So viel Wolkenbrüch und Hagelschlag

Wia heuer san g'west;

A Schauer geht oan über,

Wenn ma d'Zeitunga lest.

Will koa Mensch nimma betn,

Halt neamd nix für a Sünd;

Wen tat's'n da wundern,

Wenn über uns nixn kimmt.

Und gehn ma von dem wega

Und drah' ma uns anderscht wo ei,

Und den oasa'zwanzigstn Mai

Muaß der Pfingstmontag sei.

Da hat's in Pocking in Bayern

Zwoa Pferderennats gebn;

Die Witterung war günstig

Und hübsch lustig is aa g'wen.

Es kimmt a Menge Menschen z'samm,

Ja dös Ding, dös is leicht;

Aba net grad vom Haus Bayern,

Sondern auch vom Haus Österreich.

»Das Renn' ging glücklich vorüber,«

So hört man allgemein lobn,

Aber die Heimkehr auf Östreich

War traurig genung.

Fünf bluatjunge Burschen

Von oana Pfarr z'haus,

Dö gehnd in Tod hinüber

Kimmt koana mehr raus.

Sie glaubn, sie gehnd über Schärding,

Aber, weils Wasser zu hoch

Und der Umweg zu weit,

Wann ma's wirklich betracht.

Da sagt der Brüahwassermathias:

»Dös war ma scho z'dumm!

Mir fahrn den pfeilgradn Weg

Vorüber in Hunt!«

Sie sitzn si eini

Und haltn si mäusstad,

Aba mitn Hong ham sie si vostocha,

Jatz hot's as halt draht.

»Jesus, Maria und Josef!«

War das Jammergeschrei;

Drei hand auskemma,

Aba mit acht is vorbei.

Fünf hand vo Österreich

Drei hand vo Boarn

Und oana davo

War bal ganz vergessn wordn.

Und am oasa'zwanzigstn Mai

Werdn die Gottsdeansta g'haltn,

Aber der Schmerz vo dö Eltern

Is net zum aushaltn.

Jatz pfüat enk Gott, Eltern!

Die Gräber hand zua,

Teat's fei für uns betn

Um dö ewige Ruah!

Sang sie nicht, so war das ein Zeichen ihrer schlechten Laune, und da

konnte sie dann auch bösartig sein und einem alles zum Trotz tun. Schalt

ich sie, so lief sie zu ihrer Schwester, der Tante Babett, diese lief

zur Mutter und die Mutter kam über mich; und hatte ich zuvor nur eine

wider mich gehabt, so waren es jetzt drei.

Da überwarf sich die Tante Babett mit meinem Vater und verließ ganz

plötzlich das Haus. Es war nämlich aufgekommen, daß sie jeden Morgen auf

einem Umweg in die Kirche gegangen war. Auf diesem Weg aber wohnte ein

Bräubursch. Der hat sie jedoch nicht geheiratet, weil sie, wie er sagte,

ihm zu fromm sei und es mit den Pfarrern hielte. Nach ihrem Weggang

wurde die Zenzi in der Küche und dem Hauswesen verwendet und ich mußte

wieder die Kindsmagd machen.

Da geschah es oft des Abends, daß die Kinder nicht einschlafen wollten;

ich mußte mich aber schicken, um wieder hinunter in die Wirtschaft zur

Arbeit zu kommen. Da das Zureden nichts nützte, half ich mir schließlich

auf folgende Weise: Aus einem Bettuch machte ich mir ein weißes Gewand,

aus gelben Bierplakaten zwei Flügel und aus einem Lampenreif die Krone.

So ging ich zu ihnen ins Schlafzimmer, wo nur ein rotes Nachtlicht

brannte, trat an das Bett des zweijährigen Maxl und fing leise an zu

singen. Ganz andächtig mit geschlossenen Augen hörte er mir zu, während

der vierjährige Hansl mich beobachtete, ohne mich zu erkennen. Am andern

Tag erzählte der jüngere es dem älteren und sagte: »Du, Hansl, heut auf

d'Nacht is mei Schutzengel da g'wen mit goldene Flügeln und an weißen

Kleid; der hat schön gsunga!«

Darauf sprach der Hansl: »I hab's scho g'sehgn, aba i hab mi nix z'sagn

traut, sonst hätt i'hn verjagt.«

Ich verbot ihnen, irgend jemandem etwas davon zu sagen und machte nun

jeden Abend den Schutzengel.

Wie ich nun wieder einmal vor dem Bett stehe, geht die Tür auf und die

Mutter kommt herein. Der Hansl ruft ihr noch zu: »Sei stad, Mama, da

Schutzengel is da!« als sie schon schreit: »Du Herrgottsakermentsg'ripp,

du zaundürrs! Dir werd i's austreibn, an Engl z'macha!« Und damit reißt

sie mir die Flügel herunter und jagt mich unter Püffen aus der Stube.

Die Kinder begannen zu schreien und zu weinen und die Mutter beruhigte

sie, indem sie sie über den Frevel, wie sie sagte, aufklärte und ihnen

Schokolade gab.

Von der Stunde an betrachteten mich die Brüder mit kindlicher Verachtung

und wollten mir lange nicht mehr folgen.

Dann kam eine Zeit, wo die Mutter mich wieder besonders quälte; sie war

aber auch gegen andere Leute recht barsch, vor allem gegen den Vater.

Dabei wurde sie immer stärker, und nun wußte ich, daß wieder ein Kind

kam. Daß dem so war, das hatte ich eines Tages nach der Turnstunde

erfahren, als ich mit mehreren Mädchen meiner Klasse, ich war damals

dreizehn Jahr alt, nach Hause ging. Da begegnete uns eine Frau, die in

andern Umständen war, und auf die Frage der Babett: »Warum is denn dö

unten so dick und obn so mager?« entgegnete ich: »Ja, weils halt ihr

Korsett verkehrt anhat.«

»Du irrst!« sagte darauf die Else, eine Lehrerstochter. »Die Frau trägt

überhaupt kein Korsett, sondern die bekommt ein Kind.«

»Ja, die Else hat recht,« mischte sich eine vierte, die Anna, ins

Gespräch, »mei Mutter war auch so dick, dann ham ma zwoa Bubn kriegt;

dann is s' im Bett g'legn, und wie s' wieder aufg'standn is, war s'

wieder ganz mager. Jetzt möcht i nur wissn, wie dö rauskomma san.«

»Das kann ich dir schon sagen,« erwiderte die Else. »Mein Papa hat zu

Hause ein Buch, darin hab ich's gelesen: Wenn ein Mann mit einer Frau

ins Bett geht und mit ihr was Schlimmes treibt, legt er ihr ein Ei in

ihren Körper; dann tut er wieder was Böses mit ihr, dadurch kommt das Ei

in den Magen der Frau, und die brütet es aus und aus dem Nabel kommt das

Kind mittels der Nabelschnur.«

»Du spinnst ja!« rief jetzt die Theres. »Da hast halt aa net recht

g'lesn! I woaß von meiner Schwester, die von dem Doktor dös Kind hat:

dös Ei liegt net im Magn, sondern im Bieserl. Da tut der Mann mit der

Frau was Böses und dann kommt's in Bauch und nach einem halben Jahr

kommt 's Kind unten raus. Und da braucht ma die Hebamm zum Aufschneidn

und Zunähn.«

Mit Gruseln hörten wir zu und daheim untersuchte ich, als ich allein

war, sogleich mit einem Spiegel, ob das mit dem Kind wirklich möglich

sei; da hab ich gefunden, daß es unmöglich sei.

Aber die Mutter bekam bald danach doch den Ludwigl, und da ich in

Ermangelung einer Wochenbettpflegerin alle bei einer Niederkunft

notwendigen Arbeiten tun mußte, so konnte ich ziemlich den ganzen

Verlauf der Geburt beobachten.

Als ich dann die Mutter laut jammern und klagen hörte, hatte ich viel

Mitleid mit ihr und nahm mir zugleich fest vor, niemals mit einem Mann

was Böses zu tun. Im übrigen hatte ich nicht viel Zeit zum Nachdenken;

denn den ganzen Tag bis spät in die Nacht ging es treppauf, treppab und

hieß es arbeiten, damit die Mutter zufrieden war.

Von dem Besuch höherer Schulen hielt meine Mutter damals noch nicht

viel, und so mußte ich, als ich aus der Werktagsschule entlassen war, in

die Mittwochschule gehen, die meist von Dienstmädchen und den Töchtern

der Armen besucht wurde. Bei den geringen Anforderungen, die hier an die

wenig wißbegierigen Mädchen gestellt wurden, war ich bald das verrufene

und doch zur rechten Zeit vielbegehrte »G'scheiterl« und brachte am

Schluß des ersten Jahres die beste Note nach Hause. Zum Lohn dafür

durfte ich mit einem jungen Mädchen aus dem Nachbarhause, das ebenso

bleichsüchtig wie ich war, in den Ferien zu den Großeltern aufs Land.

Da nun mein Großvater damals schon ziemlich schwer erkrankt war, schien

es der Großmutter um der Ruhe willen, deren der Kranke bedurfte,

ratsamer, uns zur Nanni zu schicken. Diese hatte in einem

unverständlichen Anfall von Besorgnis, daß das Anwesen in Westerndorf

ihr zum Ruin werde, dasselbe verkauft und erst nach einem halben Jahr

gemerkt, welch schlechten Tausch sie gemacht hatte, indem sie dafür eine

ganz alte, morsche Hütte ohne Obstgarten in Haslach genommen, lediglich

um der Äcker willen, die zwar bedeutend größer waren, aber jedes Jahr

von schweren Hagelwettern heimgesucht wurden. Sie war also froh, etwas

an uns zwei bleichen Hopfenstangen, wie sie uns nannte, zu verdienen.

Freilich wäre ich gern beständig um meinen Großvater gewesen; aber die

Großmutter litt meine Anwesenheit nie lange und schien förmlich

eifersüchtig darauf zu sein, ihn allein zu pflegen. So streiften wir

zwei Mädchen durch Wald und Wiesen, fingen Fische und Krebse und hingen

mit einer Zärtlichkeit aneinander, daß wir nachts zumeist in einem Bett

beisammen schliefen; ja, als wir nach Vakanzschluß wieder heimwärts

fuhren, gelobten wir uns noch im Bahncoupé ewige Treue und Freundschaft.

Einige Monate später, es war an einem Dezembertag, rief meine Lehrerin

mich kurz nach Beginn des Unterrichts hinaus und reichte mir ein

Telegramm. Da ich schon seit einigen Tagen die Sorge um meinen kranken

Großvater nicht los werden konnte und besonders in der letzten Nacht

durch einen schweren Traum geängstigt ward, so war mein erster Gedanke:

Er ist tot. Als ich die Worte: »Lenei, komm, Vater stirbt!« gelesen

hatte, rannte ich, ohne mich zu entschuldigen, oder meine Kleider und

Schulzeug zu nehmen, halb besinnungslos nach Hause. Aber die Mutter ließ

mich nicht fort, und so lief ich in Groll und Verzweiflung umher, weinte

und schlug meine Fäuste gegen den Kopf und fand doch keinen Ausweg. Und

als am andern Tag ein weiteres Telegramm kam des Inhalts: »Vater tot,

wird Samstag früh eingegraben,« war ich ganz gebrochen; denn es schien

mir, als wäre mit dem Toten alle Hilfe und Stütze dahin. Jammernd und

wehklagend lief ich durchs Haus und die Mutter erreichte weder mit guten

noch bösen Worten etwas. Und als sie mir auf meinen Vorwurf: »Warum

habt's mi nimma zu ihm lassn!« Strafe androhte, stürmte ich von der

Wirtsküche die vier Stiegen hinauf und wollte mich in den Hof

hinunterstürzen. Doch in diesem Augenblick riß mich jemand vom Fenster

herab, worauf ich ohnmächtig zusammenbrach.

Von dem darauffolgenden Tage ist mir keine Erinnerung geblieben; am

übernächsten Morgen aber war ich schon früh um fünf Uhr mit der Mutter

auf dem Wege zur Bahn, beladen mit Kränzen und von Schmerz und dumpfer

Trauer ganz betäubt. Ich weinte keine Träne mehr im Zug, wo wir mit den

Verwandten der Mutter und den Kostkindern zusammentrafen. Stumm blickte

ich aus dem Coupéfenster in die verschneite Landschaft und sah überall

das gütige Antlitz des Toten.

Als wir daheim in die Stube traten, wo der Verstorbene aufgebahrt lag,

stürzte ich der Großmutter, die auf dem Kanapee saß, an den Hals und wir

vergaßen ganz, daß so viele mit ihr reden wollten. Als mich endlich die

Mutter wegzog und sagte: »Komm, Mutter, red mit den Kindern!« sah ich

beim Aufstehen erst, daß die Frau ganz schneeweiß und fast erblindet war

vor Gram und Kummer.

Indem traten die vier Männer, welche nach der Aussegnung den Sarg zum

Friedhof zu tragen hatten, in die Stube. Flehentlich bat ich sie, ihn

nochmals zu öffnen, damit ich den Großvater noch einmal sähe. Und als

sie endlich meinen Bitten nachgaben, schrie ich laut auf vor Schreck und

Weh: der Tote hatte Augen und Mund weit offen und war furchtbar

entstellt, teils von dem entsetzlichen Leiden der letzten Tage, teils

von der vorgeschrittenen Verwesung.

Da ertönte lautes Beten, und herein in die Stube trat der alte Pfarrer

mit den Ministranten und dem Lehrer, die Leiche auszusegnen, gefolgt von

einer teilnehmenden und neugierigen Menge.

Unter dem wimmernden Geläute des Totenglöckleins setzte sich der Zug in

Bewegung. Ich führte die Großmutter, und wir waren beide ganz still

geworden; meine Mutter aber hatte schon, während die Geistlichkeit ihre

Psalmen und Gebete sang, laut zu schreien begonnen, und auf dem ganzen

Wege durchs Dorf bis zum Gottesacker hörten wir ihr Schluchzen und

Jammern.

Schier endlos war der Zug der Leidtragenden, und erst jetzt merkte man,

wie geehrt und beliebt der Handschuster in der Gegend gewesen war; ja,

lange nach seinem Tode konnte man noch gelegentlich hören: »Ja, der

Handschuasta, dös is a kreuzbrava, rechtla Mo g'wen; da derfs lang geh,

bis a söllana wieda amal z'findn is; mir hat er aa selbigsmal bei dem

Brand mein Buam aus'n Feuer g'holt und hernach 's ganze neue Haus

umasinst ausg'weißt.«

Nachdem nun der Sarg niedergestellt und eingesegnet war, schickten die

Männer sich an, ihn ins Grab hinabzulassen. Da vergaß ich alles um mich

her und ganz in dem Gedanken, daß bei dem Toten auch für mich Ruhe sei,

stürzte ich auf das offene Grab zu und fiel besinnungslos fast hinein.

Man bemühte sich um mich, und als ich wieder zu mir kam, hörte ich eine

alte Bäuerin neben mir sagen: »Dös is a schlechts Zoacha g'wen, i moan

allweil, da Handschuasta holt si's Lenei bal; schaugt a so aus wia dö

teuer Zeit, dös Dirndl!« Da hoffte ich im stillen, dieses Zeichen würde

bald wahr werden, und wurde wieder ruhig, so daß man mich abermals ans

Grab führen konnte.

Der Herr Pfarrer hielt eben die Grabrede und sprach gerade von dem

felsenfesten Glauben, den der Verstorbene in all seinem Tun gezeigt

habe: »Herr, wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen;

aber auf dein Wort hin will ich das Netz nochmals auswerfen! Diese Worte

des heiligen Petrus hat der Handschuster sich in allen Lebenslagen zur

Richtschnur gesetzt. Es war ihm gleich, ob bei einer Arbeit, einer

Dienstleistung oder einem guten Werk etwas herausschaue und zu

profitieren sei, oder ob er dies Werk umsonst verrichten müsse. Ihm

genügte es, daß seinem Nachbar damit geholfen war. Dieser seiner

Überzeugung verdanken auch die hier versammelten Leidtragenden und

Kostkinder des Handschusters ihre wohlbegründete Existenz, ja teilweise

ihren Wohlstand, und haben sie ja selbst, wie sie durch ihr Hiersein

beweisen, gegen den teueren Verstorbenen und dessen selbstlose Liebe und

Fürsorge einer Pflicht der Dankbarkeit genügen wollen. Dieser große

Glaube, der nicht fragt und nicht zweifelt, nicht zögert und nichts

verbessern will, dieser Glaube überzeugt auch mich davon, daß unser

lieber Herr, gleich wie zu Petrus, auch zu ihm sagt: >Selig bist du,

weil du geglaubt hast!< Weinet nicht, die ihr hier am offenen Grabe

steht; er wird auferstehen. Weine nicht, treue Mutter, die du ihn

gepflegt hast Tag und Nacht und mit ihm getragen hast Freud und Leid,

Sorg und Arbeit in stiller Entsagung dessen, was andern die Ehe bietet!

Viele sind berufen, wenig auserwählt, und wer es fassen kann, der fasse

es. Drum weine nicht, Mutter der Gemeinde, Mutter unserer Verlassenen

und Verwaisten; weinet nicht, ihr Kinder; denn er will nicht euere

Tränen, sondern euer Gebet. Darum wollen wir uns vereinigen zu einem

andächtigen Vaterunser und Ave-Maria.«

Nach dem Trauergottesdienst in der Kirche, der dem Begräbnis folgte,

begaben sich meine Mutter, die Nanni mit ihren Angehörigen, der Bastian

und die Kostkinder zum Huberwirt, um den Leichenschmaus zu halten. Die

Großmutter wollte nicht mitgehen; doch ließ sie sich am End überreden,

wenigstens in der Wirtsküche ein paar Worte mit einigen Bekannten und

dem Huberwirt zu sprechen. Ich war mit in die Gaststube getreten und

stand nun in einer stumpfen Teilnahmslosigkeit am Ofen, während die

Verwandten, noch ehe sie die Wintermäntel abgelegt hatten, in lebhaften

Streit geraten waren wegen der Habseligkeiten des Großvaters, die noch

nicht verteilt worden. Jedes wollte das schönste und meiste haben, und

des Hausls Schatz, den der Großvater sorgsam für mich aufbewahrt hatte,

wurde mir auch genommen. Nach den letzten Bestimmungen des Verstorbenen,

der kein Testament gemacht hatte, mußte das Haus noch vor seinem Tode

verkauft werden und der Erlös wurde gleichmäßig unter die Kinder

verteilt, nachdem für die Großmutter tausend Mark beiseite gelegt waren.

Diese tausend Mark nahm dann die Nanni an sich und behielt dafür die

Großmutter bis zu deren Tod.

Während meine Mutter und die andern sich noch stritten, kam der

Huberwirt in die Gaststube herein, führte die Großmutter am Arm und

sagte, zu meiner Mutter gewendet: »Dös is der Handschuasterin scho dös

Irgst, daß 's Lenei nimma kemma hat derfa, bevor der Handschuasta

g'storbn is; er hätt no so viel z'redn g'habt mit ihr und hat in oan

Trumm g'sagt: >Kimmt's Lenei no net? Geh, Muatta, schaug, ob's jatzat

kimmt!<«

Verlegen entgegnete meine Mutter: »Lieber Gott, 's Telegramm ist eben zu

spät g'schickt wordn.«

Da stürzte ich voller Zorn aus meinem Winkel hervor, trat vor die Mutter

hin und schrie sie an: »Net wahr is! Sag's nur, daß d' mi net raus hast

lassen! O mein Gott, und er hat so viel nach mir verlangt! I hab's ja

g'spürt und hab koan Ruh g'habt Tag und Nacht. Dös vergiß i dir net,

Muatter, daß d' so hart und ohne Herz g'wen bist!« Damit nahm ich die

Großmutter am Rock und zog sie zur Tür hinaus. Sie folgte mir ohne

Widerstreben, während die andern alle ganz still geworden waren und die

Mutter sich umständlich schneuzte.

Auf der Straße sagte die Großmutter plötzlich: »O mei, mir kinnan ja

nimma hoam!« und begann laut zu schluchzen. Da meinte ich: »Komm,

Muatter, gehn ma zum Vater 'nauf!« Und so gingen wir wieder zum

Friedhof, und am Grabe redete sie mit dem Toten, wie wenn er noch lebte

und mit ihr auf der Hausbank säße: »Woaßt, Vata, z'lang sollst mi nimma

da lassn; i mag s' nimma, dö Welt, jatz wo i di nimma hab. Tua mi net

vergessn, Vata, gel, und denk aa aufs Dirndl, daß net z'Grund geht bei

dem schlechtn Wei.«

Weinend hockten wir uns auf den frisch geschaufelten Hügel, unbekümmert

um die Blumen und unsere schwarzen Gewänder, und nun erzählte mir die

Großmutter von den letzten Tagen des Toten: »So viel leidn hat er müssn,

der Arme; zwoa Strohsäck hat er durchg'fäu't, weil er's Wasser nimmer

haltn hat kinna und der ganz Leib und d'Füaß oa Fleisch und Wehdam warn,

daß ma 'n kaam mehr o'rührn hat derfa. Aber er is so geduldi g'wen dabei

und nur seltn hat ma 'n jammern hörn. Nur grad nach dir hat er allweil

g'fragt und hat si recht kümmert, wia's dir geh werd, wenn er g'storbn

is.« Nach einer Weile fuhr sie fort: »Wenn i nur grad in insan Haus

bleibn kunnt und net's Gnadnbrot beim Sepp und bei der Nanni essn müaßt;

da werd's ma net gar z'guat geh bei dene.«

Nach diesen Worten versank sie in Nachdenken, und ich lehnte mich ganz

an sie, weil mich fror; denn ich hatte Tuch und Mantel beim Huberwirt

gelassen. Ich war eben ein wenig eingeschlafen, als ich durch die Stimme

des Herrn Pfarrers aufgeschreckt wurde: »Ja, meine liebe Handschusterin,

wir sind halt alle Fremdlinge in dieser Welt! Es wird Euch wohl recht

schwer, von Ort und Haus zu scheiden? Wollt Ihr nicht ins Gemeindehaus

ziehen? Da ging's Euch ja auch nicht schlecht!«

»Vergelts Gott, Herr Hochwürden, aba d' G'meinde is ma allweil no g'wiß;

i hab ja no Kinder, dö wo si um mei Geld reißn!« meinte die Großmutter

mit einem schwachen Lächeln und grüßte den sich zum Gehen Wendenden noch

mit einem leisen: »Gelobt sei Jesus Christus!«

Danach gingen wir doch noch einmal heim ins Haus. Aber da waren schon

die neuen Besitzer eingezogen und alle möglichen Gegenstände lagen bunt

durcheinander in den Räumen und vor dem Haustor. Unter der Stiege stand

eine alte Truhe, in die sonst die Kleie für das Vieh kam; wir setzten

uns darauf und konnten nichts reden. Aus dem Stall tönte das kurze

Brüllen der Kühe, denen die gewohnte Hand abging. Da kam aus der

Wohnstube die neue Hausfrau, sah uns ganz erstaunt an und fragte fast

unfreundlich: »Was möcht's denn no, Handschuasterin? Habt's leicht ebbs

vergessn?«

»Naa, i han nix vergessn; geh, Lenei, gehn ma wieder!« erwiderte die

Großmutter und ging mit mir aus dem Haus. Nun mußten wir doch zum

Huberwirt; denn die Verwandten hatten schon herumgefragt, wo wir wären.

Als wir in die Gaststube getreten waren, brachte der Huberwirt ein Glas

Rotwein mit Zucker und stellte es vor die Großmutter hin, indem er

sagte: »Handschuasterin, balst es net trinkst, kriagt da Vata dö ewi'

Ruah net!«

Da tauchte sie eine Semmel darein, sprach aber nichts, und als dann die

Nanni mit ihrem Mann sich zum heimgehen bereit machten und sie einluden,

gleich mitzukommen, da nickte sie nur ein paarmal mit dem Kopfe und

stand auf. Der Huberwirt aber ließ seinen großen Schlitten, auf dem

sonst das Bier oder Getreide gefahren wurde, herrichten und einspannen:

»Oes werd's ja a so glei all' z'samm auf Hasla' fahrn, net? I han enk

mein Schli'n eing'spannt, daß d'Handschuasterin net z'geh braucht. A

paar Deckn han scho drobn zum Einwickeln!«

Wir fuhren also alle zusammen zur Nanni; diese kochte Kaffee, und in der

gemütlichen Wohnstube wurde auch die Großmutter wieder etwas gefaßter;

ja, sie fing sogar an, einiges über den Großvater zu erzählen. Man hatte

ihr eine nette Kammer zu ebener Erde angewiesen und diese auch geheizt.

Spät am Nachmittag, als es Zeit wurde, auf die Bahn zu gehen, denn wir

mußten abends wieder zu Hause sein, führte die Nanni uns noch in diese

Kammer, um uns zu zeigen, daß die Großmutter bei ihr gut aufgehoben sei.

Auch mich beruhigte diese Fürsorge und ich sagte noch beim Abschied zu

ihr: »Großmuatterl, du brauchst koa Angst z'habn wegn der Nanni; dö mag

di scho!« Ich blieb noch bei ihr in der Kammer und half ihr ihre

Habseligkeiten ein wenig ordnen. Dann legte sie sich ins Bett und

schlief bald ein. Ich hatte ihr noch leise Lebewohl gesagt, die andern

aber ließ ich nicht mehr zu ihr.

Gegen Abend fuhren wir wieder in dem Schlitten zur Bahn und hierauf

heim.

In München erst sprach ich einiges mit den Verwandten; denn während der

Fahrt war ich still und teilnahmslos in der Ecke gesessen, während es um

mich summte und schwirrte von der lebhaften Unterhaltung.

Nach der Ankunft ging die ganze Verwandtschaft noch in unsere

Wirtschaft, wo sie von meinem Vater mit Freibier und einem guten Mahl

bewirtet wurden.

* * * * *

Kaum ein halbes Jahr nach dem Tode meines Großvaters kam eines Tages

meine Großmutter und beklagte sich bitter über die rohe Behandlung, die

ihr bei der Nanni und deren Mann widerfahre. Laut weinend wünschte sie

sich den Tod und wollte nicht mehr zurück, sondern zu dem neuen Besitzer

ihres Hauses, um bei ihm im Austrag zu bleiben. Meine Mutter suchte ihr

dies wieder auszureden und wollte sie bei sich behalten; denn, meinte

sie, um die tausend Mark, die der Nanni für die Verpflegung der

Großmutter zugekommen waren, könnte die alte Frau gerade so gut bei ihr

sein, und es ginge ihr gewiß gut. Auch der Bruder meiner Mutter lauerte

auf die tausend Mark, und es entspann sich bald ein heftiger Streit

unter ihnen, wer die Großmutter bekäme. Doch erkannte diese gar bald die

wahre Ursache jener plötzlichen Bereitwilligkeit und fuhr wieder zur

Nanni. Diese hatte gehofft, daß die Großmutter den Vater höchstens

etliche Monate überleben würde und war voll Verdruß, als sie sah, daß

die Frau nach einem und nach zwei Jahren immer noch lebte. So behandelte

sie sie nicht zum besten und mißgönnte ihr sogar das wenige, womit sie

ihr Leben fristete. Oft schlich dann die alte Frau, wenn sie vom Grabe

ihres Mannes kam, in ihre ehemalige Heimstatt und klagte der neuen

Besitzerin ihre Not. Diese, eine mit vielen Kindern gesegnete,

kränkliche Frau hatte viel Mitleid mit ihr und behielt sie oft tagelang

bei sich. Da mag sie wohl manchmal mit Bitterkeit diese seltsame Fügung

bedacht haben, daß sie, die auch den Ärmsten Heimat bot um Gottes

willen, nun selbst heimatlos und der Willkür ihrer Kinder preisgegeben

war.

Als sie dann nach langem Leiden durch einen Schlaganfall gelähmt worden

und ganz auf die Handreichungen ihrer Stieftochter angewiesen war, kamen

harte Tage für sie. Hilflos lag sie in ihrem Bett, so erzählt man, und

niemand kümmerte sich um sie; man ließ sie hungernd und starrend vor

Schmutz im eigenen Kot liegen. Und als um diese Zeit ihr Schwiegersohn

sein Haus verkaufte und ein neues Anwesen übernahm, wurde die kranke

Frau, obwohl es Winter war, mit ihrem Bett zu oberst auf den mit Möbeln

beladenen Leiterwagen gebunden und so den weiten Weg auf der holprigen

Landstraße nach dem neuen Wohnort gefahren. Bald nach dieser Reise starb

sie, und als sie tot war, wollte niemand das Begräbnis zahlen. Die

Kinder, die damals sich um die Pflege der Lebenden gestritten hatten,

fanden alle erdenklichen Ausreden, um der Toten ledig zu bleiben, und

endlich mußte die Gemeinde sie auf ihre Kosten begraben lassen. Doch kam

meine Mutter zum Begräbnis und brachte große Kränze mit. Danach aber gab

es heftigen Streit um die letzte Habe der Verstorbenen; denn die Nanni

hatte alles schon beiseite geschafft.

Mit der Geburt des Ludwigl, meines dritten Stiefbruders, hatten auch die

letzten an die Kindheit erinnernden Spiele und Freuden ein Ende, und ich

mußte nun von früh bis spät arbeiten, um alles recht zu machen. Trotzdem

gab es manchen stürmischen Tag mit der Mutter, die in einemfort haderte

und schalt und es an Züchtigungen nicht fehlen ließ. Zu all dem wurde

ich seit dem Tode meines Großvaters von einer großen Schwermut und

Traurigkeit befallen, so daß ich mir nicht mehr viel aus meinem Leben

machte. Doch fand ich in dieser schweren Zeit einen Trost in meiner

Stimme. Unser Pfarrer veranlaßte meine Aufnahme in den Kirchenchor,

nachdem ich schon etliche Jahre in der Zentralsingschule ausgebildet

worden war. Bald durfte ich bei den Gottesdiensten Solo singen, und das

Bewußtsein, einmal öffentlich anerkannt zu sein, bereitete mir so hohe

Freude, daß ich darüber selbst den Neid meiner Kolleginnen vergaß.

So sang ich auch einmal aushilfsweise bei einer großen Vereinsfeier, an

der auch der würdige Prälat und Pfarrer Huhn von der Heiliggeistkirche

teilnahm. Als dieser meine Stimme gehört hatte, ließ er mich zu sich

kommen und fragte mich, ob ich nicht Lust hätte, ein braves

Pilgermädchen bei der Münchner Wallfahrerbruderschaft zu werden und an

den heiligen Stätten zu Andechs, Altötting und Grafrath Gottes und Mariä

Lob zu singen. Ich sagte hocherfreut zu und holte mir sogleich von

meiner Mutter die Erlaubnis, die sie mir in Anbetracht ihrer frommen

Gesinnung nicht verweigerte. Also durfte ich noch im selben Jahr an den

großen, volkstümlichen Wallfahrten als Pilgermädchen teilnehmen.

Die schönste und auch am feierlichsten begangene war die nach dem

uralten, weltberühmten Gnadenorte Altötting. Da ich immer schon eine

große Liebe zur Mutter Gottes getragen, konnte ich den Tag der Fahrt

kaum erwarten. Schon wochenlang vorher mußte ich mit den anderen

Sängerinnen zahlreiche Marienlieder einstudieren, und wir betrachteten

die Generalprobe schon als ein kleines Fest; denn da kam die ganze

Geistlichkeit, an ihrer Spitze der hochwürdige Herr Prälat Huhn, der

selbst ein eifriger Pfleger und Förderer des Gesanges war, sowie der

ehrwürdige Präses des Wallfahrervereins, Benefiziat Stein, ein Mann, so

recht, wie man sagt, nach dem Herzen Gottes: so schlicht und

uneigennützig, so ganz aufgehend in seinem Beruf. Wir Pilgermädchen

hingen daher mit großer Liebe an ihm und fühlten uns immer hochbeglückt,

wenn er einige von uns aus dem Haufen hervorholte, am Ohrläppchen zupfte

und fragte: »San d'Stimmbandln alle guat g'schmiert, Kinder? Sonst müaß

ma s' halt no schmiern z'vor!« Und damit brachte er eine riesige Tüte

voll Malzzucker aus seiner hinteren Rocktasche, die durch die vielen

Näschereien, welche er uns immer zu schenken pflegte, schon so

mitgenommen und ausgeweitet war, daß sie samt dem Rockfutter weit unter

den Schößen des abgetragenen Gehrocks hervorlugte. Im übrigen war er von

einer angenehmen Natürlichkeit, wenn er bei der Neuaufnahme eines

Pilgermädchens auf die Unschuld zu sprechen kam. Man konnte ihm ohne das

lästige Gefühl einer falschen Scham, die durch das aufdringliche Fragen

mancher Seelsorger einem so leicht den Mund verschließt, alle begangenen

Torheiten erzählen. Ich weiß nicht, wie er schwerere sittliche

Verfehlungen behandelte; was meine Jugendsünden anlangt, so meinte er

darauf nur: »So, dös is brav, daß d's Kleidl no net z'rissn hast, Kind;

a bisl staubig is scho, dös is wahr, aber dös putzt ma halt mit an

frommen, reuigen Seufzer wieder weg, gelt! Und jetzt gibt ma schö

Obacht, daß oan nix mehr passiert als Marienkind.«

Am Vorabend des für die Wallfahrt ausersehenen Julisonntags hatte die

Mutter zur allgemeinen und besonderen Reinigung schon ein Bad bereitet,

während ich meine Seele durch eine sehr gewissenhafte Beichte von allem

anhaftenden Staub zu befreien suchte. Am Abend durfte ich schon früh zu

Bett gehen, um andern Tages zeitig munter zu sein. Schon um halb vier

Uhr war ich aus den Federn und lief ans Fenster, zu sehen, ob das Wetter

schön sei. Doch grau und neblig war der ganze Himmel, und ich begann,

während ich die »Uniform unserer lieben Frau« anzog, immer dieselben

Worte vor mich hinzusagen: »Liebste Mutter Gottes mein, laß doch heut

gut Wetter sein!« Derweilen war auch die Mutter aufgestanden und half

mir nun beim Ankleiden. Über das weiße Kleid kam ein himmelblaues

Schulterkräglein und vor die Brust ein großes silbernes Herz, das an

einem blauen Bande hing, und nachdem die Mutter mir das weißblaue

Kränzlein ins Haar gedrückt, nahm ich den langen Pilgerstab mit dem

silbernen Kreuz und eilte nach einem raschen »Pfüat Gott, alle

mitanand!« aus dem Haus, der Kirche zu, verwundert angeglotzt oder auch

derb angerufen von heimkehrenden Nachtlichtln oder verschlafenen

Bäckerjungen. Besonders am Marienplatz wäre ich beinah von einer Rotte

frecher Burschen, die mit ihren Dirnen aus dem »Ewigen Licht«

herausstritten, mißhandelt worden; doch kamen mir etliche Leute, die wie

ich an der Wallfahrt teilnehmen wollten, zu Hilfe.

Mächtig brauste schon die Orgel, als wir in das Gotteshaus traten, und

rasch begab ich mich auf den Chor, wo schon die meisten Sängerinnen

versammelt waren. Nach einem herrlichen Hochamt feierte die ganze

Pilgerschar, wohl mehr als fünftausend, die Generalkommunion. Der

Eindruck war für mich ein so überwältigender, daß ich nur mit größter

Mühe das ergreifende Marienlied, dessen Soli mir übertragen waren, zu

Ende brachte. Und als dann endlich wir Pilgermädchen, ungefähr

zweihundert an der Zahl, uns gemessen und in tiefer Andacht dem Tisch

des Herrn nahten, während ein bestellter Knabenchor uns ablöste, ging

eine große Bewegung durch das Gotteshaus, und manche Träne unseres

greisen Pfarrers fiel in den Kelch, aus dem er uns das Brot des Lebens

reichte. Der heilige Vater Leo und unser geliebter Erzbischof Antonius

von Thoma hatten uns noch ihren Segen übermitteln lassen, und nach

diesem feierlichen Akt traten wir unter dem Geläute sämtlicher Glocken

unsere Wallfahrt an.

Voran schritten wir Pilgermädchen, und die kräftigsten von uns trugen

unsere Fahnen und die Statuen unserer Patrone, der Mutter Gottes, des

Erzengels Raphael mit dem Tobias und des heiligen Aloysius. Unter

Liedern und Gebeten ging es durch die Straßen der Stadt zum Ostbahnhof,

von wo aus uns ein Sonderzug rasch nach Mühldorf brachte. Im Zuge

erzählte uns unser Präses mit großer Einfachheit von Gnadenbezeigungen

Mariens, besonders von jenen gegen Kinder und Jungfrauen.

Von Mühldorf aus gingen wir nach einem einfachen Frühstück zu Fuß nach

dem Gnadenort, den wir gegen Mittag erreichten. Empfangen von dem

Geläute sämtlicher Glocken, dem Jubel der Bewohner, der Geistlichkeit,

des ansässigen Ordens und einer Musikkapelle, betraten wir den geweihten

Ort und begrüßten die Gnadenvolle, ein jeder nach Drang des Herzens oder

Größe des Kummers, den er hier am Gnadenaltar niederlegen wollte. Meiner

hatte sich eine fast überirdische Stimmung bemächtigt und ich fühlte

mich so frei und aller Sorge ledig, daß ich nur ganz verklärt das alte,

mit unsäglich vielen und köstlichen Kleinodien aller Zeiten geschmückte

Gnadenbild anschauen konnte, während meine Lippen mechanisch murmelten:

»O Maria, hilf doch mir; es fleht dein armes Kind zu dir. Im Leben und

im Sterben laß meine Seele nicht verderben.« Nach langer Zeit erst fiel

mir eins nach dem andern ein, was ich gern von der Mutter Gottes erlangt

hätte.

Inzwischen hatten die Pilger sich in Gruppen geteilt, die einen weilten

im Kloster, die andern in den verschiedenen Kirchen des Ortes. Draußen

vor der Gnadenkapelle aber hatten jene, die besonders viel von der

Gnadenreichen erlangen oder für irgend eine geheime Schuld Sühne tun

wollten, eins der zahlreich daliegenden Holzkreuze auf die Schulter

geladen und schleppten dieses nun, bald aufrecht gehend, bald auf den

Knien rutschend, laut betend und weinend um den sogenannten Kreuzgang.

Ich weiß nicht, wie es kam und was ich wollte: kurz, ich befand mich

plötzlich unter den Kreuztragenden; da das massive Eichenkreuz aber

meiner Schulter ziemlich weh tat, ließ ich es bei dem dreimaligen Umgang

bewenden und übergab mein Kreuz einer dicken Frau, deren böse Zunge weit

und breit gefürchtet war. Mit einigen Freundinnen besah ich mir dann den

ganzen Ort, die Kirchen, das Kapuzinerkloster und den Markt für

Wallfahrtsandenken und verwunderte ich mich über den üppigen Handel und

die Gewinnsucht an dieser frommen Stätte. Dazwischen sorgten wir auch

für des Leibes Notdurft; denn es war alles schon vorausbestellt worden

von unserm vorsorglichen Präses. Den Tag beschloß noch eine schöne Feier

mit Illumination der Kapelle, und nach einem einfachen Nachtmahl begaben

wir uns in unsere Schlafkammern. Die Vermögenderen hatten sich ein Bett

für sich allein gesichert; die Ärmeren aber mußten je zwei in einem Bett

schlafen. Da mir meine Mutter die Ausgabe für ein eigenes Bett nicht

bewilligt hatte, so mußte ich es mit einer Mitschwester teilen. Ich

fragte daher meine liebste Freundin, ob sie mich als Störenfried wolle.

Sie war gern bereit, und so verbrachten wir die Nacht unter Flüstern,

Kichern, Scherzen und Kosen.

Der neue Tag brachte wieder viel des Erbaulichen und Ernsten, doch wurde

ich zuletzt müde von allem und war froh, als am Dienstag in der Früh das

Schlußamt mit Generalkommunion am Gnadenaltar gefeiert wurde. Als aber

hierbei am Chor plötzlich die kindlichen Stimmen von etwa zwanzig Knaben

an mein Ohr tönten und sie das uralte Abschiedslied von der »schwarzen

Mutter Gottes« sangen, ward es mir schwer ums Herz und ich konnte mich

kaum losreißen von dem Gnadenbilde. Ganz traurig schloß ich mich den

andern an und brachte beim Singen kaum mehr einen Ton heraus.

So kam es, daß ich recht niedergeschlagen daheim ankam und ernste

Vorwürfe von meiner Mutter wegen meiner scheinbaren Undankbarkeit zu

hören bekam.

* * * * *

War ich schon vorher nicht gerne in der Gastwirtschaft tätig gewesen, so

hatte ich jetzt, seit ich Pilgermädchen war, die ganze Freude an dem

öffentlichen und lauten Leben verloren; doch wurde ich von meiner

Mutter, trotzdem sie so religiös schien, fest angehalten, überall, wo es

vonnöten war, einzuspringen. Bald war ich in der Küche das Spülmädchen

oder die Köchin, bald in der Gaststube die Kellnerin; denn da die Mutter

oft recht grob mit dem Dienstvolk war, lief bald die eine oder andere

wieder weg. Am meisten zuwider war mir der Aufenthalt in der Gaststube;

denn war ich bei den Gästen ernst und schweigsam, so schalt die Mutter,

daß ich ihr die Leute vertreibe; war ich aber freundlich und heiter, so

nützten das viele rohe und wüste Kerle aus und belästigten mich nicht

nur mit allerhand Zoten und zweideutigen Fragen, sondern quälten mich

manchmal in der unsaubersten Weise, indem sie mich an den Beinen faßten,

Küsse verlangten oder sonstige aufdringliche Zärtlichkeiten versuchten.

Kam ich dann also gehetzt zur Mutter und klagte ihr solche Dinge, so

wurde sie sehr erbost und schalt mich heftig, daß ich mich nicht zu

benehmen wisse: »Was muaßt di denn hi'stelln dafür? Scham di; bist

fufzehn Jahr alt und no so dumm! Da sagt ma halt, i hab jatz koa Zeit

und geht freundli weg!«

Oft dachte ich über diese Worte nach und versuchte mich danach zu

richten; doch waren alle meine Bemühungen, die Zudringlichkeiten solcher

Burschen mit Liebenswürdigkeit abzuwehren, erfolglos, und ich fürchtete

ständig, meine Unschuld zu verlieren. Da faßte ich am Ende den

Entschluß, meinem Beichtvater diese Vorfälle mitzuteilen, ich hatte aber

nicht den Mut, dem alten Kooperator, der immer noch mit Vorliebe nach

den Heimlichkeiten seiner Beichtkinder fragte, davon zu erzählen.

Da kam ein neuer Geistlicher an unsere Pfarrei, der noch sehr jung war

und erst vor kurzem seine Primiz gefeiert hatte. Diesem beichtete ich

nun ausführlich und er sprach mir gut und freundlich zu, fragte mich nur

wenig und gab mir am Schluß noch viele Ratschläge. Ich war sehr beruhigt

nach dieser Beichte und ging nun regelmäßig zu ihm. Bald wurden wir auch

wegen des Singens näher bekannt, und ich besuchte ihn des öfteren in

seiner Wohnung. Dabei entwickelte sich zwischen uns bald eine Art

Freundschaftsverhältnis und ich fand bei ihm Trost und Zuspruch, wenn

ich ihm erzählte, wie es mir daheim erging. Als er nach kurzer Zeit in

eine andere Pfarrei versetzt wurde, wurde ich durch seine Vermittlung an

dieser Kirche erste Sopranistin und Solosängerin. Als auch hier die

Besuche ihren Fortgang nahmen, wußte ich bald, daß ich ihn liebte, und

ich mußte mich oft mit aller Gewalt zusammennehmen, um ihm das nicht zu

sagen; denn ich sah wohl, daß auch auf seiner Seite eine Neigung war.

Doch immer wußte er sich zu beherrschen und verstand auch meine Gefühle

im Zaum zu halten. Wie oft stand ich zitternd vor ihm und sah ihn mit

den verliebtesten Augen an oder küßte stürmisch seine Hand. Dann blickte

auch er mich freundlich an, streichelte mir die Wange und sagte: »Ja,

ja, Kind, du bist halt mei Singvogel! ... Was schaust denn no? ... Ja

so, a Bildl magst no, gel!« worauf ich hochrot, mit leiser Stimme

entgegnete: »Ja, bitt schön, Herr Hochwürden!«

»So Kind, such dir eins aus. Magst na an Kaffee aa?«

In meiner Verwirrung vermochte ich ihm keine rechte Antwort zu geben.

Da rief er der halbtauben Wärterin: »Lies, mein' Kaffee!« und zu mir

gewendet fuhr er fort: »Woaßt, Kind, i hab aber bloß oa Taß. Trinkst

halt du z'erst den dein', gel!« und damit führte er mich zum Kanapee,

setzte sich zu mir und plauderte von erbaulichen Dingen. Ich aber hörte

kaum zu, sondern betrachtete unausgesetzt seine Hände und Knie und

dachte nur den einen Gedanken: »Wann i dich nur bloß ein einzigs Mal so

viel lieb haben dürft!«

Da brachte er mich mit den Worten: »Hast aber aa g'nug Zucker drin?«

wieder zu mir selber, worauf er den Kaffee versuchte, mir noch ein

Stücklein hineintat und mich trinken hieß.

Als ich getrunken hatte, meinte er: »So, Kind, jetzt hast von mir an

Kaffee kriegt und a Bildl. Was kriag jetzt i?«

Da dachte ich voller Ängsten, er würde sagen: »Ein Bußl,« aber er fuhr

fort: »Gel, jetzt kriag i dafür a recht a schöns Lied; aba koa heiligs,

denn di hör i so allweil!«

Da sang ich das Lied von dem Dirndl, das um Holz in den Wald geht, ganz

zeiti in der Fruah und dem sich nachischleicht a saubrer Jagasbua.

Als ich die erste Strophe gesungen hatte, wobei er mich am Harmonium

begleitete, meinte er: »Ah, dös war aber schö; aber recht arg verliabt.

No, es macht nix; von den Wirtstöchtern woaß ma's scho, daß was solches

aa lernen. Kannst no mehr von dem Liedl?«

»Bloß noch eine Stroph', Herr Hochwürden! Aber die is no verliabter.«

»Dös macht nix, Kind Gottes, sing nur weiter!«

Da sang ich:

Drauf sagt der Jaga zu der Dirn,

Geh, laß dei Asterlklaubn;

I möcht so gern mit dir dischkriern

Und dir in d'Äugerln schaugn.

Das Dirndl sagt: Dös ko net sei,

Daß du mir guckst in d'Augn,

Denn d'Jaga derfan, wia i woaß,

Ja nur ins Greane schaugn.

Da läutete es. Er sah nach, und eine alte Betschwester stand an der Tür;

da hieß er sie warten und verabschiedete mich mit den Worten: »Jetzt

muaßt geh, liabs Kind, jetzt haben d'Mauern Ohren kriagt.« Damit schob

er mich durch sein Schlafzimmer an die Tür, und während ich heraustrat,

sah ich ihn schon die alte Frau empfangen.

Doch nicht lange mehr dauerten diese Besuche; denn er wurde abermals

befördert und kam als Benefiziat in ein geistliches Institut.

Als ich dann von ihm Abschied nahm und ihn zum letztenmal um seinen

Segen bat, stand er ergriffen auf und trat zum Weihbrunnkessel, während

ich vor ihm niederkniete. Plötzlich aber umfaßte ich seine Knie und

preßte mein Gesicht daran, indem ich laut weinend rief: »O mein lieber,

lieber Hochwürden!«

Da machte er ganz ruhig seine Knie frei, zog mich in die Höhe und sagte,

indem er meinen Kopf zwischen seine Hände nahm: »Kind, geh jetzt, es

wird Zeit, du mußt hoam,« und dabei rannen ihm ein paar Tränen über die

Wangen. Da ergriff ich nochmals seine Hand, küßte sie drei-, viermal

heftig und lief dann davon.

Auf der Straße schaute ich noch einmal um. Da stand er am Fenster und

winkte mir freundlich zu.

Einmal noch sah ich ihn, ohne aber mit ihm reden zu können; denn es war,

als wir uns eben in feierlicher Prozession zur Wallfahrt nach Grafrath

auf den Weg machten. Er stand mit einer alten, ehrwürdigen Dame, die

wohl seine Mutter sein mochte, an einer Straßenecke, und ich mußte hart

an ihm vorbei. Als er mich erblickte, huschte es wie große Freude über

sein Gesicht, und lächelnd nickte er mir einige Male grüßend zu und

wandte sich danach schnell zur Seite. Ich war über dieses Wiedersehen,

so flüchtig es war, sehr beglückt und dachte während der Wallfahrt viel

an ihn und empfahl ihn an der dem heiligen Rasso geweihten Stätte

inbrünstig der Fürbitte dieses Heiligen.

* * * * *

Fröhlich kehrte ich von dieser Pilgerfahrt zurück und nahm mir vor, den

Freund an einem der nächsten Tage aufzusuchen. Doch ich kam nicht dazu;

denn daheim fand ich meine Brüder an Diphtherie erkrankt.

Indem ich sie noch pflegte, wurde ich selbst davon ergriffen und konnte

erst nach Wochen das Bett verlassen.

Als ich aufgestanden war, versuchte ich sofort wie zuvor mich wieder um

das Hauswesen zu kümmern.

Da dies die Mutter sah, hielt sie mich schon für gesund und trug mir

daher mehr auf, als ich leisten konnte. So kam es, daß ich wieder

täglich kränker wurde und endlich vor Mattigkeit mich alle Augenblicke

niedersetzen oder anlehnen mußte. Das nahm man aber für Faulheit, und

besonders die Mutter beklagte sich darüber: »Nur schö langsam! Heut a

Trumm, morgen a Trumm! Bis i an Steckn nimm und zoag dir, wie ma arbat!«

Ich nahm mich nun recht zusammen; doch während ich das Schlafzimmer

meiner Eltern aufräumen wollte, befiel mich wieder eine solche

Müdigkeit, daß ich mich aufs Sofa setzen mußte, um zu rasten. Ich

schlief ein und erwachte erst, als meine Mutter mir einige Schläge auf

den Kopf gab; denn es war inzwischen Mittag geworden und sie kam,

frische Servietten für die Stammgäste zu holen. Voll Zorn schrie sie

mich an: »Da hört si do scho alles auf! Mittn am Tag legt si dös faule

Luder hin und schlaft, anstatt z'arbatn! Aber wart, i hilf dir!

Augenblickli wichst ma jetzt den Schlafzimmerboden; und sauber wann net

alles is, dann Gnade Gott! Jatz is elfe; um zwoa komm i rauf, da will i

alles ferti sehgn!«

Mir war ganz dumm im Kopf, aber ich begann trotzdem wieder zu arbeiten.

Als ich etwa ein Drittel des Zimmers mit Stahlspänen abgerieben hatte,

drehte sich plötzlich alles vor meinen Augen und ich wußte nichts mehr.

Lange muß ich so dagelegen sein; denn kaum hatte ich wieder zu arbeiten

begonnen, schlug es zwei Uhr. Ich war vor Schrecken ganz ratlos, denn

ich hörte die Mutter kommen. Als sie sah, wie wenig ich gearbeitet

hatte, schrie sie: »Was, du bist no net ferti! Ja, da is ja no net amal

richti o'g'fangt! Du willst mi, scheint's, zum Narren haltn, du

Kanallje!« Dabei trat sie mich mit Füßen und riß mich an den Haaren in

die Höhe.

Mühsam fing ich wieder an zu arbeiten, während die Mutter an den

Waschtisch gegangen war und sah, daß ich das Wasser noch nicht

ausgeleert hatte. Da schrie sie: »Ja, was is denn dös! Net amal

d'Waschschüssel hat s' ausg'leert und a frisch Wasser reitragen!«

»Ja mei, i hab ma's ja net z'tragen traut, die teure Schüssel, weil mi

alle Augenblick der Schwindel anpackt.«

»Was Schwindel! Dir treib i dein' Schwindel aus. Sofort leerst die

Schüssel aus! I möcht wissen, für was ma dir z'fressn gibt, du

langhaxats G'stell!« rief sie und stieß mich an den Waschtisch.

Ängstlich faßte ich die schöne Schüssel, die von zarter, himmelblauer

Farbe war, mit einem goldenen Rand, und eine Muschel darstellte. Im

Innern war ein Bild, das zwei Mädchen in fremder Tracht zeigte, die am

Meeresstrand standen und einen in einem Segelboot sitzenden Burschen aus

flachen Schalen mit Wasser bespritzten. Den Krug schmückte eine ähnliche

Szene; das Geschirr war alt und kostbar und der Name des Künstlers stand

darauf geschrieben.

Schwankend trug ich also die Schüssel durch das Zimmer, als ich

plötzlich einen Stoß verspürte, worauf ich zu Boden stürzte. Die Mutter

hatte es getan; denn ich war ihr zu langsam gegangen.

Starr blickte ich erst auf die Wasserlake, dann auf die Scherben und

vergaß, aufzustehen, bis mich die Mutter mit dem Ochsenfiesel des Vaters

daran erinnerte.

Eine halbe Stunde später, als ich, die blutigen Striemen an meinem

Körper betrachtend und vor Schmerzen an Brust und Rücken stöhnend,

bemüht war, das Unheil wieder gut zu machen, ging die Mutter fort mit

der Drohung: »Dawerfa tua i di, wenn i net die gleiche Schüssel kriag!«

Ich hielt das letztere für ausgeschlossen bei der Kostbarkeit derselben

und zog deshalb meinen Regenmantel an und schlich mich, nachdem ich aus

meiner Sparbüchse noch etwas Geld zu mir gesteckt hatte, davon.

Planlos und ohne an etwas zu denken, lief ich durch die Nymphenburger

Straße hinaus über Laim und befand mich endlich auf der Straße, die nach

Großhadern führt. Die Sonne war schon im Untergehen und über den Feldern

stand ein leichter Nebel; denn es war schon im Spätsommer.

Ich blieb stehen und sah mich um. Da durchfuhr mich ein kalter Schauer,

und als ich weiter gehen wollte, wurde mir schon nach wenigen Schritten

so übel, daß ich mich erbrechen mußte und danach ohnmächtig auf der

Landstraße hinfiel.

Spät abends fand mich ein Bauer, der Milch nach der Stadt gefahren hatte

und jetzt auf dem Heimweg war. Der hob mich auf und brachte mich mit

seinem Fuhrwerk nach Großhadern und lud mich bei einem großen Wirtshaus

ab. Die Wirtin brachte mich freundlich zu Bett und befahl einer alten

Frau, daß sie die Nacht über bei mir bleibe. Sie selbst kam am andern

Tag und fragte mich mitleidig, wo ich in diesem Zustand denn herkomme

oder hinwolle. Da erzählte ich ihr mein ganzes Unglück und bat sie, sie

solle mich doch bei sich behalten, ich sei eine Wirtstochter und könne

ihr viel helfen.

»Ja, mei liabs Kind,« meinte die gute Frau, »deine Leut wer'n halt recht

Sorg um di habn und di wieder z'rückverlanga; denn dös kann do net sei,

daß a Muatter so schlecht is.«

Weinend wiederholte ich meine Bitte und beruhigte mich erst, als sie mir

versprach, mich in ihren Dienst zu nehmen: »Aba z'erscht muaßt wieder

g'sund wer'n. Drum bleibst heut lieber no liegn. Vielleicht kann ma

morgn mehra sagn.«

Gegen Abend hielt ich es nicht mehr im Bett aus und ging zu der Wirtin

in die Küche und fragte sie, ob ich ihr was helfen könnte.

»Ja mei, Kind, in dem Zuastand! Sitz di liaber ins Nebenzimmer und iß

was G'scheits. Du schaust ja aus wie inser liaber Herr am Kreuz!« Damit

nahm sie mich bei der Hand und führte mich ins Nebenzimmer, wo an einem

Tisch fünf oder sechs Herren beisammen saßen und mich verwundert

ansahen.

»Wen bringen S' denn da, Frau Obermeier? Dös is g'wiß a Basl,« fragte

einer, während ein anderer hinzufügte: »Jess Maria, is dös Madl kasi! Is

'leicht krank?«

»Ja mei, Herr Oberförster,« sagte die Wirtin, »dös is a g'spaßige

G'schicht!« und sie erzählte die Sache den Herren, von denen einer der

Bürgermeister, ein anderer der Arzt und ein dritter der Herr Benefiziat

war.

Nachdem die Wirtin meine Geschichte erzählt hatte, bestürmten sie mich

mit allen möglichen Fragen; doch der Arzt sagte: »Laßt's dem armen Kind

sei Ruh, meine Herrn! Ma sieht's ja auf den ersten Blick, daß 's

schwerkrank is ... Geh amal her, Fräulein, und laß dir in'n Hals

neischaun! ... Ach, herrjesses,« schrie er da, »wie schaut's da drin

aus, und so ham s' di rumlaufa und arbat'n lassen. A so a Bagasch g'hört

do scho glei o'zoagt!«

»Und sie möcht zu mir in Dienst gehn!« rief die Wirtin dazwischen.

»Sonst nix mehr,« schrie der Bürgermeister, »ins Krankenhaus g'hörst!

Net wahr, Herr Doktor?«

»Allerdings wär's das beste, denn es ist nicht ausgeschlossen, daß das

Mädel a starke Lungenentzündung kriagt auf dö Strapazen.«

Da sagte der Herr Benefiziat: »Wie heißt du denn eigentlich und woher

bist du?«

Als ich es ihm gesagt, fragte er weiter: »Moanst wirkli, daß di dei

Muatter totschlagt?«

»Ja, i glaab scho; denn halbert umbracht hat s' mi a so scho.«

Da lachten sie alle, bis der Herr Benefiziat wieder ganz ernst fortfuhr:

»Es ist doch a Sünd und a Schand, wie heutzutag mit den armen, ledigen

Kindern umgegangen wird. Z'erscht setzt ma's her, dann gehn s' oan im

Weg um. So ein Weibsbild g'hörat doch schon an die Zehen aufg'hängt und

mit Brennesseln g'haut!«

»Ganz recht, Herr Benefiziat, früher hat ma aufgramt mit solchene Leut,

aber heutzutag baun s' eahna ja extrige Häuser, daß sie s' leichter auf

d'Welt bringa eahnane armen G'schöpferln!« rief der Tierarzt, und der

Bürgermeister sagte: »Jetzt ham's mir da! Was tean jetzt mir damit? Uns

geht's eigentlich nix o, schiabt's es nur der Münchner G'meinde zua!«

»Ganz recht, Herr Bürgermeister,« sagte der Oberförster, »für dös arme

Deanderl is am besten, wenn's z'Münka ins Krankenhaus geht, bis g'sund

is. D'G'meinde soll's nur zahln. Die ham mehra wie mir.«

Ich hatte heftig zu weinen begonnen, so daß die Wirtin rief: »Aber meine

Herren, dös is scho net recht, daß d's ma dem arma Deanderl an solchen

Schrecken einjagt's. Laßt 's es do wenigstens mit Ruah essen!« Damit

führte sie mich an den Tisch und gab mir den Löffel in die Hand, und ich

mußte von dem Kalbslüngerl, das die Kellnerin hingestellt hatte, essen.

Ich brachte aber vor Weinen und Halsweh nichts hinunter. Die Wirtin

kehrte wieder in ihre Küche zurück, während die Herren sich lebhaft über

mich unterhielten.

Nach einer Weile stand der Herr Benefiziat auf, setzte sich zu mir und

gab mir folgenden Rat: »Liabs Kind, i moan, 's wär's G'scheitste, du

tätst morgen früh von Pasing nach der Stadt fahren, dort auf die Polizei

gehen, die ganze G'schicht anzeigen und dich in ein Krankenhaus schaffen

lassen. Nachher bist gut aufg'hoben und deiner Mutter schiab'n s'

hoffentlich an Riegel vor ihre Brutalitäten.«

Ich gab ihm keine Antwort und weinte nur. Die Wirtin aber brachte mich

darauf wieder ins Bett und erwiderte mir auf meine Frage, was ich

schuldig sei: »An Vergelt's Gott und an B'suach, wann's dir amal guat

geht.«

Am andern Morgen stand ich sehr früh auf und ein Milchfuhrwerk nahm mich

wieder mit nach Pasing. Von da fuhr ich mit der Bahn nach München.

Als ich ratlos vor dem Sterngarten am Bahnhofplatz stand und nicht

wußte, wohin ich mich wenden sollte, begegnete mir der Sohn einer im

Haus meiner Eltern wohnenden Familie und sagte mir: »Geh fei net hoam,

Leni! Dei Muatter is in der größten Wut. Die ganze Nachbarschaft hetzt

s' über di auf und sagt dir alles Schlechte nach. Durch d'Gendarmerie

laßt s' di scho überall suacha.«

Da begann ich zu weinen und fragte ihn um Rat; denn wir hatten uns sehr

gern. Er meinte auch, ins Krankenhaus gehen, wäre das Gescheiteste; doch

zuvor solle ich auf die Polizei, daß man nicht weiter nach mir suche. Er

begleitete mich dann auch dorthin und ging darauf in sein Geschäft. Ich

aber trat in die Einfahrt des Polizeigebäudes und fragte den Gendarm,

der dort auf Posten stand: »Sie, entschuldigen S', bitt schön, wo is

denn da dös Zimmer, wo verlorengangane Personen o'g'meldt wer'n?«

Er lachte herzlich und gab mir zur Antwort: »San vielleicht Sie verloren

ganga, schön's Fräulein? Dann melden S' Eahna parterre, ganz hinten auf

Zimmer Nummro sieben.«

Dort fragte man mich nach meinem Begehr.

»Entschuldigen S', is bei Ihnen ein junges Mädchen angemeldet, dös wo

verlorenganga is, oder vielmehr, dös wo davog'laafa is? Wissen S', i bin

davo von dahoam, weil mi mei Muatter sunst derworfa hätt, weil i

d'Waschschüssel derschlagn hab und Diphtherie hab.«

Lächelnd führte mich der Beamte in das Zimmer des Polizeiarztes, und als

ich dem meine ganze Geschichte erzählt hatte, untersuchte er mich und

sagte darauf: »Herr Rat, ich bitte Sie, lassen Sie die Ärmste nach dem

Krankenhaus schaffen. Benachrichtigen Sie jedoch die Angehörigen nicht

davon. Recherchieren Sie vielmehr, ob solche Sachen bei dieser Frau

öfter vorkommen; denn so etwas gehört exemplarisch bestraft.«

Hierauf mußte ich mich ausziehen und ihnen die Beulen und Striemen an

meinem Körper zeigen. Als der Arzt einen großen grünlichen Fleck an

meiner linken Brust bemerkte, rief er: »Unverantwortlich! Ein weibliches

Wesen so zu mißhandeln! Die Megäre denkt gar nicht, welche Folgen das

haben kann!«

Danach wurde ich in das Krankenhaus an der Nußbaumstraße geschafft, wo

ich alsbald in ein heftiges Fieber verfiel und an einer schweren

Lungenentzündung erkrankte.

Als es mir besser ging, wollten alle meine Geschichte hören; denn durch

den Polizeiarzt war an unsern Arzt, Doktor Kerschensteiner, schon ein

aufklärendes Schreiben gelangt, und der freundliche Herr hatte in seiner

Entrüstung ganz laut im Saal geschrien: »Die Bestie! Das Schandweib! Und

so was nennt sich Mutter!«

Nach drei Wochen aber meinte er: »Jetzt müssen wir es doch der Mutter

schreiben, wo Sie sind. Es handelt sich nämlich um die Zahlung, ob das

Ihre Mutter übernimmt oder die Gemeinde.«

Als ich darauf zu weinen begann, beruhigte er mich mit den Worten: »Sie

müssen nicht Angst haben. Die Frau tut Ihnen nichts. Dafür bin ich auch

noch da.«

Man schrieb ihr also, und an einem Dienstag nachmittag zur allgemeinen

Besuchsstunde kam sie. Ich lag im ersten Bett, gleich neben der Tür. Sie

blickte im ganzen Saal herum und sah mich lange nicht, nachdem sie mich

aber bemerkt hatte, schrie sie, daß es alle hörten: »So, da bist! Was du

deinen armen Eltern angetan hast, übersteigt alle Grenzen. Da heraußen

muß ma di finden und hätt'st es so schön g'habt dahoam. Hätt dir koa

Mensch was tan!« Dabei brach sie in Tränen aus, ging durch den Saal an

das Fenster und sagte ganz laut und mit schluchzender Stimme: »So ein

ungeratenes Kind! Oan so vui Verdruß z'macha!«

Die andern Patientinnen, die den wahren Sachverhalt wußten, begannen bei

diesen Worten zu kichern und zu lachen und eine sagte mit komischem

Ernst vor sich hin: »Tja, tja, solchtene Kinder!« worauf im ganzen Saal

lautes Gelächter erscholl.

Da mußte auch ich lachen, und die Mutter entfernte sich wütend mit den

Worten: »Daß d' di z'ammrichst morgen. Morgen nachmittag hol i di!«

Am Abend machte der Herr Doktor wie gewöhnlich die Runde, und es wurde

ihm das Vorgefallene berichtet. Da trat er an mein Bett und sagte

lachend: »Ah, Sie leben ja noch! Also ist sie doch nicht so schlimm.«

Als er aber erfuhr, daß ich am andern Tag wieder nach Haus müsse, rief

er: »Unter keinen Umständen! Sie sind noch nicht gesund, und jede

Aufregung, sowie Luftwechsel schadet Ihnen! Ich werde niemals meine

Einwilligung dazu geben.«

Er mußte sie aber doch geben, als die Mutter am andern Tag unter vielen

Tränen versicherte, ich solle kein unrechtes Wort mehr hören, noch viel

weniger eine Mißhandlung erdulden.

Nachdem ich ziemlich bedrückt von den Krankenschwestern und den übrigen

Patientinnen Abschied genommen hatte, trat ich mit der Mutter den

Heimweg an.

Vorerst aber hatte die Mutter an der Kasse noch sechsundneunzig Mark für

meine Verpflegung zu bezahlen, doch ließ sie mich den Ärger darüber

nicht merken.

Unterwegs in der Trambahn sagte ich ihr, ich wolle nicht mehr heim,

sondern eine Stellung als Dienstmädchen annehmen. Sie schien anfangs

entsetzt darüber, ging aber dann doch mit mir in die Marienanstalt, wo

bessere Stellen für Dienstboten vermittelt wurden.

Während sie mit der Oberin verhandelte, mußte ich auf dem Korridor

warten. Nach längerer Zeit trat die Mutter heraus und sagte, spöttisch

lächelnd: »So, geh nur nei! Frau Oberin woaß allerhand für di.«

Mit den besten Hoffnungen trat ich ins Zimmer, gefolgt von der Mutter.

Aber es kam anders, als ich erwartet hatte.

»Weißt du,« begann die sehr beleibte Oberin, indem sie mit hochrotem,

erzürntem Gesicht vor mich hintrat, »was einem Kind gebührt, das seine

Eltern mit Füßen tritt und das Elternhaus mißachtet und nicht mehr dahin

zurückkehren will? ... Einem solchen Kind gehört nichts anderes, als daß

man es an einen Haken anhänge und mit einem Stock oder Strick so lang

schlage, bis es lernt, das Elternhaus zu schätzen und Vater und Mutter

zu lieben!«

Als ich dies vernommen, verlangte ich nicht mehr zu wissen und eilte

nach der Tür, riß sie auf und lief davon, heim zum Vater.

Nachdem dieser mich freundlich empfangen und mir seine Hilfe versprochen

hatte, erzählte ich ihm auch dies mein letztes Erlebnis. Da gab er mir

recht, und als die Mutter heimkam und über mich klagte, sagte er: »Dös

is aa koa G'redats an a krank's Madl hin. Da kann 's freili koa Liab und

koa Achtung lerna bei dera Behandlung. Sei du mit'n Madl, wie es si

g'hört, na werd si bei ihr aa ninx fehln!«

Darauf brachte mich die Mutter zu Bett und behandelte mich von nun an

gut und freundlich.

* * * * *

Inzwischen nahte der Hochzeitstag meiner Eltern wieder heran. Es war der

zehnte, seit sie geheiratet hatten, und auf den gleichen Tag fiel auch

mein Geburtsfest. Ich wurde damals siebzehn Jahre alt.

Da die Eltern es gern sahen, daß ich ihnen zu den üblichen

Familienfesten meine Glückwünsche darbrachte und auch die Brüder

irgendein Gedichtlein lernen ließ, so beschloß ich, ihnen zu ihrem

zehnten Hochzeitstage eine rechte Freude zu machen. Ich schmückte also

das Nebenzimmer mit Papiergirlanden, stellte ein selbstverfertigtes

Transparent auf und dazu ein Brett, in das ich zehn Nägel schlug und

darauf zehn Wachskerzen befestigte. Auf einen weißgedeckten Tisch legte

ich die Festesgaben, zu denen ich einen eigenen Vers gedichtet hatte. Es

waren ein Paar zierliche Samtpantoffeln für die Mutter und ein

gesticktes Käpplein für den Vater, nebst zwei Blumenstöcken und einem

Kuchen. Auch den Stammgästen teilte ich meine Absicht mit, und sie waren

gern bereit, die Feier noch durch Musik zu verschönern.

Als nun am Vorabend des Hochzeitstages meine Eltern plaudernd am

dichtbesetzten Stammtisch saßen, ertönte plötzlich im Nebenzimmer Musik

und man brachte ihnen ein Ständchen. Erschrocken sprang die Mutter auf

und lief hinüber. Da erglänzte der also geschmückte Raum im Licht der

Kerzen und des Transparents. Doch, o Wunder! es stand noch ein Brett auf

dem Tisch, an dem siebzehn kleine Lichtlein brannten. Meine Brüder

hatten mich damit überrascht.

Während die Mutter immer noch starr an der Tür lehnte, war auch der

Vater hinzugetreten, und nun brachte ich meinen Prolog vor, worauf die

Gäste ein dreimaliges Hoch brüllten.

Dann stand einer von den Stammgästen auf und brachte in umständlicher,

stotternder Rede die Wünsche der Gäste zum Ausdruck und rief zum Schluß:

»Unser wertes Hochzeitspaar und unser liebes Geburtstagskind mögen noch

lange Jahre froh und glücklich sein! Sie leben hoch, hoch, hoch!«

Da rief die Mutter, der während des Ganzen eine dunkle Röte bis zu den

Schläfen über das Gesicht lief, aus: »Ja, seid's denn alle verrückt

wordn! Was red's denn allweil von zehn Jahr? Mir san do scho zwanz'g

verheirat'!«

Ich verwunderte mich über diese Rede sehr; denn ich wußte doch bestimmt,

daß der Vater jetzt fünfunddreißig, die Mutter aber achtunddreißig

zählte, und wenn sie nun vor zwanzig Jahren schon geheiratet hätten, so

... Ich schickte mich also an, ihnen dies zu erklären. Da erhielt ich

einen heftigen Stoß von der Mutter, und sie rief halblaut: »Marsch, ins

Bett! Und freun kannst di!«

Andern Tags aber gab es heftige Prügel dafür, daß ich die Eltern so

blamiert hatte; denn sie wollten es niemand wissen lassen, daß die

Mutter mich schon ledig gehabt.

Jetzt war meine gute Zeit wieder vorbei, und die Mutter quälte mich

wieder ärger denn je. Dabei empfand ich es am bittersten, daß sie mich

oft, besonders zu gewissen Zeiten des Monats, wegen irgend einer

Kleinigkeit, die ich mir hatte zu Schulden kommen lassen, dadurch

strafte, daß sie mir befahl, nach dem Mittagessen in ihrem Zimmer zu

erscheinen. Dort mußte ich mich dann jedesmal nackt ausziehen und

niederknien, und nun schlug sie unter lauten Schmähungen mit dem

Ochsenfiesel so lange auf mich ein, bis sie vollkommen erschöpft war und

mir das Blut über Arme und Rücken herunterrann. Bei diesen Züchtigungen

waren die Schläge, an die ich mich schließlich auch gewöhnte, nicht so

schmerzhaft als der Umstand, daß die Mutter oft viele Stunden zwischen

meiner Verfehlung und der Strafe verstreichen ließ, während derer ich

das Kommende jeden Augenblick vor mir sah und doch meine Arbeit tun

mußte.

Dadurch wurde mir das Leben im Hause immer mehr zur Qual und ich

beschloß, auf irgend eine Weise dasselbe zu verlassen.

Da besuchte uns ein junges Mädchen, welches sich vor seinem Eintritt ins

Kloster noch von einer meiner Basen, die bei uns in Dienst war,

verabschieden wollte. Diese schilderte mir den Beruf und das Leben der

Nonnen so schön, daß ich voller Begeisterung beschloß, ebenfalls ins

Kloster zu gehen. Ich äußerte diesen Wunsch meiner Mutter gegenüber und

sie war ganz wider mein Erwarten einverstanden. Doch wohin? Man

versuchte es im Institut der Englischen Fräulein; doch wies man mich

dort ab, weil ich ein lediges Kind war. Da erfuhren wir durch eine Magd,

deren Schwester schon lange Klosterfrau war, daß der alte Pater Guardian

des Kapuzinerordens in München uns gewiß raten könne; der hätte auch

ihre Schwester ins Kloster gebracht.

Meine Mutter ging also mit mir dahin und stellte mich dem Pater vor, und

nachdem ich ihm meinen Wunsch, ins Kloster zu gehen, vorgetragen hatte,

meinte er: »Viele sind berufen, aber wenige nur sind auserwählt! Wenn du

wirklich den festen Willen hast, Nonne zu werden, so will ich dir gerne

dazu helfen!« Darauf nannte er mir als die geeignetste Stätte, Gott in

gänzlicher Abgeschiedenheit von der Welt zu dienen, das Kloster

Bärenberg in Schwaben, und nachdem er noch meine Schulzeugnisse geprüft

und mich auch in religiösen Dingen nicht unwissend befunden hatte,

empfahl er mir, dorthin zu schreiben; denn daselbst könne ich Lehrerin,

oder was ich wolle, werden.

Auf meine Anfrage bei den frommen Frauen dieses Klosters, das dem

heiligen Josef geweiht war, erhielt ich denn auch wirklich den Bescheid,

daß man, obwohl ich schon siebzehn Jahre alt sei und man gewöhnlich nur

jüngere Bewerberinnen zulasse, dennoch gewillt sei, mich als Kandidatin

aufzunehmen; zugleich war dem Schreiben ein Zettel beigelegt, der alles

enthielt, was mir zu wissen vonnöten war und auch was ich an Garderobe,

Wäsche und dergleichen brauchte.

Als Tag meines Eintrittes war der fünfte Dezember, der Todestag meines

Großvaters, ausersehen und ich erwartete ihn sehnsüchtig und mit großer

Aufregung.

Die letzte Nacht vor meinem Scheiden aus dem elterlichen Hause schlief

ich nur wenig, und als mich am frühen Morgen die Mutter aus den Federn

holte, war ich in ganz seltsamer Stimmung. Verflogen war alle Lust und

Freude, und ich wäre viel lieber im Bett geblieben, statt mich für die

Reise bereit zu machen. Da ich nun aber einmal daran glauben mußte,

kleidete ich mich rasch an. Bald trat auch schon die Mutter reisefertig

in die Stube, und nachdem ich meinem Vater und den Geschwistern Lebewohl

gesagt, machten wir uns auf den Weg. Oftmals blickte ich noch zurück auf

unser Haus, und als wir durch die menschenleeren Straßen dem Bahnhof

zueilten, nahm ich noch Abschied von den alten Frauentürmen, die

freundlich aus dem Frühnebel grüßten.

In der Eisenbahn gab mir die Mutter noch allerhand Ratschläge und meinte

zum Schluß: »Kost's, was's mag, wannst nur recht a brave Klosterfrau

wirst! Schickn tean ma dir alles, was d'magst, brauchst bloß z'schreibn.

Aber aushaltn mußt und drinn bleibn! Net, daß d'auf amal nimma magst und

kommst ma daher; da tät's spuckn!«

Nach dieser Rede verstummte sie, und auch ich lehnte mich schweigend in

meine Ecke.

Verschneite Wiesen, Wälder und Ortschaften glitten draußen vorüber,

Stationen wurden gerufen, Leute stiegen aus und ein, deren Redeweise

immer mehr das Schwabenland verriet, und bald waren wir in der

Hauptstadt, in Augsburg. Den mehrstündigen Aufenthalt benützten wir

dazu, uns die Stadt ein wenig anzusehen. Mich aber interessierten nur

etliche Klosterfrauen, die eben über den Marktplatz in eine Kirche

gingen; doch gefiel mir ihre Kleidung gar nicht und ich fürchtete, es

möchten die Frauen des heiligen Josef ebensolche unschöne Gewandung

tragen. Während ich ihnen noch nachblickte, stürmte plötzlich keuchend

ein Hund an mir vorüber, der einen andern, der laut heulte, hinter sich

herschleifte. Entsetzt sprangen die Nonnen zur Seite, während sich im Nu

ein großer Menschenhauf ansammelte, aus dem die Rufe: »A Schäffla Wass'r

her! A Töpfla Wass'r drufgießa!« erschollen. Ich aber war höchst

erstaunt vor diesem scheinbaren Naturwunder stehen geblieben und starrte

mit offenem Munde den Hunden nach. Da riß mich meine Mutter mit den

Worten: »Marsch, weiter, dös is nix für di!« mit sich fort und führte

mich auf dem kürzesten Wege wieder zum Bahnhof.

Während der weiteren Fahrt war die Mutter recht einsilbig, und als wir

jetzt an der Endstation Kamhausen anlangten, sagte sie nur: »So, jetz

müß ma schaun, daß ma no an Platz im Stellwagn kriegn!« welchen Worten

ich nicht zu widersprechen wagte, obgleich ich viel lieber zu Fuß

gegangen wäre.

Während nun die Mutter wegen der Fahrscheine drinnen am Postschalter

verhandelte, besah ich mir die Gegend: da erblickte ich grad vor mir,

kaum eine halbe Stunde entfernt, angelehnt an einen bewaldeten Hügel,

ein imposantes Gebäude und rings um dasselbe eine Menge kleinerer, die

den Eindruck einer kleinen Stadt machten. Etwas abseits lagen wieder

eine Anzahl Häuser, die mehr ländlichen Charakter hatten und von Bäumen

umgeben waren. Um das große Gebäude und den Berg zog sich eine Mauer und

von dem Dach grüßten ein paar große, mit hohen Schneehauben überzogene

Storchennester. Dazwischen ragten mehrere kleine Türmlein in die klare

Luft und von einem größeren klang einladend das Mittagläuten zu mir

herüber. Da schreckte mich jemand aus meinem Betrachten auf: »He, Mädla!

Was luagscht denn allweil nach Bäraberg rüba? Magscht ebba au e

Kloschtafrau wera?«

»Ja. Dös hoaßt, naa, naa; i woaß's net!«

Nach diesen ungeschickten Worten lief ich wieder auf die andere Seite

des Bahnhofs, wo die Mutter mich schon überall suchte. Ich sagte ihr,

daß ich Bärenberg schon gesehen hätte; doch schien sie es nicht zu hören

und trieb mich zur Eile, da der Stellwagen gleich abfahren wollte.

Mit uns hatten noch einige Frauen und ein junger Mann Platz genommen,

und der letztere veranlaßte mich durch sein sonderbares Betragen und

sein vogelartiges Gesicht, immer wieder nach ihm zu schauen. Er spielte

unablässig mit seinen Fingern, schnitt Grimassen und lallte

unverständliche Worte vor sich hin. Ich erfaßte aus der lebhaften

Unterhaltung der Frauen, die bei ihm saßen, daß der junge Mensch blöd

und epileptisch krank sei und nun in der Kretinenabteilung Bärenbergs

untergebracht werde. In der Ecke saß ein altes Weiblein mit einem kaum

zwanzigjährigen Mädchen, und es fiel mir auf, daß die beiden garnichts

miteinander redeten. Auch die andern Frauen interessierten sich

anscheinend für das Paar; denn die eine fragte plötzlich die Alte:

»Fahrat Se au uf Bäraberg?«

»Ja freili,« antwortete diese, »mei Dirndl is toret und a Stummerl is 's

aa. Jatz han i mi beim Burgamoasta vürstelli g'macht und der hat ins a

G'schreibats gebn, daß s' auf G'moaköstn in dö Anstalt z'Bärnberg kimmt.

Dö ham ja lauta söllane Dalkn!«

»Du lieb's Herrgottl! Isch dies abr schad! 's isch ganz e frätzig's,

herztausig's Mädla! Moi Jakala muß au hin, weil er irr ischt und's

Hiefallat hat.«

Nun war mit einem Mal meine ganze Schneid fort und ich hatte nicht

geringe Angst vor dem Kloster und allem, was dazu gehörte. Und als sich

die redseligen Frauen nun auch an uns wandten, muß ich wohl ganz den

Eindruck einer verschüchterten Irren gemacht haben; denn die eine sagte

zu meiner Mutter: »So, so, Sie fahrat au mit uns! Sie wollet g'wiß au

Aufnahm für dies Mädla; ischt's ebba au e Deppala?«

Da sagte meine Mutter, daß ich Klosterfrau werden wolle.

»Schau, schau!« sagte die Alte darauf, »so a schwera und aaschtrengada

Beruf möcht's Mädla und ischt so blaß und mag'r! Lasset Sie's do wied'r

hoifahra, Fraule! Die ischt 'it passad für e Kloschterfrau!«

Doch meine Mutter entgegnete nur kurz: »Es wär mir gleich, was s' tät;

aber sie will selber ins Kloster.« Damit war die Unterhaltung zu Ende.

Inzwischen waren wir an dem Hügel angelangt und mußten nun ganz um ihn

herumfahren. Da sah man erst, daß er den eigentlichen Ort ganz verdeckt

hatte, und ich war überrascht von der Schönheit des alten Städtleins.

Vor dem großen Gebäude machte der Postillon halt und wir standen wartend

an der verschlossenen Pforte. Aus dem kleinen Fensterchen daneben sah

eine schwarze Katze, und als die Tür sich endlich öffnete, stand eine

kleine, alte Nonne vor uns, liebenswürdig und demütig nach unserm Begehr

fragend.

Nachdem sie die Wünsche eines jeden gehört, führte sie uns in ein kahles

Zimmerchen, aus dem erst die Taubstumme, dann die Frauen mit dem Kranken

geholt wurden. Zuletzt kam eine blasse, junge Schwester, die uns nach

den Gemächern des Superiors führte.

Vor der Tür des Sprechzimmers standen etwa sieben bis acht Nonnen und

warteten auf Einlaß. Sie standen da, gesenkten Hauptes, die Arme vor der

Brust gekreuzt und beteten leise vor sich hin, während mitunter ein halb

scheuer, halb neugieriger Blick uns streifte.

Inzwischen hatte die Schwester uns angemeldet und wies uns nun in ein

mit dem Sprechzimmer verbundenes Gemach.

Da trat nach einer kleinen Weile, während der mir fast die Brust

zersprang vor Erregung, aus der Tür des Sprechzimmers ein ernster Mann

von ehrfurchtgebietender Größe und Haltung und lud uns ein, näher zu

treten. Er führte uns in sein Zimmer, das fast wie der Laden eines Buch-

und Schreibwarenhändlers aussah. Überall lagen Stöße von Büchern,

Heften, Zeitschriften, Akten und Briefen umher und dazwischen große

Pakete, ganze Bündel Wachskerzen, Rosenkränze und Sterbkreuze. Über

einem Stuhl hingen eine Menge violettgelber Ordensgürtel und an einem

Schrank lehnten etliche Krücken.

Nachdem der Superior in einem Armstuhl Platz genommen, wies er meiner

Mutter auf dem Sofa und mir auf einem Rohrhockerl Sitze an, hierauf

begann er: »Hast du dir auch wohl überlegt, mein liebes Kind, was du tun

willst, indem du eine Klosterfrau zu werden gedenkst?«

Meine Mutter antwortete statt meiner: »Hochwürdiger Herr, wir haben ihr

lang genug davon abgeraten;« und plötzlich in ihre gewohnte Redeweise

verfallend, fuhr sie fort: »Aber a jeds Wort is umasonst g'wen.«

»Das haben halt schon viele im Sinn gehabt und nach einiger Zeit sind

sie doch wieder in die Welt zurück. Und gar bei uns gehört viel dazu, um

den Anforderungen, die wir an die Schwestern stellen, gerecht zu werden.

Doch soll es uns große Freude bereiten, wenn das liebe Kind eine recht

fromme, brave und tüchtige Schwester in unserm Orden wird. Wir haben ja

so viele nötig, sowohl für die Arbeit, als auch für den Unterricht; denn

unsere Anstalt besteht aus einem Blindenheim, einem Taubstummeninstitut,

einer Heimstätte für alte, schwächliche Personen und einer Pflegeanstalt

für Kretinen, Epileptische, Irre, Tobsüchtige und durch Ausschweifung

Zerrüttete, sogenannte Besessene. Auch finden bei uns arme, kranke und

mißgestaltete, sowie blöde, krüppelhafte und mißratene Kinder eine

Stätte zur allseitigen Pflege und Bildung, soweit dies möglich ist.

Unser Orden hat jetzt etwa fünfhundert Profeßschwestern, von denen

etliche schon seit Bestehen desselben das Kleid unseres Schutzpatrons

tragen, und ungefähr zweihundert Novizinnen, die ihren weißen Schleier

erst in ein bis zwei Jahren bei Ablegung der Profeß mit dem schwarzen

zum Zeichen gänzlicher Entsagung der Welt vertauschen. Diese sind noch

nicht durch die ewigen Gelübde gebunden und können den Orden noch

verlassen; doch zeigt ein einzig dastehendes Beispiel, wie der

himmlische Bräutigam diesen Verrat bestraft: die betreffende Novizin

wurde nach einiger Zeit irrsinnig und befindet sich jetzt in unserer

Irrenabteilung. Außer den Genannten haben wir noch etwa dreihundert

Jungfrauen, die am Tag des heiligen Josef Lehr-, Pfleg- und

Arbeitsschwestern werden wollen, sowie einhundertzwanzig

Lehramtskandidatinnen, zehn Handarbeits- und sechs Musikkandidatinnen

und etwa fünfzehn für die Hausarbeit und Küche. Wie ich sehe, hat das

Kind sehr gute Schulzeugnisse; eine kurze Prüfung wird uns zeigen, wozu

sich das Mädchen eignet. Sollte es dir, mein Kind, nicht gefallen, so

kannst du innerhalb fünf Jahren diese Stätte noch verlassen. Nun sage

mir einmal, willst du bei uns bleiben?«

Er war bei den letzten Worten aufgestanden und hatte mir das Kinn

gefaßt, indem er mich fest anblickte.

Erinnerungen einer Überflüssigen · 第 8 / 17 题