Meine Mutter hatte dies Ja überhört und rief: »Na, kannst net antwortn,
wennst g'fragt wirst!«
Doch der Priester entgegnete ihr: »Ereifern Sie sich nicht, Frau Mutter,
das gute Kind hat mir sein Jawort schon gegeben.«
Darauf gab er uns seinen Segen und ließ uns durch eine Nonne nach der
Kandidatur führen. Dort mußte mich meine Mutter allein lassen; doch
durfte ich, nachdem ich den Kandidatinnen vorgestellt und genugsam
angestaunt worden war, mit ihr in der Brauerei zu Mittag essen und hatte
mein neues Leben erst am Nachmittag zu beginnen.
Wir begaben uns also in das Bräustüberl, einen behaglichen Raum mit
rohen, blankgescheuerten Möbeln und Blumenstöcken an den Fenstern, deren
saubere Vorhänge fest zugezogen waren. An den Wänden hingen bunte
Heiligenbilder und in einer Ecke war ein kleiner Hausaltar aufgerichtet,
dessen zierliche Ampel ihr mattes Licht auf die aus Gips verfertigte
Statue des heiligen Josef warf.
Als ich sah, daß auch hier nur Klosterfrauen tätig waren, verwunderte
ich mich sehr und wagte an die Schwester, die uns bediente, die Frage,
ob hier die Nonnen auch das Bier selber brauten. Da erzählte sie uns,
daß alles, was nur immer zu tun sei, von ihnen selbst gemacht werde;
auch die Ökonomie und Metzgerei, sowie alle Handwerke, deren das Kloster
bedürfe. Zur Hilfe würden allerdings die Pfleglinge, welche sich dazu
eigneten, verwendet. Dies setzte mich in großes Erstaunen, und ich sah
meinem Leben in diesem Kloster mit viel Neugier entgegen. Meine Mutter
aber hatte mit wachsendem Entsetzen zugehört und konnte dies auch kaum
vor mir verbergen, und als sie um drei Uhr wieder in den Stellwagen
stieg, sagte sie ganz unvermittelt: »Also, wann's dir gar z'schwer wird,
kannst d' es ja schreibn; bet viel und sei recht fleißig und aufmerksam
und laß dir nix z'Schulden kommen.«
Ich gab ihr noch Grüße auf an alle, die mir lieb waren; dann schlang ich
plötzlich meinen Arm um ihre Knie, drückte laut aufweinend meinen Kopf
in ihre Kleider und lief danach, so rasch ich konnte, an die Pforte und
läutete fest, ohne noch einmal umzuschauen.
Man wies mich wieder in das kleine Zimmer, und dann führte mich die
blasse Schwester ins Refektorium, wo die Kandidatinnen bei der Vesper
saßen. Liebenswürdig nahmen sich sofort einige von ihnen meiner an und
erklärten mir alles, was ich wissen mußte oder wollte. Ich war ihnen
dankbar dafür; denn ich hielt es für natürliche, herzliche
Kameradschaft. Später freilich erkannte ich meinen Irrtum: es war alles
nur Drill und von wahrer Güte wenig zu finden: Bigotterie paarte sich
mit Stolz, Selbstsucht mit dem Ehrgeiz, vor den Oberen schön dazustehen
und als angehende Heilige bewundert zu werden.
Besonders unter den älteren Mädchen hatte dies Streben nach
Vollkommenheit einen wahren Wettlauf um die Tugend hervorgerufen, und
die Präfektin der Kandidatur, die solches mit großer Befriedigung
wahrnahm, übergab nun jede Neuangekommene der Obhut einer dieser
Würdigen, welche zugleich mit diesem ehrenvollen Amt den Namen
Schutzengel erhielt.
Also ward auch mir gleich am ersten Abend ein solcher Schutzengel
zugeteilt und waltete mit Eifer seines Amtes. Bald machte er mich auf
das Weltliche meiner Heiterkeit aufmerksam, obschon ich mir recht
traurig vorkam. Und als ich später meinen Arm in den meiner Beschützerin
legen wollte, wies sie mich mit den Worten zurecht: »Pfui! Das schickt
sich doch nicht! Das gefährdet doch die heilige Reinheit! Es ist uns
verboten, uns bei den Händen zu fassen oder einzuhängen. Das Betasten
des Körpers nährt die Sinnlichkeit, und zum Körper gehören auch die
Hände.«
Da die Abendandacht stets in der Kapelle verrichtet wurde, führte meine
Hüterin mich daselbst an den mir zugeteilten Platz, von dem aus ich
weder den Altar noch sonst etwas von der Kirche sehen konnte; denn wir
befanden uns auf einer Art Galerie, die mit einem dichten Gitter
abgeschlossen war. Rings um uns vernahm ich lautes Beten und sah mich
neugierig um, zu sehen, woher es käme. Da flüsterte mein Schutzengel mit
strenger Miene: »Sieh für dich, arme Seele, Gott ist hier!«
Nach dem Abendgebet gingen wir paarweise in den großen Schlafsaal, und
meine Führerin steckte mir auf dem Weg dahin einen Zettel zwischen die
Finger, auf dem geschrieben stand: »Von neun Uhr abends bis sieben Uhr
morgens strengstes Stillschweigen!«
Im Schlafsaal angelangt, wies sie mir mein Lager an, und ich wollte nun
beginnen, mich auszuziehen. Da ich noch städtische Kleidung trug und
auch kein Nachthemd bei mir hatte, brachte sie mir eine weiß- und
rotkarierte Bettjacke. Ich hatte bereits meine Bluse aufgeknöpft und
entblößte eben meine Schultern, als mein Schutzgeist ganz entsetzt
herzusprang und mir die Bluse rasch wieder über die Achseln schob.
Hierauf warf sie mir die Bettjacke über die rechte Schulter, und indem
ich sie am Hals festhalten mußte, entblößte sie unter dieser schützenden
Hülle meinen rechten Arm und schob ihn rasch in den Ärmel des
Nachtgewandes. Ebenso verfuhr sie auf der linken Seite und dann knöpfte
sie mir den Kittel bis an den Hals zu.
Die andern Kandidatinnen hatten sich inzwischen unter lautem Beten auf
die gleiche Art entkleidet, und ich sah nun eine nach der andern ins
Bett steigen; doch behielten alle ihren Unterrock und die Strümpfe an.
Ich machte meine Hüterin durch Zeichen auf dies aufmerksam; da zog sie
einen Bleistift und einen Notizblock aus der Tasche und schrieb darauf:
»Ein sittsames Kind entblößt die Füße erst im Bett und auch den
Unterrock darf man nicht vorher abstreifen.«
Also legte ich mich zu Bett und entledigte mich, nachdem sie mir die
Decke über den Kopf gezogen, meiner übrigen Kleidung, worauf eine
Nachtschwester von Bett zu Bett ging und einer jeden die Zudecke glatt
strich. Und nachdem man sich noch der Fürbitte des heiligen Joseph und
der heiligen Barbara durch besondere Gebete versichert und den Psalm
»Aus der Tiefe rufe ich zu dir, o Herr« samt den dazugehörigen
Paternostern gebetet hatte, legte man die Arme auf der Bettdecke
kreuzweise über die Brust und schlief dann ein.
Traumlos schlief ich die ganze Nacht; denn ich war den Tag über müde
geworden, und als am frühen Morgen plötzlich ein lautes »Gelobt sei
Jesus Christus« ertönte, dem die Kandidatinnen sich aufsetzend »in
Ewigkeit, Amen,« antworteten, blickte ich verwirrt um mich und konnte
mich erst, als von der Pfarrkirche das Fünfuhrläuten erscholl, besinnen,
wo ich war. Rasch sprang ich aus dem Bett; in diesem Moment aber sah ich
ringsum aller Augen entsetzt auf mich gerichtet, und nun merkte ich
erst, daß ich im Hemd und ohne Strümpfe war. Schnell schlüpfte ich
wieder ins Bett und zog mit vieler Mühe unter der Decke meine
Unterkleider an.
Derweilen waren die anderen Mädchen schon an den langen Waschtisch
getreten, wo eine Waschschüssel neben der anderen stand, und wuschen
sich, als mein Schutzengel kam und auch mich dahin führte. Während des
Ankleidens wurde wie am Abend laut gebetet; man empfahl sich zu allen
Stunden in Mariens Herzen und Jesu Wunden.
Nachdem wir unsern Schlafsaal geordnet und zuletzt die leichten
Filzschuhe mit Stiefeln vertauscht hatten, begaben wir uns paarweise
nach der Kandidatur. Diese befand sich in dem sogenannten Mutterhaus,
einem alten Bau, der noch aus dem sechzehnten Jahrhundert stammte und
damals den Prämonstratensermönchen gehört hatte, die später daraus
vertrieben wurden, worauf das Kloster erst als Kaserne und dann als
Speicher diente. In diesem Zustand erwarb es unser Orden und richtete es
wieder wohnlich her; doch wurde das Haus bald zu klein und man fügte
einen Anbau um den andern an. So kam es, daß wir unsern Schlafsaal in
einem dieser neuen Gebäude hatten.
Wir schritten also über den verschneiten Platz vor dem Kloster; denn
einen geschlossenen Verbindungsgang nach dem Mutterhaus hatte man gerade
erst zu bauen begonnen. Da läutete es in der Pfarrkirche zur heiligen
Wandlung. Sofort warfen sich alle auf die Knie in den Schnee und beteten
den menschgewordenen Gott an.
Als wir im großen Lehrsaal der Kandidatur angekommen waren, knieten alle
vor einer reich mit Blumen geschmückten Statue des heiligsten Herzen
Jesu nieder, vor der die Präfektin bereits in andächtigem Gebete lag.
Sie schlug jetzt ein Andachtsbuch auf und las daraus die Legende einer
Heiligen, worauf eine lange Betrachtung ihrer Tugenden und Leiden
folgte. Zum Schluß wurde vieles auf uns angewandt und etliche
Kandidatinnen, die sich Verfehlungen gegen eine der Tugenden dieser
Heiligen hatten zu Schulden kommen lassen, bekamen nun eine
eindringliche Strafpredigt und es wurden ihnen schwere Bußübungen, wie
Rosenkränze, viel hundert Paternoster und Ave-Maria, stundenlanges Knien
vor dem Altar und dergleichen auferlegt.
Starr vor Erstaunen hörte ich dem Ganzen zu und bereute es schon bitter,
jemals den Vorsatz gefaßt zu haben, Nonne zu werden.
Nach dieser geistlichen Lesung und Betrachtung gingen wir in den
Speisesaal zum Frühstück, das in einer Tasse dünnen Kaffees und einem
Brötchen bestand. Meine Hüterin legte wieder einen Zettel vor mich hin,
des Inhalts, daß es Jesus recht wohlgefällig sei, wenn man freiwillig
auf das Brot verzichte, weshalb ich nur die Hälfte davon aß.
Nun hatten wir der Frühmesse in der Klosterkapelle beizuwohnen und
danach versammelten wir uns wieder im Saal der Kandidatur, und jedes
holte sich ein Buch, um zu lernen.
Inzwischen schlug es acht Uhr, und herein traten drei Schwestern, die
Lehrerinnen der Kandidatur, gefolgt von der Präfektin, die mich, nachdem
wir beim Glockenschlag um eine gute Sterbstunde gefleht, setzen hieß und
nun begann, mich in allem zu prüfen, was ich als Lehramtsschülerin
wissen oder lernen mußte. Sie gesellte mich danach dem zweiten Kurs zu
und wies mir meinen Platz an, worauf der Unterricht begann. Der erste
Kurs schrieb an einem Aufsatz, wir rechneten schriftlich, und der dritte
Kurs hatte Unterricht in Grammatik. Die höheren Klassen hatten ihre
eigenen kleinen Studierzimmer und diese waren nur durch Glastüren von
unserm Saal getrennt.
Um neun Uhr versammelten sich von neuem alle vor dem Altar, knieten
nieder und beteten laut ein Stundengebet. Kaum hatten wir uns wieder
erhoben, als abermals von der Pfarrkirche die Glocke zur Wandlung
läutete und wir uns wiederum auf die Knie warfen und anbeteten.
Nach einer kurzen Weile rief man uns zur Vesper, und jede bekam ein
Krüglein Bier und ein Stück schwarzes Brot, wobei ich sah, daß wieder
viele die Hälfte des Brotes zurück in den Korb wandern ließen; doch weiß
ich nicht, ob dies zur Abtötung oder aus Abneigung gegen das rauhe
Gebäck geschah.
Bald, nachdem der Unterricht wieder begonnen hatte, kam die Präfektin
und befahl meinem Schutzengel, mich ins Bad zu führen.
Durch lange Gänge, vorüber an Männer- und Frauenabteilen, aus denen
wüster Lärm drang, hinab über alte, morsche Stiegen ging es, dann traten
wir in einen moderigen Kellerraum, wo etwa zehn Männer Körbe flochten.
Wir eilten an ihnen vorüber und kamen durch die mit ekelhaftem Gestank
erfüllte Waschküche, in der etliche Kretinen aus einer übelriechenden
Lauge graue Wäschestücke zogen, endlich in ein düsteres Kämmerlein, das
man Bad nannte, und in dem zwei alte Badewannen, durch einen Vorhang
getrennt, an der Wand standen.
Wir mußten uns erst das heiße Wasser aus der Waschküche holen, und
nachdem wir unsere Wannen gefüllt und unsere Tücher und Wäsche auf einen
neben der Wanne stehenden Stuhl gelegt hatten, begann mein Schutzgeist
mir zu zeigen, wie man sich baden müsse, ohne die Unschuld zu verletzen.
Ich durfte mich nicht ganz entkleiden, sondern mußte in Hemd und
Strümpfen in die Wanne steigen. Hier konnte ich mich meiner Strümpfe
entledigen, während das Hemd meiner Blöße als Bedeckung blieb und
tüchtig eingeseift wurde. Darauf strich man einige Male mit den Händen
darüber hin; denn unter dem Hemd durfte der Leib nicht berührt werden.
Nur Gesicht und Hals wurde gründlich gewaschen.
Währenddem beteten wir laut den schmerzhaften Rosenkranz, auf daß der,
der für uns Blut geschwitzt hat und für uns gegeißelt ist worden, unser
Herz vor jedem sinnlichen Gedanken bewahre.
Auf dem Rückweg erzählte mir meine Beschützerin, daß man während des
Sommers in einer Hütte zu Sankt Jakob bade, einer Einsiedelei, nahe dem
Kloster in einem kleinen Tal gelegen. Und sie erklärte mir genau, wie
man es dabei zu machen habe, damit die Seele nicht Schaden leide. Als
ich dann später im Sommer wirklich dieses Badehüttlein besuchte, mußte
ich über mein Hemd einen Anzug mit langen Ärmeln anziehen, so daß ich am
Ende nicht das Gefühl der Erfrischung hatte, sondern es mir war, als sei
ich durch ein Unglück ins Wasser geraten. Zum Glück durfte ich während
meines eineinhalbjährigen Aufenthalts im Kloster nur dreimal baden.
Nach dem Bade führte meine Hüterin mich in die Garderobe, wo ich meine
klösterliche Uniform erhielt. Danach gingen wir zu Tisch, und jetzt war
ich eigentlich erst als Kandidatin anerkannt. Ich trug ein
blaugestreiftes Kattunkleid, eine schwarze Schürze, ein schwarzes
Schulterkräglein und um den Hals eine gestärkte Batistschleife.
Vor dem Essen befahlen wir unsere Sinne dem göttlichen Meister, indem
wir beteten: »Barmherzigster Herr Jesu Christe, gestatte, daß ich jetzt
diese Mahlzeit einnehme, aus Gehorsam, um meine Gesundheit zu stärken
und mir neue Kräfte zu sammeln. Bewahre mich vor aller Sinnlichkeit und
gib mir die Gnade, daß ich nicht ohne Überwindung von dieser Mahlzeit
aufstehe.«
Doch hätte es eigentlich dieses Gebetes kaum bedurft, da der
Speisezettel nicht danach angetan war, den Gaumen zu reizen, so daß es
schon großer Überwindung bedurfte, gehorsam zu sein und zu essen. Die
älteren Kandidatinnen freilich fügten dieser Überwindung noch andere
hinzu, indem sie kein Salz nahmen, kein Wasser tranken, kein Brot aßen
und anderes mehr.
Ich selbst konnte mich nur sehr schwer an die Kost gewöhnen; denn
erstlich wurden alle Gerichte mit Dampf gekocht, und dann kamen wir in
bezug auf die Qualität erst an dritter oder vierter Stelle: das Fleisch
und frische Gemüse erhielten die Schwestern, was davon übrig blieb, die
Jungfrauen; wir bekamen das Fett mit Kraut, Kartoffelbrei oder Salat.
Was wir übrig ließen, wurde dann den Pfleglingen mit einer Brennsuppe
verabreicht. Zwar gab es in der Küche auch Geflügel und Fische; doch das
war für die Oberen, die Geistlichkeit und bessere Gäste bestimmt. Am
übelsten aber bekamen mir die sogenannten Kässpatzen, eine zähe
Wasserteigmasse, in der eine Menge Zwiebeln staken. Doch ging es allen
Neulingen so, so daß sich nicht selten die eine oder andere erbrechen
mußte, was hingegen kein Grund war, mit dem Essen aufzuhören.
Während der Mahlzeit hielt stets eine ältere Kandidatin eine erbauliche
Tischlesung, meist Legenden aus dem Leben heiliger Personen, die durch
Fasten und Abtöten eine hohe Stufe der Heiligkeit erklommen hatten.
Nach Tisch ordnete man sich in Paaren und begab sich in die Kapelle,
damit, nachdem der Leib seine Nahrung erhalten, auch die Seele ihr Teil
bekäme durch den Akt der geistlichen Kommunion.
Ich war nach dieser Andachtsübung, die mit dem Abbeten des Rosenkranzes
mit ausgebreiteten Armen beschlossen wurde, so müde, daß ich beinahe im
Gehen einschlief.
Da traten wir plötzlich in einen großen Saal. Darinnen saß eine junge
Nonne mit gewinnendem, freundlichem Blick in den kindlichen Zügen am
Flügel, während neben ihr ein junges Mädchen einen Stoß Liederbüchlein
im Arm hielt und am Tisch verstreut mehrere Oratorien und Messen lagen.
Die Nonne stand auf, und nachdem ein kurzes Stundengebet verrichtet
worden, begann die Gesangstunde, wobei ich sah, daß hier die Musik sehr
gepflegt wurde; denn die Stimmen waren gut geschult und das Spiel der
Schwester meisterlich. Sie präludierte erst ein wenig und spielte dann
etliche Variationen des zu behandelnden Liedes. Endlich gab sie das
Zeichen zum Einsatz, und nun hallte der Saal wieder von den Tönen einer
herrlichen altitalienischen Messe.
Als die Sängerinnen eine längere Pause machten, bat ich die Schwester,
sie möge mich mitsingen lassen, was sie ziemlich verwundert gestattete.
Nun war mit einem Male meine ganze Müdigkeit dahin, und ich sang so zu
ihrer Zufriedenheit, daß sie mich erstaunt fragte, wo ich Unterricht
gehabt hätte. Ich antwortete ihr, daß ich am Kirchenchor gesungen hätte
und auch schon längere Zeit im Klavierspiel unterwiesen worden sei.
Hocherfreut rief sie, als sie dies vernommen: »Liebs Jesusle, hab Dank!
Jetzt bekomm ich eine Musikkandidatin!« Und sofort eilte sie zum
Superior, ihn zu bitten, daß er mich ihr überweise.
Dies geschah noch am nämlichen Tage, und nun begann für mich eine
glückliche Zeit. Ich machte rasch Fortschritte im Klavierspiel, und als
ich dann auch im Violinspiel über die ersten Anfänge hinaus war, taten
sich vor mir immer wieder neue Wunder auf, und ich schien mir in eine
andere Welt versetzt. Meine Freude über diese gute Wendung der Dinge
zeigte ich meiner Lehrerin durch großen Eifer und möglichste Genauigkeit
im Arbeiten.
Hatte ich schon vorher unter den Lehramtsjüngerinnen einige heftige
Widersacherinnen gefunden, so mehrte sich jetzt ihre Zahl; um so mehr,
als Schwester Cäcilia mich sehr lieb gewann und wir bald gute Freunde
wurden.
So kam es, daß ich in kurzer Zeit einer der sogenannten Sündenböcke der
Kandidatur war; denn je öfter meine Lehrerin mir sagte, daß ich
brauchbar und ihr fast unentbehrlich sei, desto öfter suchte man mich
auf der anderen Seite durch Wort und Tat zu überzeugen, daß ich ein
eingebildetes, dummes Mädel sei, das leicht zu ersetzen wäre.
Es dauerte nicht lange und die Obern des Klosters erfuhren diese Dinge.
Also ward ich von der Präfektin der Kandidatur, Schwester Archangela,
einer alten, strengen Nonne mit harten Zügen, tiefliegenden grauen Augen
und einer großen Hakennase, auf der eine goldene Brille saß, zu der
Oberin geführt, damit man mir zeige, was einem so eitlen, schlimmen
Mädchen gebühre.
Als ich vor der vornehmen, gütigen Frau, die einem alten, französischen
Adelsgeschlecht entstammte, stand, fragte sie mich, was ich verbrochen
habe; denn man hielt viel auf ein freimütiges Bekenntnis seiner
Vergehen.
Ich antwortete: »Würdigste Mutter, man beschuldigt mich, daß ich mich in
bezug auf meine Leistungen überhebe und gegen meine Vorgesetzten und
Mitschwestern unhöflich und herausfordernd sei; doch fühle ich mich
nicht schuldig und bitte Sie, würdigste Mutter, meine Lehrerin und
Mitschwestern darüber vernehmen zu wollen.«
Ohne ein Wort der Erwiderung, nur einige Male mit dem Kopf nickend,
faßte mich die Oberin an der Schulter und führte mich in das Vorzimmer
des Herrn Superiors, wo ich warten mußte, bis sie mit ihm die Sache
besprochen hatte.
Als sie wieder heraustrat, blickte ich ihr fest und mit großen Augen ins
Gesicht; doch konnte ich aus ihren Zügen nicht entnehmen, ob man mir
Glauben geschenkt hatte. Sie sagte nur ernst zu mir: »Sprich ehrlich mit
unserm Vater, Magdalena; er will nur dein Bestes!«
Ich trat also vor ihn hin und auf seine Frage: »Was hast du
vorzubringen?« trug ich ihm den Hergang der Sache so vor, wie ich ihn
der Oberin geschildert hatte.
Da ließ er meine Lehrerin, Schwester Cäcilia, zu sich kommen, und sie
mußte nun über mich berichten.
Als der Superior nur Gutes hörte, meinte er: »Seltsam, höchst seltsam!
Kind, wenn du wirklich brav warst, so bleib's, wenn nicht, so werd's!«
Damit waren wir entlassen, und erleichtert trat ich mit der Schwester
wieder auf den dunklen Gang hinaus.
Auf dem Weg zum Musiksaal faßte ich ganz plötzlich in einer Aufwallung
warmen Dankgefühls ihre Hand und küßte sie wiederholt. Lächelnd entzog
sie mir dieselbe, indem sie sagte: »Laß doch die dumme Hand! Sie gehört
ja gar nimmer mir, sondern dem heiligen Josef!«