Saint-Germain zu Bette liegend an; denn trotz seines Pochens auf seine
Gesundheit und sein hohes Alter hatte er oft Anfälle von Gicht.
Er gestand auf den ihm gemachten Vorhalt, den er sehr gelassen
anzuhören schien, daß er alle oben bemerkten Namen, bis auf den von
_Soltikow_, von Zeit zu Zeit angenommen habe; daß er aber allenthalben
unter diesen Namen als ein Mann von Ehre bekannt sei, und daß, wenn
ein Verleumder sich etwa erlauben sollte, ihm schlechte Handlungen
aufzubürden, er bereit sei, sich auf eine genügende Art auszuweisen,
sobald er wisse, wessen man ihn beschuldige und wer der Ankläger sei,
der gegen ihn aufzutreten gedenke. Er fürchte keine Verfolgungen als
diejenigen, welchen ihn sein Name aussetzen könne. Er behauptete
standhaft, dem Markgrafen keine Unwahrheit in Ansehung seines Namens
und seiner Familie gesagt zu haben. Die Beweise seiner Herkunft
befänden sich aber in den Händen einer Person, von der er abhängig sei;
eine Abhängigkeit, die ihm in dem Laufe seines Lebens die größeste
Verfolgung zugezogen. Eben diese Verfolgungen und Attentate, wie er
sich ausdrückte, hätten ihn verhindert, die großen Kenntnisse, die er
besitze, werktätig zu benutzen. Er habe sich dieserhalben an einen
Ort zurückgezogen, in dem er unbekannt und unbemerkt leben zu können
geglaubt. Jetzt sei der Augenblick gekommen, in welchem er das, was er
versprochen, in das Werk setzen könne und werde, wenn man ihn nicht
selbst daran hindere.
Auf die Frage: warum er den Markgrafen nicht von den verschiedenen
Namen _praeveniert_ habe, unter denen er in so manchen Staaten und
Städten aufgetreten, erwiderte er, daß er dieses nicht für nötig
gefunden habe, weil er geglaubt, daß man ihn, da er nie etwas von dem
Markgrafen verlangt, da er niemand beleidigt oder in Schaden gesetzt
habe, nicht hiernach, sondern nach seinen Handlungen beurteilen
würde. Niemals sei es ihm beigegangen, das Vertrauen des Markgrafen
zu mißbrauchen; er habe seinen wahren Namen angegeben; in kurzer
Zeit würden seine Handlungen keinen Zweifel über seine Denkungsart
hinterlassen, und dann würde er Proben seiner Herkunft vorlegen können.
Die ungünstige Meinung, die man dem Markgrafen gegen ihn beigebracht
habe, falle ihm sehr empfindlich. Er werde aber, falls man das, was
jetzt vorgehe, heimlich halten wolle, fortfahren, seine Versprechungen
zu erfüllen und den Markgrafen dadurch zwingen, ihm seine Achtung
wieder zu schenken; im Gegenteil werde er sich genötigt sehen, das Land
zu verlassen.
In dem weiteren Verfolg dieser Unterredung äußerte er, daß er die
erste Bekanntschaft des Grafen Orlow zu Venedig gemacht habe. Das
Patent, das er von ihm erhalten, und das er bei dieser Gelegenheit
nochmals vorzeigte, war von dem Grafen zu Pisa ausgefertigt und auf
den _Chevalier Welldone_ verlautend. Auch erwähnte er hierbei des
Vertrauens, mit welchem ihn Ludwig XV. beehrt, der ihn in den 1760er
Jahren zur Einleitung einer Friedensunterhandlung mit England heimlich
gebraucht. Seine genaue Bekanntschaft mit dem Maréchal von Belle-Isle
habe ihm aber den Haß des Grafen Choiseul zugezogen, der nach England
geschrieben und seine Verhaftung von dem Minister Pitt verlangt.
Der König habe ihn hierauf von dem ihm bevorstehenden Schicksal
unterrichtet und ihm den Rat gegeben, nicht wieder nach Frankreich zu
kommen[416].
Diese Anekdote stimmt also mit demjenigen, was Baron Gleichen in seinen
_Mémoires_ erwähnt[417], vollkommen überein, und noch weit stärker wird
sie durch dasjenige bestätiget, was Friedrich II. in seinen _Oeuvres
posthumes, tome IV, page 73_ anführt[418]. (Der König bezeichnet ihn
hier als einen Menschen, den man nie habe enträtseln können.)
Die Briefe des Markgrafen gab er mit scheinbarer Rührung bis auf einen
einzigen zurück, den er, wie er sagte, dem Grafen Orlow mitgeteilt habe.
Nach diesem Vorgang blieb er noch einige Zeit ganz still in Schwabach,
von wo aus er über Dresden, Leipzig und Hamburg sich nach Eckernförde
im Schleswigschen verfügte und daselbst zu Anfang des Jahres 1780[419]
an einem Schlagfluß, der ihm gleich die Zunge lähmte, wahrscheinlich
in einem Alter von etlichen 80 Jahren seine abenteuerliche Laufbahn
beschloß.
Sonderbar ist sie genug, diese Laufbahn. Es bleibt sonderbar, daß ein
Mann, der sich in seinem ganzen Leben unter so verschiedenen Namen in
der großen und kleinen Welt herumgetrieben, nie dem Richter oder der
Polizei in die Hände gefallen. Unstreitig verstand er die Kunst, die
Neigung der Menschen zum Wunderbaren zu benutzen und zu unterhalten,
und wie oft mag er Veranlassung gefunden haben, mit Figaro auszurufen:
„_O, que les gens d’esprit sont bêtes[420]!_“
Daß er große chemische Kenntnisse besessen, davon kann sich der
Verfasser dieser Beiträge nicht überzeugen. Seine Präparate fielen
in die Augen, allein es waren lauter Versuche im Kleinen; zu den
Fertigungen und Zubereitungen von Leder kamen ätzende Sachen, als
Vitriolspiritus, Vitriolöl u. dgl. Dies beweisen die Muster, die noch
übrig sind und wovon, wie es der Augenschein gibt, das Papier, in
das sie gewickelt waren, zerfressen worden. Nie hat er, solange er
in Schwabach war, irgendeinen Artikel ins Große gefertigt. Die oben
bemerkten Steine, deren auch Baron Gleichen gedenkt[421], waren zwar
schön und würden vielleicht, unter echten Schmuck gefaßt, selbst das
Auge eines Kenners getäuscht haben; aber es waren keine Edelsteine.
Sie widerstanden der Feile nicht, und ebensowenig hatten sie das
Gewicht echter Steine. Saint-Germain selbst hat sie nie für Brillanten
ausgegeben. Der Verfasser besitzt noch einen dieser Steine und ein
Stück von der Masse, aus der sie vermutlich gefertigt worden. Das
Similor, das Saint-Germain als eine wichtige Erfindung ausgab, verlor
in kurzer Zeit seinen Glanz und wurde so schwarz wie das schlechteste
Messing. Eine Fabrik von diesem Metall, die zu L. errichtet worden,
fiel nach kurzer Zeit.
Unter den Proben seiner geheimen Künste zeigte er einst ein großes
Taschenmesser, wovon die Hälfte wie Blei biegsam, die andere aber
unbiegsam und hartes Eisen war. Er wollte dadurch einen Beweis
des Geheimnisses geben, das er besitze, das Eisen so biegsam und
_ductile_[422] wie Blei zu machen, ohne daß es dadurch etwas von seinen
übrigen Eigenschaften verliere. Diese Erfindung wäre nun freilich von
bedeutendem Nutzen gewesen, allein man konnte ihn nie bewegen, den
Versuch im Großen zu machen.
Seine chemischen Kenntnisse waren allem Anschein nach empyrisch. Der
nun verstorbene Stadtvogt Greiner zu Schwabach, ein Mann von vielen
Kenntnissen, besonders im technischen Fache, versicherte mehrmals,
bei seinen Unterhaltungen mit Saint-Germain auch nicht die geringsten
theoretischen Kenntnisse entdeckt zu haben.
Besonders rühmte der Marquis sich, medizinische Kenntnisse zu
besitzen und durch diese zu einem hohen Alter gelangt zu sein. Seine
Vorschriften bestanden besonders in einer strengen Diät[423] und dem
Gebrauche eines Tees, den er _Thée de Russie oder Acqua benedetta_[424]
nannte. Von dieser Wunderarznei erhielt der Markgraf die Abschrift des
Rezepts von dem oben benannten englischen Konsul zu Livorno. Sie wurde
auf der russischen Flotte im Archipelago gebraucht, um die Gesundheit
der Equipage[425] unter jenem heißen Himmelsstriche zu erhalten.
Was für _Ressourcen_ Saint-Germain gehabt haben möge, um die nötigen
Ausgaben seiner Existenz zu bestreiten; dürfte schwer zu erraten sein.
Verfasser dieses vermutet, er habe des Geheimnis besessen, Diamanten
von Flecken zu reinigen, die man bisweilen in solchen antrifft und
wodurch ihr Wert ansehnlich verringert wird. Doch ist dieses eine bloße
Vermutung.
Lieblos würde es sein, diesen Mann für einen Betrüger zu erklären.
Hierzu gehören Beweise, und diese hat man nicht. Solange er im
Verhältnisse mit dem Markgrafen stand, hat er nie etwas begehrt, nie
etwas von dem mindesten Wert erhalten, nie sich in etwas gemischt, das
ihn nicht anging. Bei seiner äußerst einfachen Lebensart waren seine
Bedürfnisse sehr eingeschränkt. Hatte er Geld, so teilte er’s den Armen
mit. Daß er irgendwo Schulden hinterlassen, ist nicht bekannt; doch
hat der Verfasser lang nachher erfahren, daß er in den letzten Zeiten
seines Aufenthalts in Schwabach einen Baron von L. zu Spekulationen
verleitet, die ihn um manche tausend Gulden ärmer gemacht haben. Da
aber diese Sache nicht zur Klage kam, so scheint kein Betrug dabei
untergelaufen zu sein. Unerklärbar bleibt es immer, durch welche Mittel
dieser Abenteurer, besonders in großen Städten wie Paris und London,
auf eine anständige Art leben und in der großen Welt den Zutritt bei
höheren Ständen finden konnte.
Sein in jüngeren Jahren gefertigtes Porträt fand der Markgraf in Paris
bei Madame d’Urfé oder Rochefoucauld[426]; er brachte eine Kopie davon
zurück, und diese befindet sich noch zu Triesdorf in den Zimmern, die
Saint-Germain einst bewohnte.
SAINT-GERMAIN IN LEIPZIG UND DRESDEN (1776-1777)
I
Aus den Tagebüchern des Grafen Lehndorff[427]
2. Mai 1777.
Ich treibe mich in Leipzig viel auf der Messe herum und besuche den
Kupferstecher Bause und den Maler Graff[428].
Von da begebe ich mich zu dem merkwürdigsten Mann im heutigen Europa,
dem Grafen Saint-Germain, der unter diesem Namen seit 50 Jahren
bekannt ist, gegenwärtig aber den Namen _Welldone_ angenommen hat,
was im Englischen Wohltäter bedeutet. Von diesem Menschen behauptet
man, er habe schon zur Zeit Christi gelebt. Er selbst sagt das zwar
nicht, er gibt aber zu verstehen, daß er schon lange gelebt habe und
nicht glaube, sterben zu müssen, und daß die Menschen, wenn sie seiner
Lebensweise folgen würden, zum mindesten ein hohes Alter frei von
allen Gebrechen erreichen könnten. Es steht fest, daß er selbst eine
strenge Diät befolgt. Er befleißigt sich großer Mäßigkeit, trinkt nur
Wasser, niemals jungen Wein und nimmt nur einmal am Tage ein leichtes
Mahl ein[429]. Seine Unterhaltung ist interessant. Er predigt immer die
Tugend, die Mäßigung, die Wohltätigkeit und zeigt diese Eigenschaften
an sich selbst. Man kann ihm nicht die geringste anstößige Handlung
vorwerfen. Er soll nicht mehr so reich sein, wie es früher den Anschein
hatte. In Frankreich, in England und in Venedig gab er jährlich 6000
Dukaten aus, ohne daß man wußte, woher das Geld kam. Hier in Leipzig,
sagt man, mangele es ihm an Geld, ohne daß er jedoch jemand darum
angegangen hätte; statt dessen soll er aber eine Menge Diamanten
besitzen.
Sein Gesichtsausdruck ist außerordentlich geistvoll. Er spricht
begeisternd und treffend, liebt aber Widerspruch nicht. Er behauptet,
auf dem Gesicht lesen zu können, ob jemand befähigt sei, ihn zu
verstehen oder nicht. Im letzteren Fall mag er die Person nicht
wiedersehen.
Was mich anbetrifft, so habe ich ihm mit großem Vergnügen zugehört. Er
schien mir viel Freundschaft entgegenzubringen, so daß ich ihn in 3
Tagen wohl 24 Stunden gesehen und gehört habe. Er ist sehr fesselnd.
Man dichtet ihm übrigens vieles an, was er gar nicht gesagt hat. Einige
glauben, er sei ein portugiesischer Jude; andere schätzen sein Leben
auf ein paar Jahrhunderte und nehmen an, er sei irgendein entthronter
Fürst. Man beschuldigt ihn, daß er die Leute glauben machen wolle, er
sei der dritte Sohn des Fürsten Rakoczy[430].
Er hält sich für einen großen Physiker. Vor allem ist er Arzt und
spricht viel von seinem köstlichen Pulver, das man wie Tee trinke. Ich
ließ mir eine Tasse davon geben. Es schmeckte nach Anis und führte
etwas ab. Unaufhörlich predigt er vom richtigen Gleichgewicht zwischen
Leib und Seele. Wenn man das genau beobachte, so könne, meint er, die
Lebensmaschine niemals in Unordnung geraten.
Seit meiner frühesten Jugend hatte ich von dem Manne immer reden hören,
und nun bin ich entzückt, ihn hier zu treffen. Vor mehr als 30 Jahren
schon erzählte man mir, wie er bei der Aufführung der „_Mariamne_“
in Paris, der er mit mehreren Damen in einer Loge dort beiwohnte,
sehr gerührt wurde und sagte: „Ich muß es sein; denn ich habe diese
liebenswürdige Fürstin gut gekannt.“ Man unterbrach ihn mit der kurzen
Frage: „Sie haben also auch Jesus Christus gekannt?“ -- „Nur zu gut!
ich war damals ein ganz junger Mensch, als er die Geschichte im Tempel
hatte, und sagte ihm sogleich: „Lieber Freund, das wird schlecht
ablaufen!“[431] Mir hat er dergleichen nicht vorgeschwatzt, doch schien
er mir überzeugt zu sein, daß er nicht eines natürlichen Todes sterben
werde.
II
Aus dem Briefwechsel Friedrichs des Großen mit Prinz Heinrich, der
Prinzessin Wilhelmine von Oranien und Alvensleben
Alvensleben[432] an König Friedrich
Dresden, 10. März 1777.
Der berüchtigte Saint-Germain, der in verschiedenen Ländern auch unter
dem Namen eines Marquis von _Belmar_ oder eines Herrn _Castelane_[433]
aufgetreten ist, befindet sich seit Oktober unter dem Namen eines
Herrn von _Welldone_ in Leipzig. Was mich zur Erwähnung dieses Mannes
bestimmt, ist, daß man öffentlich erzählt, er sei von E. M. mehrfach
mit Briefen beehrt worden. Aus diesem Grunde dürfte der seltsame Mann,
der für E. M. sonst wenig zu bedeuten hat, Ihre Aufmerksamkeit erregen.
König Friedrich an Alvensleben
Potsdam, 15. März 1777.
Versuchen Sie auch zu ermitteln und teilen Sie mir sofort mit, in
welcher Absicht der von Ihnen erwähnte Saint-Germain nach Leipzig
gekommen ist. Sie werden es leicht durch Kaufleute erfahren, die
Beziehungen zu Leipzig haben.
König Friedrich an die Prinzessin Wilhelmine von Oranien[434]
Potsdam, 17. März 1777.
Man droht uns hier mit dem Erscheinen eines berühmten Abenteurers,
eines gewissen Saint-Germain, der sich in Frankreich und England
aufgehalten hat und von dem man Wunderdinge erzählt. Ich mag dies Volk
nicht; es hinterläßt gewöhnlich unangenehme Spuren an der Stätte seines
Wirkens. Indes, er ist noch nicht angekommen.
Alvensleben an König Friedrich
Dresden, 24. März 1777.
Der berüchtigte Saint-Germain ist noch immer unter dem Namen _Welldone_
in Leipzig. Ich habe viele Tatsachen und Anekdoten über diesen
seltsamen Mann gesammelt, aber das alles ist augenblicklich noch so
unzusammenhängend, daß ich es E. M. nicht zu berichten wage, ohne mich
lächerlich zu machen. Ich werde mir jedoch alle Mühe geben, Näheres
über ihn zu erfahren, und ich verfolge ihn so genau, daß ich hoffe,
E. M. Befehle bald erfüllen zu können. Sicher ist, daß er in engen
Beziehungen zum Grafen Alexis Orlow steht, daß dieser ihm Briefe an
seinen Bruder, den Fürsten[435], gegeben hat; denn damals beabsichtigte
er, nach Rußland zu gehen. In diesen Briefen bat Orlow seinen Bruder,
ihn wie seinen Busenfreund zu behandeln, da er ihn als einen der
achtbarsten Menschen der Welt erkannt habe.
Bevor er nach Leipzig kam, hat er ein volles Jahr in Nürnberg,
Schwabach und im Ansbachischen zugebracht[436]. Aus allem, was jetzt
über ihn geredet wird, geht hervor, daß er ein äußerst geistvoller und
kenntnisreicher Mann ist, der die Menschen kennt, mit denen er spricht,
und der seine Reden dem Geist und der Auffassung eines jeden anzupassen
versteht.
Der Zweck seines Aufenthaltes in Leipzig ist noch unbekannt; denn
alles, was man sich darüber erzählt, ist mehr als unwahrscheinlich.
Dresden, 28. März 1777.
Der berüchtigte Saint-Germain weilt noch immer in Leipzig. Er wird
sogar noch während der Messe dort bleiben, aber nicht hierher kommen,
obgleich er mehrfach dazu aufgefordert ist. Er wollte dem Magistrat
von Leipzig mehrere Projekte vorlegen, man ist aber nicht darauf
eingegangen. Obgleich es ihm nicht eigentlich schlecht geht, wird ihm
das Geld gegenwärtig knapp. Und doch: als Graf Marcolini eigens zu
seinem Besuche nach Leipzig kam und ihm Belohnungen versprach, falls
er dem Staate durch Mitteilung seiner Geheimmittel einen wesentlichen
Dienst leistete, hat er ihm geantwortet, man irre sich sehr, wenn man
dergleichen bei ihm annähme; sein einziges Ziel sei, die Menschheit
zu beglücken, und gelänge ihm das, so fühle er sich hinreichend
belohnt[437]. Wie man zugibt, hat er in Leipzig nichts getan, was
diesen Grundsätzen widerspräche, allerdings auch nichts, was sie
bestätigte.
König Friedrich an Alvensleben
Potsdam, 29. März 1777.
An Saint-Germain nehme ich aus bloßer Neugier Anteil. Nur aus diesem
Grunde erwarte ich Ihren Bericht über das, was Sie noch von ihm
erfahren sollten. Angesichts seiner alten Beziehungen zum Grafen Orlow
wäre es wohl möglich, daß er auf den Einfall kommt, seinen Freund
während der schönen Jahreszeit in Rußland zu besuchen.
König Friedrich an die Prinzessin Wilhelmine von Oranien
Potsdam, 30. März 1777.
Der Saint-Germain, von dem ich Dir neulich schrieb, ist noch in
Leipzig. Wie ich höre, will er nach Petersburg. Wäre der alte Narr
gescheit, er wartete in Florenz ruhig den Tod ab, statt sein altes
Gerippe am Ufer des Eismeers spazieren zu führen.
Alvensleben an König Friedrich
Dresden, 25. Juni 1777.
Da ich erwartete, daß der unter dem Namen Saint-Germain bekannte Graf
_Welldone_ dies Land verlassen und nicht mehr von sich reden machen
würde, habe ich ihn in meinen letzten Berichten nicht mehr erwähnt.
Da er sich jedoch schon über fünf Wochen dauernd hier aufhält und die
Absicht geäußert hat, nach Berlin zu reisen, habe ich erneut auf ihn
achtgegeben und mich nach Kräften bemüht, ihn auszuforschen. Das ist
mir um so lieber, als er mir vor einigen Tagen sagte, er wolle sich
unmittelbar an E. M. wenden. Vielleicht wird er mir noch heute einen
Brief für E. M. zusenden, in dem er sich auf Geheimmittel bezieht, die
nach seiner Behauptung ans Wunderbare grenzen. Sein Plan und E. M.
Wunsch, Näheres von ihm zu erfahren, entschuldigen mich vielleicht,
wenn ich allzusehr auf Einzelheiten eingehe, um nach meiner schwachen
Einsicht ein Charakterbild dieses angeblichen Wundermannes zu entwerfen.
Seine Äußerungen über seine Persönlichkeit, die ich selbst gehört habe,
sind voller Eitelkeit und Hochmut. Verschiedene Unterhaltungen, die
ich mit ihm hatte, seine Komplimente, die er urteilslos und wahllos an
jeden verschwendet, und die lebhaften, ernstlichen Debatten, in die er
sich leicht einläßt, bestimmen mich zu folgendem Urteil. Er ist ein
hochbegabter Mann mit sehr regem Geiste, aber völlig urteilslos, und
seinen eigenartigen Ruf hat er nur durch die niedrigste und gemeinste
Schmeichelei erlangt, deren ein Mensch fähig ist, sowie durch seine
hervorragende Redegabe, zumal wenn man sich durch den Eifer und die
Begeisterung hinreißen läßt, mit der er sich auszudrücken versteht
und die auf schwache Gemüter stets Eindruck macht. Dazu ist seine
Redeweise mit allerlei oberflächlichen Kenntnissen und Tatsachen
verbrämt, die er auf seinen Reisen gesammelt hat. Da sie aber in einem
so wenig klaren Kopfe wie dem seinen schlecht geordnet sind, wird
daraus ein dauerndes wirres Gerede, sobald er aus seinem Hohlkopf
neue Gedanken entwickeln will. Maßlose Eitelkeit ist die Triebfeder,
die den ganzen Mechanismus in Bewegung setzt, und diese Eitelkeit muß
volle Befriedigung finden, wenn er von jüdischer Abstammung ist, wie
die Leute behaupten, die ihn am besten zu kennen glauben. Denn es ist
sicher erwiesen, daß er lediglich wegen seiner Gauklerkünste Eingang in
die Häuser der Großen findet und von vielen mit stummer Bewunderung,
die an Verehrung grenzt, als ein neuer Prophet angesehen wird.
Sein Alter -- er ist nahezu 70 Jahre -- und seine zahlreichen Reisen,
die er in Europa, an den Küsten Afrikas, in Ägypten und Kleinasien
gemacht haben will, haben seinen Kopf mit zahlreichen Anekdoten und
vielen, vielleicht sehr oberflächlichen Handelsprojekten erfüllt.
Dadurch ist er auch in Gesellschaft anregend und unterhaltend, solange
er bloß erzählt. Sobald er aber eigene Gedanken entwickeln will, zeigt
sich seine ganze Schwäche. Denn dann gerät er mit dem gesunden Verstand
und mit den klar bewiesenen Grundbegriffen in Widerstreit. Aber wehe
dem, der ihm zu widersprechen wagt! Dann kennt er keine Grenzen mehr,
speit Feuer und Flamme und redet mit einer Begeisterung, daß man Angst
bekommen könnte. Ja, dann geht er so weit, Bannflüche gegen jeden
Zweifler an seinem System zu schleudern, obwohl dies System sich selbst
widerlegt und in Widersprüche verwickelt. Wenn aber trotzdem jemand den
Mut hat, ihm die Stirn zu bieten, nicht an seine Lehren zu glauben und
sie mit Gründen zu bekämpfen, erwählt er das klügere Teil und schweigt
still.
Wer ihn so reden hört, ist stets geneigt, sich für seinen engsten
Vertrauten zu halten. Allerdings fühlt man sich etwas gedemütigt,
wenn man bemerkt, daß die Zahl seiner Vertrauten mit der Zahl seiner
Bekannten in gleichem Maße wächst. Seine Schmeichelei erschöpft alles,
was die ausschweifendste Phantasie zu ersinnen vermag. Ich sah Leute
darüber erröten, die sonst nicht gerade an Bescheidenheit leiden. Um
E. M. nicht durch Wiederholung all seiner platten Schmeicheleien zu
ermüden, will ich als einziges Beispiel dafür anführen, daß er mir
vertraulich versichert hat, ich spräche wie eine Perle des Orients, ein
Ausdruck, den er besonders betonte.
Er spricht fließend französisch, aber Kenner versichern, daß er dabei
viele fremdartige Wendungen einfließen läßt. Auch beweisen zahlreiche
Briefe, die er an hiesige Damen gerichtet hat, daß er die Gabe hat,
Ausdrücke zu prägen, die der Französischen Akademie gewiß noch
unbekannt sind.
Er nennt sich Fürst _Rakoczy_, und zum Beweise seines besonderen
Vertrauens sagte er mir noch, er hätte zwei Brüder[438], die aber so
niedrig dächten und so wenig hohen Sinn hätten, daß sie sich ihrem
elenden Lose unterwürfen. Er dagegen habe zu einer gewissen Zeit den
Namen _Saint-Germain_ angenommen, das bedeute: „der Heilige der Brüder“.
Wie er sagt, hat er fünfzehn Jahre lang einen Franzosen namens Boissy
in Indien und China auf seine Kosten gehalten, um sich durch ihn alle
Stoffe und Kenntnisse zu verschaffen, deren er bedurfte.
Er verachtet alle Ärzte, Arzneien und Hausmittel; trotzdem vertreibt er
ein Pulver, von dem er Wunderdinge erzählt, und er selbst duftet wie
eine wandelnde Apotheke.
Er hat mir eine Liste seiner Geheimmittel[439] gezeigt, aber ich
sah sie nur einen Augenblick. Sie umfaßt über zwanzig Punkte, läßt
sich jedoch, wenn mein Gedächtnis mich nicht täuscht, auf folgende
zusammenziehen:
1. Färben von Häuten in den kräftigsten Farben.
2. Herstellung aller möglichen Farben, besonders von Weiß, in
vorzüglicher Art.
3. Veredlung der minderwertigsten Häute, selbst der Schaffelle, so daß
sie dreißig Jahre lang als Hängeriemen für Kutschwagen zu brauchen sind.
4. Ein Ersatzstoff für Cochenillefarbe.
5. Bleichen der Leinwand in kürzester Zeit und besser als in den
Niederlanden, doch ohne den Stoff anzugreifen.
6. Veredlung von Seidenstoffen und Färbung mit den schönsten Farben.
7. Herstellung eines Lebenselixiers.