deren roher Verstand sich einen Gott gebildet hat, den der schmutzigste
Erdensohn übertrifft, und die folglich einen Taschenspieler leicht
vergöttern könnten. Nein, kultivierte Europäer tun es, deren Begriffe
reiner sein müssen, und die wissen, daß der angestrengteste Verstand
sich umsonst bemüht, einen Schatten von den großen Eigenschaften
der Gottheit sich lebhaft zu denken, wenn er auch das Erhabenste,
was seit Jahrtausenden die Welt kannte, in seiner Vorstellungskraft
zusammensetzt. Noch mehr, die einzig fromm und rechtgläubig sein
wollenden Christen tun es! Denn dieselben Menschen, die der
Geisterseherei, der Goldmacherei und allen verworfenen Träumereien
von geheimen Kräften der Natur und von itzigen Wundern anhängen,
die den Vorspiegelungen eines Cagliostro, eines Saint-Germain,
eines Schrepfer[500], eines Güldenfalk[501], eines Plumenoek[502]
usw. Glauben beimessen, die im „_Mystère de la Croix_“ und im Buche
„_De l’erreur et de la vérité_“[503] menschenbeglückende Weisheit
suchen: eben diese sind es ja, die sich der höchsten Reinheit der
Glaubenslehre rühmen und immer Frömmigkeit und echtes Christentum im
Munde führen. Sie wissen ja so höhnend von Theologen nach der neuen
Art, von Spöttern der Religion usw. zu reden, wenn denkende Köpfe die
Kraft ihres Verstandes und ihren Untersuchungsgeist auch auf wahrhaft
wichtige Dinge anwenden und dadurch zu Begriffen gelangen, die freilich
von dem gerade itzt im Schwange gehenden System abweichen, die aber
näher zur Sache zu treffen scheinen und schon von tausend frommen und
rechtschaffenen Christen in mehreren Jahrhunderten auch gedacht wurden,
wovon freilich diese Menschen von gestern her nichts wissen, deren
Mangel an Sach- und Sprachkenntnis, Unwissenheit in der Geschichte,
Bequemlichkeit im Nachbeten, Unvermögen im Selbstdenken und Aberglauben
in williger Annehmung der abgeschmacktesten Behauptungen nur noch von
ihrer hartherzigen Verdammungslust übertroffen wird. Diese sich selbst
so nennende wahre reine Christen machen sich dann solcher Blasphemien
schuldig, die den Grund aller Religion, aller Moralität und Tugend,
alles Menschenverstandes und gesunder Vernunft untergraben! Dahin,
dahin führt endlich der Weg dieser betrügerischen Heuchler, denen kein
Deckmantel, auch der der christlichen Religion nicht, zu heilig ist!
* *
*
Der bekannte Berliner Schriftsteller und Verleger _Friedrich Nicolai_
(1732-1811) schreibt ähnlich[504]:
„Saint-Germain ward für einen Gott ausgegeben und erregte die
Aufmerksamkeit vieler Fürsten und anderer gar nicht geistloser Köpfe.“
SAINT-GERMAIN IN HAMBURG (1778)
Dresser an Baron Uffel[505]
Hamburg, 23. Oktober 1778.
Jetzt muß ich Ew. Hochwürden von einem besonderen Phänomen Nachricht
geben. Ein sich nennender Graf Saint-Germain, der seine Abkunft nicht
bekannt machen will, logiert hier in dem Wirtshause: Kaiserhof. Er
führt großen Staat; es fehlt ihm nicht an Geld; er bezahlt alles
_comptant_, erhält gleichwohl keine Rimessen[506]. Er schreibt Nacht
und Tag, hat _Correspondance_ mit den größesten gekrönten Häuptern,
frequentiert außer der Gräfin Bentinck[507] und dem französischen
Herrn Minister[508] nicht gern Gesellschaft. Seine _Connaissance_
zu erlangen hält schwer. Er ist ein Liebhaber der Naturgeschichte,
hat die Natur studiert und den dadurch erlangten Kenntnissen es zu
verdanken, daß er jetzt 182 Jahr alt ist und so jung aussieht, wie
ein Mann von 40 Jahr. Im engsten Vertrauen hat er einem Freunde von
mir gesagt, daß er gewisse Tropfen besäße, wodurch er das alles, auch
_transmutationem metallorum[509] pp._ bewirkte. In seiner Gegenwart
hat er einen kupferreichen Gulden durch einige Tropfen in das feinste
Silber, schlechtes Leder in das beste englische Leder und böhmische
Steine in Diamanten verwandelt. Dabei ist er beständig vor sich,
communiciert sich nicht leicht jemand, hat Überfluß an allen Sorten
Gold und silbernen Münzen, die aussehen, als wenn sie erst aus der
Münze kamen. Hat sich neulich ein ganz komplettes, silbernes, modernes
Tafel-Service nach dem Modell, welches die Frau Gräfin Bentinck hat,
machen lassen und sogleich baar in neuen vollwichtigen Dukaten bezahlt.
Und doch erhält er von niemand Rimessen und ist auch an keinen Kaufmann
adressiert. Wie geht das zu? Sollte der Mann wohl einer von denen sein,
die wir bisher suchen?
Ich gebe mir alle Mühe, mit ihm auf eine gute Art bekannt zu werden;
denn Zudringlichkeit würde schaden. Ein hier durchgereister dänischer
Legationsrat hat den Mann in Paris, London und Haag gekannt und mir
versichert, daß er daselbst ebenso, wie hier, sich verhalten hätte; daß
er allenthalben bei Hofe gewesen und besondere _Distinctions_ genossen
hätte; daß man demohngeachtet nie seine wahre Abkunft habe erfahren
können. Von der russischen Kaiserin[510], von der Prinzessin Amalia
in Berlin[511] empfängt er fast posttäglich Briefe. Unsere Herren
Ministers hier machen ihm die Cour, aber er familiarisiert sich nicht
mit ihnen, sondern schreibt beständig und noch dazu im Dunkeln. Seine
Bediente wissen nichts von ihm; er schafft sie ab, sowie er einen Ort
verläßt. Nur einen Kammerdiener hat er bei sich, den der Legationsrat,
mein Freund, schon in Paris, London und Haag bei ihm gesehen. Sollten
Ew. Hochwürden mir etwas davon zur Aufklärung mitteilen können, so
werde ich alles wagen, um den Mann näher zu entdecken.
[Illustration: Karl Prinz von Hessen
Stich von Jos. Esaja Nilson]
SAINT-GERMAIN IN SCHLESWIG UND ECKERNFÖRDE (1779-1784)
I
Aus den „Denkwürdigkeiten“ des Prinzen Karl von Hessen-Kassel[512]
Bei meiner Rückkehr aus Berlin und Hanau sah ich in Altona[513] den
berüchtigten Grafen Saint-Germain, welcher mir seine Freundschaft
zuzuwenden schien, besonders als er hörte, daß ich kein Jäger sei und
auch keine anderen Liebhabereien habe, welche dem Studium der höheren
Naturwissenschaften hinderlich sind. Er sagte mir damals: „Ich werde
Sie in Schleswig besuchen, und Sie sollen sehen, was wir zusammen für
große Dinge ausrichten werden.“ Ich gab ihm zu verstehen, daß ich viele
Gründe hätte, die Gunst, die er mir erweisen wolle, für den Augenblick
nicht anzunehmen. Er entgegnete: „Ich weiß, daß ich zu Ihnen kommen
muß, und ich muß Sie sprechen.“ Ich wußte kein anderes Mittel, um den
Erörterungen auszuweichen, als ihm zu sagen, der Oberst Koeppern[514],
welcher krank zurückgeblieben war, würde mir in einigen Tagen folgen
und er möchte mit diesem darüber reden. Dann schrieb ich an Koeppern
einen Brief, um ihm zu sagen, er möchte sein Möglichstes tun, um
dem Grafen Saint-Germain zuvorzukommen und ihm, soviel als möglich,
abzuraten, hierher zu kommen. Koeppern kam nach Altona und sprach mit
ihm, aber der Graf antwortete ihm: „Sie können sagen, was Sie wollen,
ich muß nach Schleswig gehen und werde nicht davon abstehen. Das Übrige
wird sich finden. Sie werden Sorge tragen, mir dort eine Wohnung bereit
zu halten usw.“ Koeppern teilte mir dies Ergebnis ihrer Unterhaltung
mit, welches ich nicht billigen konnte.
Ich hatte übrigens bei der preußischen Armee[515] viele Erkundigungen
über diesen ungewöhnlichen Mann eingezogen und hatte besonders mit
meinem Freund, dem Obersten Frankenberg, über ihn gesprochen. Dieser
sagte mir: „Sie können überzeugt sein, daß er kein Betrüger ist, und
daß er große Kenntnisse besitzt. Er war in Dresden, als ich mit meiner
Frau dort war. Er wollte uns Beiden wohl. Meine Frau wollte ein Paar
Ohrgehänge verkaufen; ein Juwelier bot ihr eine Kleinigkeit dafür. Sie
sprach in Gegenwart des Grafen davon, welcher zu ihr sagte: ‚Wollen
Sie sie mir zeigen?’ Was sie auch tat. Dann sagte er: ‚Wollen Sie mir
dieselben für einige Tage anvertrauen?’ Er gab sie ihr zurück, nachdem
er sie verschönert hatte. Der Juwelier, welchem sie meine Frau darauf
zeigte, sagte: ‚Das sind schöne Steine; die sind ganz anders als die,
welche Sie mir früher zeigten!’ und er bezahlte mehr als das Doppelte
dafür.“
Saint-Germain kam bald darauf nach Schleswig. Er sprach mit mir von
großen Dingen, welche er zum Besten der Menschheit tun wolle usw. Ich
hatte keine Lust dazu, aber zuletzt machte ich mir ein Gewissen daraus,
Kenntnisse, die in jeder Hinsicht wichtig waren, auf Grund einer
vermeintlichen Weisheit oder aus Geiz zurückzuweisen, und ich wurde
sein Schüler.
Er sprach viel von der Verschönerung der Farben, welche fast nichts
kostete, von der Verbesserung der Metalle, indem er hinzufügte, daß
man durchaus kein Gold machen müsse, selbst wenn man es verstände,
und diesem Grundsatz blieb er unbedingt treu. Die Edelsteine kosten
den Einkaufspreis; aber wenn man ihre Verbesserung versteht, so wird
ihr Wert unendlich gesteigert. Es gibt fast nichts in der Natur, was
er nicht zu verbessern und nützlich zu machen verstand. Er vertraute
mir fast alle seine Kenntnisse von der Natur der Dinge an, aber nur
die Anfangsgründe, und ließ mich dann durch Versuche die Mittel zu
Erreichung des Zwecks selbst suchen und freute sich ungemein über meine
Fortschritte. So machte er es in Bezug auf die Metalle und die Steine;
aber die Farben teilte er mir wirklich mit, sowie einige andere sehr
wichtige Kenntnisse.
Man wird vielleicht neugierig sein, seine Geschichte kennen zu lernen,
und ich will sie durchaus wahrheitsgetreu mit seinen eigenen Worten
wiedergeben und nur die nötigen Erklärungen hinzufügen.
Wie er mir erzählte, war er 88 Jahre alt, als er hierher kam, und er
starb in einem Alter von 92 oder 93. Er sagte mir, er sei der Sohn
des Fürsten _Rakoczy_ von Siebenbürgen und dessen erster Gattin,
einer Tököly[516]. Er wurde unter den Schutz des letzten Medici[517]
gestellt, der ihn als Kind in seinem eigenen Zimmer schlafen ließ.
Als er hörte, daß seine beiden Brüder, Söhne der Prinzessin von
Hessen-Rheinfels oder Rotenburg, wenn ich mich nicht irre, sich dem
Kaiser Karl VI. unterworfen und nach dem Kaiser und der Kaiserin[518]
die Namen _San Carlo_ und _Santa Elisabetta_ erhalten hätten, sagte
er zu sich selbst: „Gut, dann will ich mich _Sanctus Germanus_, den
heiligen Bruder, nennen[519].“
Ich kann allerdings seine Herkunft nicht verbürgen; aber daß er von dem
letzten Medici außerordentlich begünstigt wurde, das habe ich auch von
anderer Seite gehört. Dieses Haus war, wie bekannt, in den höchsten
Wissenschaften bewandert, und es ist nicht zu verwundern, daß er dort
seine ersten Kenntnisse schöpfte. Aber er behauptete, die Kräfte der
Natur durch seinen eigenen Fleiß und seine Untersuchungen erforscht
zu haben. Er kannte die Kräuter und Pflanzen aus dem Grunde und hatte
Arzneien erfunden, deren er sich ständig bediente, und welche sein
Leben und seine Gesundheit verlängerten. Ich habe noch alle seine
Rezepte, aber nach seinem Tode eiferten die Ärzte sehr heftig gegen
seine Wissenschaft. Wir hatten einen Arzt Lossau, welcher Apotheker
gewesen war, und dem ich jährlich 1200 Taler gab, um die Arzneien
zuzubereiten, welche der Graf Saint-Germain ihm vorschrieb, unter
anderen und vorzugsweise seinen Tee, den die Reichen gegen Bezahlung
und die Armen umsonst erhielten. Letztere genossen auch die Pflege
dieses Arztes, welcher eine Menge Leute heilte und welchem meines
Wissens niemand starb. Aber nach dem Tode desselben ward ich der
Äußerungen müde, die ich von allen Seiten zu hören bekam, nahm alle
meine Rezepte zurück und ersetzte Lossau nicht wieder.
Die Farbenfabrik wollte Saint-Germain hier im Lande gründen. Die
des verstorbenen Otte[520] in Eckernförde stand leer und verlassen.
Ich hatte somit Gelegenheit, diese Gebäude vor der Stadt billig zu
kaufen, und setzte den Grafen Saint-Germain dorthin. Auch kaufte ich
Seidenzeuge, Leinen usw. Außerdem waren vielerlei Gerätschaften zu
einer solchen Fabrik erforderlich. Ich sah dort nach der Art, wie ich
es gelernt und in einer Tasse selbst versucht hatte, 15 Pfund Seide in
einem großen Kessel färben. Das gelang vollkommen. Man kann also nicht
sagen, daß es im Großen nicht gehe.
Das Unglück wollte, daß der Graf Saint-Germain, als er nach Eckernförde
kam, unten in einem feuchten Zimmer wohnte, wo er einen sehr starken
Rheumatismus bekam, von welchem er sich trotz aller seiner Heilmittel
nie wieder ganz erholte.
Ich besuchte ihn oft in Eckernförde und kehrte nie ohne neue höchst
interessante Belehrungen zurück, da ich mir häufig die Fragen
aufschrieb, welche ich ihm vorlegen wollte. In seiner letzten
Lebenszeit fand ich ihn eines Tages sehr krank und, wie er glaubte,
auf dem Punkte zu sterben. Er schwand zusehends dahin. Nachdem ich in
seinem Schlafzimmer das Mittagessen eingenommen hatte, mußte ich mich
allein vor sein Bett setzen, und er sprach dann viel rückhaltsloser
über viele Dinge, sagte mir vieles voraus und ersuchte mich, so bald
wie möglich wiederzukommen, was ich auch tat. Indes fand ich ihn bei
meiner Rückkehr weniger krank, dafür aber desto schweigsamer. Als ich
1783 nach Kassel ging, sagte er mir, daß ich, im Fall er während meiner
Abwesenheit sterben sollte, ein versiegeltes Billet von seiner Hand
finden würde, welches mir genügen werde. Aber dieses Billet fand sich
nicht; vielleicht hatte er es ungetreuen Händen anvertraut. Oftmals bin
ich in ihn gedrungen, mir noch während seines Lebens das mitzuteilen,
was er mir in diesem Billet hinterlassen wollte. Dann ward er traurig
und rief: „Ach, wie unglücklich würde ich sein, mein lieber Prinz, wenn
ich zu sprechen wagte!“
Er war vielleicht einer der größten Weltweisen, welche je gelebt haben.
Er liebte die Menschheit; Geld verlangte er nur, um es den Armen zu
geben. Er liebte selbst die Tiere, und sein Herz beschäftigte sich nur
mit dem Glück anderer. Er glaubte, die Welt dadurch zu beglücken, daß
er ihr zu billigeren Preisen neue Vergnügungen, schönere Stoffe und
schönere Farben verschaffte; denn seine herrlichen Farben kosteten
fast nichts. Ich habe nie einen Mann von klarerem Geiste gesehen, und
dabei besaß er eine Gelehrsamkeit, besonders in der Geschichte, wie ich
selten gefunden habe.
Er war in allen Ländern Europas gewesen, und ich kenne fast keines, wo
er sich nicht längere Zeit aufgehalten hätte. Er kannte sie alle von
Grund aus. In Konstantinopel und in der Türkei war er oft gewesen.
Frankreich schien jedoch das Land zu sein, welches er am meisten
liebte. Er wurde Ludwig XV. bei der Frau von Pompadour vorgestellt und
nahm auch an den kleinen Soupers des Königs teil. Ludwig XV. hatte viel
Vertrauen zu ihm. Er benutzte ihn unter der Hand, um einen Frieden mit
England zu unterhandeln, und schickte ihn nach dem Haag[521]. Es war
die Gewohnheit Ludwigs XV., ohne Vorwissen seiner Minister Emissäre zu
benutzen, die er jedoch im Stiche ließ, sobald sie entdeckt wurden.
Der Herzog von Choiseul hatte von seinen Umtrieben Kunde erhalten
und wollte ihn festnehmen lassen. Er flüchtete aber noch bei Zeiten.
Er vertauschte nun den Namen Saint-Germain mit dem eines Grafen
_Welldone_.
Seine philosophischen Grundsätze über Religion waren der reine
Materialismus, den er aber so scharfsinnig vorzutragen wußte, daß es
schwer war, ihm siegreiche Beweise entgegenzustellen; aber ich hatte
öfters das Glück, die Mängel der seinigen darzutun. Er war nichts
weniger als ein Verehrer Christi, und da er sich in Bezug auf diesen
Äußerungen erlaubte, die mir unangenehm waren, so sagte ich zu ihm:
„Mein lieber Graf, es hängt von Ihnen ab, ob Sie an Jesus Christus
glauben wollen oder nicht; aber ich gestehe Ihnen offen, daß Sie
mir vielen Kummer verursachen, wenn Sie bei mir gegen Den sprechen,
welchem ich so gänzlich ergeben bin.“ Er blieb einen Augenblick
nachdenklich und antwortete: „Jesus Christus ist Nichts; aber Ihnen
Kummer verursachen, das ist Etwas. Also verspreche ich Ihnen, nie
wieder darüber mit Ihnen zu reden.“ Auf seinem Sterbebette, während
meiner Abwesenheit, trug er eines Tages Lossau auf, mir, wenn ich von
Kassel zurückkäme, zu sagen, daß Gott ihm die Gnade erwiesen habe, ihn
seine Ansicht noch vor seinem Tode ändern zu lassen, und fügte hinzu,
er wisse, wieviel Freude mir das machen und daß ich noch viel für sein
Glück in einer anderen Welt tun werde.
II
Prinz Karl von Hessen an Prinz Christian von Hessen-Darmstadt[522]
17. April 1825.
Was Saint-Germain betrifft, so bin ich der einzige, dem er sich
anvertraut hat. Er war der größte Geist, den ich kannte. Er starb bei
vollem Verstande in Eckernförde. Ich war damals in Kassel. Er ließ mir
durch seinen Arzt[523], der ein eingeweihter Bruder war, sagen, er
stürbe im Glauben an Jesus Christus; das würde mich freuen. Wir haben
viel zusammen über Religion gesprochen, aber er war nichts weniger als
ängstlich.
III
Prinz Ferdinand von Braunschweig an Prinz Friedrich August von
Braunschweig[524]
Middelfort, jenseit des Kleinen Beltes, 2. November 1779.
Ich habe die Bekanntschaft des Grafen Saint-Germain gemacht und bin
davon sehr befriedigt. Dreimal war ich bei ihm. Er hat große
Kenntnisse in der Erforschung der Natur erworben ... Seine Kenntnisse
sind sehr ausgedehnt, und seine Unterhaltung ist denkbar lehrreich.
[Illustration: Christianspflegehaus in Eckernförde]
IV
Aus Briefen des Grafen Warnstedt[525]
Schleswig, 24. November 1779.
Wir haben hier auch den berüchtigten Abenteurer Saint-Germain. Er
ist der kompletteste Charlatan, Narr, Schwätzer, Windbeutel und in
gewisser Hinsicht Gauner, der seit lange gelebt hat. Unser Prinz[526]
schätzt und ehrt ihn nach besten Kräften und ganzem Herzen. Er folgt
darin seiner angeborenen Neigung für Leute dieses Schlages. Er nimmt
täglich drei Stunden Unterricht bei ihm. Hoffentlich wird sein Leibarzt
sich mit guten Mitteln versehen, um all die Winde zu vertreiben, mit
denen Seine Hoheit sich zur Zeit so zuversichtlich vollpumpt. Dieser
Saint-Germain mag trotz seiner allgemeinen Menschenliebe die Stadt
Kopenhagen nicht leiden und wird sie nicht besuchen. Der Schlüssel des
Rätsels liegt darin, daß Graf Bernstorff ihn vor langen Jahren in Paris
als das erkannt hat, was er ist[527].
Schleswig, 11. Dezember 1779.
Ich verbrachte zwei Abende bei dem berüchtigten Saint-Germain. Ich bin
so sicher wie von meinem Dasein überzeugt, daß er ein Abenteurer und
ein Charlatan in jedem Belange ist. Zudem besitzt er eine glühende
Einbildungskraft und betrügt sich daher vielleicht manchmal selbst,
wie er andere betrügt. Er ist voller Geist und Kenntnisse -- wahrer
und falscher --, aber noch weit mehr erfüllt von Dünkel, Hochmut
und maßloser, seltener Eigenliebe. Eine Religion hat er wohl nicht;
er ist ein Materialist, ein zweiter La Mettrie[528]. Ich halte ihn,
nach seinem Aussehen und seiner unsicheren Sprechweise zu schließen,
unbedingt für einen portugiesischen oder spanischen Juden. Der Prinz
macht sich mit diesem Manne unglaublich lächerlich. Er behauptet, nur
86 Jahre alt zu sein. Übrigens ist es unrecht von mir, schlecht von ihm
zu reden; denn er liebt mich sehr.
V
Friedrich der Große an die Königin-Witwe Juliane von Dänemark[529]
Potsdam, 16. Oktober 1784.
Der Prinz von Hessen wird nach Kopenhagen reisen, um seine Tochter[530]
mit dem Kronprinzen zu vermählen und, wenn er kann, Dänemark zu
beherrschen. Er hat den Schwindler Saint-Germain verloren, und zum
Trost dafür wird man ihn allmählich in die Staatsgeschäfte einführen.
SAINT-GERMAINS TOD IN ECKERNFÖRDE
I
Aus dem „Totenregister“ der St. Nikolaikirche in Eckernförde[531]
„Gestorben am 27. Februar 1784. Am 2. März der sich so nennende Graf
von _St. Germain_ und _Welldone_ -- weitere Nachrichten sind nicht
bekannt worden -- in hiesiger Kirche still[532] beigesetzt.“
II
Aus den „Einnahmen an Begräbnißöffnung und Vestegeldern“[533]
„1783[534], 1. März, den allhie verstorbenen Grafen von St. Germain
eine Begräbniß-Stelle in der hiesigen St. Nikolai-Kirche in das
Begräbniß _sub Nr. 1_ auf 30 Jahr Verwesungs-Zeit: 10 Rthlr., und für
Eröffnung desselben: 2 Rthlr. -- zus[ammen]: 12 Rthlr.“
III
Aus dem Verzeichnis der „Glockengelder“[535]
„Der Herr Graf von _St. Germain_ d[en] 2. März in der Kirche beigesetzt
morgens ... 12 Mark.“
IV
Aufruf von Bürgermeister und Rat der Stadt Eckernförde[536]
Wir, Bürgermeister und Rat der Stadt Eckernförde, fügen allen, so daran
gelegen, hiedurch zu wissen:
Demnach der auswärts sowohl als hieselbst unter dem Namen _Comte de
Saint-Germain_ und _Welldone_ bekannte und sich in den letzten 4
Jahren in hiesigen Landen aufgehaltene Herr Graf von Saint-Germain
ohnlängst hieselbst zu Eckernförde Todes verfahren, dessen Nachlaß
unter gerichtlicher Versiegelung genommen und es nötig gefunden
worden, sowohl an seine etwanige Intestaterben, inmaßen von einem
nachgelassenen Testamente bis hiezu nichts _constiret_[537], als an
dessen etwanige Gläubiger ein öffentliches _Proclama_, diese Erbrechte
und Forderungen gehörig anzugeben und zugleich in einem gewissen Termin
zu rechtfertigen, ergehen zu lassen, --
als befehlen wir hiedurch allen und jeden, welche an den Nachlaß
des obgedachten, hieselbst verstorbenen, sich genannten Grafen
von Saint-Germain und _Welldone_ einige, zu Recht bestehende
_Praetensiones_[538] und Ansprüche, dieselben rühren her _vel ex capite
hereditatis, vel debiti, vel alio quocungue capite vel causa_[539]
sie immer wollen, zu haben vermeinen, hiemit ein für allemal und _sub
poena praeclusi_[540], daß sie solche samt und sonders, und zwar die
Einheimischen innerhalb 6, die Auswärtigen aber innerhalb 12 Wochen _a
die publicationis_[541], im hiesigen Stadt-Secretariat rechtsbehörig
angeben, die in Händen habende _Documenta_ und Beweistümer _in
originali_ produciren, beglaubte Abschriften davon beim _Protocollo_
zurücklassen, auch die unter hiesigem _Foro_[542] nicht Angesessenen
_Procuratores[543] ad Acta_ bestellen, mit der ausdrücklichen
_Commination_[544] und Verwarnung, daß diejenigen, welche solches in
den _praefigirten_[545] 6 und 12 Wochen zu thun verabsäumen, nach
deren Ablauf nicht weiter gehöret, vielmehr _praecludiret_[546] und
ihnen dann als itzt, und itzt als dann, _perpetuum silentium[547]
imponiret_ sein solle. Inmaßen dann auch zu _Justificirung_ dieser
Angaben sämtliche _Profitentes_[548] hiedurch ein für allemal und also
_peremtorie_[549] citiret und verobladet werden, am 14. October dieses
Jahres _coram Magistratu_[550] zu erscheinen, ihre Angaben gehörig zu
_justificiren_ und nach vorkommenden Umständen und Beschaffenheit des
Nachlasses rechtliche Verfügung und Erkenntnis, _eventualiter_ der
Erstigkeit halber, zu gewärtigen. Wornach sich ein jeder, dem daran
gelegen, zu achten und für Schaden zu hüten hat.
_Signatum_ Eckernförde, den 3. April 1784.
[Illustration: L.S.]
Bürgermeister und Rat hieselbst.
V
Nachruf des Professors Remer in den „Neuen Braunschweigischen
Nachrichten“
In dem 56. Stück der „Nachrichten“ vom 6. April 1784 heißt es: „Der
große Chemiker Macquer[551] ist in Paris im vorigen Monate gestorben,
wie auch in demselben der bekannte marktschreierische Herumstreicher
der Graf von Saint-Germain.“
In dem 59. Stück vom 12. April steht der folgende Widerruf[552]:
Niederelbe, den 9. April 1784.
„Der Graf von Saint-Germain, dessen Tod in diesen Blättern erwähnt
ist, verdient die beleidigenden Beiwörter keinesweges, deren man sich
dabei von ihm bediente. Er hatte Eigenheiten, die aber bei einem
Genie fast jedes Mal gefunden werden. Personen, die ihn genau gekannt
haben, und deren Urteil nicht zweifelhaft ist, geben ihm das Zeugnis,
daß er ein Mann von tiefen Einsichten in die Geheimnisse der Natur
war, der das, was er wußte, bis ans Ende seines Lebens mit großer
Tätigkeit zum Wohl der Menschheit anwandte. Große und einsichtsvolle
Prinzen haben ihn ihrer Gewogenheit und ihres Schutzes gewürdigt.
Als er schon vom Schlage gerührt war, so blieb er sich noch stets
selbst bewußt und ertrug die Führung des großen Urhebers des
Ganzen mit einer besonders hervorleuchtenden und Beispiel gebenden
Unterwürfigkeit. Er starb den 24.[553] Februar.“
[Illustration: Kirchenbuch von Eckernförde. Saint-Germains Tod]
PERSONENVERZEICHNIS[554]
A
Adhémar, Gräfin 43.
Affry 16, 18, 19, 21, 55, 62, 63, 144-161, 164-171, 173, 176-179,
181, 182, 184-190, 195, 197-205, 207, 209, 210, 212-215, 217, 218,
221, 222, 231, 236.
Aladin 48.
Alfarache 139.
Alkibiades 106.
Alvensleben 8, 10, 21, 30, 38, 39, 306-321.
Angiviller 143.
Anhalt-Zerbst:
Johanna Elisabeth, Fürstin 61.
Anna, die heilige 51.
Ansbach-Bayreuth:
Alexander, Markgraf 28, 29, 38, 40, 57, 288-300, 302, 303.
Karoline, Markgräfin 57, 290, 291, 295.
Antinous 106.
Aspasia 105.