So durfte ich denn noch beim Großvater bleiben und wie zuvor mit ihm
gehen, wenn er irgendwo zu arbeiten hatte.
In diesem Herbst war es nun, daß wir einmal zum Ausweißen gingen. Und
als der Großvater bei der Arbeit war, schickte er mich wieder heim. Mein
Weg führte mich am Obstgarten des Herrn Pfarrers vorbei, darinnen ich
schon auf dem Hinweg einen großen Apfel hatte liegen sehen. Als ich
jetzt wieder vorüberkam, suchte ich nach einer Zaunlücke, schlupfte
hindurch und kroch auf allen Vieren durchs Gras und holte mir den Apfel.
Da ich noch einen zweiten liegen sah, aß ich diesen sogleich und nahm
den schöneren mit heim, um meiner Großmutter eine Freude zu machen.
»Großmuatterl, da schaug her,« rief ich, »i hab dir was mitbracht; an
schön'n Apfel vom Herrn Pfarrer!«
Da hatte die Großmutter eine rechte Freude; denn sie meinte, der Herr
Pfarrer habe ihn mir geschenkt.
»Bist halt mei bravs Lenei; vergunnst deiner Großmuatta aa ebbas.«
Unter diesen Worten schälte sie den Apfel und schabte ihn; denn sie
hatte fast keinen Zahn mehr im Munde.
»Ah, der is aba guat! Hättst'n net liaba selba gessn, Dirnei?«
»A naa, Großmuatta, i hab ja scho oan g'habt.«
Ein paar Stunden später sah ich den Herrn Pfarrer daherkommen. Da rührte
sich mein schlechtes Gewissen, und ich hab mich hinter die Stiege
verschloffen. Inzwischen war meine Großmutter in den Hausgang oder Flöz
hinausgegangen, und jetzt seh ich, wie der Herr Pfarrer richtig zu ihr
hereingeht und sagt: »Liebe Handschusterin, leider hab ich sehen müssen,
daß Ihr Enkelkind, das Lenei, ein paar Äpfel in meinem Garten aufhob und
damit davonlief. Hört, Handschusterin: es ist mir nicht um die paar
Äpfel; aber die Begierde hätte das Kind bezähmen sollen. Hätte das Lenei
mich gebeten, ich hätt' ihr mit Freuden etliche geschenkt.«
Nach diesen Worten trat der Herr Pfarrer ins Zimmer und unterhielt sich
noch längere Zeit mit der Großmutter. Ich aber lief, was ich laufen
konnte, nach Westerndorf zu meiner Nanni. Ich wollte auch zur Nacht
nicht mehr heim, weil ich Strafe fürchtete; doch hat mich die Nanni
schließlich überredet und heimgebracht. Ich hätte aber nicht so viel
Angst zu haben brauchen; denn der Großvater hat mich verstanden. Und als
die Großmutter anfangen wollte zu schimpfen, fiel er ihr ins Wort: »Stad
bist ma! Nix sagst ma übers Kind; hat's dir 'n vielleicht net bracht? I
sags allweil, 's Lenei hat a guats Herz!«
Da mußte die Mutter still sein. Später einmal traf mich der Herr Pfarrer
und sagte: »Liebes Kind, ich hätte dir ganz gerne einen Apfel geschenkt,
wenn du mich darum gebeten hättest. Aber selbst aufheben durftest du dir
keinen; denn das nennt man Stehlen.«
Neben der Arbeit im Haus, Garten und Stall hat die Großmutter Mieder
genäht und war weit und breit wegen ihrer Geschicklichkeit darin berühmt
und gesucht.
Nun kam da zwei- oder dreimal im Jahr ein Mann aus Schwaben, der zog von
Dorf zu Dorf mit seiner Kirm auf dem Rücken und gab für Haderlumpen den
Leuten Nähnadeln, Steckklufen, Fingerhüte, Maßbandln und den Kindern
Fingerringe. Meiner Großmutter aber gab er für die alten Flicken und die
Abfälle von den Miedern neue Miederhaken und Schlingen, die er Moidala
und Schloipfala nannte. Einmal waren ihm nun die Miederhaken
ausgegangen, und als ihn die Großmutter fragte: »Hast heunt gar koani
Miadein?« sprach er: »Noi, gar koine Moidala geits mehr; lauta
Schloipfala kannscht mehr haba.« Damit wollte er zugleich sagen, daß es
jetzt gar keine braven Mädeln mehr in den Dörfern gebe und die meisten
sogenannte Schloapfen, das will sagen leichtfertige Wesen seien, die auf
jedem Tanzboden herumschleifen und die jeder leicht haben kann.
Zu all dieser Arbeit zog die Großmutter, wie ich schon sagte, Kostkinder
auf, welche die Gemeinde ihr wegen ihrer Gewissenhaftigkeit und
Sauberkeit übergab. Es waren dies Kinder von Bauerndirnen, von ledigen
Gemeindeangehörigen, die wer weiß wo weilten und ihre Kinder der
Gemeinde aufbürdeten; aber auch Kinder von Gauklern, die diese einfach
den Leuten vor die Tür legten.
So war es auch einmal um die Weihnachtszeit. Draußen lag tiefer Schnee,
und wir saßen in der Wohnstube beisammen und jedes hatte seine
Beschäftigung: der Großvater band einen Besen, die Großmutter spann und
der Hausl baute mir ein Haus aus großen Holzscheiten. Da klopft es mit
einem Male ans Fenster. Erschreckt schreit die Großmutter auf; der
Großvater aber geht hinaus, zu sehen, wer so spät noch Einlaß begehrt.
Er sperrt auf und tritt vor die Tür; im gleichen Augenblick aber hören
wir ihn rufen: »Heiliges Kreuz! a Kind!«, und herein bringt er ein
kleines Bündel und legt's auf den Tisch. Die Großmutter springt auf und
wickelt es aus. Da liegen zwei kleinwinzige Wesen vor ihr, und wie sie
das eine nehmen will, kann sie es nicht heben, weil das andere auch mit
in die Höhe geht. Als sie dann die Windeln aufmachte, sahen wir erst,
daß die Kinder zusammengewachsen waren. Außen am Bündel war ein Papier
befestigt; darin lagen die Taufscheine der Zwillinge und ein Brief des
Inhalts, daß eine Seiltänzerin die Kinder geboren und bei der Geburt
gestorben sei. Man habe von der Handschusterin gehört und bitte nun um
Gottes willen um Aufnahme für die Kinder; die Gemeinde würde schon
zahlen. Da sagte die Großmutter: »Um Gottes willen is aa was; auf die
Mautschein geht's aa nimmer z'samm!«
Und so behielt sie die armen Waislein. Als sie aber größer wurden und
sitzen lernen sollten, fand man, daß die gewöhnlichen Stühlchen zu
klein, eine Bank aber nicht für sie geeignet war; denn das Gesäß, mit
dem sie seitlich zusammengewachsen waren, war nicht breiter als das
eines Kindes; von den Hüften aufwärts aber nahmen sie den Raum von
zweien ein. Also verfertigte ihnen der Großvater ein eigenes Stühlchen,
sowie ein Bänklein mit einer runden Lehne, in das er zwei Löcher
schnitt, das Bänklein polsterte und die Löcher mit Deckeln versah.
Darunter stellte dann die Großmutter bei Bedarf zwei Nachthäflein. Auch
alle Kleidungs- und Wäschestücke mußte sie eigens machen und das
Süpplein gab sie ihnen nicht aus der gebräuchlichen Saugflasche, sondern
nahm ein großes Glas und ließ einen zinnernen Deckel mit zwei Löchlein
machen, durch die sie zwei lange Gummischläuchlein zog. Daran befestigte
sie dann die Sauger.
Als die Mädchen zwei Jahr alt waren, erkrankte eines von ihnen an
Diphtherie, während das andere seltsamerweise ganz gesund blieb.
Sieben Jahre hatten meine Großeltern diese Zwillinge bei sich, bis sie
von der Gemeinde an den Besitzer einer Schaubude abgegeben wurden, der
sie auf vielen Jahrmärkten herumzeigte.
Doch nicht immer waren es Kinder solch armer oder heimatloser Leute;
mitunter wurde auch eins von besserem Stand uns vor die Tür gelegt.
So war eine reiche Dame in Rosenheim, die lange Zeit glücklich mit ihrem
Manne, einem Doktor, gelebt hatte. Da ward sein Geist umnachtet und er
vertat in kurzer Zeit all sein Gut. Zuletzt sperrte man ihn in ein
Irrenhaus und wies die unglückliche Frau, die ihrer schweren Stunde
entgegensah, von Haus und Hof. Dies brachte die Ärmste gleichfalls um
den Verstand, und sie lief eines Nachts von Rosenheim fort und kam bis
nach Ebersberg. Dort brachte sie in einem Schuppen das Kind, ein
Mädchen, zur Welt. Sie hatte nichts, worein sie es wickeln konnte, und
so zog sie ihren Rock aus, bettete das Würmlein hinein und band es mit
ihren Strümpfen zusammen. In der Nacht machte sie sich wieder auf den
Weg und lief, nun barfuß und nur halb bekleidet, bei bitterer Kälte,
denn es war im Januar, fort bis in unser Dorf. Vor dem Haus des
Bürgermeisters brach sie tot zusammen, und man brachte das Kindlein
meiner Großmutter, die das erstarrte, halbtote Wesen wieder zum Leben
brachte und aufzog.
Auch das Kind eines katholischen Priesters hatten wir einmal in der
Kost. Es war von einem schönen Mädchen, einer Müllerstochter, die von
dem Unhold betört und in großes Elend versetzt worden war. Sie ertränkte
sich, während der Geistliche seine Pfarrei verlassen und mehrere Jahre
lang einen Strafposten bekleiden mußte. Zum Glück starb das Büblein
bald; es hatte den ganzen Kopf voll großer Blutgeschwüre gehabt.
Von den zwölf Kostkindern, die die Großmutter um diese Zeit aufzog,
wuchsen zusammen mit mir die Urschl, der Balthasar, genannt Hausei, der
Bapistei und die Zwillinge auf. Sie schliefen alle mit mir bei den
Großeltern in der gemeinsamen großen Schlafkammer, die vier Fenster
hatte. Mein Bett war auf der Seite, wo der Großvater schlief, während
bei der Großmutter drüben das der Zwillinge stand. Nahe an ihrem Bett
hatte die Großmutter die alte, buntbemalte Bauernwiege stehen. Daran war
ein Ring und an diesem hing ein langes Band, das die Großmutter beim
Schlafengehen um die Hand wickelte. An dem Bande zog sie nun leise, wenn
das Kind unruhig war, und oft hörte ich, wenn ich nicht schlafen konnte,
die ganze Nacht hindurch das leichte Knarren der Dielen. In die Wiege
kam das Kleinste, außer es war ein anderes krank, das dann
hineingebettet wurde. Darum lag die meiste Zeit der Bapistei darin; denn
er war ein recht schwächliches, streitiges Kind. Mitunter nahm der
Großvater der Großmutter das Bandl aus der Hand: »Geh, Muatta, laß mi
hutschen; tua jetz a bißl schlafa!«
Aber er konnte es nicht so leise, wie sie, und da schrie denn der
Bapistei so lang, bis die Großmutter wieder das Bandl nahm.
Das Kostgeld für jedes Kind war von der Gemeinde auf monatlich vier bis
fünf Mark festgesetzt; trotzdem sorgte die alte Frau für sie wie für
eigene. Sie war auch in der Krankenpflege sehr erfahren und hatte viele
Hausmittel und wußte Krankheiten zu beschwören, was beim Landvolk unter
dem Namen Abbeten bekannt ist.
Als unser Bapistei durch das viele Schreien einen Nabelbruch bekommen
hatte, heilte ihn die Großmutter auf folgende Weise: Sie suchte beim
wachsenden Mond drei kleine Kieselsteine unter der Dachrinne und drückte
jeden Abend beim Mondaufgang einen davon dem Kinde auf den Nabel, drehte
ihn mit dem Daumen und sprach dazu:
»Bruch, ich drucke dich zu,
Geh du mit der Sonne zur Ruh;
Im Namen der Allerheiligsten Dreifaltigkeit,
Im Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen.«
Dann band sie das Steinlein mit einer Binde fest und gab dem Kinde einen
heilkräftigen Tee. Nach einigen Tagen wurde der Bapistei wirklich
gesund.
Eine meiner schönsten Erinnerungen aus dieser Zeit sind die
Sonntagnachmittage im Winter. Da hat die Großmutter mir vorgelesen aus
uralten, heiligen Büchern und mir erzählt von gottseligen Leuten und
deren wunderbarem Tod; hat mir Beispiele von der Hilfe unserer lieben
Frau von Frauenbründl und Birkenstein erzählt und wundersame Gebete mir
vorgebetet und mich gelehrt. Wenn sie dann beim Lesen eingenickt war und
ich zu ihren Füßen auf dem Schemel saß, geschah es manchmal, daß ihr die
alte Hornbrille von der Nase und in den Schoß fiel. Beim Erwachen wollte
sie weiterlesen; da sie aber ohne Glas nichts sehen konnte, rückte sie
das Buch immer näher an die Augen und griff endlich nach der Stelle, wo
die Brille gesessen, um sie zurechtzurücken. Da merkte sie erst, daß sie
ihr entfallen war.
Oft geschah es auch, daß sie in der Eile die Brille auf die Stirn schob,
wenn sie mit jemandem sprach. Wollte sie dann später etwas lesen, so
suchte sie überall: »Habt's es denn nindascht g'sehgn? Woaß neam'd, wo i
s' hing'legt hab? I find s' scho wieda net!«
»Ja, was suachst denn, Muatta; was findst denn scho wieda net?« fragte
dann der Großvater.
»Ah, was wer i denn suacha! 's Augnglas!«
»Jessas, Jessas! Hast es ja a so drobn am Hirn; bist da du dumm,
Muatta!«
Mit diesen Worten schob er ihr die Brille wieder auf die Nase.
Ich hatte sie längst bemerkt; doch freute es mich, die Großmutter so
ratlos zu sehen, und ich lief überall mit ihr herum und suchte.
Kopfschüttelnd ging dann der Großvater in den Stall oder gegen Abend
wohl auch auf den Heuboden, um für die Kühe das Gsott zu schneiden.
Ich aber schlich mich in die Künikammer oder Königskammer, die zu
betreten mir verboten war. Es war das die beste Stube des Hauses,
angefüllt mit den Schätzen, die von den Ureltern auf uns gekommen waren;
auch die Möbel darin stammten aus alter Zeit. Da standen zwei Truhen, an
denen gar seltsame Figuren und Zierate zu sehen waren und darinnen der
Brautschatz der Urgroßmutter lag. Es war dies ein bald bläulich, bald
wie Silber schimmerndes Seidenkleid, ein köstliches, bunt und
goldgesticktes Mieder, dazu eine goldbrokatene Schürze, in die leuchtend
rote Röslein gewirkt und die mit alten Blonden besetzt war. Dabei lag
eine hohe Pelzhaube, wie sie vor hundert Jahren die Bräute als Kopfputz
trugen, und zwei Riegelhauben, eine goldene und eine schwarze, mit
Perlen besetzt. Daneben stand ein Kästlein aus schwarzem Holz und mit
Perlmutter eingelegt; darin lag das schwere, silberne Geschnür mit
uralten Talern und einer kostbaren silbernen, neunreihigen Halskette und
Ohrgehänge und silberne Nadeln. Ganz versteckt in der untersten Ecke
aber lag, sorglich in ein zerschlissenes, seidenes Tuch gewickelt, das
Brautkrönlein der Ururgroßmutter. Es war das ein zierliches Kränzlein,
dessen Blumen und Blätter aus Rauschgold und Edelsteinen gearbeitet und
mit Perlen und Filigran eingefaßt waren. Nach Art der Riegelhauben aber
war es steif gefüttert, und über der verblichenen Seide lag noch ein
matter, rötlicher Schimmer.
Die andere Truhe war voll des feinsten, selbstgesponnenen Flachses und
schöner, gestrickter Spitzen. In einem großen, buntbemalten Schrank lag
handgewirktes Bauernleinen, darunter ein großes Tischtuch, in welches
das heilige Abendmahl gewebt war.
Zwischen den beiden Fenstern, deren dichte Vorhänge keinen Sonnenstrahl
hereinließen, stand das Kostbarste, ein Glaskasten, dessen Rückwand mit
Spiegeln belegt war. Darin spiegelten sich zierliche Meißener Figuren,
Teller und Tassen und bunte gläserne Krüge. Im Vordergrund auf einem
Ehrenplatz aber stand die alte Hausapotheke. Sie war voller Geheimnisse
und sah aus wie ein Bild, das die heilige Familie vor dem Hause zu
Nazareth darstellte; nur waren die Figuren rund und in Silber getrieben.
Rechts im Vordergrunde stand der heilige Joseph mit einer Axt und
zimmerte an einem Balken, während ihm gegenüber Maria mit einer Spindel
saß und spann. In der Mitte aber war das Jesuskindlein und hielt in der
einen Hand eine Axt und in der andern ein Kreuzlein, das es selbst
gezimmert hatte. Die Figuren konnte man abschrauben und fand dann im
Innern ein Fläschlein mit Medikamenten. Schraubte man das Jesuskind ab,
so lag darinnen ein kleiner Schlüssel; der sperrte das Schlüsselloch im
Hintergrunde und öffnete das Haus von Nazareth. Da fanden sich im Innern
Lanzetten, Scheren und silberne Büchslein für Pflaster und Salben.
Umgeben war das Ganze von einem alten, silbernen Rahmen.
In der Kommode lag mein Taufzeug und das der Kinder, die die Großmutter
in der Kost gehabt hatte, dazu eine Menge seidener Tücher für Hals und
Mieder. Eine andere Schublade war voll von Büchern, deren Druck so alt
war, daß ich kaum ein Wort zu lesen vermochte. Auf dem alten Sesselofen
stand eine große Schüssel, darin die Eier unserer Hennen für den Verkauf
gesammelt wurden; ferner ein großer Blechbehälter mit Schmalz, etliche
Krüge voll Honig und in der Bratröhre das feine Eingekochte. Unter der
Bettstatt, deren Bett kaum zu ersteigen war vor Höhe und Fülle des
Flaums, stand eine große Holzschachtel, in der die Kränze und der
Grabschmuck aufbewahrt wurden. An den Wänden hingen alte Bilder mit
sonderbaren Gestalten und Gesichtern und ein großes Kruzifix, dessen
Christusfigur so erschreckend zerfleischt aussah, daß ich sie immer mit
geheimem Grauen betrachtete.
Gewöhnlich aber blickte ich nicht lange nach den Wänden, sondern hockte
mich vor eine Truhe oder Lade, wühlte darin herum, zog alles heraus und
besah dies oder probierte das. Dazwischen schaute ich des öftern in die
Bratröhre, wo das Eingekochte stand. Diese Gläser voll Kirschen,
Zwetschgen oder Himbeeren waren alle mit einem pergamentenen Deckel
verschlossen -- und meine Großmutter verwunderte sich häufig darüber,
daß das Pergament schon wieder geplatzt war: »I woaß net, Vata, was dös
is; bei dö Zweschbn is's Papier scho wieda hi'!«
Der Großvater aber meinte mit einem Seitenblick auf mich: »Dö wer'n halt
austriebn ham, Muatta; dö müaßn bald gessn wer'n.«
Überhaupt ließ mir der Großvater zu jeder Zeit gern etwas Gutes oder
Besonderes zukommen und brachte von jedem Holzkirchner Viehmarkt auch
für mich etwas mit: ein lebzeltenes Herz, einen Rosenkranz von süßem
Biskuit, ein Schächtelchen voll Zwiefizeltl und dergleichen. Auch war er
stets besorgt, daß ich nichts Unrechtes äße. Als einmal bei uns
Jahrmarkt war und ich mit einem Fünferl, dem Geschenk unseres Hausl,
tanzend und singend dahineilte, mir etwas darum zu kaufen, ging mir der
Großvater besorgt nach und erwischte mich gerade noch, als ich mir eben
vor dem Stand eines Fleischhändlers, dessen Schild als Zierde rechts und
links einen Pferdekopf trug, eine große schwarzrote Wurst schälte, die
ich nach langem Hin- und Hersuchen endlich als das wohlfeilste und
meiste für die Münze erstanden hatte:
»Ja mei, Nachtei, dumms, möchst net gar a Roßwurscht essn! Da kunntst
schö krank wer'n!«
Und eiligst nahm er mir dieselbe und gab sie einem Hund; darauf führte
er mich, nachdem er mir ein anderes Fünferl gegeben hatte, in die Post,
wo schon Kopf an Kopf männiglich beieinander saß und aß und trank. Hier
kaufte er mir eine lange Bratwurst und dazu ein Kipferl. Danach durfte
ich mir bei einem alten, wunderlichen Mann eins von den bunten Päcklein,
die zu einem großen Haufen aufgeschichtet vor seinen Füßen lagen,
kaufen. Es war eine Überraschung, wie der Alte sie nannte und mit großem
Eifer anpries.
Gewichtig trug ich, geführt vom Großvater, das in hochrotes Glanzpapier
gerollte Päcklein heim und öffnete es, nachdem ich alle im Haus um mich
versammelt hatte. Da lag ein Kettlein aus blauen Glasperlen, ein
Bildchen und etliche süße Kügelchen vor mir, und ich pries froh die
Umsicht des Großvaters: »Vaterl, du bist g'scheit! Du hast a glückhafts
Geld, wo ma was g'winnt damit!« Und jubelnd hing ich mich an seinen
Hals.
Noch war mir eine andere Art von Dankbarkeit fremd und ich mußte noch
nicht zum Dank für erhaltenes Gute besonders brav und folgsam sein; doch
habe ich immer ohne jeden Antrieb besser gefolgt, wenn mein Großvater
mir auf solche und ähnliche Weise seine Zärtlichkeit bewies. Da konnte
ich stundenlang, ohne mich besonders bemerkbar zu machen, im Haus
bleiben und für mich spielen. Und fehlten auch alsdann meine
Spielkameraden, so ging mir doch niemand ab; denn ich schuf mir selber
einen Ersatz, indem ich etliche Sacktücher des Großvaters mit Lumpen
füllte, einen Kopf daraus formte und unter die herabhängenden Zipfel ein
Scheitlein Holz steckte. Diese Flecklpuppen hatten alle möglichen Namen
und Wesen; bald waren sie meine Kostkinder, bald eine Familie für sich.
Oft mußten sie aber auch unsere Kühe und Hühner vorstellen, und da ward
dann der Stiefelzieher zum Großvater, der Fußschemel aber zum Heuwagen,
auf dem die Hühner nach Holzkirchen, das bei mir hinter dem Ofen lag, zu
Markt gefahren wurden.
* * * * *
Mit dem Beginn des Frühjahrs mußte ich zur Schule gehen, wovon die
Großmutter nicht viel hielt, da sie nie in der Volksschule gewesen und
Schreiben und Lesen nur nebenbei in der Frauenarbeitsschule gelernt
hatte. Kam ich heim, so hatte sie immer etwas für mich gemacht; sei es
einen Gugelhopf, Rohrnudeln oder einen fetten Schmarrn mit einem
Zwetschgentauch und meinte: »Arms Lenei; so vui Hunga hast kriagt. Wenn
nur dö verflixte Schul glei der Teifi holn tat. Was braucht insa Dirndei
a Schul; mir ham aa koane braucht und san aa groß wordn und taugn unta
d' Leut.«
Sie mochte dabei wohl auch an den Großvater denken; denn als ich einmal
auf der Hausbank sitzend mich an dem kleinen a versuchte und trotz aller
Kraft auf meiner Tafel nichts zuwege brachte, schob ich sie dem
Großvater hin und bat ihn: »Geh, Vata, mach ma du dös kloane a!«
»Ja mei, Dirndei, da muaßt scho zu der Großmuatta geh; i ko net lesn und
net schreibn; dös ham mir net g'lernt!«
Am Sonntag zum Gottesdienst gingen wir im Feiertagsgewand, aber barfuß
in die Kirche, weil wir sonst mit den genagelten Schuhen dem Herrn
Pfarrer zu viel Lärm gemacht hätten; denn der Herr Pfarrer, obwohl er
schon ein alter Mann mit schneeweißem Haar war, konnte noch immer recht
zornig werden und hat bei der Predigt oft mit gar scharfen Worten die
Verfehlungen seiner Pfarrkinder gerügt; so das Kegelscheiben am Sonntag
während des Gottesdienstes, den Wirtshausbesuch, das Fluchen und vor
allem das Kammerfensterln. Hatte ein Bursch oder ein Mädel gebeichtet,
daß sie beieinander gewesen waren, so wurde das am darauffolgenden
Sonntag vor der ganzen Gemeinde von der Kanzel herab gegeißelt, und
leicht konnte man erraten, wer gemeint war. Lebhaft erinnere ich mich
noch an die Schlußworte einer Predigt, die er am Christi
Himmelfahrtstage hielt, und wie er, nachdem er die Freuden im Himmel und
die Glorie der Seligen geschildert hatte, mit lauter Stimme rief: »Heute
ist der Tag, an welchem Christus, der Herr, hinaufgefahren ist in jene
lichten Höhen, in denen die ewige Seligkeit wohnt, die wir euch erlangen
sollen. Aber pfeifen tun wir euch was, ihr gescherten Bauernlümmel! Seit
Jahren erhalten wir von euch keine Eier, Butter, Schmalz, oder was sonst
euere Dankbarkeit bezeuge. Aufgefahren ist er zum Himmel, von wo er
kommen wird, euch zu richten und in die ewige Verdammnis zu bringen.
Amen!«
An den Sonntagnachmittagen mußten die Burschen und Mädchen unter
sechzehn Jahren die Christenlehre besuchen; dabei hatten auch wir Kinder
und die Erwachsenen Zutritt. Beim Beginn wurden alle mit Namen
aufgerufen und jedes mußte sich mit einem lauten »Hier« melden. Fehlte
eines und war nicht genügend entschuldigt, dann mußte es, ob Bursch oder
Mädel, am darauffolgenden Feiertag hinausknien zum warnenden Beispiel
für die andern. Konnte eines die Fragen des Katechismus nicht
beantworten, so schrie der Herr Pfarrer: »Was der Katechismus dich
fragt, das weißt du nicht; aber was der Bursch dich beim Fensterln
g'fragt hat, das weißt du noch!«
Darauf wetterte und schimpfte er während der ganzen Christenlehre.
Wurde jemand aus der Gemeinde begraben, der nur selten den Gottesdienst
besucht und dem Pfarrer die schuldigen Abgaben in Naturalien nicht
geleistet hatte, so war die ganze Grabrede eine Lästerrede auf den armen
Verstorbenen und seine Angehörigen, und man sah ihn schon leibhaftig in
der Hölle und der ewigen Verdammnis.
Kirchliche Handlungen machten damals einen großen Eindruck auf mich und
vor allem bewegte mich das sonntägliche Memento und Requiem auf dem
Friedhof. Dabei ging der Pfarrer nach der Predigt und den gemeinsamen
christlichen Gebeten in Prozession mit den Gläubigen aus der Kirche auf
den Gottesacker hinaus und hielt einen Umgang, währenddem der Herr
Lehrer das Requiem sang und die Leute die Gräber ihrer Angehörigen mit
Weihwasser besprengten, wofür ein jedes sein Weihbrunnkrügl mitgebracht
hatte. Danach wurde am Grab gebetet, bis es zum Hochamt läutete. Während
der feierlichen Handlung stand ich zwischen den Großeltern und fürchtete
mich vor dem Tod.
Das tat ich aber nur an den Sonntagen; denn unter der Woche ging ich
ohne Furcht auf den Gottesacker und richtete die Gräber der armen Leute
wieder her, indem ich die Blumen von den Gräbern der Reichen nahm. Nach
dieser Arbeit ging ich in die Kirche und wusch mir in dem großen
Weihbrunnzuber, der im hintersten Winkel stand, meine Hände. Darauf
machte ich in den Bänken Ordnung, trug die liegengebliebenen Gebetbücher
auf einen Haufen zusammen und betrachtete eins nach dem andern. Die
Heiligenbildl, die ich dabei fand, verteilte ich am andern Tage unter
die Schulkinder; bisweilen aber habe ich sie auch gegen einen
Schmalznudel eingetauscht. Ein andermal schmückte ich die ganze
Wallfahrtskapelle zu Frauenbründl mit Feuerlilien, die ich heimlich aus
dem Garten eines unbewohnten Hauses genommen hatte; denn ich wußte
damals nur, daß der Zweck die Mittel heilige.
Einmal freilich war es doch anders; als nämlich die Kirschen reif waren.
Da rief eines Tages ein Bub aus Adling, einem benachbarten Dorf, der zu
uns in die Schule ging, vor Beginn des Unterrichts: »D' Kersch san zeiti
bei der Schmiedin z' Olling; wer geht mit zum Stehln?«
»I,« schrie ich sofort und suchte mir gleich noch mehr Genossen: »Wer
tuat mit? zum Kerschnstehln werd ganga!«
Da meldeten sich noch fünf oder sechs, und nach der Schule um zwei Uhr
zogen wir ab. Als wir nach Adling kamen, fuhren sie bei der Schmiedin
grad mit dem Wagen fort, um Heu einzuführen. Wir meinten, jetzt würden
sie recht lang ausbleiben; darum stieg ich und einer der Buben auf den
Baum, während die andern drunten Hüte und Schürzen aufhielten und
unaufhörlich schrien: »Schmeißt's amal oa oba! Schmeißt's halt oa oba!«
denn wir zwei saßen droben und aßen, und erst als uns der Bauch weh tat,
warfen wir auch den andern etwas hinunter. Auf einmal schreit einer der
Buben: »Steigt's oba, d' Schmiedin kimmt und der Knecht mit an Fuada
Heu!« und damit nahmen die andern Reißaus. Zum Hinuntersteigen war es
aber schon zu spät; denn der Knecht kam schon daher und rief: »Ja
natürli, d' Handschuastalena halt! Schaugt's, daß 's aba kemmt's, ös
Sakramenta!«
»Bal ma mögn scho! Geh auffa, na kriagst aa Kersch!«
Damit riß ich ein paar Kirschen ab und warf sie ihm ins Gesicht. Da
mußte er lachen und ließ uns ohne Strafe fort. Derweilen hatte uns die
Schmiedin erblickt und schrie: »Ja, was is denn dös! Jetz stehln ma dö
gar meine Kersch! Glei tuast es hera!« Denn ich hatte noch meinen ganzen
Schurz voll.
»I mog net,« schrie ich, und damit liefen wir davon.
Später, als die Kriechen, kleine Pflaumen, zeitig waren, haben wir ihr
noch einmal einen Besuch gemacht; denn ich war inzwischen das schlimmste
Lausdirndl vom Dorf geworden, das mit allen Buben raufte und überall
dabei war, wo es etwas anzurichten gab.
Ja, als wir am Feste Christi Himmelfahrt nach uraltem Brauch Blüten und
Kräuter sammelten, zu großen Sträußen banden und damit zur Kirche
wanderten, um sie weihen zu lassen zum Segen unserer Fluren und Äcker
und als heilsame Arznei für erkranktes Vieh, da schlug ich dem um
etliche Jahre älteren Bachmaurer Franzl, der sich unterstanden hatte, in
der Kirche vor mich hinzustehen und mit seinem Kräuterbuschen mich an
den Augen zu kitzeln, mit meinem Strauß so heftig ins Gesicht, daß er
seine Blüten fortwarf und aus der Kirche lief, worauf ich lachend auch
seinen Buschen nahm und für uns weihen ließ.
War im Ort eine Hochzeit angesagt, so erfuhr ich dieses sogleich durch
die alte Sailerin; und da lief ich denn überall herum bei Buben und
Mädchen, ihnen die Neuigkeit zu berichten und sie zum Mittun anzufeuern;
denn da gab es für uns einen hübschen Spaß: wir holten uns lange Stricke
oder Bänder und stellten uns, wenn die Hochzeitsleute zur Kirche fuhren,
an den etwas engeren Gassen auf, spannten das Band über den Weg und
schrieen und wünschten Glück zur Brautfahrt. Die also angehaltenen
Brautleute aber hatten, dem alten Brauch und Herkommen nach, sich mit
einem nicht zu kleinen Säcklein neuer Kupfermünzen wohl versorgt und
warfen nun etliche Hände voll unter uns, sich loszukaufen. Während
jedoch die einen sich darum balgten, stürmten wir in fliegender Eile
weiter und wiederholten die List, bis wir sahen, daß der Säckel fast
leer war. Den erhielten sodann wir, die das Band gehalten, und teilten
ihn ehrlich, wenn auch nicht ohne Streit und Prügel.
Nur eins gab es, wovor ich mich fürchtete, die Zigeuner mit ihren Affen
und die Dudelsackpfeifer; doch auch meine Großmutter teilte diese Scheu.
Kamen solche vagierende Leute in den Ort und in die Nähe unseres Hauses,
so lief ich, was ich konnte, heim und schrie: »Großmuatta, da Dudlsack
kimmt!«
Eilends lief sie dann an alle Türen und verriegelte und versperrte das
ganze Haus, zog die Vorhänge der unteren Stube zu und versteckte sich
mit mir unter dem kleinen Fensterchen des Hausflözes.
Meist waren die Musikanten zu dreien, und der dritte hatte, während die
andern aufbliesen, sich um den Sold und etwaige nicht sicher genug
verwahrte Habe, die des Findens wert war, umzuschauen. Da schlich er
denn ums Haus, versuchte alle Türen, lugte an den Fenstern herum und gab
endlich in seiner verworrenen Sprache den mißmutigen Bescheid, daß
niemand zu Hause sei. Fluchend machten sie alsdann, daß sie weiter
kamen, während die Großmutter ängstlich und Gebete murmelnd auf den
Dachboden ging und nach den Entschwindenden Ausschau hielt, ehe sie es
wagte, wieder zu öffnen.
Während ich also sorglos dahinlebte, geliebt von den Großeltern,
getadelt von Lehrer und Pfarrer, gefürchtet von jenen Kameraden, die
mich einmal in meiner Wildheit verspürt hatten, gesucht von denen, die
meine Streiche verstanden und dazu halfen, kam eines Tages die
Nachricht, daß die Mutter in München geheiratet hatte. Ich war nämlich
nur ein lediges Kind, und mein Vater war, als ich kaum zwei Jahr alt,
auf der Reise nach Amerika mit dem Dampfer Cimbria untergegangen.
Bald nach der Hochzeit meiner Mutter kam an einem Sonntagvormittag ein
Brief. Die Großeltern saßen gerade mit der Nanni bei der Vesper, während
ich hinter dem Rücken der Großmutter einen Riß in meinem Sonntagsgewand
mit ein paar Klufen zusammensteckte.
Auf einmal schlägt der Großvater mit der Faust auf den Tisch und springt
auf: »Ja, hast jatz so was scho derlebt!«
Erschreckt fragt die Großmutter: »Was hast denn, Vata? Is leicht gar
ebbas passiert bei der Lena z' Münka drin?«
»Naa, aber 's Lenei sollt i eahna eini bringa; sie verlangt's!«
»Was!« schrie ich und sprang auf. »I in d'Stadt! Naa, naa, dös tua i
net!«
»Stad bist, du hast gar nix z' redn!« fuhr mich da die Nanni an. »Froh
sollst sein, daß d' eini derfst in d' Stadt, wo's d' was Feins werdn
kunntst!«
»Ja mei,« meinte die Großmutter, »gar so leicht is net. D' Leut han
oamal z' schlecht in der Stadt und a Kind is glei verdorbn.«
Während nun die Großmutter und die Nanni noch lange hin und her
berieten, hatte sich der Großvater nachdenklich auf das Kanapee gesetzt
und stand jetzt mit den Worten auf: »In Gott's Nam', müaß' ma's halt
hergebn.«
Dabei blieb es auch, und mir half weder Toben noch Bitten noch
Schmeicheln etwas.
Also kam die Nähterin auf die Stör und ich wurde mit Stoffen behängt und
mit Nadeln besteckt und mußte den ganzen Tag stillstehen.
Und als der Morgen der Abreise gekommen war, badete mich die Großmutter
und zog mir, nachdem der Großvater mit zufriedenem Schmunzeln meinen
Rücken und das rundliche Bäuchlein befühlt und beklopft hatte, ein neues
Hemd und die ersten Unterhosen an. Als ich in den Spiegel sah, ärgerte
mich der hintere Hemdzipfel, der nicht in der Hose bleiben wollte,
sondern wie ein Hennenschwanz starr und steif herausstand. Doch
verschwand er bald unter einem roten Flanellröcklein, worüber ein grünes
Bareschkleid kam, das mir bis auf die Fersen ging, und dessen Spenzer
mit bunten Glasknöpfen besetzt war. Am Ende band mir die Großmutter noch
ein himmelblaues Fürta und eine gestickte Halsbarbe um und steckte in
das in zwei Zöpfen aufgemachte Haar einen silbernen Pfeil. Darauf
wickelte sie mir den Gesundheitskuchen, den sie noch gebacken hatte, in
ein buntes Tuch; der Großvater aber brachte einen Kletzenweck vom Bäcker
und legte ihn in das Körblein zu den Schmalznudeln und Zwiefiäpfeln, die
die Nanni geschickt hatte.
Als mir der große, schwarze Strohhut mit den roten Blumen und den
karierten Bändern aufgesetzt worden war, nahm ich Abschied, wobei die
Großmutter recht weinte. Auf dem Weg zum Postwagen sagte ich noch dem
ganzen Dorf »Pfüat Gott«.
Unterwegs während der Fahrt gab mir der Großvater noch viele Ratschläge
und sagte: »Dirnei, jatz muaßt a recht a g'scheits und recht a richtigs
Madl werdn und muaßt dein neu'n Vatan recht mögn und der Münkara Muatta
recht schö folgn. Muaßt aa recht g'schickt sei und überall zuawi
springa, wo's was z' arbatn gibt. Jatz derf ma nimma Kuchei sagn, jatz
hoaßts Küch, und statt der Stubn sagt ma Zimmer und statt'n Flöz sagt ma
Hausgang. Und Kihrwisch sagt ma aa nimma, sondern Kehrbesen.«
Da versprach ich ihm, recht Obacht zu geben und brav zu bleiben.
Am Ostbahnhof stand schon meine Mutter und empfing uns mit großer
Freude. Ich reichte ihr die Hand und sagte, der eben erhaltenen Lehren
eingedenk, möglichst nach der Schrift: »Grüß Gott, Mutter!«
»Schau, schau, wie gebildet die Leni schon wordn ist! Da wird aber der
Vater viel Freud habn, wenn er so ein g'scheits und vornehmes Töchterl
kriegt.« Mit diesen Worten zog sie mich rasch an sich und führte mich an
der Hand, während der Großvater sich hinter uns immer mit seinem
Schneuztüchl zu schaffen machte.
Wir stiegen in eine Pferdebahn, und während sich die Mutter mit dem
Großvater unterhielt, sah ich unverwandt durchs Fenster und starrte die
hohen Häuser und Kirchen an und staunte über die kurzen Röcke und Hosen
der Kinder, die gerade aus einer Schule kamen. Am Marienplatz, wo wir
aussteigen mußten, denn damals führte noch keine Pferdebahn nach
Schwabing, vergaß ich beim Anblick des Fischbrunnens plötzlich meine
ganze gerühmte Bildung und schrie, indem ich eilig darauf zulief:
»Großvatta, do schaug hera, wia dö Fisch 's Mäu aufreißn!«
Entsetzt wandte meine Mutter sich ab, während mein Großvater mich am
Ärmel ergriff und mir zuflüsterte: »Bscht, sei stad, Dirnei! Mäu derf ma
ja jatz nimma sagn, Mund hoaßt's do jatz!«
Und damit nahm er mich bei der Hand und zog mich weiter. Doch vor der
Residenz gab es einen neuen Zwischenfall. Dort zog eben die Wache auf,
und ich rief beim Anblick der im Paradeschritt aufmarschierenden
Soldaten: »Ah, Muatta, Vata, dö schaugts o! Dö gengan ja grad wia meine
hülzern' Mandln, dö wo ...«
»Um Gottes willen, Leni,« fiel mir die Mutter ins Wort, »sei doch still!
Das is ja Majeschtätsbeleidigung!«
Während ich noch über dies letzte Wort nachdachte, zogen sie mich schon
durch die Ludwigsstraße, und stillschweigend trottete ich nun nebenher,
bis wir nahe dem Siegestor in eine Seitenstraße einbogen.
Vor einem hohen Hause, auf dessen rötlicher Fassade mit großen
Buchstaben das Wort »Restaurant« geschrieben stand, machten wir halt.
Unter dem Tore stand schon mein neuer Vater und empfing uns mit
herzlichen und guten Worten. Wir traten durch den Hausgang in einen
kleinen Garten, von dem aus eine Tür in die Küche führte. Nachdem uns
die Mutter dort an einen kleinen Tisch gesetzt hatte, lief sie schnell
in die Wohnung und zog sich um; denn es war Mittag und die Köchin begann
schon zu jammern, weil sie bei der großen Zahl der Gäste mit dem
Anrichten allein nicht fertig zu werden vermochte. Die Gastwirtschaft,
die der Vater schon vor der Hochzeit übernommen hatte, war nämlich
damals wegen der guten Küche von den Studenten sehr besucht. Mit offenem
Munde sah ich nun dem Trubel im Gastzimmer und in der Küche zu und
getraute mir mit dem Großvater kaum ein Wort zu reden vor Angst, die
Mutter in ihrer aufgeregten Geschäftigkeit zu stören. Als es etwas
ruhiger geworden war und die meisten Gäste fort waren, bekamen auch wir
zu essen und gingen danach in die Gaststube zum Vater, der den Großvater
nach vielem fragte: was die Großmutter mache, wie es mit dem Vieh gehe,
wie es mit der Arbeit daheim sei und auch, was ich bisher getrieben. Da
gab ihm der Großvater über alles Auskunft.
Am Abend gingen wir zeitig ins Bett, und man führte mich in ein kleines
Kammerl, in dem nur ein Bett und ein Stuhl stand; denn meine Eltern
besaßen damals nur das Allernötigste. Mein Großvater teilte das Bett mit
mir und gab mir noch viele Ermahnungen, bis ich endlich in seinem Arm
einschlief.
Andern Tags reiste er wieder heim, und ich mußte nun alles ländliche
Wesen ablegen. Zuerst bekam ich ebenfalls kurze, städtische Kleider, und
dann wurden mir meine schönen, langen Haare abgeschnitten, weil ich
Läus' hätte, wie die Mutter sagte. Auch lernte ich jetzt arbeiten. In
der Wirtschaft mußte ich kleine Dienste tun: Brot und Semmeln für die
Gäste in kleine Körbchen zählen, den Schanktisch in Ordnung halten,
Sachen einholen und manchmal auch den Kegelbuben ersetzen.
Meine Mutter war damals eine sehr schöne Frau und sprach immer sehr
gewählt; denn sie war jahrelang Köchin in adligen Häusern gewesen. Darum
schalt sie nun täglich über meine bäuerische Sprache, wodurch sie mich
so einschüchterte, daß ich oft den ganzen Tag kein Wort zu sagen wagte.
Auch in der Schule spotteten mich die Kinder aus und nannten mich nur
den Dotschen oder die Gscherte. So dachte ich oft des Nachts, wenn ich
allein in meiner Kammer war, denn bei Tag hatte ich nicht viel Zeit zum
Nachdenken, mit Sehnsucht zurück an das Leben bei meinen Großeltern und
erzählte unserer großen Katze, die ich mit ins Bett nahm, mein Unglück.
* * * * *
Im Sommer des darauffolgenden Jahres kam der Großvater das erste Mal auf
Besuch. Hiefür hatte die Mutter mich ein Trutzliedlein gelehrt; und als
er nun bei uns in der Küche saß und mich auf dem Schoß hielt, drängte
ich ungeduldig: »Großvata, Großvata, i kann was; du, Vata, hör doch! I
kann was!«
»Glei derfst es sagn, Dirnei, glei,« entgegnete er; denn er sprach noch
mit der Mutter.
Und als ich es endlich sagen durfte, da sang ich: »Was braucht denn a
Bauer, a Bauer an Huat; Für an so an gschertn Spitzbuam is a Zipflhaubn
guat!«
Da sah ich statt des erwarteten Beifalls Tränen, die dem Großvater über
die Wangen liefen, und nun merkte ich erst, was ich angestellt hatte.
»Großvata, i kann fei nix dafür!« rief ich. »D' Mutter hat mir's
g'lernt.«
Er antwortete nichts darauf und strich mir nur wie zur Beruhigung übers
Haar.
Nachts dann im Bett, ich schlief bei ihm, klagte ich ihm mein Leid und
bat ihn, mich doch wieder mitzunehmen.
Und als er am Abend des darauffolgenden Tages vom Ostbahnhof fortfuhr,
hängte ich mich an ihn, und als er eingestiegen war, sprang ich auf das
Trittbrett und klammerte mich fest, so daß es der Mutter nur mit großer
Mühe gelang, mich von dem fahrenden Zuge herunterzureißen. Danach bekam
ich meine Prügel, die wohl berechtigt, aber nicht das rechte Mittel
waren, um die Dinge besser zu machen.
* * * * *
Nachdem mein Stiefvater das Geschäft einundeinhalb Jahr geführt hatte,
konnte er das Anwesen mit gutem Nutzen wieder verkaufen; denn er war ein
tüchtiger Metzger und Schenkkellner und hatte die Wirtschaft in kurzer
Zeit in die Höhe gebracht. Daraufhin beschlossen die Eltern, einige Zeit
zu privatisieren und nachträglich ihre Hochzeitsreise zu machen.
Während ihrer Abwesenheit blieb ich bei der Tante Babett, einer
Schwester meines Stiefvaters, die den Haushalt bei uns führte. Sie war
fast den ganzen Tag in der Kirche und hat mich recht gequält und
geschunden; denn sie wollte mich auch zu einer so heiligen Person
machen, wie sie war. Ich wurde allen Pfarrern vorgestellt, und denen
klagte sie, wie mürrisch und ungut ich sei, worauf mich die geistlichen
Herren ermahnten, ich solle mich bessern.
Als die Eltern von der Hochzeitsreise, die sie zu Verwandten in die
Schlierseer Berge gemacht hatten, nach zwei Monaten zurückkamen, begann
die Mutter zu kränkeln, stand oft nicht auf, mußte sich häufig erbrechen
und wurde doch von Tag zu Tag dicker. Die Tante aber saß hinter
verschlossenen Türen und nähte an Hemdlein, an Tüchlein und Windeln.
Inzwischen hatte der Vater die Wohnung gekündigt und ein Haus mit einer
Altmetzgerei in der Corneliusstraße gekauft. Mit dem Umzug dahin begann
für mich ein ganz anderes Leben; denn die Tante Babett übernahm jetzt
die Führung des Haushalts bei einem geistlichen Herrn, und da meinte die
Mutter, ich sei nun groß genug, ihre Stelle zu versehen. Ich war damals
neun Jahre alt.
In aller Frühe mußte ich zuerst das Fleisch austragen, dann Feuer
machen, Stiefel putzen, Stiegen wischen und der Mutter die Sachen
einholen, die sie zum Kochen brauchte. Sie blieb jetzt immer am Morgen
liegen, und so ging ich gewöhnlich nüchtern in die Schule.
In einer Februarnacht aber kam das Kind, und damit begann für mich eine
harte Zeit. Nun hieß es um fünf Uhr aufstehen und zu den übrigen
Arbeiten noch das Bad, Wäsche und Windeln für den kleinen Hansl
herrichten. Kam ich mittags aus der Schule, wurde ich meistens mit
Schlägen empfangen; denn ich hatte nachsitzen müssen, weil ich in der
Früh zu spät gekommen war. Vor dem Essen mußte ich noch den Laden und
das Schlachthaus putzen und das Nötige einkaufen. Bei Tisch hatte ich
dann laut das Tischgebet zu beten. Als ich einmal beim Vaterunser statt
auf das Kruzifix zum Fenster hinaussah, schlug mich die Mutter ins
Gesicht, daß mir das Blut zu Mund und Nase herauslief; auch bekam ich
nichts zu essen und mußte während der Mahlzeit am Boden knien. Nach
Tisch hatte ich das Geschirr zu spülen, die Kindswäsche zu waschen und
den Buben einzuschläfern. Ganz abgehetzt kam ich dann des Nachmittags in
die Schule und konnte während der Handarbeitsstunden nur mühsam den
Schlaf bekämpfen. Deshalb lernte ich nur schlecht handarbeiten und bekam
in diesem Fach meist die Note »Ungenügend«. Zudem strengte mich
besonders das Stricken an und verursachte mir stets heftiges Kopfweh.
Das wußte die Mutter. Hatte ich nun bei der Hausarbeit etwas nicht recht
gemacht, so gab sie mir mit einem spanischen Rohr sechs und manchmal
zehn Hiebe auf die Arme und die Innenfläche der Hände, daß das Blut
hervorquoll. Hierauf mußte ich mir die Hände waschen und an einem
Strumpf in einer gewissen Zeit einen großen Absatz stricken. Vermochte
ich vor Schmerzen bis zu der bestimmten Minute nicht fertig zu werden,
so wurde die Züchtigung wiederholt.
Im übrigen machte ich in der Schule gute Fortschritte und war bald die
Erste. Meine Lehrerinnen nahmen sich meiner sehr an, und als ich einmal
in der Früh barfuß in die Schule kam, schickte mich mein Fräulein mit
einem Brieflein nachhause, worin sie der Mutter Vorwürfe machte. Doch
hatte dies nur eine erneute Züchtigung mit einem Spazierstock meines
Vaters zur Folge, einem sogenannten Totschläger oder Ochsenfiesel, in
den ringsherum kleine Bleikugeln eingegossen waren.
Geliebt hat mich meine Mutter nie; denn sie hat mich weder je geküßt,
noch mir irgend eine Zärtlichkeit erwiesen; jetzt aber, seit der Geburt
ihres ersten ehelichen Kindes, behandelte sie mich mit offenbarem Haß.
Jede, auch die geringste Verfehlung wurde mit Prügeln und Hungerkuren
bestraft, und es gab Tage, wo ich vor Schmerzen mich kaum rühren konnte.
Der Hunger, den ich zu leiden hatte, und der Umstand, daß ich in der
Früh selten ein Frühstück bekam, veranlaßten mich, Trinkgelder, die ich
von den Leuten für das Fleischbringen erhielt, oder auch etliche
Pfennige von dem Betrag für das gelieferte Fleisch zu nehmen und mir
Brot dafür zu kaufen. Als die Mutter durch Zufall dies entdeckte,
mißhandelte sie mich so, daß ich mehrere Tage nicht ausgehen konnte. Da
ich ein Kleid mit kurzen Ärmeln trug, sah die Lehrerin, als ich wieder
in die Schule kam, an meinen Armen, sowie auch an Hals und Gesicht die
blauen und blutrünstigen Flecken, und ich mußte, trotzdem ich neue
Strafen zu befürchten hatte, dem Oberlehrer, der herbeigerufen worden,
alles der Wahrheit gemäß berichten. Ein Brief an meine Mutter hatte nur
den Erfolg, daß ich den ganzen Tag nichts zu essen bekam und die Nacht
auf dem Gang unserer Wohnung, auf einem Scheit Holz kniend, zubringen
mußte.
Zu dieser Zeit war es auch, daß mir einmal beim Austragen des Fleisches
das ganze Geld gestohlen wurde. Mittwoch und Samstag nachmittags mußte
ich nämlich immer in die Briennerstraße zu einem Kommerzienrat das
Fleisch bringen, bei dem die Mutter früher Köchin gewesen war. Meistens
waren es ganz große Stücke: ein ganzes Filet, ganze Lenden, Kalbschlegel
oder Rücken. Bei der Ablieferung wurde mir das Geld und ein Büchlein
übergeben, in welches die Bestellung für das nächstemal geschrieben
wurde. An einem Samstag trug ich nun auch wieder ein großes Stück
Fleisch dahin und bekam ungefähr zwanzig Mark und das Buch, das ich samt
dem Geld in ein Säcklein tat und in den Korb legte. Auf dem Heimweg
hielt ich mich längere Zeit vor der Feldherrnhalle bei den Tauben auf,
die von den Kindern gefüttert wurden. Da schlug es vier Uhr und dabei
fiel mir die Mahnung der Mutter ein, die beim Fortgehen gesagt hatte:
»Daß d' um viere längstens z'haus bist und daß d'ma Obacht gibst aufs
Geld!«
Also fing ich an zu laufen, so schnell ich nur konnte, und machte erst
am Viktualienmarkt halt, um ein wenig zu verschnaufen. Da schau ich in
meinen Korb und sehe das Säcklein mit dem Geld nicht mehr. Ich
durchsuche ihn genau, durchwühle fieberhaft meine Taschen; aber es war
nicht mehr da. Voll Verzweiflung rannte ich den ganzen Weg zurück bis in
die Briennerstraße und fragte dort, ob ich es vielleicht mitzunehmen
vergessen hätte. Doch die Köchin meinte, sie wisse gewiß, daß ich das
Säcklein in den Korb gelegt hätte. Mitleidig fragte sie noch:
»Moanst, du kriegst Schläg, Lenerl?«
»I glaab scho!« antwortete ich, und damit war ich schon wieder über die
Stiegen hinunter. Nun lief ich wieder zur Feldherrnhalle und fragte dort
die Leute: »Sie, bitt schön, ham Sie nöt da a Sackerl liegn sehgn mit an
Büacherl drinn und zwanzig Mark Geld?« Da lachten die einen, die andern
bedauerten mich; aber gewußt hat keiner was. Nun packte mich die Angst
und ich fing an zu weinen und traute mich nicht mehr heimzugehen. Ich
lief durch die Maximilianstraße über die Brücke und immer weiter, bis
ich zum Ostbahnhof kam.
Plötzlich fiel mir mein Großvater ein, und als es in diesem Augenblick
fünf Uhr schlug, dachte ich: »Jatz derfst nimma hoam kommen, jatz is
fünfe; Geld hast aa koans mehr, jatz laafst zum Großvater, der hilft dir
schon.«
Ich lief also durch die Bahnhofshalle, und da ich noch wußte, auf
welchem Gleis er damals abgefahren war, sprang ich zwischen die Schienen
und rannte davon, so schnell ich konnte, immer auf dem Bahndamm dahin,
an den Bahnwärterhäuschen vorbei, bis ich nach Trudering kam.
Als ich dort an dem Bahnhof vorbeilaufen wollte, schrie mich einer an:
»He, du, wo laafst denn hin mit dein Körbl?«
»Furt!« rief ich und damit sauste ich weiter.
Indem hörte ich einen Zug hinter mir herkommen und zur Seite springend
dachte ich: »Wennst jatz no a Geld hättst, na kunntst mitfahrn!«
Als der Zug vorbei war, lief ich hinterdrein; doch der war schneller als
ich. Bald darauf kam auf dem andern Gleis ein Zug, der nach München
fuhr. Da schauten die Leute aus den Fenstern mir verwundert nach, wie
ich so mit meinem Korb zwischen den Schienen dahinsprang.
Schon wurde es dunkel, als ich ganz erschöpft nach Zorneding kam. Ich
schleppte mich vom Bahnhof in das Dorf; denn ich konnte nicht mehr
weiter vor Seitenstechen und Herzklopfen. Neben dem ersten Hause war ein
Brunnen, und als ich trinken wollte, lief eine Frau auf mich zu und
rief: »Ja, mein Gott, Kind, trink doch net! Dir rinnt ja der Schweiß
übers Gsicht; dös kunnt ja dei Tod sein, wannst jatz trinka tatst.« Und
erst, als sie mir Gesicht und Hände mit Wasser gekühlt hatte, ließ sie
mich trinken.
Inzwischen war es Nacht geworden. Mein Seitenstechen, das immer heftiger
wurde, zwang mich, im Dorf zu bleiben, und als ich vor einem kleinen
Hause eine Bank fand, legte ich mich darauf und nahm den Korb zu einem
Kopfkissen; aber ich schlief nur schlecht und träumte schwer.
Als es Tag wurde, wollte ich weiter; aber ich war so elend, daß ich mich
nicht rühren konnte. Während ich noch so dalag, trat eine Frau aus dem
Haus, und als sie mich sah, rief sie erschrocken: »Jessas, wo kimmst
denn du her, Kind, und wo möchst denn hin?«
»Zu mein Großvater!« entgegnete ich leise; denn ich war heiser, »der
muaß ma helfa; wissn S', i hab's Geld verlorn beim Fleischaustragen und
da hab i ma nimma hoam traut; denn mei Muatta wenn mi findt, dö bringt
mi um.«
»No, no, so g'fährli werd's net sei; dei Muatta werd aa koa Ungeheuer
sei! Geh nur wieder schö hoam!« So redete sie mir zu und tröstete mich
und nahm mich mit in die Stube, gab mir einen Kaffee, rief ihrem Mann
und erzählte ihm, was ich ihr gesagt hatte. Der brachte mich dann am
Vormittag wieder mit der Bahn nach München zurück zu meinen Eltern und
bat sie, mich nicht zu strafen; denn ich sei anscheinend recht krank.
An dem Tag hat meine Mutter mich nicht geschlagen, doch redete sie mich
mit keinem Worte an und tat, als sei ich gar nicht da. Am Abend aber
mußte der Vater einen Arzt holen, weil ich heftiges Fieber hatte.
Während der schweren Lungenentzündung, an der ich nun lange krank lag,
hat der Vater mich fast allein gepflegt; denn die Mutter sprach nur das
Nötigste und kümmerte sich im übrigen nicht um mich. Das verlorene Geld
hatte die Frau Kommerzienrat ihr inzwischen ersetzt.
Etliche Wochen später kam mein Großvater, und als ich mit ihm allein
war, begann ich ihm weinend mein Leid zu erzählen. Da wurde er recht
aufgebracht und sagte, er wolle gleich mit der Mutter reden; aber ich
bat ihn, dies nicht zu tun; denn was wäre die Folge gewesen! Auf meine
Bitten versprach er mir, ich dürfe, wenn die Mutter mich noch länger so
behandle, wieder zu ihm. Das geschah denn auch bald auf die folgende
Begebenheit hin.
Ich hatte zwei Freundinnen, die bei uns im Hause wohnten, und die ich an
den Sonntagen nachmittags manchmal besuchen durfte, wenn die Eltern
fortgingen. Da sprachen wir denn über verborgene Dinge und trieben
mancherlei Heimliches, was wohl die meisten Kinder in diesem Alter, ich
war damals elf Jahre alt, tun. Auf Verschiedenes, was ich nicht wußte,
war ich freilich erst durch meinen Beichtvater und Religionslehrer
aufmerksam gemacht und durch seine Fragen dazu verführt worden.
»Hast du dich unkeuschen Gedanken hingegeben?« pflegte er bei der Beicht
zu fragen. »Wie oft, wann, wo, über was hast du nachgedacht? -- Hast du
da an unzüchtige Bilder oder an Unreines am Menschen oder an Tieren, an
gewisse Körperteile gedacht und wie lange hast du dich dabei
aufgehalten? -- Hast du unzüchtige Lieder gesungen, schamlose Reden
geführt mit andern Kindern? -- Hast du dich unkeuschen Begierden
hingegeben? -- Ist dir niemals die Lust angekommen, einen unreinen
Körperteil an dir zu berühren? -- Hast du dieser Begierde nachgegeben?
-- Wann, wo, wie oft, wie lange hast du dich bei dieser Sünde
aufgehalten? -- Hast du das mit dem Finger, mit der Hand oder mit einem
fremden Gegenstand getan? -- Hast du mit andern Kindern Unkeuschheit
getrieben? -- Wie habt ihr das gemacht? -- Hast du Tieren zugesehen,
wenn sie Unreines taten? -- Hast du Knaben angesehen oder berührt an
einem Körperteil?«
Als der Herr Kooperator das erstemal so fragte, erschrak ich heftig;
denn, wie gesagt, wußte ich von manchem dieser Dinge noch gar nichts und
schämte mich sehr. Mit jeder neuen Beichte aber verlor sich diese Scham
mehr und mehr; besonders, seit er mich in der Religionsstunde des
öfteren aufforderte, ihn zu besuchen, unter dem Vorwand, ihm etwas zu
bringen, wobei er dann in seiner Wohnung mich unter Hinweis auf die
letzte Beichte wieder bis ins einzelne über diese Dinge ausfragte.
Davon sprachen wir Mädchen nun auch auf dem Schulweg oder wenn wir in
der Pause beisammen waren, und die eine erzählte der anderen ihre
kleinen Sünden.
Da wurde ich eines Tages zu dem Herrn Oberlehrer gerufen, und als ich
vor ihm stand, begann er in strengem Ton: »Ich habe durch eine deiner
Mitschülerinnen vernehmen müssen, daß du in Gemeinschaft mit andern
Mädchen unsittliche Handlungen vollführt hast. Ich muß dich deshalb
ebenso wie die andern, die dir wohl bekannt sind, mit Karzer bestrafen.
Deinen Eltern wird es mitgeteilt werden. Hast du darauf etwas zu
erwidern?«
Ich hatte nichts zu erwidern und machte mich, nachdem ich um sechs Uhr
aus dem Karzer entlassen war, zitternd auf den Heimweg; denn ich wußte,
wie es mir ergehen würde. Geraden Weges heimzugehen vermochte ich nicht,
sondern ich kam auf einem Umweg in die Isaranlagen, wo ich mich auf eine
Bank setzte und überlegte, ob ich nicht lieber ins Wasser springen
sollte. Am End aber siegte doch die Schneid und ich stand auf und ging
nachhaus.
Ganz langsam schlich ich mich dort über die Stiegen hinauf, stand lange
vor der Wohnungstür und betete: »Vater unser, der du bist im Himmel! Laß
mi net umbracht werdn! Heilige Maria, Mutter Gottes, laß mi net
derschlagn werdn! Heiliger Schutzengel, hilf mir do! I will's g'wiß
nimma toa!«
Endlich läutete ich.
Hinter der Tür aber lehnte schon der Totschläger; und als ich eintrat,
empfing mich die Mutter mit einem wuchtigen Schlag. Hierauf gebot sie
mir, mich auszuziehen. Als ich im Hemd war, schrie sie mich an: »Nur
runter mit'n Hemd! Nur auszogn! Ganz nackat!«
Darauf mußte ich niederknien, und nun schlug sie mich und trat mich mit
Füßen wider die Brust und den Körperteil, mit dem ich gesündigt hatte.
Da schrie ich laut um Hilfe, worauf sie mir ein Tuch in den Mund stopfte
und abermals auf mich einschlug. Dabei trat ihr der Schaum vor den Mund,
und keuchend schrie sie mich während der Züchtigung an: »Hin muaßt sein!
Verrecka muaßt ma! Wart, dir hilf i!«
Als sie erschöpft war, rief sie dem Vater, der im Schlachthaus
gearbeitet hatte, und ruhte nicht eher, bis auch er den Stock nahm und
mich noch einmal strafte. Darauf sperrten sie mich in meine Kammer und
gingen fort.
Durch meine Hilferufe war die Frau Baumeister Möller, die über uns
wohnte, aufmerksam geworden; und als sie mich in meiner Kammer noch
lange Zeit laut weinen hörte, rief sie mir von ihrem Balkon aus zu:
»Warum hat s' di denn wieder so g'prügelt? Komm, mach auf, dann komm i
zu dir nunter!«
Ich sagte ihr, daß ich eingesperrt sei. Da rief sie unserm Nachbarn, dem
Schlosser. Der mußte aufsperren; und als sie hereinkam und mich sah,
erschrak sie sehr; denn mir lief das Blut über die Arme und den Rücken
herunter und Brust und Leib waren ganz blau und verschwollen. Sie war so
erregt über die mir widerfahrene Behandlung, daß sie meiner Bitte, mich
zu meinem Großvater zu bringen, sofort nachgab. Sie zog mich sauber an
und wir fuhren noch mit dem Abendzug heim.
* * * * *
Es war schon tiefe Nacht, als wir ankamen, und ich mußte lange unter dem
Fenster rufen, bis mich die Großeltern hörten. Der Großvater öffnete das
Haus und fragte, indem er uns in die Stube führte, erschreckt: »Insa
liabe Zeit! Lenei, wo kimmst denn du no so spat her? Was is denn nur
grad passiert und wer is denn dös Wei da?«
Da berichtete ihm Frau Möller kurz das Geschehene, worauf er sagte:
»Naa, Dirnei, da kimmst ma nimma eini! Jatz bleibst bei mir da; so viel
ham ma, daß 's g'langt!«
Nachdem die Frau Baumeister die Einladung des Großvaters, bei uns zu
übernachten, ausgeschlagen und sich nach einem Gasthof begeben hatte,
wollte die Großmutter mich ausziehen; aber sie mußte mich erst in ein
Schaff mit Wasser setzen, bevor sie die an den Wunden klebenden
Wäschestücke vom Körper lösen konnte. Als ich endlich nackt vor ihnen
stand, geriet der Großvater vor Zorn ganz außer sich und schrie, daß
alles zitterte: »Dös muaß ma büaßn, dös Weibsbild, dös verfluachte!
Oonagln tua i's! Aufhänga tua i's! Umbringa tua i's!«
Nach dem Bad wurde ich mit sauberen Linnen abgetrocknet und die
Großmutter holte den Salbtiegel und begann meinen »Wehdam
einzuschmierbn«. Der Großvater aber nahm die Kinderstup und stäubte,
finster vor sich hingrollend, mit dem Pudermehl meinen Rücken, die Arme
und Beine ein, während der Hausl mit weit hinter sich hinausgespreizten
Armen in der Stube auf und ab schritt und nur von Zeit zu Zeit den Kopf
schüttelte oder ausspuckte.
Andern Tags in der Früh holte der Großvater den Bader, der mir überall,
wo es vonnöten war, ein Pflasterl auflegte und dafür sorgte, daß
möglichst Viele die Begebenheit inne wurden. Die Großmutter aber mußte
des Vaters Feiertagsgewand herrichten; denn er wollte noch am Vormittag
in die Stadt fahren. Ehe er fortging, sagte ich ihm noch den Grund,
warum die Mutter mich so gestraft; doch erwiderte er aufs neue erzürnt
nur: »Dös is gleich! So was redn alle Kinder amal; dös tuat a jeds Kind
amal. Dös is dös G'fahrlicha no lang net!«
Als er von München zurückkam, sprach er, wie das so seine Art war, mit
keinem Wort mehr von der Sache; aber ich durfte wieder ein ganzes Jahr
bei den Großeltern bleiben.
Im September dieses Jahres war im Dorf das große Haberfeldtreiben; kurz
vorher starb unser Hausl ganz plötzlich und ohne irgend eine
Vorbereitung.
Es war ein recht schwüler Augusttag gewesen und der Hausl hatte schon
seit dem Morgen über die Hitze und seinen großen Durst gejammert; doch
reute ihn immer wieder das Geld zu einem Trunk Bier. Am End aber konnte
es die Großmutter nicht mehr mit ansehen und sagte: »Geh, Hausl, laß dir
halt vo da Lena a Bier holn! Wenn di's Geld gar a so reut, na zahl's
halt i!«
Da fühlte er sich doch in seinem Stolz gekränkt und sagte: »In Gott's
Nam', Handschuasterin, laßt halt a Halbe holn!«
Mit diesen Worten schlürfte er in seine Kammer, riegelte hinter sich zu
und brachte nach einer geraumen Weile die paar Kreuzer heraus.
Da legte die Großmutter noch ein Zehnerl darauf und sagte zu mir:
»Lenei, holst glei a Maß, na derfa ma aa amal trinka.«
Als ich dann den vollen Krug vor ihn hinstellte, brummte er ärgerlich:
»Warum habt's denn enka Bier net in an andern G'schirr g'holt! Woaß ma
net, was oan zuaghört und was net!«
Damit nahm er den Krug, setzte sich auf das Kanapee und trank; die
Großmutter und ich aber saßen am Tisch, wartend, daß er sage: »Da, dös
g'hört enk.«
Doch er sagte nichts, so daß ich bei mir dachte: »Der trinkt ja dös unsa
aa no aus!«
Auf einmal läßt er die Hand mit dem Krug sinken und neigt den Kopf
tiefer und tiefer. Da schreit auch schon die Großmutter: »Jess Mariand
Josef, Hausl, der Kruag fallt oicha!« und springt hinzu und will ihn
auffangen.
Aber die knöchernen Finger umklammern fest den leeren Krug und sind
eiskalt. »Gott steh ma bei! Was is denn dös?« kreischt sie auf; denn der
Hausl war tot.
Als er eingegraben wurde, kamen seine Verwandten und fielen über seine
Sachen her. Dabei stritten sie heftig, und als sie endlich eins waren
und wieder fortgingen, sagten sie zum Großvater: »So, Handschuasta, was
jatz no da is vo eahm, dös g'hört enk.«
Da war aber nichts mehr da wie sein alter, gestrickter Janker. Den nahm
ich vom Nagel, und während ich ihn betrachte und betaste, greif ich
unwillkürlich auch in die Taschen und finde darin einen Schlüssel. Da
fällt mir sein Wandschränklein ein. Ohne ein Wort lauf ich in die Kammer
und sperre zu, suche nach dem Pünktlein, kratze den Kalk von der Wand
und bringe am End nach vieler Müh das Türlein auf. Da lagen in dem
Kästlein weit über hundert Mark Geld, ein Haufen Silberknöpfe und alte
Münzen, seine silberne Uhr mit der Kette und den großen Talern daran und
etliche schöne, silberbeschlagene Bestecke und silberne Löffel; daneben
sein Rasierzeug und ein kleines, hölzernes Spieglein.
Voller Freude riß ich die Kammertür auf und rief: »Großvata, da geh rei!
I hab was g'fundn vom Hausl und dös g'hört alles uns!«
Als der Großvater meinen Fund sah, war er zuerst sprachlos vor
Verwunderung; dann aber sagte er: »Dirnei, dös g'hört alls dei. Du bist
eahm dö Liaba g'wen und dir hätt er's do vermacht.«
Der Großmutter war das auch recht, und so haben sie mir die Sachen immer
aufgehoben. Als aber nachher der Großvater starb, sind die Verwandten
darüber gekommen und mir ist nichts geblieben als das Spieglein und das
Besteck. Das nahm dann meine Mutter in Verwahrung, und so hatte ich
nichts mehr.
Die Rede, welche der Herr Pfarrer am Grabe unsers Hausl gehalten hatte,
war wieder eine Verdammungsrede gewesen; eine noch schlimmere aber hielt
er kurze Zeit danach dem Schmittbauern, dem reichsten der Gemeinde, den
auch der Schlag getroffen. Dieser Mann war in der ganzen Umgegend wegen
seiner Gutherzigkeit und Rechtlichkeit angesehen und beliebt; nur beim
Pfarrer stand er schlecht angeschrieben. Einen besonderen Groll auf ihn
hatte auch der Posthalter, der sich gern durch den Bau einer Straße
berühmt gemacht hätte, daran aber durch einen Acker des Schmittbauern
gehindert wurde, den dieser um keinen Preis hergeben wollte. Ein
jahrelanger Prozeß war zugunsten des letzteren entschieden worden.
Nach der Beerdigung begaben sich nun damals die Leidtragenden, die in
großer Zahl von nah und fern gekommen waren, zum Leichenschmaus beim
Huberwirt. Nur einige waren noch am Gottesacker zurückgeblieben und
hörten dort, wie der Posthalter mit Bezug auf die Rede des Pfarrers zum
Lehrer sagte: »Recht hat er g'habt, der Herr Hochwürden! Dem g'hört 's
net anderscht. Mit dene werdn ma aa no ferti; mir zoagn 's eahna scho!«
Diese Worte hinterbrachten die Bauern, die sie gehört hatten, sofort den
beim Leichentrunk Versammelten, und nun kannte die Erbitterung keine
Grenzen. Zur Stund ward beschlossen, den Schmittbauern zu rächen.
Am Samstag vor dem Fest Mariä Geburt erschienen bei anbrechender Nacht
plötzlich etliche hundert Männer mit geschwärzten Gesichtern im Ort,
zogen, mit Sensen, Dreschflegeln, Heugabeln und Äxten bewaffnet, durch
das Dorf und sangen Trutzlieder auf die Geistlichkeit und besonders auf
unsern Pfarrer. Dazu vollführten sie mit Johlen, Pfeifen und
Zusammenschlagen der Äxte und Sensen einen höllischen Lärm. Vor dem
Pfarrhof angelangt, schlugen sie dort die Fenster ein, beschmierten die
Türen mit Schmutz, hieben die Obstbäume um oder rissen sie aus; sogar
den Heustadel wollten sie in Brand setzen, doch zündete es nicht.
Danach zogen sie zum Posthalter und besudelten dem alle Fensterscheiben
und Läden mit Menschenkot, den sie in einem großen Kübel mitführten, und
schrieben an das große Tor der Einfahrt mit einem langen Pinsel, der mit
demselben Schmutz getränkt war, diesen Vers:
Auf'n Pfarrer is g'schissn
Auf'n Posthalter damit,
Warum hant s' so verbissn
Am Sebastian Schmitt.
Noch am andern Tag konnte jedermann diese Worte lesen.
Von den Gendarmen hatte keiner gewagt, sich den Haberern in den Weg zu
stellen, und eine Untersuchung, die man später einleitete, hatte nicht
den geringsten Erfolg; denn keiner verriet den andern, weil man noch von
Hausham her wußte, daß das Haberfeldtreiben sehr streng bestraft wurde.
Geraume Zeit ging noch die Rede von diesem Treiben, und an den langen
Winterabenden, wenn die Großmutter mit der Huberwirtsmarie und der alten
Sailerin, einer achtundneunzigjährigen Greisin, in der Stube saß und
spann, während der Großvater auf der Ofenbank lange, kunstvolle Späne
schnitt, fiel noch manches Wort über diese Geschichte.
Aber auch andere abenteuerliche und seltsame Dinge wurden da erzählt.
Besonders die Sailerin, im Dorf nur die alt' Soalagroß' genannt, die
wegen ihrer bösen Zunge sehr verrufen und von manchen als Hexe
gefürchtet war, wußte aus längst vergangener Zeit die wunderlichsten
Begebenheiten zu berichten: von Leuten des Dorfes, die durch ihren
sündhaften Lebenswandel den Teufel selber zu Gaste geladen und mit ihm
wirkliche Verträge abgeschlossen hatten. Sie war selber Zeuge gewesen,
wie ein Bauer in jungen Jahren verliebt war in das Weib eines Nachbarn;
wie er diesen eines Mordes an einem armen Handwerksburschen zieh und,
nachdem der Unglückliche peinlich verhört und am Ende unschuldig zum
Tode verurteilt worden, die Wittib heiratete. Da kam eines Tages der
Teufel in Gestalt eines fürnehm gekleideten Herren zu ihm und wollte
eine Kuh kaufen. Als ihn der Bauer in den Stall führte, fing alles Vieh
zu brüllen an und zeigte große Unruhe. Der Fremde suchte eine schwarze
Kuh aus und zählte darauf den hohen Preis in lauter Goldmünzen auf den
Tisch; und als der Bauer dieselben einstreichen wollte, verbrannte er
sich die Hände, so heiß waren sie. Erschrocken sah er sich nach dem
Fremden um; der aber war verschwunden und statt seiner stand eine
erschreckliche Gestalt an der Tür und rief: »Wart nur! I kriag di scho
no!« Damit verschwand sie; die Kuh aber, die nicht geholt wurde, gab von
Stund an blutige Milch. Etliche Wochen später wurde der Bauer tot und
ganz schwarz auf dem Felde gefunden.
Oft nach dem Abendläuten sprachen sie auch von den verstorbenen
Angehörigen, und da erzählte die Sailerin von den armen Seelen im
Fegfeuer und wie sie denen helfen, die fleißig für sie beten. So sei
einmal ihre Mutter am Herd gestanden und habe die Abendsuppe gekocht.
Indem läutete es zum Angelus, und während sie halblaut den englischen
Gruß betete und, wie gewohnt, noch ein Vaterunser für ihre verstorbene
Mutter hinzufügte, tat sich die Haustür auf und herein lief eine alte
Frau, die der Verstorbenen aufs Haar glich. Diese zog sie hastig mit
sich über die Stiege hinauf, riß die Tür zum Heuboden auf, wies mit der
Hand hinein und verschwand. Ihrer Mutter aber sei fast das Herz
stillgestanden vor Schreck: ganz oben unter dem Dach hing ihre Lisl mit
dem zerrissenen Rock an einem Nagel des Gebälks und konnte jeden
Augenblick hinunter auf den Dreschboden stürzen. Das Kind, das die Katze
bis dorthin verfolgt hatte, konnte nur mit vieler Mühe gerettet werden.
Auch wußte sie viel von alten Sitten und Gebräuchen: so legten in der
Thomasnacht die jungen Mädchen die gekochten Beinlein eines in der Nacht
zum Andreastage getöteten Marders, einige Hollunderzweige, die am St.
Barbaratag abgeschnitten worden, und einen Zettel, darauf ein
geheimnisvolles Gebet geschrieben stand, auf die Schwelle ihrer
Kammertür. In der Mitternachtsstunde erblickten sie dann, wenn sie in
den Spiegel sahen, ihren Hochzeiter. Auch eine ihrer Schwestern habe
einmal, nachdem sie alles recht gemacht, dies getan; aber mit einem
lauten Aufschrei sei sie davongestürzt; denn statt eines jungen Mannes
habe der Tod aus dem Spiegel geschaut. Nach langem Siechtum sei sie dann
auch wirklich unverheiratet gestorben.
Atemlos lauschte ich stets diesen Erzählungen und bekam nach und nach
eine große Hochachtung vor der alten Sailerin; und da sie immer recht
freundlich mit mir war und auch bei den Großeltern viel galt, hielt ich
mich häufig bei ihr auf. Da konnte ich denn, als das warme Frühjahr
wiedergekommen, oft stundenlang bei ihr auf der Hausbank sitzen, wo sie
den ganzen Tag über die Vorübergehenden prüfend betrachtete und mit sich
selber lange Gespräche führte, während ihre Hände unablässig an einem
ungeheuern Strumpfe strickten. Dies Stricken und Mitsichselberreden war
ihr schon so zur zweiten Natur geworden, daß sie überall, wo sie ging
und stand, die Lippen und die Zunge bewegte und in den gefalteten Händen
die Daumen umeinanderdrehte.
* * * * *
Während dieses Jahres gebar die Mutter in München ihr zweites Kind, den
Maxl. Kurz zuvor hatte der Vater sein ganzes Geld, bei dreißigtausend
Mark, auf dem Anwesen, das er gekauft hatte, durch einen Bauschwindler
verloren, so daß er sich an eine Brauerei um Hilfe wenden mußte. Diese
gab ihm, nachdem sie ihn eine Zeitlang in ihrer Flaschenfüllerei
beschäftigt hatte, eine Kantine im Lechfeld. Den Hansl nahm die Mutter
mit, und der Maxl kam zur Großmutter in die Kost.
Nach einem Jahr schrieb die Mutter, man solle uns wieder nach München
schicken, und sie versprach, mich jetzt besser zu behandeln; es gehe
ihnen gut und sie hätten im Lechfeld so viel Gewinn gehabt, daß der
Vater in München wieder eine Wirtschaft pachten könne.
So brachte mich denn der Großvater wieder in die Stadt, nicht ohne
Kummer und Besorgnis. Doch behandelte mich meine Mutter jetzt wirklich
besser und sparte nicht an Lob und Belohnung, wenn ich etwas zu ihrer
Zufriedenheit gemacht hatte. Zu Weihnachten schenkte sie mir eine Puppe,
die so groß wie ein zweijähriges Kind war und einen wunderschönen,
wächsernen Kopf mit echtem Haar hatte. Doch die Freude währte nicht
lange; bald nach Ostern nahm sie mir die Puppe weg, weil ich zu viel
Zeit mit dem Spiel vertrödelte, und schenkte sie später der Großmutter
für die Kostkinder. Die Großmutter aber hob sie noch lange Jahre für
mich auf und gab ihr einen Ehrenplatz in der Künikammer. Der Tag meiner
Firmung brachte dann eine weitere Enttäuschung, wohl die bitterste, die
ein Mädchen in diesem Alter erleben kann; denn noch an dem gleichen Tage
verkaufte die Mutter mein weißes Firmkleid an den Vetter Bastian, einen
Fuhrknecht, der es für seine Tochter brauchte und ich mußte mich in
meinem alten Sonntagskleid von der Nanni, meiner Firmpatin, in den
Methgarten an der Schwanthalerstraße führen lassen, wo die andern
Firmlinge in ihren weißen Kleidern und mit der offiziellen Firmuhr
prangten und mich verächtlich von der Seite ansahen und von mir
wegrückten. Das Firmgeschenk, das mich sehr freute, bestand in dem
silbernen Geschnür, der Halskette und Riegelhaube der Nanni; es wurde
aber bald danach alles von der Mutter verkauft mit dem Versprechen, ich
bekäme etwas Praktischeres dafür.
Die Tante Babett hatte inzwischen ihre Stellung wieder aufgegeben und
war als Kinderfrau in dem Hause meiner Eltern angenommen worden. Unter
ihrem Einfluß wurde auch die Mutter fromm und ging von nun an jede Woche
zur Beichte und zum Tisch des Herrn, fast jeden Tag in die Messe, hörte
jede Predigt, wurde Mitglied aller Erzbruderschaften und des dritten
Ordens und machte Wallfahrten. Zu Hause aber schimpfte und fluchte sie
mit bösen Worten, und die Dienstboten und ich waren in ihren Augen keine
Menschen.
Weil ich nun von dieser Frömmigkeit, die vor allem den Pfarrern zu
gefallen suchte, nichts wissen wollte, mußte ich gar viele Mißhandlungen
und Schmähungen von der Tante Babett ertragen, der jede Gelegenheit
willkommen war, über mich bei der Mutter zu klagen und ihr meine Zukunft
und mein Seelenheil als hoffnungslos vorzustellen. Ich wurde darum jetzt
gezwungen, jeden Morgen um sechs Uhr die heilige Messe zu besuchen und
alle vierzehn Tage zu beichten. Da ward es mir oft seltsam zumut, wenn
ich, kaum von der Kommunionbank weg, hören mußte, wie die Mutter wegen
jeder Kleinigkeit die gräßlichsten Flüche ausstieß und doch ihre
Frömmigkeit für eine echte und heilige hielt.
Zu dieser Zeit kam von Niederbayern eine zweite Schwester meines
Stiefvaters zu uns. Es waren daheim noch mehrere; denn der Vater meines
Stiefvaters hatte vierzehn Frauen gehabt, mit denen er neununddreißig
Kinder zeugte. Als er mit dreiundzwanzig Jahren das erstemal heiratete,
kurz, nachdem sein Vater, der reichste Bauer vom ganzen Rottal, unter
Hinterlassung von mehr denn einer Million Gulden gestorben war, brachte
ihm die Frau noch über hunderttausend Gulden Heiratsgut mit, und als
nach einem Jahr ihr das Wochenbett zum Todbett ward, erbte er noch ihr
ganzes übriges Besitztum; denn sie war eine Waise. Kurz danach nahm er
die zweite Frau, eine Magd, mit der er sechs Jahre lebte und vier Kinder
hatte. Als sie an der Wassersucht gestorben war, heiratete er noch im
selben Jahr eine Kellnerin, die er aber nach wenigen Monaten davonjagte,
als er eines Tags den Oberknecht bei ihr im Ehebett fand. Die vierte
Frau, die Tochter eines reichen Gutsbesitzers, holte er sich aus dem
bayerischen Wald, verlor sie aber schon nach zwei Jahren, nachdem sie
ihm ein Kind geboren hatte. Die Leute erzählten, er habe sie durch sein
wüstes, ausschweifendes Leben zugrunde gerichtet. Bald nach ihrem Tode
nahm er mit dreiunddreißig Jahren die fünfte Frau, die ihm vier Kinder
mit in die Ehe brachte, von denen böse Zungen behaupteten, daß sie von
ihm gewesen; denn diese Frau hatte er zuvor als Oberdirn auf seinem Hof
gehabt. Während einer fünfjährigen Ehe gebar sie ihm zweimal Zwillinge
und einen Buben, an dem sie starb. Man sagte aber auch, sie sei aus
Kummer krank geworden; denn um diese Zeit hatte er begonnen, offen ein
wüstes Leben zu führen. Als Viehhändler trieb er oft zwanzig bis dreißig
Stück Rinder oder auch Pferde zu Markte und hielt danach mit andern
Genossen große Zechgelage. Hierbei wurde gewürfelt, und da er sehr hoch
spielte, verlor er oft seine ganze Barschaft samt dem Erlös und mußte
nicht selten noch Boten heimschicken um Geld.
Inzwischen war die Frau, von der er sich hatte scheiden lassen, an der
Schwindsucht gestorben, so daß er nun, als er mit neununddreißig Jahren
das sechstemal heiratete, wieder kirchlich getraut wurde; doch, noch ehe
ein Jahr um war, starb die Frau im Kindbett. Nun holte er sich ein Weib
aus Österreich, eine junge, sehr schöne Linzerin. Von ihr berichtet man,
daß er einmal, als er den ganzen Erlös für das verkaufte Vieh und all
sein bares Geld verloren hatte, sie auf einen Wurf setzte und an einen
reichen Gutsbesitzer um tausend Mark für eine Nacht verspielte. Während
dieser Nacht soll sich die Frau gar sehr gewehrt und den Gutsherrn so
schwer an der Scham verletzt haben, daß er bald darauf sterben mußte.
Mit dieser Frau lebte er acht Jahre sehr unglücklich, und nachdem sie
ihm zehn Kinder geboren hatte, starb sie an dem letzten. Kurz darauf
heiratete er mit fünfzig Jahren zum achtenmal und hatte während einer
sechsjährigen Ehe sechs Kinder. Auch diese Frau hatte keine guten Tage
bei ihm; denn ihr eingebrachtes Vermögen war gleich dem der anderen
Frauen bald verspielt, und nun mißhandelte er sie oder verfolgte sie im
Rausch mit seinen Zärtlichkeiten, was das gleiche war; denn er war
herkulisch gebaut und massig wie seine Stiere. Auch hatte er noch zu
ihren Lebzeiten eine heimliche Liebschaft mit einer anderen, die nach
ihrem Tode seine neunte Frau wurde, aber schon nach vierjähriger Ehe mit
sechsundzwanzig Jahren an ihrem vierten Kinde starb.
Obwohl nun im Orte heimlich die Rede ging, daß er seine Frauen auch im
Kindbett besuche, davon ihnen das Blut gehend worden wär und daran sie
gestorben seien, willigte doch eine Nähterin aus der Pfarre in des
Vierundsechzigjährigen Heiratsantrag; denn sie hatte schon zwei
erwachsene Kinder von ihm. Doch auch ihr wurde das gleiche Schicksal und
sie starb nach zwei Jahren zugleich mit dem Kinde im Wochenbett. Mit
siebenundsechzig Jahren heiratete er zum elftenmal, und als die Frau
schon nach zwei Monaten gestorben war, ging er mit neunundsechzig Jahren
die zwölfte Ehe ein. Mit dieser Frau lebte er vier Jahre und nahm nach
ihrem Tode mit vierundsiebzig Jahren die dreizehnte. Diese letzten Ehen
waren alle unglücklich; denn daheim prügelte er die Frauen und in den
Wirtshäusern verspielte er alles, was er besaß. Beim Tode der
dreizehnten Frau hatte er nichts mehr, und als er jetzt mit
neunundsiebzig Jahren in das Armenhaus kam, fand er da eine
Armenhäuslerin, die seine vierzehnte Frau wurde. Mit ihr lebte er noch
sieben Monate und starb danach als Bettler; sie hat ihn dann noch kurze
Zeit überlebt.
Die zweite Schwester meines Vaters, die vierzehnjährige Zenzi, kam
damals grad aus dem Kuhstall zu uns und sollte jetzt die Haus- und
Küchenarbeit lernen. Gleich nach ihrer Ankunft ließ auch ihr die Mutter
die Haare abschneiden, und ich mußte ihr alle Tage das Ungeziefer vom
Kopf suchen. Dann mußte ich sie beten lehren; denn sie konnte nicht
einmal das Vaterunser, worüber die Mutter sehr aufgebracht war. So wenig
angenehm diese Aufträge für mich waren, so belustigend war es
anderseits, ihr bei der Hausarbeit zuzusehen, besonders wenn sie mit dem
Schrubber putzte. Da hob sie, wenn sie zu wischen begann, das Bein in
die Höhe, wie man es auf dem Felde tut, um die Gabel in den Mist zu
treten, und sang dazu. Gewöhnlich war es das Lied von der unglücklichen
Fahrt über den Inn, bei der fünf Burschen und drei Mädchen ertranken,
und das ein Bauernbursche aus dem Rottal gedichtet hatte. Sie sang es
ohne Stimme und Gehör, und das Lied lautete:
Leut, seid's a weng ruhig
Und mirkt's a weng auf,
Und den trauringa Fall
Leg enk ich wieda auf.
Und den heuringa Jahrgang,
Den ma achtadachtzg schreibt,
Den hamand dö altn Leut
Scho lang prophezeit.