sprechen. Hoffentlich macht meine Vorhaltung mehr Eindruck, als ich
erwarte. Der Mann weiß sich nicht besser ins Licht zu setzen, als
dadurch, daß er mit geheimnisvoller Miene Briefe vorzeigt, deren Inhalt
einen hohen Begriff von ihm geben kann. Derart gelingt es ihm, für
einen Wundermann zu gelten.
Hat man recht viele Anekdoten aus seinem Leben gehört und vergleicht
man sie miteinander, so kommt man allmählich hinter seine Schliche. Ich
möchte jetzt wetten, daß er jüdischer Abstammung ist. Er ist eine Weile
in einer Kattunfabrik in Moskau gewesen, weil er Farben herstellt,
worin er nach seiner Behauptung große Kenntnisse besitzt. Da er sich
dort nicht zu halten vermochte, scheint das Gegenteil bewiesen. Hält
man diesen Umstand mit der Zeit seiner Reise nach Rußland zusammen,
so ergibt sich, daß es derselbe Fremde ist, mit dem einer meiner
Freunde[468], ein höchst kenntnisreicher Mann, die Reise nach Moskau
teilweise gemacht hat. Das stimmt sowohl mit der Zeit, wie mit den
Talenten, deren er sich rühmte, und der Schilderung, die mein Freund
von ihm gemacht hat. Hier erzählt er immerfort, er sei am russischen
Hofe wohlbekannt und sehr beliebt und habe dort eine große Rolle
gespielt. Das alles beweist zum mindesten, daß er stark aufschneidet.
Gestern unterhielt ich mich sehr lange mit einem meiner Freunde, einem
großen Steinschneider, der auf alles, was darauf Bezug hat, sehr
erpicht ist. Er kennt unseren Sonderling gut, weiß über ihn Bescheid
und hat sich nach seinem Geheimverfahren zur Herstellung wie zur
Verbesserung von Edelsteinen erkundigt. Wie er mir beteuerte, kann
Saint-Germain keine Edelsteine herstellen noch fehlerhafte Diamanten
verbessern und vervollkommnen. Das Verfahren, dessen er sich rühmt,
kann sich höchstens auf Topase oder Halbedelsteine beziehen; er hat
einen Versuch mit braunen Topasen gemacht, und zwar mit Erfolg; sie
sind ganz weiß geworden. Mein Freund hat den Versuch mit Diamanten
mehrfach wiederholt, aber vergeblich; das Mittel blieb völlig
wirkungslos.
Die einzigen Steine, die Saint-Germain besitzt und die er sehr hoch
veranschlagt, stammen aus einem Bergwerk, das er in Rußland entdeckt
hat und das er nach seiner Behauptung ausbeuten darf. Er macht
erstaunlichen Lärm darüber und möchte den Leuten weismachen, daß sich
daraus ein sehr ertragreicher Handelszweig machen ließe. Man hat
ihm jedoch bewiesen, daß dazu keine Aussicht ist; denn diese Steine
bestehen aus einer Kristallart, die zwar sehr hart ist, aber weit unter
den Topasen steht, da sie weder deren Schönheit noch Glanz haben. Sie
sind wie die Kieselsteine, die man bei uns und anderswo findet.
Es ist sehr wohl möglich, daß Herr von Sagramoso[469] ihn in Florenz,
Pisa und Venedig gesehen hat, denn er hat sich tatsächlich in Italien
herumgetrieben. Aber bei aller schuldigen Hochachtung vor der Einsicht
des Herrn von Sagramoso kann ich nicht so günstig von ihm denken wie
dieser. Sonst müßte er sich seither gewaltig verändert haben. Aber
warum soll ein Mensch sich zum Schlechteren verändern? Auf diese Weise
behauptet man weder seinen Ruf noch erwirbt man Anhänger. Ich bleibe
also bei meiner Ansicht: Er ist einschmeichelnd, geschmeidig, er redet
allen nach dem Munde, aber wehe dem, der auf ihn hereinfällt! Graf
Orlow kann ein Lied davon singen[470]. Ob Saint-Germain schon einmal in
Dresden war, bezweifle ich; niemand hat ihn dort gesehen. Er redet von
so vielen Städten, aber von Dresden sagt er kein Wort. Auch hier muß
ich mich über Herrn von Sagramoso wundern.
Saint-Germain ist noch hier; er hat sich nicht gerührt. Graf Marcolini,
der eigens hergekommen ist, um mit ihm zu sprechen und ihn nach Dresden
mitzunehmen[471], falls er mit ihm zufrieden wäre, ist schleunigst
wieder abgereist und hat ihn hier gelassen. Das beweist nicht gerade,
daß er befriedigt war. Trotzdem muß Herr von Sagramoso, der den Grafen
Marcolini begleitete, von Saint-Germain eine hohe Meinung gehabt haben.
Dieser lebt hier weiter im Dunkeln und macht einige Bekanntschaften,
aber es dauert nie lange; man überwirft sich sehr bald mit ihm.
Herzog Karl von Kurland[472] an Prinz Friedrich August
Dresden, 22. April 1777.
Bruder B[ischoffwerder] ist diese Nacht nach Leipzig abgereist, wo er
rechnet, die Bekanntschaft des seltsamen Mannes zu machen, der sich
seit einigen Monaten in Leipzig aufhält und über dessen Kenntnisse wir
noch im unklaren sind.
Bischoffwerder an Prinz Friedrich August
Dresden, 2. Mai 1777.
Eure Hoheit werden durch den Bruder Decker die Gründe erfahren haben,
aus denen Graf _Welldone_ Ihren Brief gezeigt hat[473].
Frölich an Prinz Friedrich August
Görlitz, 7. Mai 1777.
Saint-Germain befindet sich noch in Leipzig, und man ist immer weniger
attent auf ihn, da alle Hoffnung wegfällt, daß er nur im geringsten in
der Maurerei Kenntnis hat.
Saint-Germain an Prinz Friedrich August[474]
Leipzig, 8. Mai 1777.
Eure Hoheit wollen gestatten, daß ich Ihnen mein Herz öffne. Es blutet,
seit der Herr Rat Dubosc mir in einer für mich peinlichen Form die
Befehle zukommen ließ, mit denen Sie ihn seiner Angabe zufolge beehrt
haben. Sie galten aber sicherlich nicht mir. Herr Baron von Wurmb[475]
und Herr Baron von Bischoffwerder werden stets für mich rühmliches
Zeugnis ablegen, daß mein Schritt voller Berechtigung und Redlichkeit
war, daß meine Ehrerbietung und meine eifrige und treue Hingabe, die
ich für alle Zeit Eurer Hoheit gelobt habe, ihn mir unumgänglich
geboten, obwohl ich zunächst voll Zartgefühl meinen Beweggrund
verschweigen wollte. Nach Möglichkeit will ich hier die Abwicklung
meiner ebenso wichtigen wie unerläßlichen Geschäfte beschleunigen, um
alsbald die unaussprechliche Freude zu haben, Ihnen meine Aufwartung
zu machen. Unvergleichlicher Fürst, wenn ich erst die Ehre habe, Ihnen
genau bekannt zu sein, verspreche ich mir von Ihrer Gerechtigkeit
und Ihrem Scharfblick zuversichtlich alles, was mir zukommt und was
mir, da von Ihnen kommend, lieb und wert sein wird. Ich bin aus
Pflicht, Neigung und ehrerbietiger, treuer Hingebung Eurer Hoheit
ehrerbietigster und gehorsamster Diener
Graf _Welldone_.
[Illustration: Schreiben Saint-Germains an Prinz Friedrich August von
Braunschweig]
Minister von Wurmb[476] an Prinz Friedrich August
Dresden, 19. Mai 1777.
Ich habe meinen vierzehntägigen Aufenthalt in Leipzig benutzt, um dem
berühmten Saint-Germain, der sich jetzt Graf _Welldone_ nennt, den Puls
zu fühlen. Auf meine Bitte ist er sogar auf einige Zeit hergekommen.
Da er, wie ich weiß, es einigen nachträgt, daß sie ihn durchaus zum
Wundermann machen wollten, habe ich das Gegenteil getan und ihn als
gewöhnlichen Menschen behandelt, dessen chemische und physikalische
Kenntnisse meine Neugier erregt haben.
Ich fand einen Mann von 60 bis 70 Jahren, sehr lebhaft für sein
Alter. Er spottet über die, welche ihm ein außerordentliches Alter
zuschreiben. Er macht zwar keineswegs den Eindruck eines Neugeborenen,
hat aber bei seiner geregelten Lebensweise und den guten Medizinen, die
er angeblich besitzt, starken Anspruch darauf, noch lange zu leben.
Trotz alledem sieht er äußerlich nicht so aus, als ob er es noch lange
triebe. Man kann nicht leugnen, daß er schöne Kenntnisse besitzt. Ich
werde mit ihm an einigen Artikeln der Färberei und der Verarbeitung von
Wolle und Leinen arbeiten, um zu sehen, ob sich für unsere Manufakturen
etwas herausschlagen läßt. Was mir mißfällt, ist, daß er oft von
Millionen spricht, während er weit entfernt ist, darüber zu verfügen,
und anscheinend nicht einmal Gold zu machen versteht.
Nachdem ich sein Vertrauen gewonnen hatte, brachte ich das Gespräch
auf die Freimaurerei. Ohne Eifer noch selbst besondere Aufmerksamkeit
für die Sache gestand er mir, er sei im vierten Grade, entsänne sich
aber der Zeichen nicht mehr. Daher konnte ich nicht näher mit ihm
darauf eingehen; denn er bewies durch nichts irgendwelche Kenntnisse
des Systems der strikten Observanz. Schließlich bekundete er selbst
Neugier über die Angelegenheit Schrepfers[477], und als ich ihm so viel
davon sagte, als ich sagen konnte, tischte er mir eine Geschichte auf,
die ihm in Paris begegnet war. Dort hatten eine Gesellschaft von etwa
200 Personen, an deren Spitze der blöde Herzog von Bouillon stand, und
ein paar Damen, die für das System des Grafen Gabalis[478] schwärmten,
seine Bekanntschaft zu machen gesucht, weil sie ihn für einen Oberen
hielten. Aus alledem glaube ich zu schließen, daß er entweder sich
sehr verstellt oder keiner der Unsrigen ist. Letzteres halte ich für
wahrscheinlicher, zumal er in Dingen der Religion und der Philosophie
ein nackter Materialist ist.
Bischoffwerder an Prinz Friedrich August
Elsterwerda, 9. Juli 1777.
Graf _Welldone_ ist tatsächlich keiner der Unsrigen. Aber wenn er
wirkliche Geheimnisse besitzt, so bin ich im Besitz des wichtigsten.
Obgleich es gegen alle Regeln der Wahrscheinlichkeit ist:
1. daß die Sache überhaupt möglich ist,
2. daß ich zum Träger eines so reichen Arkanums bestimmt bin,
3. daß ich es als Novize empfangen habe, will ich doch mein Urteil von
heute ab auf 14 Tage hinausschieben, wo kein Zweifel über die Sache
mehr möglich sein wird. Nur Ihnen vertraue ich es an und werde ich
sagen, was daran ist. Wäre es wohl eine Prüfung neuer Art? Denn es
scheint mir bedenklich, daß ein so kostbares Arkanum mir durch die Hand
eines Laien, eines Atheisten, angeboten wird.
Elsterwerda, 16. September 1777.
Die Versuche, die ich mit den mir von Saint-Germain mitgeteilten
Geheimverfahren angestellt habe, sind von erstaunlicher Wirkung. Stets
unter der mindesten Bedingung meines Ehrenwortes, zu schweigen; ich
begreife bis heute nicht, warum ich ihr Träger geworden bin.
SAINT-GERMAIN IN BERLIN[479]
I
Aus den „Erinnerungen“ Thiébaults[480]
Ein ungewöhnlicher Mann, in der Welt als Graf Saint-Germain bekannt,
kam nach Berlin und blieb dort über ein Jahr. Der Abbé Pernety[481]
besuchte ihn als Adept sofort und erzählte uns Wunderdinge von ihm.
Der Graf war ein Greis, dessen Alter und Heimat unbekannt war. Er war
indes noch sehr rüstig, obgleich etwas beleibt. Wie man sagte, besaß
er das Geheimnis, Gold zu machen, ja sogar Diamanten. Er lebte -- was
weit wichtiger ist -- seit ich weiß nicht wieviel hundert Jahren. Er
war der ewige Jude, etwas ganz Wunderbares, zumal er alle europäischen
Sprachen beherrschte. Saint-Germain nahm ein paar Zimmer in einem der
ersten Gasthöfe Berlins. Er lebte dort sehr zurückgezogen, hatte zwei
Diener und einen Mietswagen, der den ganzen Tag vor der Tür stand. Er
bezahlte ihn gut, benutzte ihn aber nie.
Der alte Freiherr von Knyphausen[482] besuchte ihn sogleich als alten
Bekannten und lud ihn dringend ein, bei ihm zu speisen. „Gern,“ sagte
Saint-Germain, „aber nur, wenn Sie mir Ihren Wagen schicken. Ich kann
keine Mietswagen brauchen; sie hängen zu schlecht in den Riemen.“
Bemerkenswert ist, daß der Unbekannte den Freiherrn immer nur „mein
Sohn“ anredete.
Die Prinzessin Amalie[483] wollte ihn sehen, und er stellte sich
pünktlich ein. Sie fragte ihn, aus welchem Lande er sei.
„Ich bin aus einem Lande,“ entgegnete er, „das nie Ausländer zu
Herrschern gehabt hat.“
In dieser geschickten, rätselhaften Art beantwortete er alle Fragen
Ihrer Königlichen Hoheit, die zuletzt ganz sprachlos war und ihn
verabschiedete, ohne etwas von ihm erfahren zu haben.
Auch Frau du Troussel[484] wollte ihn sehen. Der Abbé Pernety spielte
den Vermittler bei dieser Staatsaktion, und eines Abends kam der Graf
zu ihr und speiste bei ihr. Man brachte das Gespräch auf den Stein der
Weisen. Er bemerkte jedoch nur, die, welche sich damit beschäftigten,
begingen zumeist eine wunderliche Torheit, indem sie nur das Feuer als
Hauptelement in Anwendung brächten. Sie bedächten aber nicht, daß das
Feuer auflöst und zerteilt und daß es somit widersinnig sei, mit Feuer
zu arbeiten, wo es sich um eine neue Zusammensetzung handle. Hierüber
redete er lang und breit und ging dann zu alltäglicheren Dingen über.
Er hatte feine, durchgeistigte Züge; man sah ihm den Mann aus guter
Familie und von guter Erziehung an. Er soll der Lehrmeister des
berüchtigten Cagliostro gewesen sein[485], der bekanntlich in Paris
den Kardinal von Rohan[486] und so viele andere zum besten gehabt hat.
Aber der Schüler konnte sich in keiner Weise mit dem Lehrer messen. Hat
sich dieser doch bis zu seinem Tode ohne irgendein peinliches Abenteuer
behauptet, wogegen der dreistere Cagliostro oft alles aufs Spiel
gesetzt und seine Laufbahn in den Kerkern der römischen Inquisition
beschlossen hat, ein trauriges, aber viel zu mildes Schicksal.
Die Geschichte des Grafen Saint-Germain zeigt einen klügeren
und vorsichtigeren Abenteurer und nichts, was gegen die Ehre im
eigentlichen Sinne verstößt. Nichts ist unredlich, alles wunderbar,
nirgends Niedertracht und Ärgernis. Wenn es wahr ist, daß er Damen, die
bei dem Trauerspiel „Mariamne“ weinten, gesagt hat: „Wie wäre es erst,
meine Damen, hätten Sie sie wie ich gekannt, hätten Sie gesehen, wie
liebenswürdig, reizvoll und schön sie war[487]!“ -- wenn es wahr ist,
daß er vom Leiden Jesu Christi gesagt hat: „Es war seine eigene Schuld;
ich hatte es ihm vorhergesagt, daß er ein schlimmes Ende nehmen
würde, wenn er seine Ziele nicht änderte“, -- so sind das lächerliche
Redensarten, aber im Sinne der Gesellschaftsordnung keine Verbrechen.
Als jener seltsame Mann in Berlin weilte, wagte ich eines Tages, mit
dem französischen Gesandten, Herrn von Pons Saint-Maurice[488], über
ihn zu reden. Insbesondere drückte ich mein Erstaunen über seine
besonderen, nahen Beziehungen zu hochstehenden Personen aus, z. B. zum
Kardinal de Bernis[489], von dem er vertrauliche Briefe aus der Zeit
haben sollte, wo dieser Minister des Auswärtigen war. Der Gesandte ließ
sich darüber nicht aus, brachte dann aber Mutmaßungen vor, die recht
wahrscheinlich klangen.
„Ich nehme an,“ sagte er zu mir, „daß ein wirklich eigenartiger Mensch
den Entschluß faßt, sich ein außerordentliches Schicksal zu zimmern
und in der Welt eine Rolle zu spielen, die Erstaunen und allgemeines
Aufsehen erregt. Ich nehme an, daß dieser Mann, einzig von dieser
Vorstellung beherrscht und sich ihr ganz widmend, Geist besitzt,
Kenntnisse erwirbt, auf alle Umstände ein scharfes Augenmerk hat und
noch mehr Beharrlichkeit in der Ausführung seines Planes zeigt. Ich
nehme besonders an, daß er seine Absichten in den Schleier tiefster
Verschwiegenheit zu hüllen versteht und daß es ihm im Bedarfsfalle nie
an Geistesgegenwart und Geschmeidigkeit fehlt. Ich nehme schließlich
an, daß er ein beträchtliches Vermögen geerbt oder erworben hat,
etwa 20000 Franken festes Einkommen. Wie wird ein solcher Mann sich
nun benehmen? Er wird weder von seinem Alter noch von seiner Heimat,
Familie und Person offen sprechen; er wird sich in den tiefsten
Schleier des Geheimnisses hüllen, seine Einkünfte für ein paar Jahre
zurücklegen und dadurch ein Kapital erübrigen, das er sicheren und
bekannten Bankhäusern anvertraut. Wenn er nach Berlin kommt, wird er
seine Gelder z. B. in Leipzig haben. Ein Berliner Bankhaus wird den
Auftrag erhalten, ihm 20000 Franken oder mehr auszuzahlen. Er wird
sie abheben und sie an ein Bankhaus in Hamburg senden, das sie ihm
dann zurückschickt. Das gleiche Spiel wird er mit einigen Frankfurter
Bankhäusern und in anderen Städten spielen; aber es wird stets das
gleiche Kapital sein, bei dem er nur einige Prozente verliert, und er
wird seinen Zweck erreichen; denn man erfährt, daß er allwöchentlich
beträchtliche Summen von überall erhält, und wird nicht erfahren, was
er damit macht, zumal wenn er wenig ausgibt und sich auf keinerlei
Geschäfte einläßt. Alle anderen Wunderdinge, die man von solchen
rätselhaften Unbekannten erzählt, lassen sich ebenso leicht natürlich
erklären, wie die Gelder, die der Graf Saint-Germain so häufig erhält,
obwohl er so wenig ausgibt.“
II
Aus Zimmermanns „Fragmenten über Friedrich den Großen“[490]
Madame du Troussel[491] hatte Zufälle, die man in Berlin für unheilbar
hielt; deswegen begab sie sich in die Kur des berühmten Grafen von
Saint-Germain. Dieser heilte sie aus dem Grunde, und sie zeigte
jedermann einen Stein von der Größe eines Hühnereies, der ihr von
Saint-Germain abgetrieben sei. Dennoch war das Berlinische Publikum
argwöhnisch genug, zu glauben, was auch höchstwahrscheinlich ist:
Saint-Germain habe sie bloß von einem Nachlasse ihrer Liebe für den
schändlichen Bischof von Breslau[492] geheilt. Zwei Jahre nachher starb
diese nicht unberühmte Berlinische Dame an einem hitzigen Fieber.
III
Graf Saint-Germain[493]
Dieser vor zwei Jahren im Dänisch-Holsteinischen verstorbene Abenteurer
war ein würdiges Gegenstück des verstorbenen Grafen Cagliostro[494].
Auch er fand Bewunderer und Anhänger in Menge, und in welchem Tone
ward er bewundert! Eben itzt bekomme ich einen großen Kupferstich[495]
zu Gesichte, worin er mit einer unbedeutenden vornehmen Hofmannsmiene
in einem prachtvollen Pelzkleide zu sehen ist, und worunter höchst
merkwürdige Verse stehen, die mir eine Anzeige zu verdienen scheinen,
um die Denkungsart solcher Menschen bekannt zu machen, die sich nicht
schämen, von Zeit zu Zeit dergleichen Dinge in die Welt zu streuen.
Ich habe sehr wohl gewußt, daß viele Hohe und Niedere sich von diesem
Menschen betören ließen, der weder öffentliche noch geheime wahre
Künste und Wissenschaften besaß, obgleich er das Geheimnis verstand,
viele glaubend zu machen, daß er ein Wundertäter sei; ein Geheimnis,
das itzt so öffentlich, und man kann hinzusetzen, so plump getrieben
wird, daß man nachgerade einsieht, wie leicht es ist, sobald nämlich
nur jemand mit seinem Gewissen fertig wird, um alle Mittel zu seinem
Zwecke anzuwenden.
Dieser Mensch, der mancherlei, aber nicht das geringste gründlich
verstand, den in Dresden und Berlin kein gescheiter Mann achtete,
der nicht die gemeinste Kenntnis von dem, was große Gelehrte in den
wichtigsten Fächern geleistet haben, besaß, der nie etwas wirklich
Gutes oder Schönes zustande gebracht hat, der nichts ordentlich
gelernt hatte, sondern statt des schweren Studierens die leichtere
Mühe magischer Zauberworte anwenden wollte: dieser Mensch war dreist
genug, zu verstehn zu geben, daß er alles wisse und alles könne. Und
er fand, leider! selbst unter den deutschen Fürsten manche, die ihm
glaubten. Er sollte nicht bloß ein großer Tonkünstler sein, sondern
die Geige so spielen, als wenn man drei Geigen zugleich hörte[496],
und er spielte seine eine höchst mittelmäßig. Er sollte nicht bloß
Leder und Wolle verbessern, sondern auch Diamanten von ihren Flecken
reinigen und sogar mehrere zusammenschmelzen können, obgleich alle, die
ihm in den erstern leichtern Künsten trauten, mit ihrem Schaden seine
eitlen Versprechungen erfahren haben und die letztern schwerern Stücke
niemals ein Mensch gesehen hat. Er sollte Gold machen können; doch wer
kann das anitzt nicht? Er verstand, verjüngende oder gar unsterblich
machende Arzeneien, namentlich ein gewisses Salz, zu verfertigen, so
daß erdigte Teile dem aus Erde gebaueten Menschen ein überirdisches Los
zusicherten. Er kaufte Häuser und Landgüter, ohne sie zu bezahlen, und
man bewunderte, wo er das Geld dazu herbekäme usw.
Alles dies weiß ich sehr wohl. Auch weiß ich, daß er sogar dann noch
Glauben fand, wenn er teils durch andere sagen ließ, teils wie aus
Übereilung selbst zu verstehen gab, teils geradezu erklärte: er sei
ganz ungemein alt; welches aber, nach Beschaffenheit der Umstände, sehr
verschieden angegeben ward. Bald hatte er nur mit Kaiser Leopold[497]
noch Briefe gewechselt, bald schon mit dem Adepten aus der Gold-
und Rosenkreuzergesellschaft, Federico Gualdo[498][*], von dessen
Kindheit an in Freundschaft gelebt, bald gar unserem Herrn Christus
allerlei Rat in Absicht seines Verhaltens gegeben[**]. Ich weiß sogar,
daß manche itzt noch, da er gestorben ist, glauben: er lebe und
werde bald lebendig hervorgehn! Da er doch wirklich mausetot ist und
wahrscheinlich itzt schon fault und stinkt, wie ein ganz gemeiner
Mensch, der keine Wunder verrichten kann, und den nie ein Prinz begrüßt
hat, auch tun würde.
Obgleich ich alles dies wußte, so hatte ich doch nie glauben können,
daß man die unsinnige Verehrung eines solchen Menschen so weit treiben
könnte, als ich es auf dem erwähnten Kupferstiche fand. Hier ist die
ganze lobpreisende Unterschrift desselben:
Graf Saint-Germain,
berühmter Alchimist.
Prometheus gleich raubt’ er vom Himmelszelt
Die Lebensflamme, die das All erhält;
Natur folgt seinem Wort, von ihm gemeistert;
Ist er nicht Gott, hat ihn ein Gott begeistert[499].
Wer hätte glauben sollen, daß in unseren Tagen der Name Alchimist
ein im Ernst gegebener Ehrenname sein könnte! Übrigens verdient der
freilich ein berühmter Alchimist zu heißen, dessen Stimme die Natur
gehorcht und auf dessen Ruf sie sich bewegt. Die Natur! Weiß man, was
man sagt, wenn man solche Worte gebraucht? Aber die letzte Zeile, die
letzte Zeile!
„Ist er nicht Gott, hat ihn ein Gott begeistert!“
Der bedingende Ausdruck des Gedankens im Vordersatze nimmt denselben
offenbar als vielleicht wirklich und als zuverlässig möglich an. Und
welchen Gedanken!
Ich bin gewiß weder intolerant noch verketzernd, ich brauche nicht
gern harte Worte und starke Beschuldigungen, wo noch lachender Spott
hingehören kann; aber ich würde fürchten, mich des Namens eines
Gottesverehrers unwürdig zu machen, wenn ich hier nicht ernsthaft und
anklagend sagte: daß dieser schändliche Ausdruck eine der rasendsten
Blasphemien enthält, deren sich je der verirrte menschliche Verstand
schuldig gemacht hat. Gesetzt auch, dieser Mensch wäre so weise und
einsichtsvoll gewesen, als er töricht und unwissend war, so edel,
groß und bescheiden, als er kindisch, eitel und prahlerisch, so
erhaben gesinnt, als er eigennützig, so offen und wahrhaft, als er
ränkevoll und betrügerisch war usw. -- so müßte doch jeder Mensch
davor zurückbeben, diese Worte, die ich mich schäme, noch einmal
hinzuschreiben, von ihm zu gebrauchen. Klarer, plumper Atheismus,
der itzt wieder laut zu werden anfängt, ist minder schädlich und
gefährlich als solch eine Menschenvergötterung. Traurig genug, wenn
ich unter Mitbürgern leben sollte, die den erhabensten Gedanken nie
gedacht hätten, die keinen Begriff von dem allgemeinen Vater der Natur
und aller Menschen hätten, bei deren Moralität ich mich bloß auf ihr
Gefühl oder die Furcht vor Strafen verlassen müßte! Aber tausendmal
willkommen sei mir ihre Gesellschaft gegen solche Leute, die es für
möglich, für denkbar halten können: daß ein schwacher Mensch, wie ich
und sie, die ganze Natur regiere, daß ein beschränktes Wesen die Kraft
in Händen habe, wodurch alles lebt und wodurch die Welt existiert,
und daß dieser Mensch folglich den uneingeschränktesten Gehorsam,
die unwiderstehlichste Befolgung in allen seinen Befehlen und wahre
göttliche Verehrung verdiene! Ich schaudere, wenn ich mir vorstelle,
wohin dies in Absicht der gesunden Vernunft, des Gewissens und der
Regeln menschlicher Handlungen führen müßte.