Diese Geheimmittel bestimmt er für die russische Zarin[440], für die

er eine ganz besondere Zuneigung hegt. Doch sollen sie nach seiner

Behauptung als Grundlage für den Handelsverkehr zwischen Sachsen und

Rußland und für ihre gegenseitige politische Verbindung dienen. Beide

Länder sollen durch diese Erwerbung zu vollkommenem Glück und zum

Überfluß gelangen, sodaß sie sich gegenseitig nicht mehr entbehren

und ohne einander nicht glücklich werden können. Gegenwärtig ist er

jedoch mit Sachsen und mit dem Empfang, den er hier gefunden hat,

unzufrieden, und so scheint es, als ob die Staaten E. M. an Stelle von

Sachsen treten sollen, nicht bloß, um ihr Glück zu begründen, sondern

auch, um das bestehende Bündnis zwischen Preußen und Rußland[441] zur

Notwendigkeit zu machen und auf ewig zu besiegeln. Ich nehme an, daß

dies der Hauptinhalt seines Briefes und seines Planes ist, wenigstens

nach einigen Äußerungen zu schließen, die er mir darüber gemacht hat.

Er ist sogar fest entschlossen, Sachsen als zu kleinen Schauplatz

für einen so großen Geist wie den seinen zu verlassen, aber trotzdem

wird er einige Menschen glücklich machen, die ihm als getreue Apostel

anhängen. Nach seiner Behauptung hat diese Fülle von Geheimmitteln

ihm Millionen gekostet, doch soll das Land, das er mit diesen Gaben

beschenkt, aus ihrem Gebrauch jährlich mindestens 12 Millionen netto

gewinnen, wobei er hinzufügte: „Das habe ich mir nicht erst seit

gestern ausgerechnet.“ Und da er über so große Reichtümer verfügt,

könne kein Herrscher ihn belohnen noch ihm ein Los bereiten, das ihn zu

reizen vermöge, da er selbst ein Fürst sei.

Ich wagte ihm drei Fragen zu stellen, mit denen ich ihn in die Enge

zu treiben glaubte, aber er hat sich als geschickter Gaukler aus

der Klemme gezogen. Zunächst fragte ich ihn, warum er seine Blicke

gerade auf Rußland gerichtet habe, um es zu beglücken, da er mir doch

früher gestanden habe, er besäße ein Buch, in das er fünf Herrscher

und Fürsten eingetragen habe, die er bewundere und denen er besonders

zugetan sei, nämlich E. M., die Zarin von Rußland, den Kaiser[442],

den König von Sardinien[443] und den Markgrafen von Baden[444].

Zweitens, warum er so spät auf seine Weltbeglückungspläne käme, da

er ja so hochherzige und menschenfreundliche Gesinnungen zur Schau

trüge. Drittens, ob er sein langes Leben tatsächlich der Wirkung des

Lebenselixiers verdanke.

Bei jeder dieser Fragen näherte er sich mir mit geheimnisvoller Miene

und versicherte mir, er müsse mir ein großes Geheimnis enthüllen. Im

Grunde sagte er mir aber weiter nichts als große Worte und schwatzte

so unzusammenhängendes Zeug, daß es unmöglich wäre, den Inhalt

kurz anzugeben noch zu begreifen, wieso ich daraus die erwünschten

Erklärungen entnehmen sollte. Nur über die letzte Frage konnte ich

einigen Aufschluß erlangen. Ich hatte nämlich betont, daß, wenn sein

angebliches Geheimmittel dazu verleiten könnte, an die Berichte

über sein hohes Alter zu glauben, mich eine Bemerkung von ihm, die

er kurz vorher gemacht hatte, daran fast irremachen könne. Denn

als ich an dem besonderen Vergnügen gezweifelt hatte, das er beim

Lesen von Swifts[445] Werken empfände, wofern er nicht die kleinsten

Einzelheiten jener Zeit kenne, da habe er mir erwidert, er kenne sie

aus sehr ausführlichen zeitgenössischen Schilderungen, die er sich

zu verschaffen gewußt habe. Das wäre doch unnütz gewesen, wenn er zu

jener Zeit gelebt hätte. Darauf entgegnete er nur: Diese Bemerkung

widerspräche seinem Geheimmittel nicht; denn es sei sehr möglich, daß

er damals für zehn bis fünfzehn Jahre zurückgezogen in einem anderen

Lande gelebt hätte, z. B. in Portugal; somit müsse er sich an die

Berichte von anderen halten. Zudem wäre es öffentlich bekannt, daß er

oft für Jahre verschwunden gewesen sei, ohne daß man seinen Wohnsitz

gekannt hätte.

Aus diesen Antworten ersehen E. M., daß er zwar nicht unumwunden ja

sagte, aber doch durchblicken ließ, daß er sein Alter auf Jahrhunderte

berechnet.

Oft sagte er: „Ich halte die Natur in meinen Händen, und wie Gott die

Welt geschaffen hat, kann auch ich alles, was ich will, aus dem Nichts

hervorzaubern.“

Eines Tages, als ich mit ihm von dem Posten des

Generalkontrolleurs[446] sprach, den er, wie man sagte, erhalten

sollte, versicherte er mir, er hätte diese Stellung nicht ausschlagen

können, da sie ihm nie angeboten worden sei. Allerdings hätte man im

Kronrat offen gesagt, zum Generalkontrolleur wäre ein Kopf wie der

seine nötig. Das träfe auch zu, obgleich er als Fürst weit entfernt

sei, eine Stellung anzunehmen, die von Gesindel und von Habenichtsen

bekleidet worden sei.

Außer den schon aufgeführten Geheimmitteln schreibt man ihm im Publikum

noch die Kunst zu, Kapwein herzustellen und Metalle und Steine zu

veredeln.

Da ich mich für verpflichtet hielt, den Charakter eines Mannes, der

sich an E. M. persönlich wenden will, genau zu schildern, und mir dies

nicht möglich schien, ohne auf Einzelheiten einzugehen, hoffe ich auf

E. M. gnädige Nachsicht, wenn ich die Grenzen überschritten habe, die

die kostbare Zeit E. M. mir sonst bei meinen Berichten ziehen muß.

Nachschrift I

In diesem Augenblick bringt Graf Welldone mir persönlich die genaue

Aufstellung der Geheimmittel, über die er mit E. M. selbst zu reden

wünscht, um sie darauf zum Wohl Ihrer Staaten ans Licht bringen zu

können. Die beifolgende Aufstellung ist von seiner eigenen Hand. Er

hat sie mir für E. M. übergeben, nebst einigen auf seine Geheimmittel

bezüglichen Proben. Er hat keinen Brief geschrieben, wie ich annahm,

denn er befürchtete, daß die Einzelheiten, auf die er eingehen müßte,

zu lang wären, und er wollte lieber in einigen Tagen selbst nach

Potsdam reisen, um E. M. seine Künste zu unterbreiten, obwohl ich ihm

klarzumachen suchte, daß er besser täte, hier E. M. Antwort abzuwarten.

Das Geheimmittel, über das er keine Auskunft geben will[447], betrifft

die Veredlung von Edelsteinen. Allein durch diesen Gewerbszweig will er

stündlich Millionenverdienste herbeiführen. Ich wiederhole lediglich,

was er gesagt hat.

Nachschrift II

Obgleich Graf Welldone mir keinen Brief an E. M. in Aussicht gestellt

hat, sendet er mir eben das beifolgende Kuvert, das wie ein Brief

aussieht[448].

Neue Physik in Anwendung auf mehrere Handelsartikel, die ebenso

wichtig wie neu sind[449]

1. Verfahren, das allen Sorten von Häuten und Leder eine bisher

unbekannte Festigkeit, Güte, Schönheit, Haltbarkeit usw. gibt und

besonders den Schaffellen einen wirklichen, sehr beträchtlichen Wert

verleiht.

2. Verfahren zur Veredlung von Wolle, durch das diese weit mehr

Haltbarkeit, Feinheit, Güte usw. erhält.

3. Verfahren zur äußersten, vollständigen Bleichung von Leinwand,

Hanf, Flachs und deren Gespinsten, durchaus besser als in Harlem in

Holland, ein Verfahren, das die Stoffe nicht wie dort angreift und

nur kurze Zeit beansprucht.

4. Verfahren zum Waschen von Seide, durch welche die italienische

Seide den allerschönsten Seiden der Welt überlegen, glänzender und

stärker wird.

5. Verfahren zur Veredlung von Angoraziegenfellen, so daß man aus

ihnen vorzügliche, glänzende Kamelotts herstellen kann, die nicht

reißen, wie die früheren, weil das Fell bei diesem Verfahren fast

seidenweich wird.

6. Verfahren zur vollständigen Bleichung und größeren Haltbarkeit von

Leinwand und Baumwollgespinsten.

7. Verfahren zum Färben von Häuten und Leder in Blau, Grün,

Schwarz, echtem Purpurrot, echtem Violett und feinem Grau von ganz

außerordentlicher Schönheit und Güte.

8. Herstellung von unveränderlichen Malfarben in Gelb, Rot, Blau,

Grün, Purpur, Violett usw. von vollendeter Schönheit und Güte.

9. Herstellung von Deckweiß in einer alle Begriffe übersteigender

Güte. Die Farbe, die man umsonst zu allen Zeiten gesucht hat, bleibt

stets weiß, verbindet sich mit allen guten Farben, denen man sie

beimischt, verschönert und erhält sie. Kurz, dies Weiß ist ein wahres

Wunder.

10. Herstellung von schwarzem Leder mit sehr reiner und sehr schöner

Farbe aus Russisch Blau ohne irgendeinen anderen Zusatz. Das ergibt

ein unnachahmliches schwarzes Leder von hervorragender Schönheit und

Güte.

11. Herstellung von Leinwand und Hanfgespinsten in unvergleichlich

reinem und glänzendem Gelb, das sich mit Seifenwasser waschen läßt

und in der Luft nicht verschießt, in mehreren Schattierungen.

12. Herstellung von Baumwolltuchen und Gespinsten von vorzüglichem

Gelb in mehreren Schattierungen, gut waschbar und in der Luft nicht

verschießend.

13. Herstellung von Leinwand in feinem Grau, mit Seifenwasser

waschbar und nicht verschießend.

14. Herstellung von Baumwollstoffen und Gespinsten in feinem Grau,

mit Seifenwasser waschbar und nicht verschießend.

15. Herstellung von Leinwand, Leinen- und Hanfgespinsten in echtem

Purpur, echtem Violett, echtem Rot usw., gut waschbar und durchaus

nicht verschießend, in mehreren Schattierungen.

16. Herstellung von sehr feinen, sehr schönen, sehr haltbaren und

ganz neuen Seidengeweben.

17. Herstellung von bunter Leinwand in ganz neuen und feinen Farben,

namentlich in Grau und Schattierungen, die weder durch Säuren, noch

Luft, noch Seifenwasser ausbleichen.

18. Herstellung von Silbertressen, mindestens ein Drittel billiger

und viel weißer, glänzender und dauerhafter als die schönsten Lyoner

Tressen.

19. Verschiedene Verfahren bei Edelmetallen, d. h. ohne Gold

und Silber, die von großem Nutzen und großer Ersparnis sind und

sicherlich das Erstaunen jedes guten Chemikers bilden werden, auch

die ungeheuren, verderblichen Luxusausgaben verringern.

20. Herstellung eines ganz neuen Metalls, dessen Eigenschaften höchst

überraschend sind.

21. Verschiedene Verfahren bei kostbaren Gegenständen, die völlig

unmöglich erscheinen und sämtlich auf Verringerung der ungeheuren

Luxusausgaben hinauslaufen.

22. Herstellung von Papier, Federn, Elfenbein, Knochen und gefärbtem

Holz in prachtvollen, feinen und sehr schönen Farben.

23. Gute und heilsame physikalische Verfahren bei verschiedenen

Weinen.

24. Herstellung von Rossoli-Likör aus Fruchtkernen usw. von

vortrefflicher Qualität und zu sehr billigem Preis.

25. Herstellung anderer nützlicher Dinge, über die ich schweige.

26. Vorbeugungsmittel gegen Krankheiten und Unpäßlichkeiten aller Art

usw.

27. Richtige Purgiermittel, die dem Körper nur schädliche Stoffe

entziehen. _Nota bene._

28. Echte, sichere und wohltuende kosmetische Mittel.

29. Hochfeines Olivenöl, in 12 Stunden in Deutschland hergestellt.

Was die Landwirtschaft usw. betrifft, bleibt für später vorbehalten.

_L. P. T. C. von Welldone._

Über einen weiteren Punkt kann hier aus mancherlei Gründen nichts

gesagt werden. Er bleibt vorbehalten usw.

Die Ausführung dieses neuen Handelsplanes kann der Staatskunst

zu höchstem Nutzen gereichen und eine ganz unlösliche Verbindung

zwischen gewissen Großmächten herbeiführen.

_von Welldone._

[Illustration: Schreiben Saint-Germains an Friedrich den Großen]

Saint-Germain an König Friedrich[450]

Dresden, 25. Juni 1777.

Sire. Von sich selbst anders zu reden als durch Taten, ist durchaus

unpassend, wenn man das Glück hat, sich an einen so großen König zu

wenden. Eure Majestät werden mir also die Befehle schicken, mit

denen Sie mich zu beehren geruhen.

Eurer Majestät

untertänigster und gehorsamster Diener

Graf _von Welldone_.

König Friedrich an Alvensleben

Potsdam, 30. Juni 1777.

Ich halte es nicht für angezeigt, dem Herrn Saint-Germain auf seinen

Brief unmittelbar zu antworten. Ich ermächtige Sie daher, ihm von mir

zu sagen, es stände ihm frei, hierher zu kommen, ihn aber zugleich

darauf aufmerksam zu machen, man sei hier sehr ungläubig und glaubte

im allgemeinen nur an Dinge, die sich handgreiflich beweisen lassen.

Somit täte er gut, sich selbst zu fragen, ob er gewillt ist, seine

Wissenschaft und seine Geheimmittel vorzuführen. Sonst würde er

hier seine Zeit gewiß verlieren, während er sie anderswo vielleicht

nützlicher anwenden könnte.

König Friedrich an die Prinzessin Wilhelmine von Oranien

(Potsdam) 30. Juni 1777.

Man droht uns mit dem Erscheinen eines Abenteurers namens

Saint-Germain, der mit Projekten, alchimistischen Rezepten,

medizinischen Geheimmitteln und Rezepten für den Stein der Weisen durch

die Welt zieht. Ich bezweifle, daß er hier sein Glück macht.

König Friedrich an Prinz Heinrich[451]

(Potsdam) 2. Juli 1777.

Der berüchtigte Abenteurer Saint-Germain kommt hierher, um uns in

seine Obhut zu nehmen. Er will unser Einkommen um 6 Millionen

bereichern. Aber ich glaube, kein Mensch möchte sein Gehalt auf diese

Einnahmequelle angewiesen sehen.

(Potsdam) 9. Juli 1777.

Saint-Germain ist noch nicht angelangt. Vielleicht besinnt er sich;

denn ich habe ihn vor dem hier herrschenden Unglauben warnen lassen.

Anbei eine Denkschrift über seine Kunstfertigkeiten, die er mir

gesandt hat[452]. Könnte er Gold machen, so hätte er sich selbst

damit versorgt, aber diesen alten Köder wagt er nicht auszuwerfen.

Für uns besteht die einzige Kunst des Goldmachens in der Hebung von

Landwirtschaft und Handel, aber auch damit kommt man nicht weit;

denn die Ein- und Ausfuhrstoffe sind durch unsere Erzeugnisse und

unseren Bedarf bedingt. Somit ist es klar, daß wir es bei den jetzigen

Verhältnissen nicht so weit bringen werden wie Krösus und Montezuma.

Man kann sehr glücklich sein, ohne von Gold zu strotzen; Seelenruhe und

Frohsinn sind mehr wert als alle Schätze Perus.

Prinz Heinrich an König Friedrich

Rheinsberg, 15. Juli 1777.

Ich danke Dir, lieber Bruder, für die mir freundlich übersandte

Denkschrift mit den Wundern, die Saint-Germain zu vollbringen weiß.

Allerdings verheißt er viel; aber er weiß auch viel, muß umfassende

Studien getrieben haben und hat stets für einen Wundermann gegolten.

Daher ist wohl möglich, daß er das Geheimnis besitzt, gewisse Stoffe

auszunutzen und zu vervollkommnen. Ein Versuch mit zwei bis drei von

ihm vorgeschlagenen Gegenständen kann keine großen Kosten verursachen

und würde, wenn er glückt, immerhin einen beträchtlichen Gewinn

eintragen, zwar nicht die Schätze eines Krösus oder Montezuma, aber man

kann reich, ja riesig reich sein, ohne sich mit ihnen vergleichen zu

können. Den Maßstab für den Reichtum bilden die eigenen Bedürfnisse.

Wer sein Genügen findet, büßt nichts von der Heiterkeit und dem Frieden

seiner Seele ein, ja, er steigert sie noch, wenn er das Los der

Unglücklichen und Bedürftigen zu erleichtern versteht.

III

Aus den Briefen des Kurfürsten Maximilian III. Joseph von Bayern

(1727-1777)

Kurfürst Maximilian an seine Schwester, die Kurfürstin-Witwe Maria

Antonia von Sachsen[453]

München, 27. März 1777.

Man sagt, bei Euch hielte sich ein Mensch auf, der 200 Jahre alt ist.

Schreibe mir doch, was ist wahres daran.

München, 10. April 1777.

Wenn dieser Saint-Germain wirklich 200 Jahre zählt, ohne daß er danach

aussieht, so ist er zweifellos ein Adept.

IV

Aus dem Briefwechsel des Prinzen Friedrich August von Braunschweig[454]

Dubosc[455] an Prinz Friedrich August

Leipzig, 15. März 1777.

Im Besitz des huldvollen Schreibens Eurer Hoheit[456] hatte ich

nichts Eiligeres zu tun, als dem angeblichen Grafen Saint-Germain

den Brief[456] zu senden, mit dessen Übermittlung Eure Hoheit

mich beauftragt hatten. Ich habe der Sendung eine sehr dringende

Aufforderung beigefügt, gemäß den Wünschen Eurer Hoheit seine Abreise

nach Berlin nicht aufzuschieben. Ich hätte ihm das mündlich und nicht

schriftlich sagen müssen, aber wir haben uns entzweit, weil ich ihm

gegenüber Mißtrauen für angezeigt hielt.

Nachstehend eine kurze Darstellung unserer flüchtigen Beziehungen. Nach

einem rätselhaften Aufenthalt von etwa drei Monaten kam der jetzige

Graf Saint-Germain, der damals unter dem Namen Graf _Welldone_ bekannt

war und geflissentlich durchblicken ließ, daß dies nur ein Deckname

für seinen wirklichen Namen Fürst _Rakoczy_ sei, auf den Einfall, sich

mit mir anzufreunden. Ich gestehe, daß ich aus Mißtrauen über diesen

Annäherungsversuch nicht so geschmeichelt war, wie ich es hätte

sein sollen. Wurde er doch von einem Manne von Stand gemacht, der

angeblich das höchste Wissen besaß und nach seiner Versicherung nur zur

Bereicherung und Beglückung der Menschheit lebte. Heftig kämpfte in mir

meine Abneigung mit dem heißen Wunsche, meine Einsicht zu vergrößern

und zu berichtigen.

Unsere erste Zusammenkunft begann mit Lobeserhebungen über seine

Talente und gewaltigen Leistungen in der Chemie, über die große Rolle,

die er in Rußland gespielt hätte, über seine Teilnahme am Krieg im

Archipel[457] (den er aber gar nicht mitgemacht hat), über seinen Beruf

der Menschheitsbeglückung, über die Millionen, die er für Wohltaten

ausgegeben hätte. Schließlich wandte er sich meiner Person zu, rühmte

meine Kenntnisse, meine Rechtschaffenheit und viele andere Vorzüge.

Höchst sonderbar! Woher wußte er das wohl? Denn er kannte mich ja

gar nicht, und ich selbst erkannte mich in diesem Charakterbild

nicht wieder. Darauf zeigte er mir Seidenstoffe in allen möglichen

Farben, gewöhnliches Leder, aus dem Maroquin oder feines Leder von

verschiedener Farbe gemacht, grobes Leinen, das in spanische Leinwand

umgearbeitet war. Er sprach von seinem Geheimverfahren zur Verbesserung

von Edelsteinen und von anderen unwichtigeren Geheimmitteln.

Als ich ihn verließ, war ich überrascht von seiner Zungenfertigkeit und

Überredungskunst, aber keineswegs überzeugt. Wir sahen uns noch mehrere

Male; jede Sitzung dauerte sieben Stunden. Ich hatte Zeit genug, um

meine Zweifel zu bestärken; ich überzeugte mich, daß er keineswegs ein

Adept war. Ich sah in ihm nur einen geistvollen Mann, der viel gelesen,

gesehen und versucht hat, einen Mann, der ein paar Geheimmittel und

verschiedene chemische Kenntnisse besaß, ohne deswegen ein methodischer

Forscher geworden zu sein, kurz einen Mann ohne festes System. Ich

erkannte, daß er nichts weniger als Theosoph war, daß er weit entfernt

war, das unendliche All in der Gesamtheit der einzelnen Teile zu sehen

oder einen rechten Begriff von der schöpferischen Ursache aus der

Analyse der Schöpfung zu gewinnen.

Es schien mir, daß ein Mann, der nur auf der Welt ist, um sie zu

beglücken und Schätze auszuteilen, nicht in die Lage kommen kann noch

darf, daß es ihm an allem fehlt und daß er keinen Groschen hat. Ich

gebe zu, daß ein Adept in der bescheidensten Weise auftreten kann, aber

er ist nie in dringender Notlage; er prahlt nie mit seiner Einsicht

noch seiner Herkunft. Er ist, was er sein soll: schlicht, offen und

ehrlich.

Mein Roman endete schließlich, wie ich es voraussah. Er borgte mich in

Erwartung seiner Reichtümer an, ich hielt es aber nicht für angezeigt,

ihm etwas zu leihen. Damit endeten unsere Beziehungen.

Ich stellte bei ihm mehrere Widersprüche fest und noch mehr Lügen.

Jemand verlangte von ihm 4000 Gulden zurück, die er in Schwabach oder

Umgegend aus der Zeit seines dortigen Aufenthaltes noch schuldig ist.

Er machte ihm weis, daß er sie aus dem Erlös eines Wechselbriefes von

4000 Rubeln bezahlen würde, den er mir zum Verkauf übergeben hätte.

Diese Lüge hat er sich in der Zeit geleistet, wo er mich beschwor, ihm

durch ein Darlehen aus der Verlegenheit zu helfen.

Kann ein Weiser lügen? Gegenwärtig soll es mit seinen Finanzen besser

stehen; er hat einen Leichtgläubigeren gefunden, mit dem er beim

Goldmachen ist.

Ich hoffe, Eure Hoheit werden diese vielen Worte entschuldigen, aber

ich glaubte, Ihnen meine Ansicht über diesen Sonderling nicht verhehlen

zu sollen.

+Nachschrift.+ Soeben übersendet mir Saint-Germain den beifolgenden

Brief für Eure Hoheit[458].

Bischoffwerder[459] an Prinz Friedrich August

Elsterwerda, 25. März 1777.

Ich gestehe, daß ich zu wenig aufgeklärt bin, um ein Urteil über

einen Mann wie Herrn von Saint-Germain zu haben. Aber ich will Ihnen

gehorchen und Ihnen frei meine Gedanken über den Brief des Bruders

Dubosc[460] und den des Grafen Welldone[458] aussprechen.

Obwohl man von jenem sagen kann: _Ecce vere Israelita, in quo dolus

non est_[461], glaube ich doch (aus Erfahrung), daß er in seinem

Urteil über sehr achtbare Personen recht vorschnell ist. Der Vorwurf

einer Lüge bedarf stichhaltiger Beweise; zudem muß er wissen, daß die

größten Kenntnisse mit Armut sehr wohl vereinbar, ja bisweilen (durch

das Gesetz) von ihr nicht zu trennen sind. Man kann ungeheure Schätze

austeilen und doch davor zurückscheuen, eine sehr mäßige Summe aus

Laune auszugeben. Der Bruder Dubosc muß aus den Berichten aller, die

Herrn von Saint-Germain seit lange kennen, doch wohl wissen, daß er

oft in die Lage gekommen ist, sich Geld zu borgen, aber daß er es

durch Anweisung beträchtlicher Summen stets ehrlich zurückgezahlt

hat. Kurz, es macht den Eindruck, als ob der Bruder Dubosc durch das

Darlehnsgesuch des Grafen von Welldone verblüfft worden ist und in

diesem Augenblick alles in falschem Licht gesehen hat.

Andrerseits ist der Brief des Grafen Welldone nicht anders, als man

von einem Kenner des =T=[462] erwarten kann. Ich sehe daher nicht die

mindeste Gefahr darin, daß Sie seine Bekanntschaft machen, zumal wenn

Sie, wie ich überzeugt bin, nichts verlangen, was mit der Moral und mit

dem Berufe[463], zu dem er sich in seinem Briefe bekennt, nicht völlig

im Einklang steht, und wenn Sie die Anknüpfung besonderer Beziehungen

bis zu dem Zeitpunkt hinausschieben werden, den er Ihnen angibt und den

die Guten zum Ruhm Gottes herbeiwünschen.

Frölich[464] an Prinz Friedrich August

Görlitz, 28. März 1777.

Von Saint-Germain werden Ihro Durchlaucht in der Maurerei keine

Aufschlüsse bekommen. Dieser Mann ist in Leipzig eine geraume Zeit

unter dem Namen _Sieur Welldone_ gewesen. Ich habe bei Dubosc mit

ihm gegessen. Ich kenne ihn sehr speziell. Dieser _Sieur Welldone_

ist kein Maurer; er ist auch kein Magus, auch kein Theosoph. Seine

Rolle wird in Leipzig traurig ablaufen, wenn er nicht einen gutherzigen

Freund kürzlich gefunden, der ihm Geld vorschießt. Ich melde solches

Ihrer Durchlaucht als Maurer, damit (er), wenn er nach Berlin kommt,

sich nicht auf eben diese Weise zu _remboursieren_ sucht.

Dubosc an Prinz Friedrich August

Leipzig, 2. April 1777.

Da Eure Hoheit anscheinend Interesse an dem angeblichen Grafen

Saint-Germain nehmen und ihn sogar mit der Einladung nach Berlin beehrt

haben, halte ich mich für verpflichtet, Eurer Hoheit zu berichten,

was nach und nach über die Vorgeschichte dieses rätselhaften Mannes

zutage kommt. Wie man sagt, ist er in Frankreich geboren, von niederer

Herkunft und soll ein Handwerk gelernt haben. Folgendes weiß ich

aber positiv von einem meiner Freunde, einem verdienstvollen Mann,

einem Schweizer Offizier, Namens Hotz, der als Oberstleutnant in

der Garde des russischen Großfürsten steht[465] und zur Zeit in

Familienangelegenheiten hier weilt. Wie er mir versichert, hat er

unseren Saint-Germain unterwegs in Rußland getroffen, wie er traurig zu

Fuß des Weges zog. Wegen eines Fußschadens schleppte er sich nur mühsam

weiter. Voll Mitleid ließ ihn der Offizier in seinen Wagen steigen.

Er muß in Moskau oder Umgegend ein Fabrikunternehmen gehabt haben,

das aber nicht gehen wollte. Er hatte das Glück, den Grafen Orlow[466]

kennen zu lernen, mit dem er eine Weile chemische Versuche anstellte,

aber schließlich hatte der Graf diese fruchtlose und kostspielige

Arbeit satt und entließ ihn. Von den Wohltaten dieses Herrn hat er

lange Zeit sein Leben gefristet. Seitdem hat er sich in mehreren

Gegenden Deutschlands herumgetrieben, wie die Schulden beweisen, die er

namentlich in der Gegend von Schwabach gemacht hat. Hier ging sogar ein

von ihm ausgestellter und nicht bezahlter Wechselbrief eines Ansbacher

Juden in Höhe von 20000 Gulden ein.

Gegenwärtig erfahre ich, daß er den Brief Eurer Hoheit[467] überall

herumzeigt und zum Lesen gibt. Er erzählt jedermann, man bestürme ihn

allerorten, zu kommen und der Welt seine erhabenen Kenntnisse nicht

vorzuenthalten. So spielt er einen gegen den anderen aus. Verzeihen

Eure Hoheit, daß ich solche Geschichten berichte. Aber sie tragen dazu

bei, den Betrüger zu entlarven. Ich wollte schließen, vergaß aber

noch eine bezeichnende Anekdote. Gestern war ich in einem Hause, in

dem ein Ring gezeigt wurde, den er einem seiner hiesigen Beschützer

geschenkt hat. Es war ein ziemlich großer gelber Stein, der Feuer

besaß. Als er ihn verschenkte, betonte er, daß es ein gelber Diamant

sei, und schätzte ihn auf mindestens 1000 Taler. Ein anwesender

Juwelier und großer Kenner prüfte den Ring und sagte: „Ei gewiß, dieser

Stein kann wohl acht Groschen wert sein.“ Das scheint mir ein recht

charakteristischer Zug für ihn.

Bischoffwerder an Prinz Friedrich August

5. April 1777.

Alles, was ich bezüglich des Grafen Welldone hinzufügen kann, ist,

daß er nicht P[rior] Cler[icorum] ist, und daß ich Ihnen trotz der

Beweise seines Wissens nicht anraten möchte, ihm Briefe zu schreiben,

die nicht öffentlich gezeigt werden können. Eine kurze Unterredung mit

den Maurern, die ich in Leipzig antreffen werde, soll dies Geheimnis

lichten.

Dubosc an Prinz Friedrich August

Leipzig, 12. April 1777.

Der Graf von Saint-Germain: Das Leben eines Alchimisten · 第 19 / 24 段