Gegen Mitte Juni schickte mein Oheim mich nach Tournai, um für ein paar

Tage das Benehmen eines berüchtigten Abenteurers zu überwachen[396],

auf den mein Oheim, Frau von Nettine und viele andere gründlich

hereingefallen waren. Dieser Mann war in Brüssel unter dem Namen eines

Grafen Surmont aufgetreten, nachdem er sich anderswo Graf Saint-Germain

genannt hatte. Er führte sich bei meinem Oheim in sehr geheimnisvoller

Weise durch ein paar Empfehlungsbriefe, ich weiß nicht von wem, ein.

Tagsüber ging er nie aus, und zur Zwiesprache mit meinem Oheim stellte

er sich nur in vorgerückter Nachtstunde ein. Er erbot sich, mittels

seiner angeblichen Geheimverfahren dem Hof große Dienste zu leisten.

U. a. handelte es sich um ein Metall, das zwar kein Gold war, aber

Farbe, Gewicht und Hämmerbarkeit des Goldes und somit alle Vorzüge

desselben besaß. Er hatte, wie er sagte, hervorragende Kenntnisse

in der Färberei und konnte Leder, Wolle und Seide sehr billig die

glänzendsten Farben geben. Er wollte die feinsten Hüte zu billigerem

Preise herstellen, als sonst die Anfertigung der gröbsten Hüte

kostete. Fleckige Diamanten wußte er von ihren auffälligsten Flecken

zu befreien. Er stellte Arzeneien gegen alle Krankheiten her und

besaß Mittel zur unberechenbaren Verlängerung des Lebens. Alle

Wissenschaften, von denen man sprach, beherrschte er im höchsten Maße.

War von Musik die Rede, so sprach er als Meister davon, setzte sich

ans Klavier und trug eigene Kompositionen vor. Sprach man von Malerei,

so behauptete er, im Besitz einer hervorragenden Gemäldesammlung

zu sein, sagte aber nicht, wo sie war. Welches seine Heimat sei,

sagte er nicht, aber er sprach sehr gut Französisch, Italienisch,

Englisch, Portugiesisch und Spanisch. Wie alt er war, sagte er nicht;

anscheinend zählte er 50 Jahre, aber er sagte, das Menschenleben ließe

sich unglaublich verlängern, und er sprach von Ereignissen, die um

Jahrhunderte zurücklagen, und deren Augenzeuge er gewesen war.

Er redete wenig und so, daß man mehr erriet als begriff. Durch diese

Art von Marktschreierei hatte der gewandte Mann das Vertrauen meines

Oheims zu gewinnen verstanden, der mehr als einen Vorteil für den

Staat aus einem Teil seiner Geheimmittel zu ziehen hoffte, indem er

in Tournai eine Färberei, eine Papierfabrik und eine Werkstätte zur

Herstellung des kostbaren Metalls einrichtete. Bestochen hatten meinen

Oheim sehr schöne Proben aller dieser Dinge, die der Abenteurer ihm

vorlegte, mit der Behauptung, er wolle ihm alle seine Geheimnisse

nur aus reiner Freundschaft abtreten; denn er besäße alles, was er

wünschte, und hätte nichts nötig. Um meinen Oheim davon zu überzeugen,

sagte Graf Surmont eines Tages, als von Malerei die Rede war und mein

Oheim äußerte, nur sehr wenige Privatleute könnten sich rühmen, einen

echten Raffael zu besitzen, das träfe zwar zu, aber in seiner Sammlung

fehlte es nicht daran, und zum Beweis dafür kam vierzehn Tage bis drei

Wochen später ein Gemälde an, das Herr von Surmont meinem Oheim als aus

seiner Sammlung stammend schenkte, und ein paar Künstler der Stadt,

Kenner oder nicht, denen mein Oheim dies Bild zeigte, erklärten es für

ein Original Raffaels. Surmont wollte es jedoch nicht zurücknehmen und

bat ihn, es als Zeichen seiner Freundschaft zu behalten.

Ein andermal zeigte er meinem Oheim einen großen Solitär mit einem

Flecken und sagte, er werde ihn in wenigen Tagen tadellos machen.

Tatsächlich brachte er ihm nach ein paar Tagen einen Solitär vom

gleichen Schnitt, der tadellos und ohne Flecken war, mit der

Versicherung, es sei der gleiche Stein. Als mein Oheim ihn genau

geprüft und bewundert hatte, wollte er ihm den Stein zurückgeben, aber

jener nahm ihn nicht an und beteuerte, er hätte Diamanten genug, mit

denen er nichts anzufangen wisse, und mein Oheim möchte diesen als

Erinnerung an ihn behalten. Mein Oheim, der keine Geschenke annehmen

wollte, wehrte sich lange dagegen und gab erst nach, als Surmont ihm

drohte, Brüssel sofort mit all seinen Geheimmitteln zu verlassen, wenn

mein Oheim durch das Ausschlagen dieser Kleinigkeit bewiese, daß er

seinen Worten nicht traute.

Es wurde also beschlossen, alle obengenannten Unternehmungen in Tournai

zu begründen, und zwar auf Verlangen des Urhebers sogleich in großem

Stil. Zunächst mußten Häuser gekauft und teils neu gebaut, sowie alle

möglichen Materialien nach einer Liste Surmonts beschafft werden, der

die Ausführung mit Hilfe einer Summe unternahm, die man ihm zu diesem

Zweck vorschießen mußte. Frau von Nettine übernahm ein paar Aktien,

mein Oheim desgleichen; der Rest wurde auf Staatskosten übernommen.

Surmont war hierauf nach Tournai gereist, um Hand ans Werk zu legen;

ein paar Monate später wurde ich hingesandt, um zu sehen, wie die Dinge

standen. Ich blieb vierzehn Tage dort und ließ meinen Mann tags und

nachts nicht aus den Augen. Aus meinem nach meiner Rückkehr erstatteten

Bericht ergab sich, daß gar nichts geschehen war, und daß alle diesem

Manne vorgeschossenen Summen verschwunden waren. Kurz darauf verschwand

er selbst, und man mußte sogar noch zahlreiche Schulden bezahlen, die

er unter Mißbrauch der ihm leider erteilten Vollmachten gemacht hatte.

Später erfuhr man, daß dieser Mann unter verschiedenen Namen schon

ähnliche Streiche in anderen Ländern gespielt hatte. Ich weiß nicht,

wohin er sich nach Verlassen der Niederlande begab. Mehrere Jahre

später hörte ich, er sei in Hamburg, wo er auch starb[397], ohne daß

jemand erfahren hätte, woher er stammte noch wovon er lebte.

III

Aus Casanovas „Memoiren“[398]

Am nächsten Tage kam ich (aus Dünkirchen) in Tournai an. Als ich ein

paar Stallknechte auf schönen Pferden reiten sah, fragte ich sie aus

Neugier, wem sie gehörten.

„Dem Grafen Saint-Germain, dem Adepten, der seit einem Monat hier ist

und niemals ausgeht.“

Diese Antwort bewog mich, ihn zu besuchen. Kaum im Gasthof angelangt,

schrieb ich an ihn und fragte ihn, wann ich ihn aufsuchen dürfte.

Nachstehend seine Antwort, die ich mir aufgehoben habe:

„Infolge meiner Beschäftigung kann ich niemand empfangen. Doch Sie

machen eine Ausnahme. Kommen Sie, wann es Ihnen paßt; man wird Sie

in mein Zimmer führen. Sie brauchen weder meinen noch Ihren Namen zu

nennen. Ich biete Ihnen nicht die Hälfte meines Mittagessens an, denn

meine Nahrung eignet sich für niemand, am wenigsten für Sie, wenn Sie

noch Ihren alten Appetit haben.“

Ich ging um neun Uhr hin und fand ihn mit einem zwei Zoll langen

Stoppelbart. Er hatte eine Anzahl Retorten voller Flüssigkeiten im

Zimmer. Einige machten einen chemischen Prozeß durch; sie lagen auf

Sand bei natürlicher Wärme. Wie er mir sagte, arbeitete er zu seiner

Kurzweil an der Herstellung von Farben und richtete eine Hutfabrik

ein, um dem Grafen Cobenzl, dem Minister Maria Theresias in Brüssel,

gefällig zu sein. Der Graf hätte ihm nur 105000 Gulden gegeben, die

aber nicht hinreichten, doch er würde das Weitere hinzulegen[399]. Dann

sprachen wir von Frau von Urfé.

„Sie hat sich durch eine zu starke Dosis von Universalmedizin

vergiftet“[400], sagte er. „Ihr Testament beweist, daß sie sich für

schwanger hielt. Sie hätte es sein können, wenn sie mich um Rat gefragt

hätte. Das Unternehmen ist sehr schwierig, aber ganz sicher, obgleich

die Wissenschaft das Geschlecht des Kindes noch nicht zu bestimmen

vermag.“

Als er hörte, an welcher Krankheit ich litt[401], beschwor er mich,

drei Tage in Tournai zu bleiben. In dieser Zeit wollte er alle

meine Drüsenschwellungen beseitigen und mir dann fünfzehn Pillen

verschreiben, die ich in fünfzehn Tagen einnehmen sollte und die mich

ganz wiederherstellen würden. Er zeigte mir seine „Lebenskraft“, die er

„Atoëter“ nannte, eine weiße Flüssigkeit in einem festverschlossenen

Fläschchen. Diese Flüssigkeit, sagte er, sei der Universalgeist der

Natur; der Beweis dafür sei, daß der Geist sofort das Fläschchen

verließe, wenn man das Wachs ganz leicht mit einer Nadel durchbohrte.

Ich bat ihn, mir das Experiment zu zeigen. Er gab mir das Fläschchen

und eine Nadel. Ich stach leicht in das Wachs, und in der Tat wurde das

Fläschchen ganz leer.

„Herrlich!“ sagte ich. „Aber was ist der Zweck davon?“

„Das kann ich Ihnen nicht verraten: es ist mein Geheimnis.“

Wie gewöhnlich hatte er den Ehrgeiz, mich in Verwunderung zu setzen,

und so fragte er mich, ob ich kleines Geld bei mir hätte. Ich zog ein

paar Münzen hervor und legte sie auf den Tisch. Ohne mir zu sagen,

was er vorhätte, stand er auf, legte eine glühende Kohle auf eine

Metallplatte, bat mich um ein Zwölfsousstück, das unter den Münzen lag,

legte ein schwarzes Körnchen darauf und das Geldstück auf die Kohle und

blies sie mit einem gläsernen Blasrohr an. Binnen zwei Minuten war es

glühend.

„Warten Sie, bis es abgekühlt ist“, sagte der Alchimist. Es war in

einer Minute geschehen. „Nehmen Sie es mit,“ fügte er hinzu, „denn es

gehört Ihnen.“

Ich nahm es: es war Gold. Ich zweifelte keinen Augenblick, daß er die

Münze vertauscht und mir eine andere gegeben hatte, die er zweifellos

vorher blank geputzt hatte. Ich wollte ihm keine Vorwürfe machen. Damit

er aber nicht glaubte, er hätte mich zum besten gehabt, sagte ich: „Das

ist wunderbar, Graf. Das nächste Mal aber müssen Sie, um ganz sicher

zu sein, daß Sie auch den schärfsten Beobachter verblüffen, ihm vorher

sagen, welche Verwandlung Sie vorhaben. Dann kann er sich die Münze

ansehen, bevor Sie diese auf die glühende Kohle legen.“

„Wer an meiner Wissenschaft zweifeln kann, ist unwert, mit mir zu

sprechen“, entgegnete der Schwindler.

Dies anmaßliche Benehmen kennzeichnete ihn; es war mir indes nichts

Neues. Das war das letztemal, daß ich den berühmten und gelehrten

Betrüger sah; vor sechs bis sieben Jahren ist er in Schleswig

gestorben[402]. Sein Geldstück war lauteres Gold. Zwei Monate darauf,

in Berlin, überließ ich es Mylord Keith[403], der sich neugierig darauf

zeigte.

SAINT-GERMAIN IN ANSBACH

(1774-1776)

„Aufschlüsse über den Wundermann, Marquis Saint-Germain, und sein

Aufenthalt in Ansbach, von einem Augenzeugen“[404]

Dieser sonderbare Mann, der zu seiner Zeit manches unverdiente Aufsehen

erregte, lebte verschiedene Jahre in dem Fürstentume Ansbach, ohne daß

man nur von weitem ahnen konnte, er sei der rätselhafte Abenteurer, von

dem man so manche wunderbare Sagen verbreitete.

[Illustration: Alexander, Markgraf von Ansbach und Bayreuth

Stich von Daniel Berger]

Es war im Jahre 1774, als dem nun verstorbenen Herrn Markgrafen von

Brandenburg Karl Alexander[405] angezeigt wurde, daß sich zu

Schwabach ein Fremder aufhalte, der sich für einen russischen Offizier

ausgebe, sehr eingezogen lebe, zugleich aber manche Handlungen der

Wohltätigkeit ausübe. Der damals noch zwischen Rußland und der Pforte

obwaltende Krieg[406] und die Anwesenheit der russischen Flotte in dem

Archipelago erregten die Vermutung, daß das russische Gouvernement

vielleicht einen vertrauten Menschen nach Franken geschickt habe, um

ohne Aufsehen die über Italien gehende Korrespondenz zu besorgen. Und

der ebenso gütige als menschenfreundliche Fürst gab den Befehl, diesem

Fremden insolange den ruhigen Aufenthalt zu gestatten, als er der

Polizei keine Veranlassung geben würde, ihn näher zu beobachten.

Einige Zeit nachher meldete der reformierte Geistliche zu Schwabach,

Herr Dejan, daß der Fremde, der seit seiner Anwesenheit daselbst bloß

mit ihm und dem damaligen Stadtvogt Greiner Umgang gepflogen habe,

sehr wünsche, dem Herrn Markgrafen, wenn es ohne Aufsehen geschehen

könne, vor seiner Abreise aus der Gegend aufzuwarten und ihm für den so

liberal gewährten Schutz zu danken. Dieser Wunsch wurde ihm gewährt,

und der Markgraf sah ihn zum erstenmal im Winter abends bei der

berühmten Schauspielerin Clairon[407], die zu eben dieser Zeit sich zu

Ansbach befand.

Der Fremde schien damals ein Mann zwischen 60 und 70 Jahren zu sein,

von mittlerer Größe, mehr hager als stark, der seine grauen Haare

unter einer Perücke verbarg und vollkommen einem gewöhnlichen alten

Italiener gleich sah. Sein Anzug war so einfach als möglich; sein

Ansehen verkündigte nichts Außerordentliches.

Nachdem er dem Markgrafen in französischer Sprache (der Akzent verriet

einen Italiener) für die Erlaubnis gedankt hatte, sich in seinen Landen

ungestört aufhalten zu dürfen, sagte er ihm viel Schönes über seine

Regierung, sprach über große Reisen, die er gemacht hatte, und endigte

damit, zu versichern, daß er zu Bezeugung seiner Dankbarkeit dem

Markgrafen Geheimnisse anvertrauen wolle, welche geeignet seien, das

Glück und den Wohlstand seines Landes zu befördern. Natürlich mußten

Äußerungen dieser Art Aufmerksamkeit erregen, die bald aufs höchste

gespannt wurde, als er eine Menge sehr schöne Steine vorzeigte, die

man für Diamanten ansehen konnte, und die, wenn sie echt waren, von

ungeheurem Wert sein mußten.

Der Markgraf lud ihn nun ein, auf das Frühjahr nach Triesdorf, dem

Sommeraufenthalt des Fürsten, zu kommen, und Graf _Tzarogy_[408] --

denn unter diesem Namen hatte er sich vorstellen lassen -- nahm diese

Einladung unter der Bedingung an, wenn man ihm gestatten wolle, dort

nach seiner eigenen Weise, ganz unbemerkt und in der Stille leben zu

dürfen.

Zu Triesdorf wurde er in die unteren Zimmer des Schlosses logiert,

dessen oberen Teil Mademoiselle Clairon bewohnte. Der Markgraf und

dessen Gemahlin wohnten im Falkenhause. Er hatte keinen Bedienten,

speisete nur auf seinem Zimmer, das er selten verließ, und dies so

einfach als möglich. Seine Bedürfnisse waren mehr als eingeschränkt.

Er vermied allen Umgang, und nur die Abendstunden brachte er in der

Gesellschaft der Mademoiselle Clairon, des Markgrafen und derjenigen

Personen, die dieser Herr gern um sich haben mochte, zu. Man konnte

ihn nicht bewegen, an der fürstlichen Tafel zu speisen, und nur einige

Male sah er die Frau Markgräfin, die auch begierig war, den sonderbaren

Menschen kennen zu lernen.

In Gesprächen war er äußerst unterhaltend, verriet viele Welt- und

Menschenkenntnis und ließ hier und da einige mysteriöse Reden fallen,

von denen er ebenso geschickt abzuspringen und den _Discours_ auf

andere Gegenstände zu lenken wußte, wenn man etwas Näheres zu wissen

verlangte. Vorzüglich sprach er gerne von den Jahren seiner Kindheit

und von seiner Mutter, die er nie ohne scheinbare Rührung und bisweilen

mit Tränen in den Augen nannte. Ihm zu glauben, hatte er fürstliche

Erziehung genossen.

Er war absprechend, aber nie unhöflich. Daß er, wie der sonst so

wahrheitsliebende Baron Gleichen sagte, „zu Triesdorf nach Belieben

gehauset, daß er den Markgrafen wie einen Schulknaben behandelt[409]“,

ist weder wahr noch wahrscheinlich. So leutselig der Markgraf in

dem gesellschaftlichen Umgange war, so gut wußte dieser Fürst die

Achtung zu behaupten, die man seiner Geburt, seinem Range und seinen

guten moralischen Eigenschaften schuldig war. Er würde es nicht

gelitten haben, daß man ihm beföhle; viel weniger würde er dies einem

Unbekannten übersehen haben.

Womit sich dieser Sonderling den ganzen Tag über beschäftiget,

war schwer zu bestimmen. Er hatte keine Bücher bei sich als eine

verschmutzte Ausgabe von dem „_Pastor fido_“[410]. Man wurde selten

bei ihm vorgelassen, und dann fand man ihn meistenteils den Kopf in

ein schwarzes Tuch gehüllt. Seine vorzüglichste Beschäftigung mag wohl

in Bereitung allerlei Farben bestanden haben; denn die Fenster seines

in den Garten hinausgehenden Zimmers waren so mit Farben allerlei Art

überschmiert, daß man nicht durchsehen konnte. Bald nach seiner Ankunft

zu Triesdorf fing er an, dem Markgrafen Anweisung zu verschiedenen

Zubereitungen zu geben, die den Grund zu einträglichen Fabriken legen

sollten. Unter diesen zeichneten sich vorzüglich allerlei Arten von

Saffian, Korduan und Juchten aus, die aus dem schlechtesten Schafleder

hervorgebracht werden sollten, die Zubereitung des schönsten türkischen

Garns usw.

Der Markgraf ließ die Rezepte durch den Verfasser dieser Beiträge

aufnehmen, und nun ging man an die Versuche selbst, die nach seinem

Verlangen mit dem größten Geheimnis angestellt werden sollten. In einem

besonders dazu bereiteten Laboratorio wurde die Arbeit angefangen, und

die Versuche wurden bei verschlossenen Türen angestellt.

Lebhaft erinnert sich noch nach so manchen Jahren der Verfasser der

lustigen Auftritte dieser Versuche, und wie oft und herzlich er mit

dem Markgrafen darüber gelacht, den Fürsten und seinen Vertrauten in

einer Werkstatt zum Gerber und Färber umgeformt zu sehen. Man wollte

alles versuchen und das Gute behalten. Allein die Hoffnung sank bald

unter näherer Prüfung. Schon hatte man mit leichter Mühe und geringen

Kosten den schönsten Korduan hervorgebracht, und in der Freude seines

Herzens ließ sich der Verfasser Schuhe daraus verfertigen, die sehr gut

ausfielen, aber in den ersten 24 Stunden in Stücken zersprangen. So

unhaltbar war das türkische Garn, und so war es mit mehreren Artikeln.

Tzarogy schob, wenn man ihn zu Rate zog, die Schuld auf fehlerhafte

Manipulation, die doch sicher in den Ingredienzien lag, deren man sich

bediente. Er versprach von Zeit zu Zeit, selbst die Hand anzulegen, um

die wahren Vorteile zu zeigen, und so vergingen einige Wochen, während

welcher der Unbekannte abwechselnd sich zu Triesdorf und Schwabach

aufhielt. War er zu Schwabach, so schrieb er oft an den Markgrafen

und an den Verfasser, schickte immer neue Proben von zubereitetem

Leder, von gefärbter Seide und Tüchern ein, wovon der Verfasser noch

eine ganze Schachtel voll besitzt. Die Proben waren meistenteils mit

Tzarogys eigener Hand überschrieben, z. B. auf Lederproben:

„Völlig unbekannte Lederarten; man zerschneide sie und wird die

Haltbarkeit merken.“

„Sehr billige Lederarten, die ganz allein ohne den geringsten

Kunstgriff aus Abfällen hergestellt werden, die zur Bereitung von

Häuten nicht mehr verwendbar sind.“

Auf gefärbte Tuchmuster: „Bei allen diesen Farbproben läßt sich immer

größere Schönheit, Feinheit und Haltbarkeit erzielen, ich glaube bis

ins Grenzenlose. Um sich davon zu überzeugen, braucht man nur das

Schwarz dieser Musterkarte mit den am letzten Dienstag eingesandten zu

vergleichen. Dann wird man den Unterschied sehen; man kann noch viel

weiter gehen.“

Auf einem anderen Muster: „Dies kostbare Schwarz ist ohne Vitriol,

ohne Galläpfel und ohne Sieden erzielt. Es verschießt nie und wird

aus feinem Russisch Blau hergestellt. Dies unvergleichliche Gelb wird

in lauterem, kristallklarem, kristallreinem Wasser eingefärbt.“ Und

dergleichen mehr.

So erhielt er die Aufmerksamkeit und die Hoffnung, daß doch vielleicht

unter so vielen vorgelegten Proben sich einige nützliche, bisher

unbekannte Gegenstände finden dürften.

Einstmals zeigte Tzarogy dem Markgrafen an, daß er einen Kurier von

dem eben aus Italien zurückkehrenden Grafen Alexis Orlow[411] mit

der dringenden Einladung erhalten habe, ihn zu Nürnberg auf seiner

Durchreise zu besuchen. Er schlug zugleich dem Markgrafen vor, diese

Gelegenheit zu benutzen, um den Helden von Tschesme kennen zu lernen.

Der Vorschlag wurde angenommen, und der Verfasser begleitete den

Markgrafen nach Nürnberg, wo der Graf Alexis Orlow bereits angekommen

war.

Orlow kam dem Grafen Tzarogy, der nun zum ersten Mal in russischer

Generalsuniform einher trat, mit offenen Armen entgegen, hieß ihn

mehrere Male „_caro padre_“, „_caro amico_“ usw. Er empfing den

Markgrafen mit ausgezeichneter Höflichkeit und dankte ihm vielmals für

den Schutz, den er seinem würdigen Freunde gegönnt habe. Und bei dieser

Gelegenheit fiel diejenige Äußerung vor, die der Baron Gleichen dem

Fürsten Grégoire Orlow (den der Markgraf nie gesehen) zuschreibt[412],

eine Äußerung, aus der man schließen mußte, daß Tzarogy eine große

Rolle bei der Revolution von Anno 1762 in Rußland gespielt habe.

Man speiste bei dem Grafen Orlow zu Mittag. Die Unterhaltung war

äußerst interessant. Man sprach viel von dem Feldzuge im Archipelago,

noch mehr aber von nützlichen Erfindungen. Unter andern zeigte Orlow

dem Markgrafen ein Stück unverbrennbares Holz, das nach angestellter

Probe, als es angezündet wurde, weder Flammen noch Kohlen gab, sondern

bloß, nachdem es wie ein Schwamm aufgeschwollen war, in eine leichte

Asche zerfiel.

Nach der Tafel führte Orlow den Grafen Tzarogy in ein Nebenzimmer, in

welchem sie eine geraume Zeit beisammen blieben. Der Verfasser, der

an dem Fenster sich befand, unter welchem die Wagen des Grafen Orlow

standen, bemerkte, daß einer von den Leuten des Grafen einen Wagen

aufschloß und aus dem Sitzkästchen einen großen Beutel von rotem Leder

herausnahm und in das Zimmer hinauftrug.

Man beurlaubte sich in einiger Zeit, und auf der Rückreise hatte

Tzarogy alle Taschen voll venetianische Zechinen, mit denen er auf

eine nachlässige Art zu spielen schien. Daß dieser Mann zuvor kein

Geld hatte, wußte man ganz sicher, weil man auf alles, was ihn betraf,

aufmerksam war.

Der Frau Markgräfin brachte er im Namen des Grafen Orlow eine schöne,

silberne, auf den Sieg von Tschesme geschlagene Medaille. Nach der

Zurückkunft zeigte er zum erstenmal sein unter kaiserlich großem

Siegel ausgefertigtes Patent als russischer General, und in der Folge

vertraute er dem Markgrafen, daß der Name Tzarogy ein zersetzter,

angenommener Name sei, daß er eigentlich Rakoczy heiße und als letzter

Sprosse von dem unter Kaiser Leopold geächteten Siebenbürgischen

Fürsten Rakoczy[413] abstamme.

Alle diese Umstände zusammen genommen vermehrten die Neugierde, welche

aber bald nachher auf eine, diesem sonderbaren Manne nicht sehr

günstige Art gestillt wurde.

Der Markgraf reiste im Jahre 1775, begleitet von dem Verfasser dieser

Bemerkungen, nach Italien. Zu Neapel erfuhr man, daß der letzte

Abkömmling des Rakoczyschen Hauses, das sich dort ansässig gemacht

hatte, schon längstens verstorben und von diesem Namen nichts mehr

übrig sei[414]. Zu Livorno hörte man bei dem englischen Konsul Sir

John Dick, daß der Unbekannte kein anderer als der berüchtigte Graf

Saint-Germain sei, daß er in Italien die Bekanntschaft des Fürsten

Grégoire Orlow und seines Bruders Alexis gemacht und das Vertrauen

dieser Herren sich in einem hohen Grade zu erwerben gewußt habe.

Aus einer anderen, nicht minder glaubhaften Quelle brachte man in

Erfahrung, daß er aus Sankt Germano, einer kleinen Stadt in Savoyen,

gebürtig sei, woselbst sein Vater, der sich Rotondo genannt,

Gefälleinnehmer gewesen und bei einem beträchtlichen Vermögen in

ziemlichem Ansehen gestanden habe. Dieser habe seinem Sohn eine

sehr gute Erziehung gegeben, sei aber nachher in Verfall geraten

und wegen übler Verwaltung seines Dienstes entsetzt worden. Um den

Unannehmlichkeiten zu entgehen, welche das Schicksal des Vaters dem

Sohne hätte zuziehen können, habe dieser seinen Namen mit dem Namen

seiner Vaterstadt vertauscht und sich Saint-Germain geschrieben.

Von dieser Zeit an sei er als Abenteurer in der Welt herumgezogen,

habe sich zu Paris und London _Saint-Germain_, zu Venedig _Conte de

Belle mare_[415], zu Pisa _Chevalier Schöning_, zu Mailand _Chevalier

Welldone_ und zu Genua _Soltikow_ genannt und könne damals ungefähr 75

Jahre alt gewesen sein.

Natürlich mußten Entdeckungen dieser Art den Markgrafen gegen

einen Mann aufbringen, der auch ihn mystifizieren wollte, und

der ihn über seine Herkunft und mehrere andere Dinge auf eine so

unverschämte Art belogen hatte. Er gab also nach seiner im Jahr

1776 erfolgten Zurückkunft dem Verfasser dieses den Auftrag, sich

nach Schwabach zu begeben, den Abenteurer über alle diese von ihm

erfahrenen Nachrichten zur Rede zu setzen und ihm das Mißfallen

des Fürsten über den Mißbrauch, den er von seiner Güte gemacht, zu

erkennen zu geben, zugleich ihm zu bedeuten, daß er sich nicht mehr

vor ihm sehen zu lassen und die Briefe zurückzugeben habe, die ihm

der Markgraf von Zeit zu Zeit geschrieben. Im Fall er diese Briefe

unverweigerlich zurückgeben würde, sollte ihm erlaubt sein, solange

er wolle und solange er sich ruhig verhalte, zu Schwabach zu bleiben;

im entgegengesetzten Fall aber sollte er arretiert, seine Papiere ihm

abgenommen und er über die Grenze gebracht werden.

Der Graf von Saint-Germain: Das Leben eines Alchimisten · 第 17 / 24 段