser seines Amtes und war unermüdlich
darauf bedacht, alle Seelen ringsum vollkommen und makellos zu machen.
Besonders Verfehlungen gegen die Kardinaltugend des Ordens, den heiligen
Gehorsam, ahndete er mit unnachsichtlicher Strenge und gab denen, die
sich in der Beicht eines derartigen Vergehens anklagten, die schwersten
Bußen auf.
Trotzdem wurde mir die Ausübung dieser Tugend nicht leicht. Es war kurz
vor dem Weihnachtsfest, dem zweiten, das ich im Kloster verlebte, daß
ich mich schwer gegen dieselbe versündigte.
Um diese Zeit war ein großes Paket von meiner Mutter angekommen, das
meine Weihnachtsgeschenke enthielt. Darunter war auch eine schwarze
Kleiderschürze mit langen Ärmeln, wie ich sie mir schon seit langem
gewünscht hatte. Doch ich hatte sie noch nicht anprobiert, als schon ein
Befehl unserer Präfektin kam, ich solle diese Schürze sofort in das
Nähzimmer geben, damit man mir zwei kleine daraus mache; denn so sei
dieselbe ganz gegen die heilige Armut und ich dürfe so etwas nicht
tragen. Da sie mir sehr wohl gefiel, konnte ich mich nun lange nicht von
ihr trennen und legte das schöne Stück einstweilen auf den Speicher, wo
ich sie alle Tage ans Licht zog und wehmütig mit der Hand darüberstrich,
sie an mich hinhielt, wieder zusammenlegte und sorgfältig versteckte.
Eines Tages aber ward die Versuchung, die Schürze einmal anzuziehen, in
mir so mächtig, daß ich nicht mehr widerstehen konnte. Ich schlich mich
also in die Garderobe, zog sie aus dem Koffer und schlüpfte rasch
hinein, dann trat ich ans Speicherfenster und besah mich in der blinden
Scheibe; denn Spiegel gab es nicht, und auch der meine war aus meiner
Nähschatulle entfernt und ein Heiligenbild an seine Stelle geleimt
worden. Da hörte ich plötzlich meinen Namen rufen, und herauf stürmte
eine Kandidatin: »Magdalena! Magdalena! Geschwind komm zu Schwester
Archangela! Es ist Probe für das Weihnachtsfestspiel!«
Ratlos sah ich mich um und zögerte mit dem Gehen, vergeblich an der
Unglücksschürze nestelnd und zerrend, um die Knöpfe am Rücken
aufzumachen; doch schon rief mir meine Kollegin zu: »Wenn du nicht
gleich kommst, melde ich deinen Ungehorsam!« und schickte sich zum
Gehen, worauf ich ihr folgte, immer noch bemüht, die Knöpfe aufzureißen.
Auf dem Gang kam mir die Präfektin schon entgegen. Vergeblich suchte ich
mich hinter der andern Kandidatin zu verstecken; sie hatte mich schon
erblickt und sah nun starr auf die verbotene Schürze, während ich
fühlte, wie mir abwechselnd Röte und Blässe über die Wangen lief. Auch
auf ihrem Gesicht erschienen ein paar hochrote Flecken, und mit den
Worten: »Da, dies für deinen Ungehorsam, Rotzmädel!« gab sie mir ein
paar heftige Schläge ins Gesicht. Darauf führte sie mich zum Superior
und erzählte ihm meine Sünde.
Der greise Priester kündigte mir, nachdem er also schwere Anklagen gegen
mich vernommen hatte, meine Entlassung an, indem er sprach: »Mache dich
bereit, in drei Tagen bist du des Gehorsams ledig!«
Zwei Tage später kam ein Brief meiner Mutter, in dem sie ihren Besuch
für Weihnachten ankündigte. Ich wollte mich trotzdem zur Heimreise
ankleiden und stand trotzig am Speicher und verschloß eben meinen
Koffer, als man mir meldete: »Du kannst noch bleiben, bis deine Mutter
kommt!«
Ich erwartete also mit nicht geringer Aufregung ihren Besuch, obschon
meine Lehrerin, Schwester Cäcilia, mir immer wieder Mut machen wollte:
»Hab doch keine solche Angst, Magdalena! Ich mach schon alles wieder
gut!«
Inzwischen hatte eine andere in dem Weihnachtsspiele meine Rolle
übernehmen dürfen; es war schon ein älteres Mädchen und hatte keine
Stimme, weshalb die Präfektin zu mir sagte: »Das soll deine Strafe sein,
daß du deine Partie zwar singen, aber nicht spielen wirst! Du hast dich
hinter ein Gebüsch zu knien und zu singen, und niemand wird deinen
Gesang bewundern, dafür werde ich sorgen!«
Und sie sorgte dafür; denn als meine Mutter, die man ebenfalls zu dem
Festspiel »Nacht und Licht« geladen hatte, nach Beendigung desselben mit
mir zusammen war, sagte sie: »Was war denn jetz dös, Leni? I hab doch
deutli dei Stimm g'hört, hab di aber nirgends g'sehgn. Oder hat am End
die Kloane, die's Licht g'macht hat, die gleiche Stimm wie du?«
Da erzählte ich ihr weinend die Geschichte von der Schürze und erwartete
mit Angst großen Tadel. Doch wider Erwarten gab sie mir nicht nur recht,
sondern ward sehr zornig und empörte sich über die Willkür, mit der man
ihr Vorschriften machen wolle, wie sie ihr Geld auszugeben habe: »Was?
Paßt hat's eahna net, daß i dir den Kleiderschurz g'schickt hab? I moan,
daß i um mei guats Geld kaafa ko, was i mag, und brauch koane von dene
Fluggen z'fragn, ob's arm g'nua is oder net!«
Als dann die Besuchsstunde bei den Obern gekommen war und meine Mutter
gebeten wurde, im Sprechzimmer zu erscheinen, ging sie mit großen
Schritten hinein und sagte nur ganz kurz: »Guten Tag.« Da hörte sie nun
nichts als Klagen über mein weltliches Betragen und besonders über den
frevelhaften Ungehorsam, den man mir mit den schärfsten Strafmitteln
vergeblich auszutreiben versucht hätte.
Schweigend und finster blickend hatte sie zugehört und sagte jetzt bloß:
»Herr Superior, lassen Sie's ihr Sach z'sammpacken, i nimm's mit hoam!«
Dies wurde ihr jedoch widerraten und man versprach ihr, es noch einmal
mit mir versuchen zu wollen, worein die Mutter nach einigem Sträuben
unter der Bedingung willigte, daß man mir meinen Fehler nicht weiter
nachtrage, sondern gut zu mir sei.
Also reiste sie am andern Tag wieder ab, ohne mich mitzunehmen. Beim
Abschied aber sagte sie noch: »Wenn wieder was is, na schreibst mir's;
halt di nur brav und folg jetzt!«
Ich hatte aber alle Freude am Klosterleben verloren und ging nun wie ein
Schatten herum, hatte nicht Lust noch Leid, aß nicht mehr und fing an zu
kränkeln. Und nach einigen Monaten schrieb ich meiner Mutter, daß ich
keinen Beruf zur Klosterfrau in mir verspüre; falls es ihr aber
unangenehm wäre, wenn ich wieder nach Hause käme, bliebe ich ganz gerne
als weltliche Lehrerin in der Anstalt.
Unsere Briefe wurden nun stets von der Präfektin kontrolliert, und so
blieb ihr meine Absicht nicht lange verborgen. Eines Morgens sagte sie
daher zu mir: »Was mußte ich sehen, Magdalena! Du willst dem Herrn das
Opfer deines Lebens also nicht bringen? Wie kannst du es dann wagen, den
andern armen Kindern, die bereitwilliger sind als du, das Brot
wegzuessen! Willst du nicht als Nonne hier sein, so brauchen wir auch
deine Kenntnisse nicht. Doch besinne dich, noch ist es Zeit; bedenke die
Vorteile, die Jesus seinen Bräuten bietet, und kehre nicht zurück in die
Welt!«
Trotz dieser Ermahnungen machte ich mich am Aschermittwoch, nachdem mir
meine Mutter geantwortet hatte, ich solle ruhig nach Hause kommen, der
Vater sei krank und man könne mich notwendig brauchen, zur Reise fertig
und nahm Abschied von den Obern. Sie ließen mich zwar ungern ziehen,
doch konnten sie mich nicht mehr halten. Die Präfektin aber rief:
»Magdalena, Magdalena, du bist verloren, du gehst zugrunde! Schon sehe
ich den Abgrund der Weltlichkeit, in den du fallen wirst. Doch geh in
Frieden, mein Kind, falls die Welt noch einen für dich hat!«
Gaffend umstanden mich die Kandidatinnen, als Schwester Archangela dies
gesagt, und als ich nun auch ihnen Lebewohl sagen wollte, da kehrten sie
sich verächtlich von mir ab und eilten in den großen Lehrsaal, um für
mich arme Verlorene zu beten.
Traurig ging ich nun zur Schwester Cäcilia. Sie brach in Tränen aus und
nahm mich in ihre Arme: »Nun bin ich wieder allein! O, warum gehen alle
wieder weg, kaum daß sie begonnen!«
Auch ich begann zu weinen, und sie tat mir von Herzen leid; denn während
meines eineinhalbjährigen Aufenthalts im Kloster waren vierzehn
Musikkandidatinnen eingetreten und nach kurzer Zeit wieder
davongelaufen. Nachdem sie mir noch alles Glück für kommende Zeiten
gewünscht hatte, entließ sie mich, und ich trat erleichtert in das
kleine Zimmerchen, das mich bei meinem Eintritt empfangen hatte. Während
ich dort auf mein Gepäck wartete, dachte ich noch über die Vorwürfe
nach, die man mir wegen meines Wegganges gemacht. Doch sie trafen mich
nicht schwer, da mir angesichts der ernsten Krankheit meines Vaters das
Verlassen des Klosters nicht als eine Schuld, sondern als eine
Kindespflicht erschien.
Eine Schwester, die mir mein Gepäck übergab und mir meldete, daß der
Stellwagen schon draußen sei, riß mich aus meinen Gedanken, und ich
stieg rasch ein. Oben hinter den Fenstern standen die Kandidatinnen und
blickten mir verstohlen nach. Ich sah noch einmal zurück, dann zogen die
Pferde an -- und dahin ging's.
Als ich nun so allein in dem Wagen saß, war es mir, als schwände in dem
Maße, in dem ich mich vom Kloster entfernte, auch alles Trübe, und
plötzlich kam eine so sonnige Heiterkeit über mich, daß mich die Welt
mit einem Male viel schöner dünkte, obschon draußen noch alles trotz des
beginnenden Märzes an den Winter gemahnte, und nur vereinzelte, unter
schmutzigem Schneewasser stehende Wiesen und die großen Pfützen auf den
Wegen den kommenden Frühling ahnen ließen.
Rasch trat ich in Kamhausen an den Schalter und löste meine Fahrkarte,
da der Zug schon bereitstand.
Während der Bahnfahrt hatte ich fast keine Zeit mehr, über das
Vergangene nachzugrübeln; denn die zahlreichen Passagiere aus den
verschiedensten Gegenden erregten meine ganze Aufmerksamkeit. War mir
doch im Kloster die ganze Welt samt ihren Wesen so fremd geworden, daß
ich mich nur ganz langsam, wie im Dunkeln tappend, wieder unter den
Menschen zurechtfand. Mit Ausnahme der Priester und Nonnen hatten sie
jetzt alle etwas Beängstigendes für mich; denn erstlich wurden im
Kloster alle außer den Geistlichen als Verlorene betrachtet, anderseits
aber in den eindringlichsten Worten vor ihnen als vor lauter Wölfen in
Schafskleidern gewarnt.
Ich besah mir also jeden einzelnen ganz genau, ob nicht irgend etwas
Auffälliges in seinem Wesen oder Äußern auf die verborgene Wolfsnatur
hinweise, und dabei drückte ich mich scheu in meine Ecke und hielt die
Augen halb gesenkt, wie ich es bei den frommen Frauen gelernt hatte;
doch ging mir trotzdem nichts von all dem verloren, was um mich her
geschah.
Mir gerade gegenüber saßen zwei elegant gekleidete Herren, aus deren
lebhafter Unterhaltung ich entnahm, daß sie Geschäftsreisende waren und
der eine in Augsburg, der andere in München zu tun hatte. Der erstere,
ein etwa Mitte der Dreißig stehender Mann von ausgesprochen jüdischem
Äußern, erzählte eben dem etwas jüngeren Reisegefährten, der mir von
gleichem Stamme zu sein schien, wie er die letzte Nacht in Ulm verbracht
hätte: daß er nicht nur die Tochter und das Stubenmädchen seines
Gasthofs, sondern auch noch die Frau Wirtin selbst erobert hätte.
Lachend fragte der andere halblaut, ob das Töchterl auch so bescheiden
und sittsam hergesehen habe, wie die junge Klostermamsell da drüben; und
zugleich fingen beide an, sich über meine Schüchternheit, sowie über
meinen halb klösterlichen, halb weltlichen Anzug lustig zu machen. Ich
wußte vor Verlegenheit kaum mehr aus noch ein und starrte mit hochrotem
Gesicht bald aus dem Fenster, bald vor mich hin.
Da erblickte ich weiter vorn einen alten Bauern, der auf einem
schmierigen Blatt seine Einnahmen vom Viehverkauf nachrechnete, wobei er
sich abwechselnd hinter den Ohren kraute oder heftig fluchte.
Am andern Ende des Wagens unterhielten sich lärmend etliche Soldaten,
die wohl auf Urlaub gehen mochten. In ihrer Nähe saß ein junges Mädchen
in ländlicher Kleidung und suchte sich vergeblich der Zudringlichkeiten
eines der Burschen zu erwehren. Dieser hatte die sich Sträubende fest um
die Hüfte gefaßt, und als sie sich endlich heftig von ihm losriß, fiel
sie einem andern auf die Knie, was ein brüllendes Gelächter zur Folge
hatte.
Ich war während dieser Szene immer erregter geworden und wollte schon
dem also gehetzten Mädchen zu Hilfe eilen, als der Zug mit lautem Getöse
in Augsburg einfuhr, wo ich umsteigen mußte.
Während der Stunden, die ich dort Aufenthalt hatte, ging ich in den Dom
und erbat mir von Gott Schutz auf meiner weiteren Fahrt; insonderheit
aber betete ich für die Bekehrung jener Soldaten.
Auf dem Weg zum Bahnhof kaufte ich mir noch Wurst und Brot. Beim Essen
aber fiel mir plötzlich ein, daß ja am Aschermittwoch strenger Fasttag
sei und man im Kloster heute gewiß dem üblichen Fasten auch noch große
freiwillige Abstinenz hinzufüge. Doch siegte am Ende mein Hunger über
die Gewissensbisse und ich aß mit großem Behagen.
Als ich dann unschlüssig vor dem Zuge stand und ein Schaffner meine
ängstliche Miene sah, wies er mir freundlich ein Frauenabteil an, und
ich kam ohne weiteren Zwischenfall nach München.
In dem lebhaften Gewühl des Hauptbahnhofs befiel mich mit einem Male
wieder große Angst vor den Menschen, und ich fühlte deutlich, wie ich
immer armseliger und kleiner wurde, während ich ganz nahe an den Wagen
und der Lokomotive vorbei dem Ausgang zuschlich.
Da fühlte ich mich plötzlich am Arm ergriffen, und als ich erschreckt
umblickte, stand lachend mein ältester Bruder vor mir und begrüßte mich:
»Ja, Leni, grüß di Gott! Bist du aber groß und stark wordn; i hätt di
bald net g'funden, so hast di verändert.«
Ich dankte ihm frohen Herzens, daß er mich erwartet hatte, und seine
Worte, ich sei so groß geworden, entrissen mich wieder etwas dem Gefühl
meiner Unbedeutendheit und Nichtigkeit und ich wurde ziemlich gesprächig
auf dem Heimweg.
Je näher wir unserem Hause kamen, desto mehr Bekannte trafen wir, und
immer wieder wurden wir von irgend einem neugierigen Weiblein aus der
Nachbarschaft aufgehalten; denn meine Eltern waren in dem Stadtteil sehr
beliebt und hatten weitaus die beste Gastwirtschaft des Viertels.
Vor dem Hause angelangt, traten wir gleich durch die Tür der Gaststube
ein. Kaum hatten mich unsere Stammgäste erblickt, sprangen sie auf und
riefen durcheinander: »Jessas, unser Lenerl is wieder da! Juhe!«
»Servus, Fräuln Leni!« »Grüß di Gott, Klosterfrau!« »Marie, 'n Humpen
her! Unser Lenerl soll leben!«
Während nun die Gäste meine Rückkehr durch einen kräftigen Rundtrunk
feierten, trat ich in die Schenke zu meinem Vater, ihn zu begrüßen. Er
sah recht leidend aus und meinte: »Höchste Zeit hast g'habt, Leni, daß
d'kommen bist, sonst hätt'st mir bald mit der Leich geh könna.« Hierauf
gab er mir einen Kuß und besah mich prüfend, ob ich auch mehr geworden
sei.
Inzwischen hatten mich meine andern Brüder und die Dienstboten umringt
und konnten nicht fertig werden, mein gutes und feines Aussehen zu
bewundern. Ich drängte mich lachend hindurch und trat in die Küche, wo
die Mutter geräuschvoll hantierte und das Mittagessen für die Gäste
fertig machte. Ich ging rasch auf sie zu, wollte ihr die Hand geben und
sagte: »Grüß dich Gott, Mutter!«
Ohne den Kochlöffel aus der Hand zu lassen, mit dem sie eben ein
Teiglein für das Blaukraut rührte, antwortete sie: »Ah, bist scho da,
grüß Gott! Laß nur, is scho recht; i hab fette Händ! Tu nur glei dein'n
Hut und dös Klosterkragerl weg und ziag an Schurz oo, na kannst glei
d'Supp'n und 'n Salat für d'Leut hergebn!«
Also begann ich wieder die Wirtsleni zu sein; und obschon mir anfangs
gar nicht wohl war in dem weltlichen Getriebe eines Gasthauses, so fand
ich mich doch bald wieder darin zurecht und stimmte im stillen oft der
Mutter bei, wenn sie den Leuten auf die vielen Fragen, warum ich nicht
im Kloster geblieben sei, antwortete: »Weil's a Schand wär, wenn dös
Mordsmadl im Kloster rumfaulenzen tät und d' Muatta dahoam fremde Leut
zahln müßt für d'Arbeit!«
Und an Arbeit fehlte es in unserm Hause niemals. Schon früh am Morgen
hieß es aus den Federn; um halb sieben Uhr stand ich in der Wirtsküche
und schürte den großen Herd, kochte Kaffee und bereitete die Speisen zum
Frühstück der Gäste. Dann holte ich aus dem Schlachthaus, wo der Vater
schon seit fünf Uhr mit dem Zerteilen von Kalb und Schwein, sowie mit
dem Wurstmachen beschäftigt war, eine große Mulde mit Weiß- und
Bratwürsten und ordnete sie auf große Platten.
Zugleich mit mir mußte auch die Küchenmagd an ihre Arbeit: das
Gastlokal, die Küche und Schenke, und was dazu gehörte, aufwaschen und
kehren; doch freute es mich jetzt nicht mehr, dabeizustehen und zu
horchen wie früher; denn die Zenzi vom Rottal war schon längst nicht
mehr da, und die gefühlvollen Lieder, welche die jetzige Küchenmagd bei
ihrer Arbeit sang, kannte ich schon alle.
Während ich nun gewöhnlich noch mit dem Anrichten der Würste beschäftigt
war, fuhr draußen der Wastl, der Bierführer, vor und rollte zehn bis
zwölf Banzen in die Schenke, von wo sie durch den Aufzug in den
Eiskeller befördert wurden.
Da der Wastl als Geizhals bekannt war, machte ich mir alle Tage das
Vergnügen, ihm den Teller mit den Weiß- oder Bratwürsten unter die Nase
zu halten, indem ich rief: »Wastl, heut san d'Weißwürst guat! Derf i dir
a paar auf d'Seitn legn?« worauf er mich immer grimmig anschrie: »Laß mi
aus damit!« dabei aber dem entschwindenden Teller doch einen
sehnsüchtigen Blick nachsandte.
War der Wastl fort, so kam das Flaschenbier, und da gab es immer eine
große Hetz, wenn der Dannervater, ein nicht mehr gar junger Bierführer,
der eine Frau mit neun Kindern fröhlich ernährte, die Hausmagd in die
Hüften kniff oder durch die Gaststube jagte und sie zu küssen versuchte.
Dann ertönte plötzlich aus dem Schlachthaus, das unterhalb der Schenke
gelegen war, ein lauter, strenger Pfiff des Vaters, und lautlos machte
sich der alte Sponsierer davon.
Währenddessen hatte ich in der Küche einen schweren Stand mit drei
Bäckerburschen, die alle leidenschaftlich in mich verliebt waren. Der
eine brachte uns täglich vier Markwecken und mir ein Blumensträußlein;
der zweite hatte Bretzen und Salzstangeln in seinem Korb und unter
seiner aufgerollten Bäckerschürze einen extra für mich gebackenen Zopf
oder eine riesige Zuckerbretzl. Der dritte aber, der uns die Semmeln und
das übrige Weißbrot brachte, schrieb mir jeden Abend eine Ansichtskarte
und wartete am Morgen bei mir in der Küche stets so lange, bis der
Postbote mit der Karte kam. Mit beredten Worten schilderte er mir
währenddessen die Schönheit derselben: »Freiln Leni, heut werdn S'
schaugn! Heut kriagn S' a Prachtstück von a ra Künstlerkartn! Sehgn S',
für Eahna tu i alles; da reut mi koa Geld! Dö heutige Kartn kost fufzehn
Pfenning; aba wenn s' a Zwanzgerl kost hätt, hätt i s' aa kaaft!«
»Je, eahm schaugt's o!« rief da der Bursche, welcher die Markwecken
brachte. »Dös kannt aa no was sei! Meine Veigerl ham a Zwanzgerl kost
und dö Rosen, wo i da Freiln Leni gestern verehrt hab, fünfazwanzg
Pfenning!«
»So und i nacha, bin i da Garneamand?« schrie jetzt der Bretzlbeck.
»Denk i net vielleicht sogar bei der Nacht ans Freiln Lenerl, indem i
ihr die feinsten Bretzn bach?«
»Zu dene wo'st an Toag z'erscht stehln muaßt!« riefen da die andern, und
im Nu entspann sich ein heißer Kampf um den Vorrang bei mir, der sich
bis auf die Straße fortsetzte. Ich aber sah ihnen lachend zu und
verzehrte gemächlich die Bretzl zu meinem Kaffee, steckte das Veigerl an
die Brust und legte die Künstlerkarte in eine alte Zigarrenkiste zu den
andern. Doch versäumte ich nicht, meine Erfolge dem Milchmädchen, das
uns täglich den Kaffeerahm und die Knödlmilch brachte, zu weisen: »Da
schaug her, Rosl, die Präsenter, die i heut scho wieder kriagt hab von
dö Becka!« worauf sie ingrimmig und bissig erwiderte: »Dös is koa
Kunststückl, wenn ma si so herrichtn ko wie du! I muß mit meine
Millikübel rumlaafa und du stehst im Spitznschürzerl vor dein Herd!«
Und tiefgekränkt ging sie; denn nicht mit Unrecht hatte sie über mich zu
klagen: während der Zeit, die ich im Kloster zugebracht, hatte sie fest
über die drei Bäckerherzen regiert, und nun, da ich wieder daheim war,
wollte keiner mehr von ihr was wissen, obgleich sie ein sehr hübsches,
dunkelhaariges Mädchen von einnehmender Figur und recht munter war.
Mittlerweile war es fast acht Uhr geworden, und ich richtete nun die
Schenke, zählte die Bierzeichen für die Kellnerin und zapfte an.
Währenddessen kam die Mutter aus der Wohnung und der Vater aus dem
Schlachthaus und bald füllte sich das Lokal mit Gästen. Es waren fast
lauter Arbeiter: Maurer, Steinmetzen, Schlosser, Schreiner, Drechsler
und zuweilen auch Pflasterer oder Kanalarbeiter. In der Küche aber
standen die, welche für die in der Nähe liegenden Fabriken die Brotzeit
holten; denn zu unserer Kundschaft gehörte auch eine Bleistift-, eine
Möbel-, eine Sarg-, eine Bettfedern- und eine Schuhfabrik. Nun hieß es
flink die Lungen- und Voressenhaferln füllen, Kreuzerwürstl abzählen,
Weißwürste brühen und Hausbrot schneiden; zuweilen auch die
Schenkkellnerin machen, indes der Vater im Schlachthaus noch Milzwürste
oder, wie man sie bei uns nannte, umgekehrte Bauernschwänze, sowie
Leber- und Blutwürste, Leberkäs und Schwartenmagen machte. Hie und da
kam es auch vor, daß wir ohne Kellnerin waren; wenn nämlich die Mutter
gar zu heftig und eindringlich auf Pflichterfüllung gedrungen hatte,
worauf dann das Mädchen davonlief. Da mußte ich denn wieder wie früher
die Gäste bedienen und auch die übrigen Arbeiten der Kellnerin
verrichten.
Gewöhnlich aber blieb ich am Vormittag in der Küche, während die Mutter
sich im Lokal mit den Gästen unterhielt, ihre drei bis vier Weißwürste
aß und etliche Krügl Bier trank; denn der Vater war häufig vormittags am
Schlacht- und Viehhof oder in der Stadt. Von Zeit zu Zeit kam dann die
Mutter zu mir in die Küche und kostete die Speisen, befahl dies oder
tadelte jenes und gab mir auch manche Ohrfeige, wenn ich etwas versäumt
oder nicht recht gemacht hatte. So kam sie auch einmal dazu, als ich
eben den Teig zu den Leberknödeln, deren wir jeden Mittwoch an die
zweihundert bereiteten, fertig hatte und nun daraus die Knödel formte
und auf ein langes Brett reihte.
»Halt, laß mi z'erscht schaugn, ob er recht is, der Toag!« rief die
Mutter und tippte mit dem Finger in die Teigmulde. »Was hast denn jatz
da für a Zeug z'sammgmacht! Sigst net, daß der Toag no net fest gnua is,
du Hackstock, du damischer!«
Und kaum hatte sie dies gesagt, flogen mir auch schon ein paar von den
Leberknödeln an den Kopf, daß mir der Teig im Gesicht und an den Haaren
klebte.
»So, vielleicht lernst es jatz eher, du G'stell, du saudumms!«
Darauf ging sie wieder, laut schimpfend, in die Stube und erzählte den
Gästen von meiner Unbrauchbarkeit: »Hintreschlagn kannt'st es, dös
himmellange Frauenzimmer! Zu nix kannst es brauchn wie zum Fressn!«
Solche Auftritte verleideten mir freilich bald die Freude am Küchenwesen
und ich war froh, wenn der Vater einmal daheim blieb. Da kochte dann die
Mutter selbst und ich mußte in die Schenke und zu den Gästen, sie zu
unterhalten.
So ungern ich mich anfänglich wieder unter den Leuten bewegt hatte, denn
im Kloster war ich ganz leutscheu geworden, so gewöhnte ich mich doch
bald wieder an sie, und es währte nicht lange, da war ich das lustigste
Mädel, machte jeden anständigen Scherz mit und unterhielt ganze Tische
voll Gäste.
Die besseren unter ihnen hatten sich, ebenso wie die Stammgäste, zu
Tischgesellschaften vereinigt; die eine hieß Eichenlaub, die andere die
Arbeitsscheuen. Zur Gesellschaft Eichenlaub hatten sich die Postler und
Eisenbahner zusammengetan und erkoren mich zur Vereinsjungfrau; die
Arbeitsscheuen aber, deren Mitglieder lauter gute Bürger und
Geschäftsleute waren, wollten nicht hinter ihnen zurückbleiben, und so
ernannten sie mich zu ihrer Ehrendame, und ich empfing das Ehrenzeichen
des Vereins. Es war dies ein wappenartig geschnitztes Holztäfelchen,
darauf ein Bursch gemalt war mit dem Verslein darunter: »Auweh, mei
Fuaß, wenn i arbatn muaß!« Bei der Überreichung desselben hielt der
Vorstand, ein Flecklschuhfabrikant, eine Rede, worin er viel von der
Ehre sprach und von einer schönen Vertreterin des zarten Geschlechts und
daß man sich glücklich schätze.
Während dieser Rede hatten die Arbeitsscheuen einen Kreis um mich
gebildet, und nun wurde ich von etlichen samt meinem Stuhl, auf dem ich
saß, emporgehoben und unter lautem Hoch und Juhu und dem Klang der
Zither und Gitarre durchs Zimmer getragen. Danach begann ein großes
Saufen, und die fidelen Zecher vergaßen darüber ihre Hausfrauen samt dem
Mittagessen, bis einer nach dem andern von der gestrengen Ehehälfte
geholt wurde. Da war mit einemmal die ganze Lustbarkeit und aller Scherz
vorbei und geknickt und ängstlich schlich ein jeder heim, gefolgt von
der erzürnten Gattin, die hinterdrein keifte: »Lump miserabliger, ko'st
net hoamgeh, wenn's Zeit is! Dö ganzn Griasnockerl san z'sammgsessn!
Guate Lust hab i, i schmeiß dir s' alle an Kopf, du bsuffas Wagscheitl!«
Doch am nächsten Tag war wieder alles vergessen und gemütlich saß die
Gesellschaft am Stammtisch und unterhielt sich aufs beste, bis von der
nahen Kirche das Mittagläuten ertönte. Da gedachte ein jeder seines
Eheweibs und ging heim.
Auch ich mußte wieder in die Küche und Teller und Schüsseln für die
Gäste zurichten. Dann kam die Kellnerin und fragte: »Was gibt's heut
z'essn für d'Leut?« worauf die Mutter mit ihrer metallenen Stimme
erwiderte: »An Nierenbra'n, Brustbra'n, Schlegl in da Rahmsoß, an
Schweinsbra'n und a unterwachsens Ochsenfleisch mit Koirabi (Kohlrabi),
an Kartoffisalat, an grean und rote Ruabn; heut trifft d'Andivisuppn!«
Als die Kellnerin sich schon zum Gehen anschickte, rief die Mutter noch
rasch: »A Biflamott (boeuf a la mode) mit Knödl ham mar aa!«
Um dreiviertel zwölf Uhr kamen die Gäste, und nun begann ein Bestellen
vom Zimmer aus, ein Schreien, Geschirrklappern und ein Geklopfe mit dem
Fleischschlegel, daß einem die Ohren surrten.
»Frau Zirngibi, zwoa Schweinsbratn san no aus!« schallte es aus der
Gaststube und im Nu echoten drei Stimmen in der Küche: »Zwoa
Schweinsbra'n kriagt s' no!«
»Dö werds dawartn könna! Darenna wer' i mi net z'braucha!«
»Kathi, Koirabi san gar!« rief das Küchenmädchen jetzt in die Stube.
»Kriag i dö zu dem Fleisch aa nimma?«
»Sakrament, wenns amal hoaßt, gar sans, na sans gar!« schrie da die
Mutter und fuhr in einem Atem, jedoch in ganz anderem Ton fort: »Geh,
Kathi, schaugn S', daß S' a Biflamott weiterbringan; dös verkocht ma
sonst zu lauter Soß!«
War dann das größte Geschäft vorbei, dann wischte sich die Mutter mit
der Leinenschürze den Schweiß von der Stirn und sagte: »Dös war dir a
Rumpel gwen! Leni, hol ma nur glei a Halbe Bier!« Und schnell trank sie
wieder ein paar Krügl.
Nun mußte ich dem Vater in der Schenke helfen. Der hatte inzwischen
einen Hektoliter Bier ausgeschenkt und, damit er schneller fertig würde,
mit der Kreide Strichlein an die Rückwand des großen Schenkbüfetts
gemacht, statt Zeichen zu nehmen. Nun mußte ich diese Strichlein
zusammenzählen und dann die Bierzeichen ordnen. Danach rechnete ich mit
der Kellnerin ab, half ihr das Geschirr von den Tischen räumen und
brachte dann dem Vater und den Stiefbrüdern, die jetzt in die
Lateinschule gingen, das Essen, nachdem ich den sogenannten Ofentisch
gedeckt hatte. Nun kam auch die Mutter in die Stube, und es machte mir
täglich aufs neue Eindruck, wenn die große, massige Frau unter die Gäste
trat, die schmutzige Leinenschürze zurückschlagend und mit leichtem,
fast automatenhaftem Kopfnicken grüßend: »'s Got! 'n Tag! Hab die Ehre,
meine Herrn!«
Dann setzte sie sich zum Vater und unterhielt sich mit ihm, wenn sie gut
gelaunt war. Einmal aber kam sie nicht in die Stube. Da hatte der Vater
auf dem Markt ein Schwein gekauft, dessen Fleisch fischig schmeckte, und
verschiedene Gäste hatten das Essen zurückgeschickt. An diesem Tage rief
die Mutter nur dem Vater in die Schenke: »Josef, da geh rrauß!«
Als der Vater in der Küche war, begann sie laut zu schreien und zu
schimpfen: »Bist du aa r a Wirt! A Schand is, so a Fleisch herz'gebn!
Friß's nur selber die ganze Sau, du Depp!«
Da hörte ich zum erstenmal, seit ich den Vater kannte, ihn zornig mit
der Mutter streiten, und dumpf grollend erscholl seine Rede: »Red ma net
so saudumm daher, du narrischs Weibsbild! Dös ko passiern, daß ma r a
fischige Sau derwischt. Du brauchst es ja net z'essn, also haltst dei
Maul, sonst ...«
Das letzte brummte er für sich und trat darauf wieder in das Gastzimmer
und tat, als sei nichts geschehen. Am Nachmittag aber ging er fort und
kam erst abends mit einem großen Weinrausch nach Haus; doch die Mutter
sagte kein Wort mehr zu ihm.
Sonst gingen die Eltern nachmittags entweder beide ins Kaffeehaus oder
legten sich schlafen. Da mußte ich dann ganz allein das Geschäft und die
Schenke versorgen, was mir stets eine große Freude bereitete, da ich
sehr ehrgeizig war. Ich setzte mich in die Ofenecke und hielt nun erst
meine Mittagsmahlzeit; denn zuvor hatte ich nicht Lust noch Zeit gehabt
zum Essen und schenkte es, wenn die Mutter wirklich schon etwas für mich
hergerichtet hatte, immer einem armen Burschen, der sich nichts kaufen
konnte, dem Schusterhans.
Da saß ich denn bei meinem Bierkrüglein und aß dazu meine fünf bis sechs
Kaisersemmeln und eine kalte Wurst und las die Zeitungen; denn zwischen
zwei und drei Uhr war das Geschäft ganz ruhig und auch das Zimmer von
Gästen leer. Höchstens kamen etliche, die Waren brachten und dabei rasch
eine Halbe tranken. Um drei Uhr zur Brotzeit aber war es wieder so
lebhaft wie am Morgen, doch ich wurde leicht fertig und konnte mich bald
wieder zu den Gästen setzen. Nun wurde Karten gespielt oder gesungen und
es war recht fidel. Um vier Uhr aber war wieder alles still im Lokal;
nur einige fremde Gäste kehrten im Vorbeigehen ein.
Doch gab es für mich noch mancherlei zu tun bis um fünf Uhr, wo der
Vater wiederkam. Ich schnitt Knödlbrot oder Voressen und Lunge, rieb
Semmelbrösel oder putzte Spielkarten mit Benzin. Auch kam um diese Zeit
gewöhnlich der Häute- und Fellhändler, ein alter, schmieriger Jude, der
einen fürchterlichen Geruch um sich verbreitete. Mit dem mußte ich in
das Schlachthaus hinuntergehen, wo in einer Kiste die Kalbfelle lagen.
Diese wog er, und ich mußte genau acht haben, daß er nicht schwindelte;
auch beim Ausrechnen des Preises, den er dafür bezahlte, hatte ich recht
aufzupassen. Einmal gelang es ihm aber doch, mich zu prellen. Er zahlte
mit einem Hundertmarkschein und ich gab ihm heraus, und als er das Geld
nachgezählt hatte, behauptete er, zehn Mark zu wenig bekommen zu haben;
und obwohl ich gewiß wußte, was ich ihm gegeben hatte, bestand er doch
auf seinem Recht. Als die Mutter dies hörte, glaubte sie mir nicht, daß
ich von dem Juden geprellt worden sei, sondern sagte: »Dös hast
höchstens auf d'Seitn g'räumt und denkst, der Vater büßt's scho; aber da
brennst di! Dös kannst scho selber draufzahln von deine Trinkgelder!«
Und ich mußte wirklich die zehn Mark nachmals, als ich im Dienst bei
fremden Leuten war, von meinem Lohn ersetzen.
Brachte jemand Wein oder Most, so mußte ich auch mitgehen in den
Weinkeller; denn die Eltern vertrauten den Dienstboten den Schlüssel
dazu nicht an, weil ein sehr großer Wert in den Weinvorräten steckte. So
brachte uns auch einmal ein Bursch aus einer Kelterei etwa fünfzig
Flaschen Apfelwein. Als ich mit ihm in dem vermauerten, dunklen Keller
war und beim Schein einer Kerze den Apfelwein in eine Stellage zählte,
löschte der Unhold mir plötzlich das Licht, packte mich rücklings, riß
mir den Rock in die Höhe und wollte mich vergewaltigen. Trotz meines
Schrecks kehrte ich mich rasch um und fuhr ihm mit allen Fingernägeln
über das Gesicht, ergriff die nächstbeste volle Flasche und schlug sie
ihm so um den Kopf, daß sie in Scherben ging. Alles das tat ich in einem
Augenblick und ohne einen Laut von mir zu geben. Scheinbar ruhig trat
ich nun aus dem Keller und rief ihm zu: »So, jetz machst, daß
d'verschwindst, du Hund! Sonst sperr i di da rei, bis i d'Schandarm
g'holt hab; na konnst schaugn, wie's dir geht, du Haderlump, du
elendiger! Und jetz druckst di und laßt di ja nimma blicka! Dei Herr
werd sei Geld scho kriagn!«
Ich hatte zwar schon Angst, er könnte mich in der Wut noch einmal
anpacken; doch ging er ohne einen Laut, nahm auf der Straße seinen
Karren und fuhr mit dem übel zugerichteten Gesicht davon. Gesehen habe
ich ihn nie mehr.
Überhaupt hatte ich manchmal meine Fäuste nötig; teils, mich der eigenen
Haut zu wehren, teils, Streitende auseinanderzutreiben.
Im Frühjahr hatte ein Grundbesitzer in der allernächsten Nachbarschaft
angefangen zu bauen, und es sollten zwei große Häuser links von unserer
Ecke und eins rechts davon erstehen. Da die Maurer und die übrigen
Arbeiter meist ohne Geld sind, wenn sie zu arbeiten beginnen, so muß der
Palier für einen Vorschuß sorgen, der dann am Samstag vom Lohn abgezogen
wird. Der Palier wendet sich nun an einen Wirt, der erstlich Geld und
dann auch gutes Bier und vorzügliche Küche hat. Da war nun meines Vaters
Wirtschaft als Einkehr für sämtliche am Bau Beschäftigte vorgeschlagen
und angenommen worden. Die Leute holten sich am Montag ihren »Schuß« und
aßen und tranken die Woche über ohne Bezahlung. Da gab es denn am
Samstag immer große Abrechnung mit ihnen, und hie und da kam es dann
wohl auch vor, daß der eine oder andere glaubte, er sei betrogen worden
bei der Abrechnung, oder daß einer selbst betrügen wollte. Freilich ging
es dabei nicht immer ruhig her. Ganz plötzlich brach dann an einem Tisch
ein Streit aus und im Nu bildeten sich zwei Parteien, von denen die eine
für den Wirt, die andere aber für den Schuldner stritt.
Doch nicht lange währte die Reiberei; der Vater rief mir aus der
Schenke: »Leni, biet eahna ab, i hab koa Zeit!« und augenblicklich stand
ich unter den Streitenden und versuchte erst in Güte, die erhitzten
Köpfe zu beruhigen. Wenn mir aber dies nicht gelang, konnte ich recht
wild werden. Da faßte ich den einen am Genick und drückte ihn auf seinen
Stuhl nieder; den andern riß ich zurück vom Tisch, wo er eben ein
Salzgefäß ergreifen wollte, um es ins feindliche Lager zu schleudern.
Dann schlug ich mit der Faust wohl auch auf den Tisch und rief: »Ob jatz
glei Fried werd unter euch, ös Hallodri! Sofort hol i d'Schandarmerie,
wenn koa Ruah is!« Dann ergriff ich den Rädelsführer, hieß ihn
austrinken und schob ihn aus dem Lokal.
Freilich, immer wurde es mir nicht leicht, der Aufrührer Herr zu werden.
Da mußte mir dann mein Hund, eine riesige, blaugestromte Dogge, die auf
den Mann dressiert war, helfen. Dieser Hund war von einem Apotheker aus
England mitgebracht worden, mußte aber, da sein Herr verarmt war,
verkauft werden. Durch ein Inserat wurde der Vater aufmerksam, und da
sie ihm wohl gefiel, kaufte er die Dogge für hundert Mark. Ich war
hocherfreut, als der Vater mit dem Hund kam. Er hieß Schleicher und war
außerordentlich klug. Sein Herr war mitgekommen und fütterte ihn noch
mit Schinkenbroten; danach sagte er: »Schleicher, du mußt jetzt schön
dableiben, bis ich wieder komm!« Dabei rannen ihm die Tränen in den
Bart, und ich empfand solches Mitleid mit dem Manne, daß ich hinging und
ihm versprach, den Hund recht gut zu halten.
Bald war auch das Tier so gut Freund mit mir, daß ein Wink von mir
genügte, ihn an meine Seite zu locken. Er begleitete mich auf allen
Gängen und lief mit mir auch in den Keller und Speicher; und oft, wenn
ich mit ihm redete, legte er seinen schlanken Kopf auf meinen Schoß und
sah mich mit seinen klugen, braunen Augen ganz verständig an. Sagte ich
ihm: »Schleicher, du mußt schön aufs Frauerl Obacht gebn!« so wich er
keinen Schritt von meiner Seite und hätte den, der mich anrühren wollte,
sicher in Stücke gerissen.
So war einmal ein als Wüstling übel angeschriebener, alter Schleifer zu
uns gekommen, als ich eben allein in der Schenke stand. Er trat zu mir
und fragte, ob ich nichts zu schleifen habe, und trotzdem ich ihm kurz
und mürrisch erwiderte: »Nix is da!« ging er nicht, sondern wollte mich
an der Brust fassen, indem er mit heiserem Lachen flüsterte: »Nix hat zu
sleife? Nix kloane Gaffeemiehle zu sleife, he?«
In diesem Augenblick sprang der Hund auch schon an ihm empor, riß ihn zu
Boden und stellte sich mit gefletschten Zähnen und dumpf knurrend über
ihn; und als der Italiener sich wehren wollte, packte das wütende Tier
seinen Arm. Erschreckt schrie ich: »Weg, Schleicher!« und riß ihn am
Halsband zurück, worauf er zwar von dem an allen Gliedern Zitternden
abließ, aber immer noch heftig knurrte, so lange, bis der Alte gegangen
war.
So war auch einmal eine Christbaumfeier der »Arbeitsscheuen« in unserm
Lokal. Die Gäste saßen vergnügt beieinander, lauschten aufmerksam den
Vorträgen, kauften Lose und waren alle eins, bis der Gipfel des Baumes
zur Versteigerung kam. An diesem Gipfel hing ein Hering, eine
Kindertrompete, ein Bündelchen Zigarren, eine Glaskugel, ein
Lebkuchenherz, ein Wachsengel und ein einzelner roter Plüschpantoffel.
Den andern hatte schon ein Bäckermeister gewonnen, da er an dem Zweige
hing, dessen Nummer sein Los trug.
Alles steigerte mit leidenschaftlichem Eifer, und es währte nicht lange,
da waren schon dreißig Mark für den Gipfel geboten. Nun ging's etwas
langsamer; doch steigerte noch alles lebhaft mit, bis ein Metzgermeister
rasch vierzig Mark bot und ihn ohne Einspruch zugeschlagen erhielt. Er
zahlte und schenkte dann den Gipfel der Gesellschaft zur nochmaligen
Versteigerung. Diesmal fiel er für einundzwanzig Mark einem Weinhändler
zu. Auch der schenkte ihn wieder her, und nun kam der Hering samt
Kindertrompete und Plüschpantoffel für die Summe von dreizehn Mark in
die Hände meines Vaters, der gleichfalls zugunsten der Tischgesellschaft
alles noch einmal versteigern ließ.
Jetzt fiel dem Bäckermeister plötzlich ein, daß zu dem einen
Plüschpantoffel auch ein zweiter gehöre, und er steigerte nun eifrig
mit. Aber da war ein junger Ehemann, ein Bräubursch, dem seine Gattin
vor einer Woche den ersten Buben geschenkt hatte; der wollte die
Trompete für seinen Stammhalter haben. Und nun begann ein hitziges
Bieten: »Drei Mark fuchzg!« schrie der Bäcker.
»Vier Mark!« der andere.
»Sechs Mark!« scholl es wieder herüben, aber schon schrie der Ehemann:
»Acht Mark! I werd dirs zoagn, du arme Bäckerseel!«
»Was hast g'sagt, du windiger Bräuknecht! Acht Mark fuchzg!«
»Neun Mark!« erscholl da plötzlich aus dem Hintergrund die Stimme des
Kobelbauer Hias, eines Obermälzers, und rasch schrie der junge Ehemann:
»Zehn Markl!«
Der Bäckermeister wischte sich den Schweiß von der Stirn, und seine
Stimme klang heiser, als er schrie: »Zehn Mark fuchzg! Jatz ko mi der
Hanswurscht scho bald ...«
Aber er kam nicht zum Ausreden; denn: »Elf Mark fuchzg!« tönte es schon
wieder aus dem Hintergrund und gleich darauf: »Zwölf Mark!« von dem
Liebhaber der Trompete.
Nun vergaß der Bäcker vor Wut weiterzubieten, und sprang auf, stürzte
auf den Bräuburschen zu und packte ihn an der Gurgel: »Willst stad sei,
du Bräuhengst, du verflixter! Jatz biat i und kriagn muaß i 'hn aa, den
Gipfl, sunst is g'feit, dös mirkst dir!«
Aber er war schon zu spät daran; denn während er sich mit dem andern
stritt, freute sich der dritt': der Kobelbauer Hias ersteigerte den
Gipfel um dreizehn Mark und machte sich damit davon.
Der Bräubursch aber hatte den Bäcker mit solcher Macht zurückgeworfen,
daß dieser rücklings in einen runden Tisch fiel und alle Krüge und
Gläser umwarf. Die Frau des Laternanzünders Tiburtius Kiermeier hatte
eben ein Kalbsgulasch vor sich stehen und wollte zu essen beginnen; da
kam der Bäcker geflogen, und durch den großen Sturz geriet die Platte
mit der Sauce ins Rutschen, und ehe die Frau Laternanzünder sich's
versah, hatte sie das Gulasch samt der Brüh und den Kartoffeln im Schoß:
»Jess' Maria! Mei guater Tuachrock!« kreischte sie laut auf und stieß
gleich darauf ihren Mann heftig in die Seite; denn der hatte so eifrig
mit einem am andern Tisch sitzenden Schuhmacher, genannt der
Revolutionsschuster, über Anarchismus und Sozialdemokratie debattiert,
daß er von dem Streit und auch von dem Unglück seiner Gattin nichts
bemerkt hatte. Nun aber sprang er auf, und als ihm diese kreischend und
unter Tränen den Vorfall geschildert hatte, erhob er seinen Stuhl und
schrie: »Nieder mit dem schwarzen Bäckerhund! Hauts'n nieder, den
Zentrumshund! D'Sozialdemokratie soll lebn!«
In diesem Augenblick aber fielen ihm etliche in den Arm, drückten ihn
wieder auf seinen Sitz und riefen: »Sei do g'scheit, Tiburtl!« doch der
war nun schon in der Hitze und schrie und schimpfte weiter.
Die Streitenden aber waren inzwischen abermals aneinander geraten, und
bald setzte es da und dort Hiebe ab. Nun sprangen etliche Rauflustige
hinzu, und ehe man sich dessen versah, artete der Streit zu einer
regelrechten Prügelei aus.
Zu allem Unglück löschte ein Boshafter das Licht aus, indem er den
Gasometer abstellte.
Der Vater rief: »Kathi, schnell reibn S' s Gas auf!« Die Mutter schrie
aus der Küche: »Kreuzsakerament! a Liacht brauch i!« Ich aber faßte
meinen Hund am Halsband, er trug den Maulkorb, und stürmte mitten in den
Knäuel: »Auseinander! Schleicher, faß an! Sakrament, auseinander, sag i!
Wer si net niederhockt, is hi!«
In diesem Moment flammte wieder ein Licht auf, und während der Vater
totenblaß an einem Tisch lehnte, da er noch immer kränkelte und sich
nicht aufregen durfte, teilte ich kräftige Püffe aus. Der Hund aber
hatte die zwei Hauptschreier zu Boden geworfen und sein zorniges Knurren
verriet, daß er keinen Spaß trieb. Die beiden lagen blutend und voll
Beulen da, der eine hielt noch einen Maßkrughenkel, der Bäcker aber sein
Stilet in Händen.
Die übrigen Raufbolde waren beim Dreinfahren des Hundes erschreckt
zurückgewichen, und nachdem ich den Bäcker und den andern in die Höhe
gezogen und beide zahlen geheißen, wies ich ihnen die Tür mit den
Worten: »Marsch, schaugts, daß hoamkommt's, ös Wildling!«
Bald war wieder Ruhe im Lokal; die Scherben wurden aufgeräumt, die
Tische und Stühle gesäubert und der Frau Kiermeier vom Vorstand der
Tischgesellschaft ein neues Kleid versprochen. Und als um vier Uhr
morgens die letzten Gäste schwankend das Lokal verließen, versicherten
sie einmütig mit stillvergnügtem Lächeln: »Schö war's, wunderschö!«
* * * * *
Am andern Tag mochte aber wohl mancher einen schweren Kopf gehabt haben,
und auch wir waren alle übernächtig und trachtete ein jedes, den
versäumten Schlaf so geschwind wie möglich nachzuholen. Der Vater und
die Mutter legten sich gleich nach dem Mittagessen nieder; die
Küchenmagd machte ganz gläserne Augen und verschwand plötzlich, noch ehe
sie ihre Arbeit getan; die Kellnerin mußte sich niedersetzen zum
Besteckputzen, und dabei sank ihr der Kopf immer tiefer, bis sie mit der
Nase auf das Putzbrett stieß. Ich selber nahm mir einen Stuhl und setzte
mich in die Schenke, rief den Schleicher zu mir und machte auch ein
Schläfchen, das zu meiner Freude nicht gar zu oft durch das schrille
Klingeln der Schenkglocke gestört wurde. Um fünf Uhr aber war jedes
wieder munter, und nachdem wir Kaffee getrunken hatten, meinte die
Mutter: »So, jatz konn's glei wieder ogeh 's G'schäft und dauern bis um
zwoa!« Doch bekam sie bald Kopfweh in der heißen Küche und ging in die
Stube und ich kochte allein.
Da hieß es erst einen großen Hafen voll Lunge oder Voressen bereiten für
die Arbeitsleute, die jeden Abend um sieben Uhr an der Küchentür mit
ihren Haferln standen und fragten: »Habts heut a Lungl?«
Dann schrieb ich die Speisenkarte.
Bald danach kamen die Kunden aus der Nachbarschaft, meist alte Weiber,
und begehrten zu wissen, was sie zum Abend haben könnten: »Freiln Leni,
ham S' heut a Gansjung?«
»Ja, was fallt denn Eahna ei!« rief ich da. »Jatz, wo s' so teuer san am
Markt! Wos moanan S', was jatz a Gansjung kostn tät? A Mark ganz gwiß!
Mögn S' vielleicht sonst a Schmankerl? A sauere Leber oder a bachene;
oder a bra'ne Haxn, a halbete? A schöns Schweinszüngl is aa da und guate
G'schwollne, selbergmachte!«
»Dös mag mei Mann alles net!« sagte die eine oder andere dann, und ich
mußte ihnen weitere Spezialitäten hernennen: »Ja mei, da werds schlecht
ausschaugn, wenn der Herr Gemahl dös net mag! Sagn S' halt, a Hirn, a
Herz, a Kottlett, a Schnitzl und a Gulasch ham ma r aa; oder vielleicht
mag er an Ochsenmaulsalat!«
Nachdem ich dies alles aufgezählt hatte, kam es freilich auch manchmal
vor, daß eine, nachdem sie alles mögliche auszusetzen gehabt und ihr die
Leber zu sauer, das Gulasch zu scharf, an der Haxn z'weni dro und das
Züngerl z'fett gewesen war, zögernd fragte: »Habn S' a Lungl aa?« und um
a Zehnerl davon holte, was mich immer sehr zornig machte, so daß ich,
wenn sie draußen war, voll Wut zur Küchenmagd sagte: »Schaugts nur grad
a so a Büchslmadam o! Wenn s' a Kottlett um a Zwanzgerl kriagt hätt,
wars ihr scho recht gwen, dera Flugga!«
Aber trotz allen Ärgers war ich doch recht gern Herr in der Küche, und
als einmal im Sommer die Mutter eingeladen wurde, an der Wallfahrt nach
Altötting teilzunehmen, gab ich nicht eher Ruhe, bis sie ja sagte.
Freilich mußte ich nun tüchtig mit anfassen die drei Tage, welche die
Mutter nicht da war; doch wurde ich ganz gut fertig und konnte sogar dem
Vater noch helfen am Abend, wenn der Hauptandrang an der Gassenschenke
war.
Da wurden innerhalb einer Stunde über zwei Hektoliter Bier ausgeschenkt,
und die Leute standen mit ihren Krügen an, wie zu Ostern in der Kirche
beim Beichten. Der Vater schenkte ein und ich kassierte. Da ging's:
»Frau Bergbauer, a Maß, a Halbe und a Quartl, macht vierazwanzg,
sechsadreißg, zwoaravierzg; so -- und acht san fufzg und fufzg is a
Mark. Dank schö, adie Frau Bergbauer, wieder komma! D'Frau Graf hat
dreimal drei; dös macht vierafufzg und sechs is sechzg. Dank schö, adie!
Der Kloane kriagt a Halbe; tuas fei net ausschüttn! Herr Nachbar, drei
Quartl? Vater, drei! Und a Zigarrn! Derf i s' glei ozündn? Jatz ham ma
achzehn und sechs is vierazwanzg und von gestern zwoa Maß, dös macht
nacha zwoarasiebazg. Stimmt ak'rat wie zählt. Adie, Herr Nachbar, dank
schö!« Und so ging's fort, bis ich wieder in die Küche mußte.
Am nächsten Tag schickte die Mutter aus Altötting eine Karte mit dem
Bild der Mutter Gottes und schrieb: »Liebster Josef! Ich bin ganz weck
vor lauter schön. Vielle Grüße sendet euch eure treue Mutter Magdalena
Zirngibl.«
Ich freute mich sehr, daß es der Mutter so wohl gefiel; hoffte ich doch,
es möchte diese Wallfahrt günstig auf ihr Gemüt wirken, daß sie ein
wenig verträglicher würde; denn sie war immer noch trotz aller
Frömmigkeit recht bös und quälte mich oft entsetzlich. Bei dem
geringsten Anlaß gab sie mir trotz meiner neunzehn Jahre noch Schläge
ins Gesicht und hinter die Ohren, oder riß mich an den Haaren herum; ja,
nicht selten nahm sie noch wie früher den Stock und prügelte mich
elendiglich. Deshalb suchte ich, so gut es mir gelingen wollte, Anlässe
zu solchen Szenen zu vermeiden; doch glückte es mir nicht immer, und ich
wurde nun wieder trübsinnig und verlor alle Lust zum Schaffen und
schließlich auch zum Leben.
Da geschah es, daß wir eine neue Kellnerin bekamen; denn die Kathi hatte
sich mit einem unserer Gäste, dem Briefträger Schwertschlager,
verheiratet. Das neue Mädchen hieß Babett und war recht fleißig und von
einnehmendem Wesen; daher schloß ich mich rasch an sie an, weihte sie in
manche von den häßlichen Szenen, die ich mit meiner Mutter hatte, ein
und vertraute ihr auch an, daß ich des Lebens im Hause ganz überdrüssig
sei. Da empfahl sie mir, ich solle mir doch eine Sparbüchse anlegen und
alle Tage etwas aus der Schenkkasse hineintun; wenn es mir dann einmal
gar zu schlecht ginge, könnte ich davonlaufen und hätte doch Geld. Ich
folgte ihr und legte täglich zwei kleine, silberne Zwanzgerln in eine
irdene Sparbüchse, die ich in der Schublade des Büfetts, die der
Kellnerin zur Aufbewahrung ihrer Sachen diente, versteckte.
Es mußte schon ein schönes Sümmchen beisammen sein, denn etliche Wochen
trieb ich diese Heimlichkeit.
Da kam der Namenstag der Mutter.
Schon einige Tage vorher hatte ich die Babett an einer sehr feinen
Spitze häkeln sehen und plagte sie nun, sie solle mir dieselbe für die
Mutter verkaufen. Sie willigte ein, und nachdem sie mich das Muster
gelehrt hatte, häkelte ich noch ein gutes Stück selber dazu. Ich
bezahlte ihr für die Arbeit zwei Mark, bat mir aber aus, sie dürfe der
Mutter ja nicht verraten, daß auch sie daran gehäkelt habe; denn die
Mutter hielt nur auf Handarbeiten etwas, die man selbst gefertigt hatte.
Sie schien auch wirklich sehr erfreut und fragte mich, wo ich das Muster
herbekommen habe.