Von dem Gutskaufe vom Grafen Saint-Florentin wußte der Minister nichts.

Im übrigen suchte er meine anderen Einwände über Surmonts Charakter

und Leben mit dem Hinweis zu entkräften, daß dieser Mann nichts von

uns verlangte, und daß er ihm seine Geheimmittel aus Freundschaft

überlassen wollte; somit müßten uns seine persönlichen Eigenschaften

einerlei sein, wenn man nur in den Besitz seiner Geheimmittel käme.

Diese Aufklärungen vermochten die Eindrücke nicht zu verwischen, die

ich aus den sonstigen Nachrichten von diesem Manne gewonnen hatte.

Welche Vorstellung könnte man sich auch von den Reichtümern eines

Unbekannten machen, dessen Wertsachen verpfändet sind und dessen

Grundbesitz nicht bezahlt ist? Ich machte den Grafen Cobenzl am 10.

Mai[381] auf diese Widersprüche aufmerksam und verhehlte ihm angesichts

der Abenteuer Surmonts in Frankreich meine Befürchtung nicht, er möchte

in einer Grenzstadt wie Tournai, wo Graf Cobenzl die Fabrik anlegen

wollte, nicht allzu sicher sein.

Der Minister antwortete mir auf alle diese Bedenken nur mit der

Versicherung, Frau Nettine hätte bei einer Reise nach Paris nichts

Nachteiliges über Surmont erfahren und sich durch ihre Schwiegersöhne

vergewissert, daß wir bei keiner einzigen Unternehmung Widerstand zu

befürchten hätten[382].

Das fortdauernde Vertrauen, das Frau Nettine auf diesen Mann nach

Befragung ihrer Schwiegersöhne in Paris setzte, begann meine Zweifel zu

zerstreuen. Ich verhehlte dies dem Grafen Cobenzl in meinem Briefe vom

31. Mai nicht. Als aber ein paar Tage darauf die Proben von Surmonts

Kunst eintrafen, sah ich deutlich, daß er es verstanden hatte, über die

Tatsächlichkeit seiner Geheimmittel ebenso zu täuschen wie über seine

persönlichen Verhältnisse. Auch rühmte sich Graf Cobenzl in seinem

Briefe vom 9. Juni nicht mehr, diese Geheimmittel aus Freundschaft

zu erhalten. Er meldete schon damals, sie würden teuer sein, und

am 25. Juni änderte er seine Sprache über Surmonts Reichtümer und

Charakter völlig. Ich lege diesen Bericht nebst allen Anlagen[383]

bei. Wie er gestand, hatte er sich durch einen Nimweger Kaufmann und

Geschäftsfreund Surmonts nach dessen Reichtümern und besonders nach den

Wertsachen erkundigt und erfahren, daß diese mindestens eine Million

wert seien. Da er trotzdem ohne Geld war und seine Wertsachen nach

Tournai kommen lassen wollte, hatte Frau Nettine ihm 81720 Gulden

vorgeschossen. Weiterhin aber hätte man gesehen, daß der Nimweger

Kaufmann im Einverständnis mit ihm war, daß nur sehr geringe Wertsachen

nach Brüssel gekommen waren, und daß die in Holland zurückgebliebenen

nur aus Gemälden bestanden, die zwar Surmont sehr hoch schätzte, die

aber sehr wenig wert zu sein schienen. Zudem hatte sich herausgestellt,

daß er verschuldet war, von seinen holländischen Gläubigern gedrängt

wurde und in seinen Privatverhältnissen keine Ordnung und Sparsamkeit

walten ließ. Trotzdem erschien er dem Grafen Cobenzl noch immer als

Besitzer wunderbarer Geheimnisse. Zugleich klagte dieser über seine

Launen und sein wunderliches Wesen.

Das alles steht in schroffem Gegensatz zu den ersten Berichten des

Ministers über seine Redlichkeit, seine schlichten Sitten und seine

Reichtümer. Ich begreife nicht, wie man sich so lange hat täuschen

lassen können, während ich bei den ersten Nachrichten aus Brüssel

alles aufgeboten habe, um den Grafen Cobenzl vor der Redegabe und der

eigentümlichen Begabung dieses Schwindlers zu warnen, das Vertrauen

auch der Ungläubigsten zu gewinnen. Ich wies ihn namentlich auf

Surmonts Abenteuer in Frankreich hin und sagte ihm wörtlich, dieser

hätte es dort verstanden, alle, die an seiner Freigebigkeit und an

den von ihm verheißenen Wundern teil zu haben hofften, in einer Art

von Ehrfurcht zu halten, so daß sie sogar auf das Recht des Zweifels

verzichteten. Trotz meiner Warnung ist es ihm nur zu gut gelungen, den

Grafen Cobenzl und die Familie Nettine ebenso zu beeinflussen, wie es

bei einem Teil des französischen Ministeriums eine Zeitlang der Fall

war.

Nach den Vorschüssen und den großen Ausgaben zu urteilen, die lediglich

für seine Person erfolgt sind und die sich bereits auf 94000 Gulden

belaufen[384], muß die Begeisterung in Brüssel sogar noch weiter

gegangen sein als in Paris. Offenbar hat Graf Cobenzl, als er hinter

Surmonts Fehler kam, sich für befähigt gehalten, seine Talente nutzbar

zu machen, ohne seine Betrügereien fürchten zu müssen; denn auf meine

Verdachtsgründe entgegnete er immer wieder: Was liegt uns an seinen

Fehlern, wenn wir nur seine Geheimmittel besitzen?

Diese Denkweise hätte berechtigt erscheinen können, hätte man die

Tatsächlichkeit seiner angeblichen Geheimmittel und die Riesengewinne

aus ihnen vorher genau festgestellt. Aber zu einer Zeit, wo es noch

fraglich ist, ob man den von einem Abenteurer versprochenen Wundern

Glauben schenken soll, gebietet die Vorsicht, seine Sitten, seinen

Charakter, seine Privatverhältnisse, seine früheren Abenteuer usw.

stark in Betracht zu ziehen. Das alles aber spricht durchaus gegen den

angeblichen Grafen Surmont und wäre allein genug, um seine Projekte

abzulehnen.

Kaunitz prüft die Vorschläge von Cobenzl für Übernahme der

Manufakturen in Staatsbetrieb und kommt zu ihrer Verwerfung, da sie

den verheißenen Gewinn nicht einbringen würden. Die eingesandten

Proben seien minderwertig und trotz des niedrigen Preises keine

großen Umsätze zu erwarten. Zu Cobenzls Bericht vom 25. Juni

übergehend, bemängelt Kaunitz die Unsicherheit der Unterlagen, bei

den Farben überdies das Fehlen von Blau und Grün.

Wenn die neuen Manufakturen in Tournai schon aus sachlichen Gründen

nicht für uns in Frage kommen, so erst recht nicht wegen der großen,

bereits entstandenen Kosten und der kostspieligen Verwaltung, die sie

nach Angabe des Grafen Cobenzl erfordern. Wie schon oben betont, hat

Frau Nettine Surmont bereits 94000 Gulden vorgeschossen oder für ihn

ausgelegt, ohne daß es bisher gelungen wäre, die Geheimverfahren aus

ihm herauszulocken, die scheinbar noch am meisten versprechen. Die

Ausgaben für die Fabrikanlagen belaufen sich bereits auf 99935 Gulden,

5 Sols, 4 Pfennig, ohne daß bisher für einen Pfennig Betriebsmittel

oder Rohstoffe angeschafft wären oder daß man das Geringste für

Beschaffung von Arbeitern ausgegeben hätte. Zudem spricht aus allen

diesen Ausgaben eine Verschwendung, die keine günstigen Schlüsse auf

die künftigen laufenden Ausgaben erlaubt.

Allein für Surmonts Unterhalt und seine Reisen sind 12280 Gulden

verausgabt. Ein Wohnhaus für ihn in Tournai ist für 13500 Gulden

gekauft worden, und die verschiedenen nicht näher belegten Auslagen

des Kaufmanns Rasse, der einer der Direktoren werden soll, belaufen

sich auf 5300 Gulden[385]. Der vom Grafen Cobenzl entworfene

Verwaltungsplan zeigt keine größere Sparsamkeit. Die Gehälter für die

beiden Direktoren und die übrigen Angestellten betragen 8000 Gulden

jährlich[386]. Außerdem schlägt der Minister vor, den Sohn der Frau

Nettine, dem Surmont allein seine Geheimverfahren anvertraut hat,

zum Generaldirektor des ganzen neuen Unternehmens zu ernennen und

ihn lediglich Sr. Kgl. Hoheit und der Oberaufsicht des Ministers

zu unterstellen. Ferner meint er, daß der Staatsrat Walckiers zum

Königlichen Kommissar bei diesem Unternehmen bestellt, dessen Leitung

mit der der Lotterie verbunden werden und daß E. M. dem jungen Nettine

aus dem Gewinn ein festes Gehalt oder einen Gewinnanteil gewähren

könnte.

Zugleich übersendet mir Graf Cobenzl den vorläufig mit Surmont

abgeschlossenen Vertrag[387], wonach dieser für Lebenszeit an den

in Frage stehenden Unternehmungen zur Hälfte beteiligt wird, die

ihm vorgeschossenen Summen von seinem Gewinnanteil abgezogen werden

und Surmont sich seinerseits verpflichtet, die Herstellungsart von

Blau und Grün, die Verfeinerung der Öle, das Krempeln des Leders für

die Hutfabrik oder zu jedem anderen ihm bekannten Gebrauch, sowie

jedes andere Geheimmittel oder Verfahren anzugeben, durch das die

Manufakturen zur größten Vollendung gebracht werden können.

Surmont hat es also nicht nur verstanden, eine Summe von fast 100000

Gulden herauszuschlagen, deren Rückzahlung auf einem zum mindesten sehr

zweifelhaften, wo nicht gänzlich hinfälligen Gewinn beruht, sondern er

hat sich auch die Möglichkeit weiterer Gewinne aus seinen angeblichen

Geheimverfahren gesichert; denn er hat sich die anscheinend wichtigsten

vorbehalten und wird sie sich zweifellos teuer bezahlen lassen.

Außerdem verspricht er, etwas zu lehren, was er nach eigenem Geständnis

selbst noch nicht versteht, nämlich die Herstellung des Blaus. Es

kann sich dabei nur um die Herstellung ohne Cochenille handeln; denn

von etwas anderem war nie die Rede. Nun schreibt mir Graf Cobenzl am

27. Mai ausdrücklich, Surmont kenne diese Herstellungsart nicht und

hoffe nur, ein Verfahren zu finden, das diese teure Zutat unnötig

macht. Nicht anders dürfte es mit dem Grün stehen, das er herstellen

zu können behauptet, aber von dem der Minister noch nie eine Probe zu

sehen bekommen hat[388]. Von diesen zwei Farben ist denn auch, wie oben

gesagt, in der Aufstellung der Preise der neuen Farben nirgends die

Rede.

Das alles tritt zu den Gründen, die von einem Unternehmen auf

Staatskosten abraten. Trotzdem hält Graf Cobenzl dies für das

Zweckmäßigste. Er will, falls E. M. darauf eingehen, der Frau Nettine

ihre Vorschüsse für die genannten Unternehmungen in Höhe von 193935

Gulden, 5 Sols, 4 Pfennig mit 4 Prozent verzinsen und sie aus den

Überschüssen allmählich zurückzahlen.

Dabei versichert er mir immer wieder, falls E. M. den Betrieb der

Surmont’schen Fabriken nicht auf Staatskosten übernehmen wollten, würde

Frau Nettine ihn gern auf eigene Rechnung übernehmen. Außerdem erklärt

er mir, in der ganzen Sache mit Zustimmung Sr. Kgl. Hoheit gehandelt zu

haben, und bittet mich, ihm die Allerhöchste Entscheidung E. M. darüber

kundzugeben.

Aus allem Gesagten geht hervor:

1. Graf Cobenzl, Frau Nettine, ihre Familie sowie alle, die an dem

lächerlichen Mysterium der angeblichen Geheimmittel dieses Abenteurers

beteiligt sind, haben sich derart hereinlegen lassen, daß sie

Vorschüsse und Auslagen in Höhe von fast 100000 Gulden nur für seine

Person und auf Rechnung seiner ungeheuren Reichtümer gemacht haben, die

sich, wie sie heute zugeben, auf Nichtigkeiten beschränken und sich

vielmehr in Schulden verwandelt haben, die sicherlich aus ähnlichen

Schwindeleien wie die in Brüssel verübten herrühren.

2. Nachdem sie sich so gröblich über den Charakter dieses Gauners

getäuscht haben, trotzdem sie seine Geschichte und seine Abenteuer

kannten, geben sie uns das Recht, ihrem Urteil über die Geheimmittel

zu mißtrauen, die er ihnen so teuer aufgeschwindelt hat. Dies

berechtigte Mißtrauen wird bestärkt durch die Abweisungen, die Surmont

in Frankreich, in Holland, in England und überall erfahren hat, wo er

seine kümmerlichen Geheimmittel wie bei uns angepriesen haben wird.

Ich hätte mir also alle Vergleichungen, Berechnungen, Proben und

Prüfungen ersparen können.

Aus ihnen hat sich ergeben:

3. Die gefärbten Seiden- und Wollstoffe bieten dem Publikum durchaus

nichts Neues und können daher die Vorteile der Neuheit und des Monopols

nicht beanspruchen. Sie bieten selbst in den bekannten Farben nichts

Hervorragendes und sind bei weitem nicht in allen Farbgattungen

vorhanden. Schon die Wiener gefärbten Stoffe übertreffen in dieser

Farbenskala die seinen; um wieviel weniger könnten sie sich also

gegenüber den englischen, französischen und holländischen behaupten!

4. Somit beruhen alle ihre Erwartungen nur auf dem Absatz in den

Niederlanden. Aber sie haben dessen Umfang nicht berechnen können oder

wollen, obgleich dies der einzige feste Anhaltspunkt wäre, um die Höhe

der Einnahmen zu berechnen und ihr die Kosten gegenüberzustellen. Denn

ohne einen solchen vorherigen Anschlag kann, ja muß es geschehen, daß

sie bei dem überstürzt und höchst unbesonnen begonnenen Großbetrieb in

einem Monat mehr Stoffe färben, als die einheimischen Fabriken in einem

Jahre verbrauchen können.

5. Günstigsten Falls, d. h. wenn man den ganzen inneren Markt

versorgen könnte, wäre das Unternehmen moralisch unrecht und politisch

verkehrt. Unrecht, denn man brächte alle Privatfärbereien mit Güte

oder mit Gewalt an den Bettelstab. Mit Güte, wenn man sie durch den

billigen Preis überflügelte; mit Gewalt, wenn man zur Billigkeit

noch das Monopol fügte. Politisch wäre das Unternehmen verkehrt;

denn selbst bei der Annahme, man könnte alle Privatindustrieen

verstaatlichen -- was der täglichen Erfahrung völlig widerspricht

--, wären diese Industrieen in Privathänden für den Staat weit

wertvoller als beim Staatsbetriebe. Denn im ersten Falle begünstigen

sie den Bevölkerungszuwachs, spornen den Wetteifer an, vermehren

die Umlaufskanäle, setzen den einheimischen Handel in Nahrung,

vervielfältigen seine Werte und unterstützen die Landwirtschaft und

die Landesverteidigung. Beim Staatsbetriebe dagegen fallen durch die

Zusammenfassung alle diese günstigen Faktoren fort; der Unterhalt von

tausend Familien wird von hundert Angestellten und Arbeitern verzehrt,

und hundert Menschen verarmen, um einen einzigen zu bereichern. Ein

derartiges Unternehmen würde den Untertanen E. M. also keineswegs

nützlich sein, wie man dreist behauptet hat, sondern sie zugrunde

richten. Sie würden sich mit Recht laut beklagen, und wir zögen uns

die bittersten Beschwerden und Klagen der Stände auf den Hals. Sind

dies aber im günstigsten Falle die notwendigen Folgen eines solchen

Unternehmens, dann kann man unmöglich mit dem Grafen Cobenzl in der

Billigkeit allein das Mittel sehen, um den ganzen Verbrauch der

Niederlande an gefärbten Stoffen an sich zu reißen. Damit sinken

alle seine Erwartungen in Nichts zusammen, und es bleibt ihm nichts

als die Reue, so große Opfer gebracht zu haben. Und tatsächlich hat

Cobenzl unrecht; denn er hat nicht bewiesen, daß es möglich ist, die

Privatindustrie mit allen ihren Hilfsquellen auszuschalten und ihr für

alle Zeit die Kenntnis des Geheimverfahrens zu entziehen, das nach

Aussage der Frau Nettine ziemlich leicht zu erraten ist. Ebensowenig

hat er schließlich bewiesen, daß es möglich ist, die Privatindustrie

durch Schönheit und Güte der Farben und durch Billigkeit des Preises zu

übertreffen, wenn sie erst einmal nach seinem Geheimverfahren arbeitet.

Aus meiner Darlegung ergibt sich ferner:

6. Daß die Gewinne aus der Gerberei heute von den einheimischen Gerbern

gemacht werden, und daß Graf Cobenzl diese Gewinne durch Surmonts

Geheimverfahren nur zu vergrößern hofft. Dabei verdient die Gerberei

unter den angeblichen Geheimverfahren noch am meisten Beachtung, und

gerade darüber wissen sie noch am wenigsten; denn alle ihre positiven

Angaben beschränken sich auf das Gewicht der heute von unseren Gerbern

verarbeiteten und verkauften Felle. Ebensogut könnte man sagen: Es

gibt in den Niederlanden 10000 Schuhmacher; jeder verdient täglich

soundsoviel. Man braucht also nur alle Stiefel und Schuhe, die diese

Schuhmacher anfertigen, auf Rechnung des Staates herzustellen und

hat allein den ganzen Gewinn davon. Wenn man so weiter fortfährt,

alle Gewerbe an sich reißt und sie selbst ausübt, und angenommen, es

gelingt, so muß man E. M. neue Untertanen verschaffen, die soviel Geld

haben, um alle diese Waren zu kaufen; denn die Ihren wären zugrunde

gerichtet und verarmt. Daß bei der Gerberei Geld zu verdienen ist,

wußten wir ohnehin. Daß aber der Staat diesen Gewerbszweig auch noch

an sich reißen müsse, das sollte man nicht vorschlagen, ohne vorher

deutlich nachzuweisen, was für wirkliche und neue Vorteile für die

Bevölkerung daraus entspringen.

Für die Hutfabrik gilt genau das gleiche.

7. Surmont hat ihnen ebensowenig das Geheimverfahren angegeben, durch

das gewöhnliche Öle geruchlos gemacht und derart verfeinert werden, daß

sie einen Ersatz für das feine Provenceröl bilden. Dieser Artikel wäre

der einzige, der den Staatsfinanzen ohne Schaden für die einheimische

Industrie und den einheimischen Handel die größten Einkünfte

verschaffen könnte; denn es gibt noch nirgends eine derartige Fabrik,

die Rohstoffe hätten wir in den Niederlanden, und somit würden neue

Werte geschaffen. Aber die Ankündigung dieses Geheimverfahrens

ähnelt der uns gegebenen über die Verwandlung von Eisen in ein

goldartiges Metall. Beides ist gleich unwahrscheinlich; denn schon das

Geheimverfahren zur Verfeinerung von Ölen in der angegebenen Weise wäre

Surmont in Holland und England zu jedem von ihm geforderten Preise

abgekauft worden.

8. Die uns vorgeschlagene Verwaltung ist ebensowenig sparsam, wie

das Benehmen gegen Surmont von Anfang an bis auf diesen Tag klug

war. Sie würde sieben bis acht Werkstätten zu verwalten haben, deren

jede die ganze Tatkraft und Wachsamkeit, den ganzen Fleiß und die

ganze Sparsamkeit mehrerer sehr erfahrener Geschäftsleute in Anspruch

nähme. Das Verwaltungsbüro allein würde 8000 Gulden jährlich kosten.

Fast ebensoviel würden die Zinsen für die bereits so leichtfertig

ausgegebenen Summen erfordern. Dabei ist noch kein Pfennig inbegriffen

für die Löhne eines Schwarmes von Arbeitern und für die Beschaffung von

Rohstoffen.

Aus all diesen Schlußfolgerungen ergibt sich als offenkundig und

unbedingt notwendig, daß diese gewagten Unternehmungen weder der Sache

nach noch in ihrer Verwaltung und in ihrem Betrieb den Staatsfinanzen

entsprechen. Da jedoch Frau Nettine aus eigener Tasche den unsinnigen

Vorschuß von fast 200000 Gulden gemacht hat und sie diese Fabriken

auch übernehmen will, so ist es recht und billig, daß E. M. sie ihr

überlassen und gleichzeitig Ihre Regierung beauftragen, ihr alle

Erleichterungen und Vergünstigungen zu gewähren, die sich mit der

Wohlfahrt der Staatsfinanzen und der Landesverfassung vereinbaren

lassen.

Eigenhändiges Marginal Maria Theresias

_Placet._ Ich billige alle Vorschläge des Kanzlers.

Cobenzl an Kaunitz

Brüssel, 22. Juli 1763.

Seit dem Erlaß E. E. vom 5. ist von der Sache in Tournai nicht mehr die

Rede. Ich war Zeuge davon, daß Herr Bürgermeister Hasselaar[389] über

unseren Mann sehr günstig gesprochen hat, aber von der Anlage einer

Manufaktur war zwischen ihnen nie die Rede.

Maria Theresia an Prinz Karl von Lothringen

Wien, 24. Juli 1763.

Mein Hof- und Staatskanzler hat mir über seinen ganzen Schriftwechsel

mit dem Grafen Cobenzl betreffs der angeblichen Geheimmittel für

Fabriken und Manufakturen berichtet, die ein gewisser Surmont besitzen

will, sowie über die Manufaktur, die Graf Cobenzl infolgedessen mit

Genehmigung Eurer Hoheit in Tournai bereits eingerichtet hat[390].

Ich teile Ihnen hierdurch mit, daß wir das Ganze aufs unparteiischste

und gewissenhafteste haben prüfen lassen, und daß sich daraus ergeben

hat, daß diese Manufaktur weder in der Sache noch ihrer Verwaltung

nach meinem königlichen Dienst entspricht und bei einem Staatsbetrieb

-- falls er überhaupt Erfolg hat -- eine große Zahl meiner getreuen

Untertanen zugrunde richten würde. Ich trete also dem bei, was mein

Hof- und Staatskanzler dem Grafen Cobenzl hierüber schon mitgeteilt

hat[391], und lehne den Gedanken völlig ab, das fragliche Unternehmen

auf Rechnung des Staates betreiben zu lassen. Auch soll der Staat für

die bereits erfolgten Ausgaben in keiner Weise herangezogen werden.

Da jedoch die Witwe Nettine, die für das neue Unternehmen schon

beträchtliche Vorschüsse gezahlt hat, es auf eigene Rechnung übernehmen

will, so ermächtige ich Eure Hoheit, ihr zu diesem Zweck die nötige

Genehmigung zu geben und ihr alle Erleichterungen und Vergünstigungen

zu gewähren, die sich mit der Wohlfahrt meiner Finanzen und der

Verfassung meiner belgischen Provinzen vereinbaren lassen.

Cobenzl an Kaunitz

Brüssel, 2. August 1763.

Ich erwarte heute die Nachricht von der Abreise des Herrn von

Surmont und hoffe, daß Frau Nettine ihre großen Vorschüsse wieder

herauswirtschaften wird. Sicherlich steckt in seinem Geheimverfahren

etwas Gutes; zum mindesten ist dies bei der Hutfabrikation und Gerberei

anerkannt, und alle unsere Seiden- und Tuchhändler finden die gefärbten

Stoffe wunderbar. Se. Kgl. Hoheit wird die diesbezüglichen Befehle

Ihrer Majestät[392] mit größter Genauigkeit ausführen.

Kaunitz an Cobenzl

Wien, 14. August 1763.

Ich verstehe nicht recht, was die Wendung in Ihrem Berichte vom 2.

bedeutet: „_Ich erwarte heute die Nachricht von der Abreise des Herrn

von Surmont._“ Geht er freiwillig oder jagt man ihn endlich fort? Im

ersteren Falle dürfte er wohl nicht nur das Geld der von mir aufrichtig

bedauerten Frau Nettine mitnehmen, sondern auch die freie Verfügung

über seine schönen Geheimmittel behalten. Im zweiten Fall wird man

ihm hoffentlich noch das Geheimnis der Verfeinerung von Ölen entlockt

haben. Offen gestanden, Herr Graf, könnte ich mir noch heute kein

Bild machen, hätte ich nicht schon in meiner ersten Antwort[393] die

Begeisterung unterstrichen, mit der dieser Schwindler Sie alle erfüllt

hat, ganz ähnlich, wie es ihm auch in Frankreich geglückt ist. Aber zu

etwas sind schlimme Erfahrungen doch gut, und ich hoffe, in Zukunft

wird man bei Ihnen auf der Hut sein, und die Abenteurer werden kein

gewonnenes Spiel haben.

Cobenzl an Kaunitz

Brüssel, 23. August 1763.

Herr von Surmont ist nicht ausgewiesen worden. Aber in Erwartung der

Entscheidung, ob Ihre Majestät die Manufaktur selbst übernehmen oder

an Frau Nettine weitergeben will, hatte diese ihren Sohn in Tournai

gelassen, um alle Geheimverfahren des Herrn von Surmont kennen zu

lernen. Da man nun von ihm alles erfahren hatte, was er wußte, und

seine Anwesenheit nicht mehr nötig war, habe ich ihm nach Eintreffen

der Allerhöchsten Befehle geschrieben, Ihre Majestät wolle von seinen

Geheimverfahren nichts wissen. Zugleich hat Nettine ihm eröffnet,

daß seine Mutter sie als Deckung für ihre Vorschüsse behielte, daß

sie ihm aber weitere Vorschüsse nicht machen wolle. Darauf hat er

sich sofort zur Abreise entschlossen, wobei er erklärte, das Ganze

im Laufe weniger Monate zurückzuzahlen. Andernfalls könne man seine

Geheimverfahren benutzen, und falls man irgendeiner Aufklärung bedürfe,

sei er bereit, sie zu geben, wo immer er sich auch befinde. Er ist nach

Lüttich abgereist und wird sich wohl nach Karlsruhe zum Markgrafen von

Baden-Durlach[394] wenden. Frau Nettine hofft noch, wenigstens einen

Teil ihrer Vorschüsse zurückzubekommen.

Man muß den Mann gesehen haben, um unsere Leichtgläubigkeit zu

entschuldigen. Auch die vor uns auf ihn Hereingefallenen können uns

teilweise entschuldigen, aber sicherlich haben wir die Erfahrung

gemacht, daß der Mensch durch etwas betrogen werden kann, was er sieht

und mit Händen greift.

Kaunitz an Cobenzl

Wien, 3. September 1763.

Der Fall Surmont ist für mich erledigt. Ich wünschte, daß das, was er

in Brüssel getan hat und tun ließ, sich so leicht wieder gutmachen

ließe, daß ich es vergessen kann.

Cobenzl an Kaunitz

Brüssel, 2. Oktober 1763.

Ich erhalte von nirgendswoher Nachricht, was aus Herrn von

Saint-Germain geworden ist. Die in Tournai begründete Manufaktur

beginnt sich zu entwickeln; ich glaube bestimmt, Frau Nettine wird

dabei auf ihre Rechnung oder wenigstens auf ihre Kosten kommen.

II

Aus den „Erinnerungen“ des Grafen Philipp Cobenzl[395]

Der Graf von Saint-Germain: Das Leben eines Alchimisten · 第 16 / 24 段